In einem Meer aus Blut und Tränen
EUR 30,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 532
ISBN: 978-3-99130-538-5
Erscheinungsdatum: 20.08.2024
David, Sohn eines erfolgreichen Unternehmers; Martin, das Findelkind von Mönchen großgezogen – noch ahnen sie nicht, dass sich ihre Schicksale auf dem Schlachtfeld des Ersten Weltkrieges kreuzen werden und dies nur der Anfang von turbulenten Jahrzehnten ist.
1. BUCH
Kapitel 1
Dem neuerlichen Anfall hielt sein von der Krankheit geschwächter Körper nicht mehr stand.
Blut und Eiterklumpen spuckend, immer wenn er hustete, so lag er da und bewegte lautlos die Lippen im Gebet.
Er betete das Sündenbekenntnis des großen Versöhnungstages.
Mit einem feuchten Tuch tupfte Jakob das schweißbedeckte Gesicht des Vaters, um ihm Kühlung zu verschaffen.
Der ausgemergelte Körper glühte fiebrig und hatte längst den aussichtslosen Kampf gegen diese heimtückische Krankheit verloren.
Die Erlösung kam aber erst jetzt, nach Wochen, in denen der Kranke unsagbare Schmerzen hatte erdulden müssen.
Ein letztes Mal bäumte Aaron Rosendahl sich auf und röchelte auf Hebräisch „echad Jisrael“, dann sank er kraftlos in die Kissen zurück und glitt hinüber in den Tod.
Jakob stand unbeweglich neben dem Bett und schaute in das Gesicht seines Vaters.
Fast durchsichtig, wie Pergament umspannte die aschfahle Haut den Schädel des Toten.
Er erinnerte sich daran, welche rosige Gesichtsfarbe sein Vater früher gehabt hatte.
Für den Jungen war es die erste Konfrontation mit dem Tod und ein Schauer lief ihm über den Rücken. Er war mit einem Toten in einem Raum.
Lange genug hatte er sich auf diesen Moment einstellen können, als die Unheilbarkeit der Krankheit seines Vaters zur Gewissheit wurde und es nur noch eine Frage der Zeit war, wann es zu Ende gehen würde.
Jakob schämte sich für das Gefühl, das er jetzt empfand. Es ekelte ihn.
Widerwillig gab er sich einen Ruck, denn es musste sein.
Er legte den Toten auf die Erde, zog ihn nackt aus und zündete ein Licht an.
Er wusch seinen Vater gründlich mit Wasser und Seife. Dann zog er ihm ein schlichtes Totenhemd an. Dieses Hemd hatte Jakobs Mutter nach altem jüdischem Brauch ihrem Bräutigam zur Hochzeit geschenkt.
Jakob vergewisserte sich, ob er nichts vergessen hatte, und ging zur Tür.
Einen Augenblick zögerte er noch, dann öffnete er sie und weckte seine Mutter.
Als sie den Raum betrat und ihren toten Ehemann erblickte, schluchzte sie laut auf und Jakob musste sie stützen.
Er sagte leise: „Gräme dich nicht Mutter, er hat nun keine Schmerzen mehr.“
Sie umarmte ihren Sohn und küsste ihn, wie sie ihn als Kind immer geküsst hatte, auf die Stirn, die Augen und auf beide Wangen.
Die letzten Wochen waren schlimm gewesen. Abwechselnd hatten sie am Krankenbett gewacht und Jakob merkte seiner Mutter die Anstrengungen an.
Schweigend standen sie nebeneinander, blickten hinunter auf den Leichnam und dachten beide das gleiche.
Was soll jetzt werden?
Drei Tage später wurde Aaron Rosendahl auf dem kleinen Friedhof der jüdischen Gemeinde beigesetzt.
Ein schlichter Sarg, kein Blumenschmuck, kein Grabstein.
Im Tod sind alle Menschen gleich, sagen die Juden.
Jakob verließ die Schule, er musste Arbeit finden, denn er war jetzt für sich und seine Mutter verantwortlich.
Eine Zeitlang lebten sie noch von Erspartem, aber das war schnell aufgebraucht und Jakob musste Geld verdienen.
Er fand eine Anstellung in einer der zahlreichen privaten Schlachthallen, die es in einer so großen Stadt wie Berlin gab.
Der Schlachthofbesitzer, ein kleiner, fetter, unfreundlicher Mann namens Otto Jakubke zeigte wenig Begeisterung, als Jakob ihn um Arbeit bat, aber als er ihm sagte, er würde alles tun, wirklich alles, willigte er schließlich ein.
Jakob meldete sich am nächsten Morgen pünktlich um fünf Uhr zur Arbeit und sein Chef drückte ihm einen groben Straßenbesen in die Hand und erklärte ihm, was er zu tun hatte.
Mit dem Besen wurden die Eingeweide, die man den geschlachteten Tieren herausriss und die man einfach auf den Boden fallen ließ, zusammengekehrt und anschließend mit den bloßen Händen sortiert.
Därme und andere Innereien der Tiere wurden gesäubert, von den Fäkalien getrennt und in einen dafür vorgesehenen Bottich geworfen, der mehrmals am Tage geleert werden musste.
