Geschichte & Biografie

Im nächsten Leben werde ich Bauer

R. A. Liebfahrt

Im nächsten Leben werde ich Bauer

Liebe und Freiheit

Leseprobe:

Zwischen zwei Welten

„Ranger, Ranger!“, rufe ich hinterher. Der verdammte Köter hat wieder eine Spur aufgenommen und vergisst dabei rundherum alles. Ich sehe gerade noch seine flauschige Feder verschwinden und fort ist er. Die Feder ist übrigens sein buschiger Schwanz, der edel und leicht im Wind dahingleitet. Ranger ist ein Aussie, ein Australian Shepherd, und von edler Gestalt, jedenfalls seinem Benehmen nach zu urteilen. Außerdem hat sein Fell eine wunderschöne Zeichnung, was mir viele Leute bestätigt haben. Er ist einfach eine Augenweide, ein Hund von übermenschlicher Dimension, nur an seinem Benehmen muss ich beziehungsweise er noch arbeiten. Vielleicht hätte ich mit ihm doch zur Hundeschule gehen oder eine Spezialausbildung zum Hirtenhund anstreben sollen. Er hat gewissermaßen seinen eigenen Charakter, und vor allem sein Wille ist enorm stark, und wer will schon so einem intelligenten Hund den Willen brechen, wie es oft Jäger und Spezialtrainer machen, welche zwar einen folgsamen Hund haben, aber dafür eine freudlose Kreatur herumkommandieren. Da ist mir mein Ranger schon lieber, obwohl ich ihn jetzt gerade durch den Fleischwolf drehen könnte. „Ranger, Ranger! Komm sofort her!“ Meinem Pfiff wird er gehorchen. Ich habe nämlich einen Hochfrequenz-Ranger-Pfiff, der auch noch kilometerweit zu hören und zu spüren ist. Ich pfeife und pfeife, doch der Erfolg lässt auf sich warten. „Ranger, wenn du zurückkommst, wehe.“ Ich pfeife und pfeife und pfeife … Ah, er wird schon kommen, er ist noch immer gekommen. Außerdem findet so ein intelligenter Hund von allein nach Hause. Er wird sicher zu Hause auf mich warten. Meinen Spaziergang abbrechen? Auf keinen Fall, ich richte mich doch nicht nach meinem Hund. Außerdem kennt er den Weg, wie oft sind wir diese Route schon gegangen. Überdies sind wir erst fünf Minuten von zu Hause entfernt. Ich muss zugeben, ein innerer Groll steigt schon hoch. Ich denke an die Worte meiner Frau Karin, welche immer sagt: „Erzieh deinen Hund richtig, sonst kommt er mir nicht ins Haus!“ Wie recht sie doch hat, Hundeerziehung mit Vertrauen und Liebe, das funktioniert nicht. Ich gehe um die Kurve … „Ah, da bist du ja, Ranger. So ein braver Hund, wie konnte ich jemals an dir zweifeln! Du brauchst deine Freiheit und bist trotzdem treu! Welch einen tollen Hund ich doch habe! Ranger, Ranger, musst du unbedingt graben? Schau, wie du ausschaust!“ Bis über den Kopf hinein ist er bereits im Loch verschwunden. Rangers Lieblingsbeschäftigung ist Graben und Mäusefangen. Darin ist er wirklich sehr erfolgreich. Aber muss dies gerade jetzt sein. Ich will jetzt meine Runde gehen. „Komm jetzt, Ranger, aber sofort.“ Energisch fordere ich ihn auf, seine Schaufelarbeit zu beenden und weiter mit mir zu spazieren. „Ranger, bist du taub? Hörst du nicht? Jetzt aber sofort!“ Unbeirrt gräbt er weiter. „Du brauchst heute keine Maus zu fangen, du bist weder unterernährt noch hast du Langeweile, also jetzt aber flott.“ Ranger schaut kurz auf, sieht mich, äußert keine Reaktion und schaufelt weiter. „Ranger, Ranger!“, rufe ich, „so nicht, du kommst jetzt auf der Stelle zu mir. Ranger, Ranger!“ Und wie ich rufe, schreie, fluche … „Ranger … Ranger!“ Blubb, er ist verschwunden.

