Ich liebe ... ohne Ende
Der Anfang einer wahren Geschichte, die das Leben schrieb
EUR 20,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 252
ISBN: 978-3-7116-0684-6
Erscheinungsdatum: 17.03.2026
Als Emma 2007 in die Türkei fliegt, möchte sie alles andere, als sich neu zu verlieben. Doch Yasha tritt in ihr Leben – und konfrontiert Emma mit ihren unverarbeiteten Traumata. Ein Kampf beginnt, um finanziell sowie psychisch zu überleben und zu erstarken.
1
Vor mir lag jener Urlaub, der mein Leben für immer verändern sollte. Es war Mai 2007, ich befand mich in meinen Vierzigern und hatte bereits zwei gescheiterte Ehen und etliche Beziehungen hinter mir. Obwohl ich mich im Grunde nach nichts mehr sehnte als nach Liebe, fühlte ich mich an einem Punkt angelangt, an dem ich Männern gegenüber sehr vorsichtig geworden war und mich partout für kein oberflächliches Abenteuer mehr hergeben wollte. Tatsächlich stand mir damals, als wir diese Reise planten, der Sinn nicht im Geringsten nach Männern. Ich fühlte mich frei, ohne auf der Suche zu sein, und wußte nur eines: Sollte Beziehung irgendwann doch wieder ein Thema für mich werden, dann käme nur eine absolut solide und harmonische Partnerschaft mit einem Mann in Frage, der mein Herz berührte und wirklich zu mir paßte. Zu tief saß das emotionale Trauma der früheren Enttäuschungen und Verluste, die sich durch mein Leben zogen wie eine Perlenkette der Tränen. Ich wollte keine dieser Tränen mehr weinen müssen – ich wollte glücklich sein!
Als es um unser Urlaubsziel ging, peilten meine Freundin Nelia und ich zunächst Dubai an. Da es damit jedoch nicht klappte, schlug Nelia vor, in die Türkei zu reisen. Schon mein Vater als alter Türkeiliebhaber hatte mir immer wieder empfohlen, mir dieses Land anzusehen. Trotzdem dachte ich angesichts Nelias Vorschlags im ersten Moment: Um Himmels willen, bloß nicht in die Türkei! In meiner Vorstellung verband ich dieses Land mit all den Geschichten über Türken, die nichts anderes zu tun hätten, als naive und abenteuerlustige Touristinnen zu verführen.
Dabei hatte ich im Grunde nichts gegen Türken. Ich war mit Türken zur Schule gegangen und hatte einmal sogar eine sehr innige Liebesbeziehung zu einem Türken gehabt, über die ich viele Jahre nicht hinweggekommen war. Nun wollte ich meinen Herzensfrieden nicht mehr riskieren, sondern Erfüllung in der ganz großen Liebe finden. Und wer weiß, vielleicht lag es auch an meiner Intuition, die mir bereits in diesem Moment zu verstehen gab: Auf dich wartet eine Begegnung, wie es sie vielleicht nur einmal im Leben gibt – intensiv, bewußtseinserweiternd und sämtliche inneren Grenzen sprengend!
Irgendwie schaffte Nelia es schließlich doch, mich von der Türkei zu überzeugen, und so widmeten wir uns den Details der Reiseplanungen. Ich wollte in keinem Touristennest absteigen, sondern in der Großstadt, daher fiel unsere Wahl sehr schnell auf Antalya. Wir buchten uns in ein schickes Stadthotel am Strand ein, von dem aus wir unsere Erkundungen in Angriff nehmen würden.
Erstaunlich war, daß meine Tochter Samira mir bereits im Vorfeld der Reise mehrmals ausdrücklich den Besuch der Stadt Side ans Herz gelegt hatte, und zwar mit einer Dringlichkeit, über die ich mich zum damaligen Zeitpunkt sehr gewundert hatte.
„Mama, diese Stadt mußt du gesehen haben, fahrt unbedingt dorthin!“, so erinnerte mich Samira während der Reisevorbereitungen etliche Male.
„Ja, gerne“, hatte ich ihr dann geantwortet, „wir werden uns Side ansehen. Aber was ist denn nun so Besonderes an diesem Ort?“
Seltsamerweise bekam ich dazu jedoch keine näheren Auskünfte von meiner Tochter. Sie erinnerte mich nur immer wieder daran, den Abstecher nach Side nicht zu vergessen. Rückblickend gesehen, wirkt es für mich ganz so, als hätte meine Tochter damals intuitiv gespürt, wie wichtig der Besuch in Side für ihre Mama sein würde – als hätte sie dabei als eine Art unbewußte Botschafterin des Schicksals fungiert.
Also machten wir uns an jenem Dienstag, den ich nie wieder vergessen sollte, auf in Richtung Side. Uns war zu Beginn nicht klar gewesen, wie kompliziert die Verkehrsverbindung dorthin war. Im Hotel erklärte man uns daher, daß wir zunächst mit dem Dolmus – einer Art türkischem Sammeltaxi – durch ganz Antalya in Richtung Westen reisen müßten, bis wir an einen Autobahnhof gelangen würden. Von dort ginge es mit einem Bus weiter in die andere Richtung, nach Side. Nelia und ich machen uns also auf den Weg, jede von uns nur mit ein wenig Bargeld, einem Handy und der Kreditkarte in der Hosentasche. Handtaschen wollten wir nicht mitnehmen, die würden uns ja vielleicht doch nur geklaut werden, so dachten wir.
Im Rückblick erscheint mir die Abenteuerlichkeit jener Fahrt heute wie eine sinnbildliche Vorausschau auf die Zeit, die ich danach erleben sollte: eine Reise hinein in eine völlig neue, exotische Welt, gewürzt mit spektakulären Erfahrungen und überraschenden Wendungen, denen ich einerseits mit Skepsis und Zweifel begegnete, durch die ich mich letztlich aber auch immer von meinem tiefen Urvertrauen ins Leben tragen ließ – auch wenn die Dinge manchmal ganz anders schienen, als sie es tatsächlich waren.
