Es gibt keine Maikäfer mehr

Es gibt keine Maikäfer mehr

Helmut Leitner


EUR 18,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 274
ISBN: 978-3-99048-580-4
Erscheinungsdatum: 31.10.2016
Neben einer gelungenen Dokumentation des Alltags in der Zeit zwischen dem Zweiten Weltkrieg und dem ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts spürt Helmut Leitner auf vielfältiger Weise dem Begriff „Heimat“ nach und besticht durch phänomenale Naturbeschreibungen.
Prolog

Hätte man mich vor zehn Jahren gefragt, ob ich meine Lebensbiografie schreiben werde, so hätte ich es energisch verneint. Glücklicherweise hat mich niemand gefragt.
Mag die Geschichte meines Lebens zu scharf und allzu griffig, zu leisetreterisch, laut, witzig, unterhaltend, langweilig oder banal was auch immer sein. Es bleibt dem jeweiligen Leser überlassen, das zu beurteilen. Alles, was geschrieben steht, gehört zu mir und nichts kann daraus weggedacht werden. Es ist meine Geschichte über die durchwanderten Landschaften meines Lebens. Meine Stimmung widerspiegelnd am Tag des Schreibens, ein Wechselbad, wie eben das Leben so spielt.
Ja, ich habe mich mit Frische und Unbefangenheit ans Werk gemacht, den Blick auf die großen Linien gerichtet, festgehalten, was die Erinnerungen herzugeben im Stande waren. Was für eine Zeit habe ich durchlebt. Was für eine Welt, als noch die Maikäfer flogen, Mauersegler mit schrillem Schrei durch die Gassen und Straßen meiner Heimatstadt fegten.
Das Umfeld ist für alle Bewohner des blauen Planeten bedrohlicher geworden und der sichere Boden unter unseren Füßen ist in Bewegung geraten. Wir leben vor dem grauenvollen Hintergrund von mehr als einer Milliarde Hungernder in der Welt. Man stellt soziale Redlichkeit und humane Wertvorstellungen immer mehr in Frage. Ökologische Veränderungen treiben auf ihren Höhepunkt zu. Sind Kriminalität, Terror, zunehmende Brutalisierung zwischenmenschlicher Bereiche, Drogenmissbrauch und eine weltweite Energiekrise Alarmsignale einer kommenden Weltkatastrophe?
Man möchte einen starken Halt haben und sich geborgen wissen in einer Liebe, von der keine Macht der Welt trennen kann. Wohin trägt uns der Strom, der uns mit zunehmender Beschleunigung aller technischen, wirtschaftlichen, politischen und auch geistigen Prozesse mit sich fortreißt? Mündet er in einer Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes? Ist der Homo Sapiens, der aufrecht gehende, denkende Mensch, „seines Schöpfers Ebenbild“, nicht mehr Herr seines Schicksals? Wird er selbst Opfer der von ihm entfesselten Energien und Mächte?
Unsere Zeit, einsame Masse, stummer Frühling, Kulturverfall und Verlust der Mitte, von einer unaufhörlichen Kollektivierung unserer Lebensmöglichkeiten eingekreist.
Ist es das Fehlen an Liebe zu sich selbst (wie soll man dann den Nächsten lieben?), die Armut an Liebe zur Natur, zur Schöpfung?
Ich sage, ja, die großen globalen Probleme resultieren aus Mangel an Verständnis und Solidarität, beruhen auf fehlender Liebe zu allem, was da kreucht und fleucht, blüht und wächst.
Bin ich ein Nihilist? Nein, ich glaube an meine, an unsere Zukunft!
Dazu fällt mir das Lied von Heinzl ein: „Weinen mit den Ackergäulen oder mit den Wölfen heulen, warten, bis die Schwalben kommen, wieder im nächsten Jahr.“ Ich habe immer auf die Schwalben gewartet und es war gut so. Nur jetzt sterben schon die Bienen, ich höre die schrillen Schreie der Mauersegler schon lange nicht mehr, die Schwalben werden immer weniger und die Maikäfer …


Der Weg ins Leben

Die ersten verschwommenen Bilder tauchen aus dem Dunkel der Vergangenheit auf.

