Feuer und Bewegung
EUR 20,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 274
ISBN: 978-3-7116-1418-6
Erscheinungsdatum: 14.07.2026
Ein persönlicher Blick auf 70 Jahre deutsche Geschichte – vom Wiederaufbau bis zu heutigen gesellschaftlichen Entwicklungen und Verirrungen. Erfahrungen, Analysen und Denkanstöße regen dazu an, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen und es selbstbestimmt zu gestalten.
1 Quelle
Zwei Meter unter Normalnull in der norddeutschen Tiefebene geboren, ist für die ersten Jahre nicht viel zu berichten, da nicht auf Aussagen Dritter vertraut werden soll und das Bewusstsein eigener Existenz noch im Dämmerzustand verharrte.
Bruchstückhaft prägende Erinnerungen kreisen um:
1.1 Kindheit
1.1.1 Opa
Immer da, im Gegensatz zum Vater, der meist „in Bremen“ unterwegs war.
In meiner Welt dieser der „große Zampano“ als Herrscher in einer patriarchalisch orientierten Welt, die geprägt wurde von unablässigem Arbeiten und meinem Opa als der „Meister“. Als der Liebling desselben wurden alle nie müde, mir alles zu zeigen und zu erklären, was zum Reparieren von Maschinen aller Art zu wissen ist, sodass es immer wieder gelang, diese allen Widerständen des Objektes zum Trotze wieder in Bewegung zu setzen. Diese Maschinen reichten von der Limousine des Doktors über die Laster der Baufirma bis zum Pflug des Nachbarn. Dasselbe gilt auch für die betriebseigenen Schweine, die sich unter meiner Obhut im betrieblichen Stall der Bestimmung als Zierde der mittäglichen Tafel für die Belegschaft näherten.
Aus einer Schmiede hervorgegangen, zeichnete sich diese Welt einer VW/Mercedes-Vertretung (mit Lkw- + Pkw-Werkstatt) noch in den 60er-Jahren wie folgt aus:
- eigene Tankstelle,
- eigene Fahrschule,
- eigene Lackiererei,
- eigene Tischlerei (für Lkw-Aufbauten),
- eigene Schmiede,
- eigene Schweine,
Einen sogenannten Verkäufer gab es ebenso wenig wie ein über einen „Buchhalter“ hinausgehendes Büro.
Wie klein und vergänglich diese Welt war, sollte mir erst später klar werden.
Dennoch blieb im Unterbewusstsein ein ausgeprägtes Selbstwertgefühl, welches keine Rechtfertigung brauchte und sich allen Rückschlägen zum Trotz bewahren sollte.
Als wichtig sollte sich auch noch herausstellen, dass in unserem Hause nie ein Zweifel darüber bestand, wer der Boss war. Nicht nur gegenüber den Arbeitern (denen schon mal mit der Fahrradkette zu Leibe gerückt wurde, wenn z. B. ein Auto von der Hebebühne fiel – wobei das Opfer mich 15 Jahre später wissen lassen sollte, wie hilfreich diese Lektion für den weiteren Lebensweg gewesen war), sondern auch in Bezug auf Frauen, die in verschiedensten Funktionen sich nützlich zu machen versuchten, wenn sie nicht mit Reden beschäftigt waren: „Nu hold aber mol dien Muhl!“, so es dann dem Patriarchen doch einmal zu viel wurde, unterstützt durch Ohrfeige aus der Backhand.
Dennoch war die Passion in der Belegschaft geprägt von einem Geist, der sich z. B. darin offenbarte, dass der „Alt-Geselle“ Jan Nienstedt nach seiner bierseligen Verabschiedung in die Rente am nächsten Tage wieder zum Dienst antrat mit der Bemerkung: „Wat schal ik denn tu Hus? I blief leber bi den Olen, sonst wat dat nix.“ So sollte es dann für diesen noch sieben Jahre gehen, um durch Schmieden, Bohren, Fräsen etc. Ersatzteile zu zaubern, die es nicht zu kaufen gab.
Entsprechend ging es bis zum Tode meines Großvaters mit der Werkstatt voran. Nachdem diese in den 20er-Jahren noch eine Schmiede gewesen war, hatte sich diese am Stammsitz zu einer Mercedes-Vertretung (Pkw und Lkw) mit etwa 20 Mann entwickelt. Schließlich wurde noch zu seinen Lebzeiten von ihm ein Zweitbetrieb (VW) woanders eröffnet. Dieser war von Anfang an mehr an den Vorstellungen der VW-Organisation orientiert, mithin:
- Ausstellungshallen größer als die Werkstatt,
- Kreation von Verkäufern,
- Büro mit mehr Schreiberlingen als Mechanikern in der Werkstatt.
