Geschichte & Biografie

... immer diese Gedanken

Karin Klein

... immer diese Gedanken

Leseprobe:

Vorwort

Dieses Buch entstand, nachdem ich wegen einer tiefen Lebenskrise ganz unten gelandet war und mir endlich klar wurde, dass es so nicht mehr weitergehen konnte.
Dieser Zeitpunkt war vor etwa zwölf Jahren. Seitdem hat sich sehr viel in meinem Leben geändert, dafür bin ich zutiefst dankbar. Vor allem über die Erkenntnis, dass ich selbst über die Kraft verfüge, um mich da wieder herauszuziehen.
Im Laufe dieser Zeit kristallisierte sich dabei auch der tiefe Wunsch heraus, all meine Erfahrungen mit anderen Menschen zu teilen.
Die Vision, ein Buch zu schreiben, hatte ich schon viel früher, doch damals war es nicht dazu gekommen.
Spätere Versuche scheiterten daran, dass ich keine richtige Idee fand, die mich überzeugen konnte, also legte ich meinen Plan auf Eis.
Doch nachdem ich den Weg zu mir selbst gefunden hatte, indem ich mich meinem Innersten zuwandte und allmählich erkannte, welche Lasten ich mit mir herumschleppte, meldete sich diese Idee immer öfter. Anfangs verdrängte ich sie, weil ich mir sagte, darin hast du doch keinerlei Erfahrung, überlasse das denen, die was davon verstehen.
Doch sie ließ einfach nicht locker, bis mich ein Gedankenblitz ereilte, der mich endlich veranlasste, meinen Widerstand aufzugeben.
Ich begann einfach draufloszuschreiben und während des Schreibens machte ich noch eine weitere Entdeckung. Mein Leben fühlte sich deshalb so leer und trostlos an, weil ich glaubte, nichts daran ändern zu können und dem Schicksal hilflos ausgeliefert zu sein.
Bis ich schließlich erkennen musste, dass dies eine große Lüge ist, denn ich kann mein Leben immer ändern, auch wenn ich noch so alt bin.
Nachdem ich meinem Mann das Manuskript dieses Buches zu lesen gegeben hatte, war seine erste Reaktion, das sei doch gar kein richtiges Buch.
Obwohl ich für einen kurzen Moment enttäuscht von ihm war, musste ich ihm schließlich recht geben. Es ist kein Buch, das man lesen und dann wieder vergessen sollte, denn jede kurze Episode ist die Wirklichkeit, wie ich sie erlebte, es waren meine Gedanken, meine Gefühle, meine Glaubenssätze und nichts ist lehrreicher als sie.
Jede andere, erfundene Geschichte hätte nicht annähernd das wiedergeben können, was in mir war. Ich wollte authentisch sein und das konnte ich nur, wenn ich offen über mich selbst, über meine Ängste und meine Minderwertigkeitsgefühle schrieb, so, wie ich es jetzt getan habe.
Mehr als einmal versuchten sie, wieder die Oberhand über mich zurückzugewinnen, doch es gelang ihnen nicht mehr, denn sonst wäre dieses Buch nie entstanden.
Ich war bereit dazu, all diesen verdrängten, alten Schmerz noch einmal ganz bewusst zu erleben, und erhielt damit den Schlüssel für mein persönliches Glück, weil er mir den Weg dorthin gewiesen hat.
Deshalb wünsche ich mir von ganzem Herzen, dass Ihnen mein Buch nicht nur als Wegweiser dienen kann auf dem Weg in ein glückliches, erfülltes Leben, sondern auch den Weg in die Herzen seiner Leser und damit seine Bestimmung findet.


Kapitel 1 - Mein Leben mit meinen stressigen Gedanken

„Nichts ist kraftvoller als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“

