Geschichte & Biografie

Heinrich von Petersberg

Maria Weißböck

Heinrich von Petersberg

Eine tapfere Lebensgeschichte nach wahren Begebenheiten

Leseprobe:

Petersberg ist, wie wir gleich vermuten, ein achthundertsechs Meter hoher Berg. Im Norden fällt er zur Steinernen Mühl ab, wo Helfenberg liegt, im Süden liegt St. Johann am Wimberg. Petersberg heißt auch das Dorf, in dem sich die meisten der folgenden Geschichten abspielten, eine Streusiedlung am Nordhang, aufwärts von Helfenberg. Es gehört zu
St. Johann am Wimberg. Schmale Straßen und viele Kurven leiten uns dahin. Adelig (von Petersberg) ist Heinrichs Wesen auf seine älteren Tage auch geworden.

Schon bei seiner Geburt musste er es alleine schaffen. Mutter Johanna konnte nicht viel tun, sie war der Sache ausgeliefert. Es war Sonntag und es gab ein erfreuliches Fest für die ganze Bevölkerung. Beim Feuerwehrzeughaus von Petersberg fand zum ersten Mal die, sich dann jährlich wiederholende, Veranstaltung statt. Seit dem 14. April 1935 gab es eine selbstständige Feuerwehr auf der Nordseite von St. Johann, hinter dem Ederhügel unten, wo das Dorf Petersberg, andere Dörfer, einzelne Gehöfte und Häuser liegen. Das Gründungsfest hatte am
28. Juli 1935 stattgefunden, am Standplatz des Depots, an dem ca. tausend Personen teilgenommen hatten. Siebenunddreißig Kameraden gehörten damals der Feuerwehr an, darunter Heinrichs Vater. Diese marschierten vom Depot zur Kirche von St. Johann, wo sie von der Musikkapelle empfangen wurden. Mit dem Herrn Pfarrer und der Bevölkerung feierten sie eine Festmesse, danach ging es den nicht gerade kurzen Weg zurück zum Depot. Standln mit Essen und eine Teeküche sorgten für Labung. Mehrere Musikkapellen spielten auf, festliche Reden wurden gehalten. Hausfrauen schmückten die Feuerwehrmänner für den nachmittäglichen Festzug mit Kränzen. Auch das Tanzbein kam nicht zu kurz. Das Fest nahm einen friedlichen und heiteren Verlauf. Friedlich und heiter, diese beiden Werte wurden so lange in Anspruch genommen, bis der letzte Tropfen aus dem Fass geflossen war, steht im Petersberger Feuerwehrbuch von damals. Spenden und zum Großteil Robot hatten den Bau, unter dem damaligen Löschzugführer Franz Winkler, ermöglicht. Einen Löschzug hatte es seit dem 25. Juni 1933 gegeben.
An jenem Sonntag, ein Jahr nach der Eröffnung, am 12. Juli 1936, feierte der Herr Pfarrer wieder eine Hl. Messe, Kirchenlieder erklangen, die Musik spielte auf, die Männer der Feuerwehr und deren Frauen sorgten für Speis und Trank. Das Feuerwehrzeughaus und der Feuerwehrwagen wurden erneut besichtigt und begutachtet. Kinder rannten kreuz und quer, lachten, riefen wild durcheinander. So mancher Bub wollte gerne ein Feuerwehrmann werden.
Dort feierte unbesorgt auch Heinrichs Vater mit den Kameraden. Als er morgens das Haus verlassen hatte, war alles in Ordnung gewesen. Die Mutter war hochschwanger, der Geburtstermin nicht mehr weit. Die Töchter, Anna und Wilhelmine, mussten bei der Mutter bleiben, die zwei jüngeren Geschwister waren mit dem Großvater unterwegs.
Oft kommt etwas, das gerade gar nicht passt. Genau an diesem Tag setzten bei der Mutter die Wehen ein. Die beiden größeren Töchter schickte sie eiligst zum Lehnerhäusl. „Bittet den Nachbarn, dass er schnell zum Feuerwehrhaus geht und dem Vater sagt, er soll so rasch wie möglich die Hebamme verständigen.“ Herr Lehner befand sich, wie zu erwarten, auch auf dem Fest, nur der zwölfjährige Sohn war zuhause. So baten sie diesen. Er machte sich auch gleich auf den Weg. Worüber der junge Mann die Nachricht vergaß, ist nicht bekannt.
