Erinnerungen an Erinnerungen

Erinnerungen an Erinnerungen

Axel Görlitz


EUR 19,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 392
ISBN: 978-3-99131-478-3
Erscheinungsdatum: 15.09.2022
Erzählt wird eine Lebensgeschichte. Leser erfahren manches über den Autor, einiges über sich selbst und vieles über Zeitgenossen. Eine meist anekdotische Erzählweise stiftet Amüsement, und verstreute informative Miniaturen appellieren an Nachdenklichkeit.
1

Eine retrospektive Betrachtung ist der Bericht von einer Zeitreise zu sich selbst. Die Frage ist, ob solche Selbstbeschreibungen nicht letztlich Fremdbeschreibungen sind. Wer sich selbst beschreibt, macht sich zweifellos zum Objekt seiner Beschreibung, spaltet sich also in das Subjekt auf, das sich retrospektiv selbst betrachtet, und in das Objekt, das Gegenstand dieser Betrachtung ist. Der Urheber muss sich deshalb als der eine in Szene setzen, der zurückblickt, und als der andere, auf den zurückgeblickt wird. Der Betrachter entfernt sich von sich selbst, um sich selbst näherzukommen, und verarbeitet deshalb alle zugänglichen Informationen über sich selbst. Informationsquellen sind eigene Rückerinnerungen und Berichte Dritter. Solche Dritte, die des Zeitreisenden Chronik um Geschehnisse und Anekdoten anreichern, sind per se mehr oder weniger Fremde. Aber auch der Biograf reift im Verlauf seiner Lebensgeschichte und entfremdet sich so von seinen vorhergehenden Entwicklungszuständen. Von Lebensstadium zu Lebensstadium eröffnen sich immer andersgeartete Rückblicke. Der Verfasser erschafft sich nach seinen Bildern selbst, nach Momentaufnahmen, die er und viele andere ins Werk gesetzt haben. Niemand befasst sich zweimal mit derselben Chronik.

