Geschichte & Biografie

Kreuz und quer durch Afrika - Band 1

Rainer Grajek

Kreuz und quer durch Afrika - Band 1

Unterwegs auf dem Schwarzen Kontinent

Leseprobe:

Vorwort

ICH BIN BEKENNENDER AFRIKANER. Besonders Schwarzafrika gilt meine große Zuneigung. Vielleicht wirken da uralte Instinkte im Unterbewusstsein, beginnt unser aller Ahnenreihe doch auf dem schwarzen Kontinent.
Mit Sicherheit kann ich sagen, dass mein Interesse für Afrika in den Kindheitstagen begann. Wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges half mein Vater einem Unternehmer, der aus der Stadt Zeitz in Sachsen-Anhalt in eine der deutschen Westzonen umzog, beim Ausräumen seiner Wohnung. Als Dank durfte er sich aus der Bibliothek dieses Mannes Bücher seiner Wahl mitnehmen. Zwei davon schenkte er mir. Beide handelten von Afrika und nahmen mich sofort gefangen.
Das eine Buch machte schon bezüglich seines Umfanges und der Aufmachung etwas her. Der dicke Wälzer von 462 Seiten besaß einen festen Pappe-Leinen-Umschlag in blauvioletter Farbe, auf dem Titel und Verfasser in geschwungener Schrift und geprägten Goldbuchstaben leuchteten und auf dessen Vorderseite in schwarzer Abstufung eine Szene dargestellt war, in der eine Gruppe Afrikaner einen Weißen umzingelt und ihn mit Gewehren bedroht.
Ich mochte damals zehn oder elf Jahre alt gewesen sein und betrachtete mit wachsender Neugier die vielen Radierungen, auf denen Landschaften und Tiere zu sehen waren sowie einzelne Menschen und Menschengruppen in zum Teil theatralischen Posen.
Der 1890 bei Brockhaus in Leipzig erschienene Band hieß „Emin Pascha und die Meuterei in Aequatoria“. Die Verfasser der aus dem Englischen übertragenen Ausgabe waren Mounteney Jephson und Henry M. Stanley.
Damals blieben mir der Untertitel („Neunmonatiger Aufenthalt und Gefangenschaft in der letzten der Sudan-Provinzen“) und ein Teil der umfangreichen Texte unverständlich, vor allem, weil ich die geografischen Örtlichkeiten nicht zuordnen und die historischen Hintergründe nicht wissen konnte.
Das ließ mich mit zunehmendem Alter immer wieder zu Afrikakarten und nach Literatur greifen, um mehr über die Personen der Handlung zu erfahren. Tatsächlich war Emin Pascha der Gouverneur der Äquatorialprovinz, die sich heute auf dem Territorium Ugandas befindet. Der deutsche Arzt im Dienste der ägyptischen Regierung wurde durch wissenschaftliche Arbeiten und sein abenteuerliches Leben als Afrikaforscher bekannt. Sein eigentlicher Name war Eduard Schnitzer. Die aufständischen Mahdi hatten 1883 den Sudan erobert und Emin Pascha von der Außenwelt abgeschnitten. Ihm drohte Vernichtung. Großbritannien ließ 1888 vom Kongo aus einen Befreiungsversuch unternehmen, der von Sir Henry Morton Stanley (eigentlich John Rowlands; 1841–1904) geleitet wurde. Damals nahm die Welt großen Anteil am Schicksal Emin Paschas, hatte doch der Mahdistenaufstand 1881–1885 im ägyptischen Sudan gegen Ägypten und britische Eroberungspläne in Europa und Amerika für Aufsehen gesorgt. „Mahdi“ bedeutet „der Rechtgeleitete“. Als Führer des Aufstandes trat Mohammad Ahmad (1843–1885) in Erscheinung. Dass die Engländer Stanley mit der Suche nach Emin Pascha beauftragten, lag auf der Hand. Der englische Journalist und Afrika-Reisende hatte 1871 den vermissten Livingstone am Tanganyikasee aufgespürt, hielt bei seiner Durchquerung Mittelafrikas den Verlauf der Flüsse Lualaba und Zaire (Kongo) fest und annektierte 1879/84 Teile des Kongogebietes für den belgischen König Leopold II.
