Fahr zur Hölle, Baby
EUR 35,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 714
ISBN: 978-3-99185-065-6
Erscheinungsdatum: 25.02.2026
Luitgard Dederichs Biografie handelt vom Leben als Frau in Westdeutschland – von Missbrauchserfahrungen, Unterdrückung und den Herausforderungen als berufstätige Mutter. Im Zentrum Ihres Buches stehen jedoch die Beziehungen zu Ihren vier erwachsenen Töchtern.
Teil I
Die Nachkriegszeit in Deutschland:
Zwischen Trümmern und Hoffnung
I/1
Kurfürstenstraße 8 – eine Perspektive
Ich bin ein Kind der Nachkriegszeit. Geprägt wurde ich von den Schatten der Vergangenheit. Schon früh strebte ich ins Licht der Zukunft. Meine ersten Spuren sind längst verweht. Heftige Stürme erschütterten mein gesamtes Leben. Vieles wurde dadurch unwiederbringlich, verschwand für immer. Menschen, Hoffnungen, Träume. Mehr als einmal wusste ich, das jetzt ist das Ende. Mit dem Abschied eines Menschen aus meinem Leben endete stets auch eine Lebensphase. Menschen, die ich als Freunde und Freundinnen betrachtete, trennten sich von mir oder ich war gezwungen, mich von ihnen zu trennen. Je nach Umstand des Endes hätte ich mit ihrer Kritik, mit ihrer und meiner Trauer umgehen können. Was ich nicht ertrug, waren sprachloser Rückzug oder geheucheltes Mitleid. Niemand kann mit einem anderen mitleiden. Leid ist etwas sehr Persönliches. Ich kann jemandem zuhören, versuchen, ihn zu verstehen, vielleicht gelingt es mir, wenn ich zugehört und verstanden habe, den Leidenden zu trösten, vielleicht kann ich einem Menschen neuen Mut machen. Vielleicht. Es scheint, schwer zu sein. Ungefragt und ohne Trost verlor ich eine, manchmal mehrere Perspektiven gleichzeitig. Oft befand ich mich am Ende einer Sackgasse.
Das Licht der Welt erblickte ich an einem freundlichen Nachmittag im Frühling 1949. Die Sonne strahlte, als ich in einem kleinen Krankenhaus in der Kleinstadt zur Welt kam. Die Freude meiner Eltern war unbeschreiblich. Ich war ein neues Leben, ein Hoffnungsschimmer nach den dunklen Jahren des Krieges.
Fast zeitgleich mit meinem ersten Schrei fiel Hartmut, ein junger, neunzehnjähriger Mann in einen ungesicherten Aufzugsschacht. Er stürzte zwölf Meter tief. Entgegen aller Erwartungen überlebte er den Sturz. Die Ereignisse fanden in einer Entfernung von ungefähr sechzig Kilometern statt. Doch sein Überleben und meine Geburt im gleichen Zeitfenster werden zu einem gemeinsamen roten Faden zusammenlaufen, der aus der Ewigkeit kommend in die Ewigkeit führt.
Meine Ankunft war nicht ohne Widerstand. Während der Wehen hatte Mama das Gefühl, ich wollte mich gegen den Geburtskanal stemmen, so als wollte ihr Kind die schützende Dunkelheit und Wärme nicht verlassen. Vielleicht spürte ich bereits damals, dass das Leben nicht nur aus Sonnenschein bestand.
Mein Großvater hatte eine Gaststätte. Kurz vor meiner Geburt starb seine Frau, Katharina. Mama war seine Tochter. Sie pflegte ihre kranke Mutter, meine Oma, bis zum Tod. Mama half dem Opa schon seit Ende des Krieges beim Wiederaufbau des Gaststättenbetriebs und trauerte ähnlich wie ihre Eltern um den schon früh im Krieg gefallenen Bruder Hans. Der war der Hoffnungsträger und einzige Sohn der Familie. In seine Ausbildung hatte der Opa vor dem Krieg seine gesamten Ersparnisse investiert. Onkel Hans war nach Abschluss seines Examens Jurist. Der Krieg nahm dem Opa seinen Sohn, seine Hoffnung und dadurch auch seine Investition. Übrig blieb die Tochter, die zwar noch das Abitur machen durfte, dann aber hinter den beruflichen Wünschen des Bruders zurückstecken musste. Opa dachte vor dem Krieg, seine Tochter, meine Mama, würde eines Tages mit Hilfe seines Sohnes in die Gesellschaft einheiraten. (s. Anh. 1)
Was mich betrifft: Frauen und Mädchen, die sich in den 60er- und 70er-Jahren für ihre Freiheit und Gleichberechtigung einsetzten, wurden als unmoralisch diskriminiert. Ein solches Verhalten war ein Scheidungsgrund und musste oft genug als gerichtliche Schuldzuweisung und Übertragung des Sorgerechts gemeinsamer Kinder von Frauen hingenommen werden. (s. Anh. 2)
Mein Papa war im Krieg viele Jahre als Soldat in Finnland stationiert. (s. Anh. 3) Nach dem Krieg arbeitete er wieder in seinem Beruf. Als Chemotechniker verdiente er nicht viel und es war ihm unangenehm, vom Geld seines Schwiegervaters abhängig zu sein. Unsere Familie lebte traditionell und hielt beinahe krampfhaft an alten Werten fest. Bis auf Oma Louise. Sie war die Mutter meines Vaters. Seine Eltern, meine anderen Großeltern, waren Weber und nach dem Verlust ihrer Wohnung durch einen Bombenangriff in der benachbarten Großstadt ebenfalls in die Provinzstadt gezogen.
Der Mann meiner Oma Louise hieß Friedrich, genannt Fritz. Er starb wenige Wochen vor meiner Geburt. Genau genommen waren es sechs Wochen. Oma Katharina starb zwei Wochen vor Opa Fritz. Oma Luise, die sich richtig Louise schrieb, deren Namen in der Familie aber einfach eingedeutscht wurde, behauptete oft, die hat mir meinen Fritz nicht gegönnt. Sie wünschte sich manchmal, ihr Fritz hätte das Enkelkind noch kennenlernen dürfen. Ich nahm zur Kenntnis, dass sie sich dabei hin und wieder ein Tränchen aus den Augenwinkeln wischte. Gerne hätte ich Opa Fritz noch gekannt.
