Freiheit war das Ziel

Freiheit war das Ziel

Lilo Naib


EUR 16,90
EUR 10,99

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 232
ISBN: 978-3-99003-255-8
Erscheinungsdatum: 10.02.2011
Lisa, eine junge Österreicherin im Iran, wird Zeugin von einer der ersten Demonstrationen gegen den Schah. Aus Neugier geraten sie und ihr Mann immer mehr in den Strudel der Geschehnisse während der Revolution. Als Khomeini in Teheran landet, kommt erster leiser Zweifel auf, dass alles doch anders laufen könnte ...
<strong>Revolution
August 1978</strong>

Ein lautes Krachen ließ Lisa aufhorchen: „Was war das?“
Es war kurz vor Mittag und sie stand in der Küche an der Abwasch. Gekonnt seihte sie den gekochten Reis ab und leerte ihn zurück in den Topf zum Dämpfen.
Von dem Lärm neugierig geworden rieb sie sich ihre Hände an der Küchenschürze trocken und lief zum Wohnzimmerfenster.
Die schmale Gasse, auf die sie aus dem dritten Stock hinuntersehen konnte, war wie sonst auch. Niemand war zu sehen. Auch in den Vorgärten der Einfamilienhäuser, die vis-à-vis lagen und in die sie hineinschauen konnte, war niemand. Auf der Hauptstraße, zu der die kleine Sackgasse führte, brauste wie immer der Autoverkehr.
Wieder hörte sie das knatternde Geräusch einer Maschinenpistole. Lisa beugte sich weit aus dem geöffneten Fenster, aber noch immer konnte sie nichts Ungewöhnliches entdecken.
Nach einigen Minuten Stille ertönte Geschrei.
Lisa, die sich bereits wieder ihrer Arbeit zuwenden wollte, kehrte zurück ans Fenster. Angestrengt versuchte sie zu verstehen, was die schrillen Rufe bedeuteten.
„Marg bar schah!“
Konnte das wirklich sein? Nein, sie musste sich verhört haben. Tod dem Schah? Das war ausgeschlossen, einfach unmöglich.
Doch! Da erklang es schon wieder: „Marg bar schah!“
Gleich darauf folgte die nächste Salve aus einem Maschinengewehr. Einige junge Burschen hetzten über das freie Feld, welches am anderen Ende der Gasse lag. Dieses unbebaute Grundstück führte von einer breiten Hauptstraße bis hinunter in die nächste Gasse. Gerade als die Gestalten hinter der Häuserreihe verschwanden und Lisas Augen ihnen nicht mehr folgen konnten, erschien ein Soldat am oberen Ende des Feldes. Breitbeinig stand er da und drehte suchend seinen Kopf in alle Richtungen, die Maschinenpistole im Anschlag, jederzeit bereit zu schießen.
Unwillkürlich zuckte Lisa bei diesem Anblick zusammen und trat einen Schritt vom Fenster zurück.
Solche Szenen hatte sie bis jetzt nur im Film gesehen. Sie kamen ihr irgendwie unwirklich vor, so, als ob sie träumte. Vorsichtig beugte sie sich wieder aus dem Fenster. Der Soldat war verschwunden. Alles war so wie immer, ganz ruhig, fast unheimlich ruhig.

