Geschichte & Biografie

Interviews mit Frauen ab 60 – toll!

Karin Siegrist

Interviews mit Frauen ab 60 – toll!

Leseprobe:

Einleitung: Frauen ab 60 – toll!


Wie kam ich auf die Idee, Interviews mit Frauen zu machen? Die Idee kam plötzlich, als ich mit meinem Mann und besten Freund im „Amalfi“ saß und wir überlegten, ob wir noch einen Nachtisch wollten. Da hatte ich die Idee im Kopf: Ich möchte ein Buch über ältere Frauen schreiben, in dem die Frauen es nicht alle sinnloserweise ganz leicht haben wollen, um einem glücklosen Glück entgegenzusehen, wie oft in der Werbung, sondern wirklich sind. Sie sind alle auf unterschiedliche Art mit dem Leben zufrieden und unzufrieden, haben unterschiedliche Wege zum Jetzt hinter sich und sehen der Zukunft ins Gesicht. „Ja“, sagte ich zu meinem Freund, „das will ich machen, Interviews mit Frauen ab 60. Und ich leite das Buch so ein, dass man gleich merkt, das ist ja ein tolles Thema.“ „Ja“, antwortete mein Freund und Mann, „das klingt durchaus interessant.“ Es war mein großes Glück, dass ich die erste Frau fürs Interview sofort im „Amalfi“ fand und mich gleich mit ihr verabreden konnte. Und es war großartig, dass diese Frau so war, wie sie war. Wozu auch gehörte, dass sie mir weitere Interviewpartnerinnen vermittelte.
Ältere Frauen sind stark. Sie habe viel hinter sich gebracht, bis sie 60 oder 70 oder 80 wurden. Und schon mit 50 fängt es an, wird interessant zu sehen, wie sie ihr Leben gelenkt und auf den Punkt gebracht haben. Welches Bild fällt mir dazu ein? Ich sehe vor mir einen helllila Kometenschweif, der das Leben bis jetzt und die Vision vom Leben von jetzt an repräsentiert.
Frauen ab 60, womit fange ich an? Ich bin Soziologin und sofort beim demografischen Wandel. Man weiß, es gibt mehr ältere Menschen als je zuvor, damit auch mehr ältere Frauen. Im Jahr 2009 lebten in Deutschland etwa 82 Millionen Menschen, und von denen waren 17 Millionen 65 Jahre alt oder älter. Die 17 Millionen Älteren setzten sich zusammen aus 57?% Frauen und 43?% Männern*. Und man weiß auch, die Zunahme der älteren und alten Menschen hält an. Ich möchte jetzt aber nicht darüber nachdenken, was „die Gesellschaft“ – wer ist das noch gleich? – damit macht, dass 2060 etwa 33?% der Menschen in Deutschland 65 Jahre und älter sein werden, sondern ich begnüge mich mit dem Jetzt. Und das Jetzt regt mich nicht auf. Ich lebe ja im Jetzt und bin selber über 60, nämlich 69 Jahre alt. Wenn ich mit meinem Hund in den Park gehe, freue ich mich über alle Jüngeren und Jungen, die mir begegnen. Dasselbe in der Stadt beim Bummeln und beim Einkaufen. Und manchmal dabei eine leise Angst, dass es mir vielleicht nicht mehr so lange so gut geht, dass ich unbeschwert durch den Park spazieren kann.
Ich nehme mir vor, ein Buch über ältere Frauen zu schreiben, in dem alles vorkommt, wirkliche Frauen, die ich interviewe, die soziale Welt, in der Leben heute stattfindet, in Deutschland, und in der sie sich bewegen. Dann kurz charakterisiert etwas zur psychischen Situation der Interviewten und zur Vielfalt ihrer Lebensgeschichten. Vielleicht ist überhaupt Vielfalt das Thema.
Ich habe siebzehn Interviews gemacht. Die Frauen, die sich dem unterzogen haben, sind nicht repräsentativ, aber sie sind wirklich. Ihre jeweilige Schichtzugehörigkeit schätze ich ein. Im Übrigen sind Intelligenz und Wachheit stärker und fallen mehr ins Auge als ihre soziale Schicht.
Im Folgenden berichte ich, setze ein Statement hinter jedes Interview und versuche zum Schluss zu sagen, was ich gefunden habe. Natürlich ist das Ganze auch ein Gender-Thema. Stellen Sie sich vor: Männer ab 60. Das wäre eine andere Geschichte.