Da jedoch mein Onkel nicht viel taugte und mit 40 alkoholbedingt starb, ging alles an andere verloren, jedoch mit Abfindung für meine Mutter, die schließlich zum Startkapital für meine Landwirtschaft werden sollte.
1.1.2 Vater
Ähnliches galt für denselben, der sich jedoch durch unbekannte Arbeit in einer großen Stadt auszeichnete und ständig mit Papier beschäftigt war. Damals musste dieses besonders schwierig und bedeutsam sein, da es sich hier um das in unserem Dorf seltene Exemplar des Akademikers handelte, der sonst höchstens einmal in der Form des Doktors, Pastors, Apothekers oder Gutsherrn in mein Leben trat.
Demzufolge blieb in meiner Erinnerung eine Person, die alles wusste und konnte und zumindest am Wochenende oder im Urlaub mit immer größeren Autos immer weiter in die Welt hinausfuhr und ansonsten „Hans Dampf in allen Gassen“ war, bis ihn dann ein sogenannter Gehirntumor zerstören sollte (jedoch nicht töten), als ich 12 Jahre alt war. Seine Ehe und Familie sind dabei gleich mit zerstört worden. Erbliche Belastung des Verfassers wittere ich insofern, als mein Vater sich durch folgende Episode auszeichnete:
Seit 1939 Soldat, wurde dieser als Oberfähnrich zur See 1944 vom Offizierslehrgang abgelöst und zum Maat degradiert, weil dieser geäußert hatte, die damalige „Regierung“ steuere Deutschland in den Untergang. Dies im Gegensatz zu seinen Jahrgangskameraden, die Glaube an den „Endsieg“ bekundeten und zum Leutnant zur See befördert wurden.
1.1.3 Bruder
Dieser war immer nur der Kleine, was sich durchaus nicht positiv auf meine Tugenden wie Bescheidenheit und Verständnis ausgewirkt hat. Es führte eher dazu, die Lösung eines zwischenmenschlichen Problems darin zu sehen, dem Schwächeren erst einmal „eins aufs Dach“ zu geben. Dieser Neigung tat der Umstand keinen Abbruch, dass immer mal wieder festgestellt werden musste, dass ich mich auch mal – jedoch selten – im Kampf mit Schulkameraden oder der Dorfjugend als der Schwächere herausstellen sollte. Dies wurde jedoch im Kampf ums Dasein gegen andere immer akzeptiert, zumal es nicht vorstellbar war, dass es auch andere Kriterien für Rangfolge geben könnte: schulische Erfolge waren bestenfalls Anlass, Strebertum zu vermuten.
1.1.4 Mutter
Erste Erinnerungen ranken sich um den Rohrstock, der immer wieder eingesetzt werden musste, um die unbotmäßigen Sprösslinge davor zu bewahren, völlig aus dem Ruder zu laufen. Dafür gab es aber auch immer was Gutes zu essen, was zum Anziehen und ein Dach über dem Kopf.
Ansonsten war diese mehr und mehr mit sich selbst und ewigen Gesprächen mit anderen Frauen beschäftigt, um irgendwelcher seelischer Probleme Herr zu werden. Dies sollte sich eher noch verschlimmern durch die Scheidung – nach dem Gehirntumor des Vaters –, was bei mir zu einem Abdriften in eine Zeit des Lernens und einsamer Streifzüge durch die Wesermarsch führte, die zum Beginn einer lebenslangen Laufleidenschaft – heute Jogging – wurde.
1.1.5 Ichi
Diese war die nach dem Überfahren durch eine Kutsche verkrüppelte und nicht weiter gewachsene Schwester meines Opas, der sich dieser angenommen und bei sich aufgenommen hatte. Ihre Aufgabe war es, sich immer um uns Kinder zu kümmern, da die – nie berufstätige – Mutter mit anderen Dingen bzw. sich selbst beschäftigt war. Ein glänzendes Beispiel dafür, wie eine Familie ohne den „Staat“ und seine sozialen Sicherungssysteme einem Leben noch einen Sinn geben kann. Daneben schmiss diese noch die Küche für die Belegschaft, unterstützt durch wechselnde dienstbare Geister.
