Geschichte & Biografie

Ich bin ein vergessenes Kind

Lucija Gaspari

Ich bin ein vergessenes Kind

Leseprobe:

Die Frauenpflichten und Männerrechte

Als Kind wurde mir schnell bewusst, dass die in unserer Gegend vorherrschende Kultur und Mentalität den Männern weitaus mehr Rechte zubilligt als Frauen. Etwa sechzig Prozent der Männer verhielten sich wie mein Vater. Ich war nie damit einverstanden, dass man Frauen auf den Haushalt beschränkte. Zu dieser Demütigung kam noch hinzu, dass die Arbeit, die Frauen leisteten, nie geschätzt oder gewürdigt wurde. Mein Vater Petar hat meiner Mutter oft vorgehalten, dass er es ja sei, der in Deutschland das Geld verdiene und den Kindern das Erbe sichere. Meine Mutter Eva musste jahrelang damit leben. Nie hat sie sich beschweren oder das Recht auf ihr eigenes Leben einfordern dürfen. Daran hat sich auch nie etwas geändert. Bis zu ihrem Tod nicht. Als kleines Mädchen habe ich mir damals eines geschworen: Sollte ich eines Tages die Möglichkeit bekommen zu arbeiten, so soll ich auch angemeldet sein und eines Tages meine Rente bekommen. Niemals wollte ich von irgendjemandem abhängig sein.
Mein Vater hatte aber nicht nur negative Seiten an sich, die er vornehmlich beim Trinken und mit anderen Frauen auszuleben pflegte. Was er durch harte Arbeit verdient und aufgebaut hatte, hegte und pflegte er stets verantwortungsvoll. Alles musste in Schuss sein. Mein Bruder ist da ganz anders. Nachdem er nach der Trennung von seiner Frau nach Slowenien zurückgekehrt war, brachte er das mühsam ersparte Geld, das der Vater hinterlassen hatte, schnell an den Mann. Auch dem kleinen Anwesen, das er geerbt hatte, erwies er nicht den gebührenden Respekt. Heute lebt er von der Hand in den Mund in den Tag hinein. Es ist sehr traurig. Er benimmt sich noch schlimmer, als mein Vater es tat. Seine Enttäuschung über das eigene Leben förderte auch den Kontakt zu schlechter Gesellschaft. Wenn ich zu Besuch war und den Hof des Hauses betrat, in dem ich geboren worden war, wandte ich mich schnell wieder ab und ging traurig fort.

Viele junge Menschen, ob Frauen oder Männer, wandeln heute auf falschen Pfaden. Sie leben in den Tag hinein, als gäbe es kein Morgen. Auf dem Land, in den Dörfern, hat man es natürlich schwerer – zumal zu jener Zeit in Slawonien.
Frauen, die heute in modernen Großstädten leben und immer noch in alten Gebräuchen und Sitten gefangen sind, sollten umgehend ihre Situation überdenken. Sie müssen selbst die Chance, ergreifen, von niemandem mehr abhängig zu sein.



Die Firmung

Im Mai 1988 wurde ich, gerade 14 Jahre und ein paar Monate alt, gefirmt. Wie so oft bei wichtigen Anlässen in meinem Leben war auch diesmal niemand von meiner Familie dabei, und auch dieses Mal hat mich das gekränkt und mein Gefühl, in Wahrheit ein vergessenes Kind zu sein, verstärkt. Nur meine Firmpatin, die ja ohnehin dabei sein muss, hat mich begleitet und meine Schwester Nezy. Immerhin aber schenkte sie mir eine schmale Goldkette, auf die ich sehr stolz war. Ich habe sie leider nicht mehr, aber das war mein erster und einziger Goldschmuck. Seither habe nie mehr den Wunsch gehabt, Gold zu besitzen.

Einen guten Monat nach der Firmung und mit Ende der Unterrichtspflicht verließ ich dann die Schule und wurde von der Gemeinde als Feldarbeiterin angestellt. Unkraut zu jäten, bei der Ernte zu helfen und den Acker zu pflügen, war an sich schon eine körperlich anstrengende Arbeit und für mich umso mehr, denn ich war auch als Teenagerin nach wie vor klein und zart. Aber in unserem Dorf gab es keine andere Möglichkeit, Geld zu verdienen, und wir Kinder bekamen keines von unseren Eltern.