Das alles wurde mir erst viel später bewusst. Die Handlung des Buches umfasst die Zeit von April 1888 bis Ende Januar 1889, als die Rettung Emin Paschas gelang.
Mich packten die Schilderungen der afrikanischen Natur, die Beschreibung der Jagden, der Märsche durch die Wildnis und der Lebensweise der Eingeborenen.
Neben einer gefalteten Karte („Emin Paschas Provinz“) am Ende des Buches gab es auch ein aufklappbares Blatt mit hübschen Krakeleien aus Strichen, Punkten und Bögen. Dieses Blatt war eingerissen und eine kleine Ecke fehlte. Mit meinem kindlichen Verstand nahm ich an, dass es sich um einen Service handelte, indem man sich weitere Stücke aus dem Bogen als Lesezeichen herausreißen konnte. Davon machte ich auch mehrfach Gebrauch.
Jahrzehnte später nahm ich das Buch wieder zur Hand und erkannte in den Zeichen die arabische Schrift. Ich entdeckte den winzigen Hinweis, dass es sich um ein wichtiges Dokument im Faksimile handelte: den „Brief des Mahdi an Emin, der diesen zur Unterwerfung auffordert.“
So hatte ich durch Zufall ein wichtiges Buch in die Hände bekommen, das die Zustände von damals detailliert beschreibt, das Denken und Handeln der Hauptakteure demonstriert und das in seiner Gesamtheit Stanleys Werk „Im dunkelsten Afrika“ durch Jephson wirkungsvoll ergänzt.
Von ganz anderer Art war das zweite Buch, das mir mein Vater mitbrachte.
Der Titel „Kämpfe und Abenteuer in Urwald und Steppe“ prangte auf dem Umschlag in schwarzer Frakturschrift über einem Bild, auf dem ein wütender Elefant mit erhobenem Rüssel auf einen im Gras sitzenden Mann mit Tropenhelm zustürmt, der ein Gewehr in Anschlag bringt.
Es handelte sich um fünf Erzählungen unterschiedlicher Autoren, die ihre afrikanischen Erlebnisse schildern. Einer davon war der noch heute bekannte Afrika-Reisende und Großwildjäger Hans Schomburgk. Ich habe die Geschichten mehrfach gelesen und die Illustrationen staunend betrachtet. Im Verlaufe der Zeit vergaß ich ihre Inhalte, erinnerte mich nur noch vage an Elefantenjagden und einen verunglückten Güterzug.
Mein Leben lang aber ist mir der Schlussabschnitt der letzten, der fünften Erzählung im Gedächtnis geblieben.
Ihr Autor war ein bayrischer Apotheker namens Anton Lunkenbein, der während seiner Einjährigendienstzeit durch ein Schießunglück seine linke Hand verlor. Er ging nach Deutsch-Südwest als Verwaltungsbeamter. Im Ersten Weltkrieg diente er dort in der deutschen Schutztruppe und erlebte direkt den Zusammenbruch des deutschen Kolonialimperiums mit. Außerdem betätigte er sich als Sammler für deutsche Museen und erlangte einen gewissen Ruf als Schlangenfänger. Er wurde ein viel gelesener freier Schriftsteller und ging 1927 erneut für fünf Jahre nach Südwest, das heutige Namibia.
In der Erzählung „Von Wilden und wilden Tieren“ schildert er zunächst den Kampf gegen Buschmänner, die deutschen Farmern das Vieh stahlen, weil „der zwerghafte Wilde unter dem Druck der aus dem Süden kommenden Weißen und der vom Norden heranflutenden Bantuvölker im Kampf um seine Lebensrechte hinterlistig und grausam“ wurde. Danach beschreibt er, wie er „Satan“ tötete, einen Elefantenbullen, der am Okawango Menschen umgebracht hatte. Den Schlussteil bildeten „Erlebnisse mit Leoparden“. In dieser Episode erlegt er „den Rekord-Leoparden des Reviers Otjomavare.“ Die Engländer hatten den Siedlern die Gewehre abgenommen. Als ihm gemeldet wird, dass sich ein Leopard in einer Falle verfangen hat, will er den anwesenden drei englischen Burensoldaten sein Deutschtum beweisen und hindert sie, auf das Tier zu schießen.