1.2 Schule
Die Erforschung meiner Welt wurde schließlich dadurch stark behindert, dass ich mich plötzlich der Notwendigkeit des Besuches der Volksschule ausgesetzt sah, von der es nicht viel zu berichten gab. Als ärgerlich ist mir nur in Erinnerung, dass ich mich mit Leuten zusammengepfercht sah, mit denen ich gar nichts zu tun haben wollte, was insbesondere für die Mädchen dort galt.
Die Gleichschaltung im Kindergarten war mir noch erspart geblieben, da es keinen gab. Damals hatte sich noch nicht die Vorstellung festgesetzt, dass Kernaufgaben der Familie vom Staat zu übernehmen sind. Frauen arbeiteten zumindest in unserer dörflichen Idylle nicht in abhängigen Beschäftigungsverhältnissen zum Wohle des Finanzamtes und anderer Umverteiler, sondern kümmerten sich um das Herdfeuer, die Kinder und die „Alten“, die oft auch noch bei der Aufzucht mit anfassten. Entsprechende Freiräume entstanden für die Kinder, die durchaus auch sich selbst überlassen wurden.
Dies sollte sich dann mit Eintritt – auf Betreiben meines Vaters – in ein Gymnasium ändern, in dem es damals noch keine Mädchen gab. Diese hatten ein eigenes – später auch gemischtes – Gymnasium (Lyzeum). So blieb das weibliche Geschlecht über die Familie hinaus weitgehend verborgen und die im Rahmen einer sogenannten Emanzipation angestrebte Gleichschaltung, mithin Verweichlichung und schließlich Verweiblichung der Jungen, mir erspart.
Herausragend in dieser Phase war:
- abgesondert vom gewohnten Lebenskreis und Freunden (24 km per Bus zur Schule),
- Klassenkameraden über den ganzen Landkreis verteilt, und damit ich praktisch nachmittags allein, ausgenommen beim Rudern im schuleigenen Verein an der Aller, was ausgeprägte Stresstoleranz zur Folge hatte und mich zum Joggen brachte, dem ich heute noch fröne.
- zerrüttete Familie schaffte Muße zur Flucht in die Arbeit,
- durch eindrucksvolle Verwandte bereichert, inklusive eines Marineinfanteristen des 1. Ostasiatischen Infanterieregiments, der im Boxeraufstand in China gedient hatte, eines Feldwebels aus dem 1. Garderegiment zu Fuß sowie Onkel Willi, dem in Russland der Kiefer weggeschossen worden war (und er so den Krieg überlebt hatte), sodass dieser kaum zu verstehen war, aber dafür umso besser „Saufen“ konnte, am liebsten Klaren.
- alle Formen kriegerischer Auseinandersetzung waren bevorzugte Freizeitgestaltung. Dies reichte sommers von handgreiflichen Auseinandersetzungen in Feld und Flur – inkl. Burgenbau und Feldzug gegen Nachbardorf – bis zum Bau von Festungen aus Streichhölzern, komplett mit Schlachtfeld und Hunderten von Plastiksoldaten verschiedenster Epochen, immer mit passenden Gegnern, im Winter.
- Lieblingsenkel der Oma, die – nach frühem Tod von erst dem Opa und dann meinem meist alkoholisierten Onkel – den Betrieb in die mehr oder minder „geordnete Pleite“ führen/verkaufen sollte, jedoch voller Stolz über den Gymnasiasten, den es immer wieder zu belohnen galt,
- ohne Einzelheiten zu erinnern, wurde Mutter vom Schulleiter einbestellt, da im Rahmen eines Aufsatzes aus meiner Feder, schon als Tertianer, ich mich dem Verdacht ausgesetzt sah, ein „Michael-Kohlhaas-Typ“ zu sein, dem es an diplomatischer Geschmeidigkeit und Verständnis für andere fehle. Tatsächlich waren bisherige Vorstellungen zur Lebensführung inzwischen von Kreationen wie „sozialer Gerechtigkeit“ etc. ersetzt worden. Maximen wie Selbstdisziplin, Opferbereitschaft, Fleiß, Pünktlichkeit, Ausdauer etc. wurden damit zusehends schon von den neuen Lehrern als „faschistoides“ Gedankengut verteufelt,
- mit einem zweiten Mitstreiter sah ich mich zusehends in die Rolle eines „Rechtsaußen“ gedrängt, als die 68er-Bewegung auch vor unserer Schule keinen Halt machte, demzufolge wegen des zerrütteten Verhältnisses zur Lehrerschaft und Unbotmäßigkeiten mannigfacher Art die Feier zur Übergabe des Abiturzeugnisses abgesagt wurde.