Ich beginne zu schreiben, es ist ein Maientag anno Domini 2009, die Amsel flötet ihr Lied, bauschige Wolken segeln im Azur des Himmels wie damals und dennoch.
Da sitze ich, am PC, gedankenverloren das Foto mit meiner Mutter, meinem Bruder Manfred und mir betrachtend. Ein Familienbild ohne Vater, ein Bild aus dem Jahr 1943, wie die Zeit vergeht.
Es fällt mir in meiner Melancholie Martin Luther ein, der angeblich gesagt haben soll: „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, würde ich heute noch einen Apfelbaum pflanzen.“ Ich habe ein Haus gebaut, zwei Kirschbäume, fünf Birken gepflanzt, aber keinen Apfelbaum, werde ich noch pflanzen?
Ich habe zu schreiben begonnen, für meine Lieben und mich, fest hoffend auf ein wohlmeinendes Schicksal für meine drei Kinder Markus, Andrea und David, meine Enkelkinder Philipp, Elias, Jonas, Xaver, Viktor und Flora. Ich schließe die Augen, spüre die warmen Sonnenstrahlen auf nackter Haut, im Radio singt Reinhard Mey: „Es gibt keine Maikäfer mehr“, gibt es sie wirklich nicht mehr? Ich habe schon lange keinen mehr gesehen.


Als die Maikäfer noch flogen

Kindheit

Geboren am 19. Juni 1940 um 22 Uhr 35, Sternbild Zwilling, Aszendent Steinbock. Die Sonne repräsentiert den Intellekt, den Geist, dargestellt als Symbol des Kreises, der Mond die Seele und das Empfängliche, das Kreuz als Symbol der Materie kommt allein nicht vor, da Materie ohne die beiden anderen Prinzipien nicht lebensfähig ist. Das Zwillingssymbol, also Merkur, zeigt, dass alle drei Prinzipien im harmonischen Ausgleich sind. Die Sache hat bei mir nur einen Haken, zu meiner Geburtsstunde standen Sonne und Mond in Opposition. Na dann …
Am Anfang meines Weges, meiner Bahn, die ich in diesem Kosmos ziehen muss. Als Kind ist man still, lebt, lernt und lauscht. Dann aber wird man aktiv, um den Weg zu gehen, die Bahn zu erfahren. „It is my way“, damit meine ich die „Freiheit des Wollens und Machens“. Jetzt am Ende des Weges geht mein Blick zurück, vieles erkennend, manches nicht. Habe ich mich selbst erkannt? Egal, es war und es ist mein Weg, durch schwere Zeiten oder schöne Zeiten. Immer wenn es dunkel wurde, mein Himmel sich verfinsterte, war es meist mein eigenes Ich, das mit hinderlich war. Die Sonnentage waren aber auch von meinem Ego geprägt, aufbauend auf Zuversicht und Gottvertrauen.
Der Zweite Weltkrieg wetterleuchtete über Europa. Hitlers Wehrmacht war an allen Fronten im Vormarsch, als ich im Juni 1940 als Zweitgeborener das Licht der Welt erblickte. Unser Vater, Sanitätsobergefreiter, bezahlte den Größenwahn Hitlers am 13. Dezember 1944 mit seinem Leben. Gefallen in Guebweiler nahe der deutschen Grenze.
Ich habe das Grab meines Vaters ein einziges Mal besucht. Ein riesiger Soldatenfriedhof mit tausenden schlichten Holzkreuzen unter schattigen Bäumen. Da stand ich an seinem Grab, am Grabe meines Vaters.
Welche Gedanken sind mir durch den Kopf gegangen, wie sinnlos, brutal und höllisch, ja höllisch ist doch die Geschichte der Menschheit. Nach Jahrtausenden unserer Geschichte steht noch immer fest, wir haben nichts dazugelernt.
Es war nach den Weihnachtsfeiertagen, als es an der Wohnungstür läutete. Mein Gott, ich war ein Knirps mit vier Jahren, aber ich kann mich genau erinnern, wie ich zur Tür losstürmte. Da standen zwei baumlange Männer in Uniform und gaben meiner Mutter einen Brief. Was oder ob sie etwas sagten, weiß ich nicht mehr. Meine Mutter versank in einem Meer von Tränen und ich, ratlos, nicht wissend, worum es geht, hielt mich am Bein meiner Mutter fest und weinte mit ihr. Trostlos, einsam, verlassen. Muss man sich immer erst die Augen aus dem Kopf weinen, um der Welt wieder mit einem Lächeln begegnen zu können?
Mutter hatte schon lange eine Vorahnung, da seit Wochen keine Feldpostbriefe mehr kamen. Sie erzählte uns später ihren Traum. Sie ging in den Stall von Großmutter. Im hintersten, finsteren Teil, wo nur ein kleines, trübes Fensterchen spärliches Licht in den Raum ließ, saß Vater auf einem Melkschemel und reinigte sein Gewehr. Mutter wollte auf ihn zulaufen und rief fragend: „Franzl, was machst du hier im Stall, warum schreibst du mir nicht mehr?“ Er machte eine abwehrende Handbewegung, winkte ihr mit dem Putzlappen, langsam lösten sich seine Konturen auf. Von dieser Nacht an war unsere Mutter in größter Sorge. Keine Nachricht, schlaflose Nächte und unzählige Tränen, wer weiß, wie viele vergossen wurden. Eine junge Frau wie hunderttausende andere auch, von einer düsteren Zukunft bedroht, und ihre Ahnung hat sich erfüllt.

