Geschichte & Biografie

Jakob

Francesca Liacopoulos-Fawer

Jakob

Tagebuch einer abenteuerlichen und emotionalen Pilgerreise durch Spanien

Leseprobe:

Mittwoch, 29. April 2009

Wie so oft habe ich auch letzte Nacht kein Auge zugemacht. Bestimmt ist einer der Gründe die Aufregung vor dem Unbekannten. Der andere aber ist, wann immer ich im Bett liege, es still und ruhig um mich herum wird, ich immer und immer wieder die letzten zweieinhalb Monate mit meinem geliebten Mann George erlebe. Alle unsere Kämpfe, unsere Hoffnung auf ein Wunder, bis zum Schluss, als wir uns in das unvermeidliche Unfassbare schicken mussten. Schnell schiebe ich die traurigen Gedanken beiseite.
Heute beginnt nämlich unser großer Tag. Zusammen mit meiner jüngeren Schwester Doris, die mich dazu überredet hat, will ich auf dem Jakobsweg vom Somport-Pass über die Pyrenäen nach Santiago pilgern. Bis jetzt spüre ich aber keine große Begeisterung, eher Angst. Auf was habe ich mich da nur eingelassen? Beim Zähneputzen schaue ich in den Spiegel und erschrecke vor dem bleichen, übernächtigten Gesicht, das mir entgegenstarrt. Rot unterlaufene und schwarz umränderte Augen schauen mich aus einem schmalen Gesicht traurig an. Bin ich das wirklich …? Ist das alles, was von der lebenslustigen und glücklichen Frau übrig geblieben war …? Mutlos schaue ich weg …
Aus der Küche höre ich das Geklapper von Geschirr und gedämpfte Stimmen. Kaffeeduft steigt mir in die Nase. Meine Mutter und Schwester warten mit dem liebevoll zubereiteten Frühstück auf mich. Während wir uns angeregt über unsere bevorstehende Reise unterhalten, gibt uns Mum auch einen heißen Tipp mit auf den Weg. Um Blasen an den Füßen zu vermeiden, sollen wir unter unsere Socken, dünne Strumpfsocken anziehen. Der Sohn ihrer besten Freundin hat das im Militär bei den langen Gewaltmärschen immer gemacht und schwört darauf, dass er sich deswegen nie Blasen an den Füßen eingefangen hätte Doris will von diesem Blödsinn nichts wissen. Dafür nehme ich mir diesen gut gemeinten Vorschlag zu Herzen und beschließe, es gleich heute auszuprobieren und unter meinen nagelneuen, super Wandersocken diese dünnen Strumpfsöckchen zu tragen. Um Blasen zu vermeiden, tue ich alles!
Noch einmal kontrolliere ich meinen fast 8 kg schweren Rucksack. Hoffentlich habe ich nichts vergessen. Auch meine kleine Jakobsmuschel, welche Doris mir von Korfu mitgebracht hat, ist in einem Säcklein am Rucksack gut befestigt. Sie ist das Symbol aller Pilger, die den Jakobsweg gehen. Wo sind denn meine neuen Wanderstöcke? Ach, da sind sie ja, nun bin ich startbereit.
Eine ganze Weile schon stehe ich am Fenster in meinem Zimmer und beobachte, wie ein braunes Einhörnchen in unserem alten Nussbaum von einem Ast zum anderen springt. Mit Gewalt verdränge ich die traurigen Gedanken, die meinen Kopf erneut mit aller Macht füllen wollen.
Mir wird auf einmal bewusst, dass ich eigentlich doch sehr viel von dieser Pilgerreise erwarte. Wird sie mir den Weg weisen und mir zeigen, wie ich mein weiteres Leben meistern, wieder einen Sinn erkennen und wieder Freude und Begeisterung erleben kann? Erwarte ich vielleicht zu viel?
Im Buch über den Jakobsweg steht auch, dass er vor der Tür eines jeden beginnt. Aber wir wollen nicht gleich übertreiben und zu Fuß zum Bahnhof laufen. Pünktlich um 14.30 h kommt ein Taxi, um uns abzuholen. Obwohl Mum ihre Gefühle gut unter Kontrolle hat, wissen wir, dass es ihr nicht leichtfällt, uns ins Ungewisse ziehen zu lassen. Deswegen müssen wir ihr versprechen, jeden Abend kurz anzurufen, damit sie weiß, dass es uns gut geht. Das Letzte, was wir nach einem tränenreichen Abschied von unserer Mutter sehen, ist, wie sie mit ihrem nassen Taschentuch in der Hand unter der Haustür steht und uns nachwinkt.