Lisa wandte sich nun endgültig vom Fenster ab. Fassungslos schüttelte sie ihren Kopf. Noch immer konnte sie nicht begreifen, was sie da eben beobachtet hatte. Nachdenklich ließ sie sich in einen der Polstersessel im Wohnzimmer fallen.
Lisa war eine gut aussehende junge Frau. Vor knapp einem Monat war sie sechsundzwanzig geworden. Ihr halblanges blondes Haar trug sie meist mit einem Gummiband hochgebunden, sodass es sie bei der Arbeit nicht behinderte. Sie hatte ein hübsches ovales Gesicht mit vollen Lippen. Aber das Besondere an ihr waren eindeutig ihre großen blauen Augen, die zeitweise auch grün schimmerten.
Seit mehr als vier Jahren lebte sie nun schon im Iran und sie war glücklich hier. Viele hatten ihr von dem Entschluss, mit ihrem Mann in dessen Heimat zu ziehen, abgeraten, aber sie hatte es nie bereut.
Warum auch? Sie hatte alles, was sie sich wünschen konnte: eine große, gemütliche Wohnung, zwei süße Mädchen, einen liebenden Ehemann, nette Schwiegereltern und viele Freunde. Es gefiel ihr hier und sie fühlte sich wohl.
Auch das Heimweh hatte keine Chance, denn jeden Sommer verbrachte sie einige Wochen in Wien bei ihrer Familie. Ein sorgloses glückliches Leben also!
Seit sie in Teheran lebte, war Politik kein Thema für sie, und so schien es auch für die anderen hier zu sein. Niemand, den sie kannte, hatte je darüber geredet.
Nein, das stimmte nicht ganz! Ihr Schwiegervater war ganz eindeutig gegen den Schah eingestellt. Aber er zählte nicht, denn erstens sah sie ihn nicht so oft, weil er entweder arbeitete oder sich hinter Büchern verschanzte, und zweitens war er Kommunist und schon früher als Mitglied der Tudeh-Partei in Haft genommen worden. Wer das aber nicht wusste, konnte es sich kaum vorstellen, denn seit er als Chefbuchhalter in einer großen Firma arbeitete, genoss er sichtlich die Freuden des Lebens und gab sein Geld mit vollen Händen aus, gar nicht so, wie man es sich bei einem Kommunisten vorstellt.
Sicher, sie wusste auch über die allgegenwärtige SAVAK, die Geheimpolizei des Schahs, Bescheid. Aber eigentlich mehr aus der Studentenzeit, als Sharam noch in Wien studiert hatte. Damals waren die idealistischen Ideen des Sozialismus und die Hippiezeit auch an ihnen nicht spurlos vorübergegangen. Wie eben in Studentenkreisen üblich, waren auch sie zu etlichen Demonstrationen gegangen. Natürlich auch jedes Mal, wenn der Schah zu Besuch in Wien weilte, um sich zum Beispiel von seinem Hausarzt untersuchen zu lassen.
„Schah, Schah, Scharlatan!“ war damals die Parole gewesen und die meisten Studenten vermummten ihre Gesichter mit Jacken und Mützen aus Angst vor der SAVAK.
Das alles lag nun schon Jahre zurück und eigentlich hatten sich die damaligen idealistischen Ideen längst verflüchtigt. Seit Sharam arbeitete – jetzt war er bereits Produktionschef in einer mittelgroßen staatlichen Metallbaufirma – hatte Lisa keine Probleme mit den Klassenunterschieden. Längst hatte sie sich an die Bettler in den Straßen gewöhnt. Sie taten ihr nicht einmal besonders leid, weil sie wusste, dass es mehr als genug Arbeitsplätze gab.

Lautes Stimmengewirr, das durch das Wohnzimmerfenster heraufdrang, riss Lisa aus ihren Gedanken. Sie erhob sich aus dem Polstersessel und blickte wieder aus dem Fenster.
Die Gasse war inzwischen lebendig geworden. Die gesamte Nachbarschaft hatte sich bereits unten versammelt. Alle redeten durcheinander und gestikulierten wild mit ihren Händen.
„Ich muss wissen, was passiert ist“, ließ die Neugier Lisa nicht zur Ruhe kommen.
Mit einem Blick auf die Uhr stellte sie fest, dass Melanie, ihre ältere Tochter, erst in einer guten halben Stunde vom Kindergarten heimkommen würde. Eilig durchquerte sie das Wohnzimmer und den Gang, der zu den hinteren Räumen führte, und öffnete vorsichtig die Tür zum Kinderzimmer. Friedlich schlief Shirin in ihrem Gitterbett. Behutsam zog Lisa die leichte Decke über das vier Monate alte Baby und entfernte sich leise wieder.
Kurz entschlossen griff sie nach dem Schlüsselbund und verließ ihre Wohnung.