Mama sagte mir, damit ich leben darf, mussten wahrscheinlich zwei Leute sterben. So wurde ich regelrecht in ein Trauerhaus hineingeboren, nur weil es mich gibt. Egal, was passieren würde, ich musste wichtig sein für diese Welt. Sonst würden meine beiden Großeltern Katharina, die Mutter meiner Mama, und Friedrich, Fritz, der Vater meines Papas, zumindest noch mit an meiner Wiege gestanden haben. Durch die beiden Todesfälle gab es ohne mein bewusstes Zutun reichlich Platz für mich im Haus meines Großvaters.
Es gab noch jemanden, der Platz neben mir fand. Das war der schwarze Schäferhund meines Vaters. Opa Ludwig hatte ihm den Hund eines Tages von einer seiner Unternehmungen als Geschenk mitgebracht. Wahrscheinlich hatte er Rex als Ersatz für den Huskywelpen, den Papa im Krieg bei seiner Flucht der deutschen Soldaten aus Finnland an der Grenze zurücklassen musste, gedacht. Dieser Welpe war ein Abschiedsgeschenk seiner finnischen Freundin Annika aus Rovaniemi. Als er Finnland vermutlich im Herbst 1943 verließ, war seine Zukunft als deutscher Soldat ungewiss. Dem entsetzlichen Fluchtgeschehen ab September 1944, mit Hilfe der Taktik verbrannte Erde, entkam mein Papa um wenige Monate. Offiziell gilt diese Flucht aus Finnland als geordneter Rückzug.
Meine Eltern heirateten 1944. Ich denke, weil mein Papa keine Hoffnung hatte, jemals zu Annika zurückkehren zu können. Außerdem war er offiziell seit 1942 mit meiner Mutter verlobt. Mein Papa stand zu seinem Wort, immer!
I/2
Annika
Als ich zwei bis drei Jahre alt war, kam sie zu Besuch bei Freunden in Deutschland. Sie meldete sich bei meinem Vater. Sie trafen sich am Krefelder Hauptbahnhof. Dort gab es einen riesigen Wartesaal mit Gastronomie. Ein ungemütlicher, dunkler, lauter Ort, der Geräuschpegel war im Verhältnis zur Bahnhofshalle oder auf den Bahnsteigen allerdings erträglich, obwohl die Rufe der Kellner, im schwarzen Anzug mit weißem Hemd und schwarzer Fliege, das Klappern der Teller und der Gläser um ein Vielfaches von den kahlen, vom Nikotin verfärbten Wänden widerhallte. Durch die hohen, ungeputzten Fenster fiel etwas Licht in die Halle. Es brach sich auf den verfärbten und in Teilen beschädigten Bodenfliesen. Der ganze Saal war in ein diffuses Licht getaucht, in dessen goldenen Schimmer die Staubkörner tanzten. Die Tischplatten aus hellem Holz waren blank gescheuert. Dunkle Tonet-Stühle boten Gelegenheiten zum Sitzen. An den Wänden entlang gab es schwarz-braun, speckig glänzende, massive Holzbänke. Dort nahmen die Gäste Platz, die nur warten, aber weder etwas essen noch trinken wollten. Ein intensiver Geruch nach Tabak aller Art durchzog den hohen Raum. Es saßen da Zigarettenraucher, Pfeifenraucher, Zigarrenraucher, Kautabakgenießer samt Spucknäpfen und Säufer, umgeben vom strengen Geruch nach Absinth und Korn. Außerdem manches Gesindel, vor dem sich Reisende mit ihrem Handgepäck und ihren Börsen vorsehen mussten. Sogar Koffer nahmen über die Außenplätze andere Wege, als von ihren Besitzern anfangs vorgesehen.
Die Huren, die sich sonst im Bahnhofsviertel auf dem Vorplatz oder in der Eingangshalle aufhielten, nahmen dort, je nach Rangfolge und Dienstleistung, ebenfalls Platz. Einige wagten sich auch an die Tische. Im Sommer kühler und im Winter wärmer, suchten Reisende diesen Wartesaal zu jeder Jahreszeit gerne auf. Mit Oma Louise war ich erstmalig an diesem Ort. Wir hatten den Zug verpasst. Oma nutzte die Gelegenheit, mich mit den unterschiedlichen Erscheinungsformen menschlicher Sozialisation vertraut zu machen.
Während meiner Ausbildung in Krefeld verbrachte ich manchmal Zeit dort, wenn ich ebenfalls den Zug verpasst hatte und auf den nächsten warten musste. Züge mit Verspätung gab es damals sehr selten. Das Bahnhofsrestaurant war ein beliebter Treffpunkt.