Aufgeregt stehen wir auf dem Bahnsteig im SBB-Bahnhof in Basel und warten auf den Zug, der uns um 15.00 h nach Paris bringen soll. Doris schaut grinsend zu mir hinüber. „Du siehst für eine Pilgerin wirklich knackig aus!“ „Mach dich nur lustig. Ich weiß selbst, dass ich solche Klamotten sonst nie tragen würde“, antworte ich lachend. Mit meinem sonst eher klassisch-sportlichen, modischen Stil hat es wirklich nichts zu tun. Feste Wanderschuhe, graue Hosen mit vielen praktischen Taschen, ein Spezial-T-Shirt in Gelb, welches man angeblich bis zu drei Tagen ungewaschen tragen kann, da die Fasern sehr aufsaugfähig sind. Eine warme graue Fleece-Jacke, ein grau-brauner Anorak, der wasser- und winddicht sein soll. Darunter meine Odlo-Skiunterwäsche. Tja, schick sieht das nun wirklich nicht aus. Trotzdem sind viele neugierige und vielleicht auch neidische Blicke auf uns gerichtet. Irgendwie genieße ich es sogar ein wenig, im Mittelpunkt zu stehen …
Wenig später sitzen wir in einem vollen 1.-Klasse-Abteil und begießen unser Unternehmen mit Prosecco der witzigen Marke POP aus Plastikgläsern!! Beim Anstoßen bemerkt Doris, dass ihr Becher einen Sprung hat und ihr der Prosecco auf die Hosen tropft. Mit einem freundlichen Lächeln bringt ihr die Hostess schnell einen neuen Plastikbecher und zur Entschuldigung noch ein extra Fläschchen POP. In ausgelassener Stimmung treffen wir gegen 19.00 h in Paris ein.
Mit Schwung packen wir unsere schweren Rucksäcke auf den Rücken und ziehen unternehmungslustig los. Vier Stunden müssen wir totschlagen, bevor wir in den Nachtzug nach Pau einsteigen können, der uns an die französisch-spanische Grenze bringen soll. Kurze Zeit später schmerzt mir bereits der Rücken. Das fängt ja gut an! Die Riemen am Rucksack müssen besser eingestellt werden. Weiter laufen wir über eine lange und verkehrsreiche Brücke. Unter uns fahren viele Frachtschiffe die Seine hinauf und hinunter. Bald finden wir ein passendes kleines Bistro, in dem wir uns erst einmal mit einem guten Essen stärken, denn ich habe so meine Zweifel, ob wir im Nachtzug ein Abendessen serviert bekommen.
Rechtzeitig finden wir uns im Bahnhof ein und stehen wenig später vor unserem Schlafwagen. Wir zwängen uns durch einen engen Gang zu unserem Abteil. „Was ist denn das für ein kleines Loch?“, schreie ich ganz entgeistert. „Da kann doch kein Mensch übernachten, geschweige denn schlafen!“
Wie versteinert stehe ich da und starre ungläubig in das kleine 1.-Klasse-Schlafabteil. Es gibt vier Betten, auf jeder Seite sind zwei übereinander angebracht, und sonst nichts. Heute hätte es meine letzte bequeme Nacht werden sollen. Eigentlich stellte ich es mir vor, wie im Orientexpress durch Frankreich zu fahren. Man hatte mich ja gewarnt, aber auf so etwas war ich nun wirklich nicht vorbereitet. Dass ich auf so einiges auf dieser Wallfahrt verzichten muss, ist ok, mit dem habe ich mich abgefunden und mich darauf eingestellt. Wo sind eigentlich die Duschen und Toiletten? Am Ende des langen Ganges entdecke ich sie.
