Geschichte & Biografie

Jesus starb nicht am Kreuz

Johann-Tönjes Cassens

Jesus starb nicht am Kreuz

Neue Erkenntnisse aus den aramäischen Evangelien

Leseprobe:

Einführung

Das Leben und Wirken Jesu ist neben einer Unzahl von Abhandlungen vor allem durch die Bibel vermittelt worden: Die Texte des Alten und Neuen Testaments sind überliefert durch die Septuaginta, die älteste griechische Übersetzung, durch die Vulgata, die von Hieronymus im 4. Jahrhundert begonnene Überarbeitung der altlateinischen Bibel, sowie durch Luther mit der Gesamtausgabe 1534.
In seinen Tischreden berichtet Luther über die Kunst der Übersetzung: „Die rechte Weise zu übersetzen ist, dass man das vocabulum nicht zu nahe noch zu weit, sondern möglichst treffend gemäß der Eigenart der jeweiligen Sprache nehme“. (a.a.O. S. 161) Die ihm vertrauten Sprachen charakterisiert er mit den Worten: „Die Ebräer trinken aus der Bornquelle, die Griechen aus den Wasserlein, die aus der Quelle fliessen; die Lateinischen aber trinken aus der Pfütze.“ (a.a.O. S. 160)
Auf griechischen und lateinischen Schriften fußten nahezu alle späteren Übersetzungen der Bibel. Das Aramäische kam nicht zur Geltung, obwohl die Verkündung Jesu nur über seine aramäische Muttersprache zur vollen Entfaltung vermittelt werden kann. Schon Aurelius Augustinus (350–413) beklagt „in den heiligen Schriften zahlreiche, verschiedene Dunkelheiten und zweideutige Ausdrücke … manche seien hart und grausam“ (Auswahl Paristischer Werke S. 123). Wichtig ist für Augustinus, sich Klarheit zu verschaffen, ob eine Stelle im wörtlichen oder im bildlichen Sinn aufzufassen ist: „Man muss deshalb sorgfältig darauf achten, was den Landessitten, den Zeitumständen und den persönlichen Verhältnissen des einzelnen angemessen ist.“ (a.a.O., S. 125) Jesus war ein Mensch seiner Zeit, fest verwurzelt in der jüdischen Tradition. Die Rituale und Bräuche seines Landes waren ihm ebenso gegenwärtig wie eine subtile Kenntnis des Alten Testaments. Martin Buber fügt noch hinzu: „Jesus hat als Jude geglaubt und nicht als Christ.“ (Zwei Glaubensweisen S. 10) Jesus redete vornehmlich in Gleichnissen; das sind Allegorien, Sprichwörter und Illustrationen. „Gleichnisse zu erzählen war und ist für Semiten eine allgemein übliche Art der Verständigung. Bildhafte Ausdrucksweise wird von allen hoch geschätzt und genossen.