Klänge des Leidens

Klänge des Leidens

Jürgen D. Kruse-Jarres


EUR 28,90
EUR 17,99

Format: 18 x 22 cm
Seitenanzahl: 496
ISBN: 978-3-95840-461-8
Erscheinungsdatum: 23.08.2017
Die seelische Verfassung eines Komponisten spiegelt sich in seinen Werken wider. Anhand von 50 Beispielen bekannter Tonkünstler geht der Autor diesem Zusammenspiel nach und zeigt eindrucksvoll, welchen Einfluss die Psyche des Schöpfers auf die Musik nimmt.
Vorwort


Die Darstellung der Lebensläufe von mehr als 50 bekannten Komponisten des europäischen Raums dient in diesem Buch dem Ziel, nicht nur die gelegentliche Mühsal in der Karriere außergewöhnlicher musikalischer Persönlichkeiten und ihre zum Tod führenden Krankheiten darzustellen, sondern neben ihren physischen vor allem auch ihren psychischen Leiden nachzugehen. Vor allem die seelischen Besonderheiten großer Künstler stehen häufig in direktem Zusammenhang zu ihrer schöpferischen Kraft, wobei das Pendel sowohl in die positive wie auch in die negative Richtung ausschlagen kann.

Die Krankheiten vieler der erwähnten Komponisten wurden bereits eingehend von verschiedenen Autoren wie Dieter Kerner, Gerhard Böhme, Franz Hermann Franken oder Anton Neumayr beschrieben und von Andreas Otte sowie Konrad Wink ergänzt. Es wurde in vieler Hinsicht auf sie Bezug genommen.

Für etliche Komponisten mussten neue Quellen erschlossen werden. Die hier aufgezeichneten Lebensläufe sind durchweg stark auf medizinische und psychologische Besonderheiten und ihre möglichen Ursachen reduziert. Sie erheben in der Gesamtheit zur Beurteilung der Persönlichkeit keinen Anspruch auf Vollständigkeit. In den bisher erschienenen Beschreibungen von Krankheitsgeschichten von Komponisten ist zumeist wenig über ihre psychischen Eigenheiten und möglicherweise seelische Ursachen für ihre somatischen Erkrankungen zu erfahren.

Es ist daher ein Anliegen dieses Buches, an Hand von autobiographischen Notizen, Briefen und Beobachtungen zeitgenössischer Personen neben den somatischen Störungen gerade die psychischen Hintergründe - soweit dies aufgrund erhaltener Quellen möglich ist - zu beleuchten.

Dies hat einen besonderen Grund: Die Grenzen zwischen dem kreativen Genie und seiner seelischen Konstitution sind oft fließend und schwer einzuordnen. Nicht selten sind sie Grundlage eines psychopathologischen Gesundheitszustands. Schon Aristoteles stellte fest, dass alle genialen Menschen Melancholiker seien und es kein großes Genie ohne einen Schuss Verrücktheit gäbe. Außerordentliche Talente wie z.B. berühmte Künstler leiden bekanntlich im Vergleich zu „normalen“ Menschen wesentlich häufiger an einer depressiven Symptomatik und zeichnen sich durch ein sehr unterschiedliches Maß an Exzentrik aus. Dies kann sich entweder in Form einer einseitigen Begabung (Inselbegabung) äußern oder durch extreme Eigenschaften wie Eigenbrötelei oder extremen Eigensinn. Nicht selten liegen Genie, Irrsinn und Ruhm nahe beieinander, wie dies der Psychiater Wilhelm Lange-Eichbaum bei seinen Forschungen über das Genie ausführlich beschrieben hat.

