Einst lebte ich das Leben eines Millionärs
Autobiografie Paul Schmid
EUR 24,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 272
ISBN: 978-3-99130-459-3
Erscheinungsdatum: 05.11.2024
Unternehmer zu sein heißt immer, sich zwischen Himmel und Hölle zu bewegen. Und der Grat ist schmal. Wie schmal, zeigt uns Paul Schmid in seiner Autobiographie „Einst lebte ich das Leben eines Millionärs“.
Meine Mutter, Berta Schmid-Bürgi, wuchs zusammen mit ihren beiden älteren Brüdern Karl und Paul in Gachnang im Kanton Thurgau auf. Das aufgeweckte Berteli Bürgi war allen Bewohnern des kleinen Bauerndorfes wohl bekannt.
Ihr Elternhaus, einst am Dorfausgang gelegen, steht noch heute. Die frühere Landstraße führte direkt am Haus vorbei und unmittelbar danach den Berg hinauf über Oberwil nach Frauenfeld. Wer zu Fuß des Weges geht, erreicht Frauenfeld in einer knappen Stunde. Ein klassischer Bauerngarten schmückte den alten Riegelbau und dahinter öffnete sich der Blick auf einen prachtvollen Baumgarten mit über siebzig Hochstamm-Obstbäumen. Im Stall standen 15 Kühe und einige Ochsen. Ihr Vater, Karl Bürgi, betrieb neben der Milch- und Obstwirtschaft einen Handel mit Ochsen. Er kaufte die jungen Tiere, lernte sie arbeiten, um sie mit einem kleinen Gewinn wieder zu verkaufen.
Unter dem Fenster von Bertelis kleinem Zimmer plätscherte Tag und Nacht der Brunnen, während Jahr für Jahr die gleichen Schwalbenpaare in der Kammer nisteten.
Auf dem Hof herrschte jedoch keineswegs nur zärtliche Idylle. Im Alter von sieben Jahren musste Berteli den Tod ihrer Mutter erleben. Eine Anna-Maria Lampert aus Fläsch kam daraufhin als Magd auf den Hof. Die attraktive 23-jährige Bündnerin brachte zwei uneheliche Kinder mit. Schon bald heiratete der Wittwer die um 28 Jahre jüngere Magd und die Anzahl Kinder auf dem Hof wuchs erneut von fünf auf sieben.
Berteli ging fürs Leben gerne zur Schule, das Lernen fiel ihr sehr leicht. Neunzig Kinder wurden in einem Schulzimmer von einem einzigen Lehrer unterrichtet. Die älteren, guten Schüler mussten mithelfen, den kleineren Kameraden das Lesen, Rechnen oder Schreiben beizubringen. Bertelis Schulleistungen reichten bei weitem, um die Sekundarschule zu besuchen, jedoch versagte ihr Vater die Erlaubnis dazu. Ihre Mitarbeit auf dem Hof schien ihm wichtiger. Berteli verzieh ihm diesen harten Entschluss nie.
Berteli zählte erst siebzehn Jahre, als ihr Vater an einer Lungenentzündung starb. Ihr älterer Bruder Paul übernahm die Rolle als Oberhaupt der Familie, insbesondere nach seiner Ernennung zum Vormund seiner nur um vier Jahre jüngeren Schwester Berteli.
Der erst 34-jährigen rührigen Stiefmutter und Witwe Anna-Maria fiel es nicht schwer, für den Hof einen neuen Bauern zu finden. Zwei weitere Kinder aus neuer Ehe belebten schon bald das schöne Riegelhaus.
Berti sagte sich: „Was frag’ ich viel nach Geld und Gut, wenn ich zufrieden bin“ (Johannes Martin Müller 1750–1814), überließ den ganzen, ihr als Erbe vom Bruder Paul zugesprochenen Hausrat den zahlreichen Bewohnern des Hofes und gründete mit 21 Jahren weitab vom elterlichen Heim ihre eigene Familie. Ort der Handlung: die große St. Ursen Kathedrale in Solothurn. Einzige Anwesende: das Brautpaar, die Trauzeugen und der Herr Pfarrer.
Der glückliche Auserwählte hieß Konrad Schmid. Er erlebte seine frühe Jugend mit sehr alten Eltern in ärmlichen Verhältnissen. Über seine Jugendzeit als Verdingbub sprach er ungern, umso mehr über seine erste selbst gewählte Arbeit, die Elektrifizierung von Eisenbahnstrecken als angelernter Freileitungsmonteur. Stolz fuhr er mit seiner BSA 1925 zur Arbeit. Auf dem Heimweg bediente er die Strumpfannahmestellen, die seine junge Frau eingerichtet hatte, um mit Stopfen von Strümpfen einen Zustupf zum Haushaltungsgeld zu verdienen.