- bei der 25- und 50-Jahr-Feier unseres Jahrganges 1998 stellte sich dann heraus, dass der Schwerpunkt der Berufswahl meiner „revolutionären“ Jahrgangskameraden im öffentlichen Dienst (vor allem Lehrer) gelegen hatte (inklusive einem Dauerarbeitslosen als ehemaliges Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands), dazu sechs „selbstständige“ Ärzte, nur zwei (von 30) hatten Wehrdienst geleistet, zwei waren produktiv als Manager bei VW bzw. BASF, zwei selbstständige Berater und sechs schon verstorben. Alle zusammen hatten – ohne mich – 10 eigene Kinder mit aufgezogen.
- Generation der Kriegsteilnehmer im Lehrkörper (z. B. einarmiger Sportlehrer mit Riesenrolle am Reck als ehemaliger KP-Chef – Schwere-Maschinengewehr-Kompanie, Geschichtslehrer mit weggeschossenem Magen, der sich mit Häppchen auf 5-Min-Takt-Basis ernährte, Englischlehrer mit Weinkrämpfen unter Stress einerseits und Stoiker aus der U-Bootswaffe/SS-Offizier aus dem Stall von Panzer-Mayer andererseits etc. in Anzug und Krawatte) wurde zusehends durch langmähnige Sandalenträger (Hippies) und nach meiner Schulzeit wohl auch „zänkische Weiber“ ersetzt, die sich der Mädchenförderung auch im Schulalltag verschrieben hatten (die es 900 Jahre hier gar nicht gegeben hatte: ich war in der letzten Klasse „ohne“ Mädchen).
Im Ergebnis bleibt festzustellen, dass 13 Jahre Schule ohne Inspirationen – mit Ausnahme des von mir gewählten kath. Religionsunterrichts – mit dem Abitur zu Ende gegangen sind und in schwieriger Zeit (Vater zum Pflegefall und Scheidung der Eltern) die Zerstreuung/Ablenkung geboten wurde, um nicht aus dem Kurs zu laufen. Entwickelt wurde jedoch die Kraft zum Lernen und selbständigen Beurteilen von Lagen. In Ermangelung eigener Lebenserfahrung verließ ich jedoch die Schule 1973 in der Überzeugung, dass unser Gemeinwesen bei allen Fehlern das beste System für Freiheit und Wohlstand ist. Klassenkameraden und neue Lehrer aus der 68er-Bewegung marschierten jedoch in eine ganz andere Richtung und sollten schließlich das Schiff auf die Klippen steuern.
1.3 Landwirtschaft
In meiner Jugend war mein Dorf noch weitgehend bäuerlich geprägt mit etwa 20 Höfen im Vollerwerb. Dabei verfügten lediglich die drei größeren über Mechanisierung bis hin zum Lanz-Bulldog als Spitze des Fortschrittes. Die Kleineren werkelten noch mit Pferd und Wagen, unterstützt immerhin durch eine Dreschmaschine, die von Hof zu Hof gezogen wurde, aber dann dort stationär arbeitete, wenn denn dann Trocknung der Garben auf dem Feld abgeschlossen war.
Glücklicherweise war der zweitgrößte Betrieb unser Nachbar, sodass meine Kindheit dort stattfand.
Entsprechend waren die ersten Gehversuche begleitet von der Welt der bäuerlichen Landwirtschaft, die uns in Form einer Welt voller Wunder umgab.
Vollgestopft mit schier unendlichen Mengen von Getier in unterschiedlichster Form – vom gefährlichen Bullen bis zum angriffslustigen Hahn (der kopflos noch herumzuflattern vermochte), finsteren Heuböden mit geheimen Höhlen bis hin zu lichtdurchfluteten Feldern und milchspendenden Weiden (Aufstallen nur winters) und immer wieder Maschinen, die nicht nur Körner spendeten (oder sogar Garben wickelten), sondern auch mit unbändiger Kraft alles bewegen konnten. In diesem Zusammenhang blieb auch unsere „Hengststation“ in Erinnerung. Hier sollte es hoch hergehen – bis an die Decke, bis dann die Stute nach dem Verweigern von Klopphengsten schließlich doch durch den Zuchthengst gedeckt werden konnte. Parallelen zur menschlichen Praxis drängten sich mir als unbedarftem Betrachter auf.