Ängstlich beobachtet mich Doris und wartet darauf, was jetzt gleich passieren würde. Werde ich alles aufgeben, bevor es richtig angefangen hat, und mit dem nächsten Zug wieder zurückfahren? Aber ich denke an meine Schwester, wie sie sich schon so lange auf diese Pilgerwanderung gefreut hat und die ich ihr mit meinem Wegrennen versauen würde. Mit Gewalt gebe ich mir einen Tritt in den Hintern und schimpfe mich ordentlich aus. Auf der Stelle muss Schluss sein mit dem verwöhnten Prinzessinnen-Benehmen. Mit einem schiefen Lächeln drehe ich mich zu ihr um und beteure, zwar nicht gerade überzeugend, aber trotzdem: „Keine Angst, Schwesterherz, das ist halb so schlimm, so schnell wirst du mich nicht los.“ Erleichtert nimmt sie mich in die Arme …
Mit großer Anstrengung schaffen wir meinen Rucksack auf das obere Bett. Doris nimmt lieber das untere. Nun hoffen wir auf unser Glück, dass ja kein anderer zu uns in das Abteil steigen wird. Die Minuten bis 23.00 h schleichen dahin. Immer wieder schaue ich nervös auf meine Uhr. Wann ist es endlich Zeit zum Abfahren? Doch plötzlich, mir stockt der Atem, das gibt es doch nicht! Drei Minuten vor Abfahrt steigen mit letzter Puste zwei Männer gesetzten Alters in unser Abteil und besetzen die anderen beiden Betten. Aber wir haben nichts zu befürchten. Nach einem freundlichen Gruß legen sie sich schlafen.
Seit Stunden fährt der Zug mit gleichmäßigem Rütteln durch die Nacht unserem Ziel entgegen. Mit geschlossenen Augen liege ich da und höre dem leisen und gleichmäßigen Schnarchen der beiden Männer zu. Wie geht es Doris? Hoffentlich kann sie ein wenig schlafen und ruhen.
Frei lasse ich meine Gedanken treiben, bis sie bei dem schicksalshaften Tag, dem 29. Februar 2008, ankommen. Der Tag, der mein ganzes bisheriges glückliches und schönes Leben voller Liebe und Harmonie mit einem Schlag zerstörte. Jener Tag, als mein Mann zum Mittagessen nach Hause kam und mich nicht wie sonst verschmitzt aus seinen lieben blauen Augen anschaute und mich erwartungsvoll fragte: „Guess what!“ Mit einem wehmütigen Lächeln erinnere ich mich an unser tägliches Spiel, bei dem ich immer erraten sollte, was er am Morgen verkauft hatte. An jenem schwarzen Tag kam er mit hängenden Armen nur zögernd auf mich zu und schaute mich angstvoll aus gelben Augen an. Schon damals spürte ich, wie mir eine eiserne Faust für einen Moment das Herz zusammendrückte und der Schmerz mir den Atem nahm. Resolut schob ich das grauenhafte Gefühl von mir und fragte ihn mit einem missglückten Lächeln: „Mein Gott, was um Himmelswillen ist mit deinen Augen passiert, sie sind ja ganz gelb?!“
Irgendwann muss ich trotz allem eingedöst sein.



Donnerstag, 30. April 2009

Pünktlich um 6.00 h treffen wir in Pau ein. Müde und steif steigen wir aus dem Zug, nur um in einer öden, trostlosen Gegend zu landen, die in einem dichten Nebelmantel eingehüllt ist. Die Luft ist feucht und es ist sehr kalt. Augenblicklich erreicht meine bereits angeknackste Laune ihren Tiefstand.
Der kleine Bahnhof liegt einsam und verlassen da. Gegenüber bemerke ich einen größeren Platz mit einer Bushaltestelle. Einzelne Bäume lassen den Ort ein wenig freundlicher aussehen. Unser erster Weg führt uns direkt in die kleine Bahnstation, wo wir uns in den Toiletten, zuerst einmal so gut es geht, erfrischen, besonders Zähne putzen. Wenig später bekommen wir zu unserer Freude eine große Tasse heißen Kaffee und ein riesiges Croissant, gefüllt mit Schokoladencreme. Wir setzen uns an einen runden Tisch, verzehren genüsslich und bereits viel besser gelaunt unser Frühstück, während wir zuschauen, wie der neue Tag langsam um uns herum erwacht. Immer mehr ältere Männer kommen und setzen sich grüßend an die anderen, noch leeren Tischchen, lesen in Ruhe ihre Zeitung und trinken, bestimmt wie jeden Morgen, einsam ihren Kaffee.