Eines Tages zog mich Mama besonders fein an. Fein, nach ihren Vorstellungen. Papa nahm mich bei der Hand, ich kann nicht viel älter als drei Jahre gewesen sein. Wir fuhren mit dem Zug nach Krefeld. Statt miteinander zur Straßenbahnhaltestelle vor dem Bahnhof zu laufen und die Straßenbahn zur Hülser Straße zu nehmen, um in der Nähe der Adolfstraße auszusteigen, so wie ich es gewohnt war, wenn wir Onkel Willi, Papas Bruder, und Tante Grete besuchten, endete unser Ausflug bereits im Wartesaal des Krefelder Hauptbahnhofs. Ich war enttäuscht. Ein Treffen mit meinen Cousins Josef, Friedel und Hans- war für mich jedes Mal abenteuerlich. Bei ihnen tauchte ich in eine völlig andere Welt ein als zu Hause. Papa und Annika müssen noch in Kontakt gestanden haben. Als wir den Wartesaal durch die großen Flügeltüren betraten, schweifte Papas Blick unsicher und suchend über die Tische und Stühle. Er nahm mich kurz entschlossen auf den Arm und wir steuerten einen kleinen Tisch in der Nähe der Theke an. An dem Tisch saß sie, eine elegante Frau im Pelzmantel mit braunen Haaren. Neben ihrem Stuhl, am Tisch, lag ein großer Hund, so wie ich ihn noch nie gesehen hatte. Er hatte graues, dichtes Fell mit einer weißen Brust und schwarzen Ohren. Er schaute mich aufmerksam aus seinen blauen Augen an. Papa setzte mich neben dem Tisch an der anderen Seite vom Hund ab. Der verlegene Mann schob mich in Richtung Annika. Bevor er etwas sagen konnte, fragte die mich: „Du bist Luitgard, Gertas Tochter?“ Die Art der Fragestellung und die Stimme waren mir unbekannt. Ich trat von einem Füßchen auf das andere und strebte wieder auf Papas Arm. Der setzte sich mit mir auf den anderen freien Stuhl und nahm mich wie ein Schutzschild auf seine Knie. An mir und ihr vorbei blickte er immer wieder auf den Hund. Annika lächelte und nickte. Papa und die Frau sprachen miteinander. Über allem schwebte ihre Frage, warum er nicht abgewartet hatte. Heute vermute ich, sie meinte damit das Ende des Krieges und seine Rückkehr nach Finnland oder ihre Möglichkeit, zu ihm nach Deutschland zu kommen. Mama versuchte mir, als ich älter war, etwas Ähnliches zu erzählen. Papa war gegenüber Annika angespannt und schweigsam. Er stotterte sich irgendetwas zusammen in einer Sprache, die ich nicht kannte. Obwohl ich noch klein war, muss ich die Emotionen, die dieses Treffen überschatteten, erlebt haben. Annika gab Papa beim Abschied die Leine vom Husky in die Hand. Sie diskutierten in dem Moment etwas heftiger. Papa schüttelte seinen plötzlich hochroten Kopf und gab die Leine zurück. Ich erinnere mich an keine Umarmung. Seine Stimmung schien aufgewühlt und verzweifelt. Ihre: traurig, werbend, verständnisvoll. Mich nahm sie beim Lebewohl in die Arme und drückte mich an sich. Auf Wiedersehen in Rovaniemi! Das Treffen dauerte nicht lange. Sie hatte einen kleinen, weiß-schwarz gefleckten Pelzmantel mit Kapuze, dazu einen passenden Muff (s. Anh. 4) für mich im Gepäck. Der Mantel war kuschelig, aus Kaninchenfell. Jedoch empfand ich ihn manchmal in unserem westdeutschen Winter als Bürde. Er lastete schwer auf meinen von mitteleuropäischer Zivilisation und Temperaturen verwöhnten kleinen Schultern und zwang meine staksigen Beinchen gefühlt beinahe in die Knie. Die Kapuze schützte mich gut vor Wind und Wetter. Nur die Seitensicht war unangenehm eingeschränkt, aber den Muff liebte ich. Wir hatten 1952/53 noch wenig Möglichkeiten, uns modisch zu kleiden oder gute Stoffe zu kaufen. Dieses Mäntelchen war purer Luxus. Der Fuchskragen, den sie für Mama mitgebracht hatte, stand Mama gut. Aber sie wollte den dann doch nicht mehr und gab ihn Oma Louise. Die wollte den dann auch nicht, weil sie es nicht mitansehen konnte, wie ich verzweifelt versuchte, ihn wieder lebendig zu streicheln. Jahrzehnte später ist es mir bei einem just verstorbenen Hamster tatsächlich gelungen, ihn für ungefähr zwei Tage wiederzubeleben. Der Fuchs landete jedenfalls bei Mamas Cousine Irmgard. Die war die Tochter von Tante Martha, einer von Oma Katharinas Schwestern, und flirtete auffällig mit meinem Papa. Tante Irmgard war extravagant, gebildet, roch immer gut. Das Schönste an ihr waren ihre dichten, gewellten, kastanienbraunen Haare. Da fiel ihre Hüftfehlbildung nicht weiter auf. Obwohl, sie schritt nicht, sie humpelte durchs Leben. Tante Irmgard war Chefsekretärin und blieb zeitlebens unverheiratet. Das Ranking um Männer war damals mühsam. Zwei Weltkriege hatten die Gruppe heiratsfähiger und/oder auch fortpflanzungsfähiger Männer deutlich schrumpfen lassen. Traumatisiert waren sie alle. (s. Anh./Kl. psych. Komp. 9)
I/3
Kalla
Der Boden im ersten Stock meines Elternhauses knarrte und ächzte unter jedem Schritt. Im Druck einer explodierenden Fliegerbombe nur wenige Meter vom Haus entfernt hatte sich das Haus geschüttelt und wieder aufgerichtet. Dabei waren Türen und Fenster wie Biskuits aus den Mauern geflogen. Niemand im Haus kam zu Schaden. Doch das Nachbarhaus an der Ecke gegenüber war zerstört. Die Bombe traf es und die Bewohner. Wer sich in diesem Augenblick im Nachbarhaus befand, wurde unter den Trümmern begraben. Keiner überlebte den Einschlag. Inmitten der Trümmer und der allgegenwärtigen Erinnerungen an den Krieg fand ich in meinem Elternhaus meinen Kindheitsfreund Kalla, meinen Retter aus dem Gitterkäfig.
In der ersten Etage des Hauses lebte eine Familie, die ihre Wohnung bei einem Bombenangriff verloren hatte. Ein Ehepaar mit zwei Kindern. Die ältere Tochter hieß Karin, sie war sieben Jahre älter als ich. Ihr jüngerer Bruder, Kalla, war drei Jahre älter als ich. Eigentlich hieß er Karl-Heinz. Aber das war nicht nur mir zu lang. Ich heiße Luitgard, das war allen zu kompliziert und zu lang. Aber Mama bestand darauf, dass alle, die mit mir, über mich oder von mir sprachen oder mich riefen, den Namen, den sie für mich ausgesucht hatte, auch ganz formulierten. Da blieb dann kein Platz für Kosenamen oder Spitznamen. Dachte sie. Für Kalla war ich Lui, wenn meine Mutter nicht anwesend war. Für meinen Papa in Gegenwart von Mama provokativ Lumpi. Die etwas älteren, frechen Jungs aus der Nachbarschaft riefen mir hinterher Luttjard-Stuttjart. Das riefen sie mir oft nach. Ich war darüber gekränkt und traurig. Damals waren es Flegeleien, heute nennt man es Mobbing.