Dabei lässt sich nicht ignorieren, dass man letztendlich ohnehin nur über sich selbst sprechen kann. Das spiegelt trefflich die Aufforderung, sich in jemanden anderen hineinzuversetzen – dann sitzt da eben doch wieder der eine und gibt sich nur als anderer aus. Jemanden zu verstehen, verlangt letztlich nicht mehr, als zuzuhören und das Gehörte kongenial weiterzuspinnen. Allerdings kann man sich beim Zuhören leicht verlieren. Wenn man sich öfter als anderer ausgibt, vergisst man sich am Ende und schreibt sich Eigenschaften seiner Gesprächspartner zu, hält sich ebenfalls oder gerade nicht für kindheitsgeschädigt, übersensibel oder benachteiligt. Das mag so sein, kann aber auch ganz anders sein.
Warum also sollte man jemanden, der sich auf die Suche nach sich selbst begibt, nachlesend begleiten? Vielleicht, um etwas über sich selbst zu erfahren. Sicher, wer von einem Werdegang berichtet, memoriert zumeist in erster Linie seine Lebensreise. Aber jede derartige Reisebeschreibung kreist immer auch um Gott und die Welt. Papier ist nicht nur geduldig, sondern auch gesprächig. Keiner dürfte ausschließlich Stationen einer höchst privaten Lebensreise aufzählen, die niemanden zu Aufenthalten einladen. Deshalb mag es sich lohnen, einen Lebenslauf nachzuvollziehen, den man zumindest etappenweise mitgelaufen sein könnte oder vielleicht gern nacherleben würde. Das sollte man sich von einer Lebensbeschreibung zwar nicht versprechen, aber vielleicht lässt sich auch halten, was nicht versprochen wurde. Zur Kontrolle sollte man sich allerdings hin und wieder fragen, ob es sich bei der Lebensgeschichte nicht doch nur um eine Singularität handelt. Wäre das der Fall, lohnte sich die weitere Lektüre nicht. Könnte man sich dagegen in solcher Sonderlichkeit wiederfinden oder sich bewusst davon distanzieren, verbürgte Weiterlesen Selbstbezug, wenn nicht gar Selbsterkenntnis. Der Berichterstatter hätte sich und sein Gegenüber gefertigt. Man würde von ihm etwas über sich erfahren. Schreiber und Leser würden sich wechselseitig produzieren.
Auch an meinem Anfang war das Wort. Zu meinen ersten Worten zählten „Hendrik“, wenn es regnete, oder „Mengengkerling“, wenn ein Schmetterling vorbeiflatterte. Nicht, dass ich mich erinnere, so etwas je gesagt zu haben. Mir wurde das später immer wieder erzählt, und auch, dass sich alle Zuhörer köstlich amüsiert hätten. Inzwischen sehe ich mich genau vor mir, wie ich auf wackeligen Beinchen durch die Wohnung torkele, in Richtung Fenster „Hendrik“ oder auf dem Balkon „Mengengkerling“ stammle und die Erwachsenen um mich herum sich prustend auf ihre Schenkel klopfen. Vermutlich sind meine Kindheitserinnerungen alle nicht authentisch. Irgendwer hat immer interpretiert, korrigiert oder dementiert, sodass ich nicht mehr erschließen kann, was je, nie oder ganz anders gewesen ist. Deshalb zweifele ich auch an der Authentizität jener wenigen Bilder, die tief in meine Erinnerung eingebrannt scheinen. Aber was immer sich damals ereignet haben mag, es hat mich möglicherweise nachhaltig geprägt – auch wenn mich diese Begrifflichkeit skeptisch stimmt, denn verhaltensbiologisch oder entwicklungspsychologisch meint Prägung frühkindliche Lernprozesse, die zu Aneignung irreversibler Verhaltensweisen führen. Jedenfalls beginne ich mit einer meiner ersten Erinnerungen, die ich mir im Wesentlichen selbst zuschreibe und die mich glauben lässt, es handele sich um ein frühkindliches Schlüsselerlebnis.
Eines Tages schmeichelte meine Mutter, wir gingen jetzt zum lieben Doktor, der mir eine große Gummischürze umbinden würde, was sehr gut aussähe und mir sicher gefiele. Augenblicklich überkam mich ein dumpfes Unbehagen, eine diffuse Angst, ein schmerzlicher Unmut. Warum fürchtet sich ein Dreijähriger von großen Gummischürzen? Dass er darunter vergraben, damit sauber gehalten oder darin eingezwängt werden soll? Bis dahin hatte ich nur dem Lebertran nicht entrinnen können, jetzt wurde ein Gang unausweichlich, der ein ganz neues Würgegefühl verursachte. Aber ich sollte doch tapfer, ein kleiner großer Mann, der Stolz meiner Mutti sein. Außen bröckelnde Fassade, drin Himmelangst, Kraftlosigkeit, Kleinmut, und im Angesicht des Arztes, eines imposanten Mannes mit einem runden, gelochten Spiegel über der Stirn, nur noch Panik. Ich klammerte mich an meine Mutter, wurde von einer Helferin wie ein Egel losgerissen, in einen kunstledernen Hochstuhl geklatscht, rotierte auf dem Sitz, biss in die Arzthand, bekam Ohrfeigen, schrie nach meinem Vati, verwickelte mich in die Schürze, spürte Gewebe auf Mund und Nase, witterte Giftgeruch, fiel ins Bodenlose. Das Chloroform wirkte. Drei Tage später, also nach zwei Tagen und zwei Nächten Tiefschlaf, kam ich wieder zu mir. Womöglich: zu einem anderen.

Max Frisch lässt Herrn Gantenbein sagen: „Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält.“ In der Tat ist Identität keine Quintessenz kontinuierlich fortgeschriebener Erinnerungen, sondern ein Aggregat fortwährend korrigierter, permanent zensierter und immer wieder neu interpretierter Reminiszenzen. Dabei werden Erinnerungslöcher mit plausiblen Versatzstücken gestopft, und jedes so modifizierte Gedankenkonstrukt wird zur Grundlage der nächsten Reproduktion, die ebenso instabil und umformbar ist. Speicherort solcher Konstrukte sind Synapsen im Langzeitgedächtnis, einer Kombination mehrerer Orte und zahlloser Nervenzellen im Gehirn, deren gemeinsame elektrische Aktivität das Erinnerungsmuster erzeugt. Dieses Muster weist Lücken auf, die aufgefüllt oder überbrückt und so zum Einfallstor für Erinnerungsmodifikationen oder gar -trugbilder werden können. Oder abermals mit Max Frischs Gantenbein gesagt: „Ich probiere Geschichten an wie Kleider.“

Wie auch immer zu ich zu mir gekommen sein mag, klar war, wo. In der Beletage eines großbürgerlichen Wohnhauses, einem dreistöckigen Putzbau mit Dreiecksgiebeln, Erkern und Balkonen, die vorn auf zwei großen Säulen ruhten und rundherum Brüstungen aus kleinen Säulen zur Schau trugen. Das Kindermädchen hatte dafür Sorge zu tragen, dass ich nicht darauf herumturnte, wie es überhaupt auf mich aufpassen musste. Vom Hörensagen weiß ich, dass es anfangs auch eine Säuglingsschwester gab, die meiner Mutter oder eher der meine Mutter beim Wickeln, Fläschchen geben oder Ausfahren zur Hand ging. Später haben sich dann Dienstmädchen meiner angenommen. Ich denke, wir lebten so, wie sich meine Mutter, eine schlanke, schwarzhaarige, dunkeläugige Frau, einen großbürgerlichen Lebensstil vorstellte: mit respektvollen Bediensteten, die zum Haushalt gehörten und die Dame des Hauses mit „Gnädige Frau“ wie auch den Hausherrn mit „Gnädiger Herr“ anredeten, mit einer autoritativen, gleichwohl verständnisvollen Herrschaft, erbaulichen Kindern in eigenen, abgesteckte Freiräume eröffnenden Spielzimmern und, nicht zuletzt, einem gediegenen Bekanntenkreis aus seinesgleichen. Aber auch wenn ihre Mutter, wie sie berichtete, als junges Mädchen Zofe der Gräfin von Friedenstein war, so warf diese adelige Umgebung nicht den kleinsten Abglanz auf meinen bodenständigen Großvater, der mit einer Dachdeckerei ebenso wie mein nicht minder biederer Großvater väterlicherseits mit einem Schuhgeschäft ein rechtschaffenes Handwerk betrieb. Die großbürgerlichen Attitüden meiner Mutter waren wahrscheinlich eine Nachwirkung der Etikette, die ihre früh verstorbene Mutter auf der Friedensteiner Burg eingeübt und an ihre Tochter weitergegeben hatte.
Nach dem Arztbesuch fiel ich mir, wie ich rückblickend mutmaße, zum ersten Mal ein. Bisher hatte es nur Aufwallungen gegeben, dass ich Heißhunger auf Süßes verspürte, Furcht vor Dunkelheit empfand oder mich vor Lebertran ekelte. Aber solche Anwandlungen kamen zu Besuch, kündigten sich an, mit Magenknurren, Gänsehaut oder verkrampftem Mund. Sie waren einfach da, man holte sich dann ein Zuckerstück, schmiegte sich in einen Arm oder schüttelte sich, und hernach verschwendete man keinen Gedanken mehr daran. Diesmal war alles anders. Was sich mit diffusem Unbehagen angekündigt hatte, ereignete sich nicht einfach, sondern trat mir gegenüber. Da waren natürlich weiterhin das Fresssäckchen, der Hasenfuß oder der Fürchtenicht, aber es gab jetzt auch jemanden unter den vielen, der alle zusammenhielt. Ich ahnte, dass ich nicht bloß der jeweils eine war, der gerade naschen, beschützt werden oder mutig sein wollte, sondern dass alle zusammen mich ergaben. Die Ahnung, dass es mich gab, erschreckte mich zutiefst. Wie, war ich nicht nur ein Teil der Eltern? Stand ich für mich selbst, abgegrenzt, schlimmer noch, ausgegrenzt? Die Mutti eine andere, in einer Reihe mit dem Arzt? Der Vati nicht unsichtbar neben mir, sondern unerreichbar wo anders?
Eins mit mir war wenigstens noch mein Teddy. Das postkartengroße, hellbraune, knopfäugige, schlappohrige, dackelnasige Plüschtier war der Rückhalt in dieser fortschreitenden Auflösung. Ich könnte heute noch beeiden, dass mein Teddy mir zugehört, mich beraten und liebgehabt hat. Natürlich würde ich belächelt, so wie ich belächelt wurde, als ich einmal bei einem Waldspaziergang gerade noch eine Zwergenmütze in einem Erdloch verschwinden sah. Man tut als Hirngespinst ab, wenn Kinder gelegentlich Befremdliches entdecken oder sogar Steine sprechen lassen. Gottlob respektierten meine Eltern den Teddy genauso wie ich, und als er einmal in einem Wiener Hotel vergessen und mir vor Kummer sterbenselend wurde, ließen sie ihn vom Portier per Express nachschicken. Ohne meinen Teddy konnte ich nicht einschlafen, fand ich keinen Trost, war ich einsam. Ich umsorgte ihn wie mich selbst; als ein Auge herausfiel, musste es sorgsam wieder eingenäht werden, und jeder Riss wurde umgehend gestopft. Mir war klar, dass mich mein Teddy ebenso brauchte wie ich ihn, und so schworen wir uns ewige Treue. Wir haben den Schwur gehalten; den Teddy gibt es noch immer, die Sehnsucht nach der Sehnsucht auch. Der Teddy und ich kamen damals nicht nur bis Wien, sondern bis Tirol und sogar Ostpreußen. In welche Richtung es ging, hing davon ab, mit wem ich reisen musste. Es gab nämlich die Reisen meines Vaters und die Reisen meiner Mutter.
Meinen Vater, ein an den Schläfen früh ergrauter, stämmiger, gutaussehender Mann, den meine Mutter wegen seines Embonpoints gern als „Knorpselkirsche“ etikettierte, zog es im Sommer nach Ostpreußen. Daher stammte er, dort bewohnte seine Mutter ein kleines Haus und dort wollte er auch mich verwurzeln. Mich zeigt ein Foto zusammen mit meiner etwas älteren Cousine bei einem Bad in einem Zuber. Ich meine mich zu erinnern, dass ich lautstark Oma an meiner Entdeckung teilhaben ließ, meine Cousine könne ihr Pipi völlig einziehen, mir aber nicht verrate, wie man das macht. Als Oma damals verdruckst zur Sexualaufklärung ansetzte, um die Frage nach dem Versteck des Pipis und damit der Unterschiede zwischen den Geschlechtern weitschweifig zu beantworten, wollte ich längst nur noch wissen, warum Haareschneiden nicht wehtut. Andererseits, „Pipi“ gehörte wohl doch nicht zu meinem Wortschatz. Wir verfremdeten Unaussprechliches mit wohligen Begriffen, nannten verhärteten Nasenschleim „Zwerglein“ und unsere Ausscheidungen „kleinen Wunsch“ und „großen Wunsch“. Als ich meiner Oma zum ersten Mal einen großen Wunsch antrug, fragte sie so lange, was ich denn erheische, bis ihr mein Hosenboden veranschaulichte, worum es ging. Meine Oma sehe ich noch vor mir, eine schmalgesichtige, drahtige, bodenständige Gestalt mit schlohweißem, zu einem Knoten gebundenem, ehrfurchtgebietendem Haarschopf. Obwohl sie rastlos in Haus und Garten zugange war, nahm sie sich für mich und meine Nöte immer Zeit. Als einmal am anderen Ende des Dorfes ein Haus abbrannte und ich vor Angst, mein Vater könnte gerade jetzt an dem Haus vorbei- und im Feuer umgekommen sein, schlotterte, rannte sie schnurstracks dorthin und demonstrierte mir so, dass für Passanten keine Lebensgefahr bestand.
Ebenso genau erinnere ich mich noch an meine erste Fahrt mit dem Fahrrad. Mein Vater trabte zunächst hinterher und hielt mit einer Hand hinten am Sattel das Rad im Gleichgewicht, bis er mir eines Tages mit dem Ruf freie Fahrt gab, ich radele geradewegs nach Polen. Von da an konnte ich Rad fahren. Vage Erinnerungen knüpfen sich an Bootsfahrten mit meinem Vater auf ineinander übergehenden, bis zum Horizont ausgedehnten Seen. Vielleicht rührt daher meine Liebe zu flirrenden Gewässern, auf- und abschwellendem Geplätscher von Wellen oder verwunschenen Buchten. Mit gemischten Gefühlen denke ich an die devote Beflissenheit der Landbevölkerung, wenn wir ins Dorf zurückkehrten. Da zogen die Männer ihre Mützen, während die Frauen die Köpfe senkten, mit beiden Händen ihre Schürzen vorwölbten und damit andeuteten, dass sie sich verbeugen. Meine Mutter hat mir später eröffnet, diese Unterwürfigkeit hätte sie so erschreckt, dass sie nie mehr dorthin mitfahren wollte. Als mein Vater und ich einmal mit einer vierspännigen Pferdekutsche bei meiner Oma vorfuhren und sie zu einer Rundfahrt einluden, kannte die Ehrerbietung der Dorfbevölkerung keine Grenzen mehr. Dabei löste mein Vater nur sein Versprechen ein, das er als Kind seiner Mutter gegeben hatte: „Wenn ich groß bin, hole ich dich mit einem Vierspänner ab.“ Denn wer das konnte, hatte es nachweislich geschafft. So muss wohl alles gewesen sein, denn schließlich meine ich, noch den Fahrtwind spüren zu können, der uns auf den Ausflügen mit Rad, Boot oder Kutsche umweht und mein Haar zerzaust hatte. Und je nachdrücklicher ich die Sommerwinde zurückrufe, desto schärfere Konturen bekommen die Bilder. Ostpreuße bin ich allerdings so nicht geworden, wie ich mich auch später niemals einer Landsmannschaft zugehörig fühlte.

Ein gutes Gedächtnis wird jemandem unterstellt, der anscheinend auf Vergangenes detailgenau zurückblicken kann. Normalerweise genügen wenige Erinnerungsschnipsel, die, sofern nur genügend Folklore einbegriffen ist, zum Lob einer übergroßen Gedächtniskraft beitragen. Die Diskrepanz zwischen präzisem und vagem Zurückdenken beruht dann nur darauf, dass der eine mehr folkloristisches Beiwerk reaktivieren kann als der andere. Wenn es aber richtig ist, dass Vorfälle zumeist nach subjektiven Relevanz- oder emotionalen Betroffenheitskriterien im Langzeitgedächtnis abgelagert werden, dann hat der eine nur anderes abgespeichert als der andere, der seinerseits zwar ebenfalls mit detailreichen, aber eben anderen Rückblicken aufwarten könnte. Wenn weiter zutrifft, dass alte von frischen Gedächtnisinhalten überlagert werden, dann findet mancher in bestimmten Gesprächssituationen leichter Zugang zu verschütteten Inhalten als sein Gesprächspartner, der andere Abrufreize benötigt. Fast jeder hat also ein gutes Gedächtnis, und zu fragen bleibt nur, wofür.

Meine Mutter reiste im Winter in ein Tiroler Dorf. Dort war sie heimisch, und in den Bergen sollte auch ich eine Heimat finden. Auf einem Foto sitze ich in einem Wintermantel mit Fischgrätenmuster, hervorblitzenden Lederhosen, dicken Wollstrümpfen und knöchelhohen Skischuhen mit abgekanteten Sohlen auf einem Schlitten und werfe gerade einen Schneeball. Ich sehe aus, als hätte mich der Fotograf als Tiroler Bub kostümiert. Quartier nahmen wir stets in der Dorfstraße Nr. 1, einem alten Bauernhof, den die gedrungene Bäuerin und ihre burschikose Tochter Hilda allein bewirtschafteten, denn der älteste Sohn war früh verstorben, und der jüngste Sohn, ein hausbackener, einfältiger Bursche, dem die Bäuerin immer wieder vorhielt, dass es die Besten leider Gottes stets zuerst treffe, war ständig betrunken. Einen Bauern respektive Ehemann, so es denn überhaupt einen gab, bekam ich nie zu Gesicht. Meine Mutter genoss es, alle Rechte einer Lieblingstochter in Anspruch nehmen zu können, ohne zu irgendetwas verpflichtet zu sein. Wir hatten stets ein Gastzimmer in einer ausgebauten Scheune, dessen Fenster und Balkon den Blick auf Wiesen und Gletscher eröffnete und meiner Mutter schon am frühen Morgen Entzückensschreie entlockte. Beim und oft nach dem Essen saßen wir auf grob geschnitzten Tiroler Bauernstühlen lange am massiven Tischrund in der Wohnstube, die von einem riesigen Kachelofen mit einer umlaufenden Steinbank beherrscht wurde. Von dort konnten wir zusehen, wie Hilda kraftvoll Brotteig knetete und Laibe formte, die Zentrifuge mühsam kurbelte, bis Buttermilch und Rahm übrigblieben, oder Schnüre durch Wurstschwarten zog, um das Räuchern vorzubereiten.
Ansonsten erinnere ich mich dunkel noch daran, dass bei jedem Ferienaufenthalt derselbe wohlproportionierte, hemdsärmelige, forsche Dorfbewohner meine Mutter so lange umwerben konnte, bis uns mein Vater auf Verdacht nachreiste, die Zugehörigkeiten klarstellte und auf alsbaldige Abreise drängte. Obwohl sich Burschi, so ähnlich hieß er wohl, rührig um mich kümmerte, war er mir genauso suspekt wie meinem Vater, auch wenn ich nicht hätte begründen können, warum. Andererseits ließ ich mich gern von ihm anleiten, beispielsweise wie man einen Felsvorsprung erklettert oder Stemmbogen fährt. Sommers konnte ich dann den staunenden Spielkameraden erklären, wo man einen Abstieg vom Balkon sichert, oder winters, warum sich Sulzschnee besser als Schneegriesel für Schneeballschlachten eignet. Und immer wieder keimte Bewunderung auf, für das gebogene Jagdmesser mit dem Horngriff in der Messertasche seiner Lederhose oder das selbst gepflückte Edelweiß in der Kordel seines Almhuts. Eigentlich hätte ich den Burschi mögen wollen, aber das kam nun mal für mich nicht infrage, schon aus Solidarität mit Vati. Hochgebirge imponieren mir noch immer, Mittelgebirge auch, und Meere sowieso. So fing es an. Fing es so an?