Klein und zart bin ich übrigens heute immer noch, über einen Meter und siebenundfünfzig Zentimeter bin ich nicht hinausgewachsen. Natürlich wäre ich schon als Kind immer gern größer gewesen und wollte auch alles dafür tun. Die Leute haben mir damals nämlich erklärt, dass man im Regen wächst. Ich habe nie einen Schirm getragen. Aber so klein ich auch bin, habe ich doch ein großes Herz, das ich täglich mit vielen Menschen teile, die mir dafür immer wieder ein Lächeln ins Gesicht zaubern und mich stärker machen.



Die letzten Leiden meiner Mama

Ein Jahr vor ihrem Tod sagte meine Mutter: „Weint nicht, wenn ich sterbe. Habt Mitleid, wenn ich lebe.“ Warum sie das damals sagte, weiß ich nicht genau, wahrscheinlich meinte sie damit ihr ganzes Leben, das ja nie leicht gewesen war in einem kleinen, ländlichen Dorf zur Zeit des Kommunismus, mit fünf Kindern und einem Mann, der nur zwei Mal im Jahr zu Hause war. Im Nachhinein betrachtet aber ist es fast gespenstisch, denn es klingt, als hätte sie eine Vorahnung gehabt. Denn im April 1989 wurde sie krank, schwer krank. Ihr Hals war stark angeschwollen, sie hatte Schmerzen, sie spuckte Eiter und Wasser. Wie sich dann herausstellte, war es Schilddrüsenkrebs, der auch schon sehr weit fortgeschritten war.

Operiert wurde sie aber erst am 5. August in einem Spital in Zagreb, das war damals die einzige Möglichkeit für einen so schweren Eingriff. Im Juni zuvor war sie dort schon ein Mal abgelehnt worden, weil man keinen Platz für sie hatte. Als wir sie dann nach der Operation besuchten, sagten die Ärzte, sie hätte es gut überstanden, sie habe ein starkes Herz. Ich aber war schockiert von all den Schläuchen und den Behältern mit Infusionen, an die man sie gehängt hatte. Den weiten Weg zu ihr in das 250 Kilometer entfernte Zagreb konnten wir auch nur ein Mal machen. Am 18. September schließlich wurde sie aus dem Spital in Zagreb entlassen.

Geplant war, dass sie in ein Krankenhaus in die von Drenovci nächstgelegene Stadt verlegt würde, wo wir sie dann auch öfter besuchen hätten können. Auf der Durchfahrt hielt der Krankentransport überraschend vor unserem Haus, weil der Fahrer uns die Gelegenheit geben wollte, Mama kurz zu sehen. Das war sicher gut gemeint, aber ich bekam einen Schock, ich erkannte sie gar nicht wieder. Sie sah aus wie ein Skelett, so abgemagert war sie, vor allem im Vergleich mit den anderen Patienten, die auch noch im Wagen waren. Dann gingen die Türen auch schon wieder zu und die Dinge nahmen ihren Lauf. Denn wenige Stunden später war der Krankenwagen mit Mama und Nezy, die mitgefahren war, auch schon wieder zurück. Die Ärzte hatten sie heimgeschickt, weil sie nichts mehr für sie tun konnten. Alle wussten, dass Mama bald sterben würde, nur vor Nezy und mir war das bisher verheimlicht worden, weil wir minderjährig waren. Als ich es an diesem Tag schließlich erfuhr, wollte ich mir in diesem Moment selbst das Leben nehmen. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, dass es bald aus sein würde mit Mama.

Trotzdem versuchte ich, es Mama zu Hause so angenehm wie möglich zu machen. Noch während sie im Krankentransport unterwegs gewesen war, hatte ich die Matratze ihres Bettes im Wohnzimmer mit neuen Leintüchern überzogen. Mama hatte sie eigentlich für mich gekauft, sie waren Teil meiner sogenannten Ausstattung, die ich bei meiner Hochzeit bekommen hätte sollen. Das war so üblich. Als ich sie dann ins Zimmer führte, bemerkte sie die neue Bettwäsche natürlich sofort und fragte mich, warum ich sie hervorgeholt hätte, wo doch genügend andere Wäsche da gewesen wäre. „Weil ich mich freue, dass du da bist“, antwortete ich. „Aber ich werde sie schmutzig machen“, sagte sie. Ich wusste nicht, was sie meinte, sagte, dass mir das egal sei, und brachte ihr auch noch all die Geschenke, die ich für sie vorbereitet hatte. „Es ist so schön, zu Hause zu sein, Lucija“, sagte Mama. Und dann folgte eine lange Pause.