Eine Stunde später fahren wir mit dem Bus durch idyllische kleine Dörfer langsam den Pyrenäen entgegen. Fast in jedem Ort hält er an, um Einheimische ein- oder aussteigen zu lassen. Außer uns beiden fährt noch ein anderer junger Pilger mit. Während sich der Bus langsam immer höher den Berg hinaufschlängelt, schauen wir bewundernd aus dem Fenster und beobachten aufmerksam die ungewöhnliche, eher wilde Gegend. Auf einmal müssen wir machtlos zusehen, wie sich eine Horde Raubvögel, riesige Geier und Adler, geballt vom Himmel herunter auf ein junges Fohlen stürzen, welches sich leider von seiner Herde getrennt hatte. Die älteren Pferde kommen alle laut wiehernd angerannt, um dem Kleinen zu helfen und um die Vögel zu verscheuchen. Aber vergebens, es ist bereits zu spät. Wie ein enorm großer schwarzer Mantel haben sich die Vögel über das Pony gelegt. Wie brutal die Natur sein kann!
Die Gipfel der schneebedeckten Berge kommen bei jeder Kurve immer näher. Es wird auch langsam empfindlich kälter. Hurrahhh, wir sind da …! Der Somport-Pass in 1.640 m Höhe, inmitten der Pyrenäen. Während wir uns fasziniert umschauen, stampfen wir vor Kälte mit den Füßen und reiben uns die gefrorenen Hände. Graue Wolken hängen tief über der prachtvollen Bergwelt.
Heute ist der Somport-Pass mit dem Dorf Candachú mit einigen Hotels ein viel besuchtes Winterresort mit guten Skipisten. Und von hier aus wollen wir nun über die Sternen-Route 860 km weit bis nach Santiago de Compostela pilgern. Unvorstellbar!
Bevor wir aber mit dem Abstieg beginnen, erwärmen wir uns im Café bei einer heißen Tasse Tee mit Schuss, dazu gibt es Kekse. Wir sind nicht die einzigen Pilger. Außer dem jungen Mann, der mit uns im selben Bus gefahren ist, er ist Deutscher und heißt Tobias, kommen wir mit einem jungen Ehepaar aus Aarau ins Gespräch. Sie erzählen uns, dass sie sich gut für diese Pilgerwallfahrt mit regelmäßigem Sport und langen Wanderungen vorbereitet hätten. Doris und ich schauen uns besorgt an, keine von uns hat je daran gedacht, sich mit etwas Sport auf dieses Abenteuer vorzubereiten. Das kann ja heiter werden!
Unterdessen ist es fast 13.00 h. Es wird Zeit zum Aufbrechen, auch wenn es hier drinnen so schön warm ist. Wir verabschieden uns herzlich von den anderen und wünschen ihnen allen ein gutes Gelingen. Wir ziehen unsere Handschuhe und Mützen an, packen die Rucksäcke auf unsere Rücken und so gut eingepackt marschieren wir los.
Ja hoppla, in welche Richtung müssen wir wandern? Nach unserem Buch müsste es doch hier entlanggehen. Aber eine große Schneewand versperrt uns plötzlich den Weg. Unter heftigem Gestöhne und Schnaufen (bestimmt habe ich auch geflucht) klettern wir wieder den Hang hinauf, von dem wir eben hinuntergestiegen sind, und befinden uns eine Ewigkeit später wieder ganz oben auf dem Pass.
Super, das fängt ja toll an! Wo ist denn der Wegweiser, wo sind die berühmten gelben Pfeile oder die Jakobsmuscheln, die uns laut Buch sicher den Weg weisen und uns zum Ziel nach Santiago de Compostela bringen sollen? Da wir wegen des vielen Schnees keine der gelben Pfeile entdecken, wollen wir dieses Mal sichergehen und entscheiden uns, eine kurze Strecke auf der Autostraße zu laufen, bis wir in schneefreies Gebiet kommen. Auf einmal sehen wir die anderen Pilger vom Dorf Candachú herkommen und nur einige Kurven unter uns die Autostraße überqueren.
Hoffnungsvoll laufen wir etwas schneller, um sie einzuholen. Vielleicht haben sie ja die gelben Pfeile entdeckt, welchen wir nachlaufen müssen. Kurze Zeit später stehen wir am Rande des schneefreien Waldes. Von den anderen aber sehen wir leider keine Spur mehr. Plötzlich ein Freudenschrei. Doris entdeckt an einem Felsen unseren ersten gelben Pfeil. Überglücklich, endlich auf dem rechten Weg zu sein, folgen wir dem etwas rauen und steilen Pfad bergab, klettern mutig über Felsengeröll und kämpfen uns stöhnend immer weiter durch dickes zum Teil dorniges Untergehölz. Obwohl mich Doris des Öftern warnt, dass wir bestimmt wieder vom Weg abgekommen sind und etwas hier nicht stimme, kämpfe ich mich stur immer weiter voran. Wieder und wieder bleibe ich mit dem Rucksack im dichten Geäst hängen, bis ich plötzlich in eine steil abfallende tiefe Felsenschlucht starre. Bleich vor Schreck schreie ich zu Doris nach hinten: „Stop, du hattest doch recht mit deiner Warnung, kehr sofort um, es geht hier nicht mehr weiter!“
Nachdem wir uns durch das undurchdringliche Untergehölz zurückgekämpft hatten, finden wir zum Glück den richtigen Weg und auch den gelben Pfeil wieder. Wir dürfen uns nicht immer wieder verlaufen, wir müssen unbedingt aufmerksamer werden und lernen, besser auf die gelben Pfeile zu achten, sonst landen wir sonst wo, aber nicht in Santiago.