Da fuhren wir also mit dem Bus durch ganz Antalya, zwei unbedarfte Touristinnen, die keine Ahnung von den Gepflogenheiten im türkischen Nahverkehr hatten und nicht einmal wußten, wo man im Bus seine Fahrkarte zu bezahlen hatte. Daß es im Fahrerbereich ein Körbchen gab, in das jeder ein wenig Geld einwarf, erfuhren wir erst viel später. Unsere Unwissenheit wurde uns jedoch nicht zum Verhängnis, ganz im Gegenteil, die mitreisenden Einheimischen waren sehr verständnisvoll und tolerant. Es wurden Späßchen gemacht, und während wir uns mit Hand und Fuß verständigten, wurde viel gelacht und gescherzt.
Am Busbahnhof angekommen und endlich im richtigen Bus, baten wir den Fahrer, uns Bescheid zu geben, sobald wir nach Side kämen. Doch irgendwann hielt der Bus ganz plötzlich an, gefühlt mitten auf einer Schnellstraße, und man forderte uns auf auszusteigen. Verwundert und ein wenig zögerlich folgten wir dieser Aufforderung und kletterten unbeholfen über die Leitplanken am Straßenrand. Ein türkischer Herr, der bereits im Bus mit uns gefahren war und wußte, daß wir die Stadt besichtigen wollten, winkte uns nun freundlich zu und bedeutete uns, ihm zu folgen. Das taten wir auch, jedoch mit recht gemischten Gefühlen, denn wer wußte schon, in welch eine Falle man uns naive Touristinnen locken wollte! Als wir jedoch um die nächste Ecke bogen, löste sich unser Unbehagen gänzlich in Luft auf. Wir betraten ein hübsches Lokal, dessen Eigentümer der freundliche Herr war, und wurden dort zum Essen eingeladen!
Es folgten überaus unterhaltsame Stunden bei leckerer türkischer Küche – und in äußerst angenehmer Gesellschaft! Denn bereits nach kurzer Zeit setzten sich ein paar junge Türken zu uns an den Tisch, mit denen wir unbefangen plauderten und lachten und die uns irgendwann in die Kunst des Kaffeesatzlesens einweihten, einen beliebten Zeitvertreib in der Türkei. Wir waren etwa gegen ein Uhr Mittag angekommen, und als wir das nächste Mal auf die Uhr sahen, war es bereits halb sieben Uhr abends. Wie schnell war dieser unterhaltsame Nachmittag verflogen! Nun dachten wir also, es wäre an der Zeit, ins Hotel zurückzukehren, und baten unsere türkischen Gesellschafter, uns zu erklären, wie wir am besten wieder dorthin kämen. Sofort boten sie sich an, uns zu fahren, packten uns ins Auto und brachten uns den ganzen weiten Weg – es waren rund 60 Kilometer – zum Hotel zurück. Doch das war noch nicht alles: Sie luden uns sogar ein, uns nach Dienstende wieder abzuholen, um uns Antalyas Altstadt zu zeigen. Begeistert sagten wir zu und freuten uns über diese tolle Gelegenheit, von Einheimischen durch die Stadt und das Nachtleben begleitet zu werden.
Pünktlich um 23 Uhr wurden wir von den jungen Männern also wieder abgeholt und erlebten das pulsierende Antalya bei Nacht: funkelnde Lichter, das Meer und die Musik – lebendig und provozierend. Ein moderner orientalischer Traum, wie er faszinierender nicht sein könnte.
Selbst wenn es naheliegend scheinen mag, hatte ich den ganzen Nachmittag in Gesellschaft der jungen Männer absolut keinen Hintergedanken in puncto Flirt gehabt. Das Zusammensein mit ihnen war einfach nur nett. Ich genoss die Unbeschwertheit des Moments, geboren aus natürlicher Herzlichkeit und Lebensfreude, ohne mehr zu erwarten. Bis sich plötzlich im Bruchteil einer Sekunde alles schlagartig und für immer veränderte.
2
Niemals werde ich diesen einen Augenblick vergessen, der sich unauslöschlich in mein Gedächtnis, ja in meine Seele eingebrannt und für immer eine Ahnung von Grenzenlosigkeit in ihr hinterlassen hat. Wir waren gerade in einer Bar und unterhielten uns inmitten der Menschenmenge, da tat ich einen Seitenblick über die Schulter und direkt in die Augen eines unserer beiden Begleiter, Yasha. In diesem Moment fühlte ich etwas, was man – will man es überhaupt mit Worten versuchen – nur als ein plötzliches, tiefes Erkennen beschreiben kann. Obwohl dieser junge, gutaussehende Mann schon den ganzen Nachmittag um mich gewesen war, hatte ich ihn kaum wahrgenommen. Nun verlieh dieser eine Moment seiner Präsenz und unserem Aufeinandertreffen schlagartig eine völlig neue, schicksalhafte Qualität.
Mein Gott, dich kenne ich seit tausend Jahren, war der allererste Gedanke, der mir durch den Kopf schoss. Mir wurde heiß und kalt zugleich, alles in mir vibrierte. Was geschah hier gerade? Ich wollte es nicht Verliebtheit oder Liebe nennen, was ich da spürte – es war etwas viel Stärkeres. Ein Gefühl, als hätten unsere Seelen bereits das ganze Universum miteinander durchreist. Doch so, wie dieser magische Augenblick des Erkennens mein Innerstes angerührt und elektrisiert hatte, rebellierte mein Verstand mit heftigen Gedanken der Abwehr: So etwas gibt es nicht, das ist völlig verrückt, dachte es in mir. Ich hatte etwas noch nie zuvor erlebt, und so fühlte ich mich ebenso fasziniert wie verwirrt. Dieser Mann war ein Fremder! Wie konnte ich nur den Eindruck haben, ihn schon so lange zu kennen? Gegen das, was für meine Seele in diesem Moment Realität war, sollte sich meine Vernunft noch sehr lange Zeit wehren.