Eigentlich sollte ich Petra heißen. Wenige Wochen vor mir wurde in der Nachbarschaft eine andere Petra geboren und auf den von meiner Mutter ursprünglich für mich gedachten Namen von deren Eltern getauft. Meine Mutter war darüber erbost. Niemals sollte ihre Tochter so heißen wie die von den Nachbarn. Sie erinnerte sich an den Namen der Schwester eines Freundes ihres verstorbenen Bruders aus Mecklenburg-Vorpommern und bestand auf Luitgard. Warum nicht Luise? Besser noch Louise, wie meine Oma tatsächlich hieß? Das hätte mir viel besser gefallen. Ich hasste meinen Namen viele Jahre. Meine Mutter sprach ihn hart und streng aus. Ständig war er Gegenstand irgendwelcher Fragen, in Gesprächen der Erwachsenen, von Kindern, mit denen ich einfach nur spielen wollte, in der Schule, beim Arzt. Immer wurde neben der Aussprache auch nach der Schreibweise gefragt. Mag sein, dass das der Grund war, weshalb ich früh lesen und buchstabieren konnte. Es hätte schlimmer kommen können! Danke, liebe Eltern, danke, dass ihr mich nicht Chantale, rheinisch ausgesprochen Schantalle, getauft habt. Die passende Abkürzung wäre mir sicher gewesen. Schnalle! Heute weiß ich, dass dieser altdeutsche Name es mir zwar unmöglich macht, in der grauen Masse zu verschwinden, aber es soll Momente in der Namenswahl von Eltern für ihre Kinder geben, die sind mystisch. „Hüterin des Volkes“ – ein Anspruch, bei dem es nicht leichtfällt, diesem gerecht zu werden.
Aber erst war ich noch klein, ängstlich und ahnungslos, welche Abenteuer ich bis zum Erreichen meiner überragenden Länge und inzwischen auch Breite zum heutigen Tag bestehen würde.
War ich nicht mit der Oma oder Erna, dem Kindermädchen, unterwegs, verbrachte ich meine ersten beiden Lebensjahre überwiegend im Laufstall in der Küche der Gaststätte.
Der Laufstall war mein kleines Reich. Ich teilte es mit Papas ein Jahr jüngerem, schwarzen Schäferhund, Rex.
Dessen großen, abgenagten Rinderknochen lutschten wir beide ab. Ich hatte keinen Schnuller. Dafür fünf Finger an der linken Hand, wovon ich zwei Finger in den Mund steckte. Ein weißes Babyjäckchen aus Baumwolle, dessen einer Ärmel so ausgeleiert war, dass meine Hand auch noch im Alter von vier Jahren hineinpasste, fummelte ich mir über die rechte Hand. Die legte ich dann zusätzlich über Nase und Mund mit Fingern drin und nuckelte mich in den Schlaf. Eines Mittags knurrte Rex neben mir. Ich erwachte, krallte meine kleinen Finger in sein schwarzes, dichtes Fell und zog mich neugierig an ihm hoch. Vor dem Laufstall kauerte Kalla und sah mich ebenso neugierig an. Mein Kindermädchen war wohl gerade mit dem Abwasch fertig. Sie machte Anstalten mich aus dem Laufstall zu heben. Kalla stand daneben.
„Beißt die?“, fragte er. Sie wollte wissen, warum er das denkt. „Weil die da drin ist mit dem Hund!“ Erna lachte. Sie beugte sich über mich, hob mich hoch und nahm mich auf den Arm. Kalla steckte einen Finger in die Nase. Er dachte nach. Wortlos verließ er die Küche. Er lief die Treppe hinauf zu seiner Mutter. Wenig später kamen er und Brem, das Namenskürzel hatte Papa Kallas Mutter verpasst, in die Gasthausküche. Sie nahm mich von Ernas Arm und trug mich rauf in ihre Küche. Von da an durfte ich mich frei bewegen.
Die Wände des Raumes, in dem die Familie von Kalla bei uns lebte, waren kahl. Eins der Fenster, das kleine Fenster zum Hof, war provisorisch mit Drahtglas auf einem selbst gezimmerten Holzrahmen verbarrikadiert. Zwei raumhohe Fenster zur Gasse waren notdürftig mit einfachstem Fensterglas repariert.
Kalla hatte dunkle Locken und ein verschmitztes Lächeln. Schon bald erkundeten wir gemeinsam die Räume, oft Hand in Hand, kletterten über Möbel, auf Schränke und spielten Verstecken. Dabei entdeckten wir im Dachgeschoss ein Zimmer mit einem großen Bett und einem Bücherschrank. Die Möbel waren in Altdeutsch-Rot gestrichen. Über allem lag eine dicke Staubschicht. Wir öffneten den Bücherschrank und entdeckten juristische Schriften neben alten Schulbüchern. Es war das frühere Zimmer meines Onkels Johann, genannt Hans, der nicht mehr aus dem Krieg zurückgekommen war. Seine Gebeine befinden sich irgendwo am Dnipro in der Ukraine. Zwischen seinem Tod und unseren Entdeckungstouren in seinem verlassenen Zimmer lagen elf Jahre. Zwischen jenem Tag, an dem wir sein Zimmer für uns entdeckten, und dem Ende des Zweiten Weltkrieges lagen acht Jahre. Für uns waren sein Leben und sein Sterben, der Krieg, vor unserer Zeitrechnung. Weit, weit weg. Für unsere Eltern gehörte es zu ihrer Vergangenheit ebenso wie in ihre Gegenwart, zu der wir gehören, in den meisten Fällen heute bereits gehörten. Wir sind die Generation, auf der einige Jahre später die Hoffnung unserer Eltern auf dauerhaftem Frieden lastete. Bleischwer wie inzwischen das Versagen unserer Generation, die traumwandlerisch friedenssüchtig von einem Jahrzehnt ins nächste glitt und hüpfte. Unter unseren Demonstrationsfahnen für Frieden, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit haben wir die Zeichen der Zeit nicht erkannt oder nicht erkennen wollen. Unser kollektives Lebensgefühl war so leicht, so positiv. Wir demonstrierten und tanzten gleichwohl selbstverliebt mit Schmetterlingen im Bauch und Blütenkränzen um Stirn und über der Brust. Wir hätten die Erinnerungen der vorangegangenen Generationen, an in Kriegen verübte Grausamkeiten, nicht verdrängen dürfen. Aus allen Himmelsrichtungen und zu allen Zeiten erreichte uns die Kunde von Machtmissbrauch und wahnhaften, willkürlichen Genoziden. Die Mentalität einiger Völker begünstigt entsprechende politische Systeme. Das hätten wir sehen müssen. Wir haben diesen entscheidenden Aspekt nicht erkannt.