„Als einzige Waffe hatte ich einen alten Schaufelstiel, an dem noch die abgebrochene Eisenmanschette steckte.“ Bei der Annäherung beginnt das Tier zu rasen und zu brüllen. „Da überkam mich ein tollkühner Entschluss: Diesen Kerlen musste gezeigt werden, wie wir Deutschen sind.“ Für den weiteren Ablauf lässt er die Windhuker „Allgemeine Zeitung“ vom 26. November 1930 sprechen.
„Lunkenbein ging mit der Zigarette im Munde auf das rasende Tier los, das schlecht in einer kleinen Falle saß. Der Leopard nahm sofort an. Lunkenbein stand, wie aus Stein, mit erhobenem Stock und erwartete ihn, der in kleinen behinderten Sätzen ankam.“ Ein Buschmannhund biss den Leoparden in den Schwanz. „Das Raubtier wandte seinen Kopf, und im gleichen Augenblick sauste der Stock auf den Kehlkopf nieder. Das Raubtier schnellte meterhoch in die Luft, überkugelte sich, während Lunkenbein noch einige Male einhieb. (…) Während blutiger Schaum aus dem geöffneten Rachen trat, ging das Brüllen in ein ersterbendes Röcheln über (…) und der Rekord-Leopard (…) war tot. Mit dem Stock erschlagen von einem Manne, dem die linke Hand fehlt. Noch immer seine Zigarette rauchend, kam Lunkenbein zu seinen Begleitern zurück.“ Die Buren lobten ihn und bestaunten seine Tat. Darauf Lunkenbein: „Seht ihr, so gehen wir Deutsche mit diesen Biestern um. Ich habe nur eine Hand. Nun könnt ihr euch vorstellen, wie drüben die deutschen Soldaten mit ihren zwei Händen ihren Gegnern zu schaffen machen.“
Solcherart waren meine ersten Begegnungen mit Afrika.
In den folgenden Jahrzehnten kam mir Afrika näher, indem ich die Berichte bekannter Afrikaforscher verschlang. Ich baute mir eine Bibliothek zur ägyptischen Geschichte auf, drang mit James Bruce zu den Quellen des Blauen Nils vor, bestieg mit Stanley, Stuhlmann und Amadeus von Savoyen den Gipfel des Ruwenzori und begleitete im Geiste Hans Meyer bei der Erstbesteigung des Kilimandscharo.
Mein Traum von Afrika begann sich zu erfüllen, als ich 1981 meine Lehr- und Beratertätigkeit in Mosambik aufnahm. Und ich wurde sofort mit dem Glanz und dem Elend dieses Kontinents konfrontiert. Ich traf auf wunderbare Menschen, erlebte herrliche Landschaften, Hungersnöte und geriet mitten in einen sich zuspitzenden Bürgerkrieg, der Menschen zu heimatlosen Flüchtlingen machte und Unschuldige sterben ließ. Als ich Mosambik Ende 1986 verließ, tobte der Krieg noch immer.
Auch als ich 1989 und 1990 einen Lehrauftrag an der angolanischen Hochschule für Erziehungswissenschaften, einer Außenstelle der Universität Luanda, übernahm, geriet ich mit meiner Frau, die mich stets begleitete, in ein vom Krieg zerrüttetes und zerstörtes Land.
Die Jahre in Mosambik und Angola waren gefüllt mit dem Kennenlernen afrikanischer Lebens- und Denkweisen, afrikanischer Mentalitäten und afrikanischen Handelns. Tief hatte sich das Bild afrikanischer Menschen und Natur in unsere Seelen und Herzen gebrannt und Sehnsüchte entstehen lassen, die nur durch das In-Augenschein-Nehmen weiterer Länder gestillt werden konnten.
Nach der politischen Wende 1990 in der DDR ergab sich die Möglichkeit, frei in afrikanische Länder zu reisen, ohne durch die früher für das Reisen ins Ausland tödliche Frage in den Akten „Haben Sie Verwandte in der Bundesrepublik Deutschland?“ gehindert zu werden.
