Erlebnisreiche 50 Jahre

Erlebnisreiche 50 Jahre

Lothar Link


EUR 18,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 100
ISBN: 978-3-99038-925-6
Erscheinungsdatum: 01.07.2015
Über das Aufwachsen in einem hessischen Dorf in den 50er-Jahren. Vom verbotenen Fußballspielen, von Bandenringkämpfen und amerikanischen Panzern, die durch den Ort rollten. Der Autor erzählt lustige, interessante und aufregende Geschichten aus seinem Leben.
Kapitel 1
Fußballspielen nicht nur auf dem Sportplatz

Da wir an manchen Tagen nicht auf dem Sportplatz Fußball spielen durften, suchten wir uns Ausweichplätze. Bei Regen oder Schneefall waren das meistens Gärten und Höfe mit einem Scheunentor. Die Höfe waren meistens vom Platz her begrenzt, und so spielten wir auf ein Tor, das Scheunentor. Es wurden zwei Mannschaften eingeteilt und ein Torwart. Da wir auf engstem Raum spielen mussten, waren eine gute Ballbehandlung und das „Wursteln“ (dribbeln) sehr gefragt. Da bei Schüssen auf das Scheunentor der Ball immer blitzschnell zurückkam, musste man den Ball gut stoppen können, sonst war er weg. An einem kalten Wintertag spielten wir bei Köhlers im Garten Fußball. Es war gefroren, und teilweise lag Eis auf dem Rasen. Bei einem Zweikampf verlor ich das Gleichgewicht und fiel nach hinten. Um nicht mit dem Po auf den harten Rasen zu fallen, fing ich den Aufprall mit meinen beiden Händen ab. Dabei fiel ich unglücklich auf den linken Arm, und es gab einen fürchterlichen Knacks. Beim Anschauen meines Armes wurde es mir ganz übel, denn der Unterarm war in der Mitte gebrochen (Elle und Speiche). Es sah jetzt aus wie ein „V“. Nach dem ersten Schock fingen auch die Schmerzen an. Meine Mitspieler brachten mich nach Hause. Zu Hause gab es erst einmal ein Donnerwetter. Nach einigen Diskussionen gingen wir dann endlich zu Emrichs, die mich und meinen Onkel Heinrich nach Schotten in das Krankenhaus fuhren. Mit Emrichs sind wir verwandt, und die hatten ein Auto, wir besaßen damals noch kein Auto, und so mussten wir erst einmal in das Unterdorf laufen, damit wir nach Schotten fahren konnten. Heinrich war der Bruder von meinem Vater, und nach der Schicht in der Papierfabrik in Ober-Schmitten kam er zu uns und half in der Landwirtschaft mit. Der Chef im alten Krankenhaus von Schotten wollte meinen Arm wieder „richten“ und dann eingipsen lassen. Bevor ich in das Behandlungszimmer gebracht wurde, musste ich mich im Flur auf ein Bett setzen. Es ging mir richtig schlecht. Doch Heinrich sagte, ich solle mich nicht so anstellen, denn ich sei doch schon ein großer Bub. Dann ging es endlich los. Die damalige Vollnarkose war ein Lachgas. Bevor sie einsetzte, bekam ich eine Gummimaske aufgesetzt und musste anfangen zu zählen und dabei kräftig Luft holen. Ziemlich schnell bin ich dann auch eingeschlafen. Trotzdem hatte ich das Gefühl, alles mitzubekommen, nur Schmerzen hatte ich keine. An meinem Arm waren drei Mann beschäftigt. Der Erste hatte ein Tuch um die Armbeuge gelegt und zog nach der einen Seite. Der Zweite hielt eine Vorrichtung für fünf Finger. Die wurde an meiner Hand befestigt, und er zog nach der anderen Seite. In der Mitte versuchte der Chefarzt, den Arm zu richten. Nachdem der Arm wieder seine alte Form hatte, wurde ein Gipsverband vom Handgelenk bis zum Oberarm angelegt. Dann bekam ich einen „Stukka“ verpasst und wurde nach Hause geschickt. Ein Stukka sieht folgendermaßen aus: Er besteht aus einem Drahtgestell mit einem Brett, auf das der Arm gelegt wird. Das Ganze bekommt man dann seitlich vor den Brustkorb geschnallt. Sechs Wochen musste ich den Stukka tragen, Tag und Nacht, am schlimmsten waren die Nächte. Da der Gips direkt auf der Haut lag juckte es fürchterlich, hauptsächlich in der Armbeuge. Als Hilfsmittel nahm ich eine Stricknadel und versuchte vom Handgelenk und vom Oberarm aus, das Jucken zu bearbeiten, was mir auch teilweise gelang. Dann war es endlich so weit, und der Gips kam ab.