Diesen Spruch las ich vor längerer Zeit in einer Zeitschrift. Doch von der ersten Idee bis zu ihrer richtigen Zeit sollten mehr als fünfzig Jahre vergehen.
Denn so lange dauerte es, bis dieses Buch das Licht der Welt erblicken sollte.
Ich war damals in der 7. Klasse, als ich das erste Mal die Idee hatte, ein Buch zu schreiben. Bücher waren, seitdem ich lesen konnte, meine große Leidenschaft. Einen Fernsehapparat besaßen meine Eltern nicht und so holte ich mir stapelweise Bücher aus der Bibliothek, um sie sofort zu verschlingen. Sehr zum Leidwesen meiner Eltern, die mich nur mit Mühe dazu brachten, auch mal im Haushalt zu helfen.
Das war allerdings, bevor meine Mutter mit dreiundvierzig Jahren noch einmal schwanger wurde und Zwillinge bekam. Da war es mit dem Lesen vorbei, von nun an musste ich die Rolle einer Mutter übernehmen und das mit zwölf Jahren.
In unserer Schule gab es nur eine Klasse, die wild und unangepasst war und viel Blödsinn im Kopf hatte, das waren wir, die 7 c.
Hauptsächlich die Jungen heckten die Streiche aus, manche Mädchen machten mit, andere nicht. Zu den Letzteren zählte ich. Ich war eher introvertiert, zog mich lieber zurück und hatte deswegen nicht viele Freunde. Vielleicht hielten mich manche deshalb für eine Streberin, die nie ihre eigene Meinung vertrat und nur das tat, was von ihr verlangt wurde.
Ich war sehr schüchtern und angepasst, litt jedoch darunter, mich wie eine Außenseiterin zu fühlen.
Doch wie gesagt, unsere Klasse war berühmt berüchtigt an unserer Schule. Sobald irgendetwas vorgefallen war, hieß es gleich, das kann nur die 7c gewesen sein.
Da kam mir zum ersten Mal die Idee, ein Buch zu schreiben mit dem Titel „… immer die 7c“.
Nach ein paar Seiten verwarf ich die Idee wieder. Warum, wusste ich damals nicht.
Heute weiß ich es, die Zeit war einfach noch nicht reif dafür und so musste mein Buch weit über fünfzig Jahre in den Tiefen meines Unterbewusstseins schlummern, um jetzt auf die Welt zu kommen.
Jedoch nicht wie geplant über meine damalige Klasse, sondern darüber, welch gravierende Folgen ungeprüfte Gedanken auf mein Leben hatten.
Bis zur 8. Klasse hatte ich mit dem Lernen kein Problem, ich zählte mit zu den Besten der Klasse, das Lernen fiel mir einfach leicht.
Doch dann kam der Tag, der alles verändern sollte.
Ich entschied mich, ab der 9. Klasse mein Abitur in Jena zu machen.
So richtig wusste ich nicht, warum ich mich dazu entschlossen hatte, denn meine Lust hielt sich in Grenzen.
Niemand drängte mich, weder meine Eltern noch die Lehrer. Mein Traum war es, zur See zu fahren, fremde Länder kennenzulernen, etwas, was den meisten Menschen in der damaligen DDR verwehrt blieb.
Jedenfalls wurde mein neuer Lebensabschnitt in Jena auf der EOS (erweiterte Oberschule) zum Desaster.
Meine schulischen Leistungen sanken rapide, ich verstand einfach nichts mehr von dem, was mir die Lehrer erzählten, es rauschte alles wie aus weiter Ferne an mir vorbei. Es war plötzlich so, als ob ich ein anderer Mensch geworden wäre. Statt Einsen und Zweien hagelte es Vieren und Fünfen (eine Sechs gab es da noch nicht). Die Schule wurde für mich ein Ort des Schreckens, dem ich lieber heute als morgen den Rücken kehren wollte. Mein Selbstwertgefühl sank auf den Nullpunkt. Ich kam mir vor wie ein Nichts, wie ein totaler Versager.
So kam es, wie es kommen musste, in der 11. Klasse wurde ich nicht versetzt. Ich, die einst mit zu den Besten zählte, war so tief gefallen, tiefer ging es nicht.
Trotz aller Schmach, die ich empfand, war es eine Befreiung für mich.
Neben dem Abitur hatten wir eine Berufsausbildung, ich lernte nebenbei Kellnern und begann natürlich damit, meinen Traum zu verwirklichen, zur See zu fahren.