Interviews mit Frauen ab 60


Ich suche also Frauen ab 60 Jahre, im Großen und Ganzen, ohne dass Alter gleich die entscheidende Variable ist. Vielleicht sollten ein paar sehr alte Frauen dabei sein, über 80, die möglicherweise anders über die Welt reden als die 60-Jährigen. Und auch ein paar jüngere, so ab 50.
Die erste Frau: Sie hatte mich überrascht im „Amalfi“, als ich gerade dachte, das wär doch was, Interviews mit älteren Frauen, ohne dass es darum geht, sie primär als älter darzustellen. Dann sah ich sie und dachte, ja, die wäre so eine, wirkt selbstständig, spricht beim Weggehen mit dem Kellner, hat ein gutes Gesicht, ist schön angezogen, aber nicht zu schön, ist ziemlich dünn und etwa so alt wie ich. Nach kurzem Zögern stehe ich auf, sage „Entschuldige“ zu meinem Mann und gehe auf sie zu. Sie spricht noch immer mit dem Kellner. Ich stelle mich ein Stück weiter vor die sehr schön dekorierten Klotüren – eine sinnliche Frau in Rot und ein ebenso edel schöner Mann mit nackter Brust und Anzug. Sie scheint fertig zu werden, sie kommt auf mich zu. Ich lächle sie an und sage, ich würde sie gern interviewen. Und so weiter, dass mir das eben eingefallen sei, dass ich mehr Interviews mit Frauen machen möchte, dass ich Soziologin sei, die immer in der Medizin gearbeitet hat, dass das Ganze ein Buch werden soll. – Sie sagt, sie sei gerade offen für Neues. „Sie kommen nicht von hier?“, frage ich. „Nein, aus Cuxhaven.“ „Ich komme aus Hamburg“, sage ich. Wir lachen. Sie gibt mir ihre Festnetznummer. Sie wirkt wie obere Mittelschicht.
Eben kam ihr Rückruf. Morgen früh um 11 Uhr bin ich bei ihr zum Interview.
Aber wie finde ich Frauen? Interessante Frauen? – Auf der Straße ansprechen oder beim Einkaufen? Oder eine Frau mit Hund, die ich als Frau mit Hund kenne? Aber welche? Auf keinen Fall einen Internetaufruf machen.
Was suche ich eigentlich? Ich suche Vielfalt. Und wo suche ich? Ich suche in Rheinfeldt, wo wir jetzt wohnen, mein Mann und ich.





Frau Hallmann, 69 Jahre


Um 5 vor 11 Uhr komme ich bei Frau Hallmann an, mit meinem grünen Fahrrad. Es ist der 9.6.2016, schönes Wetter, noch etwas frisch. Wir sitzen draußen in der Sonne. Frau Hallmann trägt helle Jeans und eine schöne gestreifte Bluse. Ich mache die Diktierfunktion vom Handy an und frage, ob es recht ist, wenn ich aufnehme. Sie überlegt. „Mit Namen?“ „Nein“, sage ich, „anonym.“ – „Sagen Sie mir noch etwas zu Ihrem Plan? Zum ganzen Drumherum?“
„Ja, es soll nicht so strukturiert und standardisiert sein wie die Interviews, die ich früher gemacht habe. Das waren epidemiologische Interviews. Da ging es u.?a. um die Frage, ob bestimmte berufliche Belastungen in den Jahren vor einem Herzinfarkt ‚überzufällig‘ häufig auftreten. Dieses wird freier. Ich möchte wissen, wie Sie mit den ganzen Veränderungen in der Welt umgehen, mit dem schnellen Wandel. Ich fange an mit soziodemografischen Fragen?“ – „Ja.“