...
Die Nachkriegszeit in Deutschland:
Zwischen Trümmern und Hoffnung
I/1
Kurfürstenstraße 8 – eine Perspektive
Ich bin ein Kind der Nachkriegszeit. Geprägt wurde ich von den Schatten der Vergangenheit. Schon früh strebte ich ins Licht der Zukunft. Meine ersten Spuren sind längst verweht. Heftige Stürme erschütterten mein gesamtes Leben. Vieles wurde dadurch unwiederbringlich, verschwand für immer. Menschen, Hoffnungen, Träume. Mehr als einmal wusste ich, das jetzt ist das Ende. Mit dem Abschied eines Menschen aus meinem Leben endete stets auch eine Lebensphase. Menschen, die ich als Freunde und Freundinnen betrachtete, trennten sich von mir oder ich war gezwungen, mich von ihnen zu trennen. Je nach Umstand des Endes hätte ich mit ihrer Kritik, mit ihrer und meiner Trauer umgehen können. Was ich nicht ertrug, waren sprachloser Rückzug oder geheucheltes Mitleid. Niemand kann mit einem anderen mitleiden. Leid ist etwas sehr Persönliches. Ich kann jemandem zuhören, versuchen, ihn zu verstehen, vielleicht gelingt es mir, wenn ich zugehört und verstanden habe, den Leidenden zu trösten, vielleicht kann ich einem Menschen neuen Mut machen. Vielleicht. Es scheint, schwer zu sein. Ungefragt und ohne Trost verlor ich eine, manchmal mehrere Perspektiven gleichzeitig. Oft befand ich mich am Ende einer Sackgasse.
Das Licht der Welt erblickte ich an einem freundlichen Nachmittag im Frühling 1949. Die Sonne strahlte, als ich in einem kleinen Krankenhaus in der Kleinstadt zur Welt kam. Die Freude meiner Eltern war unbeschreiblich. Ich war ein neues Leben, ein Hoffnungsschimmer nach den dunklen Jahren des Krieges.
Fast zeitgleich mit meinem ersten Schrei fiel Hartmut, ein junger, neunzehnjähriger Mann in einen ungesicherten Aufzugsschacht. Er stürzte zwölf Meter tief. Entgegen aller Erwartungen überlebte er den Sturz. Die Ereignisse fanden in einer Entfernung von ungefähr sechzig Kilometern statt. Doch sein Überleben und meine Geburt im gleichen Zeitfenster werden zu einem gemeinsamen roten Faden zusammenlaufen, der aus der Ewigkeit kommend in die Ewigkeit führt.
Meine Ankunft war nicht ohne Widerstand. Während der Wehen hatte Mama das Gefühl, ich wollte mich gegen den Geburtskanal stemmen, so als wollte ihr Kind die schützende Dunkelheit und Wärme nicht verlassen. Vielleicht spürte ich bereits damals, dass das Leben nicht nur aus Sonnenschein bestand.
Mein Großvater hatte eine Gaststätte. Kurz vor meiner Geburt starb seine Frau, Katharina. Mama war seine Tochter. Sie pflegte ihre kranke Mutter, meine Oma, bis zum Tod. Mama half dem Opa schon seit Ende des Krieges beim Wiederaufbau des Gaststättenbetriebs und trauerte ähnlich wie ihre Eltern um den schon früh im Krieg gefallenen Bruder Hans. Der war der Hoffnungsträger und einzige Sohn der Familie. In seine Ausbildung hatte der Opa vor dem Krieg seine gesamten Ersparnisse investiert. Onkel Hans war nach Abschluss seines Examens Jurist. Der Krieg nahm dem Opa seinen Sohn, seine Hoffnung und dadurch auch seine Investition. Übrig blieb die Tochter, die zwar noch das Abitur machen durfte, dann aber hinter den beruflichen Wünschen des Bruders zurückstecken musste. Opa dachte vor dem Krieg, seine Tochter, meine Mama, würde eines Tages mit Hilfe seines Sohnes in die Gesellschaft einheiraten. (s. Anh. 1)
Was mich betrifft: Frauen und Mädchen, die sich in den 60er- und 70er-Jahren für ihre Freiheit und Gleichberechtigung einsetzten, wurden als unmoralisch diskriminiert. Ein solches Verhalten war ein Scheidungsgrund und musste oft genug als gerichtliche Schuldzuweisung und Übertragung des Sorgerechts gemeinsamer Kinder von Frauen hingenommen werden. (s. Anh. 2)
Mein Papa war im Krieg viele Jahre als Soldat in Finnland stationiert. (s. Anh. 3) Nach dem Krieg arbeitete er wieder in seinem Beruf. Als Chemotechniker verdiente er nicht viel und es war ihm unangenehm, vom Geld seines Schwiegervaters abhängig zu sein. Unsere Familie lebte traditionell und hielt beinahe krampfhaft an alten Werten fest. Bis auf Oma Louise. Sie war die Mutter meines Vaters. Seine Eltern, meine anderen Großeltern, waren Weber und nach dem Verlust ihrer Wohnung durch einen Bombenangriff in der benachbarten Großstadt ebenfalls in die Provinzstadt gezogen.
Der Mann meiner Oma Louise hieß Friedrich, genannt Fritz. Er starb wenige Wochen vor meiner Geburt. Genau genommen waren es sechs Wochen. Oma Katharina starb zwei Wochen vor Opa Fritz. Oma Luise, die sich richtig Louise schrieb, deren Namen in der Familie aber einfach eingedeutscht wurde, behauptete oft, die hat mir meinen Fritz nicht gegönnt. Sie wünschte sich manchmal, ihr Fritz hätte das Enkelkind noch kennenlernen dürfen. Ich nahm zur Kenntnis, dass sie sich dabei hin und wieder ein Tränchen aus den Augenwinkeln wischte. Gerne hätte ich Opa Fritz noch gekannt.