Später am gleichen Tag kaufte ich eine Wassermelone von einem der fahrenden Händler, die öfter durch unser Dorf kamen. Mama mochte Melonen und ich wollte sie davon kosten lassen, also legte ich ein paar Stücke auf einen Teller, um sie ihr zu bringen. Als ich aber damit zu ihr kam, hob sie nur den Pyjama über ihrem Bauch ein wenig an und ich ließ den Teller vor Schreck fallen. Denn an ihrer rechten Seite hing ein Schlauch heraus. Sie konnte nur mehr künstlich ernährt werden, ich wusste nicht, dass sie gar nicht mehr normal essen konnte.

Am Abend hatte Mama wieder starke Schmerzen und ich half ihr beim Schlafengehen. Mit einem Tuch und warmem Wasser wusch ich ihr Gesicht, ihre Arme und Hände und wollte auch noch die Verbände um ihren Hals wechseln, die ganz durchnässt und blutig waren. Aber im Spital hatte man ihr keine frischen mitgegeben, also machte ich mich in der Nachbarschaft auf die Suche nach Mullbinden, sterilen Tüchern oder anderem. Lange Zeit vergebens, denn niemand konnte mir damit aushelfen, so etwas hatte man offenbar nicht so einfach im Haus. Schließlich fiel mir dann ein, dass in jedem Auto auch eine Autoapotheke sein müsste. Also klopfte ich an Türen, vor denen ein Wagen stand. Und so hat’s dann auch geklappt und ich konnte die Wunde meiner Mama versorgen. Später lagen Nezy und ich in unserem Zimmer und beschlossen gemeinsam, dass wir unsere Mutter von jetzt an auch weiter pflegen würden. In dieser Nacht haben wir beide kein Auge zugemacht.

Am nächsten Tag aber konnte sie schon gar nicht mehr sprechen. Sie versuchte zwar immer wieder, etwas zu sagen, aber kein Laut kam aus ihr heraus und sie begann deswegen immer wieder zu weinen. Am 20. September in der Früh schließlich, knapp zwei Tage nachdem sie aus dem Spital nach Hause gekommen war, lag sie in einer Art Dämmer­zustand da, aus dem sie manchmal nur kurz aufwachte. Viele waren inzwischen gekommen und versammelten sich um ihr Bett, ich saß gleich neben ihrem Kopf und konnte nicht aufhören, sie anzusehen. Als sich ihre Augen nach oben verdrehten, schrie ich auf. Ich wollte nicht, dass sie geht. Ich wollte nicht, dass es zu Ende ist. Meine Taufpatin, die neben mir saß, flüsterte: „Lucija, lass Mama in Ruhe, sie kann nicht mehr.“ Noch einmal gingen Mamas Augen nach oben, wieder begann ich zu schreien. Beim dritten Mal betete ich: „Lieber Gott, wenn es wirklich so ist, dass sie keine Kraft mehr zum Leben hat, dann nimm sie auf.“ Meine Mutter machte die Augen zu und starb.

Ich war wie gelähmt. Von meiner Taufpatin und einer Nachbarin wurde ich auf mein Zimmer geschickt, um mir etwas Schwarzes anzuziehen. Das musste sofort sein, auch das war so üblich, und es war halb zehn in der Früh. Wann das war, weiß ich also noch genau, wie lange ich dann aber zum Umziehen brauchte, weiß ich nicht mehr. Vielleicht eine Stunde, vielleicht zwei, vielleicht mehr. Ich ging in meinem Zimmer auf und ab, so verwirrt und mit all den Bildern von früher vor den Augen.
Als ich dann wieder ins Wohnzimmer kam, war meine Mama bereits aufgebahrt. Noch mehr Verwandte und auch Nachbarn waren gekommen, wieder saßen alle rund um meine Mutter herum. Dieses Mal schrie Milica, und zwar ohne Pause, sie war nicht zu beruhigen. Antunka, meine älteste Schwester, fiel immer wieder in Ohnmacht. Mein Papa hingegen sagte immer wieder und wieder: „Die Mama nicht streicheln, die Mama nicht streicheln.“ Ich aber war über viele Stunden regungslos und stumm. Meinen Schmerz hatte ich schon davor hinausgeschrien und ich wollte jetzt für die anderen stark sein. Sie alle weinten bitterlich.

Erst als ich mich schon sehr früh an diesem Abend, so gegen sechs Uhr, wieder auf mein Zimmer zurückzog, begann ich zu weinen. Und mir wurde an diesem Abend eines klar: Ich musste weg von hier. Ich musste weg aus diesem Haus, weg aus diesem Ort, am liebsten weg aus Kroatien. Irgendwohin, um Abstand zu gewinnen von all dem, was ich bis zu diesem Tag und vor allem an diesem Tag erlebt hatte. Und ich wollte auch auf keinen Fall mit meinem Vater allein bleiben. Meine drei ältesten Geschwister waren ja schon lange ausgezogen und Nezy, die Zweitjüngste, würde vielleicht auch schon bald gehen. Sie war seit drei Jahren verliebt und es schien etwas Ernstes zu sein.

Am nächsten Tag, dem 21. September, wurde meine Mutter begraben. Es war ein schöner, spätsommerlicher Tag. Der Fotograf sagte, dass er noch nie auf einer so traurigen Beerdigung gewesen war. Er war so betroffen, dass er seine Arbeit gar nicht zu Ende bringen konnte und abbrechen musste. Die Fotos jedoch, die er gemacht hatte, sind auch die einzigen, auf der wir Kinder alle zusammen zu sehen sind. Von unserer ganzen Familie gibt es gar kein Bild, und das ist sehr traurig. Die positive Seite von meinem Papa war, dass er die ganzen Kosten für den Spitalaufenthalt freiwillig bezahlt hatte.
An diesem Tag wurde auch klar, dass Eva Filipovic für alle im Ort etwas Besonderes gewesen war. Und wenn sie selbst auch nie viel erzählt hatte, begriff ich endgültig, dass sie ein schweres Leben gehabt hatte, das ich keiner Frau auf der Welt wünsche.

An meine Mama:

Vielleicht habe ich von dir nicht die Liebe bekommen, die ich mir gewünscht habe. Du warst trotzdem alles für mich, weil ich jetzt selbst weiß, was es heißt, Mutter zu sein.