Dem Ursprung der Kreativität auf den Grund zu gehen und die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Kreativität und seelischer Störung zu untersuchen, ist gerade im Hinblick auf große Tonschöpfer Gegenstand vieler medizinischer Forschungen. Nur selten kann man wirklich von geistiger Krankheit sprechen. Zumeist handelt es sich um die mehr oder weniger latente Symptomatik von Angst, Schwermut, Wahn oder Sinnestäuschung. Oft werden solche Zustände endogen durch Minderwertigkeitskomplexe oder exogen durch Faktoren wie Schicksalsschläge, Misserfolge oder fehlende Anerkennung ausgelöst. Die Musikgeschichte beinhaltet viele Beispiele, in welchen Komponisten in ernste Depressionen und Resignation verfielen, weil sie und ihre neuartigen Werke von den Zeitgenossen nicht verstanden wurden und heftige Kritik auslösten.

Es hat sich gezeigt, dass kreative Personen in der Regel erheblich sensitiver gegenüber Neben- und Hintergrundgeräuschen sind im Vergleich zu nicht-kreativen Personen, die eine ausgeprägtere Filterfunktion des Gehirns zu besitzen scheinen. Kreative Menschen besitzen eine größere Offenheit für verschiedene Reize als Menschen mit einer starken Reizfilterung. Bei genialen Menschen mit großer Phantasie, wie es bei bedeutenden Komponisten der Fall ist, ist dies der Weg zu neuen Ideen und Visionen, die insgesamt die Schöpferkraft großer Komponisten ausmacht.

Andererseits sind gerade bei Komponisten mit ihrer kreativen Kraft und intensiven Konzentration auf ihre Neuschöpfung nicht selten Ausfälle in anderen Bereichen des Lebens zu verzeichnen, deren Erscheinungsbilder über die persönliche Eigenart hinaus als pathognomonisch angesehen werden können ohne jedoch krankhaft zu sein. Hier sind die Grauzonen in der Interpretation unscharf und liefern nicht selten ein verzerrtes Bild von der Persönlichkeit.

Ein weiterer Aspekt soll in den relativ kurzen Pathographien der aufgeführten Komponisten zum Ausdruck kommen: Die Wirkung des Gemütszustandes der Schöpfer auf ihre Werke bzw. der Rückschluss aus ihren Werken auf mögliche körperliche oder see- lische Leiden ihrer Urheber. Ob chronische somatische Leiden wie kardiale oder gast- roenterologische Erkrankungen, ob Beeinträchtigungen des Sensoriums wie Seh- oder Hörbeschränkungen oder seelische Qualen wie Depressionen und Resignation spiegeln sich in vielen Werken berühmter Komponisten wider. Belege finden sich z.B. in der Cavatina von Beethovens Streichquartett B-Dur op. 130, wo der Komponist sich selbst mit dem Begriff „beklemmend“ äußert; oder in Smetanas Streichquartett Nr.1 e-Moll, das autobiographisch den Titel „Aus meinem Leben“ trägt; oder im Andante von 'YRGiNV Streichquartett E-Dur, op. 80, das von tiefer Trauer geprägt ist und wie sein „Stabat Mater“ den Tod seiner Kinder beklagte; oder zu Beginn von Mahlers 9. Sinfonie, der ein akustisches Abbild seiner Herzrhythmusstörungen zu sein scheint; oder in -DQiþHNV ]ZHLWHP 6WUHLFKTXDUWHWW PLW GHP 7LWHO ÄIntime Briefe“; oder in Ravels „Bolero“, der infolge eines Hirntumors seines Schöpfers keine komplizierten Tonfolgen mehr zuließ. Der Beispiele gäbe es noch viele mehr, auch wenn manche Kompositionen erst nachträglich und vom Schöpfer keineswegs autorisiert fragwürdige Interpretation erfahren haben.

Die Chronologie der vorgestellten Komponisten-Portraits ist auf ihre Todesdaten aus- gerichtet, da - mit wenigen Ausnahmen - die wichtigsten und zukunftsweisenden Werke gegen Ende ihres Lebens entstanden. Durch diese Weise wird auch den sehr unterschiedlich langen Lebenslängen Rechnung getragen.