Nach der Schule ging es jeden Tag auf den Sportplatz. Mit Tip-Top zwei Mannschaften einteilen, und los ging es. Beim Tip-Top stehen sich zwei Spieler in einer beliebigen Entfernung gegenüber. Nun setzen die Kontrahenten abwechselnd einen Schuh vor den anderen. Der Spieler, dessen Schuh als letzter in die Lücke passt, hat gewonnen. Er darf jetzt anfangen aus den restlichen Spielern seine Mannschaft zu wählen. Als Tore wurden zwei Pullover hingelegt. Auf die großen Tore durften wir nicht spielen, der ganze Strafraum war ohne Gras und sollte geschont werden. Der alte Griesemer passte auf, und wenn wir trotzdem den Strafraum betraten, kam er an den Gartenzaun, schimpfte mit uns und wir mussten woanders auf dem Platz spielen. Wenn wir eine Weile gespielt hatten und Durst bekamen, machten wir Pause und gingen zum „Kätzenbach“, das war ein gemauerter Brunnen mit zwei Stufen. Dort kam ein Rohr aus der Wand, aus dem klares, frisches Wasser floss. Wir knieten uns hin und tranken mit dem Mund das frische Wasser, was sehr köstlich schmeckte. An manchen Tagen legten wir ein paar Pfennige zusammen und kauften uns im Lebensmittelladen eine Flasche weiße Limonade. Da wir so viele waren, bekam jeder nur einen kleinen Schluck ab. Aber der süße Geschmack war berauschend. Beim Fußballspielen waren unsere Vorbilder Uwe Seeler, Franz Beckenbauer, Gerd Müller usw. Jeder von uns suchte sich einen Namen aus, und beim Einteilen der Mannschaft war eine Mannschaft der HSV, Eintracht Frankfurt oder 1860 München. Einen richtigen Lederball hatten wir nicht. Jeden Tag musste ein anderer Spieler einen Ball besorgen. Meistens war es eine Plastikpille. Einmal hatten wir einen Lederball aus der Schule. Ich hatte die Verantwortung für den Ball bekommen. Doch auf dem Sportplatz nahmen uns die älteren Buben den Ball ab. Am anderen Tag musste ich mich beim Lehrer melden. Er wollte wissen, wo der Lederball war. Er war verschwunden, weil die älteren Buben den Ball nicht in die Schule zurückgebracht hatten. Doch den Lehrer interessierte das nicht. Ich hatte ja die Verantwortung für den Lederball, und so bekam ich mehrere Ohrfeigen, dass mir sogar das Ohr blutete. Der Sportplatz war fast jeden Tag von Kindern belegt, die Fußball spielten. Tagsüber waren wir unter uns, nur abends, wenn die Älteren kamen, wurde es schwierig. Beim Einteilen abends mussten wir uns immer beeilen, denn einen besonders hart spielenden Spieler wollten wir nicht mitmachen lassen. Wenn er eintraf, sagten wir immer: „Wir haben schon eingeteilt“, aber meistens spielte er doch mit. Einige Tage vor Beginn meiner Lehrzeit als Elektriker spielten wir Fußball auf das Heimtor. Der „Griesemer“ stand wieder am Gartenzaun und schimpfte mit uns. Bei einem Zweikampf im Fünfmeterraum stürzte ich nach vorne. Um den Aufprall abzufangen, versuchte ich mit beiden Händen, mich zu stützen. Das Hauptgewicht fiel auf den linken Arm, und es gab einen fürchterlichen Knacks, und der linke Unterarm war schon wieder gebrochen. Wie beim ersten Mal waren Elle und Speiche gebrochen, und der Arm sah wieder wie ein „V“ aus. Der Knacks war so laut, dass der Griesemer ihn am Gartenzaun hörte, so jedenfalls erzählten es die Leute im Dorf. Und wieder begann dieselbe Prozedur: Krankenhaus, Narkose, Ausrichten, Gips und „Stukka“. Es gab Tage, da mussten wir uns