So etwas gibt’s ja gar nicht, er war ja gerade noch da. „Ranger, Ranger!“ Ich mache meine Augen zu und denke mir, wenn ich sie öffne, ist er wieder da. Ich mache meine Augen auf und ich sehe nichts. Bin ich schon so langsam, dass ich sein Fortrennen nicht bemerkt habe? Ranger ist nämlich wahnsinnig schnell beim Fortschleichen, und die Betonung liegt auf wahnsinnig. Aber jetzt, hier, das gibt es nicht. Ich gehe näher zu dem Platz, wo Ranger seine Grabarbeiten verrichtet hat. Das Loch ist noch da, schon etwas größer, wie gewohnt, ein mittlerer Hund könnte schon … nein, das kann nicht sein. So weit würde nicht einmal Ranger gehen. Ich schaue mich noch einmal um und rufe. Nichts, nichts, keine Spur, kein Zeichen, nichts. Ich glaub, ich träume, das ist unmöglich. Na warte, Ranger, so einfach kommst du mir dieses Mal nicht davon, du kannst doch nicht einfach in einem Loch verschwinden. Nein, nein, einfach nur nein, das kann nicht sein. Überall hier ist fester Boden, fester, steiniger Braunerde-Boden, da fällt man nicht so einfach rein ins Nichts. Nein, nein und nochmals nein. Sollte ich doch probieren, ja egal, ich rufe ins Loch hinein, hoffentlich sieht und hört mich niemand, die glauben dann sicher, einen Spinner oder Verrückten vor sich zu haben. „Ranger, Ranger, komm sofort her, komm da raus, aber zacki zacki!“ Eh klar, habe ich mir gleich gedacht, so etwas kann nicht funktionieren. Nichts, einfach nichts. Vielleicht sollte ich hineinhören und horchen, er könnte ja drinnen nach einer Maus bellen. Blöd, die Leute werden mich für blöd erklären. Ein Bauer lauscht in ein Mauseloch hinein, zugegeben, ein großes Mauseloch. Blöd, oder? Ach was, ich leg mich auf die Erde und höre mit einem Ohr in das Loch hinein. Gesagt, getan, rauscht ein bisschen, wie bei einem schlecht eingestellten Radiosender, aber sonst nichts, rein gar nichts. Blöd, echt blöd, wie konnte ich mich nur hinreißen lassen? Vielleicht ist er ja schon zu Hause und ich gebe hier den Affen ab. Sollte ich meine Frau anrufen, um auf Nummer sicherzugehen? Nein, ich bin nur fünf Minuten von zu Hause entfernt. Sie würde sicher sagen: „Ich habe es dir ja gesagt, erziehe deinen Hund anständig!“ Darauf kann ich verzichten, nein, ich rufe nicht an. „Lieber Herrgott, bitte bring mir meinen Hund zurück“, flehe ich zum Himmel. „Du kannst mich doch nicht so im Stich lassen. Jaja, ich weiß, ich gehe nie in die Kirche, und beim Beten bin ich auch säumig, aber ich verspreche dir, solltest du meinen Ranger zurückführen, dann werde ich mich bessern. Jaja, ich weiß, das habe ich auch schon ein paar Mal geschworen. Doch jetzt ist es mir sehr ernst, auf meinen Knien bitte ich dich, bringe meinen Hund zurück.“ Nichts, wieder nichts. Oder doch? Habe ich etwas gehört? Ein Bellen vielleicht, oder doch nicht, bilde ich mir dies nur ein? Habe ich Rangers Bellen schon so verinnerlicht, dass ich es höre? Halluzinationen sind es, das gibt es, das habe ich schon gelesen. Nein, ich höre es ganz deutlich, ich höre ihn. Hurra! Danke Herrgott! Aber woher kommt das Bellen? Nein, so nicht, nein, das kann nicht sein. Aus dem Mausloch bellt mein Hund. Ich bin echt schon verrückt. „Bitte, Vater, schenke mir klaren Verstand.“ Augen zu, Augen auf, er bellt noch immer. Sollte ich vielleicht einmal hineingreifen und spüren? Angst? Ich habe niemals Angst. Beißen, wer soll mich schon beißen im schwarzen Loch, ein Ungeheuer? Ah, zu viel TV geschaut. Meine Frau sagt immer: „Schau nicht so viele Horrorfilme an!“ Ich gebe zu, ein bisschen, vielleicht ein kleines bisschen, einen Funken von Angst zu verspüren. Da, wieder, mein Hund bellt. Da muss ich durch, ich lege mich wieder zum Loch und greife, ich greife ins Nichts, ins Leere. Da ist nichts, ein großes schwarzes Loch, sonst nichts. Meine Hand und meine Finger spüren gar nichts. Zurück heraußen schaue ich mir die Situation mit ein bisschen Abstand an. Da ist das Loch, wo mein Hund verschwunden ist, für mich ist das Loch zu klein, ich will meinen Hund retten, welche Möglichkeiten bieten sich mir an, alles ungeklärte Fragen. Als Erstes einmal: in der Ruhe bleiben. „Wo ist mein Hund?“, rufe und schreie ich angespannt. Ich schlage mit meinen Händen auf den Boden. Wo ist mein Hund? Ich springe auf und stampfe mit den Füßen, natürlich total ruhig und gelassen. Das gibt es doch nicht. Soll ich die Feuerwehr holen, soll ich graben? Ja natürlich, graben! Ich grabe nach meinem Ranger. Wieder stampfe ich auf den Boden, ich hüpfe, ich springe, bringe die Erde zum Beben. Ein Sprung. Ich lande. Der Boden gibt nach, ich versinke, das Licht verschwindet, ich falle, ich stürze, völlige Ohnmacht überströmt mich, es dreht sich, ich drehe mich, ich werde herumgewirbelt. Fliege ich? Ich weiß es nicht, ich fühle mich plötzlich so leicht, schwerelos, gleite dahin, und dann ein Stoß, ein Ruck, Aua … aua … rums … Stoß … Ruck … aua … bum!

