Cover: Ich Blender

Ich Blender
Erwähnenswertes aus meinem Leben


EUR 26,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 328
ISBN: 978-3-99146-975-9
Erscheinungsdatum: 29.10.2024
Autobiografie eines ehem. DDR-Bürgers, der es mittels seines scharfen Verstandes und seiner Schaffenskraft zum Topmanager bringt. Das turbulente Leben des vielseitig interessierten Protagonisten macht dieses Buch insgesamt zu einer unterhaltsamen Lektüre.
Warum?


Dieses Werk ist in Teilen inspiriert von realen Ereignissen, es ist jedoch eine hiervon unabhängige Geschichte. Daher erhebt der Erzählung keinen Anspruch, Geschehnisse und Personen und ihre (beruflichen und privaten) Handlungen authentisch wiederzugeben, vielmehr hat der Autor ein eigenständiges, neues Werk geschaffen.
Lange nach dem Tod seiner Eltern wurde Johan bewusst, dass er doch sehr wenig über ihr Leben und ihre Gedanken zum Leben wusste. Vielleicht hätte er als junger Mensch mehr Fragen stellen müssen. Doch jetzt ist es dafür viel zu spät. Johan weiß nicht, ob es seinen Töchtern und Enkeln mal genauso gehen wird. Er hat sich deshalb nach dem Tod seiner lieben Frau Emilie entschlossen, Erwähnenswertes aus seinem außergewöhnlichen und abenteuerlichen Leben aufzuschreiben. Natürlich für seine Nachfahren, aber auch für sich selbst, um das Erlebte noch mal Revue passieren zu lassen. Vielleicht werden auch seine zwei Töchter und die Enkel irgendwann mal Interesse daran haben zu erfahren, was ihr Vater und Großvater so alles erlebt hat.
Einige Passagen dieser Lebensbeichte sind weder moralisch noch jugendfrei. Das Aufgeschriebene wird sicher nicht unbedingt dazu beitragen, dass Johan als Vater und Großvater beliebter wird, aber das war sein Leben und er hat es gerne gelebt.




Der Schock in Ischgl


Emilie kam durch den Schnee stapfend hinter einem tief verschneiten Holzstapel hervor. Ihr schmerzverzerrtes Gesicht signalisierte, da ist was nicht in Ordnung. Nur wenige Minuten vorher hatten wir auf unserer Wanderung durch das Paznauntal von Ischgl nach Galtür mit unserem Collie „Kaschmir“ noch herumgealbert und bei bester Laune den letzten Urlaubstag genossen. Emilie sah mich mit plötzlich erweiterten Pupillen an und sagte: „Ich habe furchtbare Kopfschmerzen, mir ist schwindelig, halt mich fest.“ Buchstäblich fiel sie in meine Arme und verlor kurz darauf das Bewusstsein.
Einen Moment lang war ich wie versteinert. Mir war unerklärlich, was da passiert war. In ihr schmerzverzerrtes Gesicht schauend, schüttelte ich sie panisch. Als das nichts half, legte ich sie in den in der Nacht frisch gefallenen Pulverschnee und versuchte sie durch leichte Schläge ins Gesicht wach zu bekommen. Kaschmir sprang indes um uns herum, er glaubte, das Albern im Schnee ginge weiter.
Wir waren wenige Minuten vorher an einer Müllsortieranlage vorbeigekommen, die zwischen beiden Orten in freier Landschaft stand. Ich hatte im Vorbeigehen gesehen, dass dort gearbeitet wurde. Ratlos, wie ich war, befahl ich Kaschmir, neben Emilie Platz zu nehmen, und rannte zurück zu diesem Betrieb. Zwei Frauen, die mir entgegenkamen, berichtete ich kurz, was passiert war, und bat sie, doch bei Emilie zu warten, bis ich zurückkommen würde. Auf dem Betriebsgelände angekommen, erklärte ich dem ersten Arbeiter, der mir über den Weg lief, dass meine Frau einige Hundert Meter weiter oben bewusstlos im Schnee liege. Ich bat den Mann, doch mit dem vor dem Gebäude stehenden Kleintransporter zur Unglücksstelle zu kommen. Was dann passieren sollte, war mir in diesen Moment allerdings auch nicht klar. Ohne zu zögern, setzte er sich in das Auto und versuchte den verschneiten, steilen Weg hinaufzufahren. Kaschmir hatte leider nicht bei seinem Frauchen gewartet, sondern war bellend hinter mir hergelaufen. Nach einigen schwierigen Rutschpartien hatte der Transporter es geschafft, bis an die Unglücksstelle ranzufahren. Die beiden Frauen knieten neben meiner Frau und versuchten sie zu beruhigen. Sie war zwischenzeitlich wieder aufgewacht. Nachdem der Fahrer gesehen hatte, in welchem Zustand Emilie war, rief er sofort geistesgegenwärtig die Bergrettung an.
