Erinnerungen, Bekenntnisse, Reflektionen
Vom schlesisch-sächsischen Bauernjungen zum Dolmetscher und Staatsdiener
EUR 25,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 420
ISBN: 978-3-7116-0678-5
Erscheinungsdatum: 01.12.2025
Über 80 Lebensjahre in drei politischen Systemen – Harald Hildebrand blickt auf ein Leben zurück, das von der Landwirtschaft, von seiner Arbeit als Sprachmittler und der Entwicklungszusammenarbeit in der DDR und nach 1990 in der Bundesrepublik geprägt ist.
Nun ist es schon über 35 Jahre her. In Berlin, am 9. November 1989, es ging gegen Mitternacht. Am Grenzübergang Bornholmer Straße erzwingt eine in die Tausende gehende Menschenmenge die Öffnung der Berliner Mauer. Wir beide, ein ostdeutsches Ehepaar schon um die fünfzig, müde von einem normalen Arbeitstag, verschlafen dieses Weltereignis. Es war für uns beide wie gleichermaßen für Millionen DDR-Bürger ein tiefgehender Einschnitt, ein Umbruch mit weitreichenden Folgen. Wir holen den Schritt in den Westen am nächsten Tag nach. Am Kurfürstendamm tummeln sich die Massen, saugen gierig auf, was westliche Freiheit zu bieten vermag. Gedacht wird seitdem in vielfältiger Weise des Tages der Maueröffnung, die in dem Fall der Mauer und des Eisernen Vorhangs mündete. Inzwischen müssen Deutschland, das übrige Europa und die Welt den Folgen des Klimawandels Tribut zollen. Doch das allein ist es nicht, was H., nun 86 Jahre alt, mit Sorge auf die Zukunft der nach ihm Lebenden schauen lässt. Wie zu einem unentwirrbaren Knäuel verschlungen, steht die Menschheit vor Gefahren, Risiken und Bedrohungen. Sie waren in seinen von Krieg und Nachkriegszeit geprägten Kindheitsjahren nicht vorstellbar gewesen: der fortgehende Verlust und die Zerstörung der natürlichen Grundlagen für die menschliche Ernährung wie Ackerböden, Wasserressourcen und Artenvielfalt, die Abholzung von Regenwäldern und der Verlust ihrer unverzichtbaren Klimaregulation, die damit einhergehende Minderung der pflanzlichen und tierischen Artenvielfalt, der durch ländliche und städtische Armut verursachte Hunger von vielen Millionen Menschen. Dazu noch ein regionaler Krieg in Europa, ausgelöst von einem autoritären Herrscher, der sein Land in den alten Grenzen zurückhaben will und dabei den globalen Frieden aufs Spiel setzt. Der Westen hält dagegen. Eine globale Konfrontation zwischen dem parlamentarisch-demokratischen Regierungssystem westlicher Prägung und dem Autoritarismus der östlichen Großmächte China und Russland bedroht den Frieden. Dabei geht es um die wirtschaftliche und militärische Vormacht. Der wahnwitzige Rüstungswettlauf, nach dem Umbruch 1990 als überwunden geglaubt, verschlingt erneut gewaltige Geldmittel und Ressourcen, die bitter nötig wären für die Bekämpfung von Klimawandel, Umweltzerstörung und Hunger.
Meine Kindheit fiel in eine für viele Millionen Menschen in Deutschland, Europa und der übrigen Welt sehr bewegte und opferreiche Zeit. Ehe der Weltenbrand am 1. September 1939 mit dem Überfall Nazideutschlands auf Polen gezündet wurde, übten deutsche Soldaten in Spanien und italienische in Äthiopien schon mal den Krieg, erprobten neue Waffen. Das Sudetenland, die Tschechoslowakei und Österreich fielen dem von Hitler angefachten Expansionsdrang Deutschlands noch vor dem 1. September 1939 zum Opfer. Auf Polen, das binnen dreißig Tagen niedergeworfen, zerstört, besetzt und versklavt wurde, folgten die Benelux-Staaten, Frankreich, Dänemark, Norwegen und Teile des Balkans. Großbritannien litt zwar unter deutschen Bomben, aber es knickte nicht ein. Mit dem wortbrüchigen Überfall auf Sowjetrussland am 22. Juni 1941 erreichte der durch Nazideutschland vom Zaun gebrochene Zweite Weltkrieg ein nie gekanntes Ausmaß an Zerstörungen, Menschenopfern, Grausamkeiten und menschlichem Leid. Über 50 Millionen Menschenleben kostete dieser Krieg. Dem Rassenwahn Hitlers und seiner Helfer fielen im Holocaust über sechs Millionen jüdische Menschen in halb Europa zum Opfer. Die Deutschen folgten in ihrer großen Mehrheit fast zwölf Jahre lang der nationalsozialistischen Propaganda, wehrten sich vereinzelt gegen den Unterdrückungs- und Überwachungsapparat des „Dritten Reiches“ und hielten auch aus Angst vor den Russen bis kurz vor Kriegsende an der Front und im Hinterland ihrem „Führer“ die Treue. Der 20. Juli 1944 war ein spätes, dabei gescheitertes Aufbegehren. Der Krieg rollte von Ost und West in die Mitte Europas zurück, von wo er gestartet worden war. Mit der bedingungslosen Kapitulation am 8./9. Mai 1945 schwiegen endlich die Waffen in Europa, aber noch nicht in Fernost. Dort endete er im August 1945 zu einem hohen Preis: Über Hiroshima und Nagasaki gingen US-amerikanische Atombomben nieder, die einigen Zehntausend Japanern einen grausigen Tod brachten. Meine deutsche Heimat blieb als ein immenses materielles, geistiges und moralisches Trümmerfeld zurück. Über die Zukunft Deutschlands entschieden nun die siegreichen Großmächte. Im Streit darüber, wie das zunächst in vier Besatzungszonen aufgeteilte Land künftig als neues demokratisches und friedvolles Staatswesen gestaltet werden sollte, und in Verfolgung gegensätzlicher Interessen und Ziele gerieten Deutschland und das östliche Europa in den Sog des Kalten (Nach-)Krieges. Es kam 1949 zur Gründung der zwei deutschen Teilstaaten mit völlig unterschiedlichen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Systemen. Die Teilung Deutschlands schien auf lange Zeit zementiert. Später den zwei Militärblöcken NATO und Warschauer Pakt zugeordnet, standen sich die BRD und die DDR bis in die 1970er-Jahre so feindlich gegenüber, dass die kommunistische DDR-Führung 1961 mit einer Mauer in Berlin und hochtechnisierten „Schutzanlagen“ entlang der „Staatsgrenze“ die eigene Bevölkerung einsperrte. Der „Sozialismus in den Farben der DDR“ konnte unter dem Druck eigener Defizite und Mängel sowie externer Einflussfaktoren seine oft beschworene Sieghaftigkeit und Beständigkeit nicht behaupten. Der DDR-Staat brach 1989/90 auseinander. Seine Bevölkerung verweigerte sich diesem unterdrückerischen Regime und wollte wieder in einem einheitlichen Deutschland leben.
So viel zum historischen Hintergrund auch meines Lebens. Ich schaue auf jene Jahrzehnte zurück. Sie haben mich geprägt. Alter und Krankheit sind schlechte Weggefährten. So musste ich in meinem neunten Lebensjahrzehnt eine Aufgabe meistern, die meine physische und psychische Kraft sehr forderte: meine an einer unheilbaren Krankheit leidende Ehefrau pflegen und schließlich ihren Tod verschmerzen. Nun folge ich immer wieder meinen Erinnerungen, sie türmen sich zuweilen zu wirren Träumen auf.
Blick weit zurück
Der Junge lernt es nie, das Reiten, das wird nichts, so der Vater, als H. gerade nach einem erneuten Versuch vom galoppierenden Rappen gefallen war. Zieten hieß das schöne Tier, auf dessen Rücken es ihn nur kurz hielt. Der Vater hatte wohl einen etwas preußisch-vaterländischen Bezug zu jenem Husaren-General Friedrichs des Großen. Hatte dieser im 1. Schlesischen Krieg etwa mit dafür gesorgt, dass aus den ehedem österreichischen Vorfahren meiner Familie Preußen geworden sind? So kann große Geschichte über Jahrhunderte später das Leben des Einzelnen prägend bestimmen. Auch später, als es um die Berufswahl ging, wusste der Vater: ‚Was, Tierarzt? Dem Jungen fehlte doch dafür jede Berufung‘. Dabei wurde H. als Kind und Jugendlicher tüchtig rangenommen im bäuerlichen Betrieb. Dafür sorgte auch sein älterer Bruder; dem passte es gar nicht, dass ihn die Mutter zu schonen glaubte, eben weil der Kleine genug Zeit für die Schule haben sollte. Sie ließ nicht locker, was aber auch ihre Erwartung hochtrieb; eine Drei nach einer Klassenarbeit löste fast eine kleine Familienkatastrophe aus. Den Vater, gedanklich meist bei Acker und Vieh, rührte es wenig. Vielleicht hat er mal ein Zwischenzeugnis unterschrieben. Das Interesse war geweckt worden, wann immer einer der örtlichen Veterinäre zu Untersuchungen oder Behandlungen im Kuhstall auftauchte. Doch der Traum vom Tierarzt war bald ausgeträumt, weil vom Vater so gar keine Ermutigung ausging. Vielleicht war es gut so. Es trieb H. beruflich in eine andere Richtung. Der Russischlehrer an der Oberschule riet ihm zum Fremdsprachenstudium. So wurde aus ihm schließlich ein passabler Übersetzer und Dolmetscher des Englischen und Spanischen, später sogar des Portugiesischen. Doch der Landwirtschaft sollte er auch später verbunden bleiben, wenn auch im akademischen Sinne.
Sommer 1991. Bonn. H. und Ehefrau wandeln gemächlich am Ufer von „Vater Rhein“. Der Blick schweift hinüber zum Siebengebirge. Die Sonne lacht, und die beiden müssen die Augen schließen, sich in die Seite kneifen. Sind sie angekommen in diesem Deutschland, das ihnen wie vielen Zeitgenossen noch zwei Jahre zuvor undenkbar schien? Noch nicht einmal ein Jahr war es her, da mündeten Verweigerung und Widerstand eines „Staatsvolkes“, Umbruch und Wandel in jene Zangengeburt, Deutsche Einheit genannt. Noch heute, über dreißig Jahre später, wird darüber nachgedacht, räsoniert, gezweifelt, diskutiert, sich gefreut und geärgert, über das, was war und was daraus geworden ist. Hin und her getrieben, geografisch und politisch, von Ost nach West und wieder zurück, sitzt H. nun hier in Berlin und kann mit der Muße des Alters zu den Geschehnissen zurückkehren, die auch sein Leben geprägt haben. Dieser simple Reim könnte es vielleicht umreißen: „Wir alle sind in dieser oder jener Weise Teil der eng verschlungenen Kreise, die Herkunft, Gabe und Gelegenheit verweben zu dem, was wir dann nennen unser Leben.“
Umreißen werde ich mit meiner Lebensgeschichte wohl nichts. Weder literarisch noch mit meinem „Stoff“. Denn ich bin kaum bekannt. Ich bin wie fast alle meine Zeitgenossen jener grauen Masse zuzurechnen, im Englischen No-name People genannt. Trotzdem: Es gäbe schon etwas zu erzählen. Wo nun anfangen und enden in dem Versuch, etwas aufzuschreiben, was vielleicht lesenswert erscheinen mag? So viel erlebt, gesehen, erfahren, weniger erlitten! Rückblickend kann ich sagen: Mit mir hat es das Schicksal, Gott, die Vorsehung oder wer oder was auch immer über ein Menschenleben bestimmen möge, gut gemeint. Oft hatte ich auch ziemliches Glück, das mich vor Schlimmem, auch unüberlegtem Handeln und Dummheiten bewahrt hat. Glückliche Umstände und Situationen, auch eigenes Tun, haben die Weichen gestellt. Dabei ist es eben „auch nur so ein Leben“, wie es millionenfach vorkommt in dieser Welt, und trotzdem „sui generis“.
Niederschlesische Heimat
In Goldberg (heute Zlotoryja), einer Kleinstadt im nunmehr polnischen Niederschlesien, kam unser Zeitzeuge 1938 auf die Welt. Seine Geburtsstadt blickt auf eine lange Geschichte zurück. Im Jahre 1211 erhielt sie das sogenannte Magdeburger Stadtrecht. Die Goldgewinnung im Mittelalter gab der Stadt ihren Namen. In den Urkunden wird sie auch oppidum aurei montis genannt. Das Goldwaschen aus dem Flusssand der Katzbach währte nicht lange. Später prägten die Tuch- und Leinenweberei, der Handel und die Landwirtschaft das Wirtschaftsleben der Stadt und ihrer Umgebung. Sie war im späten Mittelalter auch ein kulturelles Zentrum. Eine regional berühmte Lateinschule erlebte unter ihrem mehrmaligen Rektor Valentin Trozendorf ihren Höhepunkt. Sie soll beispielgebend wegen ihrer fortschrittlichen Lehrmethoden gewesen sein und lockte Studenten aus Polen, Böhmen, Litauen und Siebenbürgen an. Es heißt sogar, Goldberg habe kurz vor der Gründung einer Universität gestanden. Eine Schlacht wurde auch an der Katzbach geschlagen. Die „Stiftung“ genannte Schule, die H. später, wenn auch nur wenige Wochen, besuchen würde, hat lange von diesem kulturellen Erbe gezehrt.
Seine Eltern waren Bauern. Die „Wirtschaft“ – so sagte sich das – konnte mit 12 Hektar Acker und Wiesen und einem ansehnlichen Viehbestand damals eine Familie von fünf Personen gut ernähren. Dahinter verbarg sich viel mühsame Arbeit. Die Eltern hatten 1933 geheiratet. Da waren Hitler und der Nationalsozialismus schon an der Macht. Von den Eltern hat der Sohn später dazu wenig erfahren. Bejubelt haben sie dieses Ereignis gewiss nicht, sich dreingefunden. Die Mutter erinnerte sich, H. sei gerade wenige Tage auf der Welt gewesen, als auch im beschaulichen Goldberg die Schaufenster jüdischer Geschäftsleute zu Bruch gingen. Aber Einzelheiten über die „Kristallnacht“, jene verniedlichende Bezeichnung, da der aufgehetzte Mob wütete, waren von ihr nicht zu erfahren.
Die Mutter, Bauerntochter aus der Liegnitzer Gegend, kümmerte sich hauptsächlich um die Kinder, den Haushalt, das Kleinvieh und den Garten. Damals kamen die meisten Nahrungsmittel wie Butter, Fleisch, Eier, Gemüse, Obst und Kartoffeln aus der eigenen Erzeugung. Die bäuerliche Familie konnte sich über das Jahr gut und ausgewogen ernähren. Die Mutter buk noch große, runde Roggenbrote im eigenen Backofen. Der Vater war der zweitälteste Sohn einer schlesischen Bauernfamilie, die am Rand von Goldberg über mehrere Generationen Landwirtschaft betrieb. Er war die Ruhe in Person, mit Leib und Seele Landwirt, nicht so rasch zu erschüttern.
Die ersten Lebensjahre waren bald von Kriegsereignissen überschattet, sie sollten H. erst nach 1945 bewusst werden. Der Vater kam mit fast 40 zur Wehrmacht, die Mutter, unterstützt von ihrem Schwiegervater und einer in das „Reich heimgeführten“ Russlanddeutschen mit zwei Töchtern, hatte nun den Bauernhof zu führen. Das war nicht einfach, denn längst war der „Nährstand“ Teil der Kriegswirtschaft und es mussten wie dann auch nach 1945 Lieferauflagen erfüllt werden. Immerhin kam H. damals schon in den Genuss sozialen Fortschritts: Er „durfte“ den städtischen Kindergarten besuchen, wollte aber partout nicht dorthin. Die morgendliche Übergabe an die „Tanten“ war von Gebrüll und Tränen begleitet.
Kriegsgeschehnisse
Die Kriegsereignisse im Winter/Frühjahr 1945 erlebte er als Sechsjähriger. Wenige persönliche Erlebnisse und Eindrücke mischen sich mit späteren Erzählungen Älterer. Der zeitliche Abstand von über siebzig Jahren hat manche Einzelheit verwischt. Aber das Kriegsende kurz nach dem 8. Mai 1945 prägte sich lebhaft ins Gedächtnis des Jungen ein, auch die Vorgeschichte.
Am 11. Februar 1945, einem frostkalten Sonntag, verließen die Eltern, der zehnjährige Bruder und H. sowie einige Verwandte und Bekannte mit zwei schwer bepackten Pferdewagen das heimatliche Goldberg. Der Geschützdonner und das Prasseln von Gewehrfeuer wurden aus Richtung Heynau (heute Chojnów) immer stärker vernehmbar und trieben zum Aufbruch. So setzte sich der „Treck“ an jenem Sonntagnachmittag in südwestlicher Richtung in Marsch. Der Großvater war nicht zu bewegen, mitzuziehen. Vielleicht lag es an seinem Altersstarrsinn. Er blieb auf dem Hof und hatte sich vermutlich nach der Einnahme der Stadt durch die Rote Armee am 13. Februar dem Abtreiben des Viehs widersetzt. Das bezahlte er mit seinem Leben. Der Vater war Pferdegespannführer bei der Wehrmacht gewesen. Er hatte es im Dezember 1944 zusammen mit einem Kameraden geschafft, sich mit seinen zwei Pferden und dem Wagen von der zusammenbrechenden Ostfront abzusetzen. Er erreichte nach heilloser Flucht seine Heimatstadt und seine Familie. So hatte er schon „Treck-Erfahrung“. An Weihnachten 1944 kann ich mich nicht erinnern. In den nachfolgenden Tagen wurde gepackt, noch rasch ein Schwein geschlachtet und Mundvorrat zubereitet. Die Flucht in Richtung Riesengebirge führte nachts durch einen Hohlweg, wo der Treck ohne Schaden einem russischen Tieffliegerangriff entkam. Schließlich fand man auf einem Bauernhof oberhalb des Oder-Zuflusses Bober nahe Märzdorf (heute Marciejowiec) Aufnahme. Dort erlebten die Flüchtlinge schließlich auch das Kriegsende. Der Vater, zwischenzeitlich ja fahnenflüchtig gewesen, hatte sich wieder der Truppe zugesellt, erlebte aber glücklicherweise bis Kriegsende keinen Kampfeinsatz mehr; die Rote Armee war nördlich und westlich in Richtung Sachsen und Böhmen siegreich vorgestoßen und jener Teil Niederschlesiens blieb von weiteren Kampfhandlungen verschont, die „Hauptkampflinie“ verharrte. Die Mutter besuchte den „Vaterlandsverteidiger“ einmal an seinem „ruhigen“ Standort Nähe Hirschberg. Er war bei der Flakartillerie. Dort muss es während der letzten Kriegsmonate recht locker und friedlich zugegangen sein. Den eher makaberen Ausspruch „Genießet den Krieg, der Frieden wird schrecklich“ brachte er mit, als wir wieder zusammen waren. Das Kriegsende selbst erlebte H. auf sehr drastische Weise. Noch kurz vor dem 8. Mai wurde in der Nähe eine Eisenbahnbrücke gesprengt, völlig sinnlos. Dann der Tag des Kriegsendes: In dem vom Schmelzwasser des Riesengebirges angeschwollenen Fluss trieben braune Hemden und andere Uniformstücke, Hakenkreuzfahnen und Generalstabskarten. Die Niederlage Nazideutschlands konnte nicht augenscheinlicher sein. Uns Kindern und Jugendlichen, die wir die geschichtliche Tragweite dieses Geschehens nicht erfassten, machte es Spaß, diese Insignien des Dritten Reiches aus dem Wasser zu ziehen und auf den Uferwiesen auszubreiten. Bald nach jenem Tage ging es zurück in die Heimatstadt. Der Vater radelte zuvor etwa 60 km Richtung Goldberg, um die Lage zu erkunden. Der Hof war kurzzeitig von sowjetischen Truppen besetzt gewesen. Die Verstecke im Hühnerstall und in der Scheune, wo Konserven, Hausrat und die Ledertreibriemen der Dreschmaschine dem Zugriff der „Russen“ entzogen werden sollten, waren von denen rasch entdeckt und geleert worden. Sämtliches Vieh war verschwunden. Aber der Hof war intakt. Die im Obergeschoss des Wohnhauses befindliche Wäschemangel hatten die Soldaten aus dem Fenster in den kleinen Teich geworfen. Ein Ankleidespiegel stand auf dem Hof, darin betrachtete sich später verwundert unser Fohlen. So kehrte die Familie H. Mitte Mai 1945 wieder zurück. Die Umgebung war verwüstet. Leichen und Tierkadaver verbreiteten in der schon warmen Maienluft süßlichen Verwesungsgeruch. Dem Vater fiel die traurige Pflicht zu, seinen Vater zu suchen. Die Suche blieb ergebnislos. Der Leichnam wurde erst 1946 von anderen, noch in der Stadt verbliebenen Einwohnern gefunden und bestattet. Bald schon bestellten Vater und Bruder mit dem verbliebenen Pferdegespann den Acker für die erste, wenn auch späte Frühjahrssaat im Frieden. Doch diesen Hafer haben wir dann nicht geerntet. Im Sommer nahm ein Pole den Hof in Besitz. Die Eltern, vor die Wahl gestellt, für den neuen Herrn zu arbeiten oder zu gehen, wählten die zweite Option. Familie H. fand dann Unterkunft auf dem Hof einer befreundeten Familie. Dort hatte sich ein polnischer Milizoffizier mit Familie eingerichtet, der die Deutschen duldete, ja fast freundlich behandelte.
Nachkriegszeit
Die folgenden Monate des Jahres 1945 erlebten eine Art Doppelherrschaft. Die großen Landgüter im Umfeld der Stadt wurden von der sowjetischen Armee bewirtschaftet und verwaltet. Dort mussten Deutsche arbeiten, auch der Vater. Wie sich die Familie damals ernährt haben mag, weiß H. nicht mehr. Nur an eine Begebenheit erinnere er sich deutlich. Die Polenfamilie bekam in unregelmäßigen Abständen verschiedene Lebensmittel zugeteilt, mal ein Fass mit Salzheringen, mal eine Ladung Weißbrot. Da wurde dann geschwelgt und die Familie H. bekam auch etwas ab. Es herrschte „polnische Wirtschaft“, so nannten es manche Deutsche damals abschätzig.
Bleiben oder in die Fremde treiben, so fragten sich viele Deutsche in den „Ostgebieten“. Nach der Potsdamer Konferenz (Juli/August 1945), von deren Beschlüssen ja niemand etwas wusste, verdichteten sich aber die Gerüchte: Man würde die Heimat verlassen müssen. Das Leben in G. wie im damaligen Schlesien war von Chaos, Willkür und dem Fehlen jeglicher staatlichen Ordnung geprägt. Die polnische Verwaltung war noch nicht etabliert. Aber Zwangsausweisung und Vertreibung setzten bereits ein. Auch Schulunterricht gab es nicht. Gruppen von Kindern und Jugendlichen vertrieben sich die Zeit damit, in der nahen Umgebung der Stadt umherzustreifen, zu „räubern“ und zurückgelassene scharfe Munition aufzuspüren und sie dann in einem Feuer explodieren zu lassen.
In den Dokumenten der Potsdamer Konferenz konnte man später unter „IX. Polen“ zu Schlesien lesen: „Die Häupter der drei Regierungen stimmen darin überein, dass bis zur endgültigen Festlegung der Westgrenze Polens die früher deutschen Gebiete östlich der Linie, die von der Ostsee unmittelbar westlich von Swinemünde und von dort die Oder entlang bis zur Einmündung der westlichen Neiße und die westliche Neiße entlang bis zur tschechoslowakischen Grenze verläuft, … unter die Verwaltung des polnischen Staates kommen und in dieser Hinsicht nicht als Teil der sowjetischen Besatzungszone betrachtet werden sollen …“
Wen konnte es wundern, dass sowohl die neu angesiedelten Polen lange Jahre verunsichert blieben und die ausgesiedelten Deutschen, ermutigt durch die Aktivitäten der Vertriebenenverbände in Westdeutschland, noch lange von einer Rückkehr nach den deutschen „Ostgebieten“ träumten. Die Mutter, energisch und auf eine Entscheidung drängend, hatte sich um die Jahreswende 1945/46 mit einer Freundin auf den Weg gemacht, um nach ihrem Vater zu suchen. Der war mit seiner Frau und anderen Leuten seines Dorfes Anfang 1945 in Richtung Sachsen „getreckt“ und hatte in einer sächsischen Kleinstadt Aufnahme gefunden und Land erhalten. So war er schon bald „Neubauer“, wie die Begünstigten der Bodenreform in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) hießen. Die Mutter kam mit dieser Nachricht von ihrem waghalsigen „Ausflug“ zurück. Waghalsig deshalb, weil Frauen in dieser unruhigen Nachkriegszeit der Gefahr der Vergewaltigung durch Sowjetsoldaten ausgesetzt waren. Aber sie hatte Glück, es war ihr nichts zugestoßen. Sie kehrte mit dem festen Entschluss zurück, auf jeden Fall Schlesien zu verlassen. Davon musste sie erst noch ihren Ehemann überzeugen. Von Natur aus zögerlich und alle Dinge lange bedenkend, fiel es ihm sehr schwer, die schlesische Heimat und damit den Hof endgültig aufzugeben. Die Familie fühlte sich nicht als unmittelbar Vertriebene, sie war eher freiwillig dem Druck der Verhältnisse gewichen. Mit zwei Handwagen zog die Familie, begleitet von einer alleinstehenden Frau mit Kind, auf der Autobahn Breslau–Forst in Richtung Neiße. Das war im Februar 1946. Die „Flüchtenden“ stimmtenzum Abschied mit Galgenhumor das Lied „Muss I’ denn, muss I’ denn zum Städtele hinaus“ an. Unterwegs nahm ein berittener und bewaffneter Pole den Flüchtlingen noch einen Teil ihrer Habe. Wo und wie übernachtet wurde, ist H. nicht in Erinnerung geblieben.
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Meine Kindheit fiel in eine für viele Millionen Menschen in Deutschland, Europa und der übrigen Welt sehr bewegte und opferreiche Zeit. Ehe der Weltenbrand am 1. September 1939 mit dem Überfall Nazideutschlands auf Polen gezündet wurde, übten deutsche Soldaten in Spanien und italienische in Äthiopien schon mal den Krieg, erprobten neue Waffen. Das Sudetenland, die Tschechoslowakei und Österreich fielen dem von Hitler angefachten Expansionsdrang Deutschlands noch vor dem 1. September 1939 zum Opfer. Auf Polen, das binnen dreißig Tagen niedergeworfen, zerstört, besetzt und versklavt wurde, folgten die Benelux-Staaten, Frankreich, Dänemark, Norwegen und Teile des Balkans. Großbritannien litt zwar unter deutschen Bomben, aber es knickte nicht ein. Mit dem wortbrüchigen Überfall auf Sowjetrussland am 22. Juni 1941 erreichte der durch Nazideutschland vom Zaun gebrochene Zweite Weltkrieg ein nie gekanntes Ausmaß an Zerstörungen, Menschenopfern, Grausamkeiten und menschlichem Leid. Über 50 Millionen Menschenleben kostete dieser Krieg. Dem Rassenwahn Hitlers und seiner Helfer fielen im Holocaust über sechs Millionen jüdische Menschen in halb Europa zum Opfer. Die Deutschen folgten in ihrer großen Mehrheit fast zwölf Jahre lang der nationalsozialistischen Propaganda, wehrten sich vereinzelt gegen den Unterdrückungs- und Überwachungsapparat des „Dritten Reiches“ und hielten auch aus Angst vor den Russen bis kurz vor Kriegsende an der Front und im Hinterland ihrem „Führer“ die Treue. Der 20. Juli 1944 war ein spätes, dabei gescheitertes Aufbegehren. Der Krieg rollte von Ost und West in die Mitte Europas zurück, von wo er gestartet worden war. Mit der bedingungslosen Kapitulation am 8./9. Mai 1945 schwiegen endlich die Waffen in Europa, aber noch nicht in Fernost. Dort endete er im August 1945 zu einem hohen Preis: Über Hiroshima und Nagasaki gingen US-amerikanische Atombomben nieder, die einigen Zehntausend Japanern einen grausigen Tod brachten. Meine deutsche Heimat blieb als ein immenses materielles, geistiges und moralisches Trümmerfeld zurück. Über die Zukunft Deutschlands entschieden nun die siegreichen Großmächte. Im Streit darüber, wie das zunächst in vier Besatzungszonen aufgeteilte Land künftig als neues demokratisches und friedvolles Staatswesen gestaltet werden sollte, und in Verfolgung gegensätzlicher Interessen und Ziele gerieten Deutschland und das östliche Europa in den Sog des Kalten (Nach-)Krieges. Es kam 1949 zur Gründung der zwei deutschen Teilstaaten mit völlig unterschiedlichen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Systemen. Die Teilung Deutschlands schien auf lange Zeit zementiert. Später den zwei Militärblöcken NATO und Warschauer Pakt zugeordnet, standen sich die BRD und die DDR bis in die 1970er-Jahre so feindlich gegenüber, dass die kommunistische DDR-Führung 1961 mit einer Mauer in Berlin und hochtechnisierten „Schutzanlagen“ entlang der „Staatsgrenze“ die eigene Bevölkerung einsperrte. Der „Sozialismus in den Farben der DDR“ konnte unter dem Druck eigener Defizite und Mängel sowie externer Einflussfaktoren seine oft beschworene Sieghaftigkeit und Beständigkeit nicht behaupten. Der DDR-Staat brach 1989/90 auseinander. Seine Bevölkerung verweigerte sich diesem unterdrückerischen Regime und wollte wieder in einem einheitlichen Deutschland leben.
So viel zum historischen Hintergrund auch meines Lebens. Ich schaue auf jene Jahrzehnte zurück. Sie haben mich geprägt. Alter und Krankheit sind schlechte Weggefährten. So musste ich in meinem neunten Lebensjahrzehnt eine Aufgabe meistern, die meine physische und psychische Kraft sehr forderte: meine an einer unheilbaren Krankheit leidende Ehefrau pflegen und schließlich ihren Tod verschmerzen. Nun folge ich immer wieder meinen Erinnerungen, sie türmen sich zuweilen zu wirren Träumen auf.