Ein umfassendes Literaturverzeichnis soll dem interessierten Leser die Möglichkeit geben, sich mit den Lebensläufen und Karrieren der aufgeführten Komponisten aus unterschiedlichen Blickwinkeln näher zu beschäftigen. Denn es ist nicht Ziel dieses Buches, die Komponisten und ihre Schöpfungen umfassend darzustellen. Vielmehr stehen die medizinischen Aspekte im Vordergrund, wobei - wie bereits ausgeführt - auf psychische Besonderheiten besonders Wert gelegt wurde.

Stuttgart 2017
Jürgen D. Kruse-Jarres






Monteverdi, Claudio
* vor 15. 05. 1567 (Taufe) in Cremona
† 29. 11. 1643 in Venedig

1576 Musikunterricht bei Marc’Antonio Ingegneri
1582 Sacrae cantiunculae
1583 Madrigali spirituali
1590 Sänger und Violinist am Hof des Herzogs
1594 Heirat mit der Sängerin Claudia Cattaneo
1597 Reise nach Flandern
1601 Kapellmeister
1607 L’Orfeo
1608 L’Arianna an der Kathedrale von Cremona
1610 Vespro della Beata Vergine (Marienvesper)
1610 Messa in illo tempore
1612 Entlassung am Hof von Mantua
von 1613 Kapellmeister am Markusdom in Venedig Mantua
1624 Il combattimento di Tancredi e Clorinda
1632 Weihe zum Priester
1641 Sammlung Selva morale e spirituale
1641 Il ritorno d’Ulisse in patria
1642 L’incoronazione di Poppea