Beim Versuch, sie aufzurichten und sie in das Auto zu heben, hat sie sich erbrochen und gejammert, dass sie immer noch furchtbare Kopfschmerzen habe. Noch bevor wir sie einladen konnten, hörten wir die Sirene des Rettungswagens. Kurze Zeit später ging es mit Martinshorn in Richtung Arztpraxis nach Ischgl. Der sehr freundliche Fahrer des Kleintransporters ist mit mir und dem Hund dem Rettungswagen gefolgt.
Mitten in der Skisaison war die Arztstation in Ischgl durch die täglichen Skiunfälle gut besucht. Zahlreich Patienten saßen im Warteraum. Die Untersuchung von Emilie hatte aber Vorrang und ging sehr zügig. Meine Emilie war gut ansprechbar und sie konnte Hände und Füße bewegen. Dem Arzt berichtete sie über ihre starken Kopfschmerzen und dass sie jetzt am liebsten ins Hotel gehen würde, um zu schlafen. Ich hatte ihm vorher den Hergang des Unglücks kurz geschildert und war froh, von Emilie zu hören, dass es ihr jetzt schon wieder besser gehe. Umso mehr habe ich mich gewundert, dass der behandelnde Arzt den Rettungshubschrauber bestellte, um sie in das nächste Krankenhaus nach Imst zu fliegen.
Der Helikopter landete schon nach wenigen Minuten auf dem dafür vorgesehenen Platz hinter der Arztpraxis. Die zur Besatzung gehörende junge Notärztin entschied nach Erläuterung der Sachlage, ohne zu zögern, dass Emilie nicht in das nahe gelegene Kreiskrankenhaus, sondern sofort in die Uniklinik Innsbruck geflogen werden sollte. Vor dem Abflug sollte sie noch intubiert werden, das scheiterte aber, da ihre Venen trotz intensiver Bemühungen nicht gefunden wurden. Ein Problem, das ich schon lange bei ihr kannte.
Es war mittlerweile später Vormittag geworden. Die Notärztin gab mir zu verstehen, dass es wenig Sinn mache, vor dem späten Nachmittag in der Klinik in Innsbruck aufzutauchen. Ich verabschiedete mich von meiner Emilie doch etwas erleichtert mit einem Kuss, ohne zu diesem Zeitpunkt auch nur zu ahnen, was uns beiden in den nächsten Tagen und Monaten bevorstand.
Nachdem der Hubschrauber gestartet war und ich die Arztrechnung beglichen hatte, ging ich erst mal mit Kaschmir zurück ins Hotel.
Gemeinsam mit Heike und Mike Wolff, unseren besten Freunden, hatten wir eine Woche Skiurlaub in einem der schönsten Hotels von Ischgl, dem „Ischgler Hof“, gebucht. Emilie hatte das Skifahren schon vor einigen Jahren aufgegeben. Für diesen Sport war sie einfach zu ängstlich. Deshalb hatten wir unseren Kaschmir als ständigen Begleiter für sie mitgenommen. Mit ihm streifte sie jeden Tag allein durch die Gegend, während wir uns auf den blauen und roten Pisten des wunderschönen Skigebietes vergnügten.
An diesem letzten Urlaubstag hatte ich mir trotzdem vorgenommen, gemeinsam mit Frau und Hund im verschneiten Paznauntal zu wandern. Ich habe mich mittlerweile tausendmal gefragt, was gewesen wäre, wenn so etwas bei ihren einsamen Spaziergängen an einem der Vortage passiert wäre.
Im Hotel angekommen, habe ich erst mal Heike angerufen, um ihr mitzuteilen, was vorgefallen war. Sie wollte nicht glauben, dass Emilie mit dem Helikopter unterwegs nach Innsbruck war.
Unser feuchtfröhlicher Urlaubsausklang hatte schon am Abend vorher in der Hotelbar stattgefunden. Alle vier haben wir von dem großartigen gemeinsamen Urlaub geschwärmt und uns vorgenommen, das auf jeden Fall im nächsten Jahr zu wiederholen. Es gab bei Emilie am Vorabend keinerlei Anzeichen von Unwohlsein oder Krankheit.
An diesem Nachmittag hatte sie uns mit dem Lift noch auf der Idalp in 2.300 Meter Höhe besucht, um dort mit uns einmal Après-Ski an der Piste zu erleben. Vielleicht war diese Höhe der Auslöser für ihre Erkrankung.
Am frühen Nachmittag machte ich mich auf den Weg in das etwa 100 Kilometer entfernte Innsbruck, vielleicht um Emilie abzuholen? Ich hatte vorsorglich ein paar Sachen eingepackt, für den Fall, dass sie über Nacht in der Klinik bleiben musste. Aufgrund ihres Zustandes beim Abschied war ich aber sehr optimistisch, dass ich am nächsten Tag mit ihr gemeinsam die Heimreise nach Berlin würde antreten können. Meine Überraschung war deshalb groß, als man mir in der zentralen Aufnahme mitteilte, dass sie auf der Intensivstation der Neurochirurgie liege. Auf einmal schlug mir das Herz bis zum Hals. Ich konnte nicht deuten, was das zu bedeuten hatte. Mit weichen Knien versuchte ich in der großen Klinik die Intensivstation zu finden. An der Einlassschleuse musste ich einige Zeit warten. Zu diesem Zeitpunkt waren meine Hoffnungen auf eine gemeinsame Heimfahrt bereits verflogen. Ich versuchte mir vorzustellen, was eigentlich mit Emilie passiert war. Natürlich ohne Ergebnis.
Nach einer kurzen Einweisung und nachdem ich mir die Hände desinfiziert hatte und eine Plastikschürze angelegt hatte, durfte ich nach etwa einer halben Stunde Wartezeit in die Intensivstation eintreten. Ich wurde dort vom Oberarzt in Empfang genommen, der mir als Erstes mitteilte, dass meine Frau sich immer noch im OP befinde. Für mich der nächste Schock. Anhand von MRT-Aufnahmen erläuterte er mir dann, dass Emilie ein Aneurysma (Erweiterungen des Querschnittes von arteriellen Blutgefäßen) im Hirn hatte. Dieses Aneurysma war geplatzt und hatte zu einer Hirnblutung geführt. Durch diese Blutung wurde ein großer Teil des Hirns irreparabel zerstört. Der genaue Umfang der Zerstörung sei aber noch nicht feststellbar.
Tausend Dinge schossen mir in diesem Moment durch den Kopf: unsere nun fast 40-jährige Beziehung, unsere Kinder und Enkelkinder, Emilies Modeladen am Alex und – naheliegend – auch unsere gemeinsame Patientenverfügung. Wir hatten beide vor einigen Jahren eine Patientenverfügung verfasst, um uns gegenseitig einen menschenwürdigen Abgang aus dieser Welt zu ermöglichen. Nach der dramatischen Schilderung des Arztes war eine meiner ersten Fragen deshalb auch, ob es nach derzeitigem Kenntnisstand wahrscheinlich sei, dass Emilie zukünftig wieder ein lebenswertes Leben führen könne. Bei dieser Frage habe ich mich vor mir selbst erschrocken, da es möglicherweise für mich um eine Entscheidung über Leben oder Tod meiner Frau ging. Der Arzt erläuterte mir, dass wahrscheinlich der Schädel geöffnet werden müsse, um Raum für die zu erwartende Schwellung des Hirns zu schaffen. Für diesen Eingriff brauchte er meine Zustimmung.
Mir wurde erklärt, dass größere, gesunde Teile des Hirns bei entsprechender Therapie durchaus in der Lage seien, Funktionen der zerstörten Hirnbereiche zu übernehmen. Ein anderes, aber dadurch lebenswertes Leben sei dadurch möglich. Ich habe etwas erleichtert dieser OP zugestimmt. Ich frage mich heute noch, ob das richtig war.
Die positive Nachricht des Arztes war dann, dass die Blutung im Hirn durch die sogenannte „Coiling-Methode“ gestoppt wurde. Dabei werden Platinspiralen (Coils) an einem Stahldraht fixiert und über einen Katheter von der Leiste bis zum Aneurysma im Kopf geschoben. Dort wird das Coil aus dem Katheter gelöst und rollt sich sofort zu einer Spirale auf. Dadurch wird die weiche Absackung im Gefäß dauerhaft ausfüllt. Diese OP war während meines Gespräches mit dem Arzt noch nicht abgeschlossen.
Zur Besuchszeit spätabends saß ich dann zwei Stunden an Emilies Bett und habe Händchen gehalten. Sie war in ein künstliches Koma versetzt worden, das noch drei Wochen anhalten sollte. Zweiundzwanzig Leitungen Kanülen und Sonden habe ich gezählt, mit denen sie durch unterschiedliche Instrumente und Infusionsapparate versorgt und überwacht wurde.
Es war für mich sehr schockierend und irgendwie nicht fassbar, den Menschen, den ich sehr liebte und mit dem ich so lange Zeit mein Leben geteilt habe, in diesem Zustand und in dieser Umgebung liegen zu sehen. Eine unendliche Ohnmacht habe ich verspürt, die ich in den nächsten Monaten noch intensiver zu spüren bekam.
Während der Rückfahrt nach Ischgl war ich wie in Trance. Mein Leben begann wie ein Film an mir vorüberzuziehen.




Wormstedt – Johan Hüttigs Heimat


Am ersten Sonntag im Dezember 1946 erblickte ich, als echtes Sonntagskind, bei einer Hausgeburt das Licht der Welt. Mein Elternhaus stand in Wormstedt, einem 1000 Jahre alten Dorf im schönen Thüringer Land.
Quälen musste ich mich sicher nicht mehr, denn als sechster Spross der Familie Hüttig war meine Geburt für meine Mama Helene schon fast Routine. Die Geburten meiner zwei Brüder Rudolf und Reiner und der drei Schwestern Johanna, Margret und Gertraut hatten schon Jahre vorher Voraussetzungen für meine stressarme Geburt geschaffen.
Margret hat mir mal erzählt, dass sie von unserem Vater geweckt wurde, weil was neues Aufregendes angekommen sei. Die Enttäuschung war bei ihr groß, als sie im Gebär- und Sterbezimmer unseres Hauses mich als zehn Pfund schweres Baby bestaunen sollte. Die zehn Pfund wurden mit hinlänglicher Genauigkeit auf einer zum Hof gehörenden Viehwaage gemessen. Meine Schwester hatte mit etwas Süßem oder großartigen Spielsachen zum ersten Advent gerechnet und nicht mit einem weiteren plärrenden Etwas, mit dem sie nun auch noch teilen musste.
An dieser Stelle möchte ich meine Verwunderung zum Ausdruck bringen, wie unsere Eltern es geschafft haben, fünf von sechs Geschwistern im Dezember zur Welt zu bringen. Damit noch nicht genug, vier von uns erblickten an zwei aufeinander folgenden Tagen, fast im Jahresrhythmus, das Licht der Welt. Da gab es sicher einen besonderen ehelichen Familienfeiertag im März!
Ich habe meine Existenz wahrscheinlich der Heimkehrerfreude meines Vaters aus der Kriegsgefangenschaft zu verdanken. Diese Freude und Fröhlichkeit haben sich sicher auf meinen Charakter übertragen, wofür ich auch heute noch sehr dankbar bin.
Mein Vater Wilhelm, der deutsche Kaiser lässt grüßen, hatte den Zweiten Weltkrieg und einige Monate Gefangenschaft unbeschadet überstanden. Über seine Kriegserlebnisse hat sich Papa nie groß ausgelassen. Er war da Kraftfahrer und durch sein Talent, alles zu reparieren, was technisch war, hat er die Frontlinie nie gesehen.
Wenn ich den Aussagen meiner ältesten Schwester Johanna und meiner Cousine Annelise, die damals auch in unserem Haus gewohnt hat, Glauben schenken darf, gab es nach mir noch weitere zwei Schwangerschaften unserer Mutter.
Die Föten sind aber nach den heimlichen, sicher schmerzhaften Abtreibungen im Feuer gelandet. Johanna war mal, unter dem Küchentisch spielend, Zeugin eines Gespräches unserer Mutter mit der Nachbarin Hella. Sie sprachen über die Vorbereitung dieser gefährlichen Aktion. Trotz Abtreibungsverbot war offensichtlich Nachbarschaftshilfe dabei üblich. Ich habe also großes Glück gehabt, dass ich gerade noch geduldet war. Vielleicht hatte Hella auch gerade keine Zeit. Danke, Hella!
Es muss meiner Familie nach dem Krieg dreckig gegangen sein, dass zu solchen Mitteln der Familienplanung gegriffen wurde. Ich selbst habe das aber als Kind zu keinem Zeitpunkt so empfunden. Rudolf hat mir in den letzten Jahren einiges über den desolaten Zustand unseres Bauernhofes erzählt, was in mir den Eindruck erweckte, ich hätte meine frühe Kindheit auf einem anderen Hof verbracht.
Da meine Geschwister viel älter waren als ich, sind wir nie Spielgefährten gewesen. Vielmehr hatten sie einen Horror, wenn sie mit mir spielen mussten, da ich oft geheult habe, wenn etwas nicht nach meinem Kopf ging. Besonders schlimm muss das wohl bei Kartenspielen oder „Mensch ärgere dich nicht!“ gewesen sein.
Meine Geschwister waren froh, wenn sie mich nicht betreuen mussten, und meine Eltern mit dem großen Bauernhof hatten Wichtigeres zu tun, als mich zu hüten. So hatte ich schon als kleines Kind sehr viele Freiheiten, die ich auch redlich nutzte.
Ich erinnere mich, als 1951 in Wormstedt der erste Kindergarten eröffnet wurde. Ich war neugierig mit meinen fünf Jahren, was in so einem Kindergarten passierte. Ich bin also am ersten Tag dahin gegangen. Spielzeug musste man mitbringen. Ich hatte einige sehr schöne Holzhäuser, die ich erwartungsvoll eingebracht habe. Nach circa einem Jahr habe ich die wieder abgeholt, weil mein erster auch mein letzter Kindergartentag war. Spielen unter Aufsicht, das war nicht mein Ding. Ich habe mich schon als kleiner Junge am liebsten im kleinen Wäldchen unseres Dorfes und auf weiter Flur herumgetrieben.
Meine erste Spielgefährtin, an die ich mich erinnere, war Gunda, die Tochter meiner Cousine Anneliese. Sie wohnte mit ihrem Mann Romann in zwei Zimmern unseres Hauses. Romann war ein stattlicher Mann und, wenn man von seinem schwarzen Haar absah, das Musterbild eines von den Nazis postulierten Ariers. Er wurde deshalb auch als sehr junger Bursche von der Waffen-SS rekrutiert. Nach dem Krieg hat Anneliese ihm die SS-Tätowierung unter dem Arm mit einem Rasiermesser herausgeschnitten, um ihn vor den Nazi-Jägern zu schützen. Es hat geholfen, er ist vor nicht allzu langer Zeit, im greisen Alter von 94 Jahren, gestorben. Ende der Fünfzigerjahre, als die erste große Flüchtlingswelle aus der DDR war, ist er mit seiner Familie nach Schwaben verschwunden.
In dieser Zeit sind mehrere Familien, auch alteingesessene Bauern, aus unserem Dorf in Richtung Westen ausgewandert. Für uns Kinder war das immer beeindruckend, wenn eines Morgens wieder ein Hof verlassen aufgefunden wurde. Durch das Brüllen des hungrigen Viehs wurde das sehr schnell öffentlich. Ich erinnere mich noch dunkel an eine nächtliche Familienratssitzung kurz vor Errichtung der Mauer, als auch meine Eltern ernsthaft darüber nachgedacht haben, dem allgemeinen Drang nach dem Westen zu folgen. Sie waren aber dann doch nicht mutig genug, oder die Mauer hat es vereitelt.
Mein Vater war alles andere als ein guter Bauer. Seine Talente, die ich auch geerbt habe, lagen mehr bei allen technischen Dingen. Im Dorf sagte man ihm nach, Wilhelm könne alles reparieren, von der Taschenuhr bis zum Mähdrescher. Er war deshalb auch oft unterwegs, um bei anderen Leuten Gerätschaften in Ordnung zu bringen. Die Arbeit auf dem Hof blieb deshalb fast allein an unserer Mutter hängen.
Eines seiner Hobbys war, einen alten Lanz-Traktor, der aus den Zwanzigerjahren stammte, wieder zum Laufen zu bringen. Trotz monatelanger Bemühungen leider ohne Erfolg. Diesem Traktor hat er auch seinen Spitznamen zu verdanken. Das Teil machte immer nur kurz wub, wub und aus war er wieder. Neben „Diftel“ blieb dann auch „Wub-Wub“ als Spitzname an ihm hängen. Heute kann ich gut nachvollziehen, dass es auch wegen dieser Reparaturorgie oft zu Streit zwischen meinen Eltern kam. Das ging so weit, dass Helene mal mit der Mistgabel auf Wilhelm losgegangen ist. Wir Kinder haben uns bei solchen Streitigkeiten wie die sieben Geißlein alle in irgendein Versteck verzogen, um nicht auch noch etwas abzubekommen. Die Streitigkeiten waren meist so laut, dass das ganze Dorf wusste, bei Hüttigs ist wieder mal dicke Luft.
Zum Glück war Wilhelm ein sehr friedlicher Mann, sonst hätte einer von beiden die andauernden Streitigkeiten nicht lange überlebt.
Prügelstrafe zu Recht, aber auch oft zu Unrecht war mir und meinen Geschwistern nicht fremd, allerdings ausschließlich von Helene. Sie schlug oft zu, egal, was sie gerade in der Hand hatte.
Alle Geschwister waren und sind sich auch heute noch einig, wir hatten trotzdem eine gute Mutter. Sie war durch die viele Arbeit und die alleinige Verantwortung für den Hof einfach überfordert. Solange ich sie kannte, war sie nicht ein einziges Mal im Urlaub. Jedes Jahr fuhr sie einmal für ein Wochenende zu ihrer Mutter, also meiner Großmutter nach Kleina auf den elterlichen Bauernhof. Meine Oma Linda war die Einzige meiner vier Großeltern, die ich noch kennengelernt oder, besser, mal gesehen habe. Die anderen waren alle schon tot, als ich geboren wurde. Die Erfahrungen, die ich durch meine Großeltern weitergeben könnte, sind also rudimentär.
Wenn Mama mal verreiste, war unser Papa in solch seltenen Fällen zuständig für das leibliche Wohl der Kinder. Das einzige Gericht, das er beherrschte, war Erbswurstsuppe. Diese komische Suppe mussten wir dann wohl oder übel essen.
Gekocht wurde auf einem mit Holz und Kohle befeuerten Küchenherd, der auch das warme Wasser zum Waschen bereitete und im Winter die Küche heizte.
In der Küche spielte sich das ganze Leben der Familie ab. Die gute Stube wurde nur zu hohen Fest- und Feiertagen geheizt. Der Weihnachtsbaum stand dort meist bis Ostern. Wenn man den dann entsorgen musste, verlor der bei der ersten Berührung alle seine Nadeln.
...
4 Sterne
"Ich Blender" von Jochen Hüttenrauch - 07.01.2025
Jürgen Krenn

Das Buch ist insofern interessant, dass es das Leben eines Menschen beschreibt, der nicht in das Klischee passt, dass Menschen, die in der DDR gelebt haben, nur dann ein erfülltes Leben geführt haben, wenn sie das SED-Regime nicht akzeptiert haben. Es bezeugt, dass man diesem Staat dankbar sein konnte, auch ohne mit allem einverstanden sein zu müssen. Dieses Buch ist ein wertvolles Zeitdokument, das auf amüsante und anrührende Weise Rechenschaft ablegt über das Leben eines Menschen, der einen wichtigen Teil seines Lebens im geteilten Deutschland verbracht hat und sogar ohne Angst um sein Leben die Berliner Mauer auf interessante Weise überwinden konnte. Im Übrigen kommt man als Leser softerotischer Literatur à la Jin Ping Mei auf seine Kosten.

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