KS: Wie alt sind Sie? – Ich werde im September 70. – Und ich, ich werde im Dezember 70. –

Kurzes Anlächeln. Dann erzählt sie ihre Geschichte. „Denn“, so sagt sie, „was immer Sie mich fragen werden, ich möchte es auf der Basis meiner Lebensgeschichte beantworten. Ich bin in Cuxhaven geboren worden, mein Vater war Arzt, er starb sehr früh, da war ich knapp zwei Jahre alt. Meine Mutter hat unser Leben bestimmt. Sie hat gearbeitet, und wir Kinder waren ziemlich frei.“

KS: Was hat Ihre Mutter gearbeitet? – Sie war Fremdsprachenkorrespondentin. Ich bin zur Schule gegangen bis zum Mittleren Abitur und habe dann eine Ausbildung zur MTA gemacht. Ein Studium war nicht möglich bei unseren begrenzten Mitteln. Mit 24 Jahren bin ich nach Bern gegangen. Ich wollte immer gern ins Ausland.

KS: Warum nach Bern? – Es gab da ein Stellenangebot, das interessant aussah. Bern hat mir sehr gut gefallen, mein Chef war beeindruckend, ich bin schnell die MTA-Chefin geworden und habe gut Geld verdient. Mein Chef war sehr gut. Er mochte mich auch. Nach sechs Jahren bin ich zurückgegangen, weil meine Mutter krank geworden war, sehr krank, Krebs. Das ist bei uns so, oder bei mir, in solchen Situationen entscheide ich mich schnell. Das ist einfach, und das tut mir nicht leid. Es ist einfach so. Danach war ich in Münster. Da habe ich meinen Mann kennengelernt. Hier in Rheinfeldt sind wir jetzt seit über dreißig Jahren, bald sind es vierzig.

KS: Was macht Ihr Mann, oder was hat er gemacht? – Er war in einem Großkonzern. Ich habe dann drei Kinder bekommen, da war ich schon ganz schön spät dran, die kamen alle kurz nacheinander. Beim ersten war ich 34, beim zweiten 35 und beim dritten war ich 36. Drei Mädchen, wir verstehen uns gut, und mit einer mach ich gelegentlich Ferien.

KS: Und wohin fahren Sie so? – In den Süden. Das Tollste ist für mich die Sahara. Ich war sechsmal in der Wüste. Da bin ich allein hingereist. Zuerst war ich in Namibia, dann in Niger, Südalgerien und im Tschad.

KS: Wann war Namibia? – Da war ich 29, hatte mir vier Wochen unbezahlten Urlaub genommen, bin nach Lüderitz geflogen, weil Windhuk gesperrt war. Ich wollte aber unbedingt nach Windhuk. Ich sprach mit einem Ingenieur aus Namibia, das ergab sich so, und er lud mich ein, mit ihm nach Windhuk zu fahren. Er wohnte dort. Wir sind nachts gefahren, nachts durch die Namib.

KS: Wann sind Sie in die Sahara gereist? – Das war viel später, das fing vor zehn Jahren an, und die letzte Reise, das waren vier Wochen im Tschad letztes Jahr.

KS: Und was haben Sie dann so gemacht, als die drei Töchter größer waren? Haben Sie wieder gearbeitet? – Ich habe mich für Yoga interessiert, ein gutes Buch dazu gefunden, angefangen, Yoga zu praktizieren. Da war ich vierzig. Irgendwann kam ein älteres Ehepaar zu mir, um es zu lernen. Wir haben es dann regelmäßig gemeinsam gemacht. Als das Ehepaar aufhören wollte, nach Jahren, fragte mich der Mann, ob ich mir vorstellen könnte, einen Kurs an der Volkshochschule zu geben. Ich habe gesagt, das kann ich nicht, das traue ich mir nicht zu. Nun ja, ich habe den Kurs dann angeboten. Er wuchs sehr schnell. Jetzt gebe ich zwei Kurse, und jeder hat um die vierzig Teilnehmer. Ich selber mache jeden Tag Yoga. Ich hatte immer das Bedürfnis, es richtig zu lernen, und als die Gelegenheit kam, habe ich sie genutzt, habe also selber einen Kurs besucht.

