Geschichte & Biografie

Irmas Erinnerungen

Corrina Jacker

Irmas Erinnerungen

Aus meiner Kindheit und Jugend

Leseprobe:

Vorwort

Die Idee zu diesem Buch kam während meiner langen Rückenkrankheit (BSV), denn da kam ich endlich dazu, den Karton mit den alten Papieren zu durchstöbern, die ich nach dem Tod meines geliebten „Opa Ralf“ in Illertissen in unserer alten Villa fand.

Ich bin die zweite Enkelin von sechs Enkeltöchtern von Ralf Kemmer.
Opa Ralf war für mich immer eine Art Vaterersatz.
Ich gebar sechs Kinder, aber leider starb von meinem Zwillingspärchen (Junge und Mädchen) nach sechs Monaten unser über alles geliebter Nikolai. Opa Ralf begleitete mich oft zum Friedhof und war dadurch ein großer Halt für mich in meiner tiefen Trauer.

Mich haben schon immer seine lange Kriegsgefangenschaft und die daraus entstandenen Geschichten interessiert und fasziniert, aber seit ich seine Briefe las, die er aus russischer Gefangenschaft schrieb, ist mein Respekt vor seinem Leben noch mehr gewachsen.


2004

Am 16. April 2004 starb Opa Ralf im Karl-Christian-Planck-Stift
in Blaubeuren.
Das war ein großer Schock für mich, auch, weil ich ihn dort kein einziges Mal besuchen durfte.
Die Beerdigung zog wie ein böser Film an mir vorbei und ich brauchte eine gute Weile, um mich davon zu erholen.

Am 21. März 2008 stand ich morgens ziemlich früh auf, nach einer durchwachten Nacht, saß beim Frühstück und sah auf meine kahle Wand. Nach diesem langen Blick entschloss ich mich, eine Bildergalerie meiner Familie dort anzubringen.
Also erledigte ich erst meine tägliche Hausarbeit und begab mich dann mit Elan an das Sortieren der Bilder.
Als ich die Bilder meiner Großeltern an die noch leere Wand platzierte, fiel mir urplötzlich „der Karton“ ein. Ich weiß bis heute nicht, wieso, aber magisch ging ich zu dem Büfett, welches ich von meinen Großeltern habe, und nahm diesen „Karton“ heraus.
Ich begann darin zu stöbern und fortan konnte ich nicht mehr davon lassen.

Darin war einiges an Schulsachen von Lexi (Alexander Freiherr von Bethmann), der Deutsche Reichspass seiner Großmutter Irma Kemmer, sehr viele Originaldokumente der Brauerei Adolf Kempter und sämtliche Briefe und Karten, die Opa Ralf während seiner fünfjährigen Kriegsgefangenschaft aus Russland schrieb.

Und ich fand ein teilweise maschinengeschriebenes, teilweise in kleine Schulhefte handgeschriebenes Manuskript, stellenweise so unleserlich, dass ich für ein DIN-A4-Blatt drei Tage brauchte, um es zu entziffern.

Das Manuskript „Aus meiner Kindheit und Jugend“ von Irma Kemmer, geborene Kempter, in dem sie ihre Kindheit und Jugend in Illertissen beschrieb.

Daraufhin habe ich mich sofort an die Arbeit gemacht.
Ich habe sämtliche Briefe und Karten sortiert, Dokumente auseinandersortiert und angefangen das Manuskript zu lesen. Aber gleich nach den ersten paar Seiten war mir klar, dass ich für Irma ihr Buch veröffentlichen werde.

Ich wusste nur noch nicht, wie, aber das war egal. Ich fing gleich an ihren Text abzuschreiben.
Ich habe zusätzlich zu ihren Texten im Internet recherchiert, habe Bilder und Erklärungen eingefügt.
Unabhängig davon habe ich auch im Internet nach der Adresse und Telefonnummer von Lexi geschaut. Immerhin war es seine Großmutter, deren Manuskript ich hatte, und ich dachte mir, dass er sich freuen würde, wenn er sähe, was ich durch Zufall gefunden und vor dem Flohmarkt gerettet hatte.

Ich fand die Nummer und erreichte seine Frau. Ich sagte ihr, wer ich bin und was ich habe. Ich hinterließ meine Telefonnummer. Und ein wenig später rief Lexi mich auch an.

Wir redeten lange und vereinbarten, dass er mich besuchen kommen würde, um die ganzen Dokumente und das Manuskript einzusehen.
Ich habe ihm auch ein paar Seiten meines Manuskriptes per E-Mail geschickt. Er war begeistert wie ich und war sehr an der Geschichte seiner Großmutter interessiert.
Kurze Zeit darauf kam er auch und blieb länger als geplant. Er hat mir Briefe diktiert und einiges entziffert, was ich nicht lesen konnte. Wir vereinbarten dann den nächsten Besuch zur Besprechung, wie wir das Buch veröffentlichen könnten und würden.