Kot, Urin und Blut der Tiere kehrte Jakob in eine Rinne, die am Ende der Halle in eine Grube endete, die so fürchterlich stank, das Jakob sich in den ersten Tagen mehrmals übergeben musste, sobald er auch nur in die Nähe der Grube kam.
Das Tempo, mit denen die Männer den geschlachteten Tieren die Eingeweide aus den aufgeschlitzten Leibern rissen, konnte Jakob anfangs nicht beibehalten und so wurde er oft angeschrien und beschimpft. Darunter litt er fast noch mehr als unter der stumpfsinnigen und ekelerregenden Arbeit.
Jakob biss die Zähne zusammen und nach ein paar Wochen ging er seiner Tätigkeit wie im Schlaf nach, hielt das Arbeitstempo, das verlangt wurde, spielend bei.
Nach sechs Monaten bekam Jakob einen anderen Arbeitsplatz zugewiesen.
Er musste in großen Trögen die Därme auskochen, die dann anschließend zum Trocknen aufgehängt wurden, um sie später mit Wurstmasse zu füllen.
Eine leichte Tätigkeit.
Sein Fleiß und seine Anpassungsfähigkeit wurden belohnt, denn er tat, was von ihm verlangt wurde, beklagte sich nie und er lernte.
Nach und nach arbeitete er überall in der Halle, sprang hier und da ein und lernte so das Metzgerhandwerk von der Pike auf.
Nach zwei Jahren konnte er alles, was für die Schlachtung und Verarbeitung von Rindern, Schweinen, Schafen und Ziegen beherrscht werden musste.
Sein Chef schätzte ihn wegen seiner Zuverlässigkeit und bei seinen Kollegen war er beliebt wegen seiner Hilfsbereitschaft.
Kurz vor seinem achtzehnten Geburtstag starb Jakobs Mutter.
Sie war nie über den frühen Tod ihres Mannes hinweggekommen.
Sie starb, wie sie gelebt hatte, still und unauffällig.
Jakob war ganz allein.
Nach der Beerdigung verkaufte Jakob den gesamten Hausstand.
Er zog in ein billiges, möbliertes Zimmer. Er brauchte nicht viel, denn er war sowieso nur selten zu Hause und konnte so mehr sparen.
Irgendwann nämlich hatte Jakob angefangen zu träumen.
Eher wage zuerst, aber dieser Traum bekam immer realistischere Züge.
Ein eigenes Geschäft.
Denn mit seiner Hände Arbeit alleine, konnte er nichts erreichen, auch wenn er noch so schuftete, das hatte er längst erkannt.
Er würde eine Möglichkeit finden, auf eigenen Füßen zu stehen.
Er würde die stinkende Halle verlassen, auf jeden Fall.
So vergingen die Jugendjahre des jüdischen Jungen Jakob Rosendahl.
An einen kalten Novembertag, Jakob ging wie immer zu Fuß zur Arbeit, um das Geld für die Straßenbahn zu sparen, dachte er wie so oft über seine Pläne nach.
Er hatte jetzt annähernd 2.500 Reichsmark gespart.
Er fing jeden Morgen um fünf Uhr zu arbeiten an, manchmal sechzehn Stunden am Tag, auch samstags und manchmal auch sonntags, denn der Fleischbedarf einer Großstadt wie Berlin war enorm.
Von seinen Arbeitskollegen wurde er oft gehänselt, weil er keine Gelegenheit ausließ, seinen Verdienst durch Überstunden aufzubessern, aber das störte ihn nicht.
Sie wussten nichts von seinen Plänen, denn er sprach mit niemandem darüber.
Jakob war fünfundzwanzig Jahre alt und die Zeit schien reif, seine Träume zu verwirklichen.
Ein Jahr wollte er noch sparen, dann schätzte er, hätte er genug beisammen, um sich in der näheren Umgebung einen eigenen Metzgerladen zu kaufen.
Er ging schneller, ihm war kalt.
Als er um die Ecke bog, sah er seine Kollegen auf der Straße stehen und wusste im gleichen Moment, das etwas passiert sein musste.
Als er die Schlachthalle erreicht hatte, sah er den Polizisten, der im Eingang stand und die Tür bewachte.
„Was ist denn hier los“, fragte Jakob. Der Buchhalter der Firma kam auf ihn zu und antwortete eifrig: „Der Alte ist gestern Abend verhaftet worden, Steuerhinterziehung. Ich muss den Beamten nachher sämtliche Bücher aushändigen. Wie es aussieht, ist hier erst mal Feierabend.“
„Worauf warten die anderen denn noch?“ Jakob deutete mit einer Kopfbewegung auf seine Kollegen, die in einer Gruppe nahe dem Eingang standen und sich leise unterhielten.
„Neugier, was denn sonst. Außerdem will jeder wissen, wie es jetzt weitergeht.“
Der Buchhalter wollte sich entfernen, doch Jakob hielt ihm am Ärmel fest.
„Und, wie geht es weiter?“, fragte er.
„Keine Ahnung.“ Der Buchhalter machte seinen Arm los.
„Aber wie ich die Sache einschätze, geht unser Chef für lange Zeit ins Gefängnis.“
„Wir werden den Schlachthof versteigern müssen, Herr Rosendahl, um wenigstens nicht alles in den Schornstein zu schreiben, was Herr Jakubke uns schuldet.