“ (Errico, Es werde Licht S. 155) Die Lebensgeschichte Jesu wird unvermittelt am ausdrucksvollsten durch Sprachverwandte geschildert. Aufgrund der gemeinsamen Sprache und der intimen Kenntnisse des kulturellen, wirtschaftlichen und soziologischen Umfelds waren die Evangelisten am ehesten berufen, authentisch zu sein. Und sie schrieben für ihre eigenen jüdischen Landsleute auf Aramäisch. Jesus redete nur in Gleichnissen „und ohne Gleichnisse redete er nicht zu ihnen“ (Mt 13,34). Aramäisch ist eine bildhafte Sprache voller Sprichwörter, Allegorien und Illustrationen. „Für ein nahöstliches Gemüt ist sie poetisch, mystisch und sehr gesellig.“ (Errico, a.a.O S. 155) Bis ins 7. Jahrhundert n. Chr. blieb Aramäisch im Nahen Osten die Sprache der Religion und des Handels, erst danach wurde es durch Arabisch abgelöst. Bibelexegeten blieb der Zugang zur aramäischen Sprache verschlossen, weil sie aus dem griechischen oder lateinischen Kulturraum kamen. Es wird zu zeigen sein, dass die aramäische Sprache eine willkommene Möglichkeit bietet, zum wahren Kern der Gleichnisse vorzudringen. Zahlreiche Bibelstellen lassen sich ohne Rückgriff auf die aramäische Sprache überhaupt nicht verstehen und die Sinnhaftigkeit der Worte bleibt verschlossen.
Als Jesus nach Ostern den Jüngern nach den Berichten von Johannes erschienen war, da sprach er zu ihnen: „Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Und als er das gesagt hatte, blies er sie an.“ (Joh 20,21/22) Alle Deutungen, Jesus habe den Jüngern den Heiligen Geist eingeblasen, sind verfehlt. „Er blies sie an“ bedeutet: Er stärkte ihren Mut für die weitere Missionsarbeit. Mithilfe von Dr. Georg Lamsa (1892–1975), einem gebürtigen Assyrer, nahöstlichen Theologen und Aramäisch-Experten, versuche ich, einige Fehldeutungen und Missverständnisse im Leben Jesu und seiner Lehre aufzudecken, denn es kann nicht oft genug betont werden, erst die aramäische Sprache eröffnet uns die wahren Kerngedanken der biblischen Gleichnisse. Auch der Tradition der jüdischen Kultur blieb Jesus Zeit seines Lebens verbunden: „Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen.“ (Mt 5,17) Dennoch war sein Wirken von einem eigenständigen reformatorischen Eifer geprägt. „In der Lehre Jesu selber wie wir sie in den vier Evangelien kennen, waltet das Genuin-Jüdische.“ (Buber, a.a.O., S. 10)
Entscheidend für Jesus war: Er verlangte stets nicht nur Vertrauen, sondern immer wieder die Tat. „Wer seine Rede ‚tut‘, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute.“ (Mt 7,24)
Diesem Ratschlag bin ich gefolgt und habe mich auf den Weg nach Israel, genauer gesagt nach Galiläa, Samaria und Judäa, gemacht. Der Weg hat sich gelohnt. Ich wurde mit neuen Ansichten und einleuchtenden Erkenntnissen belohnt.