Die Wehen setzten der Mutter schon zu. „Hoffentlich kommt sie bald.“ Sie kam immer noch nicht. Johanna schaute aus dem Fenster. Es war nichts zu sehen. Keine Hebamme. Nur eine Spinne, die daran war, ihr Netz in der Ecke der Fensternische zu erweitern. Johanna setzte sich. Sie krümmte sich vor Schmerz. Mit dem schlimmen Gefühl hilflos und verlassen zu sein, kauerte sie auf dem Stuhl. Erneut zog eine Welle von Pein durch ihren Körper. Sie musste sich hinlegen: „Lieber Gott, lass die Hebamme kommen“, betete sie in ihrer Verzweiflung. „Bitte, lieber Gott, lass alles gut gehen. Wenn nur das Kind keinen Schaden nimmt!“ Schon presste sie. „Ich kann es nicht zurückhalten, ich kann nicht. Wo bleibt die Hebamme?“ Heftig überkam sie die nächste Presswehe.
Heinrich wartete nicht auf Hilfe, er drängte sich ans Tageslicht. Der Mutter blieb nichts anderes übrig als den Dingen ihren Lauf zu lassen, zu hoffen, die Hebamme träfe doch noch ein. Erfahrung hatte sie bereits. Heinrich war ihr fünftes Kind. Die Hebamme kam noch, aber zu spät. Ob sie noch verständigt worden war, oder ob sie der werdenden Mutter einen Besuch abstattete, von der sie wusste, der bestimmte Tag könne jederzeit eintreffen, weiß niemand mehr. Jedenfalls nicht über den Nachbarn und den Vater. Das war dann auch ohne Bedeutung. Hauptsache, sie war doch noch gekommen, und alles war gut ausgegangen. Ein Bub. Die erschöpfte Mutter freute sich.
Heinrich war von Anfang an unkompliziert. Er schrie sich in den Start des Lebens, das ihm nun geschenkt worden war, schlief ein, schlief den noch sorgenlosen Schlaf. Das war der 12. Juli 1936, der Sonntag, an dem alles begann. Der Vater betrat am Abend die Stube, ermüdet von der auslaufenden Feier. Überrascht war er und erfreut, das Neugeborene, einen Buben, vorzufinden.
Getauft wurde Heinrich nach zwei Tagen in der Kirche von St. Johann, um im Falle eines schnellen Kindstodes nicht in der Vorhölle zu landen. Welch schreckliche Vorstellung für Mütter, ihr ungetauftes Neugeborenes könne wegen der Erbsünde nicht in den Himmel kommen. Manche Mütter spendeten ihren Babys gleich die Nottaufe, um das Schlimmste zu verhindern.
Das alles geschah knapp zwei Jahre vor Schuschniggs berühmt gewordenen Worten: „Gott schütze Österreich!“ Nach wenigen Jahren Nazizeit und Konzentrationslager, war dieser hoch gewachsene Mann, kaum wieder zu erkennen. Er wog noch vierzig Kilogramm. Von all dem wusste man in Petersberg kaum etwas. Kein Strom, kein Radio, kein Telefon. Die Sorge lag näher: Essen, heizen, was zum Anziehen.
Josef Grünzweil, Heinrichs Vater, hatte das Handwerk eines Steinmetzes von seinem Vater in Helfenberg erlernt und bis zum Kriegsausbruch ausgeübt. Für das neue Feuerwehrzeughaus in Petersberg war jeder Stein von seiner Hand behauen, was die Familie mit Stolz erfüllte.
Die Feuerwehr von St. Johann liegt, wie der Ort, an der Südseite des Ederhügels, zu weit weg für die damalige Zeit. Ortschaften, wie auch Petersberg, können wegen ihrer Lage von der Ortsgemeinde aus, nicht eingesehen werden. Daher war ein Feuerwehrhaus dringend notwendig geworden. Die schnellste Möglichkeit, die Feuerwehr zu verständigen, bot zu jener Zeit das Fahrrad. Es gab allerdings nur wenige davon, auch keines beim Schauflerhäusl. Den steilen Hügel aufwärts hieß es fest treten und schnaufen, oder schieben, die Seite bergab entschädigte. Bis die Feuerwehr eintraf, war der Brand oft schon in vollem Gange.