Es sei denn, wir finden einen solventen Käufer. Einen zahlungskräftigen Käufer. Um die Verbindlichkeiten dieses Herrn in etwa abzudecken.“
Der Bankdirektor sah Jakob durch seine randlose Brille an.
Er konnte kaum glauben, dass dieser kleine Metzger, der vor ihm saß, ernsthaft in Erwägung zog, ein solches Objekt zu kaufen.
Reine Zeitverschwendung hatte er bei sich gedacht, als seine Sekretärin den Besuch eines gewissen Jakob Rosendahl ankündigte.
Doch er wollte nicht unhöflich erscheinen und so ließ er bitten.
Nun saß Jakob vor ihm und wusste vor Verlegenheit nicht wohin mit seinen Händen.
Noch immer blickte der Bankdirektor Jakob an und wartete.
Jakobs Mund war ausgetrocknet und er konnte immer nur denken: Hier ist sie, meine Chance, hier ist sie.
Als er sprach, kam ihm seine eigene Stimme fremd vor. „Um welche Summe handelt es sich denn?“ „Sind sie denn ernsthaft interessiert?“
Der Direktor lächelte freundlich und als Jakob nickte, beugte er sich weit vor, als wollte er flüstern, sprach dann aber mit unveränderter Stimme weiter. „6.000 Reichsmark“, sagte er, wobei er sein Gegenüber genau beobachtete, doch konnte er in dessen verschlossenem Gesicht keine Regung entdecken.
Jakob stand auf. „Angesichts dieser Summe muss ich passen.“
Er hielt dem Direktor seine Hand entgegen, doch dieser übersah sie, stattdessen bedeutete er Jakob, sich wieder zu setzen. Er seufzte.
„In welcher Größenordnung bewegen sich denn Ihre Vorstellungen?“
Er musste sich eingestehen, diesen jungen Mann gründlich unterschätzt zu haben.
„Das Höchste, was ich flüssig machen kann, sind 3.500 Reichsmark.“
Der Direktor verdrehte die Augen und schien nach Luft zu schnappen.
„Lieber Herr Rosendahl, das ist nicht Ihr Ernst, Sie ruinieren mich.“ Bei sich dachte er: kleiner jüdischer Schweinehund.
Als er aber sah, dass Jakob sich abermals erheben wollte, hob er beschwichtigend die Hand und auf seiner Stirn bildeten sich feine Schweißperlen.
„Mein letztes Angebot“, sagte er und tat unglücklich: „4.500 Reichsmark.“ Säuerlich fügte er hinzu: „Den Schreibkram, Notarkosten etc. übernimmt meine Bank.“
Jakob holte tief Luft und zum ersten Mal an diesem Morgen, seit er die Bank betreten hatte, entspannte er sich und ein Lächeln huschte über sein Gesicht.
„Abgemacht“, sagte er und sie schüttelten sich die Hand.
Das Geschäft war perfekt. Jakob war Unternehmer.
Jakob wusste, dass es sich um einen einmaligen Glücksfall handelte, den Schlachthof zu erwerben, noch dazu zu diesem Preis.
Er wusste aber auch, dass er noch eine Menge zu investieren hatte, um den Betrieb auf Vordermann zu bringen.
Bei einem bekannten Juden aus der Nachbarschaft lieh er sich zu seinen 2.500 Reichsmark noch einmal die gleiche Summe.
Natürlich hätte er bei der Bank einen Kredit aufnehmen können, aber das wollte er nicht.
Die Verhandlungsposition war mit Bargeld ungleich günstiger, das wusste er.
Jeder Banker ist von Bargeld beeindruckt.
Nach Abzug des Kaufpreises blieben ihm also 500 Reichsmark.
Dieser Etat musste erst einmal ausreichen, um die ersten Änderungen in der Schlachthalle vorzunehmen.
Zuallererst ließ er die stinkende Grube leerpumpen und beauftragte den gleichen Unternehmer, dies einmal wöchentlich zu tun.
Als Nächstes wurden alle Wände und der komplette Fußboden mit Steinplatten gefliest.
Die uralten Risse in den Wänden und dem Fußboden verschwanden und die Halle konnte sauber gehalten werden.
Die alten Schlachttische aus Holz wurden herausgerissen und durch neue, abwaschbare Tische ersetzt.
Jakob teilte die Halle in drei Bereiche ein.
Im ersten Teil wurden die Tiere geschlachtet, gehäutet oder entborstet und ausgenommen.
Was nicht verarbeitet wurde, kam als Abfall in Zinkwannen, die regelmäßig geleert wurden.
Im zweiten Teil wurden die Tiere halbiert, gründlich gesäubert und grob zerlegt.
Im letzten Teil schließlich portionierte man, so wie es gebraucht wurde.
Anfangs kamen Jakobs Mitarbeiter nicht klar mit dem neuen System, aber es war durchdacht und effektiv.
Die meisten von ihnen, überwiegend Fachkräfte, arbeiteten schon lange hier, denn Jakob hatte sie der einfachheitshalber übernommen. Doch sie taten sich schwer mit den Neuerungen und waren das alte Schema gewohnt.
Aber schon bald erkannten sie, dass diese Art der Arbeitseinteilung rationaler, vor allem aber sauberer war.
Sie standen bei ihrer Arbeit nicht mehr knöcheltief im Blut, in den Eingeweiden und den Fäkalien der Tiere.