Später ging es zum Tanzen in einen Nachtclub, wir feierten ausgelassen und genossen die knisternde Atmosphäre. Ich konnte es immer noch kaum fassen, ließ mich jedoch auf Yasha ein und flirtete heftig mit ihm. Beim Abschied sagten die beiden Männer dann ganz selbstverständlich: „Wir holen euch auch morgen wieder ab!“ Und da spürte ich ganz deutlich: Das hier war mehr als nur eine oberflächliche Tändelei. Ich war mir sehr sicher, daß auch Yasha die besondere Art der Verbindung zwischen uns beiden wahrnahm, daß auch ihn der Moment des Erkennens tief im Innersten angerührt hatte.
Schließlich verbrachten wir die ganzen vier letzten Tage in Antalya miteinander und erlebten das pure Glück. Yasha und ich wurden unzertrennlich und kosteten jede gemeinsame Minute aus wie eine reife, saftige Frucht. Ich erlebte nun eine Form der körperlichen Liebe, die jeder Vorstellung von Ekstase, die ich bis dahin gekannt hatte, eine gänzlich neue Bedeutung verlieh. So fühlte es sich also an, wenn Seele und Körper gleichermaßen in Flammen standen! Gleichzeitig war ich hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, Zeit mit Yasha zu verbringen, und dem Wunsch, auch meiner Freundin Nelia gerecht zu werden. Als es hieß, Abschied zu nehmen, brach mir fast das Herz. Für mich war klar: Das war Liebe! Yasha war der Mann, mit dem ich mein Leben verbringen wollte.
Auch als ich wieder zu Hause war, brach unser Kontakt nicht ab. Es verging kein Tag ohne eine SMS oder einen Anruf von Yasha. Ich spürte unsere intensive Verbindung selbst über die vielen tausend Kilometer Entfernung hinweg. Da sich meine Gedanken jedoch fast nur noch um ihn und unsere Liebe drehten, konnte ich mich kaum noch auf meine Arbeit konzentrieren. Gleichzeitig wollte ich das, was mein Leben da gerade so lustvoll ins Chaos stürzte, immer noch nicht wahrhaben. Meine Vernunft ging auf die Barrikaden und vergiftete mir den Sinn mit Gedanken des Zweifels: Hat das denn Zukunft mit einem Mann, der fast 20 Jahre jünger ist als ich? Was, wenn ich an einen jener Türken geraten bin, die nur deshalb eine westliche Frau wollen, um sich versorgen oder sich von ihr den Weg nach Europa ebnen zu lassen? Sind Yashas Absichten mir gegenüber aufrichtig? Meine Unsicherheit wuchs und legte sich wie ein unheilvoller Schatten auf meine Seele. Doch gerade in den dunkelsten Momenten des Zweifels flüsterte mir ein inneres Stimmchen immer wieder zu: Vertrau ihm!
Von den Menschen in meinem Umfeld, mit denen ich über Yasha sprach, bekam ich nichts als Warnungen und Schwarzmalerei zu hören. Warnungen, die mich zutiefst verstörten und meine Ängste nährten. Wie sehr hätte ich in dieser Situation Zuspruch gebraucht! Einen verständnisvollen Freund, der mir in dieser emotionalen Krise ein wenig Zuversicht geschenkt und mich darin bestärkt hätte, mich auf meine Intuition zu verlassen. Doch so einen Menschen gab es nicht.
Und so verblieb ich in einem konstanten Zustand der inneren Zerrissenheit. Meine Tage waren erfüllt vom sehnsuchtsvollen Gedanken an Yasha und unsere bittersüße Liebe. Wie nur ließen sich all die Hindernisse überwinden, die uns davon abhielten, zusammen sein zu können? Alles drehte sich nur noch um diese eine Frage. Irgendwann spürte ich deutlich, daß ich nicht mehr frei war. Es war eine Sucht nach der Liebe zu diesem Mann entstanden, die mir zwar bewußt, gegen die ich aber mittlerweile völlig machtlos war. Körperlich anwesend, doch im Geiste und im Herzen nur noch bei Yasha, buchte ich einen Urlaub für Oktober und lebte in köstlicher Vorfreude darauf hin.
Jedoch schon sechs Wochen nach unserem Kennenlernen flog ich nochmals spontan für ein verlängertes Wochenende in die Türkei. Ich wollte wissen, was mich und Yasha tatsächlich verband und was sich zwischen uns zeigen würde, wenn wir endlich ungestörte, intime Zeit miteinander verbringen könnten. Für diesen kurzen Liebesurlaub buchten wir einen Bungalow in Cirali, wo Yasha und ich zum ersten Mal wirklich allein miteinander wären.
Wie lässt sich mit Worten beschreiben, was wir dort erlebten? So kurz diese vier Tage auch waren, so sehr verloren wir dabei jegliche Begriffe von Zeit und Grenzen. Alles, was zwischen uns gestanden hatte, fiel ab, innerlich wie äußerlich, und ließ uns eins an Körper, Geist und Seele werden. Wir kommunizierten wortlos, sahen einander nur in die Augen, um zu wissen, was der andere in diesem Moment wollte, dachte, fühlte. Unser Bewußtsein verschmolz zu einer Quelle, aus der wir jegliche Informationen übereinander schöpfen konnten. Noch nie zuvor hatte ich mit einem anderen Menschen Harmonie in solch einer Dimension erlebt. Noch nie zuvor war meine Seele so weit gewesen, mein Körper so lichterfüllt in seiner Lust! Wir redeten stundenlang oder saßen einfach nur schweigend da. Alles war gut und richtig so, wie es war, denn alles davon waren wir. Dies war der Raum der Liebe, den ich für immer in meinem Bewußtsein halten würde und der letztlich der Katalysator für meine ganze weitere Entwicklung hinein in ein neues, herzbestimmtes Sein war.
Als Sinnbild für diesen wundervollen Raum der Liebe, in den wir miteinander eintauchten, zeigte sich uns der Sternenhimmel in einer Form, dessen atemberaubende Weite und Schönheit ich niemals wieder vergessen würde: Wir liebten uns unter Myriaden funkelnder Lichtpunkte, behütet von einem juwelenbesetzten Baldachin der Nacht. Während Yasha mir sehr eindrucksvoll die Sternbilder erklärte und wir aneinandergeschmiegt im warmen Sand lagen, bekam ich zum ersten Mal eine Ahnung von der unerschöpflichen Fülle, die sich in der Weite des Universums ebenso wie im Erleben tiefster Liebe ausdrücken konnte.