Im Jahr 1932 wechselte mein Vater als Freileitungsmonteur zum Elektrizitätswerk des Kantons Zürich (EKZ) Kreis Winterthur. Die Krisen- und anschließenden Kriegsjahre mit den durch Aktivdienst bedingten Abwesenheiten hemmten die berufliche Entwicklung insbesondere derer, die beim Start ins Erwerbsleben die hinteren Positionen belegten. Im Aufschwung nach Kriegsende betraute das EKZ meinen Vater mit anspruchsvolleren Aufgaben, was sich darin äußerte, dass sich sein Salär nicht mehr nach dem Arbeiter-, sondern nach dem Angestellten-Lohnregulativ richtete und wenn auch langsam, doch stetig stieg. Diese Mittel nutzte das Paar, um sich ihren größten Wunsch zu erfüllen, nämlich ihren beiden Söhnen durch eine gute Ausbildung eine bessere Ausgangsposition zu verschaffen.
***
Mein Bruder Konrad erblickte gute zwei Jahre vor mir am 2. März 1931 das Licht der Welt. Er galt als Lieblingssohn meiner Eltern, besonders dann, wenn wir die Schulzeugnisse nach Hause brachten. Sein letztes Volksschulzeugnis, mit Note 6 als beste Zensur, wies nur eine einzige 5,5 unter lauter Sechsen auf.
Konrads vielseitige Begabung und überragende Intelligenz blieben dank seines Ehrgeizes nicht ungenutzt. Er erlernte das Klavierspiel bei einer Lehrerin für klassische Musik und später unterrichtete ihn ein in Zürich bekannter Unterhaltungs- und Jazzpianist in sogenannter U-Musik. Nach zwei Jahren Gymnasium wechselte er an die Oberrealschule. Mit einigen Klassenkameraden gründete er die Eleonora Jazz Society. Nicht eine hübsche Sängerin stand dem Namen Pate, sondern die Straße, an der der eigenhändig ausgebaute und häufig frequentierte Jazzkeller lag. Er kaufte sich für seine Musikaufnahmen eines der ersten Tonbandgeräte von Revox, ein Dynavox mit zwei Köpfen und zwei Motoren. Nach dem Studium des Gerätes baute Konrad ein noch besseres mit drei Köpfen und drei Motoren. Hinzu kamen ein Verstärker und weitere elektronische Geräte für den Eigengebrauch. Konrad verschlang technische Literatur so gierig wie andere Knaben Krimis. Diese Wissbegierde für alle Fortschritte in der Technik blieb ihm sein ganzes Leben lang unvermindert erhalten.
Mit dem Diplom als Elektroingenieur der ETH in der Tasche trat Konrad im Januar 1957 seine erste Stelle im Labor der RCA an der Hardturmstrasse in Zürich an. Zur Einführung in seine Aufgabe verbrachte Konrad mehrere Monate in den berühmten RCA-Labors in Amerika. Seine Bewunderung für den technischen Vorsprung der Amerikaner im Bereich der Elektronik, aber auch für ihre Gabe, bleibende Freundschaften einzugehen, nahm damals ihren Anfang. Am Abend genoss er in den Jazzlokalen von New York die Musik von legendären Pianisten wie Teddy Wilson.
Konrad arbeitete danach in ganz Europa, indem er Radio- und Fernsehfabriken half, die RCA-Patente anzuwenden. In diesem Zusammenhang verbrachte er den traumhaft schönen Sommer 1960 in einer Fabrik am Meer nördlich von Stockholm. Im Glauben, es sei in Schweden immer so schön, verließ er an seinem 30. Geburtstag – einer sich schon lange gesetzten Deadline – die elterliche Wohnung und fuhr mit seinem MG TF nach Göteborg. Dort wartete an der Chalmers University of Technology eine Assistentenstelle auf ihn. Seine Forschungstätigkeit zielte auf die Verbesserung elektronischer Geräte für die Medizin hin.
In Göteborg mietete er seine erste Wohnung und kaufte sich mit dem wenigen Geld, das er hatte, als Erstes ein Bett und als Zweites einen Flügel. Nach einigen Jahren durfte Konrad seine eigenen Vorlesungen halten. Zum Ergötzen der Studenten übertrug er seine Manuskripte auf die Wandtafel in Englisch und dozierte simultan in schwedischer Sprache. Parallel dazu erwarb er an der Chalmers University of Technology den Titel Doktor der technischen Wissenschaften.
Ein Konzert von Hazy Osterwald begeisterte Konrad so sehr, dass er die ganze Band – zusammen mit einigen hübschen schwedischen Blondinen – zu sich einlud. Eine davon, Bodil Ericsson, gefiel ihm in ihrer Schwedentracht derart gut, dass es am 5. Mai 1967 im Heim ihrer Eltern auf einem Felsvorsprung über dem Fjord zu einem unvergesslichen Hochzeitsfest kam.