KS: Haben Sie Freundinnen? – Die Freundin, die ich am letzten Donnerstag zur Bahn gebracht habe – eine Woche lang hatte sie mich besucht –, die kenne ich seit mehr als vierzig Jahren; das war in Bern, wo wir uns kennengelernt haben. Sie ist meine beste Freundin. Wir haben uns erst befreundet, als ich zwei Kinder hatte und sie eins. Wir reden über alles, und keiner erfährt etwas davon. Wenn sie Zahnschmerzen hat, ja, das kann ich weitererzählen, aber keine Details vom Zahnarztbesuch, davon, wie sie sich fühlt. Und jetzt, wenn sie hier ist, machen wir alles zusammen, wir gehen auch shoppen. Dann habe ich noch zwei Freundinnen aus Schulzeiten. Wir sehen uns seltener, so ein- bis zweimal im Jahr. Schließlich sind Frauen von Berufspartnern meines Mannes dazugekommen oder Frauen, die ihre Kinder im selben Kindergarten hatten. Das sind nicht so enge Freundschaften.
Ja, wichtig für mich sind die Beziehungen zu den Töchtern. Studiert haben alle. Die mittlere hat etwas Wirtschaftswissenschaftliches gemacht und Jura. Sie arbeitet jetzt im Bundespresseamt. Seit Kurzem hat sie die Aufgabe, Nachrichten für die Jüngeren anders aufzubereiten, sie nicht für Zeitungen und fürs Fernsehen aufzumachen, sondern für neuere Portale. Das ist ganz spannend. Wir verreisen auch zusammen. Das ist sehr schön. Alle drei Töchter sind unverheiratet. Ob sie heiraten, ob sie Kinder bekommen? Ich werde das sehen.

KS: Welche Männer haben in Ihrem Leben eine Rolle gespielt? Wie sahen die Beziehungen aus? Beziehungen früher, Beziehungen heute? – Früher in Bern, da war noch ein Oberarzt, sehr engagiert, sehr interessiert an den Dingen, die auch für mich spannend waren. Das ergänzte sich beruflich mit meinem. Der Chef, der war fachlich sehr gut, ich habe viel dort gelernt, das hat mir in Deutschland geholfen. Ach ja, vorher, ich bin ja geritten, da war ich mit einem Springreiter befreundet.

KS: Lebensalter quasi 70: Was bedeutet das für Sie? Wenn Sie sich etwas vornehmen, gehen Sie da explizit vom Alter aus? Haben Sie eine „Altersrolle“, oder entwickeln Sie eine? Soll sie, falls es sie gibt, regelmäßig (z..B. jährlich) aktualisiert werden? – Nein, gar nicht. Ich gehe davon aus, dass es mir gut geht, ich kann sitzen, stehen, laufen, mach relativ viel Sport. Ich kann in die Wüste reisen. Ob es nächstes oder übernächstes Jahr geht, kann ich nicht wissen. Meine grauen Haare? Als sie grau wurden, habe ich sie so gelassen. Ich finde sie ganz gut so.

KS: Stellen Sie sich manchmal vor, wie geht es wohl die nächsten fünf Jahre? – Nein, das stelle ich mir nicht vor, nein, eigentlich überhaupt nicht.