Damit Doris auch einen sicheren Halt beim Laufen hat, überlasse ich ihr einen meiner Wanderstöcke. Mit einem geht es immer noch leichter als mit gar keinem. Langsam spüre ich meinen Rücken. Auch meine Füße fangen an höllisch zu brennen und zu schmerzen. Aber wir stolpern weiter über Geröll und Steine, bis wir auf einer kleinen Holzbrücke stehen bleiben. Während wir uns ein wenig ausruhen, schauen wir zu, wie der Bergbach unter uns über felsiges Gestein fließt und sich dann weiter unten im grünen Dickicht verliert. Immer weiter wandern wir den gewundenen Pfad bergab. Als wir eine große Wiese voll mit Osterglocken durchqueren, fängt es leicht an, zu nieseln. Dafür wird das Wetter langsam wärmer, auch der kalte Wind hat nachgelassen.
Nach fast drei Stunden kommen wir endlich erschöpft und völlig durchnässt im ersten Dorf, Canfranc-Estación, an. Ich kann nicht mehr. Alle Knochen tun mir weh. Es ist wieder kühler geworden und regnet immer noch leicht. An das Einzige, an das ich dauernd denken muss, ist ein heißes, gut riechendes Bad, ein kuscheliger Hausanzug, ein Kamin, in dem ein lustiges Feuer knistert, ein gutes Buch, schöne Musik und eine heiße Tasse Tee.
Während ich vor dem geschlossenen Touristenbüro unter einem schützenden Vordach auf einer Holzbank sitze und jammere, macht sich Doris auf die Suche nach einer Herberge. Ich muss lange warten, bis sie endlich zurückkommt und mir freudig mitteilt, dass sie eine Herberge gefunden hätte. Langsam humple ich murrend und ergeben hinter meiner Schwester durch den kleinen hübschen Ort. Ich bemerke einige vielversprechende Herbergen, die aber alle leider noch geschlossen sind. Auf einmal entdecke ich eine, die alle Fenster trotz Kälte weit geöffnet hat. „Überraschung!“, ruft Doris. „Das ist unsere Herberge Pepito Grillo!“ Na dann prost, das kann ja gemütlich werden!
Eine freundliche Wirtin führt uns in ein kaltes Zimmer im 1. Stock. Schnell schließt sie das weit offen stehende Fenster und dreht zum Glück die Heizung auf Maximum. Die Wände sind weinrot gestrichen. Links und rechts an der Wand stehen zwei einfache Etagenbetten aus Holz, welche mit sauberen, farbigen Laken bezogen sind. Zum Glück sind wir allein und jede von uns sucht sich ein Bett aus. Doris hat ihren Schlafsack bereits auf einem unteren Bett ausgebreitet, nur ich bekomme meinen nicht aus der Hülle. Bevor ich mich wieder aufrege, hilft sie mir und bald liegt auch mein Schlafsack ausgebreitet auf einem der oberen Betten.
Bevor ich mich aber darin einwickle, muss ich nach zwei Tagen endlich duschen. Beladen mit meinen Badeutensilien und meinem schnell trocknenden Mini-Handtuch, mache ich mich auf die Suche nach dem Badezimmer. Ach du Schreck …! Es ist eiskalt, denn auch hier ist das Fenster weit geöffnet. Auf der linken Wandseite befinden sich steinerne Waschbecken und auf der rechten Seite drei Duschen, wobei nur zwei davon Türen haben.