Blick weit zurück
Der Junge lernt es nie, das Reiten, das wird nichts, so der Vater, als H. gerade nach einem erneuten Versuch vom galoppierenden Rappen gefallen war. Zieten hieß das schöne Tier, auf dessen Rücken es ihn nur kurz hielt. Der Vater hatte wohl einen etwas preußisch-vaterländischen Bezug zu jenem Husaren-General Friedrichs des Großen. Hatte dieser im 1. Schlesischen Krieg etwa mit dafür gesorgt, dass aus den ehedem österreichischen Vorfahren meiner Familie Preußen geworden sind? So kann große Geschichte über Jahrhunderte später das Leben des Einzelnen prägend bestimmen. Auch später, als es um die Berufswahl ging, wusste der Vater: ‚Was, Tierarzt? Dem Jungen fehlte doch dafür jede Berufung‘. Dabei wurde H. als Kind und Jugendlicher tüchtig rangenommen im bäuerlichen Betrieb. Dafür sorgte auch sein älterer Bruder; dem passte es gar nicht, dass ihn die Mutter zu schonen glaubte, eben weil der Kleine genug Zeit für die Schule haben sollte. Sie ließ nicht locker, was aber auch ihre Erwartung hochtrieb; eine Drei nach einer Klassenarbeit löste fast eine kleine Familienkatastrophe aus. Den Vater, gedanklich meist bei Acker und Vieh, rührte es wenig. Vielleicht hat er mal ein Zwischenzeugnis unterschrieben. Das Interesse war geweckt worden, wann immer einer der örtlichen Veterinäre zu Untersuchungen oder Behandlungen im Kuhstall auftauchte. Doch der Traum vom Tierarzt war bald ausgeträumt, weil vom Vater so gar keine Ermutigung ausging. Vielleicht war es gut so. Es trieb H. beruflich in eine andere Richtung. Der Russischlehrer an der Oberschule riet ihm zum Fremdsprachenstudium. So wurde aus ihm schließlich ein passabler Übersetzer und Dolmetscher des Englischen und Spanischen, später sogar des Portugiesischen. Doch der Landwirtschaft sollte er auch später verbunden bleiben, wenn auch im akademischen Sinne.
Sommer 1991. Bonn. H. und Ehefrau wandeln gemächlich am Ufer von „Vater Rhein“. Der Blick schweift hinüber zum Siebengebirge. Die Sonne lacht, und die beiden müssen die Augen schließen, sich in die Seite kneifen. Sind sie angekommen in diesem Deutschland, das ihnen wie vielen Zeitgenossen noch zwei Jahre zuvor undenkbar schien? Noch nicht einmal ein Jahr war es her, da mündeten Verweigerung und Widerstand eines „Staatsvolkes“, Umbruch und Wandel in jene Zangengeburt, Deutsche Einheit genannt. Noch heute, über dreißig Jahre später, wird darüber nachgedacht, räsoniert, gezweifelt, diskutiert, sich gefreut und geärgert, über das, was war und was daraus geworden ist. Hin und her getrieben, geografisch und politisch, von Ost nach West und wieder zurück, sitzt H. nun hier in Berlin und kann mit der Muße des Alters zu den Geschehnissen zurückkehren, die auch sein Leben geprägt haben. Dieser simple Reim könnte es vielleicht umreißen: „Wir alle sind in dieser oder jener Weise Teil der eng verschlungenen Kreise, die Herkunft, Gabe und Gelegenheit verweben zu dem, was wir dann nennen unser Leben.“
Umreißen werde ich mit meiner Lebensgeschichte wohl nichts. Weder literarisch noch mit meinem „Stoff“. Denn ich bin kaum bekannt. Ich bin wie fast alle meine Zeitgenossen jener grauen Masse zuzurechnen, im Englischen No-name People genannt. Trotzdem: Es gäbe schon etwas zu erzählen. Wo nun anfangen und enden in dem Versuch, etwas aufzuschreiben, was vielleicht lesenswert erscheinen mag? So viel erlebt, gesehen, erfahren, weniger erlitten! Rückblickend kann ich sagen: Mit mir hat es das Schicksal, Gott, die Vorsehung oder wer oder was auch immer über ein Menschenleben bestimmen möge, gut gemeint. Oft hatte ich auch ziemliches Glück, das mich vor Schlimmem, auch unüberlegtem Handeln und Dummheiten bewahrt hat. Glückliche Umstände und Situationen, auch eigenes Tun, haben die Weichen gestellt. Dabei ist es eben „auch nur so ein Leben“, wie es millionenfach vorkommt in dieser Welt, und trotzdem „sui generis“.
Niederschlesische Heimat
In Goldberg (heute Zlotoryja), einer Kleinstadt im nunmehr polnischen Niederschlesien, kam unser Zeitzeuge 1938 auf die Welt. Seine Geburtsstadt blickt auf eine lange Geschichte zurück. Im Jahre 1211 erhielt sie das sogenannte Magdeburger Stadtrecht. Die Goldgewinnung im Mittelalter gab der Stadt ihren Namen. In den Urkunden wird sie auch oppidum aurei montis genannt. Das Goldwaschen aus dem Flusssand der Katzbach währte nicht lange. Später prägten die Tuch- und Leinenweberei, der Handel und die Landwirtschaft das Wirtschaftsleben der Stadt und ihrer Umgebung. Sie war im späten Mittelalter auch ein kulturelles Zentrum. Eine regional berühmte Lateinschule erlebte unter ihrem mehrmaligen Rektor Valentin Trozendorf ihren Höhepunkt. Sie soll beispielgebend wegen ihrer fortschrittlichen Lehrmethoden gewesen sein und lockte Studenten aus Polen, Böhmen, Litauen und Siebenbürgen an. Es heißt sogar, Goldberg habe kurz vor der Gründung einer Universität gestanden. Eine Schlacht wurde auch an der Katzbach geschlagen. Die „Stiftung“ genannte Schule, die H. später, wenn auch nur wenige Wochen, besuchen würde, hat lange von diesem kulturellen Erbe gezehrt.
Seine Eltern waren Bauern. Die „Wirtschaft“ – so sagte sich das – konnte mit 12 Hektar Acker und Wiesen und einem ansehnlichen Viehbestand damals eine Familie von fünf Personen gut ernähren. Dahinter verbarg sich viel mühsame Arbeit. Die Eltern hatten 1933 geheiratet. Da waren Hitler und der Nationalsozialismus schon an der Macht. Von den Eltern hat der Sohn später dazu wenig erfahren. Bejubelt haben sie dieses Ereignis gewiss nicht, sich dreingefunden. Die Mutter erinnerte sich, H. sei gerade wenige Tage auf der Welt gewesen, als auch im beschaulichen Goldberg die Schaufenster jüdischer Geschäftsleute zu Bruch gingen. Aber Einzelheiten über die „Kristallnacht“, jene verniedlichende Bezeichnung, da der aufgehetzte Mob wütete, waren von ihr nicht zu erfahren.