Monteverdi

Am 15. Mai 1567 wurde Claudio Giovanni Antonio in der Kirche S. Nazaro e Celso in Cremona getauft. Aus Angst, das Neugeborene könne vor der Taufe sterben und so nicht in den Himmel kommen, fand in jener Zeit die Taufe kurz nach der Geburt statt. So kann man annehmen, ohne dass dafür Dokumente vorhanden sind, dass Monteverdi kurz vor dem 15. Mai geboren wurde.
Claudios Vater Baldessare, bei der Geburt seines Sohnes 25 Jahre alt, war ein angesehener Wundarzt; von seiner Mutter Maddalena weiß man nur so viel, dass ihr Vater Zignani Goldschmied war und dass sie starb, als Claudio 9 Jahre alt war. Zwei Jahre später heiratete der Vater noch einmal. doch fehlen über die Stiefmutter nähere Unter- lagen. Nur so viel ist bekannt, dass Claudio das älteste der vier Kinder aus erster Ehe war und noch weitere drei Geschwister aus der zweiten Ehe hatte.
Gemeinsam mit seinem 5 Jahre jüngeren Bruder Cesare bekam er eine gute Musikausbildung bei dem Kantor und Kapellmeister Marc Antonio Ingegneri an der Kathedrale von Cremona. Zunächst erlernte er das Spiel auf Violine und Viola, danach wandte er sich der Komposition zu. 1583, als Claudio sechzehn Jahren als wurde, lag seine erste Madrigalsammlung vor, die vierstimmigen „Madrigali spirituali“, der in den kommen- den Jahren weitere Madrigale folgten, die dann auch gedruckt erschienen, als Monte- verdi 20 Jahre alt war.
1590 wurde der 23-Jährige als Sänger und Violinist der Hofkapelle bei dem großzügigen Renaissancefürsten Herzog Vincenzo I. Gonzaga am Hof von Mantua angestellt,
wo es ihm im Kreise exzellenter Musiker und einer guten Bezahlung zu Beginn der folgenden 22 Jahre sehr gut gehen sollte. Er wurde 1594 zum „Cantore“, einer Art Subdirigent, und 1599 im Alter von 32 Jahren zum „Maestro di capella“ ernannt, nachdem der bisherige Maestro gestorben war. Zwei Jahre zuvor hatte er die Hofsängerin Claudia de Cattaneis geheiratet.
In der neuen Leitungsposition begründet Monteverdi eine neue Kompositionsregel, die „seconda Prattica“, die im Gegensatz zur reichen Polyphonie der Renaissance gekennzeichnet war durch neue Harmoniefolgen und hervortretende Melodielinien zugunsten einer besseren Textverständlichkeit. Damit wurde der menschlichen Stimme eine gewisse Dominanz gegenüber dem Tonsatz eingeräumt. Monteverdi schuf sich mit dieser Neuerung erbitterte Gegner, ganz besonders den Musiktheoretiker Giovanni Artusi, ein engagierter Verfechter der alten Schule und einer der streitbarsten Reaktionäre in der Musikgeschichte. Beide tauschten zahlreiche Streitschriften aus.
Zwar war Monteverdi überzeugt von der von ihm vorgeschlagenen Richtung in der Musik, aber es kostete ihn die Auseinandersetzung mit den Gegnern viel physische Kraft. Zudem wurden allmählich die finanziellen Verhältnisse für ihn immer prekärer, da der Herzog viel Geld in seinen Hausmaler Peter Paul Rubens und in ein aufwendiges Opernhaus investierte, sowie erhebliche Bestechungsgelder zur Geltendmachung von Ansprüchen auf den Habsburger Thron ausgab. Die Staatskasse wurde derart geplündert, dass die ehemals gute Bezahlung deutlich reduziert wurde und für die Musiker häufig auf sich warten ließ.
Unter diesen beschränkten Bedingungen konzentrierte sich Monteverdi auf das Komponieren. Allerdings scheint er kein Schöpfer vieler musikalischer Werke in kurzer Zeit gewesen zu sein. Ich weiß, dass man schnell komponieren könnte, aber schnell und gut geht nicht, war seine Devise. Im Februar 1607 fand in Mantua die Premiere der ersten Oper in der Musikgeschichte statt: „L’Orfeo“. Mit dieser Oper schuf Monteverdi eine gänzlich neue Form frühbarocker Musik, das sog. „Dramma per musica“. Anstelle der bisher geltenden starren Regeln des Kontrapunkts unterlegte er diesen dem Text des Librettos und schuf erstmals emotionale Affekte wie Verzweiflung, Wut, Trauer oder Freude in der Musik. Dazu verwandte Monteverdi jeweils eine charakterisierende Instrumentation, die das Leben (Blockflöten, Streichen und Cembalo) und den Tod (Blasinstrumente mit Ausnahme der Flöten, vor allem Zinken und Posaunen sowie Orgel) darstellen sollten.
