Cover: „Ich wünsche dir ein ganz gutes Leben“

„Ich wünsche dir ein ganz gutes Leben“
Mein Leben mit/trotz/dank Schizophrenie


EUR 29,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 362
ISBN: 978-3-99131-843-9
Erscheinungsdatum: 16.09.2024
Chronische Schizophrenie – schon als junge Frau wird Solveig mit dieser Diagnose konfrontiert. Immer wieder holt die Krankheit sie ein. In ihrem Buch schildert die Autorin den langen und schmerzvollen Weg zu einem mehrheitlich selbstbestimmten, glücklichen Leben.
PROLOG

2006


Liebe Sylvia,

ganz spontan habe ich gesagt, ja, ich schreibe ein Vorwort zu deinem Buch. Ja, und nun …

Ich hab noch nie so was gemacht, nicht einmal je daran gedacht. Schriftsteller sind bei uns ja ganz andere! Nun wenn das Wort Biographie fällt, denkt man sofort an Familie. Familie Ballmer, die sich sicher selbst zur „Spezie Rara“ ernennen würde, falls es eine solche Bezeichnung für Menschengattungen gäbe. Solange ich mich erinnern kann, war und ist das „Spezielle“ Familientradition; vom hinterletzten Küchentüchlein bis zum extravaganten übergrossen Haus meiner Eltern.

Als wir damals nach Basel zu Besuch kamen, war ich noch klein. Sylvia war meine Tante. Sie hätte auch meine grosse Schwester sein können. Bei ihr im Zimmer fühlte ich mich wie im Paradies. Sie erzählte von der „Pfadi“, ein für mich unergründliches Reich. Zelten, Waldklo und Natur … für ein kleines Mädchen, direkt aus Paris importiert, Fremdwörter sondergleichen.

Sylvia hatte auch immer interessante Verletzungen. Für ihre Krücken und Bandagen habe ich sie beneidet. Wie gerne wäre auch ich an Krücken gelaufen. Ich musste bis zu meinem sechzehnten Lebensjahr auf Erfüllung meines Wunsches warten. Bei jedem Besuch eine andere Verletzung, wie sie das bloss anstellte? Das war richtig spannend.

Dann zogen wir definitiv nach Basel, ich war zehn, für mich war alles fremd, Sylvia wohnte nicht mehr zu Hause und ich durfte in ihrem Zimmer schlafen. Da war es zugleich geborgen und unheimlich. Das machte mich ängstlich und neugierig, am liebsten hätte ich alles durchsucht, denn ich spürte, hier weilt ein Geheimnis, aber ich wusste, das macht man nicht. So rührte ich nichts an.

Wo war Sylvia? In England, in Genf, in der Klinik? Sie war nicht da, meine Grossmutter erzählte, sie habe Grippe, dann erzählte sie, sie sei in der Klinik. Ich wollte sie besuchen, durfte aber nicht. Schreiben und eine Zeichnung senden wollte ich, hatte aber keine Adresse. „Ich werde es ihr geben“, sagte meine Grossmutter. Wahrscheinlich hat sie es nie gemacht.

Dann war sie in Genf und ich durfte sie ganz alleine besuchen. Meine erste Zugreise durch die Schweiz. In Delémont der grösste Schreck. Es geht wieder zurück nach Basel!!! Niemand hatte mir erklärt, dass es Sackbahnhöfe gibt. Wir assen Asiatisch, „Nasi goreng“. Auch dies eine Premiere für meine auf französische Küche beschränkten Kenntnisse. Es war schön.

Meine Grossmutter, Sylvias Mutter, sie hatte alles im Griff, sie kontrollierte alles. Was von Sylvia kam, was über Sylvias Krankheit erzählt wurde, was zu Sylvia kam. Ein goldenes Gefängnis! Als kleines Mädchen wurde ich von ihr verwöhnt. Am allerliebsten waren mir die gemeinsamen Zoobesuche mit dem obligaten „Gasparini“-Eis und der Elefantenvorstellung. Übrigens schmeckt das Eis heute nicht mehr so wie damals! Unsere Besuche beim Modehaus Merkur, ein Kleid aussuchen. Bei aller Pariser Mode waren für mich die Merkur-Kleider am schönsten, denn die durfte ich mir selbst aussuchen. Wenn das Programm und das Wetter es erlaubten, fuhren wir mit dem Tram zum Schrebergarten. Die Fahrt nach Riehen, der Fussmarsch, der Aufstieg und der Schlipf. Paradies, weil es Freiheit bedeutete und es eine Wandtafel gab, absoluter Hit der Kinder, auch heute noch. Während meiner Rebellionszeit war sie für mich das verständnisvolle Ohr. Mit ihr lernte ich Lateinvokabeln und später Steno. Wir assen regelmässig zusammen zu Mittag und diskutierten über Gott und die Welt, über meine doofen Eltern, meine Zukunft. Als ich heiratete, hielt sie die Tischrede, liebevoll erzählte sie Episoden aus der Familiengeschichte. Meine Kenntnisse in Sachen Familiengeschichte und Verwandtschaft wurden mir lange Zeit nur von ihr vermittelt. Sie wurde Urgrossmutter, ich denke, sie war stolz darauf. Sie kam oft zu Besuch. Wir hatten es gut.