Heute stellen wir uns ein großes Feuerwehrauto vor, ausgerüstet mit allem Notwendigen, das schnell zur Stelle ist. Damals befand sich die Ausrüstung auf einem von Pferden gezogenen Wagen. Ein Zweiachser, auf dem vorne und an den Seiten Bänke befestigt waren, die gleichzeitig als Truhen für Schläuche und Werkzeuge dienten. Am hinteren Ende war die Spritze montiert. Bis die Motorspritzen aufkamen, die ersten gab es um 1925, wurden Handdruckspritzen von mehreren Männern bedient. Das Wasser wurde in Kübeln, von Feuerwehrmännern und Helfern, weitergereicht. Bauern, die nicht zu weit vom Zeughaus entfernt ihren Hof besaßen und auch schon Pferde hatten, erklärten sich bereit, schnell zur Stelle zu sein, wenn zum Beispiel ein Gewitter im Anmarsch war. Welcher, und für welche Zeit, wurde jeweils mit den Feuerwehrkameraden abgesprochen. Passierte ein Blitzschlag, wurde der betreffende Bauer verständigt, handelte fast so schnell wie der Blitz, die Pferde mussten laufen. Es gab viele Löschteiche. Jahre später wurden die Pferde von einem Traktor abgelöst.
Im Jahre 1930, Löschzug und Feuerwehr in Petersberg gab es noch nicht, brannte das Schauflerhäusl. Mutter Johanna war gerade mit Sohn Franz, ihrem dritten Kind, niedergekommen. Eine Nachbarin hatte sich eingefunden, um Brot zu backen. Dieses bräunte bereits in dem alten, gemauerten Backofen, der im Haus nahe einer Holzwand stand, als es zu rauchen begann. Schon stachen Flammen hervor. Die Nachbarin lief, so schnell es ihr möglich war, jemanden suchen, der die Feuerwehr in St. Johann verständigen konnte. Die Nachbarn waren und sind am Petersberg kaum nebenan, wie man denken könnte, ihre Anwesen sind verstreut, so brauchte alles seine Zeit. Als die Löschmannschaft aus St. Johann endlich ankam, mit Pferdewagen und Handdruckspritze, eine Motorspritze löste diese erst 1933 ab, hatten die Flammen die Holzwand fest im Griff, loderten aus dem Dachstuhl. Außer den Grundmauern war nicht mehr viel zu retten.
Nachdem die Nachbarin aus dem Haus gerannt war, blieb Johanna, die Wöchnerin, allein mit ihrem Neugeborenen zurück. Anna, die Erstgeborene, die 1924, und ihre Schwester Wilhelmine, die 1926 geboren worden waren, hatte der Großvater, der zusammen mit der Familie wohnte, in den Wald zu seiner Kohlengrube mitgenommen. Als die Feuerwehrmänner endlich die Oberhand gewonnen hatten, die Flammen erloschen waren, suchten sie mit den Nachbarn, die herbeigelaufen waren, um zu schauen und zu helfen, nach Mutter und Kind. Nirgends war auch nur ein Hinweis auf sie zu finden. Die Sorge wuchs. Sie weiteten die Suche auf die Umgebung aus. Weiter unten auf einer Wiese fanden sie die zitternde, weinende Wöchnerin, so wie sie aus dem Bett geflohen war, gebeugt über das Kind in ihren Armen, ein verzweifeltes Häufchen Elend.
Eine Nachbarin nahm ihr vorsichtig das Neugeborene ab, andere halfen ihr aufstehen, stützten sie auf dem Weg zurück zum Haus. Schwarz der halbeingefallene Dachstuhl, schwarz die herausgefallene Haustüre, schwarz von verkohlten Holzstücken und Ruß der steinerne Boden im Flur, schwarz die Decke, die angebrannten, hölzernen Träger brüchig. Hilfsbereite Nachbarn boten der Familie Unterkunft.
Großvater und Vater bauten das kleine Häusl bald wieder auf. Geld dafür war nicht vorhanden. Der Vater musste sich Geld von seinem Bruder Karl leihen, der in Waldhäuseln bei Helfenberg einen Steinmetz Betrieb aufgebaut hatte. Das führte später zu Zwistigkeiten. Zuerst konnte der Vater nichts zurückzahlen, dann kam der Krieg, dann, als der Vater das Geld auftreiben konnte, die Geldentwertung. Viel sah der Bruder nicht mehr von seinem Darlehen. Seit damals redeten die beiden Brüder nicht mehr miteinander. Heinrich pflegte noch Kontakt zu einem Cousin. Karl wurde später Bürgermeister von Helfenberg. Die Brüder Franz und Konrad waren auch Steinhauer. Der eine erbte den elterlichen Betrieb, der andere baute in Braunau einen solchen auf.