So zogen wir zu zweit, in Reisegruppen oder in einer „eigenen“ Abenteuer- und Erlebnisgruppe durch Afrika. Seit 1981 habe ich etwa 30 der jetzt 54 Länder besucht, Savannen, Urwälder, Städte und Inseln durchstreift, habe Gebirge, Wüsten und Seen durchquert und an den Ufern des Indischen Ozeans, des Mittelmeeres und am Atlantik Sonnenuntergänge genossen, war der Geschichte der Völker auf der Spur und bin in spannende Abenteuer geraten. Aus der Fülle der Begegnungen habe ich elf Länder ausgewählt und mit meinen Tagebüchern interessante Touren und Safaris nachvollzogen.
Natürlich hat die vieljährige wissenschaftliche Beschäftigung mit den Ländern Afrikas das Bild von den Völkern und Staaten des schwarzen Kontinentes abgerundet und die Beziehungen enger gestaltet.
Als wolle das Schicksal meine frühe geistige Bindung an Afrika bestätigen, schenkte mir der Zufall ein überraschendes Erlebnis. Ich spazierte nach vielen Jahren der Abwesenheit durch die Altstadt von Zeitz, um meinem Sohn Andreas die Stätten meiner Kindheit zu zeigen. An dem Haus, in welchem meine Eltern und Geschwister ein halbes Leben lang gewohnt hatten, ich selbst nur kurze Zeit, war eine Tafel angebracht:
„Hier stand bis zum Jahr 1936 das Geburtshaus der Gebrüder Clemens und Gustav Denhardt. Afrikaforscher und Kartografen“
Die Brüder Clemens (1852–1928) und Gustav (1856–1917) unternahmen Expeditionen durch Ostafrika und besuchten Sansibar. 1885 erwirkten sie die deutsche Schutzherrschaft über das Suaheli-Sultanat Witu, gelegen an der nördlichen Küste des heutigen Kenia. Sie verloren das sogenannte Witu-Land, als Deutschland und Großbritannien am 1. Juli 1890 den Helgoland-Sansibar-Vertrag unterzeichneten und Deutschland die damals britische Insel Helgoland und in Afrika den Caprivistreifen erhielt. Von der deutschen Regierung wurden die Denhardts mit 150.000 Goldmark entschädigt.
Dem berühmten Afrikaforscher Gerhard Rohlfs gelang 1865 bis 1867 die „Erstdurchquerung der Sahara vom Mittelmeer zum Golf von Guinea.“ Er, der schon Algerien und unter Lebensgefahr Marokko besucht hatte, startete von Tripolis aus seine Sahara-Durchquerung und beschrieb als einer der letzten Forscher die damals mächtigen Reiche Bautschi, Bornu und Nupe (Nyfe), ehe sie im Zuge der europäischen Kolonisierung untergingen. Auf der Grundlage seiner Tagebücher schrieb er 1874 ein zweibändiges Werk über seine Reise und gab ihm den Titel „Quer durch Afrika“.
Das hat mich angeregt, die Zusammenfassung meiner Afrika-Reisen „Kreuz und quer durch Afrika“ zu nennen. Ich habe Afrika nicht nur in einer Richtung durchquert, sondern seine Länder in allen Himmelsrichtungen aufgesucht. Die Abfolge der Schilderungen erfolgt nicht immer in chronologischer Reihenfolge, sondern sie wurde durch die Aufarbeitung der Reisenotizen bestimmt.
In allen Reiseberichten kommt neben den selbst empfangenen Eindrücken auch stets etwas vom Entwicklungsstand des besuchten Landes, seiner politischen und wirtschaftlichen Lage und seiner kulturellen Besonderheiten zum Ausdruck.
Seit Jahren vollziehen sich in Afrika Wandlungen und Umbrüche. Damit sind politische, ökonomische und vor allem soziale Entwicklungen verbunden, Ressourcen werden zunehmend in den Dienst der wirtschaftlichen Entwicklung gestellt.
Starke, agile Mittelschichten entstehen, und gleichzeitig treten Widersprüche auf, weil gewonnener Reichtum ungleichmäßig verteilt wird und die Masse der Bevölkerung oft noch davon ausgeschlossen ist. So präsentiert sich Afrika heute als ein Gebilde aus Fortschritt und Unrecht, gefangen in Traditionen und bereit, sich Neuem zu öffnen. Das spiegelt sich im Leben der Menschen wider, die ich auf meinen Reisen getroffen habe. Auch davon will ich berichten.