Vater war tot, gefallen für Führer, Volk und Vaterland. Großartig, noch erlebten wir fast täglich Fliegeralarm. Es wurde zur Routine, nachts aus dem Schlaf gerissen zu werden, um in den Luftschutzkeller zu flüchten. Die FLAK wummerte und das Dröhnen der Bomber spielte die Begleitmusik. Die Decke des Hauses bebte von den nahen Einschlägen, aber die meisten Flieger luden ihre Bombenlast hinter dem Bahndamm ab und die Schäden in der Stadt hielten sich in Grenzen. Die Stadt war als wichtiges Angriffsziel für angreifende Flieger schwer anzufliegen. Links und rechts das Mur- und Mürztal, die steilen Flanken der Berge und am Kalvarienberg und Kreker FLAK-Batterien der Wehrmacht. Die anfliegenden Bomber wurden so ins Kreuzfeuer genommen, mussten vor den ansteigenden Bergflanken die Maschinen rechtzeitig hochziehen und so kam es, dass die meisten Bomben hinter dem Bahndamm landeten.
Seltsam, aber als Kind hat Angst eine andere Dimension als bei Erwachsenen. Es war wieder einmal mitten in der Nacht, die Sirene heulte. Ich wurde von meiner Mutter aus dem Gitterbett gerissen, mich auf dem Arm, Manfred an der Hand, stürmte sie in den Luftschutzkeller. Die Decke war mit soliden Holzpfosten abgestützt. Man hörte die FLAK bellen und die donnernden Einschläge der Bomben hinter dem Bahndamm. Adolf W., ein gestandenes Mannsbild um die 35 bis 40 Jahre (warum er nicht an der Front war, keine Ahnung?), saß zähneklappernd auf einer Holzkiste, seine Finger trommelten unaufhörlich auf eine vor ihm stehende Kiste, er hatte Angst.
Die Frontseite unseres Hauses war mit Einschlaglöchern übersät. Wir fanden jede Menge Splitter in der Mauer und am Boden, scharfkantig und gefährlich. Als wir eines Nachmittags von der Großmutter nach Hause gingen, flog ein Flugzeug tief, sehr tief, eine lange Rauchfahne nachziehend, und landete am Hohen Markt im Acker, Bruchlandung.
Ich sah beim Vorbeigehen, wie der Pilot als blutiges Bündel aus der Kanzel gezogen wurde. Meine erste Begegnung mit dem Tod.
Um nicht immer die Flucht in die Luftschutzstollen oder in den Keller antreten zu müssen, marschierten wir in die nahe Umgebung, hinauf zum Hansenhof, und lagerten am Waldrand. Fleck oder eine andere Suppe in der Milchkanne war immer dabei, damit wir uns laben konnten. Am Waldrand wurde ein Feuerchen angemacht und die Kanne mit der mitgebrachten Suppe mittels gekreuzter Stäbe darüber aufgehängt. Einmal kam der Förster Firndörfler, ich kann mich noch gut an seinen Namen erinnern, daher und verlangte, das Feuer sofort löschen. Die Suppe war gewärmt, das genügte, nur in Zukunft durften wir uns nicht mehr erwischen lassen.
Wenn die Flieger kamen, dann regnete es Silberstreifen vom Himmel. Mit diesen Streifen störten die Flieger der Alliierten die Höhenmessung der FLAK-Soldaten. Wir sammelten die Stanniolstreifen und kamen zu billigem Christbaumschmuck.
Der Frühling kam und mit ihm der Friede. Mai, laue, wundersame Nächte und die Maikäfer flogen wie eh und je, als hätte es nie einen Krieg gegeben. Angezogen vom Licht der Straßenlaternen, brummten sie mit all den anderen Insekten um die Straßenleuchten. Mit einer geheimnisvollen Sehnsucht in sich, wie sie den Kreaturen gegeben ist, die Sehnsucht nach dem Licht. Wir Kinder sangen: „Maikäfer, flieg, der Vater ist im Krieg, die Mutter ist in Pommerland, Pommerland ist abgebrannt, Maikäfer, flieg.“
Bevor der Zweite Weltkrieg ausbrach, besuchten unsere Eltern als junges, verliebtes Paar manchmal die Stockingers in Waidhofen/Ybbs. Karl Stockinger, unser Wahlonkel, war der beste Freund unseres Vaters. Was für eine Zeit für die Menschen von damals. In der großen Drift, im Strudel der Geschichte gefangen, und es gab kein Entkommen. Kurzes Glück und ein Meer von Tränen. Meine Generation, ungeachtet der Tatsache, dass sie in der Kriegszeit geboren wurde, zählt sicher auch schon zu den begnadeten Spätgeborenen. Warten, hoffen, geweinte und ungeweinte Tränen, eine verlorene Generation, die, vor mir geboren, alles Leid tragen musste.
Ich darf mich zu den Glücklichen zählen. Ja, ich muss sogar, denn nach dem Krieg ging es unaufhaltsam, anfänglich langsam, aber doch kontinuierlich aufwärts. Der wirtschaftliche Aufstieg begann in den fünfziger Jahren, steigender Wohlstand, der sich auf materiellem Gebiet darstellte.
Die Armut war erträglich, der Blick über den Zaun zu den damaligen Wohlstandsbürgern kein sonderliches Problem, da die Masse gleichgestellt in bescheidenen Verhältnissen lebte.
Für uns Halbwaisen war nach Aussage unserer Mutter Nachbar Wastl schon ein Schwerverdiener. Na ja, er war im nahen Stahlwerk Hilfsarbeiter, gemessen an unserer bescheidenen Hinterbliebenenrente allerdings eine nicht ganz unlogische Feststellung.
Das Nachkriegselend, das der vergangene Weltkrieg einer Generation von Kriegswitwen und Halbwaisen hinterlassen hatte, da die Männer im Krieg gefallen waren. Auch wir, Manfred und ich, waren Halbwaisen. In der Schule war es eher die Ausnahme, dass Schüler noch beide Elterteile hatten. Da fällt mir die Geschichte mit der Orange ein, die Mutter immer wieder erzählte. Wir fuhren mit dem Zug zur Vordernberger Großmutter. Ein Mann gegenüber fragte meinen Bruder Manfred, wie alt er sei. Seine Antwort: „Sechs Jahre!“ Dafür bekam er eine Orange, was für ein Schatz, eine Orange kannte ich maximal vom Sehen oder Hörensagen. Laut Mutter bin ich sofort zu diesem Mann hin und posaunte: „Ich bin auch sechs Jahre!“