Dann holte sie das Alter ein, die Altersdemenz und damit verlor sie die Übersicht. Die Fassade bröckelte … Für mich eine Enttäuschung. Für Sylvia die Erlösung. Wir haben uns wieder neu kennengelernt, die Gefühle füreinander waren tief in unseren Herzen begraben, aber noch immer da. Wir reden viel, hören einander zu. Wir haben uns gern. Sylvia, ich hab dich gern, du hattest es schwer, sehr schwer, du hast es geschafft, aus dem Abgrund zu klettern und wie ein Schmetterling davonzufliegen. Dafür bewundere ich dich unheimlich. Geniesse dein Leben.

Véronique




WILLI 2013

„ICH WÜNSCHE DIR EIN GANZ GUTES LEBEN“


Er steht auf der Schwelle. Geht hinüber. Langsam. Schreitet. Dem Licht entgegen.

Und ich? Soll ich auch? Darf ich mit? Muss ich? Noch verweile ich. Bin unschlüssig. Auf welche Seite? Ein bisschen sterben … Ein bisschen mit-sterben … Aber endgültig? Hab ich die Wahl? Hat überhaupt jemand je die Wahl?

Unentschieden. Hin und her. Diese Möglichkeit auskosten. Zwischen den Welten. Driften. Ihm nach. Ihm folgen. Nachfolgen.

Aber. Er wünschte mir ein gutes Leben. Nicht ein gutes Sterben. Ergo. Ich versuch. Zurück. Zurück ins Leben. Bleib auf der Schwelle. Es zieht mich. Mal auf die eine. Dann auf die andere Seite. Manchmal das Gefühl, mich aufzulösen. Los-lösen. Den Körper. Die Welt. Das Leben. Die Lebenden. Alles loslassen.

Aber. Meine Aufgabe? Meine Lebensaufgabe?

Entscheidung. Die eine definitiv. Die andere vorläufig. Die Definitive folgt auf jeden Fall. Nur nicht gerade jetzt. Und auch dann. Vielleicht möchte ich dann gar nicht. Wäre jetzt einfacher? Loslassen. Loslassen können. Ein Prozess? Ein langsamer? Oder ist dann plötzlich genug? Und folgerichtig? Es passiert dann einfach. Ungefragt.

Ich möchte doch … Ja. Eigentlich möchte ich noch … Dieses Buch zum Beispiel. Dieses Lebensbuch. Schreiben.

Habe ich Angst? Vor mir? Mit mir allein? Nicht schreiben ist das Problem. Das geht von allein. Aber das wieder lesen. Streichen, was unwichtig. Oder wiederholt. Schreiben löst. Wieder lesen wühlt auf.

Was vor acht Jahren angefangen, muss zwangsläufig geändert, angepasst werden. Dass es rückwirkend so verstanden werden kann, wie es meinem heutigen Empfinden, meiner heutigen Denkweise und Erkenntnis zwar eher entspricht … und doch der ganze innere Tumult spürbar bleibt.




WAS BLEIBT …

Mein lieber grosser Bruder,

zu deinem heutigen Geburtstag wünsche ich dir von Herzen alles Liebe und Gute.

Ausser den fünfzehn Lebensjahren, die uns immer schon trennten, der Abstand immer gleich geblieben, hat sich alles um uns nachhaltig verändert. Ich habe noch die letzte Sechs am Rücken … und du die Achtzig schon eine Weile hinter dir gelassen …

Für mich warst du immer einfach der „grosse Bruder“, vor allem dann Vater deiner Kinder, die ich liebte und auf die ich stolz war, als wären es meine eigenen, und natürlich die Tatsache, dass ihr zu jener Zeit in Paris gelebt habt. Zusammen mit meinen Eltern durfte ich früh das damals noch nicht selbstverständliche Privileg haben, schon als kleines Mädchen Paris zu entdecken. 1965 verbrachte ich meine ganzen Sommerferien bei euch in Suresnes, sah das Meer zum ersten Mal auf dem Weg nach Erquy, habe zum ersten Mal Moules gekostet … Dank meiner Nichte meine ersten Versuche, französisch zu sprechen …

Erst viel später hat mir Tante Margrit erzählt, dass sie und ihr Mann für dich eigentlich die „richtigen“, die wahren Eltern waren. Dort hast du dich geliebt, akzeptiert und wohl gefühlt. Bei mir übernahm die Familie meines zukünftigen Patenkindes diese Rolle, weil wir bei uns zu Hause, aus welchen Gründen auch immer, nicht all das bekommen haben, was wir damals gebraucht oder nötig gehabt hätten. Von dir weiss ich, dass du schon früh das Gefühl hattest, zu kurz zu kommen.