Riesa, im März 2014
Rainer Grajek



Teil 1

Kap Verde - Das braune Grüne Kap

Die Reise begann mit Hindernissen. Im Hauptbahnhof von Frankfurt/Main blieb die Lok mit Schaden stehen. Kein Problem: Mit dem ICE, der nach Köln weiterfuhr, kamen wir mit nur geringem zeitlichen Verzug am Frankfurter Flughafen an. Eine Condor-Maschine sollte uns zur Insel Sal von Cabo Verde bringen.
Mehrere Durchsagen kündeten die Verspätung des Flugzeuges an. Es stellte sich heraus, dass die Boeing in Turbulenzen geraten war, die einem Teil der Passagiere nicht gut bekamen. Nicht alle konnten sich aufs Klo retten oder ihre dafür vorgesehenen Tüten rechtzeitig aus dem Haltenetz des Vordersitzes ziehen. Zu allem Unglück ließ starker Sturm die bereits eingeleitete Landung nicht zu, der Pilot musste die Maschine wieder nach oben ziehen. Das bewirkte erneut massenhaftes Revoltieren in den Mägen der reisenden Urlauber. Was nicht in die Plastiktüten gespien wurde, suchte sich Platz auf der Kleidung, dem Fußboden und den Sitzen. Noch zwanzig Minuten nach der Landung verkündete ein Angestellter vom Flughafenpersonal: „Es sitzen Fluggäste in der Maschine, die mit ihrer Reinigung noch nicht fertig sind.“
Mit einer reichlichen Stunde Verspätung starteten wir mit der gereinigten und betankten Boeing Richtung Westafrika.
Nebenbei bemerkt, am Knöchel des linken Beines hatte ich mir einige Tage vor der Abreise eine kleine Verletzung zugezogen, als ich auf einen am Boden liegenden Ast getreten war. Da aber solch kleine Wunden im Allgemeinen rasch heilen, hatte ich diesem Umstand keine Aufmerksamkeit geschenkt.
CABO VERDE war schon lange Ziel meiner Reisesehnsucht. Die Neugier auf die República de Cabo Verde hatte sich bereits in den Jahren meiner beruflichen Tätigkeit in Mosambik und Angola entfaltet. Es war vor allem die Beschäftigung mit dem Leben und revolutionären Wirken von Amílcar Cabral, der noch heute in Guinea-Bissau und Cabo Verde als Nationalheld verehrt wird. Auf den Inseln tragen in den Städten die Hauptstraßen seinen Namen. Er wurde am 12. September 1924 in Bafatá in Guinea-Bissau geboren und kam als Achtjähriger mit seinen Eltern nach Cabo Verde. Das war nicht ungewöhnlich, da beide Länder von den Portugiesen als eine Kolonie verwaltet wurden. Vom Vater politisch im Kampf gegen die Kolonialmacht Portugal geprägt und von den Lebensbedingungen geformt, wandte sich der studierte Agrar- und Forstwissenschaftler gegen das faschistische Salazar-Regime Portugals und dessen Versuche, mit mehr als dreißigtausend Soldaten der Kolonialarmee den Freiheitswillen der Bevölkerung zu unterdrücken. Auf den Inseln kamen in den Zeiten anhaltender Dürre zehntausende Menschen ums Leben. Cabral sammelte zunächst in Portugal, wo er studiert hatte, dann in Angola Kampferfahrungen und gründete 1956 in Bissau die Afrikanische Partei zur Unabhängigkeit von Guinea und Cabo Verde (PAIGC). In einem von China und der Sowjetunion unterstützten Guerillakrieg kämpfte er mit Revolutionären beider Länder gegen die Kolonialmacht.