Jesus, die sozialen und wirtschaftlichen Begleitumstände seines Lebens

Im Jahre 6 n. Chr. ereigneten sich entscheidende Veränderungen, die auch an Jesu Familie herangetragen worden sind. Jesus war zu diesem Zeitpunkt etwa 12 Jahre alt. In Rom hatte Augustus – Pater Patriae – Tiberius adoptiert und ihn zum Nachfolger ernannt.
Lukas berichtet von einer Schätzung unter Augustus „zur Zeit da Quirinius Statthalter in Syrien war“. (Luk 2,2) Sulpicius Quirinius war aufgetragen worden, den Besitz des Archelaos Herodes – Ethnarch (= Volksfürst) von Judäa – zu beschlagnahmen und eine Vermögensschätzung aller Bewohner zu veranlassen. Dieser Zensus erfolgte jedoch erst 10 Jahre nach Jesu Geburt.
Im gleichen Jahr musste Quinctilius Varus – bis dahin Statthalter von Syrien – mit seinen vier Legionen Aufstände in Galiläa niederschlagen. Die verarmte Landbevölkerung hatte sich in die Hoffnung hineingesteigert, sich von Gewalt und Unrecht befreien zu können. Es blieb nicht bei diesem Einsatz, später musste er nochmals mit seinen Truppen in Palästina einmarschieren. Dieses Mal machte er „ganze Sache“: über 2.000 Anführer wurden ergriffen und ans Kreuz geschlagen.
Auch die neue Steuererhebung war so qualvoll für die Bevölkerung, dass Unzufriedene und Aufrührer leichtes Spiel hatten, viele Menschen um sich zu scharen, um sie, wie sie es nannten, einen Heiligen Krieg zu führen. Eingedenk der Worte Salomons: „Denn er herrschte im ganzen Lande diesseits des Euphrat, von Tifsach bis nach Gaza, über alle Könige diesseits des Euphrat, und hatte Frieden mit allen seinen Nachbarn ringsum, sodass Juda und Israel sicher wohnten, jeder unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum, von Dan bis Beerscheba, solange Salomo lebte.“ (1. Kön 5,4–5) Doch diese Visionen und Wunschvorstellungen wurden mit harter Hand von den römischen Truppen bekämpft. Unbeirrt beuteten die Römer das Land nach Strich und Faden aus, das harte Schicksal Israels war ihnen gleichgültig.
Die Familie war zu Jesus Zeiten der Lebensmittelpunkt. Eine Existenz außerhalb der Familienbande ließ sich kaum aufbauen, denn man war ausgeschlossen und vogelfrei und lebte stets gefährdet. Alles Leben und Wohlergehen und die Nachkommenschaft hatten nur eine Quelle: die Familie.
„Jesus wuchs in Galiläa auf und die Galiläer leben noch nach alten assyrischen Sitten und Gewohnheiten. […] Die Bewohner Nazareths hätten einem religiösen Leiter aus irgendeiner anderen Stadt keinerlei Schwierigkeiten in den Weg gelegt, bei einem Nazarener hingegen duldeten sie keine Größe. Sogar seine Brüder waren – so befremdlich das auch klingen mag – eifersüchtig auf Jesus, zweifelten an ihm und zeigten ihn sogar an.“ (Lamsa, Die Evangelien in Aramäischer Sicht, S. 235/236) Matthäus wird deutlich: „Und sie ärgerten sich an ihm“ (Mt 13,57), und Johannes berichtet: Ein „Prophet daheim gilt nichts“ (Joh 4,44).
Jesus bevorzugte die Dörfer. Er mied zum Beispiel die von Herodes Antipas in griechischem Stil ergebauten Städte Sepphoris und Tiberias. Seine Familienangehörigen hatten keinerlei Verständnis für das Zerschneiden familiärer Bindungen. Nach der Berufung der Apostel begab sich Jesus auf eine lange Wanderschaft. „Und als es die Seinen hörten, machten sie sich auf und wollten ihn festhalten, denn sie sprachen: er ist von Sinnen.“ (Mk 3,21) Doch Jesus beließ es nicht nur bei Ermahnungen und Predigten, er heilte die ihm zugeführten erkrankten Landsleute. Besonders seine Dämonenaustreibungen lösten Verwunderung aus.
„Was in den modernen Ohren irreal klingt, gehörte in der antiken Welt zum Alltag, wer damals von Mirakeln erfuhr, hatte schon häufig von umherziehenden Wunderheilern gehört und war dem einen oder anderen auch begegnet. Die Juden erinnerten sich an die Propheten Elija und Elischa, die Griechen an Pythagoras und Apollonius von Tyana, die Christen an Simon, den Magier aus Samaria, und die Späteren an den Ägypter Arnuphis, der Marc Aurel auf seinen Feldzügen begleitete.“ (Dahlheim, Die Welt zur Zeit Jesu, S. 64)