„Hallo! Hast du das eben auch gehört?“
Im Stiegenhaus stand Margit und begrüßte Lisa ebenso aufgeregt, wie sie selbst war.
Ihre Nachbarin war Deutsche, genauer gesagt Berlinerin. Genau wie Lisa war auch sie blauäugig und hatte hellblondes Haar, noch viel helleres als Lisa. Schon seit dreieinhalb Jahren wohnten sie nun Tür an Tür.
Sie hatten sich angewöhnt, täglich am Nachmittag einen Tratsch mit Kaffee und Kuchen zu halten. Margit hatte ebenfalls zwei Mädchen, die aber jeweils um ein Jahr älter waren als Lisas Kinder. Janine, ihre größere Tochter, ging bereits in die Vorschulklasse der Deutschen Schule. Auch Margit selbst war einige Jahre älter als sie.
Während die beiden jungen Frauen die Treppe hinunterliefen, Margit mit der kleinen Bettina an der Hand, erklärte Lisa atemlos: „Ich glaube, das war eine Demonstration gegen den Schah. Es wurde nämlich ‚marg bar schah‘ gerufen.“
Obwohl Margit schon wesentlich länger im Iran lebte, sprach sie kaum Persisch.
„Was?“
Fragend sah sie Lisa an.
„Das heißt: Tod dem Schah!“

Am Haustor stand Frau Rivani, eine ältere dickliche Dame, die immer geschwollene Füße hatte und dadurch kaum gehen konnte. Bedächtig drehte sie sich um, um zu sehen, wer da die Stiege he­runterkam. Als sie die zwei Frauen mit dem Kind erblickte, lächelte sie. Sie hatte die beiden Ausländerinnen schon lange in ihr Herz geschlossen.
„Kommt rein zu mir, kommt nur rein!“
So schnell sie vermochte, stieg sie die drei Stufen zu ihrer Wohnung hinauf und versperrte, um ihrem Angebot noch mehr Nachdruck zu verleihen, mit ausgebreiteten Armen den Durchgang zum Haustor. Lisa und ihrer Freundin blieb daher gar nichts anderes übrig, als ins Wohnzimmer einzutreten.
Es war ein sehr behagliches Zimmer mit großen, rot tapezierten Eichenmöbeln, einer gemütlichen Polstermöbelgruppe auf der einen Seite und einem Esstisch mit acht Stühlen auf der anderen. An der Wand über dem Esstisch hing ein großes golden gerahmtes Bild, das einen Offizier zeigte, den Vater von Frau Rivani, wie die beiden bereits wussten.
Sie waren schon oft in diesem Raum gewesen und Lisa wunderte sich immer, warum er so viel kleiner aussah als ihr Wohnzimmer oder das von Margit, obwohl sie doch völlig identisch waren.
Insgesamt bestand das Haus aus sechs Appartements, jeweils zwei in einem Stockwerk, die zwar spiegelverkehrt, aber sonst völlig gleich waren.
Trotzdem wirkten die Wohnungen von Lisa und Margit wesentlich geräumiger, was wahrscheinlich an Frau Rivanis alten, schweren Möbeln lag.
Frau Rivani war inzwischen in der Küche verschwunden und Bettina lief hinter ihr her. Sie wusste, wie alle Kinder in diesem Haus, dass Frau Rivani immer Süßigkeiten bereit hatte, die sie freizügig verteilte.
Noch bevor Lisa und Margit Platz genommen hatten, kehrte die Kleine triumphierend zurück, in den Händen eine kleine Schüssel, gefüllt mit Bonbons. Hinter ihr tauchte auch Frau Rivani wieder auf. Sie stellte zwei große Gläser verdünnten Weichselsirup mit Eiswürfel vor Lisa und Margit auf den Tisch.
Lisa ärgerte sich über die durch nichts aus der Ruhe zu bringende Gastfreundlichkeit der alten Dame. Zu jeder anderen Zeit wäre ihr ein Plausch mit der liebenswürdigen Frau recht gewesen, aber jetzt wollte sie wissen, was auf der Straße vor dem Haus passiert war.
„Entschuldigen Sie, aber ich kann nicht bleiben. Melanie kommt gleich und Shirin schläft oben. Ich wollte eigentlich nur wissen, was draußen los war.“
Lisa nippte höflichkeitshalber kurz an ihrem Glas und wollte sich gerade erheben, als die Tür aufging und Herr Rivani eintrat.
Er war ein groß gewachsener, schlanker Mann mit vollem weißen Haar und einem ebenso weißen Schnauzbart. Schon an seiner aufrechten Haltung konnte man unschwer erkennen, dass er eine Militärlaufbahn hinter sich hatte. Jetzt als Pensionist verwöhnte er, so gut er konnte, seine Frau. Nicht nur dass er alle Besorgungen erledigte, unterstützte er sie auch bei der Hausarbeit. Eigentlich überließ er ihr nur das Kochen, das Frau Rivani auch ausgezeichnet beherrschte, wie Lisa schon einige Male feststellen hatte können.
Mit kurzem Kopfnicken begrüßte der Mann die Damenrunde.
„Es gab eine Demonstration in der Bebudi-Straße. Mindestens einen Toten und einige Verletzte soll es gegeben haben.“
„Oh, mein Gott!“
Frau Rivani hielt sich vor Entsetzen die Hand vor den Mund.
„Es ist noch immer die ganze Straße abgesperrt. Überall sind Soldaten!“, vervollständigte Herr Rivani seine Erzählung.
Eigentlich hatte er mehr zu seiner Frau gesprochen und Lisa musste sehr aufpassen, um überhaupt etwas zu verstehen. Gleich nachdem Herr Rivani seine Ausführungen beendet hatte, stieß Margit Lisa in die Seite und sah sie fragend an. Rasch übersetzte Lisa, was sie gehört hatte, aber selbst nicht glauben konnte. Margit war ähnlich erschrocken wie sie und starrte sie mit ungläubigen Augen an.
Lisa warf einen raschen Blick auf ihre Armbanduhr und erhob sich.
„Es tut mir leid, aber ich muss jetzt wirklich gehen. Melanie kommt gleich.“
Rasch reichte sie Herrn und Frau Rivani die Hand zum Abschied, winkte Margit kurz zu und verließ die Wohnung. Sie wusste jetzt, was sie wissen wollte, und musste sich beeilen, ihre Tochter vom Garagentor abzuholen.