In der Folge verbrachten Konrad und Bodil während mehr als zwei Jahrzehnten ihre Sommerferien in einem am Meer gelegenen Ferienhaus von Bodils Eltern in Lysekil. Konrad genoss es, mit den zahlreichen Vettern und Basen von Bodil in den Schären zu segeln, im kalten Meer zu schwimmen und bereits am Morgen um sechs das ausgelegte Netz aus dem Meer zu ziehen, um Fische, Krabben und sogar Hummer für das abendliche Mahl aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Wenn ein Fang Anlass zu einem ausgelassenen Fest gab, fiel es ihm gar nicht schwer, mitzuhalten. Er tanzte für sein Leben gerne und ohne Unterbrechung, obschon er ganz genau wusste, dass er vor dem Zubettgehen noch eine Weile in knietiefes kaltes Wasser stehen musste, um den Schmerz seiner Krampfadern zu lindern.
***
Ich, Paul Schmid, erblickte am 6. Mai 1933 das Licht der Welt als – vom Schicksal begünstigt – Kind von Eltern, die ihr Eheglück nie aufs Spiel setzten, die ihre Kinder über alles liebten, viel Geduld zeigten und für sie immer da waren, wenn diese ihrer bedurften.
Schon als Bub hing ich gerne meinen Gedanken nach, zog die Ein-, allenfalls Zweisamkeit den organisierten Gruppenerlebnissen wie Pfadfinderübungen vor, ging auch Schlägereien aus dem Weg, hasste das Turnen in der Schule wie die Pest, wusste mit einem Ball nichts anzufangen und galt unter Gleichaltrigen wahrscheinlich als Sonderling. Statt mit ihnen auf der Straße herumzutollen, schlich ich um den benachbarten Schuppen mit Garage herum. Der Lastwagen konnte jederzeit eintreffen, ein Saurer-Diesel, in jenen Jahren lief er allerdings auf Holzgas. Mein behändes Öffnen des Tores und andere Handreichungen bewogen den Chauffeur gelegentlich, mich auf kürzere und manchmal auch längere Fahrten mitzunehmen.
Meine Eltern erkannten früh, dass sie nach einem ersten Versuch mit Heidi von Johanna Spyri mir kein zweites Jugendbuch schenken mussten, dafür ein Abonnement der Automobil Revue. Die Wochenzeitung vermittelte alle technischen Neuigkeiten im Detail. Meine Beurteilung der Autos lag somit auf einer ganz anderen Ebene als diejenige meiner Mitschüler, welche nur Glanzpapier-Prospekte sammelten. Nicht einmal über Autos konnte ich mich deshalb mit ihnen unterhalten.
Aufgrund der Beförderung meines Vaters wohnten wir neu in einer Dienstwohnung im Gebäude der Kreisdirektion Winterthur des EKZ. Garagen mit einem halben Dutzend Personenwagen verschiedener Marken umsäumten den Hof. Nach der Schule schmiss ich den Schulsack unter die Rampe und begann, die heimkehrenden Autos zu pflegen. Sie bedurften nicht nur allfälliger Reinigung, sondern, da Vorkriegsmodelle, auch noch der häufigen Kontrolle von Kühlwasser, Öl und Luft. Nach getaner Arbeit fuhr ich die Autos sorgfältig in ihre Boxen. Die Mitarbeiter meines Vaters lachten, wenn sie mich mit dem Kissen unter dem Arm antrafen. Damit verschaffte ich mir am Lenkrad die nötige Übersicht. Alle Manöver gelangen mir, ohne je den geringsten Schaden zu verursachen. Die Narrenfreiheit, der ich mich von meinem dreizehnten bis zu meinem fünfzehnten Altersjahr erfreute, beruhte sicher auch auf dem hohen Ansehen, das mein Vater bei seinen Mitarbeitern genoss.
Nun galt es, nach diesem einzigen Highlight des Tages die Schulaufgaben zu erledigen und mich ans Klavier zu setzen. Was ich zu spielen versuchte, begeisterte meine Klavierlehrerin nicht und was sie mich zu spielen anhielt, gefiel mir nicht. Ihre Anmerkungen in den Notenheften beachtete ich gar nicht, da ich mit meinem guten Musikgedächtnis alle Stücke auswendig spielen konnte. Nach zwei Jahren fanden die Bemühungen ein Ende. Mein Bruder Konrad zeigte auch am Klavier viel mehr Ausdauer. Durch ihn lernte ich die wunderbare Musik der amerikanischen, meist schwarzen Pianisten wie Fats Waller, James P. Johnson und Teddy Wilson kennen. Stundenlang übte ich die linke Hand, welche die Grundlage dieses Stils, genannt Stride, bildet.
Meine Aufnahmefähigkeit kannte kaum Grenzen für alles, was mich interessierte, Latein und Französisch gehörten nicht dazu. Das führte nach fünf Quartalen Gymnasium im Zeugnis zur lapidaren Feststellung: „Zurückversetzt in die 1. Klasse.“ Das wirkte auf mich nicht besonders aufmunternd. So lenkte ich meine Schritte nach den Sommerferien direkt Richtung Sekundarschulhaus. Ohne Formalitäten, was mich heute noch erstaunt, saß ich nach wenigen Minuten bereits in der 2. Klasse, direkt vor der hübschen Tochter meines ehemaligen Klassen- und Lateinlehrers. Das verschaffte mir die Gewissheit, dass ich am Nachmittag, ebenfalls ohne jede Formalität, von der gymnasialen Absenzenliste gestrichen wurde.