...
Zwei Meter unter Normalnull in der norddeutschen Tiefebene geboren, ist für die ersten Jahre nicht viel zu berichten, da nicht auf Aussagen Dritter vertraut werden soll und das Bewusstsein eigener Existenz noch im Dämmerzustand verharrte.
Bruchstückhaft prägende Erinnerungen kreisen um:
1.1 Kindheit
1.1.1 Opa
Immer da, im Gegensatz zum Vater, der meist „in Bremen“ unterwegs war.
In meiner Welt dieser der „große Zampano“ als Herrscher in einer patriarchalisch orientierten Welt, die geprägt wurde von unablässigem Arbeiten und meinem Opa als der „Meister“. Als der Liebling desselben wurden alle nie müde, mir alles zu zeigen und zu erklären, was zum Reparieren von Maschinen aller Art zu wissen ist, sodass es immer wieder gelang, diese allen Widerständen des Objektes zum Trotze wieder in Bewegung zu setzen. Diese Maschinen reichten von der Limousine des Doktors über die Laster der Baufirma bis zum Pflug des Nachbarn. Dasselbe gilt auch für die betriebseigenen Schweine, die sich unter meiner Obhut im betrieblichen Stall der Bestimmung als Zierde der mittäglichen Tafel für die Belegschaft näherten.
Aus einer Schmiede hervorgegangen, zeichnete sich diese Welt einer VW/Mercedes-Vertretung (mit Lkw- + Pkw-Werkstatt) noch in den 60er-Jahren wie folgt aus:
- eigene Tankstelle,
- eigene Fahrschule,
- eigene Lackiererei,
- eigene Tischlerei (für Lkw-Aufbauten),
- eigene Schmiede,
- eigene Schweine,
Einen sogenannten Verkäufer gab es ebenso wenig wie ein über einen „Buchhalter“ hinausgehendes Büro.
Wie klein und vergänglich diese Welt war, sollte mir erst später klar werden.
Dennoch blieb im Unterbewusstsein ein ausgeprägtes Selbstwertgefühl, welches keine Rechtfertigung brauchte und sich allen Rückschlägen zum Trotz bewahren sollte.
Als wichtig sollte sich auch noch herausstellen, dass in unserem Hause nie ein Zweifel darüber bestand, wer der Boss war. Nicht nur gegenüber den Arbeitern (denen schon mal mit der Fahrradkette zu Leibe gerückt wurde, wenn z. B. ein Auto von der Hebebühne fiel – wobei das Opfer mich 15 Jahre später wissen lassen sollte, wie hilfreich diese Lektion für den weiteren Lebensweg gewesen war), sondern auch in Bezug auf Frauen, die in verschiedensten Funktionen sich nützlich zu machen versuchten, wenn sie nicht mit Reden beschäftigt waren: „Nu hold aber mol dien Muhl!“, so es dann dem Patriarchen doch einmal zu viel wurde, unterstützt durch Ohrfeige aus der Backhand.
Dennoch war die Passion in der Belegschaft geprägt von einem Geist, der sich z. B. darin offenbarte, dass der „Alt-Geselle“ Jan Nienstedt nach seiner bierseligen Verabschiedung in die Rente am nächsten Tage wieder zum Dienst antrat mit der Bemerkung: „Wat schal ik denn tu Hus? I blief leber bi den Olen, sonst wat dat nix.“ So sollte es dann für diesen noch sieben Jahre gehen, um durch Schmieden, Bohren, Fräsen etc. Ersatzteile zu zaubern, die es nicht zu kaufen gab.
Entsprechend ging es bis zum Tode meines Großvaters mit der Werkstatt voran. Nachdem diese in den 20er-Jahren noch eine Schmiede gewesen war, hatte sich diese am Stammsitz zu einer Mercedes-Vertretung (Pkw und Lkw) mit etwa 20 Mann entwickelt. Schließlich wurde noch zu seinen Lebzeiten von ihm ein Zweitbetrieb (VW) woanders eröffnet. Dieser war von Anfang an mehr an den Vorstellungen der VW-Organisation orientiert, mithin:
- Ausstellungshallen größer als die Werkstatt,
- Kreation von Verkäufern,
- Büro mit mehr Schreiberlingen als Mechanikern in der Werkstatt.