Ich bin hart gelandet, alles ist finster, ich sammle und winde mich, ich spüre etwas Feuchtes an meiner Wange. Es fühlt sich wie ein Schlecken an, ein feuchtes, langes Schlecken … „Ranger, Ranger, bist du es?“ Langsam öffne ich meine Augen und bin erstaunt, der Mund bleibt mir offen, die Augen ganz starr und fasziniert. Wo bin ich, wo sind wir? Alles so hell, alles funkelt, bin ich im Himmel? Vor mir ein breiter Tunnel, hell erleuchtet, Edelsteine, Gold usw. glänzen von den Wänden. Was ist passiert, wo bin ich? Gott sei Dank, Ranger, ich habe dich gefunden. Ranger scheint wenig beeindruckt zu sein. Liebevoll wedelt er mit seinem Schwanz und schleckt mich weiter ab. Träume ich, sehe ich eine Scheinwelt, ist dies alles nur Illusion? Ich erhebe mich, mache ein paar Schritte und berühre die leuchtende Wand vor mir. Echt, alles echt, fest, alles fest. Alles so hell, friedlich, einfach nur schön, wie von Gottes Hand erschaffen, oder waren es doch die Wurzelelfen oder gar Außerirdische. Menschen können dies nicht gemacht haben, es ist so schön, außerirdisch schön, eine Perfektion von Liebe und Schönheit. Doch wie bin ich hierhergekommen, das kann doch unmöglich unter meiner Wiese existieren. Da fällt mir wieder das Loch ein, durch dieses Loch und dann hierher, nein … nein, das kann so nicht sein. Ranger sieht mich an. „Ja, mein Goldhund, du hast mich hierhergeführt, deine Nase, dein Gespür!“ Ich streichle Ranger am Nacken. Er schaut mich an und bellt, so als wollte er sagen: „Steh nicht so lange herum, los, auf geht’s, erkunden wir diesen Gang, diesen Tunnel. Abenteuer, wir sind bereit und kommen!“ Er will schon losrennen, da rufe ich: „Halt, steh!“ – ein Befehl für Ranger. „Diesmal hänge ich dich lieber an die Leine, ich möchte dich nicht verlieren und schon gar keine Überraschungen mehr erleben.“ Langsamen Schrittes marschieren wir los, es ist aber kein Marschieren, sondern ein leichtes Gleiten, so fühlt es sich zumindest an, wie auf einer Wolke durch den Himmel, es ist einfach himmlisch schön. Alles glänzt, alles funkelt, an den Wänden Gold, Smaragde, Rubine, Quarze und sonstige Edelsteine, auch der Boden strahlt, wie mit einer Untergrundbeleuchtung. Alles fühlt sich so frei, so rein, so voller Liebe an, es ist eine unbeschreibliche innere Fülle zu spüren, nicht Reichtum, nicht Habgier, keine Kälte, keine Einsamkeit, einfach nur Liebe und ein Erfülltsein. So glücklich und zufrieden habe ich mich lange nicht mehr gefühlt. Dies könnte ewig so andauern. So schweben wir noch lange dahin, hingerissen von dieser Schöpfung, oder wer immer dies auch gemacht hat. Ich weiß gar nicht, wie lange wir schon unterwegs sind oder waren. Zeit und Raum vereinigen sich hier zur Unendlichkeit. Was ist schon Zeit, eine Sekunde, Minute, Stunde, ein Tag, ein Jahr usw., wenn man in der Fülle ist, spielt Zeit keine Rolle. Ranger und ich baden in einem See voller Energie und Unerschöpflichkeit. Sind wir wirklich im Himmel? Schön ist es schon hier, aber … Mein Kopfdenken holt mich aus diesem Traum, der keiner ist, zurück. Immer diese Gedanken, wir müssen zurück, zu meiner Frau, zu meinen Kindern, zum Hof. Was wird mit dem Hof passieren, wenn ich nicht mehr da bin? Wie lange bin ich eigentlich schon fort? Sie werden mich bestimmt schon suchen. „Ranger, wir müssen zurück.