Aber es sollte nicht irgendein Schiff sein, sondern ein großes, weißes. So, wie ich es in meinen Träumen vor meinen inneren Augen schon unzählige Male gesehen hatte.
Ich bewarb mich bei der Deutschen Seereederei in Rostock und wurde auch angenommen, obwohl ich Westverwandtschaft hatte.
Ich konnte es kaum fassen, mein großer Traum war Wirklichkeit geworden und nicht nur das, es war ein großes, weißes Schiff, die „Völkerfreundschaft“, das größte Passagierschiff in der damaligen DDR.
Nach einem Lehrgang in Rostock, der uns auf das Leben an Bord vorbereiten sollte, war es endlich so weit.
Wir stachen im September 1969 in See, mit mir als Stewardess an Bord.
Die ersten Monate liefen wir nur die sozialistischen Staaten wie Polen und die Sowjetunion an.
Wir fieberten natürlich alle dem Tag entgegen, an dem wir zum ersten Mal ins kapitalistische Ausland fahren sollten. Das war Südamerika, Venezuela.
Die Reise dauerte 14 Tage und es wurde von Tag zu Tag wärmer.
In der Mannschaftsmesse hing der Adventskranz an der Decke und wir schwitzten.
Doch das Schlimmste war die Seekrankheit, sie hatte mich voll erwischt, als wir durch die Biskaya fuhren. Drei Tage lang konnte ich nichts essen, fühlte mich hundeelend. Doch Krankschreibung? Fehlanzeige.
So quälte ich mich jeden Tag auf Arbeit, konnte die Matrosen nicht verstehen, deren Appetit mit zunehmendem Seegang immer größer zu werden schien, und sehnte den Tag herbei, an dem ich wieder festen Boden unter den Füßen bekommen sollte.
Das war das erste Mal, dass mein Traum so langsam begann, sich als Albtraum zu erweisen.
Doch als wir dann in den Hafen von Caracas einliefen, war alles vergessen.
Am Kai standen junge, dunkelhäutige Männer, die auf einfachen Fässern eine wunderbare Musik machten, die ich nie zuvor gehört hatte und die mir durch und durch ging.
Manche Seeleute, die bereits ein Tonbandgerät besaßen, nahmen das alles auf, doch ich musste ja erst ein paar Devisen (1,50 DM pro Tag) ansparen, um mir so etwas leisten zu können.
Die weiteren Reisen führten uns nach Marokko, Portugal, Las Palmas und Madeira, eine Trauminsel. An den Berghängen rings um Funchal sahen wir eine Blütenpracht, die ihresgleichen suchte.
Abends erstrahlten tausend Lichter in den Bäumen, es war einfach wie im Paradies.
Einmal feierten wir in einer lauen Sommernacht ein Bordfest an Deck – tolle Musik, der sternenklare Himmel über uns und ringsherum die Berghänge von Funchal mit ihren unzähligen Lichtern. Ich fühlte mich so leicht, so unbeschwert, woran der Madeirawein natürlich ebenso seinen Anteil hatte.
Dieser Abend war das Schönste, was ich auf meiner knapp einjährigen Fahrt mit der „Völkerfreundschaft“ erlebte.
Doch es gab nicht nur solch wundervolle Erlebnisse.
Wir hatten ja nicht nur DDR-Bürger an Bord, sondern auch Dänen, Schweden und Norweger, wenn wir für Schweden fuhren.
Uns wurde eingebläut, es allen recht zu machen, um ja nicht den Unmut dieser Devisen bringenden Passagiere herauszufordern.
Ich fühlte mich oft als Mensch zweiter Klasse, denn auch die Vorgesetzten gingen nicht gerade zimperlich mit uns um. Sie ließen uns spüren, dass wir nichts zu sagen, sondern nur zu funktionieren hatten.
Solange wir für Schweden fuhren, war unser Heimathafen Göteborg.
Als ich nach längerer Krankheit wieder zurück aufs Schiff wollte, musste ich – kaum angekommen – zum Politoffizier.
Der eröffnete mir, dass ich sofort zurück nach Rostock müsse, um dort in einem neu erbauten Seemannshotel auszuhelfen.
Ich musste mein Seefahrtsbuch abgeben und mit dem Postschiff wieder zurück nach Rostock fahren.
Ich spürte, dass jeder Widerstand sinnlos war, und so endete mein Traum vom großen, weißen Schiff nach knapp einem Jahr da, wo er angefangen hatte – in Rostock.