Mitte Juli 1948 bat der Arbeitgeber EKZ meinen Vater, so rasch wie möglich eine noch anspruchsvollere Aufgabe am Hauptsitz zu übernehmen. Der Umzug von einer Dienstwohnung in Winterthur in eine solche in Zürich nahm keine drei Wochen in Anspruch. Erneut sah ich mich nach den Sommerferien in einer neuen Klasse, diesmal in der 3. Klasse der Sekundarschule in Zürich-Wiedikon, wiederum ohne mich von den alten Klassenkameraden verabschiedet zu haben. Die verbleibende Zeit der Sekundarschule interessierte mich nicht sonderlich. Meine ganze Kraft fokussierte ich darauf, meinen Vater dazu zu bewegen, mir eine Lehrstelle als Automechaniker zu suchen. Das schmerzte ihn sehr, kostete es ihn doch Jahre, um aus dem Arbeiterstand herauszuwachsen. Schließlich erfüllte er meinen Wunsch.
Im Frühling 1949 trat ich meine Lehrstelle in der Triemligarage beim Lehrmeister Emil Horber an, Sechstagewoche à 54 Stunden und fünf Franken Wochenlohn im ersten Lehrjahr, zehn Franken im zweiten. Die Garage verfügte über keine eigene Vertretung. Wir reparierten Personenwagen aller Marken, außer VW, Mercedes und Citroen, zudem auch Lastwagen und sogar Traktoren. Dank meiner, auch gegenüber manchem Automechaniker überragenden theoretischen Kenntnisse ließ man mich relativ frei arbeiten. Es erfüllte mich mit besonderer Freude, einen CT1D-Motor im Saurer-Diesel-Lastwagen der Brauerei Hürlimann einer kleinen Überholung unterziehen zu können, wusste ich doch, dass sich der 1935 in Produktion gegangene CT1D im Motorenbau als wegweisend erwiesen hatte, dank zukunftsträchtiger Lösungen wie Direkteinspritzung, in die Kolben integrierte Doppelwirbelkammern, vier Ventile pro Zylinder, nasse Büchsen usw. Nach Abdecken des Motors konnte ich die starken Bolzen mit dem dem Kraftlinienfluss nachempfundenen verjüngten Schaft bewundern: hohe Schule der Mechanik!
Bereits während meines ersten Lehrjahres bat ich meinen Vater um einen geringfügigen Kredit, damit ich einen nicht mehr fahrtüchtigen Ford Anglia erwerben konnte. Die seitlich angebrachte Nockenwelle hatte angefressen. Die damaligen langhubigen Motoren erzielten noch keine großen Kilometerleistungen. So lag es auf der Hand, einen einmal ausgebauten Motor gerade vollständig zu überholen. Der Gemüsekeller der elterlichen Wohnung eignete sich vorzüglich als Werkstatt. Nie duftete es nach Schmiermittel oder Ähnlichem, sondern nach Grafensteinern, Berner Rosen, Glockenäpfeln und Pastorenbirnen vom stiefgroßmütterlichen Hof.
Eine Kieme der vielen, für mich zu vielen Kartoffeln benutzte ich für die einzige Arbeit, die beim Zusammenbau eines Motors eine gewisse Präzision erfordert: für die Einstellung der Nockenwelle. Ein Zahn falsch – und der knapp 1 Liter-Vierzylinder hätte seine Nennleistung, 24 PS bei 4000 T/min und 4 mkg bei 2300 T/min nicht erreicht und das 750 kg schwere Wägelchen somit auch nicht seine Höchstgeschwindigkeit von 85 km/h. Ein Plymouth Savoy 19 CV brachte es damals bei doppeltem Benzinverbrauch auf max. 120 km/h.
Freunde halfen mir, den Anglia auch äußerlich auf Vordermann zu bringen. Zur Montage eines neuen Himmels bedurfte es ja gleichzeitig mehrerer Hände. Diese Freunde, alles OR-Schulkollegen meines Bruders, nahmen mich als kleinen Außenseiter wohlwollend in ihren Kreis auf. Sie sahen mich gerne an Jazzkonzerten, beim Ausbau des Jazzkellers, aber auch als Mitglied der Band Eleonora Jazz Society, wo noch der Platz eines Zug-Posaunisten zu besetzen war. Das wöchentliche Musizieren im Jazzkeller bereitete mir viel Spaß wie auch die gelegentlichen Auftritte im Studentenheim und zur Krönung der Karriere ein Engagement an einem Polyball.
Nach einigen Ausflügen mit meinen Eltern verkaufte ich den Ford Anglia. Der Erlös hielt sich in Grenzen. Auf der Suche nach einem weiteren nicht mehr fahrtüchtigen Auto stieß ich auf einen Citroen 11 légère. Beim Bergabfahren sprangen die Gänge heraus. Wie ehemals der Motor des Anglia landete auch das Getriebe des Citroens im Gemüsekeller. Zu meiner großen Überraschung galt es vorgängig spezielle Werkzeuge anzufertigen oder zu entlehnen, um der unkonventionellen Konstruktion Herr zu werden. Die Gabe der französischen Ingenieure, sich von herkömmlichen Konstruktionen zu lösen und völlig neue Wege einzuschlagen, beeindruckte mich sehr.