“ Gedanken über Gedanken durchströmen meinen Kopf. Ich würde schon gern hierbleiben, aber … das schlechte Gewissen, die Pflicht, meine Aufgaben … Ich kann doch nicht einfach, nein, ich kann doch nicht einfach hierbleiben. Ranger zieht immer nur nach vorne, unbekümmert, ohne Schuldgefühle, ohne Gedanken, ohne sich um andere zu kümmern. Ganz egoistisch will er dies für sich einsaugen und genießen. Könnte ich doch nur so wie mein Hund sein, frei nur für mich entscheiden, ohne Zwang, ohne Angst, ohne Skrupel, ein optimistischer Egoist. Nein, ich kann das nicht, ich muss zurück, ich habe meine Verpflichtungen, ich habe meinen Auftrag, so bin ich nun mal, so wurde ich erzogen, so gehört sich das auch als Bauer, als Erbhofbauer. „Los, Ranger, wir kehren um und suchen den Ausgang zu unserer Welt.“ Ranger schaut mich fragend an. „Was soll das, ist es hier nicht wunderbar?“ „Aus, komm her, wir gehen zurück.“ Mit einem Ruck und Zupf an der Leine hole ich Ranger in meine Richtung. Die ersten Meter muss ich ihn schleifen, er will nicht zurück und ziert sich sehr, mit voller Kraft. „Wer ist hier der Herr, also komm, ich habe heute noch viel Arbeit vor mir, die Pflicht ruft.“ Ich weiß nicht mehr, wie weit wir marschiert sind. Für mich scheint es wie eine Unendlichkeit, aber irgendwann erreichen wir wieder unseren Ausgangspunkt, die Höhle, den Platz, wo wir durch das Loch hereingefallen sind. Ranger will noch einmal umkehren, aber die Leine hindert ihn am Ausriss. „Wenn wir hergekommen sind, kommen wir auch wieder zurück“, denke ich, „aber wie?“ Fragend schaue ich mich um. Keine Ahnung, wie wir hier wieder wegkommen können. Sollen wir wirklich hierbleiben? Nein, auf keinen Fall, wir gehen zurück, und wieder kommen mir die Gedanken an meine Frau, meine Kinder und meinen Hof. Jaja, genau so machen wir es, ein Lichtblick, warum bin ich bloß nicht früher darauf gekommen? Wir springen einfach in das Nichts und warten, was passiert. „Also, Ranger, auf drei springen wir. Eins … zwei … und drei, ein Sprung, die Wand, ein Aufschrei lässt uns wieder am Boden landen. Falsche Tür vielleicht, wir probieren es noch einmal. Auch der zweite Versuch verläuft ähnlich. So nicht, nein, so nicht, mit mir so nicht. Ich gebe mich nicht so einfach geschlagen, ich bin ein sturer Bauer, und wenn es sein muss, gehe ich mit dem Kopf durch die Wand, und so machen wir es auch. Augen zu und mit Volldampf durch die Wand, den Boden … es funktioniert, wir purzeln wieder, wir versinken, das Licht verschwindet, wir fallen, wir stürzen, völlige Ohnmacht überströmt uns, es dreht sich, wir drehen uns, wir werden herumgewirbelt. Fliegen wir, ich weiß es nicht, ich fühle mich plötzlich so leicht, schwerelos gleiten wir dahin, und dann ein Stoß, ein Ruck. Aua … aua … rums … Stoß … Ruck … aua … bum! Ich bin hart gelandet, alles ist finster, ich sammle, ich winde mich, ich spüre etwas Feuchtes an meiner Wange, es fühlt sich wie ein Schlecken an, ein feuchtes, langes Schlecken. „Ranger … Ranger, bist du es?“