Mama sagte mir, damit ich leben darf, mussten wahrscheinlich zwei Leute sterben. So wurde ich regelrecht in ein Trauerhaus hineingeboren, nur weil es mich gibt. Egal, was passieren würde, ich musste wichtig sein für diese Welt. Sonst würden meine beiden Großeltern Katharina, die Mutter meiner Mama, und Friedrich, Fritz, der Vater meines Papas, zumindest noch mit an meiner Wiege gestanden haben. Durch die beiden Todesfälle gab es ohne mein bewusstes Zutun reichlich Platz für mich im Haus meines Großvaters.
Es gab noch jemanden, der Platz neben mir fand. Das war der schwarze Schäferhund meines Vaters. Opa Ludwig hatte ihm den Hund eines Tages von einer seiner Unternehmungen als Geschenk mitgebracht. Wahrscheinlich hatte er Rex als Ersatz für den Huskywelpen, den Papa im Krieg bei seiner Flucht der deutschen Soldaten aus Finnland an der Grenze zurücklassen musste, gedacht. Dieser Welpe war ein Abschiedsgeschenk seiner finnischen Freundin Annika aus Rovaniemi. Als er Finnland vermutlich im Herbst 1943 verließ, war seine Zukunft als deutscher Soldat ungewiss. Dem entsetzlichen Fluchtgeschehen ab September 1944, mit Hilfe der Taktik verbrannte Erde, entkam mein Papa um wenige Monate. Offiziell gilt diese Flucht aus Finnland als geordneter Rückzug.
Meine Eltern heirateten 1944. Ich denke, weil mein Papa keine Hoffnung hatte, jemals zu Annika zurückkehren zu können. Außerdem war er offiziell seit 1942 mit meiner Mutter verlobt. Mein Papa stand zu seinem Wort, immer!
I/2
Annika
Als ich zwei bis drei Jahre alt war, kam sie zu Besuch bei Freunden in Deutschland. Sie meldete sich bei meinem Vater. Sie trafen sich am Krefelder Hauptbahnhof. Dort gab es einen riesigen Wartesaal mit Gastronomie. Ein ungemütlicher, dunkler, lauter Ort, der Geräuschpegel war im Verhältnis zur Bahnhofshalle oder auf den Bahnsteigen allerdings erträglich, obwohl die Rufe der Kellner, im schwarzen Anzug mit weißem Hemd und schwarzer Fliege, das Klappern der Teller und der Gläser um ein Vielfaches von den kahlen, vom Nikotin verfärbten Wänden widerhallte. Durch die hohen, ungeputzten Fenster fiel etwas Licht in die Halle. Es brach sich auf den verfärbten und in Teilen beschädigten Bodenfliesen. Der ganze Saal war in ein diffuses Licht getaucht, in dessen goldenen Schimmer die Staubkörner tanzten. Die Tischplatten aus hellem Holz waren blank gescheuert. Dunkle Tonet-Stühle boten Gelegenheiten zum Sitzen. An den Wänden entlang gab es schwarz-braun, speckig glänzende, massive Holzbänke. Dort nahmen die Gäste Platz, die nur warten, aber weder etwas essen noch trinken wollten. Ein intensiver Geruch nach Tabak aller Art durchzog den hohen Raum. Es saßen da Zigarettenraucher, Pfeifenraucher, Zigarrenraucher, Kautabakgenießer samt Spucknäpfen und Säufer, umgeben vom strengen Geruch nach Absinth und Korn. Außerdem manches Gesindel, vor dem sich Reisende mit ihrem Handgepäck und ihren Börsen vorsehen mussten. Sogar Koffer nahmen über die Außenplätze andere Wege, als von ihren Besitzern anfangs vorgesehen.
Die Huren, die sich sonst im Bahnhofsviertel auf dem Vorplatz oder in der Eingangshalle aufhielten, nahmen dort, je nach Rangfolge und Dienstleistung, ebenfalls Platz. Einige wagten sich auch an die Tische. Im Sommer kühler und im Winter wärmer, suchten Reisende diesen Wartesaal zu jeder Jahreszeit gerne auf. Mit Oma Louise war ich erstmalig an diesem Ort. Wir hatten den Zug verpasst. Oma nutzte die Gelegenheit, mich mit den unterschiedlichen Erscheinungsformen menschlicher Sozialisation vertraut zu machen.
Während meiner Ausbildung in Krefeld verbrachte ich manchmal Zeit dort, wenn ich ebenfalls den Zug verpasst hatte und auf den nächsten warten musste. Züge mit Verspätung gab es damals sehr selten. Das Bahnhofsrestaurant war ein beliebter Treffpunkt.