KS: Haben Sie eine Beziehung zu Musik? – Früher war ich auf einer Jungenschule, da kamen die Mädchen alle in den Chor. Einmal sind wir alle nach Hamburg gefahren und haben mit den Hamburger Symphonikern gearbeitet. Wir haben sie bei Beethovens Neunter unterstützt. Das war toll. – Wie alt ich war? Ungefähr dreizehn. Ja, Beethoven war bei mir der Erste, die erste richtige Begegnung mit klassischer Musik. Ich bin dann immer in Konzerte gegangen. Was das für mich bedeutet? Entspannung, gute Laune, Abstand. In der Wüste höre ich vom iPod Schubert. Oder auch im Strandkorb hier. Neulich habe ich ein Konzert mit Lang Lang gehört, und ich finde, er wird immer besser. Bei seinem ersten Konzert hier war ich entsetzt. Aber jetzt hat er hier so viel gelernt, hat gelernt, die Musik zu interpretieren, das ist so viel besser.

KS: Lesen Sie gern? – Ich lese gern geschichtliche Dinge. Da war ein Buch über Island, das handelte von einer jungen Frau, die einen Mann getötet hatte, im letzten Jahrhundert. Sie sollte vom Henker geköpft werden, hatte das Gericht beschlossen. Das Beil dazu wurde in Dänemark in Auftrag gegeben. Man hatte das letzte solche Urteil vor zweihundert Jahren vollstreckt. Und die Frau, die gemordet hatte, sollte solange bei einer Familie in einer ganz einsamen Ecke Islands untergebracht werden. Was sollen wir hier mit einer Mörderin bei uns im Haus?, fragte man sich in der Familie. Aber als sie dann kam, haben die Mädchen doch mit ihr gesprochen, und immer mehr. Dabei kam heraus, dass sie den Mann getötet hatte, weil er offenbar unter starken Schmerzen litt, die nicht zu heilen waren. Sie hatte aber vor Gericht nicht gesprochen und auch später nichts mehr dazu gesagt. Sie wurde dann wirklich gehenkt. – Wenn es spannend ist, lese ich exzessiv. Da war neulich so ein Buch, da habe ich gesagt, jetzt macht sich jeder sein Abendessen selber, ich will es zu Ende lesen.

KS: Lesen Sie das eine oder andere immer wieder, weil Sie da immer wieder Neues entdecken? – Nein, das nicht. Das sind etwa – sie zögert, denkt nach – zehn Bücher, die ich zweimal gelesen habe.

KS: Wie gehen Sie um mit der Migrationswelle? – Wir versuchen, so weit wie möglich zu helfen. Wie Frau Merkel es gesagt hat. Für Leute aus den Ländern, wo Krieg ist, Syrien und Irak, für die muss mehr geschehen. Aber was passiert mit denen aus möglicherweise bald sicheren Herkunftsländern? Marokko beispielsweise, da sind 25?% der Bevölkerung bis 25 Jahre alt. Natürlich finden die niemals alle Arbeit in Marokko, und natürlich suchen sie. Wer gute Arbeit sucht, will oft nach Deutschland. Oder wer gut Geld verdienen will. Können wir die alle aufnehmen? Ich glaube das nicht. In Israel ist seit dreißig Jahren Krieg, das ist furchtbar für alle. Die Ärzte in Münster sagen, syrische Migranten wollen Deutsch lernen. Aber dann, wenn es etwas besser aussieht in Syrien, dann wollen sie zurück und helfen, ihr Land wiederaufzubauen. Wenn man sich ansieht, wie Europa, wie die EU mit Migranten umgeht, dann muss man sagen, schrecklich.

KS: Sie lieben Ihren Garten? – Ja, den habe ich angelegt, nach und nach, den liebe ich sehr. Ich sehe auf den Teich, die Wasserpflanzen, das Blühende drum herum und fühle mich gut.

KS: Sie haben schon von Reisen in die Wüste erzählt. Reisen Sie auch sonst gern? – Ja, ich reise gern, ich reise gern allein, und ich reise in den Süden. Meistens.