Das Haus besaß zwei Eingänge. Ein einfaches Eingangstor, das in die obere Gasse führte, wo sich Lisas Wohnzimmerfenster befanden, und das Garagentor, das in die weiter unten gelegene Gasse führte.
Unter dem Haus war eine große freie Fläche, die zum Abstellen der Autos diente und von den Kindern als Spielplatz benutzt wurde. Auf dieser Seite des Hauses befanden sich auch die Balkone vor den Schlafräumen und so konnten die Kinder bequem von den Wohnungen aus überwacht werden.

Melanie war fünf. Vormittags besuchte sie den Deutsch-Persischen Kindergarten und wurde mit einem Schulbus vom Haustor abgeholt und auch wieder dort abgesetzt. Lisa kam gerade rechtzeitig, um das schwere Gittertor zu öffnen, als auch schon der kleine Bus anhielt und die Tür aufgestoßen wurde.
„Hallo, Mutti!“
Melanie fiel Lisa um den Hals. Sie war ein aufgewecktes Mädchen, lustig und zu allerlei Streichen aufgelegt. Nur in den Kindergarten ging sie nicht gern. Sie hasste die lange Busfahrt hin und zurück und auch die strenge Disziplin, die dort herrschte, gefiel ihr nicht. Dazu war sie viel zu viel von ihrer Großmutter und Tante Shila verwöhnt worden.
Bis jetzt war es ihr immer leichtgefallen, ihren Willen durchzusetzen. Gekonnt wickelte sie nicht nur ihren Vater, sondern auch ihren Großvater bei jeder Gelegenheit um den Finger. Nur bei Lisa hatte sie es schwer und sie wusste genau, dass sie bei ihr folgen musste. Besonders jetzt, seit ihre kleine Schwester auf der Welt war.
Wie fast alle Kinder war sie eifersüchtig, aber sie war auch stolz darauf, die Große zu sein.
Ja, Stolz hatte sie und einen schier unbrechbaren Willen. Wenn sie sich etwas in ihr Köpfchen gesetzt hatte, bekam sie es auch.
Und noch dazu war sie eitel! Sie konnte stundenlang vor dem Spiegel stehen. Ihre langen, leicht gewellten hellbraunen Haare waren stets gebürstet und mit bunten Spangen oder Haargummis mit lustigen Motiven verziert. Auch ihre Finger- und Zehennägel lackierte sie sich schon, so wie es ihr von ihrer Tante Shila beigebracht worden war. Nur zu gern hätte sie auch Muttis Lippenstift probiert, aber das war ihr von Lisa strengstens untersagt worden.
Auf die Kleidung legte sie ebenfalls schon großen Wert. Stets sah sie so aus, als sei sie direkt aus einem Modejournal gestiegen. Jetzt trug sie Jeans mit einer weißen, kurzärmligen Hemdbluse und einem kleinen, rot karierten Halstuch dazu.
Während sie die Stufen zur Wohnung hinaufstiegen, plapperte die Kleine unentwegt auf Lisa ein. Wie immer musste sie sofort all das Neuerlebte berichten.

Lautes Babygebrüll empfing Lisa, als sie die Türe zu ihrer Wohnung aufsperrte. Schnell lief sie ins Kinderzimmer und holte Shirin aus dem Bettchen und drückte sie fest an sich.