...
Ihr Elternhaus, einst am Dorfausgang gelegen, steht noch heute. Die frühere Landstraße führte direkt am Haus vorbei und unmittelbar danach den Berg hinauf über Oberwil nach Frauenfeld. Wer zu Fuß des Weges geht, erreicht Frauenfeld in einer knappen Stunde. Ein klassischer Bauerngarten schmückte den alten Riegelbau und dahinter öffnete sich der Blick auf einen prachtvollen Baumgarten mit über siebzig Hochstamm-Obstbäumen. Im Stall standen 15 Kühe und einige Ochsen. Ihr Vater, Karl Bürgi, betrieb neben der Milch- und Obstwirtschaft einen Handel mit Ochsen. Er kaufte die jungen Tiere, lernte sie arbeiten, um sie mit einem kleinen Gewinn wieder zu verkaufen.
Unter dem Fenster von Bertelis kleinem Zimmer plätscherte Tag und Nacht der Brunnen, während Jahr für Jahr die gleichen Schwalbenpaare in der Kammer nisteten.
Auf dem Hof herrschte jedoch keineswegs nur zärtliche Idylle. Im Alter von sieben Jahren musste Berteli den Tod ihrer Mutter erleben. Eine Anna-Maria Lampert aus Fläsch kam daraufhin als Magd auf den Hof. Die attraktive 23-jährige Bündnerin brachte zwei uneheliche Kinder mit. Schon bald heiratete der Wittwer die um 28 Jahre jüngere Magd und die Anzahl Kinder auf dem Hof wuchs erneut von fünf auf sieben.
Berteli ging fürs Leben gerne zur Schule, das Lernen fiel ihr sehr leicht. Neunzig Kinder wurden in einem Schulzimmer von einem einzigen Lehrer unterrichtet. Die älteren, guten Schüler mussten mithelfen, den kleineren Kameraden das Lesen, Rechnen oder Schreiben beizubringen. Bertelis Schulleistungen reichten bei weitem, um die Sekundarschule zu besuchen, jedoch versagte ihr Vater die Erlaubnis dazu. Ihre Mitarbeit auf dem Hof schien ihm wichtiger. Berteli verzieh ihm diesen harten Entschluss nie.
Berteli zählte erst siebzehn Jahre, als ihr Vater an einer Lungenentzündung starb. Ihr älterer Bruder Paul übernahm die Rolle als Oberhaupt der Familie, insbesondere nach seiner Ernennung zum Vormund seiner nur um vier Jahre jüngeren Schwester Berteli.
Der erst 34-jährigen rührigen Stiefmutter und Witwe Anna-Maria fiel es nicht schwer, für den Hof einen neuen Bauern zu finden. Zwei weitere Kinder aus neuer Ehe belebten schon bald das schöne Riegelhaus.
Berti sagte sich: „Was frag’ ich viel nach Geld und Gut, wenn ich zufrieden bin“ (Johannes Martin Müller 1750–1814), überließ den ganzen, ihr als Erbe vom Bruder Paul zugesprochenen Hausrat den zahlreichen Bewohnern des Hofes und gründete mit 21 Jahren weitab vom elterlichen Heim ihre eigene Familie. Ort der Handlung: die große St. Ursen Kathedrale in Solothurn. Einzige Anwesende: das Brautpaar, die Trauzeugen und der Herr Pfarrer.
Der glückliche Auserwählte hieß Konrad Schmid. Er erlebte seine frühe Jugend mit sehr alten Eltern in ärmlichen Verhältnissen. Über seine Jugendzeit als Verdingbub sprach er ungern, umso mehr über seine erste selbst gewählte Arbeit, die Elektrifizierung von Eisenbahnstrecken als angelernter Freileitungsmonteur. Stolz fuhr er mit seiner BSA 1925 zur Arbeit. Auf dem Heimweg bediente er die Strumpfannahmestellen, die seine junge Frau eingerichtet hatte, um mit Stopfen von Strümpfen einen Zustupf zum Haushaltungsgeld zu verdienen.
Im Jahr 1932 wechselte mein Vater als Freileitungsmonteur zum Elektrizitätswerk des Kantons Zürich (EKZ) Kreis Winterthur. Die Krisen- und anschließenden Kriegsjahre mit den durch Aktivdienst bedingten Abwesenheiten hemmten die berufliche Entwicklung insbesondere derer, die beim Start ins Erwerbsleben die hinteren Positionen belegten. Im Aufschwung nach Kriegsende betraute das EKZ meinen Vater mit anspruchsvolleren Aufgaben, was sich darin äußerte, dass sich sein Salär nicht mehr nach dem Arbeiter-, sondern nach dem Angestellten-Lohnregulativ richtete und wenn auch langsam, doch stetig stieg. Diese Mittel nutzte das Paar, um sich ihren größten Wunsch zu erfüllen, nämlich ihren beiden Söhnen durch eine gute Ausbildung eine bessere Ausgangsposition zu verschaffen.
***
Mein Bruder Konrad erblickte gute zwei Jahre vor mir am 2. März 1931 das Licht der Welt. Er galt als Lieblingssohn meiner Eltern, besonders dann, wenn wir die Schulzeugnisse nach Hause brachten. Sein letztes Volksschulzeugnis, mit Note 6 als beste Zensur, wies nur eine einzige 5,5 unter lauter Sechsen auf.
Konrads vielseitige Begabung und überragende Intelligenz blieben dank seines Ehrgeizes nicht ungenutzt. Er erlernte das Klavierspiel bei einer Lehrerin für klassische Musik und später unterrichtete ihn ein in Zürich bekannter Unterhaltungs- und Jazzpianist in sogenannter U-Musik. Nach zwei Jahren Gymnasium wechselte er an die Oberrealschule. Mit einigen Klassenkameraden gründete er die Eleonora Jazz Society. Nicht eine hübsche Sängerin stand dem Namen Pate, sondern die Straße, an der der eigenhändig ausgebaute und häufig frequentierte Jazzkeller lag. Er kaufte sich für seine Musikaufnahmen eines der ersten Tonbandgeräte von Revox, ein Dynavox mit zwei Köpfen und zwei Motoren. Nach dem Studium des Gerätes baute Konrad ein noch besseres mit drei Köpfen und drei Motoren. Hinzu kamen ein Verstärker und weitere elektronische Geräte für den Eigengebrauch. Konrad verschlang technische Literatur so gierig wie andere Knaben Krimis. Diese Wissbegierde für alle Fortschritte in der Technik blieb ihm sein ganzes Leben lang unvermindert erhalten.
Mit dem Diplom als Elektroingenieur der ETH in der Tasche trat Konrad im Januar 1957 seine erste Stelle im Labor der RCA an der Hardturmstrasse in Zürich an. Zur Einführung in seine Aufgabe verbrachte Konrad mehrere Monate in den berühmten RCA-Labors in Amerika. Seine Bewunderung für den technischen Vorsprung der Amerikaner im Bereich der Elektronik, aber auch für ihre Gabe, bleibende Freundschaften einzugehen, nahm damals ihren Anfang. Am Abend genoss er in den Jazzlokalen von New York die Musik von legendären Pianisten wie Teddy Wilson.
Konrad arbeitete danach in ganz Europa, indem er Radio- und Fernsehfabriken half, die RCA-Patente anzuwenden. In diesem Zusammenhang verbrachte er den traumhaft schönen Sommer 1960 in einer Fabrik am Meer nördlich von Stockholm. Im Glauben, es sei in Schweden immer so schön, verließ er an seinem 30. Geburtstag – einer sich schon lange gesetzten Deadline – die elterliche Wohnung und fuhr mit seinem MG TF nach Göteborg. Dort wartete an der Chalmers University of Technology eine Assistentenstelle auf ihn. Seine Forschungstätigkeit zielte auf die Verbesserung elektronischer Geräte für die Medizin hin.
In Göteborg mietete er seine erste Wohnung und kaufte sich mit dem wenigen Geld, das er hatte, als Erstes ein Bett und als Zweites einen Flügel. Nach einigen Jahren durfte Konrad seine eigenen Vorlesungen halten. Zum Ergötzen der Studenten übertrug er seine Manuskripte auf die Wandtafel in Englisch und dozierte simultan in schwedischer Sprache. Parallel dazu erwarb er an der Chalmers University of Technology den Titel Doktor der technischen Wissenschaften.
Ein Konzert von Hazy Osterwald begeisterte Konrad so sehr, dass er die ganze Band – zusammen mit einigen hübschen schwedischen Blondinen – zu sich einlud. Eine davon, Bodil Ericsson, gefiel ihm in ihrer Schwedentracht derart gut, dass es am 5. Mai 1967 im Heim ihrer Eltern auf einem Felsvorsprung über dem Fjord zu einem unvergesslichen Hochzeitsfest kam.
In der Folge verbrachten Konrad und Bodil während mehr als zwei Jahrzehnten ihre Sommerferien in einem am Meer gelegenen Ferienhaus von Bodils Eltern in Lysekil. Konrad genoss es, mit den zahlreichen Vettern und Basen von Bodil in den Schären zu segeln, im kalten Meer zu schwimmen und bereits am Morgen um sechs das ausgelegte Netz aus dem Meer zu ziehen, um Fische, Krabben und sogar Hummer für das abendliche Mahl aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Wenn ein Fang Anlass zu einem ausgelassenen Fest gab, fiel es ihm gar nicht schwer, mitzuhalten. Er tanzte für sein Leben gerne und ohne Unterbrechung, obschon er ganz genau wusste, dass er vor dem Zubettgehen noch eine Weile in knietiefes kaltes Wasser stehen musste, um den Schmerz seiner Krampfadern zu lindern.
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Ich, Paul Schmid, erblickte am 6. Mai 1933 das Licht der Welt als – vom Schicksal begünstigt – Kind von Eltern, die ihr Eheglück nie aufs Spiel setzten, die ihre Kinder über alles liebten, viel Geduld zeigten und für sie immer da waren, wenn diese ihrer bedurften.
Schon als Bub hing ich gerne meinen Gedanken nach, zog die Ein-, allenfalls Zweisamkeit den organisierten Gruppenerlebnissen wie Pfadfinderübungen vor, ging auch Schlägereien aus dem Weg, hasste das Turnen in der Schule wie die Pest, wusste mit einem Ball nichts anzufangen und galt unter Gleichaltrigen wahrscheinlich als Sonderling. Statt mit ihnen auf der Straße herumzutollen, schlich ich um den benachbarten Schuppen mit Garage herum. Der Lastwagen konnte jederzeit eintreffen, ein Saurer-Diesel, in jenen Jahren lief er allerdings auf Holzgas. Mein behändes Öffnen des Tores und andere Handreichungen bewogen den Chauffeur gelegentlich, mich auf kürzere und manchmal auch längere Fahrten mitzunehmen.
Meine Eltern erkannten früh, dass sie nach einem ersten Versuch mit Heidi von Johanna Spyri mir kein zweites Jugendbuch schenken mussten, dafür ein Abonnement der Automobil Revue. Die Wochenzeitung vermittelte alle technischen Neuigkeiten im Detail. Meine Beurteilung der Autos lag somit auf einer ganz anderen Ebene als diejenige meiner Mitschüler, welche nur Glanzpapier-Prospekte sammelten. Nicht einmal über Autos konnte ich mich deshalb mit ihnen unterhalten.
Aufgrund der Beförderung meines Vaters wohnten wir neu in einer Dienstwohnung im Gebäude der Kreisdirektion Winterthur des EKZ. Garagen mit einem halben Dutzend Personenwagen verschiedener Marken umsäumten den Hof. Nach der Schule schmiss ich den Schulsack unter die Rampe und begann, die heimkehrenden Autos zu pflegen. Sie bedurften nicht nur allfälliger Reinigung, sondern, da Vorkriegsmodelle, auch noch der häufigen Kontrolle von Kühlwasser, Öl und Luft. Nach getaner Arbeit fuhr ich die Autos sorgfältig in ihre Boxen. Die Mitarbeiter meines Vaters lachten, wenn sie mich mit dem Kissen unter dem Arm antrafen. Damit verschaffte ich mir am Lenkrad die nötige Übersicht. Alle Manöver gelangen mir, ohne je den geringsten Schaden zu verursachen. Die Narrenfreiheit, der ich mich von meinem dreizehnten bis zu meinem fünfzehnten Altersjahr erfreute, beruhte sicher auch auf dem hohen Ansehen, das mein Vater bei seinen Mitarbeitern genoss.
Nun galt es, nach diesem einzigen Highlight des Tages die Schulaufgaben zu erledigen und mich ans Klavier zu setzen. Was ich zu spielen versuchte, begeisterte meine Klavierlehrerin nicht und was sie mich zu spielen anhielt, gefiel mir nicht. Ihre Anmerkungen in den Notenheften beachtete ich gar nicht, da ich mit meinem guten Musikgedächtnis alle Stücke auswendig spielen konnte. Nach zwei Jahren fanden die Bemühungen ein Ende. Mein Bruder Konrad zeigte auch am Klavier viel mehr Ausdauer. Durch ihn lernte ich die wunderbare Musik der amerikanischen, meist schwarzen Pianisten wie Fats Waller, James P. Johnson und Teddy Wilson kennen. Stundenlang übte ich die linke Hand, welche die Grundlage dieses Stils, genannt Stride, bildet.
Meine Aufnahmefähigkeit kannte kaum Grenzen für alles, was mich interessierte, Latein und Französisch gehörten nicht dazu. Das führte nach fünf Quartalen Gymnasium im Zeugnis zur lapidaren Feststellung: „Zurückversetzt in die 1. Klasse.“ Das wirkte auf mich nicht besonders aufmunternd. So lenkte ich meine Schritte nach den Sommerferien direkt Richtung Sekundarschulhaus. Ohne Formalitäten, was mich heute noch erstaunt, saß ich nach wenigen Minuten bereits in der 2. Klasse, direkt vor der hübschen Tochter meines ehemaligen Klassen- und Lateinlehrers. Das verschaffte mir die Gewissheit, dass ich am Nachmittag, ebenfalls ohne jede Formalität, von der gymnasialen Absenzenliste gestrichen wurde.