Und so nahm das Schicksal seinen Lauf, dass Irmas Wunsch nach ihrem Tod doch noch erfüllt wurde.

Es ist mir eine große Ehre, für Irma Kemmer und meinem Opa zu Ehren, dieses Buch in Abdruck zu bringen und ihren Wunsch, den sie zu Lebzeiten hatte, ihr jetzt im Tod zu erfüllen.
Und für meinen Opa Ralf, der für uns und für Deutschland im Krieg war, der für uns die schrecklichen fünf Jahre russische Kriegsgefangenschaft überstanden hat und für meine Mutter ein Vater war und für uns Kinder ein ganz toller Großvater, der uns viel lehrte und der mich prägte.


Irmas Geschichte

Die Verfasserin dieser Erinnerungen hat uns den Teil, der sich auf ihr Leben als Kind in ihrem Elternhaus bezieht, zum Abdruck zur Verfügung gestellt in dem Gedanken, dass vielleicht mancher Leser dadurch an seine eigene in Illertissen verbrachte Jugendzeit erinnert wird und die jüngere und junge Generation erfährt, wie es „damals“ war.

Editorische Notiz

Die Schreibweise und Interpunktion der Tagebücher und des ersten Manuskriptes der Irma Kemmer habe ich direkt übernommen und nur so weit verändert, dass der Sinnzusammenhang klar wird.


„Aus meiner Kindheit und Jugend“

Von 1910–1944
Geschrieben für meine Kinder

Ralf, Lu, Maxi und Enkel Lexi

von

Irma Kemmer, geborene Kempter
Geboren 25.10.1878
Gestorben 3.2.1957
„Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit
klingt ein Lied mir immerdar.“
Da bin ich nun also allein. Und weil ich alleine bin, in den kleinen Räumen, in unserem Häuschen, die ich bewohnen darf, und viel freie Zeit habe in meinem einfachen Haushalt, kommt die Erinnerung. Die Erinnerung an die Kindheit, an die Jungmädchenzeit, an das vergangene Leben.
Ihr habt mich alleine gelassen. Das ist ganz natürlich!
Ihr habt euern Beruf da und dort, eure eigene Familie, Gott sei Dank, und seid mit Lexi und Bärli, eurer entzückenden Setterhündin, dahingefahren, in die Stadt eures Wirkens. Und ihr habt versprochen, mir so oft wie möglich zu schreiben und mich so oft als möglich zu besuchen.
Möge es euch gut gehen in eurem neuen Heim, das ihr euch zum zweiten Mal geschaffen habt, nachdem das erste verloren ging, wie so vieles verloren geht durch den Unverstand der Menschen.


Und zu mir kommt nun die Erinnerung

Ich will alles aufschreiben, mir zum Zeitvertreib und für euch, meine Kinder!
Ich möchte euch grüßen und euch danken, denn ihr seid gute Kinder und ihr und Vaterle seid und wart meine Freude und mein Glück.
Die Sorgen um euch sind vergessen.

Ich sehe in der Ferne der vergangenen Jahre ein kleines Mädchen. Sie hatte ein Brüderchen, das in seiner um ein Jahr älteren Männlichkeit sehr erhaben auf die kleine Irma herabsah. Es hatte einen Tiroler Anzug an, kurze Lederhöschen, weißes Hemdchen, grüne Hosenträger, graues Jöppchen, grau-grün gestrickte Wadenstrümpfe und ein Geißbubenhütchen auf dem reizenden Kinderköpfchen und blickte mit dunklen, ernsten Augen in die Welt. Auch ein kleines Gewehr hing ihm über die Schulter.

Die Irma an seiner Seite, als Tirolerin, wie es damals hieß, hatte ein rundes Hütchen auf einem runden Köpfchen, ein weißes Blüschen mit kurzen Ärmeln, ein schwarzes Samtmiederchen, rotes Röckchen mit einer weißen Schürze davor, weiße Strümpfe und schwarze Schuhe. So sah auch sie mit erstaunten Augen in die Welt oder vielmehr in den Fotoapparat hinein.

Das Brüderchen kümmerte sich nicht viel um die Schwester, denn die war ja bloß ein „Mädle“.

Also suchte sich die Irma andere Spielkameraden und da gab es genug in dem geräumigen Hause, in dem großen Hof, in den Ställen und im Garten. Da waren junge Kätzchen, die man in Puppenkleider stecken und im Puppenwagen spazieren fahren konnte.
Da war ein großer Hund, auf dem man reiten konnte. Es war ihm zwar nicht besonders angenehm, aber was will man machen, so einem Kind gegenüber, als erwachsener Hüter des Hauses.
Auch ein Dackel wurde in den Puppenwagen gelegt, mit einem Puppenjäckchen bekleidet und einem Puppenhut geschmückt in dem Hof spazieren gefahren.
Er ließ es sich gerne gefallen. Aber als einmal ein fremder Hund in den Hof kam, der die Neugierde des Waldi erregte, gab es eine Katastrophe!
Mit einem Satz war Waldi aus dem Wagen und es entstand ein Gebalge mit dem fremden Eindringling, dass der ganze Puppenstaat verstaubt und verschmutzt im Hof herumlag und große Wäsche mit Zuber, Bürste und Seife abgehalten werden musste.


