Elmar Osswald - Werde der du bist

Elmar Osswald - Werde der du bist

Elmar Osswald


EUR 23,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 342
ISBN: 978-3-99130-200-1
Erscheinungsdatum: 16.11.2022
„Die gesellschaftliche Stellung ist nicht so wichtig im Leben. Wichtig ist, dass man sich innerlich frei fühlt.“ Genau das propagiert der Pädagoge und Visionär im Bildungsbereich, Elmar Osswald, in seinem Werk. Denn dann kannst du alles – und alle – erreichen.
VORWORT

WOFÜR STEHE ICH EIGENTLICH? Ja, die Frage ist wichtig. Darüber habe ich schon vor 30 Jahren nachgedacht, als das Buch „In der Balance liegt die Chance“ in meinem Kopf entstand. Das war nach einer jahrelangen Auseinandersetzung mit meinen Gefühlen, mit meiner Angst, mit meiner Scham, mit meinen Schuldgefühlen und mit meinem Diabetes, der im Jahre 1979 bei einer Routinekontrolle entdeckt wurde und den ich erst im Jahre 2000 akzeptieren konnte.
Das alles ist, wie man so schön sagt, durchgestanden, durchgelitten, durchgearbeitet. Meine erste Schrift, die ich verfasst habe (ULEF: Führen, statt verwalten*) entstand im Jahre 1986. Sie ging weit über das hinaus, was sich ein normaler Beamter erlauben konnte. Ich habe sie bis heute nie publiziert. Allerdings blieb sie mir handlungsleitend für meine Tätigkeit als Vorsteher des ULEF.
Das Akzeptieren von Niederlagen, ja von Scheitern (Scheitern meines katholischen Glaubens, Scheitern einer möglichen militärischen Karriere, Scheitern einer möglichen politischen Karriere, Scheitern meiner ersten Ehe, Scheitern meiner Reformversuche als Didaktiklehrer am Lehrerseminar Liestal, Scheitern der Orientierungsschule Basel, OS) empfinde ich deshalb nicht als Schande, sondern als Notwendigkeiten in meinem Leben. Es hat mir eine glückliche Ehe mit Boubou (Ruth Obrist) beschert, mich freier gemacht, lebensfroher, lebenstüchtiger auch, und dies trotz all der aktuell lebensbedrohenden Ereignisse auf dieser Welt.
Ich stehe ein für mein Leben, das nicht nur auf den Verstand achtet, sondern gleichberechtigt den Gefühlen Raum gibt, für ein Leben also, das versucht, eine Balance zwischen Verstand und Gefühlen herzustellen, wenn eine ENTSCHEIDUNG ansteht, und mache dabei die Erfahrung, dass die flinkeren Gefühle oft richtiger liegen als der bedächtigere Verstand.
Meiner Meinung nach erkennt man lebenstüchtige Menschen an drei Eigenschaften: RESILIENZ – SORGFALT – EMPATHIE.

Diese sind ihnen nicht in die Wiege gelegt worden. Sie müssen in mühsamer Lebensarbeit erworben werden. Wer das wagt, erlebt etwas Wunderbares, den Frieden der Seele.

* ULEF: Führen, statt verwalten. In diesem Buch erstmals veröffentlicht. (ULEF: Institut für Unterrichtsfragen und Lehrer*innenfortbildung des Kantons Basel-Stadt)