Shirin war ganz das Gegenteil von Melanie. Sie hatte ganz glattes, dunkles Haar und große Augen, die fast schwarz waren. Sie war ein ausgesprochen braves Baby, das mit sich und der Welt ganz zufrieden war. Nie weinte sie lange, außer wenn sie Hunger hatte. Auch jetzt verstummte sie sofort.
Langsam drehte sie ihr Köpfchen zur Seite und als sie Melanie sah, fing sie an zu brabbeln. Sie liebte ihre Schwester heiß und es genügte schon Melanies Anwesenheit im Zimmer, um Shirin zu beschäftigen.
Lisa küsste ihr Baby noch einmal, legte es zurück ins Gitterbett und verließ den Raum in Richtung Küche, um endlich das Mittagessen fertigzustellen.

Wie jeden Tag wurde Lisa von den warmen Sonnenstrahlen geweckt. Sie blinzelte, schlug die Augen auf und überlegte: „Heute ist Freitag …“
Der Freitag im Iran ist dem Sonntag in der westlichen Welt gleichzusetzen. Er ist der einzige freie Tag, an dem die Geschäfte geschlossen bleiben. Am Donnerstag arbeiten viele Firmen bis Mittag und auch die Läden haben bis am Abend geöffnet.
Lisas Augen suchten den Wecker am Nachttisch neben ihrem Bett.
„Sieben Uhr …, wie schön, nicht aufstehen zu müssen.“
Sie kuschelte sich dicht an Sharam, der neben ihr schlief, und zog sich die Decke über den Kopf. Lange konnte sie aber nicht weiterschlafen.
Obwohl es schon Ende September war, war es noch immer sehr warm. Lisa liebte eigentlich die Sonne, aber dieser Sommer dauerte ihr nun doch schon zu lange. Sie sehnte sich bereits nach Regen. Seit Anfang Mai hatte es – bis auf zwei kurze Gewitter – nicht geregnet und die Stadt war staubig und der Boden in den Gärten und Parkanlagen ausgedörrt. Natürlich würde es heute nicht mehr so warm werden wie an den Hochsommertagen.
Im Kinderzimmer nebenan begann es zu rumoren. Melanie kam in einem süßen, mit Rüschen besetzten Nachthemd ins Zimmer getrippelt.
Obwohl Lisas Bett näher zur Tür stand, würdigte sie ihre Mutter keines Blickes. Gezielt schlüpfte sie in das Bett ihres Vaters und nahm ihn voll in Beschlag.
„Papi, gehen wir heute zu Madar, ja?“
„Natürlich, wie immer am Freitag.“
„Gehen wir nach dem Mittagessen in den Lunapark?“
„Das weiß ich doch noch nicht.“
Sharam wälzte Melanie zur Seite und fing an sie zu kitzeln.
Melanie kicherte laut los.
„Nicht, Papi!“
Gleich darauf begann sie von Neuem.
„Papi, darf ich mit Tante Shila in den Lunapark, wenn du nicht hinfährst?“
„Ruhe jetzt, du kleine Nervensäge, das werden wir schon sehen! Schau lieber, dass du dich fertig machst zum Gehen.“
Gehorsam verschwand Melanie in Richtung Badezimmer, aber nicht ohne vorher ihren heiß geliebten Papi fest gedrückt und geküsst zu haben.
Lisa war inzwischen auch aufgestanden und versorgte das Baby. Sie hatte viel zu tun. Alle notwendigen Dinge, wie Babyflasche, Milch, Windeln, Ersatzgewand für beide Kinder und noch vieles andere, mussten eingepackt werden, denn wie üblich verbrachten sie den Freitag bei ihren Schwiegereltern.