Jakob übernahm auch den Buchhalter der Schlachthalle.
Anton Hollmann, so hieß er, war ein ernst dreinblickender, großer, dünner Mann Anfang dreißig, mit hagerem Gesicht und wachen Augen, immer korrekt gekleidet.
Wenn man ihn sah, dachte man unwillkürlich an einen Beamten.
Jakob brauchte seine Erfahrung, denn in dem Bereich Buchführung war er Neuling.
Hollmann brachte das fachliche Wissen mit, kannte die Branche und wusste, warum Jakobs früherer Chef gescheitert war.
Innerhalb der nächsten sechs Monate verdoppelte die Schlachthalle Jakob Rosendahl den früheren Umsatz.
Jakob stellte drei weitere Metzger und zwei Hilfskräfte ein.
Jetzt arbeiteten, einschließlich Hollmann, vierzehn Angestellte für ihn, denn es hatte sich schnell herumgesprochen, dass man im Schlachthof Rosendahl gutes Fleisch zu vernünftigen Preisen bekam und korrekt bedient wurde.
Jakobs Kunden waren Großabnehmer wie Gaststätten, Hotels, Krankenhäuser und eine Vielzahl von kleineren Metzgereien, die ihr Vieh hier schlachten ließen, um es dann selbst zu verarbeiten.
Eines Morgens sagte Hollmann, der Buchhalter, zu Jakob: „Herr Rosendahl, ich schaffe die Büroarbeit nicht mehr alleine, ich brauche eine Hilfskraft.
Jakob saß ausnahmsweise einmal an seinem Schreibtisch und sah auf.
„Ich kümmere mich darum“, brummte er und vertiefte sich wieder in seine Arbeit.
Am darauffolgenden Montag kam Hollmann wie gewohnt um sieben in sein Büro, hängte Hut und Mantel akkurat an den dafür vorgesehenen Kleiderständer und wollte sich eben seiner Arbeit zuwenden, als er stutzte.
Gegenüber, am Schreibtisch seines Chefs, saß ein junges Mädchen von ungefähr zwanzig Jahren und sah ihn mit den größten braunen Augen an, die er je gesehen hatte.
„Was“, begann er und brach ab, weil er einen Kloß im Hals sitzen hatte. Er räusperte sich.
„Was haben wir denn da?“ Der neuerliche Versuch gelang besser. „Wer sind denn Sie?“
Hollmann erschrak über seinen barschen Ton. Keinesfalls wollte er dieses reizende Geschöpf verängstigen.
Aber die junge Frau machte keineswegs einen ängstlichen Eindruck. Sie stand auf und kam auf ihn zu. Eine Figur wie ein Traum, dachte Hollmann.
Er saß stocksteif auf seinem Stuhl, wie festgenagelt, unfähig, sich zu bewegen.
„Entschuldigen Sie.“ Das Mädchen lächelte und hielt ihm ihre kleine, zierliche Hand entgegen.
„Mein Name ist Ella Landau, ich bin Ihre neue Bürohilfe, Herr Hollmann.“ Er griff nach ihrer Hand und stotterte idiotischerweise. „Angenehm, Hollmann.“
Sie fuhr fort: „Herr Rosendahl hat mir seinen Schreibtisch zugewiesen, damit ich mit Ihnen in einem Büro arbeiten kann. Verzeihen Sie mir mein Eindringen, aber Herr Rosendahl meinte, ich soll hier auf ihn warten.“ Ihr Lächeln war immer noch auf ihrem Gesicht.
„Das geht schon in Ordnung“, sagte Hollmann, dem erst jetzt bewusst wurde, das er noch immer ihre Hand hielt. Deshalb fügte er rasch hinzu: „Dann auf gute Zusammenarbeit, fangen wir an.“ Er schüttelte ihre Hand noch einmal kräftig und ließ sie dann los.
In den darauffolgenden Wochen und Monaten wurde Ella Landau eingearbeitet.
Die junge Frau erwies sich als intelligent und wissbegierig, hatte eine schnelle Auffassungsgabe und konnte vorzüglich mit den Kunden umgehen.
Letzteres resultierte aus der Tatsache, dass sie nicht nur bildhübsch, sondern auch aufgeschlossen und unkompliziert war.
Das mochte die überwiegend männliche Kundschaft.
Jakob registrierte dies alles mit Genugtuung und stellte befriedigt fest, für sein Geschäft gab es keine bessere Reklame als diese junge Frau.
Sie verzauberte ihre Umgebung.
Aber Jakob registrierte noch etwas anderes. Diese junge Frau verzauberte auch ihn.
Dem Buchhalter Hollmann fiel es sofort auf.
Jakob war öfter im Büro anzutreffen als sonst. Dafür gab es nur einen Grund.
Ihm missfiel das Interesse, das sein Chef der neuen Angestellten entgegenbrachte, denn es bedurfte keine Frage, warum man Jakob Rosendahl so oft hier sah.
Hollmann gestand sich ein, dass auch er von Ella Landau angetan war, mehr noch, er fand sie betörend und faszinierend.
Er reagierte auf jeden mit Eifersucht, der ihr zu nahe kam und ihr schöne Augen machte.
Er saß alleine im Büro und schrieb Zahlenkolonnen untereinander. Zum dritten Mal addierte er und zum dritten Mal kam ein anderes Endergebnis heraus.