Die häuslichen Verhältnisse in Nazareth waren kärglich. Das Familienhaus bestand nur aus einem Raum von circa 4 x 5 Metern sowie einer Vorratskammer. Auf dem flachen Dachboden wurden ebenfalls Vorräte aufbewahrt oder Früchte getrocknet. Der Innenraum bestand aus zwei Ebenen. Auf der tiefer liegenden Fläche wurden im Winter auch die Ziegen, Schafe sowie der Esel untergebracht. Die obere Ebene diente zugleich zum Wohnen, Essen und Schlafen. Tische und Stühle gab es nicht, man aß im Sitzen oder Liegen mit den Händen. Den einzigen Komfort boten Strohmatten oder Webteppiche.
Das Essen wurde auf einer Feuerstelle zubereitet, die im Lehmboden eingelassen war. Zur Beleuchtung dienten kleine Öllampen.
Hausarbeit war Sache der Frauen, die schwerste Arbeit waren das mühsame Mahlen des Getreides sowie das Wasserholen. Die Kinder wurden früh zur Arbeit angehalten. Es gab keine Schulen. Sie mussten vielmehr regelmäßig die Schafe und Ziegen sowie das übrige Vieh hüten.
Die Ernährung bestand hauptsächlich aus Brot, gemahlenes Mehl wurde mit Wasser und Salz vermengt, zu einem Teig geknetet, in kleine, runde Stücke flach gedrückt und über dem Feuer gebacken. Fleisch gab es in der Regel nur an Feiertagen sowie wenn Gäste erschienen. Demgegenüber war die Gemüseauswahl abwechslungsreich.
Kleidung war zu Jesu Zeiten teuer, Mann und Frau trugen gleichermaßen lange Hemden aus Wolle oder Leinen. Die Männer hatten meistens Gürtel umgebunden, dafür waren die knöchellangen Hemden der Frauen mit Zierrat versehen. Armreifen und Ketten aus Halbedelsteinen verschafften den Frauen einen gewissen Charme. Wenn Jesus neben der wichtigen Aufgabe, das Vieh zu hüten, auch Feldarbeit zu verrichten hatte, so bedeutete dies Knochenarbeit.
Wie jedes jüdische Kind so wurde auch Jesus mit etwa 13 Jahren anlässlich der „Bar Mitzwa“ in die Gemeinde aufgenommen. Ab diesem Zeitpunkt dürfte er in der Lage gewesen sein, aus der Thora vorzulesen und mit den Erwachsenen zu diskutieren. Auch „gelehrt“ hat er schon (vgl. Mt 26,55).
„Jesus erwarb sich seine Kenntnisse nicht in der Schule von Rabbis oder Priestern, sondern empfing sie von seinem Vater. […] Jesus hingegen war der Sohn, der alles wusste und kannte, nicht so sehr aus Büchern, sondern von seinem Vater, mit dem er sich vereinigte und der nichts vor ihm verborgen hielt. Was er tat, war daher diejenige Arbeit, die und wie der Vater sie ausgeführt sehen wollte. Er und sein Vater arbeiteten in Harmonie und Einklang.“ (Lamsa, a.a.O., S. 382)
Der erste von König Salomo errichtete Tempel war durch die Babylonier zerstört worden. Der Wiederaufbau erfolgte 515 v. Chr. Er stand wiederum auf dem Platz des alten Tempels.
König Herodes hatte diesen Tempel während seiner Regierungszeit prachtvoll und großzügig ausgebaut und mit neuem Glanz versehen. Die Ausbauten waren zu Jesus Zeiten noch nicht ganz fertig. „Der Tempel war die Opferstätte Israels, zu der jährlich zahllose Pilger strömten. Er war die Wohnstätte Gottes und stand für die Einheit der Juden, wo immer sie siedeln mochten. Wer dies vergaß und die Funktion des Synhedrions nicht ernst nahm, sah sich schnell einer geschlossenen und gesetzlich geordneten Opposition gegenüber; diese wussten sich am Hof des syrischen Statthalters ebenso wie in Rom Gehör zu verschaffen.“ (Dahlheim, a.a.O., S. 68)
Von Flavius Josephus erfahren wir, der Tempel sei einer der prächtigsten Sakralbauten seiner Zeit gewesen. Auf einer in neuerer Zeit entdeckten Inschrift ist zu lesen: „Kein Angehöriger eines anderen Volkes darf innerhalb der Schranken um den Tempel und Umgebung treten. Wer ergriffen wurde, wird selbst für den Tod verantwortlich sein, der daraus folgt.“ Vom Tempelareal abgetrennt war der Vorhof, in dem sich auch Nicht-Juden aufhalten konnten. In diesem Bereich fand Jesus später „die Händler, die die Rinder, Schafe und Tauben verkauften und die Welcher, die da saßen“ (Joh. 2,14). „Die Wechsler sitzen auf dem Boden und meist mit dem Rücken gegen eine Hauswand angelehnt. […] Wir kommen der Wahrheit wohl am nächsten, wenn wir annehmen, Jesus habe vor allem die lärmende Volksmenge fortgejagt. […]

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 150
ISBN: 978-3-95840-236-2
Erscheinungsdatum: 06.10.2016
EUR 20,90
EUR 12,99

Krampus & Nikolo