Kurz nach elf Uhr Vormittag stand Lisa mit ihrer Familie vor dem großen grünen Eisentor, das in den Hof und zu dem Einfamilienhaus ihrer Schwiegereltern führte.
Der Hof war mit Natursteinplatten ausgelegt und rundum mit einer Mauer eingezäunt. An der rechten Seite der Mauer befand sich ein Blumenbeet mit einem großen Weinstock, der sich an der Mauer hochrankte.
Vom Hof aus führten einige Stufen hinauf auf die Terrasse vor dem Haus und ebenfalls einige Stufen hinab in den Keller. Das Haus selbst hatte zwei Stockwerke, die zum Hof hin großteils eine Glasfassade hatten, wodurch das Haus hell und freundlich wirkte. Jetzt aber waren zum Schutz vor der Hitze überall Jalousien herabgelassen.
Lisas Wohnung war nicht weit entfernt. Zu Fuß benötigte man ungefähr zwanzig Minuten und so besuchte Lisa ihre Schwiegermutter auch gelegentlich während der Woche.
Madar war eine liebenswerte Frau, die nicht nur ihre Kinder vergötterte, sondern auch ihre Schwiegerkinder herzlich in die Familie aufnahm. Lisa hatte die ersten neun Monate ihres Aufenthalts im Iran bei Madar verbracht. Seither liebte sie Madar beinahe wie ihre eigene Mutter.
Nur die Erziehung Melanies hatte in diesen Monaten ein wenig gelitten. Madar konnte absolut kein Kind weinen sehen und so verwandelten sich ihre Enkelkinder, sobald sie das Haus betraten, in kleine Tyrannen.
Außer Madar wohnten auch noch Pedar, Sharams Vater, und Shila, die kleinere Schwester Sharams, in dem Haus.
Shila war ein recht hübsches junges Mädchen. Sie hatte volles langes mahagonifarbenes Haar und ebenso dunkle Augen. Obwohl sie gertenschlank war, hatte sie eine runde Gesichtsform mit kleinen Wangenbäckchen, was ihr ein puppenhaftes Aussehen verlieh. Da sie das letzte Kind im Haus war, war es nicht verwunderlich, dass sie etwas verwöhnt war. Meist bekam sie von ihrem Vater, der nun überdurchschnittlich verdiente, jeden Wunsch erfüllt. Und Madar, die froh war ihre einzige Tochter noch im Haus zu haben, erledigte für sie alle Hausarbeit. So hatte Shila außer ihrem Psychologiestudium nicht viel zu tun und genoss in vollen Zügen ihre Jugendzeit.
test

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