KS: Kochen Sie gut, auch für Gäste? – Oh ja, da entwickle ich einen ziemlichen Ehrgeiz. Ich habe schon für sechzig Leute gekocht. Einmal im Jahr koche ich für zehn Leute.

KS: Und was zum Beispiel? – Ja, z.?B. ein Kalbsragout Marengo, einen toskanischen Topf mit Fischen, zum Nachtisch eine Mousse au Chocolat mit sehr guter Bitterschokolade, rote Grütze, Apfelkuchen.

KS: Machen Sie die Mousse auch mit Lindt Edelbitter 70?%? – Nein, ich habe eine andere Quelle, auch sehr fein und sehr bitter. Und bei mir kommt kein Zucker dazu.

Und ich dabei, wie fühl ich mich beim Interview und vor allem danach? Was geht mir durch den Kopf, wenn ich das, was sie gesagt hat, zur Lebensgeschichte und zu den für sie wichtigen Dingen, aufschreibe?
Inzwischen ist Frau Hallmanns Schulter operiert worden. Es ging gut. Aber: In die nicht vorgesehene Lücke zwischen zwei Knochen der Schulter (eine Pseudo-Arthrose, nennt es die Medizin) wurde ein Stück Knochen aus dem Becken eingefügt. Jetzt schmerzen Schulter und Becken. Die OP ist etwa zwei Wochen her. Ich frage Frau Hallmann: „Wie fühlen Sie sich nach der OP, anders als vorher?“ – „Nein, gar nicht. Noch tut alles weh, noch kämpfe ich. Aber ich bin diszipliniert. Meine Freundinnen sagen: ‚Wenn eine das hinkriegt, dann bist du das.‘ – Ich habe ein Wort, das ich manchmal benutze: Ich will, dass ich kann, was ich muss. Aber im Moment kann ich mich zurücklehnen und sagen, ich kann jetzt nicht. Jetzt habe ich ein bisschen heitere Gelassenheit. Ich habe zwei schöne Einladungen abgesagt. Dabei hilft immer Yoga. Da hilft mir ganz aktiv die Atmung. Ein etwa zweitausend Jahre alter Yoga-Meister, Mediziner und Philosoph, hat gesagt: Yoga ist das Zur-Ruhe-Bringen der Gedanken im Geist. Damit wird man auch gelassener. Mit dem Beckenknochen, das ist ein bisschen mühsam. Ich übe jetzt eine Lektion Geduld neu. Ich habe gerade einen Urlaub abgesagt, bzw. der wurde abgesagt, weil die Erlaubnis der algerischen Regierung nicht kam.
Ich bin auch begeisterter Städtereiser, war eine Woche in New York, war in Oslo, Stockholm, Barcelona, Athen. Und in weiteren Städten. Nächstes Jahr geht es nach Florenz mit einer Tochter. Letztes Jahr war ich mit einer anderen Tochter in Zürich.

KS: Was empfinden Sie, wenn Sie in der Sahara im Schlafsack liegen und in die Sterne gucken? – Freiheit. Ich genieße in der Wüste die Freiheit. Und es kommt das Empfinden von Demut. Wenn ich mich frei fühle, das macht mich sehr ruhig. In der Wüste sehe ich immer sehr viele Dinge, den Kopf von de Gaulle zum Beispiel – Wenn ich im Zug nach Frankfurt sitze, sage ich mir, das Abenteuer beginnt. Ich erlaube mir nicht, mit meinen Gedanken zurückzugehen. Das Lernen von Gedanken, nein, anders, vielleicht das Sichlösen von Gedanken, ist auch Yoga. Ich hatte einen Großvater, der Bahnarzt war in Afrika, Anfang des letzten Jahrhunderts. Er war dabei beim Bau der Eisenbahnlinie zum Tanganjikasee. Von ihm habe ich wohl dieses Reisenwollen. Meine Schwester hatte davon gar nichts. Sie war ein Jahr älter als ich. Sie ist vor fünfzehn Jahren an einem Ösophagus-CA gestorben. – Ich hatte einen Anruf, etwas ganz Tolles, von einem Vetter, der ist Geografieprofessor. Er hat in Ruanda eine Partnerschule, da wird gesammelt. Mit dem telefoniere ich immer mal. Der kennt nicht, dass ich sage, mir geht’s bescheiden. Er sagte dann: „Ich plane eine Reise.“ Ich: „Wohin geht’s?“ – „Nach Grönland.“ – Ja! Und darauf kann ich mich noch freuen. Solange ich’s noch kann, will ich reisen.
Manchmal kommt Wut bei mir hoch, wenn ich sehe, wie sie die Welt kaputt machen. In der Sahara fliegen Plastiktüten durch die Luft. Die kommen aus den Oasen.