Das Jahr 1607 war allerdings für Monteverdi nicht nur ein glückliches Jahr, denn seine Frau starb nach nur 10-jähriger Ehe, in der sie ihm zwei Söhne gebar. Der Schmerz über den Verlust minderte seine kompositorische Schaffenskraft erheblich und löste eine langwierige Krise aus: Es entstanden in den folgenden 3 Jahren außer kleinen Madrigalen und Messen kaum nennenswerte musikalische Werke.
Erst 1610 fand ein weiteres großes Werk Monteverdis, die „Marienvesper“, ihre erste Aufführung. In beiden Kompositionen vollzog Monteverdi den Wechsel von der Renaissance („prima prattica“) mit ihren polyphonen Strukturen im a-capella-Stil zum neuen monodischen Stil („seconda prattica“), einer vordergründigen Gesangsstimme mit instrumentaler Begleitung. Auch hier versah er die Solostimme mit Verzierungen und virtuosen Läufen, aber der Ausdruck geriet in diesem sakralen Werk natürlich nicht so extrem wie in seiner Oper „L’Orfeo“.
Da eine weitere Bezahlung durch den Herzog ausblieb, kehrte Monteverdi 1612 mit seiner Familie enttäuscht und verbittert nach Cremona zurück, wo ihn dann allerdings schon im folgenden Jahr die Berufung zum Nachfolger Giulio Cesare Martinengos zum „Maestro di capella“ des Doms zu San Marco in Venedig erreichte. Offensichtlich hatte die „Marienvesper“ den Ruf Monteverdis weit über die Grenzen Mantuas verbreitet.
An San Marco blieb Monteverdi 30 Jahre lang bis zu seinem Tod. Er organisierte das Orchester um und baute es zu einem Opernorchester aus. Die Musik in der renaissance‘schen Tradition eines Giovanni Gabrielis wurde weitgehend aufgegeben. Monteverdi schrieb nicht mehr wie seine Vorgänger ausschließlich Kirchenmusik, sondern schaffte neue Opern und Ballette, die er mit diesem neuen Klangkörper zur Aufführung brachte. Die genaue Anzahl seiner Werke ist nicht bekannt, denn zahlreiche seiner Kompositionen und Schriften waren am Hofe in Mantua geblieben, der 1630 während des Mantuanischen Erbfolgekriegs geplündert und teilweise zerstört wurde.
In diesem Krieg starb sein Sohn Francesco als Opfer einer Blatternepidemie (Pocken), was Monteverdi sehr tief traf und ihn für längere Zeit schwermütig werden ließ. Auch sein zweiter Sohn, Massimiliano, Arzt wie sein Großvater, hatte Monteverdi kurz zuvor großen Kummer bereitet: Er wurde von der Inquisition verhaftet, da er verbotene Bücher gelesen hatte. Monteverdi konnte ihn nur durch Zahlung eines hohen Lösegeldes befreien. Im Juli 1630 wütete zudem in Venedig 16 Monate lang die Pest. Diese brachte zum wiederholten Mal (zuletzt 1567) großes Elend in die Stadt mit Tausenden von Toten. Unter dem Eindruck dieser psychisch wie physisch stark belastenden Ereignisse war die Sehnsucht des 65-Jährigen nach tiefem seelischen Halt so groß, dass er sich 1632 zum Priester weihen ließ.
Monteverdi wurde seither häufig krank, seine physischen Kräfte schienen zunehmend zu schwinden. Nicht aber seine Schöpferkraft als Komponist. Für das neu erbaute Opernhaus Venedigs schrieb er 1640 seine Oper „Il ritorno d‘ Ulisse in patria“ und zwei Jahre später „L‘incoronazione di Poppea“. Zusammen mit dem „L’Orfeo“ stellen diese drei Opern den eigentlichen Beginn einer neuen Musikgattung dar, der Oper.
Doch die Kräfte des 75-Jährigen nahmen trotz aller Erfolge deutlich ab. Er ließ sich im Amt des Kapellmeisters an San Marco für ein halbes Jahr vertreten, um in seine Heimatstadt Cremona zurückzukehren. Auch stattete er Mantua noch einmal einen kurzen Besuch ab. Kurz nachdem er nach Venedig zurückgekehrt war, starb er am 29. November 1643 nach kurzer Krankheit. Dokumente über seine Erkrankungen und die Ursache seines Todes sind spärlich und lassen keine Zuordnung zu. Es ist davon auszugehen, dass Monteverdi an Altersschwäche starb.