etwas Ausgefallenes ausdenken, um einen Platz zum Fußballspielen zu finden. Also suchten wir uns eine frisch gemähte Wiese von irgendeinem Bauern. Schnell zwei Mannschaften eingeteilt, HSV und Eintracht Frankfurt, als Torpfosten diente eine Weste oder ein Pullover, und schon ging es los. Meistens hatten wir Pech, und der Bauer erwischte uns, dann hieß es: Pullover und Weste einsammeln und abhauen. Aber auch durch solche Attacken ließen wir uns das Fußballspielen nicht verbieten. Wir zogen weiter und suchten uns eine andere Wiese. Und wenn wir keine Wiese fanden, dann hatten wir ja noch den Kuhtrieb und den Eichköppel. Eichelsdorf liegt im Tal und ist umgeben von vier kleinen Bergen, den Kuhtrieb, Eichköppel, Kleeberg und Weinberg. Der Kuhtrieb und der Eichköppel waren unsere Berge, wo wir Fußball spielten und andere Streiche ausheckten. Ich hatte nur ein Problem: Wo war mein Vater mit der Schafherde? Er hatte ein gutes Auge und entdeckte uns vom Eichköppel aus, wenn wir auf dem Kuhtrieb spielten, oder umgekehrt. Dann schrie er zu uns herüber, ich solle nach Hause gehen und etwas arbeiten. Deshalb suchten wir uns immer Stellen aus, wo er uns nicht sehen konnte. Das gelang uns halt nicht immer, und ich musste den Heimweg antreten. Das Fußballspielen machte ja auch hungrig und durstig, und auf Brot und Wurst von zu Hause hatten wir nicht immer Lust. An manchen Tagen gingen wir dann in das Spargeschäft. Wir kratzten ein paar Pfennige zusammen, kauften uns eine Flasche weiße Limonade und ein paar „Stachese“. Ein Staches ist ein mit Aufschnitt belegtes Brötchen. Dann wurde noch die Plastikpille eingepackt, und ab ging es auf den Kuhtrieb. Bevor wir anfingen, Fußball zu spielen, verputzten wir erst einmal die Stachese und tranken die Flasche Limonade. Denn so etwas gab es nicht alle Tage, und war etwas Besonderes, das wir auch sehr genossen. Da wir immer mehrere Jungs waren, wurden die Stachese und die Flasche Limonade untereinander aufgeteilt, damit jeder etwas abbekam.


Kapitel 2
Mein erstes Fußballspiel in der Schülermannschaft

Sport in der Schule nannte man damals „Leibeserziehung“ und die wurde im Sommer zum Glück auf dem Sportplatz ausgetragen. Unser Lehrer war fußballbegeistert, deshalb machten wir zum Abschluss immer ein Fußballspiel. Bevor es aber soweit war, mussten wir einige schweißtreibende Übungen absolvieren. Er achtete sehr auf Disziplin, und so konnte sich keiner drücken. Es gab damals zwei Jugendmannschaften in unserem Dorf. Die eine war die Schülermannschaft mit den Jahrgängen 10 bis 14 Jahre, die andere war die A-Jugend mit den Jahrgängen 14 bis 17 Jahre. Durch diese Regelung konnte jede Ortschaft zwei Jugendmannschaften stellen, und es gab jede Menge Nachbarschaftsderbys. Die Regel zurzeit erlaubt sechs Jugendmannschaften und eine „Pampersliga“. Bei so vielen Jugendmannschaften ist keine Ortschaft mehr in der Lage, so viele Mannschaften zu bilden, und es müssen riesige Spielgemeinschaften mit mehreren Ortschaften gebildet werden, um den Spielbetrieb aufrechtzuerhalten. Da ich jetzt endlich zehn Jahre alt war, wollte ich auch in der Schülermannschaft mitspielen. Dazu brauchte man erst einmal einen Spielerpass. Wie ging das? Mein Freund Oddi sagte: „Wir gehen in das Elektrogeschäft in unserem Dorf, dort kann man Passbilder machen lassen.