Wieder zu Hause angekommen, begann ich mir erneut den Kopf darüber zu zerbrechen, wie die Realität einer Partnerschaft mit Yasha aussehen könnte. Meine Ängste und Zweifel kehrten zurück und mit ihnen das Martyrium meines Gedankenrades, in dem ich mich nun wieder täglich drehte – und oft auch nachts. Selbst die Gespräche zwischen Yasha und mir handelten nun permanent von einer möglichen Lösung für unsere Zukunft. Und doch schien es nach wie vor so, als ob es diese Lösung nicht gäbe. Yasha war in die Türkei integriert, ich hier in Deutschland. Zudem wäre es für mich nicht in Frage gekommen zu heiraten, nur um diese Beziehung zu festigen. All dies waren Fakten, deren unbeugsame Härte sich unserer Seelenliebe entgegenstellte wie eine Wand aus Stahlbeton. Dennoch hielten Yasha und ich weiterhin täglich Kontakt und sehnten uns über die große Distanz hinweg nacheinander. Der Konflikt zwischen meinen Gefühlen für Yasha und meinen Ängsten wuchs indessen immer weiter und machte mich fast wahnsinnig.
Sehr bald nach unserem viertägigen Liebesurlaub begann sich etwas Neues bei uns einzuschleichen: Yasha begann, Druck aufzubauen. Dies war ein Aspekt, den ich schon aus früheren Beziehungen nur allzu gut kannte. Ich hatte bereits etliche Male in Konstellationen gelebt, wo Partner über die Gebühr viel Aufmerksamkeit und Zugeständnisse von mir eingefordert und mich damit unter Druck gesetzt hatten. Auch war ich als das älteste von drei Geschwistern aufgewachsen und schon sehr früh daraufhin konditioniert worden, genau das zu tun, was man von mir erwartete. Bereits mit fünf Jahren hatte ich auf meine beiden jüngeren Geschwister aufpassen müssen. Es handelte sich also bei dem Thema „Unter Druck gesetzt werden“ ganz offensichtlich um ein festsitzendes Muster, das sich in meinem Leben trotz vieler schmerzhafter Trennungen und Neuanfänge immer noch hartnäckig hielt. Und natürlich mußte es sich auch in der Beziehung zu Yasha wieder zeigen – und zwar mit zunehmender Intensität, wie sich noch herausstellen sollte.
Yasha bestand nun darauf, ich solle mein Architekturbüro in Deutschland verkaufen und zu ihm nach Side ziehen, wo er seine Arbeit hatte. Ich könne mir dort ja wieder etwas Neues aufbauen, meinte er. Mir hingegen bereitete diese Vorstellung schlichtweg Unbehagen, denn ich sprach kein Wort Türkisch und wollte mich nicht in eine derartige Abhängigkeit begeben. Immer häufiger drehten sich unsere Telefonate um dieses Thema, auch am Abend jenes 27. Juli 2007. Irgendwann beendeten wir unser Gespräch und verabschiedeten uns wie immer. Und wie immer ging ich davon aus, daß ich am nächsten Tag wieder von Yasha hören würde. Doch sein Anruf blieb aus.
3
Da wir seit Mai täglich Kontakt miteinander gepflegt hatten, war meine Verwunderung groß, als ich am nächsten Tag nichts von Yasha hörte, und ich begann rasch unruhig zu werden. Als ich auch in den darauffolgenden Tagen keine Nachricht von ihm erhielt und ihn nicht erreichen konnte, machte sich die schiere Verzweiflung in mir breit, und ich verlor jeglichen inneren Halt. Hatte ich mich in diesem Mann doch getäuscht? Die Vermutung, eiskalt an der Nase herumgeführt worden zu sein, verschaffte sich in meinem Innersten mehr und mehr Raum und verströmte dort ihr schleichendes Gift. Da mein Selbstwertgefühl damals noch denkbar gering war, war ich für Zweifel dieser Art sehr anfällig.
Meine Tage waren nun geprägt vom Empfinden einer dunklen Schwere, wie ich sie schon lange Zeit nicht mehr gekannt hatte. Nachts lag ich wach oder weinte mich verzweifelt in den Schlaf, doch tagsüber mußte ich mein professionelles Lächeln aufsetzen und Fassung zeigen, um der Arbeit in meinem Büro und der Verantwortung meinen Angestellten gegenüber nachkommen zu können. Eine groteske, kräftezehrende Maskerade, die mich innerlich aushöhlte. In den wenigen lichteren Momenten jedoch meldete sich trotz all dieser Verzweiflung manchmal auch jenes altbekannte, zarte Stimmchen aus den höheren Ebenen meines Bewußtseins zu Wort. Leise flüsterte es mir zu: Vertraue auf deine Liebe, vertraue Yasha! Du kannst nicht wissen, was wirklich passiert ist! Dann schien sich der dunkle Mantel, dessen bleiernes Gewicht meine Seele langsam zu ersticken drohte, plötzlich etwas leichter anzufühlen.
Das Thema „Zurückweisung und Verlassenwerden“ hatte in meinem Leben eine tiefgreifende Geschichte und dadurch ein schweres Trauma verursacht. Wie bereits erwähnt, hatte ich nach meiner ersten gescheiterten Ehe schon einmal eine Beziehung zu einem Türken, Melek, gehabt, den ich von ganzem Herzen geliebt hatte. Nach etwa einem Jahr hatte mich dieser Mann jedoch mit den Worten verlassen: „Ich liebe dich und wäre gern mit dir zusammen, aber du kannst deine Liebe nicht zeigen.“ Für mich brach damals eine Welt zusammen, ich entwickelte psychosomatische Schmerzen, hatte Selbstmordgedanken. Letztlich fand ich nur durch meine damals noch sehr kleine Tochter Samira aus erster Ehe die Kraft, weiterzuleben. Diese Erfahrung, mein Herz für einen Mann so weit geöffnet zu haben und dann zurückgewiesen zu werden, war fast mehr, als ich hatte verkraften können. Und doch war mein Herz zu jener Zeit noch nicht wirklich offen gewesen, das weiß ich heute. Erst zwölf Jahre später, während einer Psychotherapie, gelang es mir, Melek loszulassen und die Trennung von ihm endgültig zu verarbeiten.