Vivaldi, Antonio
* 04. 03. 1678 in Venedig
† 28. 07. 1741 in Wien


1693 Erste niedere Weihe zum Priester
1696 Erste höhere Weihe zum Subdiakon
1703 Weihe zum Priester
1704 Violinlehrer am Ospedale della Pietà
1705 Beendigung des Priesteramts
1711 12 Violinkonzerte L’estro armonico dell’inventione (u.a.Die vier Jahreszeiten)
1712 12 Violinkonzerte La stravaganza
1713 Erste Oper Ottone in villa
1715 Gloria in excelsis Deo
1716 Impresario am venezianischen Theater Sant’Angelo
1716 Musikalischer Leiter am Ospedale della Pietà
1716 Oratorium Juditha triumphans
1718 Intendant am Hof des Grafen zu Mantua
1720 Oper Jason oder Die Eroberung des goldenen Vlieses
1725 12 Violinkonzerte Il cimento dell’armonia e
1726 Musikalischer Leiter des Teatro Sant’Angelo
1727 Oper Orlando furioso
1733 Oper Montezuma
1740 Umzug nach Wien




Vivaldi

Antonio Lucio Vivaldi kam am 4. März 1678 während eines Erdbebens als ältestes von neun Kindern des Barbiers Giovanni Battista Vivaldi und seiner Frau Camilla in Venedig zur Welt. Antonios Vater war etliche Jahre zuvor aus Brescia nach Venedig gekommen und hatte 1776 Camilla Calicchio, die Tochter eines Schneiders geheiratet. Er musste sich in der Tradition seines Elternhauses erst einmal sein Brot als Barbier verdienen, um zunächst seine Frau und später seine Familie zu ernähren. Da er jedoch sehr musikalisch war und vorzüglich Violine spielte, wurde er 1685 in das Orchester von San Marco aufgenommen. Er wurde Mitglied des Cäcilienvereins und verfügte dadurch über vielfältige Beziehungen innerhalb des venezianischen Musiklebens. Er erkannte schon sehr früh das musikalische Talent seines Sohnes und erteilte ihm den ersten Musikunterricht. Antonio erlernte das Violinspiel sehr rasch, so dass er bereits als Jugendlicher seinen Vater im Orchester vertreten konnte.
Die Tatsache, dass ihm seit seiner Geburt ein körperliches Leiden angehaftet habe, lässt vermuten, dass er wahrscheinlich eine Herzschwäche oder eine Form von Asthma gehabt haben muss. Genaueres ist nicht bekannt, insbesondere aus seiner Jugendzeit sind keine erheblichen Beeinträchtigungen in seiner Entwicklung bekannt. Die chronische Erkrankung war allerdings später für ihn immer wieder Anlass zu krankheitsbedingten Einschränkungen, soweit es seine Berufsausübung betraf.
Über die musikalische Ausbildung Antonios ist wenig bekannt. Im Vordergrund standen in seiner Jugendzeit ganz andere Dinge: mit 15 Jahren die Weihe zum Ostinario (niedere Weihe), mit 22 Jahren zum Subdiakon und mit 25 Jahren im Jahre 1703 zum Priester. Die langen Abstände zwischen den verschiedenen Stationen lassen vermuten, dass sich Vivaldi autodidaktisch und durch verschiedene Lehrer (möglicherweise Gasparini in Venedig und Corelli in Rom) und außerhalb Venedigs musikalisch aus- und fortbildete
Im Anschluss an seine Priesterweihe wurde Vivaldi Kaplan an der Kirche S. Maria della Pietà und war Lehrer für Violine, Violoncello und Viola d‘amore am Ospedale della Pietà, einem Waisenhaus für Mädchen, das der Kirche angegliedert war. Nur eineinhalb Jahre lang las er dort die Messe, wobei zu seinen Pflichten gehörte, jedes Mal fast eine Stunde lang zu singen. In einem späteren Brief begründete er die Beendigung seines Priesteramtes mit gesundheitlichen Problemen, die sich nach seinen Worten durch strettezza di petto äußerten, was eine Enge der Brust bedeutet und auf die oben geäußerte Verdachtsdiagnose pektanginöser Beschwerden oder Asthma hinweisen könnte. Die Stellung eines weltlichen Priesters behielt er, der wegen seiner roten Haare häufig „il prete rosso“ genannt wurde, bis an sein Lebensende.