Schnell schließe ich das Fenster. Schlotternd und fluchend ziehe ich mich aus und renne auf dem eiskalten Steinboden zur Dusche. Nicht einmal ein Holzgitter gibt es, worauf man hätte laufen können. Eine der Türen sieht aus wie eine Ziehharmonika und wackelt leicht. Ganz vorsichtig öffne ich sie, um die Türe aber Sekunden später, mit einem überraschten Schrei, in der Hand zu halten. Ohne weiteren Kommentar stelle ich sie an die Wand, um wenig später endlich mit einem erleichterten Seufzer unter dem heißen Wasserstrahl zu stehen. Tut das gut, was für ein Luxus …!
Lange genieße ich das Duschen und fühle mich endlich wohlig warm. Nach einer ganzen Weile strecke ich vorsichtig ein Bein unter dem warmen Wasserstrahl hervor, um es aber im nächsten Moment sofort wieder zurückzuziehen. Es ist einfach zu kalt. Aber einmal muss ich ja aus der warmen Dusche raus. Also, jetzt los …!!! Mit einem Schrei renne ich hinaus und will mich in ein großes, flauschiges und warmes, kuscheliges Badetuch einhüllen, aber denkste … Hohnvoll glotzt mich mein Mini-Badetuch an, welches ich nicht einmal ganz um meine Hüfte wickeln kann. Während ich mich schnell abrubble, frieren meine Füße auf dem eisig kalten Boden an und ich spüre, wie sich Eiszäpfchen an meiner Nase bilden. Zum Glück sieht mich keiner. Splitternackt stehe ich unter einer Dusche ohne Türe und hoffe, dass keiner hereinkommt und mich so sieht … Mein Gott, wohin hat es mich verschlagen? Wenn mich so mein George sehen könnte! Was ist aus seinem verwöhnten Prinzesschen geworden, wo ist es nur gelandet …?
Zitternd vor Kälte verkrieche ich mich endlich im Schlafsack. Aber mir wird trotzdem nicht warm. Doris will mich mit Wolldecken, die sie gefunden hat, zudecken. Sehr entschieden lehne ich ab, denn die Decken sind alt und riechen muffig. Es dauert aber nicht lange und ich vergesse schnell meine Abneigung für die alten Dinger und bitte Doris, einige auf mich zu stapeln. Aber trotzdem kann ich nicht aufhören, mit den Zähnen zu klappern, und schlottere auch unter dem Deckenberg jämmerlich weiter.
Unaufhörlich prasselt der Regen ans Fenster. Uns fehlt eine heiße Tasse Tee zum Aufwärmen. Die Stimmung ist im Moment unter null. Hoffentlich wird das Wetter morgen besser. Es ist 18.00 h. Für die kleinen Snacks, die unsere Mutter uns für den Notfall mitgegeben hat, sind wir sehr dankbar. Werden wir aber trotzdem etwas Richtiges zu essen bekommen? Ich bin erschöpft und müde. Doris, der rettende Engel, konnte eine große Kanne heißen Tee, mit fast einer halben Flasche Rum darin, bei der Wirtin erbetteln. Sie hatte ein Einsehen mit den zwei durchgefrorenen Pilgerinnen.
Nachdem wir uns ein wenig aufgewärmt haben (ich liege zwar immer noch unter meinem Deckenberg), findet Doris den Mut, trotz dieses Sauwetters noch einmal wegen unserer Pilgerpässe, zum Touristenbüro zu laufen. Es war aber leider immer noch geschlossen. Dafür kommt sie mit einer guten Flasche Rotwein, einem knusprigen Baguette und Jamon zurück. Hurra, wir werden nicht verhungern!
Während wir genüsslich am Essen und Trinken sind, hören wir auf einmal ein Gepolter und Lärm die Treppe heraufkommen. Mit einem gewaltigen Satz springe ich geistesgegenwärtig unter meinem wohlig warmen Deckenberg hervor und schließe schnell die Türe ab. „Pssst. … keinen Laut mehr!“, flüstere ich Doris zu. Angespannt lauschen wir auf das energische Klopfen und Rufen der Wirtin. Die Türfalle wird mehrmals nach unten gedrückt. Wie zu Salzsäulen erstarrt stehen wir atemlos da und bewegen uns nicht. Einige Minuten später hören wir, wie die Türe vom Nebenzimmer geöffnet wird. Puhhh … noch einmal Glück gehabt und schon prusten wir beide lachend los. Wir kichern noch lange und freuen uns diebisch, dass uns dieser kleine Streich gelungen ist.
Wenig später bemerke ich leider, dass ich meine kleine Jakobsmuschel irgendwo oben im Dickicht verloren habe.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 246
ISBN: 978-3-99038-376-6
Erscheinungsdatum: 20.05.2014
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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