Eines Tages zog mich Mama besonders fein an. Fein, nach ihren Vorstellungen. Papa nahm mich bei der Hand, ich kann nicht viel älter als drei Jahre gewesen sein. Wir fuhren mit dem Zug nach Krefeld. Statt miteinander zur Straßenbahnhaltestelle vor dem Bahnhof zu laufen und die Straßenbahn zur Hülser Straße zu nehmen, um in der Nähe der Adolfstraße auszusteigen, so wie ich es gewohnt war, wenn wir Onkel Willi, Papas Bruder, und Tante Grete besuchten, endete unser Ausflug bereits im Wartesaal des Krefelder Hauptbahnhofs. Ich war enttäuscht. Ein Treffen mit meinen Cousins Josef, Friedel und Hans- war für mich jedes Mal abenteuerlich. Bei ihnen tauchte ich in eine völlig andere Welt ein als zu Hause. Papa und Annika müssen noch in Kontakt gestanden haben. Als wir den Wartesaal durch die großen Flügeltüren betraten, schweifte Papas Blick unsicher und suchend über die Tische und Stühle. Er nahm mich kurz entschlossen auf den Arm und wir steuerten einen kleinen Tisch in der Nähe der Theke an. An dem Tisch saß sie, eine elegante Frau im Pelzmantel mit braunen Haaren. Neben ihrem Stuhl, am Tisch, lag ein großer Hund, so wie ich ihn noch nie gesehen hatte. Er hatte graues, dichtes Fell mit einer weißen Brust und schwarzen Ohren. Er schaute mich aufmerksam aus seinen blauen Augen an. Papa setzte mich neben dem Tisch an der anderen Seite vom Hund ab. Der verlegene Mann schob mich in Richtung Annika. Bevor er etwas sagen konnte, fragte die mich: „Du bist Luitgard, Gertas Tochter?“ Die Art der Fragestellung und die Stimme waren mir unbekannt. Ich trat von einem Füßchen auf das andere und strebte wieder auf Papas Arm. Der setzte sich mit mir auf den anderen freien Stuhl und nahm mich wie ein Schutzschild auf seine Knie. An mir und ihr vorbei blickte er immer wieder auf den Hund. Annika lächelte und nickte. Papa und die Frau sprachen miteinander. Über allem schwebte ihre Frage, warum er nicht abgewartet hatte. Heute vermute ich, sie meinte damit das Ende des Krieges und seine Rückkehr nach Finnland oder ihre Möglichkeit, zu ihm nach Deutschland zu kommen. Mama versuchte mir, als ich älter war, etwas Ähnliches zu erzählen. Papa war gegenüber Annika angespannt und schweigsam. Er stotterte sich irgendetwas zusammen in einer Sprache, die ich nicht kannte. Obwohl ich noch klein war, muss ich die Emotionen, die dieses Treffen überschatteten, erlebt haben. Annika gab Papa beim Abschied die Leine vom Husky in die Hand. Sie diskutierten in dem Moment etwas heftiger. Papa schüttelte seinen plötzlich hochroten Kopf und gab die Leine zurück. Ich erinnere mich an keine Umarmung. Seine Stimmung schien aufgewühlt und verzweifelt. Ihre: traurig, werbend, verständnisvoll. Mich nahm sie beim Lebewohl in die Arme und drückte mich an sich. Auf Wiedersehen in Rovaniemi! Das Treffen dauerte nicht lange. Sie hatte einen kleinen, weiß-schwarz gefleckten Pelzmantel mit Kapuze, dazu einen passenden Muff (s. Anh. 4) für mich im Gepäck. Der Mantel war kuschelig, aus Kaninchenfell. Jedoch empfand ich ihn manchmal in unserem westdeutschen Winter als Bürde. Er lastete schwer auf meinen von mitteleuropäischer Zivilisation und Temperaturen verwöhnten kleinen Schultern und zwang meine staksigen Beinchen gefühlt beinahe in die Knie. Die Kapuze schützte mich gut vor Wind und Wetter. Nur die Seitensicht war unangenehm eingeschränkt, aber den Muff liebte ich. Wir hatten 1952/53 noch wenig Möglichkeiten, uns modisch zu kleiden oder gute Stoffe zu kaufen. Dieses Mäntelchen war purer Luxus. Der Fuchskragen, den sie für Mama mitgebracht hatte, stand Mama gut. Aber sie wollte den dann doch nicht mehr und gab ihn Oma Louise. Die wollte den dann auch nicht, weil sie es nicht mitansehen konnte, wie ich verzweifelt versuchte, ihn wieder lebendig zu streicheln. Jahrzehnte später ist es mir bei einem just verstorbenen Hamster tatsächlich gelungen, ihn für ungefähr zwei Tage wiederzubeleben. Der Fuchs landete jedenfalls bei Mamas Cousine Irmgard. Die war die Tochter von Tante Martha, einer von Oma Katharinas Schwestern, und flirtete auffällig mit meinem Papa. Tante Irmgard war extravagant, gebildet, roch immer gut. Das Schönste an ihr waren ihre dichten, gewellten, kastanienbraunen Haare. Da fiel ihre Hüftfehlbildung nicht weiter auf. Obwohl, sie schritt nicht, sie humpelte durchs Leben. Tante Irmgard war Chefsekretärin und blieb zeitlebens unverheiratet. Das Ranking um Männer war damals mühsam. Zwei Weltkriege hatten die Gruppe heiratsfähiger und/oder auch fortpflanzungsfähiger Männer deutlich schrumpfen lassen. Traumatisiert waren sie alle. (s. Anh./Kl. psych. Komp. 9)
I/3
Kalla
Der Boden im ersten Stock meines Elternhauses knarrte und ächzte unter jedem Schritt. Im Druck einer explodierenden Fliegerbombe nur wenige Meter vom Haus entfernt hatte sich das Haus geschüttelt und wieder aufgerichtet. Dabei waren Türen und Fenster wie Biskuits aus den Mauern geflogen. Niemand im Haus kam zu Schaden. Doch das Nachbarhaus an der Ecke gegenüber war zerstört. Die Bombe traf es und die Bewohner. Wer sich in diesem Augenblick im Nachbarhaus befand, wurde unter den Trümmern begraben. Keiner überlebte den Einschlag. Inmitten der Trümmer und der allgegenwärtigen Erinnerungen an den Krieg fand ich in meinem Elternhaus meinen Kindheitsfreund Kalla, meinen Retter aus dem Gitterkäfig.
In der ersten Etage des Hauses lebte eine Familie, die ihre Wohnung bei einem Bombenangriff verloren hatte. Ein Ehepaar mit zwei Kindern. Die ältere Tochter hieß Karin, sie war sieben Jahre älter als ich. Ihr jüngerer Bruder, Kalla, war drei Jahre älter als ich. Eigentlich hieß er Karl-Heinz. Aber das war nicht nur mir zu lang. Ich heiße Luitgard, das war allen zu kompliziert und zu lang. Aber Mama bestand darauf, dass alle, die mit mir, über mich oder von mir sprachen oder mich riefen, den Namen, den sie für mich ausgesucht hatte, auch ganz formulierten. Da blieb dann kein Platz für Kosenamen oder Spitznamen. Dachte sie. Für Kalla war ich Lui, wenn meine Mutter nicht anwesend war. Für meinen Papa in Gegenwart von Mama provokativ Lumpi. Die etwas älteren, frechen Jungs aus der Nachbarschaft riefen mir hinterher Luttjard-Stuttjart. Das riefen sie mir oft nach. Ich war darüber gekränkt und traurig. Damals waren es Flegeleien, heute nennt man es Mobbing.