Mit den Jahrzehnten triftete die Verwandtschaft mehr und mehr auseinander, die Verbindungen lösten sich. Fährt Heinrich durch Helfenberg, gehen dieser Geschichte wegen immer noch viele Gedanken durch seinen Kopf. Die Auswirkungen eines Krieges sind nicht nur die schrecklichen, grauenhaften, die uns im Fernsehen immer wieder vor Augen geführt werden, es sind auch die unzähligen Begebenheiten, die Kriege auslösen und hinterlassen. Folgen verzweigen sich wie unsichtbare Fäden in der Bevölkerung, bleiben über Generationen bestehen. Einfach so, ohne dass man noch weiß warum.

Der Großvater, der Vater von Heinrichs Mutter, war ein umtriebiger Mann. In St. Peter betrieb er zusammen mit seiner Frau, in gemieteten Räumlichkeiten, ein kleines Geschäft. Später übersiedelte er nach St. Johann, erwarb ein Häusl an der Straße bergauf nach Petersberg, führte den Gemischtwarenhandel dort weiter. Sein Fleiß und seine Umsichtigkeit ermöglichten ihm, nach mehreren Jahren, den Erwerb eines weiteren Häusls, eben dieses, welches 1930 abbrannte und wieder aufgebaut wurde.
Erbaut hatte es 1860 ein Zimmermann. „Zimmerer Hansl“ wurde er wegen seines guten Handwerks gerufen. Aus der Familie Staneck stammte er. Ein paar hundert Meter weiter westlich seines Elternhauses, heute Zeinhoferhäusl genannt, ließ er sich nieder. 1890 erwarb dieses von „Zimmerer Hansl“ erbaute Häusl Johann Schaufler, Heinrichs Großvater. „Schauflerhäusl“ wurde es viele Jahre, auch noch zu Heinrichs Zeiten, genannt. „Ban Greazwei“, bürgerte sich später ein.
In seinem ersten Häusl, am Rande von St. Johann, gebar die Großmutter weitere Kinder, insgesamt waren es zehn, von denen das älteste, ein Sohn, und das jüngste, eine Tochter, Heinrichs Mutter, dem Leben erhalten blieben. Acht kleine Kinder mussten die Mutter und der Vater, nach Hoffen, Bangen, Seufzen, Weinen, Schluchzen, nach verzweifeltem, verlorenem Kampf auf den Friedhof tragen. Babys mit kleinen Händchen, kleinen Zehlein, Kinder, die lachten, wenn die Mutter sich über sie beugte, Kinder, die ihre Ärmchen um Mutters und Vaters Hals schlangen, Kinder, die aus den Unterschränken Blechdeckel hervorkramten und Musik damit machten, Kinder, die schon laufen konnten, auch schon verständig waren. Acht Mal betteten die Eltern ein Kind in einen kleinen Sarg. Ein Strom von Tränen fiel auf den jeweils verlorenen Liebling. Drei Kreuze machten sie darüber. Eine Reihe kleiner Gräber gleich nach dem Friedhofstor, wie sie da und dort noch zu finden sind, berühren Menschen bis heute.
Dieses Haus, in dem die Großeltern so viel Leid erlebt hatten, aber auch Erfolg, vermachte der Großvater später seinem Sohn. Mit seiner Frau und Tochter Johanna zog er in das neu erworbene, nach Frauenschlag, heute Petersberg. Er hatte sich in die dortige Landschaft verliebt. Für ihn sei hier das Paradies, sagte er und auch für Heinrich ist es bis heute nicht anders. „Dahoam is dahoam“, steht auf dem inzwischen stattlichen Haus geschrieben. Damals bestand es aus vier Räumen. Einer Küche, angeschlossen an die Stube, wo später Heinrichs Eltern schliefen, ein Schlafraum für die Großmutter und den Großvater, und ein Zimmer, in dem später Heinrich und seine Geschwister sich die Betten teilten. Ein Stall, angeschlossen an den Wohnteil, darüber der Heuboden. Das Haus, in dem Heinrich geboren worden war und heranwuchs. An die Großmutter erinnert Heinrich sich nicht. Sie dürfte ein paar Jahre vor seiner Geburt gestorben sein.
St. Johann blickt auf eine tausendjährige Geschichte zurück. Eppo von Windberg, der damalige Herrscher in dieser Gegend, vermachte das Gebiet 1108 n. Chr. dem Stift St. Florian. Ausgehend von den Florianern, wurde eine Kirche gegründet. Bereits zuvor fanden sich vereinzelt Niederlassungen. Im 12. und 13. Jahrhundert besiedelten die Hochfreien Blankenberger, Wimberger und Waxenberger mit ihrem Gefolge das Gebiet. St. Johann gehört zu den ältesten urkundlich erwähnten Orten des Bezirkes Rohrbach.