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Vor mir lag jener Urlaub, der mein Leben für immer verändern sollte. Es war Mai 2007, ich befand mich in meinen Vierzigern und hatte bereits zwei gescheiterte Ehen und etliche Beziehungen hinter mir. Obwohl ich mich im Grunde nach nichts mehr sehnte als nach Liebe, fühlte ich mich an einem Punkt angelangt, an dem ich Männern gegenüber sehr vorsichtig geworden war und mich partout für kein oberflächliches Abenteuer mehr hergeben wollte. Tatsächlich stand mir damals, als wir diese Reise planten, der Sinn nicht im Geringsten nach Männern. Ich fühlte mich frei, ohne auf der Suche zu sein, und wußte nur eines: Sollte Beziehung irgendwann doch wieder ein Thema für mich werden, dann käme nur eine absolut solide und harmonische Partnerschaft mit einem Mann in Frage, der mein Herz berührte und wirklich zu mir paßte. Zu tief saß das emotionale Trauma der früheren Enttäuschungen und Verluste, die sich durch mein Leben zogen wie eine Perlenkette der Tränen. Ich wollte keine dieser Tränen mehr weinen müssen – ich wollte glücklich sein!
Als es um unser Urlaubsziel ging, peilten meine Freundin Nelia und ich zunächst Dubai an. Da es damit jedoch nicht klappte, schlug Nelia vor, in die Türkei zu reisen. Schon mein Vater als alter Türkeiliebhaber hatte mir immer wieder empfohlen, mir dieses Land anzusehen. Trotzdem dachte ich angesichts Nelias Vorschlags im ersten Moment: Um Himmels willen, bloß nicht in die Türkei! In meiner Vorstellung verband ich dieses Land mit all den Geschichten über Türken, die nichts anderes zu tun hätten, als naive und abenteuerlustige Touristinnen zu verführen.
Dabei hatte ich im Grunde nichts gegen Türken. Ich war mit Türken zur Schule gegangen und hatte einmal sogar eine sehr innige Liebesbeziehung zu einem Türken gehabt, über die ich viele Jahre nicht hinweggekommen war. Nun wollte ich meinen Herzensfrieden nicht mehr riskieren, sondern Erfüllung in der ganz großen Liebe finden. Und wer weiß, vielleicht lag es auch an meiner Intuition, die mir bereits in diesem Moment zu verstehen gab: Auf dich wartet eine Begegnung, wie es sie vielleicht nur einmal im Leben gibt – intensiv, bewußtseinserweiternd und sämtliche inneren Grenzen sprengend!
Irgendwie schaffte Nelia es schließlich doch, mich von der Türkei zu überzeugen, und so widmeten wir uns den Details der Reiseplanungen. Ich wollte in keinem Touristennest absteigen, sondern in der Großstadt, daher fiel unsere Wahl sehr schnell auf Antalya. Wir buchten uns in ein schickes Stadthotel am Strand ein, von dem aus wir unsere Erkundungen in Angriff nehmen würden.
Erstaunlich war, daß meine Tochter Samira mir bereits im Vorfeld der Reise mehrmals ausdrücklich den Besuch der Stadt Side ans Herz gelegt hatte, und zwar mit einer Dringlichkeit, über die ich mich zum damaligen Zeitpunkt sehr gewundert hatte.
„Mama, diese Stadt mußt du gesehen haben, fahrt unbedingt dorthin!“, so erinnerte mich Samira während der Reisevorbereitungen etliche Male.
„Ja, gerne“, hatte ich ihr dann geantwortet, „wir werden uns Side ansehen. Aber was ist denn nun so Besonderes an diesem Ort?“
Seltsamerweise bekam ich dazu jedoch keine näheren Auskünfte von meiner Tochter. Sie erinnerte mich nur immer wieder daran, den Abstecher nach Side nicht zu vergessen. Rückblickend gesehen, wirkt es für mich ganz so, als hätte meine Tochter damals intuitiv gespürt, wie wichtig der Besuch in Side für ihre Mama sein würde – als hätte sie dabei als eine Art unbewußte Botschafterin des Schicksals fungiert.
Also machten wir uns an jenem Dienstag, den ich nie wieder vergessen sollte, auf in Richtung Side. Uns war zu Beginn nicht klar gewesen, wie kompliziert die Verkehrsverbindung dorthin war. Im Hotel erklärte man uns daher, daß wir zunächst mit dem Dolmus – einer Art türkischem Sammeltaxi – durch ganz Antalya in Richtung Westen reisen müßten, bis wir an einen Autobahnhof gelangen würden. Von dort ginge es mit einem Bus weiter in die andere Richtung, nach Side. Nelia und ich machen uns also auf den Weg, jede von uns nur mit ein wenig Bargeld, einem Handy und der Kreditkarte in der Hosentasche. Handtaschen wollten wir nicht mitnehmen, die würden uns ja vielleicht doch nur geklaut werden, so dachten wir.
Im Rückblick erscheint mir die Abenteuerlichkeit jener Fahrt heute wie eine sinnbildliche Vorausschau auf die Zeit, die ich danach erleben sollte: eine Reise hinein in eine völlig neue, exotische Welt, gewürzt mit spektakulären Erfahrungen und überraschenden Wendungen, denen ich einerseits mit Skepsis und Zweifel begegnete, durch die ich mich letztlich aber auch immer von meinem tiefen Urvertrauen ins Leben tragen ließ – auch wenn die Dinge manchmal ganz anders schienen, als sie es tatsächlich waren.