Ich landete in dem neu erbauten Seemannshotel „Haus Sonne“, wo man mich in dem Glauben ließ, dass es nur kurzfristig sei und ich bald wieder aufs Meer fahren könne.
Doch aus den paar Monaten wurde fast ein Jahr und ich wurde langsam unsicher, weil sich nichts tat.
Eine Kollegin riet mir, in Rostock zur Staatssicherheit zu gehen. Das tat ich auch, und was ich da erfuhr, öffnete mir schlagartig die Augen.
Man fragte mich, ob ich einen gewissen jungen Mann kennen würde.
Ich bejahte und sofort fielen mir seine Telefongespräche ein, die er mit mir führte, als ich auf hoher See war.
Dieser junge Mann war für die Stasi interessant, denn er hatte schon zwei Mal versucht, über die Grenze in den Westen zu fliehen, und hatte deshalb auch schon im Gefängnis gesessen.
Kurz bevor ich zur See fuhr, hatte ich ihn kennengelernt und kannte seine Vergangenheit.
Er hatte mich überreden wollen, unbedingt im erstbesten Hafen von Bord zu gehen, um mit ihm zusammen im Ausland ein neues Leben anzufangen.
Wie er sich das vorstellte, wusste ich allerdings nicht, denn als ehemaliger Republikflüchtling würde er doch sicher überwacht, wie die Telefongespräche zur „Völkerfreundschaft“ dann auch bewiesen.
Doch das kam für mich nicht infrage, weil ich nie daran gedacht hatte abzuhauen. Ich wollte von diesem jungen Mann auch nichts mehr wissen.
Zumindest kannte ich jetzt die Ursache für den Rausschmiss bei der DSR.
Für mich war es recht seltsam, als ich mir anhören musste, „aus Gründen meiner persönlichen Sicherheit im kapitalistischen Ausland“ nicht mehr zur See fahren zu dürfen.
Wenn ich wirklich gewollt hätte, dann wäre es doch ein Leichtes gewesen, in Göteborg zu bleiben, als ich wieder nach Rostock zurück musste. Das sollte einer verstehen, ich jedenfalls nicht.
Es nützte mir auch nichts, als mir gesagt wurde, dass ich nach zwei Jahren mein Seefahrtsbuch wieder neu beantragen könne, denn so richtig glaubte ich nicht mehr daran.
Da saß ich nun in Rostock in einem Seemannshotel und wusste nicht, ob ich lachen oder heulen sollte.
Innerlich hatte ich mich wohl schon damit abgefunden, dass mein Traum von der christlichen Seefahrt zu Ende war. Ich hatte viel von der Welt gesehen und so manch einer von meinen Bekannten beneidete mich, dass ich in der DDR die Freiheit gehabt hatte, an Orte zu reisen, die ihnen verwehrt waren.
Doch jetzt, im Nachhinein, wenn ich mir die Frage stelle, was mich angetrieben hat, mein Glück in der Ferne zu suchen, muss ich mir eingestehen, dass ich nicht das fand, was ich eigentlich suchte.
Ich wollte ein Zuhause, in dem es nicht nur Hass und Streit gab, wo ich mich geliebt und geborgen fühlte, wo das Leben leicht und fröhlich war und ich nicht länger unter meinen Schuldgefühlen zu zerbrechen drohte, weil ich mich für alles Leid in meiner Familie verantwortlich machte.
Ich war ja ein Versager, der es nicht schaffte, etwas aus seinem Leben zu machen, der es nicht einmal schaffte, die Menschen, die er so liebte, glücklich zu machen.
Schon immer hatte ich das Gefühl gehabt, irgendwie nicht richtig zu sein, fühlte mich oft wie ein hilfloses, kleines Kind, auch, als ich schon erwachsen war.
Ich kämpfte gegen dieses Gefühl an, doch es wurde umso stärker und ich fühlte mich noch schlechter.
Statt mich diesen Gefühlen zu stellen, wollte ich sie nur verdrängen, es konnte doch nicht sein, ich war eine erwachsene Frau und kein kleines Kind mehr.
Mit meiner Sehnsucht nach der Ferne glaubte ich, diesem Gefühl der Wertlosigkeit zu entrinnen.
Endlich schaffte ich etwas, konnte allen zeigen, was ich draufhatte.
Doch das war ein großer Irrtum. Seinen Gefühlen kann man nicht entfliehen, man kann sie für eine gewisse Zeit unterdrücken, doch irgendwann holen sie dich mit noch größerer Macht ein.
So nahm ich sie mit auf die Reise und sie sollten mich auch viele Jahre meines Lebens begleiten.