Von unseren Eltern haben wir ja nicht nur das viele Geld geerbt – sondern Charaktereigenschaften, Verhaltensformen, Veranlagungen, Talente, die Unfähigkeit, Konflikte verbal auszutragen – es wurde geschwiegen, allenfalls getäubelet, und jeder flüchtete in sein Zimmer. Wir drei Geschwister sind ja alle auf eine Art aus der „normalen“ Welt geflüchtet. Thomas konsequent und endgültig – seiner Art entsprechend. Du in deine produktive Fantasiewelt und dann dein Entscheid, deine Familie zu verlassen, den Kontakt zu allen abzubrechen – deine einzig mögliche Art zu reagieren. Auch dies ein definitiver, konsequenter Entschluss, der deinen Erfahrungen im Leben entspricht. Meine Art der Flucht war schlussendlich das Abtauchen in die Psychose, in die Schizophrenie – in eine Welt ohne Sprache. Und ohne Sprache ist es unmöglich, eine Konfliktsituation anzusprechen, geschweige denn, diese lösen zu müssen, lösen zu können. Keiner von uns war sich als Kind oder Jugendlicher darüber bewusst, weshalb wir diese unsere eigene Fluchtnotwendigkeit „wählten“ – das wird nicht entschieden von Wille oder Verstand. Es ist wohl einzige Möglichkeit, das Leben auszuhalten zu versuchen.

Unterdessen aber sind aus uns erwachsene Menschen geworden, verantwortlich für unser Verhalten, unser Handeln und unsere Entscheidungen. Selbst wenn unser Verhalten, unser Entscheid für andere nicht nachvollziehbar, ja, unverständlich sind – wir selbst haben uns dazu entschieden. Was ich damit sagen möchte, ist: Ich weiss zwar nicht, kenne deine Motive nicht, weshalb du den Kontakt zu ALLEN abgebrochen hast – aber du hast dich selbst dazu entschieden. Und deshalb möchte ich es auch so akzeptieren, nicht werten oder dich beschuldigen für etwas. Denn du hast es so gewählt, dich so entschieden.

Ich hoffe und wünsche, dass du in deinem jetzigen Leben mit deiner Partnerin glücklich, oder glücklicher bist. Und ihr euch einander das geben könnt, was du früher vermisst hast, hast vermissen müssen, weil du sonst untergegangen wärst.

Menschen verändern sich. Manche verlassen uns, andere wiederum werden von uns verlassen. Loslassen kann schmerzhaft und traurig sein, aber auch befreiend, weil es Platz und Raum für Neues schaffen kann.

Letztes Jahr war ich nochmals mehrere Wochen mit einem Camper unterwegs, in Australien mit Agnes. Sie hat im Camper übernachtet, ich im Zelt oder in der Hängematte. Viele Pastellkreidebilder sind entstanden während unserer Reise. Die Vorderseite der Karte, kurz nachdem mich die traurige Nachricht erreichte, dass unsere Nichte in den frühen Morgenstunden des Pfingstsonntags an Krebs verstorben ist. Dieses Bild möchte zeigen, wie sie ihrem physischen Körper entflieht, die Hülle fallen lässt.
...
5 Sterne
Eindrucksvoll und stark  - 15.11.2024

Eine eindrückliche und intensive Reise durch das Leben und die Gedankenwelt der Autorin. Packend geschrieben, nimmt sie Leserin und Leser mit in die Abgründe ihrer Krankheit, auf den holprigen Weg zu Selbstfindung und Selbst-Akzeptanz. Sie inspiriert mit starkem Lebenswillen und positiver Einstellung, durch die sie über die Zeit zu selbst erarbeiteter innerer Stärke findet.

5 Sterne
Eindrucksvoll und stark  - 15.11.2024

Eine eindrückliche und intensive Reise durch das Leben und die Gedankenwelt der Autorin. Packend geschrieben, nimmt sie Leserin und Leser mit in die Abgründe ihrer Krankheit, auf den holprigen Weg zu Selbstfindung und Selbst-Akzeptanz. Sie inspiriert mit starkem Lebenswillen und positiver Einstellung, durch die sie über die Zeit zu selbst erarbeiteter innerer Stärke findet.

Das könnte Ihnen auch gefallen :

Cover: „Ich wünsche dir ein ganz gutes Leben“

Wolf Grubeik

3x Deutschland erlebt

Buchbewertung:
Mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder