Ein Leben für die Einschlussforschung – ein Freiberger Mineraloge erzählt

Ein Leben für die Einschlussforschung – ein Freiberger Mineraloge erzählt

Rainer Thomas


EUR 19,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 368
ISBN: 978-3-99131-015-0
Erscheinungsdatum: 19.01.2022
Die Einschlussforschung als Teilgebiet der Mineralogie ist aus praktischen Bedürfnissen des Bergbaus entstanden. Ausführliche Kenntnisse um das Entstehen, Werden und Vergehen von mineralischen Rohstoffen sind für die Verwertung unverzichtbar.
Vorwort des Autors
Die Ausführungen fußen auf persönliche Erfahrungen, Erlebnissen, Briefen und vielen Gesprächen, die im Laufe eines langen Lebens gestaltend auf mich einwirkten. Die Lebenserinnerungen spiegeln letztlich aber meine persönliche und subjektiv Meinung wieder. Persönliche Ecken und Kanten erkennt man oft nur aus der Reduzierung oder der Übertreibung. Falls ich jemand zu stark auf die Füße getreten bin, bitte ich herzlichst um Entschuldigung. Es geht hier nicht um eine Abrechnung, Verleumdung oder Diskreditierung von Einzelpersonen, sondern es geht um eine ungeschminkte und naturgemäß subjektive Darstellung der gesellschaftlichen und wissenschaftspolitischen Verhältnisse in zwei unterschiedlichen Gesellschaftssystemen aus meiner Sicht. Manchmal war ein einziges Wort oder ein, vielleicht unüberlegt hingeworfener Satz, entscheidend für den Fortlauf der Dinge. Solche Sätze „Wenn sie der Kampfgruppe beitreten, sind sie unser Mann“ waren für meine persönliche Entwicklung sehr prägend.
Meine Worte über Prof. Rolf Emmermann sollen seine Rolle als Gründungsdirektor des GFZ nicht schmälern. Er hat nicht nur für die Wissenschaftslandschaft in der BRD großes geleistet, sondern hat auch Großes für die Gesellschaft und für seine Mitarbeiter getan.
Summa summarum: meine Lebenserinnerungen sind als kleiner Baustein für das Gesamtverständnis der Wissenschaftsentwicklung anhand meines kleinen Beispiels „Einschlüsse“ zu verstehen.
Nicht dargestellt wird in den vorliegenden Erinnerungen das Familienleben, obwohl sicherlich mein hier dargestellter Werdegang direkt und indirekt für viele Jahre durch die engere Familie gefördert, toleriert, beeinflusst und auch gebremst wurde. Das gilt insbesondere für meine Freiberger Zeit bis zum Wechsel zum ZIPE (Zentralinstitut für Physik der Erde) im Jahre 1988. Ab dieser Zeit bauten sich von Jahr zu Jahr immer stärker werdende Schranken auf, die letztlich zur Scheidung im Jahre 2005 führten. Meine damalige Frau Ingrid Thomas, geb. Schneider (1942–2018) war nicht im Ansatz bereit, ihren vertrauten „elterlichen Herd“ zu verlassen. Eigentlich bahnte sich diese Entwicklung schon frühzeitig an. Ich habe aber diese Anzeichen nicht gesehen und auch nicht wahrhaben wollen. Da die jüngste Tochter Sylvia-Monique ebenfalls in Freiberg Mineralogie studiert hat und ihre Promotionsarbeit uns am GFZ Potsdam fachlich zusammenführte, blieb eine gewisse Bindung zur Freiberger Vergangenheit bestehen.
Die vorliegenden Ausführungen sind insbesondere Otto Leeder gewidmet.
Mit der Vergabe und Betreuung der Diplomarbeit hat er mich motiviert, auf dem hier skizzierten Forschungsfeld Fuß zu fassen und nach Möglichkeit dieses auch mitzugestalten. Die wissenschaftlichen, oft sehr konträren Vorstellungen zur Genese der Fluorit-Lagerstätten zwischen Otto Leeder und Günter Meinel haben in mir eine offene Herangehensweise an geowissenschaftliche Probleme gefördert, die ich bis heute bewahrt habe. Beide haben tiefe Spuren hinterlassen, die ich nicht missen möchte.
Auf meinem Weg haben mich viele Kollegen aus dem In- und Ausland begleitet, motiviert und gefördert. Zu nennen sind hier: Ed Roedder, Jim Webster (siehe Anhang), Paul Davidson, Hartmut Beurlen, Ilya Veksler, Elena Badanina, Vladimir Naumov, Sergey Smirnov, Wilhelm Heinrich und nicht zuletzt auch die Einschlussforscher in Nancy/Frankreich. Das Aufzählen aller Kollegen und Kolleginnen würde hier zu weit gehen.
Manche werden in meiner Skizze namentlich erwähnt – andere bleiben etwas im Verborgenen. Als einen besonderen Glückfall für die Einschlussforschung muss ich hier unbedingt Paul Davidson von der University of Tasmania hervorheben.
Seit 2005 habe ich mit ihm erfolgreich zusammengearbeitet, viele wissenschaftliche Probleme diskutiert und erfolgreich umgesetzt. 37 gemeinsame Publikationen zeugen von dieser Arbeit, die niemand angeordnet oder gefördert hat. Bedauerlicherweise habe ich ihn nie persönlich kennengelernt.
Nicht unerwähnt soll hier aber auch David London bleiben, den ich 1995 auf dem III. Hutton-Symposium persönlich kennengelernt habe. Vertieft wurde diese Beziehung im September 1998 auf einer Tagung in Südböhmen. Seine sehr kritische Einstellung zu meinen Untersuchungen war – insbesondere in den letzten Jahren – eine ganz entscheidende Triebkraft für die Entwicklung meiner Gedankengänge. Für jeden Außenstehenden musste diese Beziehung regelrecht als Feindschaft aufgefasst werden. Dem ist aber nicht so. Unsere unterschiedlichen Auffassungen waren letztlich der Motor für einen gesunden wissenschaftlichen Wettkampf, der auch heute noch anhält.
Eine gewisse Auskunft über die vielen ungenannte Personen liefert das Publikationsverzeichnis. Für einen Wissenschaftler, der in den engen Grenzen der DDR aufwuchs, ist die große Zahl von Gemeinschaftsprojekten und Publikationen mit Personen aus weit über 20 Ländern schon etwas ungewöhnlich. Auch die Anzahl von über 33 Dissertationsarbeiten, die ich betreut oder an denen ich gestaltend mitgewirkt habe, ist für einen Wissenschaftler der dritten Reihe beachtlich.
Dass ich, insbesondere nach meinem Wechsel ins Rentnerdasein, ziemlich ungestört meinem „Hobby“ weiter frönen konnte und kann, ist auf das großzügige und wohlwollende Verständnis meiner Lebens-Partnerin und seit Februar 2018 auch Ehefrau Margit Beckmann zurückzuführen. Aber ohne Unterstützung durch das GFZ, vertreten durch Prof. Wilhelm Heinrich und nach dessen Ausscheiden durch Prof. Monika Koch-Müller wäre eine wissenschaftliche Arbeit an vorderster Front nicht denkbar. Einen wesentlichen Beitrag dazu hat auch Paul Davidson geleistet. Ihnen gebührt mein besonderer Dank.
Viele Darstellungen und Bemerkungen zu Personen sind sehr persönlich gefärbt, manchmal auch überspitzt – nur so sind sie im Rahmen der vorliegenden Skizze einzuordnen und zu verstehen. Sollte ich hier und da in der Beurteilung zu weit gegangen sein, bitte ich um Nachsicht.
Dank gebührt Uli Recknagel, Michael Leh, Wolfram Lange und Olaf Tietze, die mich immer wieder gedrängt und motiviert haben, die Memoiren nun endlich mal fertigzustellen.