Die ersten Schritte, 1937 ***

Das ist das erste Bild, das wahrscheinlich mein ganzes Leben nachhaltig bestimmte – der große Einfluss der Frauen auf meine Lebensweise. Auf der Rückseite ist zu lesen: „Im September 1937. Elmarli 10 Monate alt. Der lieben Mutter zum Andenken. Weihnachten 1937. Ida und Edi“. Die gepflasterte Straße von Gossau nach Flawil ist leer. Wahrscheinlich ist Sonntag. Man ging damals in Sonntagstracht und Hut spazieren. Rechts werde ich von der Großmutter gehalten, links von meiner Mutter. Ganz offensichtlich fühle ich mich wohl und marschiere frohgemut auf den fotografierenden Vater zu.
Meine Großmutter war mir sehr nahe. Mir war wohl in ihrer Umgebung. Ich kann mich nicht erinnern, dass sie mich je mit harten Worten getadelt hätte. Wenn ich zu Besuch war, machte sie kein großes Theater um mich. Sie ging ihrer Arbeit nach, besorgte den Haushalt für sich und ihre Tochter Pia, meine Gotte, an der Wilerstraße in Gossau und strickte unentwegt irgendwelche Pullover, Handschuhe usw., die irgendjemand gut gebrauchen konnte. Großmutter und Gotte Pia schliefen im Schlafzimmer neben dem Wohnzimmer. Auf der anderen Seite gab es eine weitere Kammer, in der ich einquartiert wurde. Großmutter ging jeden Morgen zum Gottesdienst in die Kirche. Im Winter befeuerte sie von der Küche aus mit einem ‚Büscheli‘ den Kachelofen in der Stube. Das musste für den ganzen Tag reichen. Sie ging wohl einmal im Monat mit dem kleinen Leiterwagen in den Niederwiler Wald, um Holz zu sammeln. Wenn ich dabei war, gab es eine Tafel Schokolade und Brot zum Mittagessen. Der Wald war groß und dunkel und machte mir Angst. Allein die Anwesenheit meiner Großmutter sorgte dafür, dass ich nicht weglief. Voll beladen kehrten wir am späteren Nachmittag nach Hause zurück. Meine Großmutter wurde 90 Jahre alt. Sie starb am 22. Dezember 1962.
Als kleines Kind war ich oft krank, hatte wohl alle Kinderkrankheiten (Masern, Keuchhusten, Mumps, Röteln usw.), aber auch chronische Bronchitis und vor allem Diphtherie, die 1942 noch gefährlich ansteckend war und mir einen Aufenthalt im Absonderungshaus des Kantonsspitals in St. Gallen bescherte. Nach der Ausheilung meiner Diphterie durfte ich während etwa sechs Wochen bei der Großmutter bleiben, um meine Geschwister nicht zu gefährden. Das war die schönste Zeit meiner frühen Kindheit. Ich war glücklich, weil ich von ihr, aber auch von meiner Gotte Pia nicht erzogen wurde, sondern einfach mit ihnen leben durfte.
Heimat ist, wenn man abends als kleiner Bub im Bett liegt, den warmen Steinsack auf dem Bauch, die Augen offen, die Füße im Schüttstein in der Küche frisch gewaschen. Die Geräusche der Stube dringen in die holzgetäfelte Kammer. Vom Kasten her riecht er den Kampfer. Von weit weg ist ein Automotor auszumachen. Das Geräusch wird lauter, das Fahrzeug kommt näher. Das Licht der Scheinwerfer huscht einen Moment über die Zimmerdecke. Das Geräusch entfernt sich rasch. Dann ist Ruhe.
Vom Zimmer her sind zwei Frauenstimmen zu hören: eine alte, gebrechliche und eine junge, gleichmäßige. Ab und zu hört er das Rascheln einer Zeitung. ‚Jetzt blättert sie im „Fürstenländer“‘, denkt der kleine Bub. Die Uhr an der Wand zu seinem Schlafzimmer tickt. Er hört den einlullenden Takt deutlich. Nach einer Viertelstunde wieder das Geräusch eines Autos. Das Licht der Scheinwerfer huscht über die Decke. Dann wieder Ruhe und das unsäglich schöne Gefühl, geborgen und aufgehoben zu sein, im Bett mit schwerem Holzrahmen und ebensolcher Decke, den warmen Steinsack auf dem Bauch und im Nebenzimmer die Schutzengel.
Ja, so war das damals an der Wilerstraße in Gossau. Das war meine Heimat. Nach meiner Diphterie war ich nie mehr ernsthaft krank. Erst 40 Jahre später stellte ein Arzt fest, dass ich zuckerkrank geworden war. Und 2005 diagnostizierte man bei mir einen Prostatakrebs mit einem PSA über 40 (organübergreifend). Dieser wurde radioonkologisch behandelt. Nach zehnjähriger regelmäßiger Kontrolle der PSA-Werte wurde der Fall als geheilt abgeschlossen.


Geburt, 1936

Ich wollte nicht zur Welt kommen. Der Bauch der Mutter bot Schutz und Geborgenheit. Alles, was dann passierte, war eine radikale Zumutung, verbunden mit großer Angst. Zangengeburt. Noch nach mehr als 30 Jahren waren die Dellen hinter meinen Ohren, die von den Greifern der gynäkologischen Zange herrührten, gut sichtbar. Jahrelang rannte der kleine Elmar vor jedem weißen Kittel weg – beim Arzt, beim Zahnarzt, beim Coiffeur. Schon bei der Geburt prägte sich dem kleinen Erdenbürger ein Satz ein: Die werden mir schaden! Der erste Arzt, dem ich wirklich vertraute, war Prof. Willi Berger, ein Diabetesspezialist aus Basel. Da war ich schon mehr als 60 Jahre alt.


Rosmarie, meine erste Freundin, 1940

Wir konnten es nicht fassen! Rosmarie, die älteste Tochter des Fabrikbesitzers, und ich saßen in der Wiese hinter dem Maschendrahtzaun. Das Gras stand so hoch, dass es weit über uns hinaus wogte. Wir kamen auf die Idee, uns zu zeigen, wie wir unter dem Bauchnabel aussahen und kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Sie hatte ein ‚Spältchen‘, und ich hatte einen ‚Bündtel‘. Das fanden wir so unglaublich, dass wir uns den Unterschied immer wieder vor Augen führen mussten. Da rief mich plötzlich meine Mutter jenseits des Zauns. Wir erschraken. Ich kletterte über den Zaun und ging zu ihr. Vorwurfsvoll sagte sie: „Was macht ihr denn da?“ Ich sagte: „Gar nichts. Wir sind einfach im hohen Gras gesessen.“ Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich mit dem Geheimnis der Sexualität Kontakt hatte, und ich wusste noch nicht, welch große Rolle diese unglaublich starke und unheimliche Kraft in meinem Leben spielen würde. Und sie begann mit einer Lüge.



SCHULDGEFÜHLE

Meine Sexualität

Schon einige Zeit vor der Pubertät merkte ich, dass bei mir etwas anders war als normalerweise bei Knaben in diesem Alter. Mein Glied versteifte sich bei allen möglichen Anlässen. Selbstbefriedigung brachte Entlastung, sie war allerdings nicht von langer Dauer. Der damals in der Ostschweiz praktizierte Katholizismus betrachtete das 6. Gebot des Dekalogs als speziell wichtig und bescherte mir auf dem Fuße tiefgehende Schuldgefühle. Mit jemandem darüber sprechen ließ ich aus Scham sein. Ich betrachtete meine Sexualität als abartig und hatte keine Ahnung, welch kreative Kraft sie ist und in meinem Fall hätte sein können. Mein Beichtvater wusste auch keinen hilfreichen Weg, riet mir, ich müsse halt beten, was ich wiederum nicht fertigbrachte.

Später dann hatte ich mit verschiedensten Frauen Außenbeziehungen. Das endete erst, als ich Boubou, meine große Liebe, kennenlernte und nach zehnjähriger Probe heiratete. Mit ihr verflüchtigten sich auch meine Schuldgefühle. Es muss 1985 gewesen sein, als ich eines Morgens die Vögel jubilieren hörte. Es war 5:00 Uhr. Ich hörte ihnen zu und merkte, dass sich bei mir etwas verändert hatte. Mir war ganz leicht zu Mute, eine schwere Last war weg. Meine Schuldgefühle waren wie weggewischt und sie blieben es auch. Diesen Feuerofen hatte ich nach vielen Jahren der Mühsal durchschritten, und die Kreativität nahm Platz in meinem Leben.


10. Mai 1940

Der kleine Bub stand mit seinem Dreirad am Straßenrand an der Straßengabel am Dorfausgang. Auf der anderen Seite der Straße waren die Häuser der Sticker wie Perlen an einer Schnur aufgereiht. Sie führte nach Norden und verlor sich beim Kinderheim in den Obstbäumen. Die Straße war menschenleer. Soldaten standen aufgeregt an der Straßenverzweigung, dahinter Frauen und Kinder der umliegenden Häuser. Die Soldaten hatten die Gewehre umgehängt. Die zusammengerollten Zeltbahnen bildeten mit den Gewehrriemen ein Andreaskreuz auf der Brust der Männer. Lederne Gürtel mit je vier Patronentaschen umspannten die Bäuche, links baumelten die Seitengewehre. Die Soldaten trugen Waffenröcke und Röhrenhosen aus schwerem Tuch. Die Nagelschuhe klirrten auf dem Asphalt. Die Stahlhelme blinkten in der Sonne.

Ein Offizier mit einem Stern auf dem grünen Kragenspiegel erteilte Befehle. Er trug einen Waffenrock aus feinem Stoff, Lederhandschuhe und Reitstiefel. An dünnen Tragriemen, die sich über seiner Brust kreuzten, waren Pistole und Kartentasche befestigt. Die Soldaten schauten zum Dorf hin. In einiger Entfernung war der Bauernhof von Forster zu sehen. „D’Schwobe chömed!“ („Die Deutschen kommen!“), sagte der Offizier. „Hier an der Straßengabel errichten wir eine Barrikade! Schnell, schnell!“ Die Soldaten rannten zum Bauernhof und rissen die schweren, eisenbereiften Heuwagen aus dem Tenn. Forster stand mit hängenden Armen vor dem Stall und schaute hinter seinen Heuwagen her, die die Soldaten im Eiltempo zur Gabelung schoben. Der kleine Bub schaute in Richtung Dorf. Links stand das Haus des Wagners, dahinter das des Schmieds. In einiger Entfernung war die rote Benzinzapfsäule der Autogarage „Casutt“ zu sehen. Ein großes, schwarzes Personenauto, die Scheinwerfer unter dem Grill der Kühlerhaube versteckt, stand daneben. Dahinter leuchtete das gelbe Haus des Bäckers Hauser, davor das Wohnhaus der Drahtwarenfabrik. Am Fenster der oberen Wohnung erkannte der kleine Bub seine Mutter. Sie schaute in Richtung Kinderheim, dorthin, wo die die Deutschen kommen würden. Dort, hinter dem Horizont, lag die Gefahr.

Mit vereinten Kräften kippten die Soldaten die schweren Heuwagen auf die Seite. Die Räder drehten sich in der Luft und kamen langsam zum Stehen. Die Soldaten zogen Eisenketten durch die Speichen der Räder und um die Achsen der Wagen. Die ganze Straße war jetzt verbarrikadiert.

Der Offizier befahl die Stellungsorte für die Soldaten. Sie nahmen die Gewehre vom Rücken und verschwanden hinter den Stickerhäusern. Eine Gruppe trug ein schweres Gerät, das auf einem Bock montiert war, zum Bauernhaus. „Das ist ein Maschinengewehr“, sagte ein Soldat zum kleinen Buben. Der kleine Bub sah, wie die Mündung des Maschinengewehrs aus dem Estrichfenster des spindeldürren Holzhauses direkt auf die Barrikade schaute. Der Offizier sagte zu den herumstehenden Frauen und Kindern, sie müssten jetzt in die Häuser gehen, die Deutschen würden jeden Augenblick kommen. Der kleine Bub rannte nach Hause. Er sah blinkende Stahlhleme über dem Hügel. Die Mündung des Maschinengewehrs sah drohend auf ihn nieder. Die Straßengabel war jetzt menschenleer. Es war 12:00 Uhr mittags.

Am 10. Mai 1940 überfiel die deutsche Wehrmacht Holland, Belgien, Luxemburg und Frankreich und eroberte diese Länder in kurzer Zeit. Als die Franzosen fünf Wochen später um Waffenstillstand baten, sahen die französischen Gefangenen zum ersten Mal die riesige Kriegsmaschine der Deutschen: das standardisierte und auf Krieg ausgerichtete Material, schwere Transportfahrzeuge, offene Geländewagen, Panzer bis an den Horizont, lange Radfahrerkolonnen, Lastwagen, Schlauchboote, Sturmboote mit großen Außenbordmotoren, Flieger, die gefürchteten Stukas, alles zweckmäßig und auf ein Ziel ausgerichtet: den Krieg zu gewinnen.(1) Sie verglichen diese geballte Zerstörungskraft mit ihren requirierten Fahrzeugen und mit ihren Pferden, die zu Tausenden umgekommen waren oder abgeschirrt auf den Weiden herumirrten. Sie erlebten einen wirklichen Schock. Ihre Generäle gingen massenweise in deutsche Kriegsgefangenschaft. Gegen 70 wurden allein im ‚Vogesen-Kessel‘ gefangen genommen. Sie wurden in der Festung Königstein an der Elbe interniert und 1945 von der 76. Amerikanischen Infanteriedivision befreit. (2)

(1) Der Juni 1940 ist als „Le mois maudit“, als „Der verfluchte Monat“ in die französische Geschichte eingegangen.
(2) Bruge, Roger, Les combattants du 18 juin, tome 5, La fin des généreaux, Paris, 1989.


Lederstrumpf, 1942

„In wesentlichen Eigentümlichkeiten aber widerstanden die Indianer dem europäischen Einfluss: ihre Moral, Vertragstreue, Wahrheitsliebe und Kindererziehung (welch letzte nur das gute Beispiel und das Lob, aber keinen Tadel und keine Strafe kannte) – dies alles gaben die Naturkinder nur sehr langsam dem verderblichen Einfluss der Weißen preis. Von ihrer Morallehre bewahrten sie die Grundzüge bis zu ihrem Untergang.“ (1)

(1) J. F. Cooper, LEDERSTRUMPF, für die schweizerische Schuljugend herausgegeben durch die Firma FRIEDRICH STEINFELS, SEIFENFABRIK, ZÜRICH (ca. 1940). Das Buch ist ein großformatiger Bildband mit Bildchen, die man sammeln und einkleben konnte. 1942 war ich sechs Jahre alt. Bei einem befreundeten Nachbarsbuben habe ich es fast täglich immer wieder fasziniert angeschaut, dann aus den Augen verloren und ca. 50 Jahre später für ca. CHF 300.- antiquarisch erstanden. Meine Erkenntnis: Von den Indianern können wir lernen, wie wir leben sollten.

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