KS: Die Leute da wissen es nicht besser? – Nein, die wissen es nicht.

KS: Noch mal zur Mutter: Was hatte sie beruflich gemacht? – Die Mutter hatte nach dem Abitur Fremdsprachenkorrespondentin gelernt. Sie hat für eine Firma in Stuttgart gearbeitet. Ihr Abi hatte sie 1944. Sie hätte, nachdem sie die Kinder bekommen hat, in Stuttgart wieder als Fremdsprachenkorrespondentin arbeiten können, aber sie wollte in ihrem kleinen Ort bei Cuxhaven bleiben, und sie hat dort eine Ausbildung zur Hebamme gemacht. Sie hatte ja Medizin studieren wollen, aber dafür reichte das Geld nicht. Sie hat dann angefangen, Medizin zu studieren mit 45 Jahren, bis vors Physikum, und dann hat sie es aufgegeben. Ich war da 16. Es hat mir etwas ausgemacht, dass sie gesagt hat: „Du hast es mir unmöglich gemacht, weil du eine komplizierte Blinddarmentzündung hattest.“ Aber ich wagte es nicht, sie darauf anzusprechen. Als ich dann aus der Schweiz zurückkam, ihretwegen, wegen ihrer Krebserkrankung, da war es zu spät, sie auf das Unfaire von damals aufmerksam zu machen. Ich habe geholfen, dass sie – die Mutter – zu Hause sterben konnte. Als ich danach anfing, ihre Sachen zu ordnen, fand ich in ihrem Nachttisch ein Päckchen verschnürter Briefe. Darauf ein Zettel: „Zu verbrennen“. Ich habe das dann sofort gemacht, den Kamin angezündet, die Briefe hinein, und es meiner Schwester gesagt, die dazukam. Die Mutter hatte ganz wenig Kontakte gehabt. Sie machte keine Einladungen. Nur zu Silvester. Bestimmt waren viele Träume in ihrem Kopf. Sie ließ Emotionen nicht raus. Die Mutter hätte gern mehr Kinder gehabt. Das Enkelkind – Kind der Schwester – war eine große Freude für sie.
Ich hatte guten Kontakt zur jüngeren Schwester meiner Mutter. Die dann mit 50 an Muskelschwund erkrankte. Sie arbeitete gern im Garten. Sie war eine Art zweite Mutter für mich. Der Onkel, ihr Mann, hat sie 15 Jahre lang begleitet. Ganz zeitig hat sie meine Kinder wie Enkelkinder angesehen. Sie hat mal zu mir gesagt, wirklich, ich kann die Kinder jetzt nehmen, und ihr, mein Mann und ich, fahrt in Urlaub. Da war die Erkrankung noch nicht so ausgeprägt. Wir sind dann nach Madagaskar gefahren, und die Kinder hatten eine Oma.
Wir sind ja eine kleine Familie, die Männer blieben im Krieg. Die alten Tanten kamen immer zur Großmutter, die lebten im selben Dorf, sie kamen vor allem zum Feiern.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 110
ISBN: 978-3-95840-564-6
Erscheinungsdatum: 11.01.2018
EUR 14,90
EUR 8,99

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