Seine Position als Lehrer, Violinist, Dirigent und Komponist übte er am Konservatorium Ospedale della Pietà in Venedig 37 Jahre lang aus. In dieser Zeit komponierte er eine fast unüberschaubare Zahl von Konzerten für Orchester und diverse Soloinstrumente, vor allem die Violine - darunter 1725 die bekannten „Vier Jahreszeiten“ als Teil der Sammlung Op. 8 unter dem Titel „Das Wagnis von Harmonie und Erfindung“. Außerdem komponierte er zahlreiche Kammermusik, etliche geistliche Werke wie Motetten und Oratorien und Opern. Aber in dieser Zeit reiste er auch sehr viel, z.B. nach Rom, Mantua, Amsterdam und anderen europäischen Metropolen, um seine Werke vorzustellen.
Zusätzlich komponierte Vivaldi Opern, von denen an die 50 Opern aus jener Zeit bekannt sind, die zum großen Teil am venezianischen Teatro San Angelo uraufgeführt wurden. Hier war Vivaldi neben seiner Tätigkeit am Ospedale della Pietà als Impresario und Dirigent tätig.
Seine häufige Abwesenheit veranlasste seinen Arbeitgeber, das Ospedale. 1723 ein neues Abkommen mit ihm zu treffen, wonach er neben seiner Tätigkeit an der Oper und seinen Reisen pro Monat zwei Konzerte abzugeben hatte und deren Aufführungen zu überwachen hatte.
Nach Streitigkeiten am Opernhaus in Venedig verlegte Vivaldi 1718 sein diesbezügliches Engagement nach Mantua, wo er in Diensten des Landgrafen Philipp von Hessen- Darmstadt als Intendant und Opernkomponist arbeitete. Auch wenn Venedig weiterhin Hauptort seiner Opernaufführungen blieb, so sind in den Jahren 1718-1726 doch auch Uraufführungen in anderen Städten wie Mantua, Florenz, Rom, Vicenza, Reggio, Parma und Mailand dokumentiert.
Nach seiner 8-jährigen Tätigkeit in Mantua kehrte Vivaldi 1726 wieder als musikalischer Leiter des Teatro Sant’Angelo in seine Heimatstadt Venedig zurück. Vivaldi befand sich auf dem Höhepunkt seines Ruhms in ganz Europa. Neben den Uraufführungen in Italien fanden nun auch solche in Städten außerhalb Italiens wie München, Prag und Wien statt.
Vivaldis Kompositionen entsprachen in ihrer Prägnanz und Eindeutigkeit in hohem Maße dem damaligen italienischen Formgefühl, so das heutige Urteil über die Bedeutung Vivaldis für die europäische Musikgeschichte, und hatten als „italienischer Stil“ in der Barockmusik eine große Ausstrahlung auf das europäische Musikschaffen. Vivaldis spontane Erfindungskraft, sein Klangsinn und Ausdruckswille, seine Freude am Experiment, am Neuartigen und Ungewöhnlichen haben dieses Formmodell ständig neu belebt und zum Träger der flexibelsten Instrumentalwerke seiner Zeit gemacht. Natürlich gab es in Vivaldis gewaltigem musikalischen Schaffen auch Routinearbeiten wie Nachahmungen bereits vorhandener Kompositionen oder Zusammenstellungen aus verschiedenen, bereits existierenden eigenen Werken oder a u s solchen anderer Komponisten (Pasticcio). So stehen in dem reichhaltigen musikalischen Œuvre Vivaldis etliche, flüchtig hingeworfene Auftragsarbeiten neben Werken von großartiger Phantasie und Erfindungsgabe sowie sehr sorgfältiger kompositorischer Ausarbeitung.
Um 1730 änderte Vivaldi seinen Stil. Nachdem er zunächst den Stil des mehrsätzigen Concerto grossos à la Corelli durch die Dreisätzigkeit seiner Konzerte eingeführt hatte und durch seine große Experimentierlust allgemeine Aufmerksamkeit und Anerkennung erlangt hatte, schuf er nun Werke, die in Orchestrierung und Phrasierung der eleganteren Wiener Frühklassik entsprachen. Auch führte er als Erster in seinen Konzerten solistische, zumeist Improvisationen am Ende eines Satzes (Kadenzen) ein und stellte damit das virtuose Können des Solisten besonders heraus. Da er selbst ein ausgezeichneter Geiger war und mit seinen Werken sehr häufig öffentlich auftrat, galt dies sicherlich auch dem Eigennutz, um dem Publikum sein hervorragendes Können als Violinvirtuose zu demonstrieren.