Da jedoch mein Onkel nicht viel taugte und mit 40 alkoholbedingt starb, ging alles an andere verloren, jedoch mit Abfindung für meine Mutter, die schließlich zum Startkapital für meine Landwirtschaft werden sollte.
1.1.2 Vater
Ähnliches galt für denselben, der sich jedoch durch unbekannte Arbeit in einer großen Stadt auszeichnete und ständig mit Papier beschäftigt war. Damals musste dieses besonders schwierig und bedeutsam sein, da es sich hier um das in unserem Dorf seltene Exemplar des Akademikers handelte, der sonst höchstens einmal in der Form des Doktors, Pastors, Apothekers oder Gutsherrn in mein Leben trat.
Demzufolge blieb in meiner Erinnerung eine Person, die alles wusste und konnte und zumindest am Wochenende oder im Urlaub mit immer größeren Autos immer weiter in die Welt hinausfuhr und ansonsten „Hans Dampf in allen Gassen“ war, bis ihn dann ein sogenannter Gehirntumor zerstören sollte (jedoch nicht töten), als ich 12 Jahre alt war. Seine Ehe und Familie sind dabei gleich mit zerstört worden. Erbliche Belastung des Verfassers wittere ich insofern, als mein Vater sich durch folgende Episode auszeichnete:
Seit 1939 Soldat, wurde dieser als Oberfähnrich zur See 1944 vom Offizierslehrgang abgelöst und zum Maat degradiert, weil dieser geäußert hatte, die damalige „Regierung“ steuere Deutschland in den Untergang. Dies im Gegensatz zu seinen Jahrgangskameraden, die Glaube an den „Endsieg“ bekundeten und zum Leutnant zur See befördert wurden.
1.1.3 Bruder
Dieser war immer nur der Kleine, was sich durchaus nicht positiv auf meine Tugenden wie Bescheidenheit und Verständnis ausgewirkt hat. Es führte eher dazu, die Lösung eines zwischenmenschlichen Problems darin zu sehen, dem Schwächeren erst einmal „eins aufs Dach“ zu geben. Dieser Neigung tat der Umstand keinen Abbruch, dass immer mal wieder festgestellt werden musste, dass ich mich auch mal – jedoch selten – im Kampf mit Schulkameraden oder der Dorfjugend als der Schwächere herausstellen sollte. Dies wurde jedoch im Kampf ums Dasein gegen andere immer akzeptiert, zumal es nicht vorstellbar war, dass es auch andere Kriterien für Rangfolge geben könnte: schulische Erfolge waren bestenfalls Anlass, Strebertum zu vermuten.
1.1.4 Mutter
Erste Erinnerungen ranken sich um den Rohrstock, der immer wieder eingesetzt werden musste, um die unbotmäßigen Sprösslinge davor zu bewahren, völlig aus dem Ruder zu laufen. Dafür gab es aber auch immer was Gutes zu essen, was zum Anziehen und ein Dach über dem Kopf.
Ansonsten war diese mehr und mehr mit sich selbst und ewigen Gesprächen mit anderen Frauen beschäftigt, um irgendwelcher seelischer Probleme Herr zu werden. Dies sollte sich eher noch verschlimmern durch die Scheidung – nach dem Gehirntumor des Vaters –, was bei mir zu einem Abdriften in eine Zeit des Lernens und einsamer Streifzüge durch die Wesermarsch führte, die zum Beginn einer lebenslangen Laufleidenschaft – heute Jogging – wurde.
1.1.5 Ichi
Diese war die nach dem Überfahren durch eine Kutsche verkrüppelte und nicht weiter gewachsene Schwester meines Opas, der sich dieser angenommen und bei sich aufgenommen hatte. Ihre Aufgabe war es, sich immer um uns Kinder zu kümmern, da die – nie berufstätige – Mutter mit anderen Dingen bzw. sich selbst beschäftigt war. Ein glänzendes Beispiel dafür, wie eine Familie ohne den „Staat“ und seine sozialen Sicherungssysteme einem Leben noch einen Sinn geben kann. Daneben schmiss diese noch die Küche für die Belegschaft, unterstützt durch wechselnde dienstbare Geister.