Leidvolle Ereignisse fegten mit den Hussiten-Einfällen und den Bauernkriegen über das Gebiet hinweg. Bauernführer Georg Plöderl, der sich 1626 besonders hervortat, ist den Bewohnern bis heute ein Begriff. Im 18. Jahrhundert brannte der Ort zwei Mal völlig ab. Die Menschen verloren den Mut nicht, sie bauten wieder auf. Von Beruf waren sie Bauern, Knechte und Mägde, auch Kleinhäusler mit Nebenberuf, meist fahrende Händler. Später verdienten viele Menschen auch mit Hausweberei ihren Unterhalt. Bald gab es auch eine Volksschule. Lesen, Schreiben, Rechnen wurde immer wichtiger.
Dass er noch lebe, verdanke er einer Katze, erzählte Heinrich. „Einer Katze?“ „Ja, einer Katze.“ Das Elternhaus steht an einer steilen Hanglage. So steil, dass das Dach vor dem Umbau fast in den Hang überging. Vor dem Haus war der Hang eingeebnet. Neben dem Haus befand sich ein steinerner Grander, mit der Rückseite zum Hang. Wasser für Haus und Stall sammelte sich darin. Ein Anziehungspunkt für den noch recht kleinen Heinrich. Er versuchte auf den Grander zu klettern, verlor den Halt und fiel in das für ihn zu tiefe Wasser. Wie man sich vorstellen kann, schlug er um sich, es platschte und spritzte. Die Hauskatze, die sich in der Nähe sonnte, interessiert an diesem Vorfall, fing plötzlich an laut zu miauen. Die Mutter im Haus wunderte sich über dieses Geschrei, was die Katze denn habe, sah nach und zog erschrocken das Kind aus dem unfreiwilligen Bad, drückte es an sich, herzte es, sprach beruhigend auf es ein, steckte es in trockene Kleidung.
An die Katze dachte sie zuerst gar nicht. Erst als sie selber wieder zur Ruhe gekommen war, kam ihr das eigenartige Verhalten dieses schmeichelnden Viehs in den Sinn. Mit dem kleinen Heinrich, der auf dem Boden umher kugelte und auf allen Vieren unterwegs war, war sie vertraut, das ja. Und Heinrich mit ihr. Hatte das Tier verstanden, was hätte passieren können? Hatte es Angst gehabt und war deshalb so laut geworden? „Tagtäglich ist die Katze um uns und wir wissen nichts von ihr.“ Jedenfalls war die Mutter von Dankbarkeit erfüllt, streichelte sie öfter als zuvor, redete mehr mit ihr, abends kam sie, wenn die Kühe gemolken wurden, in den Stall um ein Schüsserl Milch.

Wieder kam der 5. Dezember, der Tag, den der schon etwas größere, kaum schulpflichtige Heinrich, fürchtete. Den Krampus scheute er, der jeweils hinter dem Nikolaus in die Stube rasselte. Er verkroch sich unter dem Tisch und noch weiter unter die Bank, bis ins letzte Eck. So einem schwarzen Teufel mit Hörnern, der wenig zimperlich die Kinder mit der Rute verfolgte, dem wollte er sich, seit der ersten Bekanntschaft, nicht mehr aussetzen. Als wieder ein so gefürchteter Tag anbrach, die Großen den Kleinen vormachten, der Schwarze mit der Rute werde sie schon erwischen, verzog er sich frühzeitig auf den Heuboden. Ein Loch wusste er in einem großen Futterstock. Dort kroch er tief hinein und verhielt sich ganz leise. Er rührte sich auch nicht als die Mutter und die Geschwister ihn suchten. So laut sie auch riefen, er blieb stumm. „Da findet mich niemand“, war er nun sicher. Jedoch horchte er angespannt auf Geräusche des Himmlischen und Gepolter des Teuflischen. Viel vernahm er nicht. Es war längst dunkel, die Augen hatte er zugemacht, ohne es zu wollen, rutschte er ins Träumeland. Erst am nächsten Morgen kroch er hervor, rieb sich die verschlafenen Augen, schüttelte sich, zupfte und klopfte Heu und Staub von Haaren und Gewand, ging in die Stube hinunter, sagte nichts, war einfach wieder da. Die Mutter war froh, den selbstständig handelnden Heinrich wieder am Tisch zu sehen. „Gott sei Dank bist du wieder gekommen“, sagte sie.