Vivaldis außerordentlichen Aktivitäten erlaubten ihm einen erheblichen Wohlstand, der ihm einen üppigen Lebensstil gestattete, Doch allmählich verlor er in Venedig trotz seiner Verdienste deutlich an Anhängerschaft, was vorwiegend der musikalischen Mode zuzurechnen war, aber Vivaldi zunehmend verbitterte und seine Einnahmen deutlich schmälerte. Auch beruhte dies weniger auf schwindender Anerkennung seines musikalischen Werks, als vielmehr auf seinem Lebenswandel: Den Kirchenvätern missfiel in zunehmendem Maße die allzu weltliche Einstellung Vivaldis. Als Priester wurde von ihm erwartet, in einem reinen Männerhaushalt zu leben. Doch er hatte aufgrund seiner chronischen Erkrankung mit zunehmendem Alter eine Ordensschwester zu seiner Pflege eingestellt. Außerdem sah man ihn allzu oft in Begleitung der bekannten Sopranistin Anna Giraud. Das löste Gerüchte aus, doch ein Verhältnis konnte man ihm nicht nach- weisen.
Als er 1737 in Ferrara die musikalische Leitung während der Opernsaison übernehmen sollte, verbot ihm der Erzbischof sogar das Betreten der Stadt. Als Gründe wurden Vivaldis Beziehung zu Anna Giraud und seine Weigerung angeführt, die Messe zu zelebrieren. Der 59jährige bestritt jegliches unziemliche Verhalten und brachte zu seiner Verteidigung vor, die Messe wegen seiner Erkrankung nicht zelebrieren zu können.
Zunehmend verärgert und verletzt gab Vivaldi 1740 alle seine Tätigkeiten in Venedig auf, verkaufte einen großen Teil seiner Konzerte an das Ospedale und siedelte nach Wien um, wo er am Hof von Kaiser Karl VI. eine zufriedenstellende Beschäftigung zu finden hoffte. Schon 1726 hatte er nach eigenen Angaben in Italien mit Kaiser Karl VI. lange Gespräche über Musik geführt und ihm bei dieser Gelegenheit die Sammlung von 12 Violinkonzerten „La Cetra“ op. 9 gewidmet. Doch vernichtete der Tod Karls VI. im Oktober 1740 und der daraufhin ausbrechende Österreichische Erbfolgekrieg jede Hoffnung auf Beschäftigung und Anerkennung.
Vivaldi lebte von der Öffentlichkeit unbeachtet noch 10 Monate in einer kleinen Wiener Wohnung und starb am 28. Juli 1741. Mit der Ausnahme von Eintragungen in das Totenregister von St. Stephan über das Begräbnis fehlen jegliche weiteren Nachrichten über Vivaldis Tod und die Reaktion in der Bevölkerung. Das Begräbnis war wohl relativ bescheiden und lässt auf die sehr ärmlichen Verhältnisse am Ende seines Lebens schließen.
Das Œuvre Vivaldis ist gewaltig. Trotz seines, von ihm selbst immer wieder entschuldigend für seine eingeschränkte Tätigkeit als Priester vorgebrachten chronischen Leidens (Herzschwäche? Asthma?) war er enorm fleißig und einfallsreich in seinem musikalischen Schaffen. Neben den vielen geistlichen Werken, Opern und Instrumentalwerken stehen vor allem seine über 220 Violinkonzerte im Vordergrund für den Ruhm Vivaldis. Er hat mit seinen Werken und seinem Dreisatz-Prinzip „schnell-langsam-schnell“ seinerzeit einen Standard gesetzt. Ihn machte sich später Johann Sebastian Bach mit der Einbeziehung Vivaldi‘scher Werke zu eigen, indem er einige von dessen Konzerten auf Tasteninstrumente übertrug, z.B. dessen Konzert für vier Violinen, das uns als Bachs Konzert für vier Cembali wohl bekannt ist.
test

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