Mitte Juli 1948 bat der Arbeitgeber EKZ meinen Vater, so rasch wie möglich eine noch anspruchsvollere Aufgabe am Hauptsitz zu übernehmen. Der Umzug von einer Dienstwohnung in Winterthur in eine solche in Zürich nahm keine drei Wochen in Anspruch. Erneut sah ich mich nach den Sommerferien in einer neuen Klasse, diesmal in der 3. Klasse der Sekundarschule in Zürich-Wiedikon, wiederum ohne mich von den alten Klassenkameraden verabschiedet zu haben. Die verbleibende Zeit der Sekundarschule interessierte mich nicht sonderlich. Meine ganze Kraft fokussierte ich darauf, meinen Vater dazu zu bewegen, mir eine Lehrstelle als Automechaniker zu suchen. Das schmerzte ihn sehr, kostete es ihn doch Jahre, um aus dem Arbeiterstand herauszuwachsen. Schließlich erfüllte er meinen Wunsch.
Im Frühling 1949 trat ich meine Lehrstelle in der Triemligarage beim Lehrmeister Emil Horber an, Sechstagewoche à 54 Stunden und fünf Franken Wochenlohn im ersten Lehrjahr, zehn Franken im zweiten. Die Garage verfügte über keine eigene Vertretung. Wir reparierten Personenwagen aller Marken, außer VW, Mercedes und Citroen, zudem auch Lastwagen und sogar Traktoren. Dank meiner, auch gegenüber manchem Automechaniker überragenden theoretischen Kenntnisse ließ man mich relativ frei arbeiten. Es erfüllte mich mit besonderer Freude, einen CT1D-Motor im Saurer-Diesel-Lastwagen der Brauerei Hürlimann einer kleinen Überholung unterziehen zu können, wusste ich doch, dass sich der 1935 in Produktion gegangene CT1D im Motorenbau als wegweisend erwiesen hatte, dank zukunftsträchtiger Lösungen wie Direkteinspritzung, in die Kolben integrierte Doppelwirbelkammern, vier Ventile pro Zylinder, nasse Büchsen usw. Nach Abdecken des Motors konnte ich die starken Bolzen mit dem dem Kraftlinienfluss nachempfundenen verjüngten Schaft bewundern: hohe Schule der Mechanik!
Bereits während meines ersten Lehrjahres bat ich meinen Vater um einen geringfügigen Kredit, damit ich einen nicht mehr fahrtüchtigen Ford Anglia erwerben konnte. Die seitlich angebrachte Nockenwelle hatte angefressen. Die damaligen langhubigen Motoren erzielten noch keine großen Kilometerleistungen. So lag es auf der Hand, einen einmal ausgebauten Motor gerade vollständig zu überholen. Der Gemüsekeller der elterlichen Wohnung eignete sich vorzüglich als Werkstatt. Nie duftete es nach Schmiermittel oder Ähnlichem, sondern nach Grafensteinern, Berner Rosen, Glockenäpfeln und Pastorenbirnen vom stiefgroßmütterlichen Hof.
Eine Kieme der vielen, für mich zu vielen Kartoffeln benutzte ich für die einzige Arbeit, die beim Zusammenbau eines Motors eine gewisse Präzision erfordert: für die Einstellung der Nockenwelle. Ein Zahn falsch – und der knapp 1 Liter-Vierzylinder hätte seine Nennleistung, 24 PS bei 4000 T/min und 4 mkg bei 2300 T/min nicht erreicht und das 750 kg schwere Wägelchen somit auch nicht seine Höchstgeschwindigkeit von 85 km/h. Ein Plymouth Savoy 19 CV brachte es damals bei doppeltem Benzinverbrauch auf max. 120 km/h.
Freunde halfen mir, den Anglia auch äußerlich auf Vordermann zu bringen. Zur Montage eines neuen Himmels bedurfte es ja gleichzeitig mehrerer Hände. Diese Freunde, alles OR-Schulkollegen meines Bruders, nahmen mich als kleinen Außenseiter wohlwollend in ihren Kreis auf. Sie sahen mich gerne an Jazzkonzerten, beim Ausbau des Jazzkellers, aber auch als Mitglied der Band Eleonora Jazz Society, wo noch der Platz eines Zug-Posaunisten zu besetzen war. Das wöchentliche Musizieren im Jazzkeller bereitete mir viel Spaß wie auch die gelegentlichen Auftritte im Studentenheim und zur Krönung der Karriere ein Engagement an einem Polyball.
Nach einigen Ausflügen mit meinen Eltern verkaufte ich den Ford Anglia. Der Erlös hielt sich in Grenzen. Auf der Suche nach einem weiteren nicht mehr fahrtüchtigen Auto stieß ich auf einen Citroen 11 légère. Beim Bergabfahren sprangen die Gänge heraus. Wie ehemals der Motor des Anglia landete auch das Getriebe des Citroens im Gemüsekeller. Zu meiner großen Überraschung galt es vorgängig spezielle Werkzeuge anzufertigen oder zu entlehnen, um der unkonventionellen Konstruktion Herr zu werden. Die Gabe der französischen Ingenieure, sich von herkömmlichen Konstruktionen zu lösen und völlig neue Wege einzuschlagen, beeindruckte mich sehr.
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