Was ist der Unterschied zwischen Geschehenem und Erinnertem? Alles, was geschieht, existiert selektiv im Auge eines Beobachters. Niemand kann alles beobachten. Beobachtet wird nur, was die Aufmerksamkeit eines Beobachters findet. Folglich wird irgendetwas beobachtet, das, warum auch immer, auffällt. Was aufmerken lässt, hat sich bereits ereignet. Deshalb ist jede Beobachtung eine Zeitreise in die Vergangenheit. Wann man ankommt, hängt wenigstens von der Zeit ab, die das Licht vom Geschehen zum Beobachter unterwegs ist. Was irgendwo beobachtet wird, ist also bereits geschehen. Was nirgends beobachtet wird, ist niemals passiert. Was irgendwann beobachtet wurde, existiert nur als Erinnerung. Woran sich niemand erinnert, ist nicht geschehen. Erinnerung ist die eigene Ordnung, die ein Beobachter ins Geschehene bringt. Ordnungsschaffend ist das Interesse des Beobachters am Geschehenen. Der Beobachter ordnet das Geschehene nach seinem Belieben.

Ich beobachte einen kleinen Jungen in Lederhosen, Kniestrümpfen und Trachtenschuhen, den ernste Gesichter zurechtweisen. Ich beobachte einen kleinen Jungen mit verquollenen Augen, roten Ohren und weißen Gesichtsflecken, den große Hände umherschieben. Ich beobachte einen kleinen Jungen mit klopfendem Herzen, pfeifendem Atem und starrem Körper, den eine Flut gängelnder Ratschläge überkommt. Briefe längst verstorbener Bekannter dokumentieren, dass immer wieder Trotz mein Gesicht bedenklich anschwellen ließ. Ein alter Freund behauptet bis heute, dass ich stets ziemlich beratungsresistent war. Ich beobachte denselben kleinen Jungen mit aufgerissenen Augen, gespitzten Ohren und geröteten Wangen, dem sein Vater ein mächtiger Magier, seine Mutter eine beredte Anwältin und sein Kindermädchen eine fürsorgliche Betreuerin waren. Ein anderer Freund findet, dass dieses Eigenschaftsspektrum beharrlich meine Partnerwahlen determiniert hat. In alledem, woran ich mich erinnere und woran man mich erinnert, habe ich mich viele Male gespiegelt und ebenso oft definiert.

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