Da fuhren wir also mit dem Bus durch ganz Antalya, zwei unbedarfte Touristinnen, die keine Ahnung von den Gepflogenheiten im türkischen Nahverkehr hatten und nicht einmal wußten, wo man im Bus seine Fahrkarte zu bezahlen hatte. Daß es im Fahrerbereich ein Körbchen gab, in das jeder ein wenig Geld einwarf, erfuhren wir erst viel später. Unsere Unwissenheit wurde uns jedoch nicht zum Verhängnis, ganz im Gegenteil, die mitreisenden Einheimischen waren sehr verständnisvoll und tolerant. Es wurden Späßchen gemacht, und während wir uns mit Hand und Fuß verständigten, wurde viel gelacht und gescherzt.
Am Busbahnhof angekommen und endlich im richtigen Bus, baten wir den Fahrer, uns Bescheid zu geben, sobald wir nach Side kämen. Doch irgendwann hielt der Bus ganz plötzlich an, gefühlt mitten auf einer Schnellstraße, und man forderte uns auf auszusteigen. Verwundert und ein wenig zögerlich folgten wir dieser Aufforderung und kletterten unbeholfen über die Leitplanken am Straßenrand. Ein türkischer Herr, der bereits im Bus mit uns gefahren war und wußte, daß wir die Stadt besichtigen wollten, winkte uns nun freundlich zu und bedeutete uns, ihm zu folgen. Das taten wir auch, jedoch mit recht gemischten Gefühlen, denn wer wußte schon, in welch eine Falle man uns naive Touristinnen locken wollte! Als wir jedoch um die nächste Ecke bogen, löste sich unser Unbehagen gänzlich in Luft auf. Wir betraten ein hübsches Lokal, dessen Eigentümer der freundliche Herr war, und wurden dort zum Essen eingeladen!
Es folgten überaus unterhaltsame Stunden bei leckerer türkischer Küche – und in äußerst angenehmer Gesellschaft! Denn bereits nach kurzer Zeit setzten sich ein paar junge Türken zu uns an den Tisch, mit denen wir unbefangen plauderten und lachten und die uns irgendwann in die Kunst des Kaffeesatzlesens einweihten, einen beliebten Zeitvertreib in der Türkei. Wir waren etwa gegen ein Uhr Mittag angekommen, und als wir das nächste Mal auf die Uhr sahen, war es bereits halb sieben Uhr abends. Wie schnell war dieser unterhaltsame Nachmittag verflogen! Nun dachten wir also, es wäre an der Zeit, ins Hotel zurückzukehren, und baten unsere türkischen Gesellschafter, uns zu erklären, wie wir am besten wieder dorthin kämen. Sofort boten sie sich an, uns zu fahren, packten uns ins Auto und brachten uns den ganzen weiten Weg – es waren rund 60 Kilometer – zum Hotel zurück. Doch das war noch nicht alles: Sie luden uns sogar ein, uns nach Dienstende wieder abzuholen, um uns Antalyas Altstadt zu zeigen. Begeistert sagten wir zu und freuten uns über diese tolle Gelegenheit, von Einheimischen durch die Stadt und das Nachtleben begleitet zu werden.
Pünktlich um 23 Uhr wurden wir von den jungen Männern also wieder abgeholt und erlebten das pulsierende Antalya bei Nacht: funkelnde Lichter, das Meer und die Musik – lebendig und provozierend. Ein moderner orientalischer Traum, wie er faszinierender nicht sein könnte.
Selbst wenn es naheliegend scheinen mag, hatte ich den ganzen Nachmittag in Gesellschaft der jungen Männer absolut keinen Hintergedanken in puncto Flirt gehabt. Das Zusammensein mit ihnen war einfach nur nett. Ich genoss die Unbeschwertheit des Moments, geboren aus natürlicher Herzlichkeit und Lebensfreude, ohne mehr zu erwarten. Bis sich plötzlich im Bruchteil einer Sekunde alles schlagartig und für immer veränderte.
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Niemals werde ich diesen einen Augenblick vergessen, der sich unauslöschlich in mein Gedächtnis, ja in meine Seele eingebrannt und für immer eine Ahnung von Grenzenlosigkeit in ihr hinterlassen hat. Wir waren gerade in einer Bar und unterhielten uns inmitten der Menschenmenge, da tat ich einen Seitenblick über die Schulter und direkt in die Augen eines unserer beiden Begleiter, Yasha. In diesem Moment fühlte ich etwas, was man – will man es überhaupt mit Worten versuchen – nur als ein plötzliches, tiefes Erkennen beschreiben kann. Obwohl dieser junge, gutaussehende Mann schon den ganzen Nachmittag um mich gewesen war, hatte ich ihn kaum wahrgenommen. Nun verlieh dieser eine Moment seiner Präsenz und unserem Aufeinandertreffen schlagartig eine völlig neue, schicksalhafte Qualität.
Mein Gott, dich kenne ich seit tausend Jahren, war der allererste Gedanke, der mir durch den Kopf schoss. Mir wurde heiß und kalt zugleich, alles in mir vibrierte. Was geschah hier gerade? Ich wollte es nicht Verliebtheit oder Liebe nennen, was ich da spürte – es war etwas viel Stärkeres. Ein Gefühl, als hätten unsere Seelen bereits das ganze Universum miteinander durchreist. Doch so, wie dieser magische Augenblick des Erkennens mein Innerstes angerührt und elektrisiert hatte, rebellierte mein Verstand mit heftigen Gedanken der Abwehr: So etwas gibt es nicht, das ist völlig verrückt, dachte es in mir. Ich hatte etwas noch nie zuvor erlebt, und so fühlte ich mich ebenso fasziniert wie verwirrt. Dieser Mann war ein Fremder! Wie konnte ich nur den Eindruck haben, ihn schon so lange zu kennen? Gegen das, was für meine Seele in diesem Moment Realität war, sollte sich meine Vernunft noch sehr lange Zeit wehren.
Später ging es zum Tanzen in einen Nachtclub, wir feierten ausgelassen und genossen die knisternde Atmosphäre. Ich konnte es immer noch kaum fassen, ließ mich jedoch auf Yasha ein und flirtete heftig mit ihm. Beim Abschied sagten die beiden Männer dann ganz selbstverständlich: „Wir holen euch auch morgen wieder ab!“ Und da spürte ich ganz deutlich: Das hier war mehr als nur eine oberflächliche Tändelei. Ich war mir sehr sicher, daß auch Yasha die besondere Art der Verbindung zwischen uns beiden wahrnahm, daß auch ihn der Moment des Erkennens tief im Innersten angerührt hatte.