Unsere Mama, eine Erinnerung an sie wie an eine sonnenbeschienene Ebene. Der Verlust unseres Vaters aber war lange, sehr lange der bedrohliche, gewitterschwere, wetterleuchtende Hintergrund dieser Lebenslandschaft. Eine Frau wie Millionen andere Frauen auch stand mit ihren zwei Buben als junge Witwe inmitten der Nachkriegswirren. Steiermark, Einmarsch der Befreier, die Rote Armee kam wie ein Unwetter über uns. Vergewaltigungen und Plünderungen waren an der Tagesordnung und machten auch vor meiner Großmutter nicht Halt. Das war die Befreiung? Vom Naziterror war in unserer Umgebung nichts zu bemerken gewesen, wie Mutter uns erzählte.

Die letzten Kampfhandlungen fanden in der Ost- und Südsteiermark statt. Entsetzliche Gräueltaten der russischen Soldateska. Vor allem junge Mädchen und Frauen wurden vergewaltigt und oft auch ermordet. Franz F. Seidl hat in seinem Buch „Zeitzeugen 1938 bis 1945“ diese furchtbaren Szenarien festgehalten. Ich sehe noch die langen Marschkolonnen flüchtender Landser, zwischendrin immer wieder langhornige Rinder. Die Männer versuchten den nachdrängenden Russen zu entkommen, sie strebten in Richtung Enns, dort waren die Amerikaner.
Einzelne reiterlose Pferde irrten herum und eines davon fanden wir auch. Es irrte herrenlos in der Umgebung unserer Siedlung umher. Wir wollten es zur Großmutter bringen, die hatte ja einen Stall und genügend Futter. Wir fütterten das Pferd, banden es am Gartenzaun an, um es am nächsten Tag zur Großmutter zu bringen. Am nächsten Morgen war unsere tierische Nahversorgung anderswo requiriert worden. Die Erwachsenen hatten heillose Angst vor den Russen.

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