Er konnte sich nicht auf seine Arbeit konzentrieren, denn andere Dinge lenkten ihn ab.
Hollmann dachte an Ella, dachte daran, wie er ihr näher kommen konnte.
...
Kapitel 1
Dem neuerlichen Anfall hielt sein von der Krankheit geschwächter Körper nicht mehr stand.
Blut und Eiterklumpen spuckend, immer wenn er hustete, so lag er da und bewegte lautlos die Lippen im Gebet.
Er betete das Sündenbekenntnis des großen Versöhnungstages.
Mit einem feuchten Tuch tupfte Jakob das schweißbedeckte Gesicht des Vaters, um ihm Kühlung zu verschaffen.
Der ausgemergelte Körper glühte fiebrig und hatte längst den aussichtslosen Kampf gegen diese heimtückische Krankheit verloren.
Die Erlösung kam aber erst jetzt, nach Wochen, in denen der Kranke unsagbare Schmerzen hatte erdulden müssen.
Ein letztes Mal bäumte Aaron Rosendahl sich auf und röchelte auf Hebräisch „echad Jisrael“, dann sank er kraftlos in die Kissen zurück und glitt hinüber in den Tod.
Jakob stand unbeweglich neben dem Bett und schaute in das Gesicht seines Vaters.
Fast durchsichtig, wie Pergament umspannte die aschfahle Haut den Schädel des Toten.
Er erinnerte sich daran, welche rosige Gesichtsfarbe sein Vater früher gehabt hatte.
Für den Jungen war es die erste Konfrontation mit dem Tod und ein Schauer lief ihm über den Rücken. Er war mit einem Toten in einem Raum.
Lange genug hatte er sich auf diesen Moment einstellen können, als die Unheilbarkeit der Krankheit seines Vaters zur Gewissheit wurde und es nur noch eine Frage der Zeit war, wann es zu Ende gehen würde.
Jakob schämte sich für das Gefühl, das er jetzt empfand. Es ekelte ihn.
Widerwillig gab er sich einen Ruck, denn es musste sein.
Er legte den Toten auf die Erde, zog ihn nackt aus und zündete ein Licht an.
Er wusch seinen Vater gründlich mit Wasser und Seife. Dann zog er ihm ein schlichtes Totenhemd an. Dieses Hemd hatte Jakobs Mutter nach altem jüdischem Brauch ihrem Bräutigam zur Hochzeit geschenkt.
Jakob vergewisserte sich, ob er nichts vergessen hatte, und ging zur Tür.
Einen Augenblick zögerte er noch, dann öffnete er sie und weckte seine Mutter.
Als sie den Raum betrat und ihren toten Ehemann erblickte, schluchzte sie laut auf und Jakob musste sie stützen.
Er sagte leise: „Gräme dich nicht Mutter, er hat nun keine Schmerzen mehr.“
Sie umarmte ihren Sohn und küsste ihn, wie sie ihn als Kind immer geküsst hatte, auf die Stirn, die Augen und auf beide Wangen.
Die letzten Wochen waren schlimm gewesen. Abwechselnd hatten sie am Krankenbett gewacht und Jakob merkte seiner Mutter die Anstrengungen an.
Schweigend standen sie nebeneinander, blickten hinunter auf den Leichnam und dachten beide das gleiche.
Was soll jetzt werden?
Drei Tage später wurde Aaron Rosendahl auf dem kleinen Friedhof der jüdischen Gemeinde beigesetzt.
Ein schlichter Sarg, kein Blumenschmuck, kein Grabstein.
Im Tod sind alle Menschen gleich, sagen die Juden.
Jakob verließ die Schule, er musste Arbeit finden, denn er war jetzt für sich und seine Mutter verantwortlich.
Eine Zeitlang lebten sie noch von Erspartem, aber das war schnell aufgebraucht und Jakob musste Geld verdienen.
Er fand eine Anstellung in einer der zahlreichen privaten Schlachthallen, die es in einer so großen Stadt wie Berlin gab.
Der Schlachthofbesitzer, ein kleiner, fetter, unfreundlicher Mann namens Otto Jakubke zeigte wenig Begeisterung, als Jakob ihn um Arbeit bat, aber als er ihm sagte, er würde alles tun, wirklich alles, willigte er schließlich ein.
Jakob meldete sich am nächsten Morgen pünktlich um fünf Uhr zur Arbeit und sein Chef drückte ihm einen groben Straßenbesen in die Hand und erklärte ihm, was er zu tun hatte.
Mit dem Besen wurden die Eingeweide, die man den geschlachteten Tieren herausriss und die man einfach auf den Boden fallen ließ, zusammengekehrt und anschließend mit den bloßen Händen sortiert.
Därme und andere Innereien der Tiere wurden gesäubert, von den Fäkalien getrennt und in einen dafür vorgesehenen Bottich geworfen, der mehrmals am Tage geleert werden musste.
Kot, Urin und Blut der Tiere kehrte Jakob in eine Rinne, die am Ende der Halle in eine Grube endete, die so fürchterlich stank, das Jakob sich in den ersten Tagen mehrmals übergeben musste, sobald er auch nur in die Nähe der Grube kam.
Das Tempo, mit denen die Männer den geschlachteten Tieren die Eingeweide aus den aufgeschlitzten Leibern rissen, konnte Jakob anfangs nicht beibehalten und so wurde er oft angeschrien und beschimpft. Darunter litt er fast noch mehr als unter der stumpfsinnigen und ekelerregenden Arbeit.
Jakob biss die Zähne zusammen und nach ein paar Wochen ging er seiner Tätigkeit wie im Schlaf nach, hielt das Arbeitstempo, das verlangt wurde, spielend bei.
Nach sechs Monaten bekam Jakob einen anderen Arbeitsplatz zugewiesen.
Er musste in großen Trögen die Därme auskochen, die dann anschließend zum Trocknen aufgehängt wurden, um sie später mit Wurstmasse zu füllen.
Eine leichte Tätigkeit.
Sein Fleiß und seine Anpassungsfähigkeit wurden belohnt, denn er tat, was von ihm verlangt wurde, beklagte sich nie und er lernte.
Nach und nach arbeitete er überall in der Halle, sprang hier und da ein und lernte so das Metzgerhandwerk von der Pike auf.
Nach zwei Jahren konnte er alles, was für die Schlachtung und Verarbeitung von Rindern, Schweinen, Schafen und Ziegen beherrscht werden musste.
Sein Chef schätzte ihn wegen seiner Zuverlässigkeit und bei seinen Kollegen war er beliebt wegen seiner Hilfsbereitschaft.
Kurz vor seinem achtzehnten Geburtstag starb Jakobs Mutter.
Sie war nie über den frühen Tod ihres Mannes hinweggekommen.
Sie starb, wie sie gelebt hatte, still und unauffällig.
Jakob war ganz allein.
Nach der Beerdigung verkaufte Jakob den gesamten Hausstand.
Er zog in ein billiges, möbliertes Zimmer. Er brauchte nicht viel, denn er war sowieso nur selten zu Hause und konnte so mehr sparen.
Irgendwann nämlich hatte Jakob angefangen zu träumen.
Eher wage zuerst, aber dieser Traum bekam immer realistischere Züge.
Ein eigenes Geschäft.
Denn mit seiner Hände Arbeit alleine, konnte er nichts erreichen, auch wenn er noch so schuftete, das hatte er längst erkannt.
Er würde eine Möglichkeit finden, auf eigenen Füßen zu stehen.
Er würde die stinkende Halle verlassen, auf jeden Fall.
So vergingen die Jugendjahre des jüdischen Jungen Jakob Rosendahl.
An einen kalten Novembertag, Jakob ging wie immer zu Fuß zur Arbeit, um das Geld für die Straßenbahn zu sparen, dachte er wie so oft über seine Pläne nach.
Er hatte jetzt annähernd 2.500 Reichsmark gespart.
Er fing jeden Morgen um fünf Uhr zu arbeiten an, manchmal sechzehn Stunden am Tag, auch samstags und manchmal auch sonntags, denn der Fleischbedarf einer Großstadt wie Berlin war enorm.
Von seinen Arbeitskollegen wurde er oft gehänselt, weil er keine Gelegenheit ausließ, seinen Verdienst durch Überstunden aufzubessern, aber das störte ihn nicht.
Sie wussten nichts von seinen Plänen, denn er sprach mit niemandem darüber.
Jakob war fünfundzwanzig Jahre alt und die Zeit schien reif, seine Träume zu verwirklichen.
Ein Jahr wollte er noch sparen, dann schätzte er, hätte er genug beisammen, um sich in der näheren Umgebung einen eigenen Metzgerladen zu kaufen.
Er ging schneller, ihm war kalt.
Als er um die Ecke bog, sah er seine Kollegen auf der Straße stehen und wusste im gleichen Moment, das etwas passiert sein musste.
Als er die Schlachthalle erreicht hatte, sah er den Polizisten, der im Eingang stand und die Tür bewachte.
„Was ist denn hier los“, fragte Jakob. Der Buchhalter der Firma kam auf ihn zu und antwortete eifrig: „Der Alte ist gestern Abend verhaftet worden, Steuerhinterziehung. Ich muss den Beamten nachher sämtliche Bücher aushändigen. Wie es aussieht, ist hier erst mal Feierabend.“
„Worauf warten die anderen denn noch?“ Jakob deutete mit einer Kopfbewegung auf seine Kollegen, die in einer Gruppe nahe dem Eingang standen und sich leise unterhielten.
„Neugier, was denn sonst. Außerdem will jeder wissen, wie es jetzt weitergeht.“
Der Buchhalter wollte sich entfernen, doch Jakob hielt ihm am Ärmel fest.
„Und, wie geht es weiter?“, fragte er.
„Keine Ahnung.“ Der Buchhalter machte seinen Arm los.
„Aber wie ich die Sache einschätze, geht unser Chef für lange Zeit ins Gefängnis.“
„Wir werden den Schlachthof versteigern müssen, Herr Rosendahl, um wenigstens nicht alles in den Schornstein zu schreiben, was Herr Jakubke uns schuldet.
Es sei denn, wir finden einen solventen Käufer. Einen zahlungskräftigen Käufer. Um die Verbindlichkeiten dieses Herrn in etwa abzudecken.“
Der Bankdirektor sah Jakob durch seine randlose Brille an.