Das Vorgefühl

Ein Jahr vor meinem Weggang nach Wien begann mich im Schlaf ein Traum zu verfolgen, der fast jedes Mal die gleiche Entwicklung nahm. Die Geschichten, die man sich über den Krieg erzählte, weckten in uns Kindern zwar keine Ängste, dass der Krieg auch Kroatien heimsuchen könnte. Dennoch handelte mein Traum von der Flucht und Angst vor einer Armee, die mir unbekannt war. Oft wachte ich nachts schweißgebadet auf. Einmal erzählte ich es meiner Mutter: „Du schaust zu viele Filme, die nichts für dich sind“, antwortete sie mir. „Nein, Mama“, stritt ich das ab. „Du weißt doch, dass wir gar nicht fernsehen dürfen.“ Wir hatten zwar ein Gerät zu Hause, doch unsere Erfahrungen beschränkten sich auf wenige Sendungen, die wir während unserer Besuche bei Nachbarn aufschnappen konnten. Ich habe den Traum meiner Mutter gegenüber nie wieder erwähnt. Eigenartig ist mir aber immer vorgekommen, dass ich als Kind oftmals Träume hatte, die nicht nur immer wiederkehrten, sondern mir irgendwann auch im wirklichen Leben begegneten.
Ich kann mich noch erinnern, dass die Menschen nach dem Tod ­Titos einen Krieg für durchaus denkbar hielten. Ich habe aber nie verstanden, um was für einen Krieg es sich dabei handeln könnte. Der Kommunismus zu jener Zeit war wie immer: ziemlich streng, und über jene politischen Dinge, die sich damals zu entwickeln begannen, durfte man nicht sprechen. Besonders streng ging es in der Schule zu. Die Lehrer wachten darüber, dass wir die katholische Kirche ja nicht erwähnten. Auch war es verboten, Halskettchen mit Kreuzen zu tragen.
Von nationalen Ungleichheiten konnte keine Rede sein. Recht bekam immer derjenige, der Mittel und Wege fand, maßgebliche Stellen mit Geld zu schmieren. Dies war der entscheidende Unterschied zwischen den Menschen, nicht Nation oder Glaube.
Mein Vater ist nie in die Kirche gegangen, nicht mal zu unserer Taufe, Kommunion oder Firmung. Nur einmal machte er eine Ausnahme, als unser Bruder Kommunion hatte, weil es sein Sohn war und er ein Mann. Als mein Bruder zur Volksarmee einrücken musste, scheute mein Vater weder Geld noch Mühen, für beste Bedingungen und Beziehungen zu sorgen. Was immer an Geld verlangt wurde – mein Vater legte es auf den Tisch.
Ich liebe alle Nationen und die ganze Welt. Es ist sehr traurig, wenn Menschen bei nationalen Dingen ihren Charakter verlieren und beginnen, sich den Erwartungen einer politischen Seite unterzuordnen.
Nach meiner Ankunft in Wien wurde mein Traum aus der Kindheit zur schrecklichen Wirklichkeit. Ich war bei Kriegsausbruch nicht in Kroatien, doch ich spürte in Wien jenen Hass, den viele Flüchtlinge in sich trugen. Die jungen Kroaten waren nun ausschließlich Kroaten und sangen ihre Lieder, die Serben waren nun nur noch Serben. Ich bekam oftmals Gänsehaut, wenn ich mit gewissen Leuten zu tun bekam. Ich hasste weder die Serben noch die bosnischen Muslime. Ich hasste mich. Ich hasste mich dafür, dass ich in solche traurigen Bedingungen hineingeboren worden war. Blutvergießen gab es auf allen Seiten,
und mein gebrochenes Herz und meine vergossenen Tränen galten allen Nationen auf der ganzen Welt.
Als Kind bin ich sonntags regelmäßig in die Heilige Messe gegangen. Ich war immer sehr froh, wenn ich anschließend nach Hause kam und meine Mutter das Mittagsessen gekocht hatte, das wir in Ruhe und Frieden gemeinsam einnehmen konnten. Während im Radio Nachrichten über den Krieg zwischen dem Iran und dem Irak liefen, wurde ich immer traurig und begann zu weinen. Ich dachte an Kinder, die hungern müssen, an Vertreibung und Blutvergießen – an all jene Dinge, die eigentlich gar nicht passieren dürften. Uns ging es gut, wir lebten im Frieden.
Durch die Aufnahme zahlreicher Flüchtlinge, denen Österreich sehr geholfen hat, waren auch hierzulande die Veränderungen deutlich spürbar. In jener Zeit hatte ich auch meine eigenen Probleme. Ich musste mich auf die Beine stellen und für meine Rechte in Österreich einstehen, dem Land, das ich sehr zu schätzen und zu lieben gelernt habe. Ich verabscheute den Krieg. Ich schämte mich sogar dafür, dass ich als „Jugoslawin“ nach Wien gekommen war und jetzt nicht mehr wusste, wie ich mich „ehemaligen Landsleuten“ gegenüber verhalten sollte. Anhand des regionalen Akzentes war ohnehin festzustellen, woher jemand stammte. Mit der Zeit scheint sich ein Mensch daran zu gewöhnen, Standpunkte einzunehmen, die von neuen politischen Strömungen entwickelt werden. Manches Mal komme ich mir vor wie ein Deserteur. Weder in Kroatien noch hier in Wien bin ich wirklich angekommen. Ich bin ein Mensch, der etwas arbeiten und leisten möchte. Ich möchte auch dem Land, das mir dies ermöglicht hat, meinen Respekt und Dank erweisen. Somit habe ich auch keinen Bezug zu einem Konzept von „Nationen“, das einen sinnlosen und mörderischen Krieg in Exjugoslawien ausgelöst hat.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 104
ISBN: 978-3-99026-740-0
Erscheinungsdatum: 05.02.2013
EUR 14,90
EUR 8,99

Halloween-Tipps