“ Nach einer gewissen Zeit holten wir die Passbilder ab, und Oddi nahm sie mit nach Hause, denn sein Vater war Rechner im Sportverein. Nun musste ich noch Mitglied im Sportverein werden, und der Spielerpass konnte beantragt werden. Den Antrag für die Mitgliedschaft im Sportverein musste ich zu Hause von meinem Vater unterschreiben lassen. Da ich ja keinen Fußball spielen durfte, war das ein großes Problem. Aber schließlich konnte ich meinen Vater dazu überreden, den Antrag zu unterschreiben. Denn mein Vater interessierte sich auch für Fußball. Nach einer gewissen Zeit war der Spielerpass da, und ich konnte endlich in der Schülermannschaft mitspielen. Dann kam der große Tag. Es war ein Samstag. Da wir zur damaligen Zeit noch samstags Schule hatten, wurde die Mannschaft vom Lehrer in der letzten Stunde aufgestellt. In unserer Schule gab es drei Unterrichtsräume. In dem kleinen Pavillon, der zwischen den beiden Pausenhöfen lag, lernte das 1. und 2. Schuljahr. Im zweiten Unterrichtsraum zur Straße und Bachseite hin waren die Schuljahre 3, 4 und 5 untergebracht. Im dritten Unterrichtsraum, der direkt neben dem zweiten Unterrichtsraum lag, waren die Schuljahre 6, 7 und 8 untergebracht. Ich war damals im 5. Schuljahr und lernte im zweiten Unterrichtsraum. Die Mannschaft wurde aber immer im dritten Unterrichtsraum aufgestellt. Auf einmal hieß es, ich solle in den dritten Unterrichtsraum kommen, die Schülermannschaft werde aufgestellt. Als ich das hörte, machte ich mir vor lauter Aufregung fast in die Hose. Ich war also aufgestellt, und am Nachmittag sollte das erste Spiel für mich in Fauerbach angepfiffen werden. Auf dem Nachhauseweg von der Schule machte ich mir Gedanken, wie ich mittags von zu Hause wegkommen könnte, ohne dass es jemand merkte. Das größte Problem waren die Fußballschuhe: Wie sollte ich die aus dem Haus schmuggeln? Dann kam mir eine Idee. Kurz bevor ich zum vereinbarten Treffpunkt, die Eichelbrücke neben der Schule, kommen sollte, öffnete ich das Fenster in dem Zimmer, wo mein Bett stand, und stellte die Fußballschuhe auf die Fensterbank. Als ich das Haus verlassen wollte, wurde ich gefragt, wo ich hin wolle. Ich sagte: „Mit Freunden spielen.“ Als ich endlich draußen war, nahm ich die Fußballschuhe von der Fensterbank und rannte davon. Als ich am Treffpunkt angekommen war, warteten schon einige Spieler auf der Eichelbrücke, und als alle da waren, ging es endlich los. Unsere Vorstandsmitglieder Kurt und Hugo fuhren uns mit den Autos nach Fauerbach. In Fauerbach angekommen bekam jeder ein Trikot zum Anziehen. Hose und Stutzen musste jeder selber mitbringen. Die Hose hatte ich schon zu Hause unter meiner normalen Hose angezogen, und Stutzen hatte ich noch keine, Kniestrümpfe mussten reichen. Die Fußballschuhe waren aus Lauterbach von Verwandten meiner Mutter. Da ich in den Ferien eine Woche nach Lauterbach durfte und der Sohn der Familie auch Fußball spielte, schenkte er mir seine alten Schuhe. Bevor das Spiel angepfiffen wurde, bekam jeder Spieler gesagt, wo er spielen sollte. Ich sollte heute auf der Position des Mittelstürmers spielen. Wir hatten anscheinend alle einen schlechten Tag erwischt, denn wir verloren haushoch mit 0 : 18. Ich hatte außer bei den Anstößen nicht viele Ballkontakte und werde dieses Spiel mein Leben lang nicht vergessen.