Er konnte kaum glauben, dass dieser kleine Metzger, der vor ihm saß, ernsthaft in Erwägung zog, ein solches Objekt zu kaufen.
Reine Zeitverschwendung hatte er bei sich gedacht, als seine Sekretärin den Besuch eines gewissen Jakob Rosendahl ankündigte.
Doch er wollte nicht unhöflich erscheinen und so ließ er bitten.
Nun saß Jakob vor ihm und wusste vor Verlegenheit nicht wohin mit seinen Händen.
Noch immer blickte der Bankdirektor Jakob an und wartete.
Jakobs Mund war ausgetrocknet und er konnte immer nur denken: Hier ist sie, meine Chance, hier ist sie.
Als er sprach, kam ihm seine eigene Stimme fremd vor. „Um welche Summe handelt es sich denn?“ „Sind sie denn ernsthaft interessiert?“
Der Direktor lächelte freundlich und als Jakob nickte, beugte er sich weit vor, als wollte er flüstern, sprach dann aber mit unveränderter Stimme weiter. „6.000 Reichsmark“, sagte er, wobei er sein Gegenüber genau beobachtete, doch konnte er in dessen verschlossenem Gesicht keine Regung entdecken.
Jakob stand auf. „Angesichts dieser Summe muss ich passen.“
Er hielt dem Direktor seine Hand entgegen, doch dieser übersah sie, stattdessen bedeutete er Jakob, sich wieder zu setzen. Er seufzte.
„In welcher Größenordnung bewegen sich denn Ihre Vorstellungen?“
Er musste sich eingestehen, diesen jungen Mann gründlich unterschätzt zu haben.
„Das Höchste, was ich flüssig machen kann, sind 3.500 Reichsmark.“
Der Direktor verdrehte die Augen und schien nach Luft zu schnappen.
„Lieber Herr Rosendahl, das ist nicht Ihr Ernst, Sie ruinieren mich.“ Bei sich dachte er: kleiner jüdischer Schweinehund.
Als er aber sah, dass Jakob sich abermals erheben wollte, hob er beschwichtigend die Hand und auf seiner Stirn bildeten sich feine Schweißperlen.
„Mein letztes Angebot“, sagte er und tat unglücklich: „4.500 Reichsmark.“ Säuerlich fügte er hinzu: „Den Schreibkram, Notarkosten etc. übernimmt meine Bank.“
Jakob holte tief Luft und zum ersten Mal an diesem Morgen, seit er die Bank betreten hatte, entspannte er sich und ein Lächeln huschte über sein Gesicht.
„Abgemacht“, sagte er und sie schüttelten sich die Hand.
Das Geschäft war perfekt. Jakob war Unternehmer.
Jakob wusste, dass es sich um einen einmaligen Glücksfall handelte, den Schlachthof zu erwerben, noch dazu zu diesem Preis.
Er wusste aber auch, dass er noch eine Menge zu investieren hatte, um den Betrieb auf Vordermann zu bringen.
Bei einem bekannten Juden aus der Nachbarschaft lieh er sich zu seinen 2.500 Reichsmark noch einmal die gleiche Summe.
Natürlich hätte er bei der Bank einen Kredit aufnehmen können, aber das wollte er nicht.
Die Verhandlungsposition war mit Bargeld ungleich günstiger, das wusste er.
Jeder Banker ist von Bargeld beeindruckt.
Nach Abzug des Kaufpreises blieben ihm also 500 Reichsmark.
Dieser Etat musste erst einmal ausreichen, um die ersten Änderungen in der Schlachthalle vorzunehmen.
Zuallererst ließ er die stinkende Grube leerpumpen und beauftragte den gleichen Unternehmer, dies einmal wöchentlich zu tun.
Als Nächstes wurden alle Wände und der komplette Fußboden mit Steinplatten gefliest.
Die uralten Risse in den Wänden und dem Fußboden verschwanden und die Halle konnte sauber gehalten werden.
Die alten Schlachttische aus Holz wurden herausgerissen und durch neue, abwaschbare Tische ersetzt.
Jakob teilte die Halle in drei Bereiche ein.
Im ersten Teil wurden die Tiere geschlachtet, gehäutet oder entborstet und ausgenommen.
Was nicht verarbeitet wurde, kam als Abfall in Zinkwannen, die regelmäßig geleert wurden.
Im zweiten Teil wurden die Tiere halbiert, gründlich gesäubert und grob zerlegt.
Im letzten Teil schließlich portionierte man, so wie es gebraucht wurde.
Anfangs kamen Jakobs Mitarbeiter nicht klar mit dem neuen System, aber es war durchdacht und effektiv.
Die meisten von ihnen, überwiegend Fachkräfte, arbeiteten schon lange hier, denn Jakob hatte sie der einfachheitshalber übernommen. Doch sie taten sich schwer mit den Neuerungen und waren das alte Schema gewohnt.
Aber schon bald erkannten sie, dass diese Art der Arbeitseinteilung rationaler, vor allem aber sauberer war.
Sie standen bei ihrer Arbeit nicht mehr knöcheltief im Blut, in den Eingeweiden und den Fäkalien der Tiere.
Jakob übernahm auch den Buchhalter der Schlachthalle.
Anton Hollmann, so hieß er, war ein ernst dreinblickender, großer, dünner Mann Anfang dreißig, mit hagerem Gesicht und wachen Augen, immer korrekt gekleidet.