Schließlich verbrachten wir die ganzen vier letzten Tage in Antalya miteinander und erlebten das pure Glück. Yasha und ich wurden unzertrennlich und kosteten jede gemeinsame Minute aus wie eine reife, saftige Frucht. Ich erlebte nun eine Form der körperlichen Liebe, die jeder Vorstellung von Ekstase, die ich bis dahin gekannt hatte, eine gänzlich neue Bedeutung verlieh. So fühlte es sich also an, wenn Seele und Körper gleichermaßen in Flammen standen! Gleichzeitig war ich hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, Zeit mit Yasha zu verbringen, und dem Wunsch, auch meiner Freundin Nelia gerecht zu werden. Als es hieß, Abschied zu nehmen, brach mir fast das Herz. Für mich war klar: Das war Liebe! Yasha war der Mann, mit dem ich mein Leben verbringen wollte.
Auch als ich wieder zu Hause war, brach unser Kontakt nicht ab. Es verging kein Tag ohne eine SMS oder einen Anruf von Yasha. Ich spürte unsere intensive Verbindung selbst über die vielen tausend Kilometer Entfernung hinweg. Da sich meine Gedanken jedoch fast nur noch um ihn und unsere Liebe drehten, konnte ich mich kaum noch auf meine Arbeit konzentrieren. Gleichzeitig wollte ich das, was mein Leben da gerade so lustvoll ins Chaos stürzte, immer noch nicht wahrhaben. Meine Vernunft ging auf die Barrikaden und vergiftete mir den Sinn mit Gedanken des Zweifels: Hat das denn Zukunft mit einem Mann, der fast 20 Jahre jünger ist als ich? Was, wenn ich an einen jener Türken geraten bin, die nur deshalb eine westliche Frau wollen, um sich versorgen oder sich von ihr den Weg nach Europa ebnen zu lassen? Sind Yashas Absichten mir gegenüber aufrichtig? Meine Unsicherheit wuchs und legte sich wie ein unheilvoller Schatten auf meine Seele. Doch gerade in den dunkelsten Momenten des Zweifels flüsterte mir ein inneres Stimmchen immer wieder zu: Vertrau ihm!
Von den Menschen in meinem Umfeld, mit denen ich über Yasha sprach, bekam ich nichts als Warnungen und Schwarzmalerei zu hören. Warnungen, die mich zutiefst verstörten und meine Ängste nährten. Wie sehr hätte ich in dieser Situation Zuspruch gebraucht! Einen verständnisvollen Freund, der mir in dieser emotionalen Krise ein wenig Zuversicht geschenkt und mich darin bestärkt hätte, mich auf meine Intuition zu verlassen. Doch so einen Menschen gab es nicht.
Und so verblieb ich in einem konstanten Zustand der inneren Zerrissenheit. Meine Tage waren erfüllt vom sehnsuchtsvollen Gedanken an Yasha und unsere bittersüße Liebe. Wie nur ließen sich all die Hindernisse überwinden, die uns davon abhielten, zusammen sein zu können? Alles drehte sich nur noch um diese eine Frage. Irgendwann spürte ich deutlich, daß ich nicht mehr frei war. Es war eine Sucht nach der Liebe zu diesem Mann entstanden, die mir zwar bewußt, gegen die ich aber mittlerweile völlig machtlos war. Körperlich anwesend, doch im Geiste und im Herzen nur noch bei Yasha, buchte ich einen Urlaub für Oktober und lebte in köstlicher Vorfreude darauf hin.
Jedoch schon sechs Wochen nach unserem Kennenlernen flog ich nochmals spontan für ein verlängertes Wochenende in die Türkei. Ich wollte wissen, was mich und Yasha tatsächlich verband und was sich zwischen uns zeigen würde, wenn wir endlich ungestörte, intime Zeit miteinander verbringen könnten. Für diesen kurzen Liebesurlaub buchten wir einen Bungalow in Cirali, wo Yasha und ich zum ersten Mal wirklich allein miteinander wären.
Wie lässt sich mit Worten beschreiben, was wir dort erlebten? So kurz diese vier Tage auch waren, so sehr verloren wir dabei jegliche Begriffe von Zeit und Grenzen. Alles, was zwischen uns gestanden hatte, fiel ab, innerlich wie äußerlich, und ließ uns eins an Körper, Geist und Seele werden. Wir kommunizierten wortlos, sahen einander nur in die Augen, um zu wissen, was der andere in diesem Moment wollte, dachte, fühlte. Unser Bewußtsein verschmolz zu einer Quelle, aus der wir jegliche Informationen übereinander schöpfen konnten. Noch nie zuvor hatte ich mit einem anderen Menschen Harmonie in solch einer Dimension erlebt. Noch nie zuvor war meine Seele so weit gewesen, mein Körper so lichterfüllt in seiner Lust! Wir redeten stundenlang oder saßen einfach nur schweigend da. Alles war gut und richtig so, wie es war, denn alles davon waren wir. Dies war der Raum der Liebe, den ich für immer in meinem Bewußtsein halten würde und der letztlich der Katalysator für meine ganze weitere Entwicklung hinein in ein neues, herzbestimmtes Sein war.
Als Sinnbild für diesen wundervollen Raum der Liebe, in den wir miteinander eintauchten, zeigte sich uns der Sternenhimmel in einer Form, dessen atemberaubende Weite und Schönheit ich niemals wieder vergessen würde: Wir liebten uns unter Myriaden funkelnder Lichtpunkte, behütet von einem juwelenbesetzten Baldachin der Nacht. Während Yasha mir sehr eindrucksvoll die Sternbilder erklärte und wir aneinandergeschmiegt im warmen Sand lagen, bekam ich zum ersten Mal eine Ahnung von der unerschöpflichen Fülle, die sich in der Weite des Universums ebenso wie im Erleben tiefster Liebe ausdrücken konnte.