Wir haben es geschafft, wir sind zurück. Ich öffne die Augen, ja, ich liege auf meiner Wiese. Nach einigen Minuten schaue ich mich genauer um. Komisch, irgendwie hat sich inzwischen alles verändert. Es ist schon der Platz, die Stelle, die Wiese, doch eigenartig, irgendwie ist alles verändert. „Komm, Ranger, wir gehen nach Hause.“ Ranger schaut mich ganz verwundert an, und außerdem sieht er nicht mehr aus wie ein Australian Shepard, sondern wie ein gewöhnlicher brauner Schäferhund. „Komisch, na vielleicht habe ich durch den Aufprall eine leichte Gehirnerschütterung bekommen, das wird schon wieder“, denke ich nur. In diesem Augenblick kommt ein Mann des Weges, er grüßt mit: „Servus Sepp, host a nix mehr zum Tuan?“ „Wos Sepp? Ich heiße Rupert, ganz genau Rupert Maria Alois!“ „Bist am Kopf gfolln, du bist da Meiselbauer Sepp, und vagiss net, die Gretl, dei Frau, zsum Griaßn.“ „Nein, nein, nein, meine Frau heißt Karin, und net Gretl.“ „Wast wos, schlof dein Rausch aus, und dei Hund Wotan wird schon auf di aufpassn.“ „Wotan …? Das ist der Ranger!“ „Jojo, passt schoan, Sepp, i geh jetzt weiter, wir segn uns, wenn du wieder normal bist!“