Wenn man ihn sah, dachte man unwillkürlich an einen Beamten.
Jakob brauchte seine Erfahrung, denn in dem Bereich Buchführung war er Neuling.
Hollmann brachte das fachliche Wissen mit, kannte die Branche und wusste, warum Jakobs früherer Chef gescheitert war.
Innerhalb der nächsten sechs Monate verdoppelte die Schlachthalle Jakob Rosendahl den früheren Umsatz.
Jakob stellte drei weitere Metzger und zwei Hilfskräfte ein.
Jetzt arbeiteten, einschließlich Hollmann, vierzehn Angestellte für ihn, denn es hatte sich schnell herumgesprochen, dass man im Schlachthof Rosendahl gutes Fleisch zu vernünftigen Preisen bekam und korrekt bedient wurde.
Jakobs Kunden waren Großabnehmer wie Gaststätten, Hotels, Krankenhäuser und eine Vielzahl von kleineren Metzgereien, die ihr Vieh hier schlachten ließen, um es dann selbst zu verarbeiten.
Eines Morgens sagte Hollmann, der Buchhalter, zu Jakob: „Herr Rosendahl, ich schaffe die Büroarbeit nicht mehr alleine, ich brauche eine Hilfskraft.
Jakob saß ausnahmsweise einmal an seinem Schreibtisch und sah auf.
„Ich kümmere mich darum“, brummte er und vertiefte sich wieder in seine Arbeit.
Am darauffolgenden Montag kam Hollmann wie gewohnt um sieben in sein Büro, hängte Hut und Mantel akkurat an den dafür vorgesehenen Kleiderständer und wollte sich eben seiner Arbeit zuwenden, als er stutzte.
Gegenüber, am Schreibtisch seines Chefs, saß ein junges Mädchen von ungefähr zwanzig Jahren und sah ihn mit den größten braunen Augen an, die er je gesehen hatte.
„Was“, begann er und brach ab, weil er einen Kloß im Hals sitzen hatte. Er räusperte sich.
„Was haben wir denn da?“ Der neuerliche Versuch gelang besser. „Wer sind denn Sie?“
Hollmann erschrak über seinen barschen Ton. Keinesfalls wollte er dieses reizende Geschöpf verängstigen.
Aber die junge Frau machte keineswegs einen ängstlichen Eindruck. Sie stand auf und kam auf ihn zu. Eine Figur wie ein Traum, dachte Hollmann.
Er saß stocksteif auf seinem Stuhl, wie festgenagelt, unfähig, sich zu bewegen.
„Entschuldigen Sie.“ Das Mädchen lächelte und hielt ihm ihre kleine, zierliche Hand entgegen.
„Mein Name ist Ella Landau, ich bin Ihre neue Bürohilfe, Herr Hollmann.“ Er griff nach ihrer Hand und stotterte idiotischerweise. „Angenehm, Hollmann.“
Sie fuhr fort: „Herr Rosendahl hat mir seinen Schreibtisch zugewiesen, damit ich mit Ihnen in einem Büro arbeiten kann. Verzeihen Sie mir mein Eindringen, aber Herr Rosendahl meinte, ich soll hier auf ihn warten.“ Ihr Lächeln war immer noch auf ihrem Gesicht.
„Das geht schon in Ordnung“, sagte Hollmann, dem erst jetzt bewusst wurde, das er noch immer ihre Hand hielt. Deshalb fügte er rasch hinzu: „Dann auf gute Zusammenarbeit, fangen wir an.“ Er schüttelte ihre Hand noch einmal kräftig und ließ sie dann los.
In den darauffolgenden Wochen und Monaten wurde Ella Landau eingearbeitet.
Die junge Frau erwies sich als intelligent und wissbegierig, hatte eine schnelle Auffassungsgabe und konnte vorzüglich mit den Kunden umgehen.
Letzteres resultierte aus der Tatsache, dass sie nicht nur bildhübsch, sondern auch aufgeschlossen und unkompliziert war.
Das mochte die überwiegend männliche Kundschaft.
Jakob registrierte dies alles mit Genugtuung und stellte befriedigt fest, für sein Geschäft gab es keine bessere Reklame als diese junge Frau.
Sie verzauberte ihre Umgebung.
Aber Jakob registrierte noch etwas anderes. Diese junge Frau verzauberte auch ihn.
Dem Buchhalter Hollmann fiel es sofort auf.
Jakob war öfter im Büro anzutreffen als sonst. Dafür gab es nur einen Grund.
Ihm missfiel das Interesse, das sein Chef der neuen Angestellten entgegenbrachte, denn es bedurfte keine Frage, warum man Jakob Rosendahl so oft hier sah.
Hollmann gestand sich ein, dass auch er von Ella Landau angetan war, mehr noch, er fand sie betörend und faszinierend.
Er reagierte auf jeden mit Eifersucht, der ihr zu nahe kam und ihr schöne Augen machte.
Er saß alleine im Büro und schrieb Zahlenkolonnen untereinander. Zum dritten Mal addierte er und zum dritten Mal kam ein anderes Endergebnis heraus.
Er konnte sich nicht auf seine Arbeit konzentrieren, denn andere Dinge lenkten ihn ab.
Hollmann dachte an Ella, dachte daran, wie er ihr näher kommen konnte.
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