Verhielten sich Kinder zu jener Zeit nicht so, wie Eltern es befohlen hatten, wurde ihnen oft mit dem Krampus gedroht. Gelobt wurden sie kaum, aber zurechtgewiesen, manche nicht selten auch geschlagen. Kein Wunder, wenn Kinder kein gutes Bild von sich selber sehen konnten und das Gefühl in sich trugen, sie seien nicht in Ordnung, der Krampus werde sie bestrafen, was bedeutete schlagen. Wie hätten sie wissen sollen, dass sie, abgesehen von wenigen Ärgernissen, die im kindlichen Übermut vorkommen, liebenswert, die Freude der Eltern waren, wenn kaum einer es ihnen sagte?
Was beichteten Kinder in dem gefürchteten Beichtstuhl?
„Ich habe heimlich Honig genascht.“ (Er stand offen da.)
„Ich habe ihn umgestoßen.“ (Er hat mich nicht in Ruhe gelassen. Eigentlich wollte ich ihn am liebsten umbringen.)
„Ich habe gelogen.“ (Hätte ich die Wahrheit gesagt, hätte der Lehrer mir eine Ohrfeige und eine Strafaufgabe gegeben, dazu habe ich keine Zeit, ich muss doch arbeiten.)
Ein Mädchen beichtete sogar, es habe verbotener Weise, heimlich, von den frisch gekochten Erdäpfeln für die Schweine genommen, was auf dem Hof verboten war.
Drei „Vater unser“ als Buße waren schnell herunter geleiert. Bis zum nächsten Schulbeichttag brauchten die kleinen Sünder nicht mehr an diese peinliche Zitterpartie denken.

Auf dem Grundstück seiner Eltern stand ein Kirschbaum, recht nahe an der Grenze zu einer Nachbarin. Wer ihn dort gepflanzt hatte? Keiner weiß es. Er war halt da. In der Frau fing es an zu rumoren wegen dieses Baumes, warum und wieso, was genau ihr die Laune verdarb, ist nicht bekannt. Es gab keinen Garten dort, der hätte leiden können, nur Wiese. Mehrmals fing sie Streit an und da das nicht fruchtete, versuchte sie auf ihre Weise den großen Baum zu entfernen. An der Grundgrenze grub sie hinüberreichende Wurzeln aus und hackte sie ab. Auf die Frage, was sie da mache, kam es erneut zum Streit zwischen den Nachbarinnen. Der kleine Heinrich beobachtete die Szene. Da hörte er, wie die hastig Arbeitende schrie: „Und dass ich es dir sage, Johanna, dein Bub ist auch nicht, wie er sein soll!“ Da niemand ihm sagte, er sei ganz normal, ließ dieser Satz ihn nicht los. Nach seinen Erfolgen hatte er ihn immer noch nicht vergessen. Wiederholt erzählte er, was die Nachbarin über ihn gesagt hatte. Diese gab nicht so rasch auf, was den Baum anlangte. Einen Zaun als Abgrenzung gab es nicht, so war sie zu sehen, wenn sie wieder ans Werk ging.
Einmal kam gerade Heinrichs Vater mit Pferd und Wagen von seinen vielseitigen Geschäften zurück, als sie den Krampen zur Seite legte und mit der Hacke an die freigelegte Wurzel ging. „Was machst denn da, Nachbarin?“, der Vater. „Siehst eh, die Wurzeln von deinem Baum schaden meinem Grund!“ Mit der Pferdepeitsche, die der Vater noch in der Hand hielt, näherte er sich drohend der hackenden Nachbarin, die immer noch weiter schimpfte, und zog ihr diese über das Hinterteil. Vor Schreck und wahrscheinlich auch Schmerz schrie sie auf, beschimpfte den Übeltäter lautstark, packte ihr Werkzeug zusammen, drehte sich noch einmal um und schrie ihm wütend zu: „Sepp, das lass ich mir nicht gefallen, das wirst du noch sehen!“, und rannte davon. Von da an ging sie nicht mehr an den Baum, das war alles, was der Sepp zu sehen bekam. Der Baum war doch recht beschädigt, ein paar Jahre machte er es noch, dann büßte er für den Verlust der großen Wurzeln auf dem Nachbar-Grundstück, starb, und die Schaufelhäusler mussten ihn umsägen.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 148
ISBN: 978-3-903271-65-4
Erscheinungsdatum: 24.09.2020
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