Nach der Niederlage in Fauerbach beschloss ich, im Tor zu spielen. Denn zu diesem Zeitpunkt besaßen wir noch keinen richtigen Torwart. Der Spieler, der in Fauerbach im Tor gestanden hatte, war sonst immer Feldspieler gewesen. Um das Gefühl für einen Torwart zu bekommen, stellte ich mich bei jeder Gelegenheit, wenn wir Fußball spielten, in das Tor. Nach einiger Zeit konnte ich meine Mitspieler von meinem Torwart-Talent überzeugen. Jetzt musste ich nur noch unseren Lehrer überreden, mich in das Tor zu stellen. Beim nächsten Trainingsspiel bat ich den Lehrer, mich in das Tor zu stellen, was er dann auch machte. Während des Fußballspiels konnte ich einige Schüsse abwehren und unseren Lehrer überzeugen, dass ich ein guter Torwart war. An diesem Tag wurde beschlossen, dass ich die verbleibenden Partien im Tor spielen sollte. Ich strengte mich an, und wir machten ein paar gute Spiele. Als Torwart wurde ich jetzt immer aufgestellt und musste jeden Samstagnachmittag Fußball spielen, was mich freute, aber zu Hause vor immer größere Probleme stellte. Denn es war Sommer, und ich musste helfen, Heu zu machen. Eine Stunde vor dem Spiel stand ich noch auf der Wiese im Grund und wendete mit der Hand Heu. Aber in meinem Kopf drehte sich alles um den Fußball denn heute spielten wir im Derby bei Viktoria Nidda. Ich traute meinen Augen nicht, als auf einmal drei bis vier Spieler mit dem Fahrrad angefahren kamen, um mich abzuholen. Das war meine Rettung, denn nach langem Bitten und Betteln durfte ich endlich zum Fußball. Mit dem Fahrrad rasten wir zu mir nach Hause, wo ich meine Fußballsachen abholte, und ab ging es zum Treffpunkt Eichelbrücke, wo die anderen schon geduldig warteten. Wir spielten nicht schlecht, hatten aber gegen die Übermacht Nidda keine Chance und verloren das Spiel. So vergingen die Wochen, und endlich kam es zum Rückspiel gegen Fauerbach in Eichelsdorf. Damit die Strafräume auf unserem Sportplatz nicht für Trainingsspiele genutzt werden konnten, wurden die Tornetze nach jedem Spiel abgehängt, um das Gras zu schonen, obwohl dort sowieso keines wuchs. Vor jedem Heimspiel mussten wir dann die Tornetze wieder aufhängen. Da wir keine Leiter hatten, war das nicht so einfach. Wir wussten uns aber zu helfen, und so nahm ein Spieler einen etwas schmächtigen Mitspieler und setzte ihn auf seine Schultern, links und rechts vom Kopf hing ein Bein herunter, und so hatte er einen stabilen Halt. Ein anderer Spieler gab ihm das Netz in die Hand, und so konnte er das Netz in die vorhandenen Haken in der Torlatte einhängen. Nach dem Fußballspiel passierte das Gleiche nochmal, denn die Netze mussten ja wieder abgehängt werden. Ich erwischte einen guten Tag und brachte mit meinen Paraden die Spieler aus Fauerbach fasst zur Verzweiflung. Wir spielten nicht schlecht und verloren nur 0 : 5. Nach der Partie bekam ich von Spielern aus Fauerbach ein Lob, dass ich toll gehalten hätte. Die Zeit verging wie im Flug, und mein erstes Jahr in der Schülermannschaft war zu Ende. Im zweiten Jahr hatten wir dann einen richtigen Torwart, und ich konnte endlich wieder auf dem Feld spielen. Im Feld spielte ich dann meistens im Sturm oder im Mittelfeld. Die Jahre in der Schülermannschaft vergingen recht schnell, und zu Hause hatte ich jetzt auch weniger Probleme,Fußball zu spielen, denn es nützte nichts, mir den Sport zu verbieten, ich spielte ja sowieso.