Das war mir damals natürlich nicht bewusst und erst viel später sollte ich erfahren, wie sehr diese Gefühle mein Leben bestimmten und wie hilflos ich meinen Gedanken ausgeliefert war.
Jedenfalls glaubte ich, in der Ferne mein Glück zu finden, aber fand es nicht.
Tief in meinem Herzen zog es mich nach Hause zurück, deshalb hatte ich nie auch nur eine Minute daran gedacht, im Westen zu bleiben, denn dann hätte ich nie wieder zurückkehren dürfen.
Und so kam es dann auch.
Als ich im Sommer 1971 für zwei Wochen nach Hause in den Urlaub fuhr, bekam ich die Antwort, wie es für mich weitergehen sollte.
Es war ein heißer Sommertag und ich ging mit meinen kleinen Geschwistern ins Freibad.
Als es anfing zu regnen, verließen wir das Schwimmbecken und ich suchte mit meinen Geschwistern in der Nähe der Umkleidekabinen Schutz vor dem Regen.
Auf einmal sah ich ihn, braun gebrannt, blonde Haare, tiefblaue Augen, muskulöse Arme, und er sah mich lächelnd an – mich graue Maus.
Meine Gefühle fuhren Achterbahn, was für ein Mann! Obwohl es vielleicht nur ein Bruchteil von Sekunden war, in denen ich seine Erscheinung wahrgenommen hatte, glaubte ich umso mehr, diesen Moment für ewig in mir festzuhalten zu müssen, solch ein Feuerwerk an Gefühlen breitete sich in mir aus.
Es kam mir vor, als ob ich all die Jahre nur auf diesen einen Moment gewartet hätte, auf diesen Augenblick, in dem Zeit und Raum verschwanden und es nur diesen einen Moment und nichts anderes gab.
Jetzt, im Nachhinein, glaube ich, dass es dieser Augenblick war, der mich all die Jahre unbewusst begleitet hatte und mir die Kraft gab, immer wieder aufzustehen, auch, als ich schon jede Hoffnung aufgegeben hatte, eines Tages wieder dahin zurückkehren zu können, von wo wir damals aufgebrochen waren.
Doch daran verschwendete ich zu diesem Zeitpunkt keinen Gedanken, was zählte, war nur dieser eine Moment.
Nach einer gefühlten Ewigkeit meldete sich jedoch mein Verstand wieder zurück und ich versuchte, möglichst cool zu bleiben, als er mich irgendetwas fragte. Was, weiß ich heute nicht mehr, so durcheinander war ich.
Das Einzige, an das ich mich noch erinnere, ist seine Frage, ob wir uns nicht mal treffen könnten.
Ich wollte es nicht glauben, dieser Mann hatte Interesse an mir, aber das konnte nur ein Irrtum sein. Vielleicht suchte er nur ein Abenteuer zwischendurch, aber ernsthaftes Interesse an mir, das glaubte ich einfach nicht.
Er musste fremd dort sein, ich hatte ihn noch nie gesehen.
Natürlich wollte ich ihn wiedersehen und konnte es trotz meiner Zweifel kaum erwarten. Deshalb zwang ich mich auch, möglichst unnahbar zu wirken, obwohl die Gefühle in mir nur so durcheinanderwirbelten.
Wir trafen uns am Abend unter einer Unterführung an der Saale und liefen über die Brücke Richtung Dohlenstein. Es wurde schon dunkel und wir sahen kaum die Hand vor Augen, als wir den Weg zur Himmelswiese gingen. Und so fühlte ich mich auch, dem Himmel so nah, trotz der Dunkelheit.
Als ich wieder nach Rostock zurückfuhr, wusste ich, was ich zu tun hatte.
Ich kündigte und suchte mir eine Arbeit in meinem Heimatort, denn dieser Mann meinte es ernst, ich war nicht nur ein Abenteuer für ihn.
Er stammte aus Merseburg und arbeitete auf Montage. So hatte er für seine Firma im Rothensteiner Felsen gearbeitet und war genau an dem Tag, als ich ins Bad ging, ebenso auf die Idee gekommen, das Kahlaer Freibad zu besuchen.
Das musste wohl so sein, man kann es Schicksal oder auch Fügung nennen.
Dieser Tag jedenfalls hat mein Leben zu einer Achterbahn der Gefühle werden lassen.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 170
ISBN: 978-3-95840-080-1
Erscheinungsdatum: 07.04.2016
EUR 21,90
EUR 13,99

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