Der Hof!

Ich habe ein Bild vor mir.
Es ist die naive Arbeit eines Wanderzeichners der damaligen Zeit.
Da steht in der Mitte im Hintergrund ein stattliches Brauhaus. Rechts davon das Wohnhaus mit dem gezackten Fuggergiebel zur Straße, links, gegenüber dem Wohnhaus, das lang gestreckte Ökonomiegebäude mit Pferdestall, zweitem Pferdestall, Kuhstall, Scheune, Kartoffelkeller, Schweinestall, Malzkeller und einem offenen Raum für Torf und Kohlen. Quer hinter dem Brauhaus ist eine Remise für die Bier- und Erntewagen und durch ein Tor sieht man in den großen Obstgarten mit Äpfel-, Birnen- und Zwetschgenbäumen.
Vorn in der Einfahrt in dem Hof steht rechts und links eine hohe schlanke Pappel und hinter dem Wohnhaus sind ein Gemüsegarten und ein Gärtchen zur Muße und am Ende ein Gartenhäuschen.

An dem Besitz vorbei läuft die Staats- und alte Römerstraße Kempten-Ulm.
Das war das Reich der Irma und da hat sie mit ihren Geschwistern ihre Kindheit und Jugend gelebt. Eine glückliche Kindheit und eine glückliche Jugend.

Sie dankt ihren lieben Eltern dafür!


Was ging und fuhr alles ein und aus in diesem Hof?

Bauern, die Treber holten als Mastfutter für ihre Ochsen und Kühe, Bierfuhrwerke von auswärts, die leere Fässer brachten und gefüllte holten, die eigenen, die die Fässer in die Wirtschaften des Ortes oder in die der Umgebung fuhren, der große „Bonzen“, der gefüllt vierspännig das neue Bier in die großen Keller an der Steige brachte. Dort wurde es in Garfässer abgefüllt, dann gelagert, um als „Kemptersches Lagerbier“ den wohlbekömmlichen Feierabendtrank zu spenden.

Zeitenweise ging es besonders lebhaft zu im Hofe. Da standen die großen Garfässer und der Küfermeister Vogt mit seinem Gesellen pichte sie aus und hämmerte im Taktschlag die Reifen fest.
Das war ein fröhlicher Klang und der Geruch des Pechs stieg der Irma in die Nase.

Gegenüber dem Wohnhaus auf der Südseite des Hofes war das Ökonomiegebäude, der erste Raum in diesem lang gestreckten Hause, ein Pferdestall. Da standen vier Pferde. Die beiden vorderen, größten, schönsten hatte der Fuhrknecht unter sich, das Oberhaupt der Knechte, Mägde und Tagelöhner. Es war meistens ein stattlicher Bursche, der bei der Kavallerie gedient hatte: Bei den schweren Reitern, bei den Chevaulegers(*) oder bei den Ulanen(*), einen anderen nahm der Vater gar nicht.
Er nahm überhaupt am liebsten „gediente“ Burschen in Dienst.
Sie waren durch die Erziehung im Heerstamme ordentliche junge Männer mit guten Manieren, die ihre Arbeit exakt verrichteten, ihre Pferde musterhaft versorgten und sich selbst gut und sauber hielten. Und wenn sie am Feierabend beisammensaßen, erzählten sie sich aus ihrem Leben beim Militär, sprachen voller Hochachtung von ihrem Hauptmann, sangen ihre Lieder von damals, das in Worte übersetzte Trompetensignal zur Attacke:
„Kartoffelsupp, Kartoffelsupp,
immer nur Kartoffelsupp,
Supp, Supp, Supp“,
oder das Stück Zapfenstreich:
„Soldaten müssen nach Hause gehen
und nicht mehr bei den Mädchen stehen,
trara, trara, trara.“
Und wenn Manöver in der Gegend waren und Kavallerie, Infanterie und Artillerie einmarschierte, im Ort einquartiert wurde und in der Nähe ihre Übungen hielt mit Kanonendonner und „Tack, tack, tack“ und am Sonntag die Militärmusik am Rathausplatz ihre Märsche spielte: den Hohenfriedberger, den Torgauer, den bayrischen Defiliermarsch, dann freute sich alles über die blitzblanken Leute, Pferde und Kanonen und über die schmucken Offiziere und niemand dachte daran, dass es auch dazu kommen könnte, dass all dies einmal in Not und Tod und Tränen enden würde.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 164
ISBN: 978-3-99003-241-1
Erscheinungsdatum: 30.09.2014
EUR 23,90
EUR 14,99

Herbstlektüre