Wer bin ich?

Ich spiele gerade vor dem Stall auf der Wiese mit meinen „Tschurl“ (Fichtenzapfen). Großvater Johann schaut herüber und fragt: „Wos spielst denn du do?“ „Ich spiele gerade Bauernhof“, antworte ich. Alles habe ich aufgebaut: Das Haus, den Stall, die Wagenhütte, die „Schupfn“ (den Heuschober), dahinter ist der Wald, und auch die Tiere wie Kühe, Schafe, Pferde, Hühner, Katzen und natürlich der Hund kommen vor. Alles nur aus Fichtenzapfen. Ich lasse meine kreative Ader freien Lauf und spiele so alle Arbeiten auf einem Bauernhof durch, von der Heuarbeit zum Pflügen, zum Garbentragen und bis zum Holzschlägern. Alles so, wie ich mir das vorstelle, oder wie ich angelernt und erzogen worden bin. „Du wirst einmal Bauer“, haben sie gesagt, meine Eltern. Rolli, unsere Hündin, kommt angerannt, schnappt mir ein Schaf weg und läuft sofort wieder weg. „Gib das sofort wieder her, bleib stehen, bring mir mein Schaf zurück!“, rufe ich hinterher. Sie hat nur einen Zapfen genommen, doch in meiner Welt ist dieses Schaf von größter Bedeutung. Ich laufe hinterher, Rolli will mit mir spielen und läuft kreuz und quer, auf und ab, knapp und doch wieder weit an mir vorbei, sodass ich sie nicht erwischen kann. Sie legt den Zapfen vor mir ab, doch sobald ich mir ihn wieder holen will, ist dieser natürlich wieder weg. Mein Hund ist doch schneller als ich. „Meinetwegen, behalte das Schaf, du dummer Köter“, schnauze ich sie an. Aber Rolli weiß, dass ich ihr nie böse sein kann. Mit dem Schwanz wedelnd kommt sie auf mich zu und leckt mir über die Wange. Großvater Johann, der alles beobachtet hat, lacht nur und murmelt so dahin: „Lass dir ja nie etwas wegnehmen, schon gar nicht von deinem Bauernhof.“ Großvater passt immer auf mich auf, wenn alle anderen bei der Arbeit am Feld, auf der Wiese oder im Wald sind. Er ist schon alt und braucht nichts mehr zu arbeiten. „Ja, Bauer zu sein ist nicht leicht“, pflegt er immer zu sagen, und er muss es ja wissen, da er lange unseren Hof geführt und verwaltet hat. „Du, du wirst einmal ein guter Bauer werden, schinde dich aber ja nicht zu Tode“, sagt er und lacht. Dann nimmt er wieder einen Zug von seiner Zigarette. „Muss ich eigentlich Bauer werden?“, frage ich. „Ja müssen tust du nicht, du bist einfach dazu bestimmt, also frag nicht lange.“ Obwohl ich das jüngste Kind meiner Eltern bin und über Generationen immer der Älteste den Hof bekommen hat, bin ich auserwählt worden, weil ich einfach „passe“. „Du passt!“, hat mein Vater gesagt. Ich habe zwar Geschwister, doch so ist es bestimmt. Der Älteste, besucht eine höhere Schule, die anderen sind nicht gefragt worden, und so bin ich übrig geblieben. Auch vom Alter her „passe“ ich, da meine Eltern, wenn es so weit ist, in Pension gehen können. „Du wirst der Bauer.“ „Ich, warum gerade ich?“, habe ich mich gefragt, „ich, Rupert Maria Alois L.“ „Hurra, ich werde Bauer!“, singe ich durch den Hof. Die Mutter sagt immer: „Er wird unser Bauer!“ „Hurra, hurra! Ich werde euer Bauer.“ Um mich gut darauf vorzubereiten, spiele ich Bauernhof, und weil Spielsachen bei uns Mangelware sind, lasse ich meinen Visionen und Vorstellungen freien Lauf, alles muss für die Darstellungen herhalten: Zapfen, Steine, Äste, Gras, Moos, und sogar Großvaters Zigarettenschachtel. „Hurra, ich bin euer Bauer!“, beschwöre ich meine Tiere. „Ihr seid meine Gehilfen, oder soll ich besser Mitarbeiter sagen? Ja, ich bin der Meiselbauer, so unser Vulgoname bzw. Hausname, und ihr seid meine Bewohner.“ Ein schöner Fleck auf dieser Erde. „Is wull a streitbore steile Huabn!“, höre ich oft Besucher oder Verwandte sagen. Sofort frage ich meinen Großvater: „Was ist eine streitbare Hube?“ „Wie soll ich dir dies erklären?“, murmelt Großvater Johann vor sich hin. „Du wirst sehr fleißig sein müssen, sparsam und ohne großen Reichtum auskommen müssen. Zum Überleben wird es schon reichen, aber viel mehr ist hier nicht drinnen“, so die Beschreibung von meinem Großvater. Ich kann damit wenig anfangen, und singe fröhlich weiter: „Im Märzen der Bauer …“

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 288
ISBN: 978-3-903271-89-0
Erscheinungsdatum: 13.01.2021
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