1.2 Schule
Die Erforschung meiner Welt wurde schließlich dadurch stark behindert, dass ich mich plötzlich der Notwendigkeit des Besuches der Volksschule ausgesetzt sah, von der es nicht viel zu berichten gab. Als ärgerlich ist mir nur in Erinnerung, dass ich mich mit Leuten zusammengepfercht sah, mit denen ich gar nichts zu tun haben wollte, was insbesondere für die Mädchen dort galt.
Die Gleichschaltung im Kindergarten war mir noch erspart geblieben, da es keinen gab. Damals hatte sich noch nicht die Vorstellung festgesetzt, dass Kernaufgaben der Familie vom Staat zu übernehmen sind. Frauen arbeiteten zumindest in unserer dörflichen Idylle nicht in abhängigen Beschäftigungsverhältnissen zum Wohle des Finanzamtes und anderer Umverteiler, sondern kümmerten sich um das Herdfeuer, die Kinder und die „Alten“, die oft auch noch bei der Aufzucht mit anfassten. Entsprechende Freiräume entstanden für die Kinder, die durchaus auch sich selbst überlassen wurden.
Dies sollte sich dann mit Eintritt – auf Betreiben meines Vaters – in ein Gymnasium ändern, in dem es damals noch keine Mädchen gab. Diese hatten ein eigenes – später auch gemischtes – Gymnasium (Lyzeum). So blieb das weibliche Geschlecht über die Familie hinaus weitgehend verborgen und die im Rahmen einer sogenannten Emanzipation angestrebte Gleichschaltung, mithin Verweichlichung und schließlich Verweiblichung der Jungen, mir erspart.
Herausragend in dieser Phase war:
- abgesondert vom gewohnten Lebenskreis und Freunden (24 km per Bus zur Schule),
- Klassenkameraden über den ganzen Landkreis verteilt, und damit ich praktisch nachmittags allein, ausgenommen beim Rudern im schuleigenen Verein an der Aller, was ausgeprägte Stresstoleranz zur Folge hatte und mich zum Joggen brachte, dem ich heute noch fröne.
- zerrüttete Familie schaffte Muße zur Flucht in die Arbeit,
- durch eindrucksvolle Verwandte bereichert, inklusive eines Marineinfanteristen des 1. Ostasiatischen Infanterieregiments, der im Boxeraufstand in China gedient hatte, eines Feldwebels aus dem 1. Garderegiment zu Fuß sowie Onkel Willi, dem in Russland der Kiefer weggeschossen worden war (und er so den Krieg überlebt hatte), sodass dieser kaum zu verstehen war, aber dafür umso besser „Saufen“ konnte, am liebsten Klaren.
- alle Formen kriegerischer Auseinandersetzung waren bevorzugte Freizeitgestaltung. Dies reichte sommers von handgreiflichen Auseinandersetzungen in Feld und Flur – inkl. Burgenbau und Feldzug gegen Nachbardorf – bis zum Bau von Festungen aus Streichhölzern, komplett mit Schlachtfeld und Hunderten von Plastiksoldaten verschiedenster Epochen, immer mit passenden Gegnern, im Winter.
- Lieblingsenkel der Oma, die – nach frühem Tod von erst dem Opa und dann meinem meist alkoholisierten Onkel – den Betrieb in die mehr oder minder „geordnete Pleite“ führen/verkaufen sollte, jedoch voller Stolz über den Gymnasiasten, den es immer wieder zu belohnen galt,
- ohne Einzelheiten zu erinnern, wurde Mutter vom Schulleiter einbestellt, da im Rahmen eines Aufsatzes aus meiner Feder, schon als Tertianer, ich mich dem Verdacht ausgesetzt sah, ein „Michael-Kohlhaas-Typ“ zu sein, dem es an diplomatischer Geschmeidigkeit und Verständnis für andere fehle. Tatsächlich waren bisherige Vorstellungen zur Lebensführung inzwischen von Kreationen wie „sozialer Gerechtigkeit“ etc. ersetzt worden. Maximen wie Selbstdisziplin, Opferbereitschaft, Fleiß, Pünktlichkeit, Ausdauer etc. wurden damit zusehends schon von den neuen Lehrern als „faschistoides“ Gedankengut verteufelt,
- mit einem zweiten Mitstreiter sah ich mich zusehends in die Rolle eines „Rechtsaußen“ gedrängt, als die 68er-Bewegung auch vor unserer Schule keinen Halt machte, demzufolge wegen des zerrütteten Verhältnisses zur Lehrerschaft und Unbotmäßigkeiten mannigfacher Art die Feier zur Übergabe des Abiturzeugnisses abgesagt wurde.