Eigentlich sollte ich Petra heißen. Wenige Wochen vor mir wurde in der Nachbarschaft eine andere Petra geboren und auf den von meiner Mutter ursprünglich für mich gedachten Namen von deren Eltern getauft. Meine Mutter war darüber erbost. Niemals sollte ihre Tochter so heißen wie die von den Nachbarn. Sie erinnerte sich an den Namen der Schwester eines Freundes ihres verstorbenen Bruders aus Mecklenburg-Vorpommern und bestand auf Luitgard. Warum nicht Luise? Besser noch Louise, wie meine Oma tatsächlich hieß? Das hätte mir viel besser gefallen. Ich hasste meinen Namen viele Jahre. Meine Mutter sprach ihn hart und streng aus. Ständig war er Gegenstand irgendwelcher Fragen, in Gesprächen der Erwachsenen, von Kindern, mit denen ich einfach nur spielen wollte, in der Schule, beim Arzt. Immer wurde neben der Aussprache auch nach der Schreibweise gefragt. Mag sein, dass das der Grund war, weshalb ich früh lesen und buchstabieren konnte. Es hätte schlimmer kommen können! Danke, liebe Eltern, danke, dass ihr mich nicht Chantale, rheinisch ausgesprochen Schantalle, getauft habt. Die passende Abkürzung wäre mir sicher gewesen. Schnalle! Heute weiß ich, dass dieser altdeutsche Name es mir zwar unmöglich macht, in der grauen Masse zu verschwinden, aber es soll Momente in der Namenswahl von Eltern für ihre Kinder geben, die sind mystisch. „Hüterin des Volkes“ – ein Anspruch, bei dem es nicht leichtfällt, diesem gerecht zu werden.
Aber erst war ich noch klein, ängstlich und ahnungslos, welche Abenteuer ich bis zum Erreichen meiner überragenden Länge und inzwischen auch Breite zum heutigen Tag bestehen würde.
War ich nicht mit der Oma oder Erna, dem Kindermädchen, unterwegs, verbrachte ich meine ersten beiden Lebensjahre überwiegend im Laufstall in der Küche der Gaststätte.
Der Laufstall war mein kleines Reich. Ich teilte es mit Papas ein Jahr jüngerem, schwarzen Schäferhund, Rex.
Dessen großen, abgenagten Rinderknochen lutschten wir beide ab. Ich hatte keinen Schnuller. Dafür fünf Finger an der linken Hand, wovon ich zwei Finger in den Mund steckte. Ein weißes Babyjäckchen aus Baumwolle, dessen einer Ärmel so ausgeleiert war, dass meine Hand auch noch im Alter von vier Jahren hineinpasste, fummelte ich mir über die rechte Hand. Die legte ich dann zusätzlich über Nase und Mund mit Fingern drin und nuckelte mich in den Schlaf. Eines Mittags knurrte Rex neben mir. Ich erwachte, krallte meine kleinen Finger in sein schwarzes, dichtes Fell und zog mich neugierig an ihm hoch. Vor dem Laufstall kauerte Kalla und sah mich ebenso neugierig an. Mein Kindermädchen war wohl gerade mit dem Abwasch fertig. Sie machte Anstalten mich aus dem Laufstall zu heben. Kalla stand daneben.
„Beißt die?“, fragte er. Sie wollte wissen, warum er das denkt. „Weil die da drin ist mit dem Hund!“ Erna lachte. Sie beugte sich über mich, hob mich hoch und nahm mich auf den Arm. Kalla steckte einen Finger in die Nase. Er dachte nach. Wortlos verließ er die Küche. Er lief die Treppe hinauf zu seiner Mutter. Wenig später kamen er und Brem, das Namenskürzel hatte Papa Kallas Mutter verpasst, in die Gasthausküche. Sie nahm mich von Ernas Arm und trug mich rauf in ihre Küche. Von da an durfte ich mich frei bewegen.
Die Wände des Raumes, in dem die Familie von Kalla bei uns lebte, waren kahl. Eins der Fenster, das kleine Fenster zum Hof, war provisorisch mit Drahtglas auf einem selbst gezimmerten Holzrahmen verbarrikadiert. Zwei raumhohe Fenster zur Gasse waren notdürftig mit einfachstem Fensterglas repariert.
Kalla hatte dunkle Locken und ein verschmitztes Lächeln. Schon bald erkundeten wir gemeinsam die Räume, oft Hand in Hand, kletterten über Möbel, auf Schränke und spielten Verstecken. Dabei entdeckten wir im Dachgeschoss ein Zimmer mit einem großen Bett und einem Bücherschrank. Die Möbel waren in Altdeutsch-Rot gestrichen. Über allem lag eine dicke Staubschicht. Wir öffneten den Bücherschrank und entdeckten juristische Schriften neben alten Schulbüchern. Es war das frühere Zimmer meines Onkels Johann, genannt Hans, der nicht mehr aus dem Krieg zurückgekommen war. Seine Gebeine befinden sich irgendwo am Dnipro in der Ukraine. Zwischen seinem Tod und unseren Entdeckungstouren in seinem verlassenen Zimmer lagen elf Jahre. Zwischen jenem Tag, an dem wir sein Zimmer für uns entdeckten, und dem Ende des Zweiten Weltkrieges lagen acht Jahre. Für uns waren sein Leben und sein Sterben, der Krieg, vor unserer Zeitrechnung. Weit, weit weg. Für unsere Eltern gehörte es zu ihrer Vergangenheit ebenso wie in ihre Gegenwart, zu der wir gehören, in den meisten Fällen heute bereits gehörten. Wir sind die Generation, auf der einige Jahre später die Hoffnung unserer Eltern auf dauerhaftem Frieden lastete. Bleischwer wie inzwischen das Versagen unserer Generation, die traumwandlerisch friedenssüchtig von einem Jahrzehnt ins nächste glitt und hüpfte. Unter unseren Demonstrationsfahnen für Frieden, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit haben wir die Zeichen der Zeit nicht erkannt oder nicht erkennen wollen. Unser kollektives Lebensgefühl war so leicht, so positiv. Wir demonstrierten und tanzten gleichwohl selbstverliebt mit Schmetterlingen im Bauch und Blütenkränzen um Stirn und über der Brust. Wir hätten die Erinnerungen der vorangegangenen Generationen, an in Kriegen verübte Grausamkeiten, nicht verdrängen dürfen. Aus allen Himmelsrichtungen und zu allen Zeiten erreichte uns die Kunde von Machtmissbrauch und wahnhaften, willkürlichen Genoziden. Die Mentalität einiger Völker begünstigt entsprechende politische Systeme. Das hätten wir sehen müssen. Wir haben diesen entscheidenden Aspekt nicht erkannt.
...