In Verbindung mit meiner Lehrtätigkeit in Mosambik hatte ich dem im Januar 1983 in der kapverdischen Hauptstadt Praia stattfindenden Internationalen Symposium anlässlich des zehnten Todestages von Dr. Amílcar Cabral besonderes Augenmerk geschenkt. Mich interessierte vor allem, wie es ihm gelungen war, in Kolonien, die bisher weit abseits jeglichen Interesses der Weltöffentlichkeit gelegen hatten, die Bewohner zum antikolonialen Kampf zu bewegen.
Natürlich kamen ihm die Rivalitäten im West-Ost-Konflikt förderlich entgegen. Seine Besuche in Moskau und Berlin unterstützten diesen Gedanken. Vor allem war beeindruckend, wie er als Teilnehmer einer Volkszählung 1953 wertvolle Kenntnisse über die etwa dreißig ethnischen Gruppen Guinea-Bissaus und deren soziale Lage erworben hatte.
Eine andere Auffälligkeit war, dass er die PAIGC im Gegensatz zu anderen Befreiungsorganisationen Afrikas sofort als Partei gegründet hatte.
Er entwickelte sich zu einer Persönlichkeit mit großer Ausstrahlung, die sich auf internationalen Konferenzen in Englisch, Französisch und Spanisch ausdrückte. In seiner Heimat, bei den Befreiungskämpfern im Busch und in den Inselstädten redete er mit den Menschen Portugiesisch und Kreolisch.
Als 1974 mit der Nelkenrevolution die Diktatur in Portugal endete, war der Weg für die Unabhängigkeit von Cabo Verde frei, die am 5. Juli 1975 ausgerufen wurde. Diesen von ihm sehnsüchtig erwarteten Tag erlebte er nicht mehr.
Am 20. Januar 1973 war Amílcar Cabral in Conakry Opfer eines Mordanschlags geworden.
Ich versuchte, mir die Zeit und mich selbst vor 24 Jahren in die Erinnerung zurückzurufen. Aber das Bild Cabrals beschränkte sich auf Fotos aus der Presse. Sie zeigten ein intelligentes Gesicht mit einer nach hinten geschobenen, bunt bestickten Kappe auf dem Kopf, einen mittelgroßen Mann von schlanker Figur und natürlichen Bewegungen. Jedoch blieb das Bild bruchstückhaft.
Mein spezielles Interesse für ihn begann also zu einer Zeit, als er schon tot war. Aber dieser zehnte Todestag wurde international wahrgenommen. Meine Notizen von 1983 vermerken, dass sich in Leipzig in- und ausländische Studenten sowie Wissenschaftler von Hochschulen und Universitäten der DDR zu einem Gedenksymposium für Amílcar Cabral versammelten. Ein in Jena immatrikulierter Philosophiestudent namens Luís Filipe da Silva aus Guinea-Bissau sprach würdigende Worte.
Das Vorhaben der PAIGC, die staatliche Einheit von Guinea-Bissau und Cabo Verde herzustellen, zerschlug sich mit der Spaltung der Partei. Ihr Inselflügel spaltete sich ab und bestand als Afrikanische Partei für die Unabhängigkeit von Cabo Verde (PAICV) weiter. Diese blieb bis 1991 an der Macht. 1992 wurden in der Verfassung die Grundsätze einer Mehrparteiendemokratie verankert.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 520
ISBN: 978-3-99038-431-2
Erscheinungsdatum: 28.05.2014
EUR 20,90
EUR 12,99

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