- bei der 25- und 50-Jahr-Feier unseres Jahrganges 1998 stellte sich dann heraus, dass der Schwerpunkt der Berufswahl meiner „revolutionären“ Jahrgangskameraden im öffentlichen Dienst (vor allem Lehrer) gelegen hatte (inklusive einem Dauerarbeitslosen als ehemaliges Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands), dazu sechs „selbstständige“ Ärzte, nur zwei (von 30) hatten Wehrdienst geleistet, zwei waren produktiv als Manager bei VW bzw. BASF, zwei selbstständige Berater und sechs schon verstorben. Alle zusammen hatten – ohne mich – 10 eigene Kinder mit aufgezogen.
- Generation der Kriegsteilnehmer im Lehrkörper (z. B. einarmiger Sportlehrer mit Riesenrolle am Reck als ehemaliger KP-Chef – Schwere-Maschinengewehr-Kompanie, Geschichtslehrer mit weggeschossenem Magen, der sich mit Häppchen auf 5-Min-Takt-Basis ernährte, Englischlehrer mit Weinkrämpfen unter Stress einerseits und Stoiker aus der U-Bootswaffe/SS-Offizier aus dem Stall von Panzer-Mayer andererseits etc. in Anzug und Krawatte) wurde zusehends durch langmähnige Sandalenträger (Hippies) und nach meiner Schulzeit wohl auch „zänkische Weiber“ ersetzt, die sich der Mädchenförderung auch im Schulalltag verschrieben hatten (die es 900 Jahre hier gar nicht gegeben hatte: ich war in der letzten Klasse „ohne“ Mädchen).
Im Ergebnis bleibt festzustellen, dass 13 Jahre Schule ohne Inspirationen – mit Ausnahme des von mir gewählten kath. Religionsunterrichts – mit dem Abitur zu Ende gegangen sind und in schwieriger Zeit (Vater zum Pflegefall und Scheidung der Eltern) die Zerstreuung/Ablenkung geboten wurde, um nicht aus dem Kurs zu laufen. Entwickelt wurde jedoch die Kraft zum Lernen und selbständigen Beurteilen von Lagen. In Ermangelung eigener Lebenserfahrung verließ ich jedoch die Schule 1973 in der Überzeugung, dass unser Gemeinwesen bei allen Fehlern das beste System für Freiheit und Wohlstand ist. Klassenkameraden und neue Lehrer aus der 68er-Bewegung marschierten jedoch in eine ganz andere Richtung und sollten schließlich das Schiff auf die Klippen steuern.
1.3 Landwirtschaft
In meiner Jugend war mein Dorf noch weitgehend bäuerlich geprägt mit etwa 20 Höfen im Vollerwerb. Dabei verfügten lediglich die drei größeren über Mechanisierung bis hin zum Lanz-Bulldog als Spitze des Fortschrittes. Die Kleineren werkelten noch mit Pferd und Wagen, unterstützt immerhin durch eine Dreschmaschine, die von Hof zu Hof gezogen wurde, aber dann dort stationär arbeitete, wenn denn dann Trocknung der Garben auf dem Feld abgeschlossen war.
Glücklicherweise war der zweitgrößte Betrieb unser Nachbar, sodass meine Kindheit dort stattfand.
Entsprechend waren die ersten Gehversuche begleitet von der Welt der bäuerlichen Landwirtschaft, die uns in Form einer Welt voller Wunder umgab.
Vollgestopft mit schier unendlichen Mengen von Getier in unterschiedlichster Form – vom gefährlichen Bullen bis zum angriffslustigen Hahn (der kopflos noch herumzuflattern vermochte), finsteren Heuböden mit geheimen Höhlen bis hin zu lichtdurchfluteten Feldern und milchspendenden Weiden (Aufstallen nur winters) und immer wieder Maschinen, die nicht nur Körner spendeten (oder sogar Garben wickelten), sondern auch mit unbändiger Kraft alles bewegen konnten. In diesem Zusammenhang blieb auch unsere „Hengststation“ in Erinnerung. Hier sollte es hoch hergehen – bis an die Decke, bis dann die Stute nach dem Verweigern von Klopphengsten schließlich doch durch den Zuchthengst gedeckt werden konnte. Parallelen zur menschlichen Praxis drängten sich mir als unbedarftem Betrachter auf.
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