Die Mutter, Bauerntochter aus der Liegnitzer Gegend, kümmerte sich hauptsächlich um die Kinder, den Haushalt, das Kleinvieh und den Garten. Damals kamen die meisten Nahrungsmittel wie Butter, Fleisch, Eier, Gemüse, Obst und Kartoffeln aus der eigenen Erzeugung. Die bäuerliche Familie konnte sich über das Jahr gut und ausgewogen ernähren. Die Mutter buk noch große, runde Roggenbrote im eigenen Backofen. Der Vater war der zweitälteste Sohn einer schlesischen Bauernfamilie, die am Rand von Goldberg über mehrere Generationen Landwirtschaft betrieb. Er war die Ruhe in Person, mit Leib und Seele Landwirt, nicht so rasch zu erschüttern.
Die ersten Lebensjahre waren bald von Kriegsereignissen überschattet, sie sollten H. erst nach 1945 bewusst werden. Der Vater kam mit fast 40 zur Wehrmacht, die Mutter, unterstützt von ihrem Schwiegervater und einer in das „Reich heimgeführten“ Russlanddeutschen mit zwei Töchtern, hatte nun den Bauernhof zu führen. Das war nicht einfach, denn längst war der „Nährstand“ Teil der Kriegswirtschaft und es mussten wie dann auch nach 1945 Lieferauflagen erfüllt werden. Immerhin kam H. damals schon in den Genuss sozialen Fortschritts: Er „durfte“ den städtischen Kindergarten besuchen, wollte aber partout nicht dorthin. Die morgendliche Übergabe an die „Tanten“ war von Gebrüll und Tränen begleitet.
Kriegsgeschehnisse
Die Kriegsereignisse im Winter/Frühjahr 1945 erlebte er als Sechsjähriger. Wenige persönliche Erlebnisse und Eindrücke mischen sich mit späteren Erzählungen Älterer. Der zeitliche Abstand von über siebzig Jahren hat manche Einzelheit verwischt. Aber das Kriegsende kurz nach dem 8. Mai 1945 prägte sich lebhaft ins Gedächtnis des Jungen ein, auch die Vorgeschichte.
Am 11. Februar 1945, einem frostkalten Sonntag, verließen die Eltern, der zehnjährige Bruder und H. sowie einige Verwandte und Bekannte mit zwei schwer bepackten Pferdewagen das heimatliche Goldberg. Der Geschützdonner und das Prasseln von Gewehrfeuer wurden aus Richtung Heynau (heute Chojnów) immer stärker vernehmbar und trieben zum Aufbruch. So setzte sich der „Treck“ an jenem Sonntagnachmittag in südwestlicher Richtung in Marsch. Der Großvater war nicht zu bewegen, mitzuziehen. Vielleicht lag es an seinem Altersstarrsinn. Er blieb auf dem Hof und hatte sich vermutlich nach der Einnahme der Stadt durch die Rote Armee am 13. Februar dem Abtreiben des Viehs widersetzt. Das bezahlte er mit seinem Leben. Der Vater war Pferdegespannführer bei der Wehrmacht gewesen. Er hatte es im Dezember 1944 zusammen mit einem Kameraden geschafft, sich mit seinen zwei Pferden und dem Wagen von der zusammenbrechenden Ostfront abzusetzen. Er erreichte nach heilloser Flucht seine Heimatstadt und seine Familie. So hatte er schon „Treck-Erfahrung“. An Weihnachten 1944 kann ich mich nicht erinnern. In den nachfolgenden Tagen wurde gepackt, noch rasch ein Schwein geschlachtet und Mundvorrat zubereitet. Die Flucht in Richtung Riesengebirge führte nachts durch einen Hohlweg, wo der Treck ohne Schaden einem russischen Tieffliegerangriff entkam. Schließlich fand man auf einem Bauernhof oberhalb des Oder-Zuflusses Bober nahe Märzdorf (heute Marciejowiec) Aufnahme. Dort erlebten die Flüchtlinge schließlich auch das Kriegsende. Der Vater, zwischenzeitlich ja fahnenflüchtig gewesen, hatte sich wieder der Truppe zugesellt, erlebte aber glücklicherweise bis Kriegsende keinen Kampfeinsatz mehr; die Rote Armee war nördlich und westlich in Richtung Sachsen und Böhmen siegreich vorgestoßen und jener Teil Niederschlesiens blieb von weiteren Kampfhandlungen verschont, die „Hauptkampflinie“ verharrte. Die Mutter besuchte den „Vaterlandsverteidiger“ einmal an seinem „ruhigen“ Standort Nähe Hirschberg. Er war bei der Flakartillerie. Dort muss es während der letzten Kriegsmonate recht locker und friedlich zugegangen sein. Den eher makaberen Ausspruch „Genießet den Krieg, der Frieden wird schrecklich“ brachte er mit, als wir wieder zusammen waren. Das Kriegsende selbst erlebte H. auf sehr drastische Weise. Noch kurz vor dem 8. Mai wurde in der Nähe eine Eisenbahnbrücke gesprengt, völlig sinnlos. Dann der Tag des Kriegsendes: In dem vom Schmelzwasser des Riesengebirges angeschwollenen Fluss trieben braune Hemden und andere Uniformstücke, Hakenkreuzfahnen und Generalstabskarten. Die Niederlage Nazideutschlands konnte nicht augenscheinlicher sein. Uns Kindern und Jugendlichen, die wir die geschichtliche Tragweite dieses Geschehens nicht erfassten, machte es Spaß, diese Insignien des Dritten Reiches aus dem Wasser zu ziehen und auf den Uferwiesen auszubreiten. Bald nach jenem Tage ging es zurück in die Heimatstadt. Der Vater radelte zuvor etwa 60 km Richtung Goldberg, um die Lage zu erkunden. Der Hof war kurzzeitig von sowjetischen Truppen besetzt gewesen. Die Verstecke im Hühnerstall und in der Scheune, wo Konserven, Hausrat und die Ledertreibriemen der Dreschmaschine dem Zugriff der „Russen“ entzogen werden sollten, waren von denen rasch entdeckt und geleert worden. Sämtliches Vieh war verschwunden. Aber der Hof war intakt. Die im Obergeschoss des Wohnhauses befindliche Wäschemangel hatten die Soldaten aus dem Fenster in den kleinen Teich geworfen. Ein Ankleidespiegel stand auf dem Hof, darin betrachtete sich später verwundert unser Fohlen. So kehrte die Familie H. Mitte Mai 1945 wieder zurück. Die Umgebung war verwüstet. Leichen und Tierkadaver verbreiteten in der schon warmen Maienluft süßlichen Verwesungsgeruch. Dem Vater fiel die traurige Pflicht zu, seinen Vater zu suchen. Die Suche blieb ergebnislos. Der Leichnam wurde erst 1946 von anderen, noch in der Stadt verbliebenen Einwohnern gefunden und bestattet. Bald schon bestellten Vater und Bruder mit dem verbliebenen Pferdegespann den Acker für die erste, wenn auch späte Frühjahrssaat im Frieden. Doch diesen Hafer haben wir dann nicht geerntet. Im Sommer nahm ein Pole den Hof in Besitz. Die Eltern, vor die Wahl gestellt, für den neuen Herrn zu arbeiten oder zu gehen, wählten die zweite Option. Familie H. fand dann Unterkunft auf dem Hof einer befreundeten Familie. Dort hatte sich ein polnischer Milizoffizier mit Familie eingerichtet, der die Deutschen duldete, ja fast freundlich behandelte.
Nachkriegszeit
Die folgenden Monate des Jahres 1945 erlebten eine Art Doppelherrschaft. Die großen Landgüter im Umfeld der Stadt wurden von der sowjetischen Armee bewirtschaftet und verwaltet. Dort mussten Deutsche arbeiten, auch der Vater. Wie sich die Familie damals ernährt haben mag, weiß H. nicht mehr. Nur an eine Begebenheit erinnere er sich deutlich. Die Polenfamilie bekam in unregelmäßigen Abständen verschiedene Lebensmittel zugeteilt, mal ein Fass mit Salzheringen, mal eine Ladung Weißbrot. Da wurde dann geschwelgt und die Familie H. bekam auch etwas ab. Es herrschte „polnische Wirtschaft“, so nannten es manche Deutsche damals abschätzig.
Bleiben oder in die Fremde treiben, so fragten sich viele Deutsche in den „Ostgebieten“. Nach der Potsdamer Konferenz (Juli/August 1945), von deren Beschlüssen ja niemand etwas wusste, verdichteten sich aber die Gerüchte: Man würde die Heimat verlassen müssen. Das Leben in G. wie im damaligen Schlesien war von Chaos, Willkür und dem Fehlen jeglicher staatlichen Ordnung geprägt. Die polnische Verwaltung war noch nicht etabliert. Aber Zwangsausweisung und Vertreibung setzten bereits ein. Auch Schulunterricht gab es nicht. Gruppen von Kindern und Jugendlichen vertrieben sich die Zeit damit, in der nahen Umgebung der Stadt umherzustreifen, zu „räubern“ und zurückgelassene scharfe Munition aufzuspüren und sie dann in einem Feuer explodieren zu lassen.
In den Dokumenten der Potsdamer Konferenz konnte man später unter „IX. Polen“ zu Schlesien lesen: „Die Häupter der drei Regierungen stimmen darin überein, dass bis zur endgültigen Festlegung der Westgrenze Polens die früher deutschen Gebiete östlich der Linie, die von der Ostsee unmittelbar westlich von Swinemünde und von dort die Oder entlang bis zur Einmündung der westlichen Neiße und die westliche Neiße entlang bis zur tschechoslowakischen Grenze verläuft, … unter die Verwaltung des polnischen Staates kommen und in dieser Hinsicht nicht als Teil der sowjetischen Besatzungszone betrachtet werden sollen …“
Wen konnte es wundern, dass sowohl die neu angesiedelten Polen lange Jahre verunsichert blieben und die ausgesiedelten Deutschen, ermutigt durch die Aktivitäten der Vertriebenenverbände in Westdeutschland, noch lange von einer Rückkehr nach den deutschen „Ostgebieten“ träumten. Die Mutter, energisch und auf eine Entscheidung drängend, hatte sich um die Jahreswende 1945/46 mit einer Freundin auf den Weg gemacht, um nach ihrem Vater zu suchen. Der war mit seiner Frau und anderen Leuten seines Dorfes Anfang 1945 in Richtung Sachsen „getreckt“ und hatte in einer sächsischen Kleinstadt Aufnahme gefunden und Land erhalten. So war er schon bald „Neubauer“, wie die Begünstigten der Bodenreform in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) hießen. Die Mutter kam mit dieser Nachricht von ihrem waghalsigen „Ausflug“ zurück. Waghalsig deshalb, weil Frauen in dieser unruhigen Nachkriegszeit der Gefahr der Vergewaltigung durch Sowjetsoldaten ausgesetzt waren. Aber sie hatte Glück, es war ihr nichts zugestoßen. Sie kehrte mit dem festen Entschluss zurück, auf jeden Fall Schlesien zu verlassen. Davon musste sie erst noch ihren Ehemann überzeugen. Von Natur aus zögerlich und alle Dinge lange bedenkend, fiel es ihm sehr schwer, die schlesische Heimat und damit den Hof endgültig aufzugeben. Die Familie fühlte sich nicht als unmittelbar Vertriebene, sie war eher freiwillig dem Druck der Verhältnisse gewichen. Mit zwei Handwagen zog die Familie, begleitet von einer alleinstehenden Frau mit Kind, auf der Autobahn Breslau–Forst in Richtung Neiße. Das war im Februar 1946. Die „Flüchtenden“ stimmtenzum Abschied mit Galgenhumor das Lied „Muss I’ denn, muss I’ denn zum Städtele hinaus“ an. Unterwegs nahm ein berittener und bewaffneter Pole den Flüchtlingen noch einen Teil ihrer Habe. Wo und wie übernachtet wurde, ist H. nicht in Erinnerung geblieben.
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