Kapitel 3
Lausbubenstreiche als Kind

Vor unserer Haustür fließt die Eichel vorbei, ein kleiner Bach mit wenig Wasser im Sommer, aber nach viel Regen und nach dem Winter mit der Schneeschmelze im Vogelsberg kann sie schon mal zu einem reißenden Fluss werden. Aber im Sommer diente sie uns zum Baden in der „ahle Bach“ oder zum Fischefangen. Es gab zwei Sorten Fische in der Eichel, die Forelle und den Weiß-Fisch, so nannten wir ihn jedenfalls. Ich weiß bis heute noch nicht, was für ein Fisch er ist. Zum Fangen benötigten wir Rosendraht, den kauften wir im Edeka-Geschäft in unserem Dorf, und einen Holzstab, den schnitzten wir uns an der Eichel, denn es standen ja genug Bäume links und rechts der Eichel. Aus dem Rosendraht bastelten wir uns eine Schlinge und befestigten sie an dem Holzstab, schon war die Angel fertig. Die „ahle Bach“ war teilweise über einen Meter tief, und im Sommer nutzten wir sie auch zum Baden. Aber heute wollten wir ja Fische fangen. Wir stellten uns links und rechts an die Eichel und versuchten mit der Angel, die Schlinge um den Fisch zu bekommen. Das war ein richtiges Geduldsspiel, wenn die Forelle nämlich zu tief auf dem Bachgrund stand, war es schwierig, die Schlinge um sie zu legen, denn bei der kleinsten Berührung war sie weg. Die Forelle ließ sich aber besser fangen als der Weiß-Fisch, wenn eine Forelle günstig stand, war es recht einfach, sie zu fangen. Man tauchte die Schlinge in das Wasser und begann ganz langsam, sie von vorne über den Kopf der Forelle bis kurz hinter die Kiemen zu führen, dann zog man ganz schnell den Holzstab nach oben, die Schlinge zog sich zu, und die Forelle war gefangen. Jetzt warf man den Holzstab über sich nach hinten, und die Forelle landete auf der Wiese. Aber man konnte sie auch mit der Hand fangen. Werner hatte am wenigsten Angst und beherrschte das am besten. Die Wurzeln der Bäume ragten in das Wasser und waren durch das Hochwasser unterspült, diesen Hohlraum nutzte die Forelle, um sich zu verstecken. Aber auch die Flusskrebse nutzten dieses Versteck, und ihre zwei Scheren konnten einem schon richtig wehtun, wenn sie einem in den Finger zwickten. Aber Werner hatte keine Angst, er stellte sich vor die Wurzel und begann mit beiden Händen, den Hohlraum abzutasten, und wenn er mit dem Hintern wackelte, wussten wir, er hatte wieder eine Forelle gefangen. Nachdem wir ein paar Fische gefangen hatten, schnitten wir sie auf, machten sie sauber und reinigten sie in der Eichel. Einer ging heim, holte eine Pfanne, ein anderer Salz und Butter, und anschließend trafen wir uns auf dem Kuhtrieb. Erst machten wir ein Lagerfeuer, dann backten wir die Fische in der Pfanne über dem Lagerfeuer, bis sie gut durch waren. Anschließend verzehrten wir die Forelle, und sie schmeckte wieder vorzüglich.
Bernd wohnte im Dorf zur Miete, die hatten damals noch Landwirtschaft und besaßen die höchste Scheune im Dorf. An manchen Tagen trafen wir uns bei Bernd und beschlossen, heute machen wir „Balkenspringen“, eine Art Mutprobe: Wer vom höchsten Balken in der Scheune in das Heu oder Stroh sprang, hatte gewonnen. Dazu mussten wir aber erst einmal in die Scheune kommen, denn wenn Horst uns erwischte, mussten wir flüchten. Die Scheune hatte zwei Eingänge, einer von der Straßenseite durch den Hof in die Scheune, der zweite Eingang führte über einen Wiesenweg von hinten in die Scheune. Durch diesen hinteren Eingang schlichen wir uns einzeln in die Scheune. Manchmal war wenig Heu und Stroh in der Scheune gelagert, dann musste man schon ganz schön mutig sein, um von dem obersten Balken nach unten zu springen. Aber es machte uns großen Spaß, von solchen Höhen zu springen. Dabei mussten wir aber immer darauf achten, dass wir nicht zu laut waren. Denn rechts neben Tafels wohnte der Hugo, und wenn der uns dann hörte, ging er zum Horst und sagte: Die Bande ist wieder im Heu. Dann kam der Horst angerannt und brüllte schon von Weitem: „Macht euch aus dem Heu und verschwindet aus der Scheune ihr Lausbuben.“ Zu unserer Sicherheit hatten wir im Heu und Stroh sogenannte Budchen gebaut. Das waren Höhlen, die wir in das Heu und Stroh gebuddelt hatten.

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