Wieder zu Hause angekommen, begann ich mir erneut den Kopf darüber zu zerbrechen, wie die Realität einer Partnerschaft mit Yasha aussehen könnte. Meine Ängste und Zweifel kehrten zurück und mit ihnen das Martyrium meines Gedankenrades, in dem ich mich nun wieder täglich drehte – und oft auch nachts. Selbst die Gespräche zwischen Yasha und mir handelten nun permanent von einer möglichen Lösung für unsere Zukunft. Und doch schien es nach wie vor so, als ob es diese Lösung nicht gäbe. Yasha war in die Türkei integriert, ich hier in Deutschland. Zudem wäre es für mich nicht in Frage gekommen zu heiraten, nur um diese Beziehung zu festigen. All dies waren Fakten, deren unbeugsame Härte sich unserer Seelenliebe entgegenstellte wie eine Wand aus Stahlbeton. Dennoch hielten Yasha und ich weiterhin täglich Kontakt und sehnten uns über die große Distanz hinweg nacheinander. Der Konflikt zwischen meinen Gefühlen für Yasha und meinen Ängsten wuchs indessen immer weiter und machte mich fast wahnsinnig.
Sehr bald nach unserem viertägigen Liebesurlaub begann sich etwas Neues bei uns einzuschleichen: Yasha begann, Druck aufzubauen. Dies war ein Aspekt, den ich schon aus früheren Beziehungen nur allzu gut kannte. Ich hatte bereits etliche Male in Konstellationen gelebt, wo Partner über die Gebühr viel Aufmerksamkeit und Zugeständnisse von mir eingefordert und mich damit unter Druck gesetzt hatten. Auch war ich als das älteste von drei Geschwistern aufgewachsen und schon sehr früh daraufhin konditioniert worden, genau das zu tun, was man von mir erwartete. Bereits mit fünf Jahren hatte ich auf meine beiden jüngeren Geschwister aufpassen müssen. Es handelte sich also bei dem Thema „Unter Druck gesetzt werden“ ganz offensichtlich um ein festsitzendes Muster, das sich in meinem Leben trotz vieler schmerzhafter Trennungen und Neuanfänge immer noch hartnäckig hielt. Und natürlich mußte es sich auch in der Beziehung zu Yasha wieder zeigen – und zwar mit zunehmender Intensität, wie sich noch herausstellen sollte.
Yasha bestand nun darauf, ich solle mein Architekturbüro in Deutschland verkaufen und zu ihm nach Side ziehen, wo er seine Arbeit hatte. Ich könne mir dort ja wieder etwas Neues aufbauen, meinte er. Mir hingegen bereitete diese Vorstellung schlichtweg Unbehagen, denn ich sprach kein Wort Türkisch und wollte mich nicht in eine derartige Abhängigkeit begeben. Immer häufiger drehten sich unsere Telefonate um dieses Thema, auch am Abend jenes 27. Juli 2007. Irgendwann beendeten wir unser Gespräch und verabschiedeten uns wie immer. Und wie immer ging ich davon aus, daß ich am nächsten Tag wieder von Yasha hören würde. Doch sein Anruf blieb aus.
3
Da wir seit Mai täglich Kontakt miteinander gepflegt hatten, war meine Verwunderung groß, als ich am nächsten Tag nichts von Yasha hörte, und ich begann rasch unruhig zu werden. Als ich auch in den darauffolgenden Tagen keine Nachricht von ihm erhielt und ihn nicht erreichen konnte, machte sich die schiere Verzweiflung in mir breit, und ich verlor jeglichen inneren Halt. Hatte ich mich in diesem Mann doch getäuscht? Die Vermutung, eiskalt an der Nase herumgeführt worden zu sein, verschaffte sich in meinem Innersten mehr und mehr Raum und verströmte dort ihr schleichendes Gift. Da mein Selbstwertgefühl damals noch denkbar gering war, war ich für Zweifel dieser Art sehr anfällig.
Meine Tage waren nun geprägt vom Empfinden einer dunklen Schwere, wie ich sie schon lange Zeit nicht mehr gekannt hatte. Nachts lag ich wach oder weinte mich verzweifelt in den Schlaf, doch tagsüber mußte ich mein professionelles Lächeln aufsetzen und Fassung zeigen, um der Arbeit in meinem Büro und der Verantwortung meinen Angestellten gegenüber nachkommen zu können. Eine groteske, kräftezehrende Maskerade, die mich innerlich aushöhlte. In den wenigen lichteren Momenten jedoch meldete sich trotz all dieser Verzweiflung manchmal auch jenes altbekannte, zarte Stimmchen aus den höheren Ebenen meines Bewußtseins zu Wort. Leise flüsterte es mir zu: Vertraue auf deine Liebe, vertraue Yasha! Du kannst nicht wissen, was wirklich passiert ist! Dann schien sich der dunkle Mantel, dessen bleiernes Gewicht meine Seele langsam zu ersticken drohte, plötzlich etwas leichter anzufühlen.
Das Thema „Zurückweisung und Verlassenwerden“ hatte in meinem Leben eine tiefgreifende Geschichte und dadurch ein schweres Trauma verursacht. Wie bereits erwähnt, hatte ich nach meiner ersten gescheiterten Ehe schon einmal eine Beziehung zu einem Türken, Melek, gehabt, den ich von ganzem Herzen geliebt hatte. Nach etwa einem Jahr hatte mich dieser Mann jedoch mit den Worten verlassen: „Ich liebe dich und wäre gern mit dir zusammen, aber du kannst deine Liebe nicht zeigen.“ Für mich brach damals eine Welt zusammen, ich entwickelte psychosomatische Schmerzen, hatte Selbstmordgedanken. Letztlich fand ich nur durch meine damals noch sehr kleine Tochter Samira aus erster Ehe die Kraft, weiterzuleben. Diese Erfahrung, mein Herz für einen Mann so weit geöffnet zu haben und dann zurückgewiesen zu werden, war fast mehr, als ich hatte verkraften können. Und doch war mein Herz zu jener Zeit noch nicht wirklich offen gewesen, das weiß ich heute. Erst zwölf Jahre später, während einer Psychotherapie, gelang es mir, Melek loszulassen und die Trennung von ihm endgültig zu verarbeiten.
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