Viele Wiederholungen waren unvermeidlich – auch hier bitte ich um Verständnis.


Prolog
Heute schaue ich auf eine Zeit zurück, die nach dem Studium im Wesentlichen durch die Beschäftigung mit der Einschlussforschung geprägt wurde. Nach Kindheit, Lehre und Studium begann mit dessen Ende eine 50 Jahre währende, sehr wechselhafte Zeit der Tätigkeit auf diesem Gebiet. Eine als Hobbyforschung zu bezeichnende Zeit endete im Sommer 1988 mit dem Wechsel zur Akademie der Wissenschaften (AdW). Die Promotion B, erfolgreich verteidigt am 3. Februar 1989, markiert dieses Ende definitiv. Es folgte eine Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Zentralinstitut für Physik der Erde (ZIPE) auf dem Telegrafenberg bei Potsdam bis zu dessen einheitsbedingter Abwicklung im Jahre 1992, anschließend eine solche als wissenschaftlicher Angestellter im GeoForschungsZentrum (GFZ) Potsdam auf dem gleichen Gelände bis zur „Verberentung“ Ende August 2007, um ab dieser Zeit wieder als „Hobbyforscher“ tätig zu sein.
Enchbat Dombon, ein mongolischer Doktorand aus der Wendezeit, bemerkte einmal in einem Gespräch vor der Verteidigung seiner Dissertation im Sommer 2007, dass mein Weg grob in Abschnitte von jeweils 10 Jahren gegliedert werden kann: 1969 – Diplom, 1979 – Dissertation A, 1989 – Dissertation B, 1999 – Organisation und Durchführung der 15. Zweijahres-Konferenz zu Problemen der Einschlussforschung (European Current Research On Fluid Inclusions – ECROFI) in Potsdam, und in Ergänzung, wenn man so will, 2009 – zweiter Brasilienaufenthalt (PEG2009BRAZIL) mit anschließend stärkerer Fokussierung auf Probleme der Pegmatitgenese, nun mich offensiver in die internationale Diskussion einbringend. Ein anderes und wichtiges Datum ist die von Uli Recknagel (geb. 23.08.1944) und Hans-Jörg Hunger organisierte feierliche Übergabe der Urkunde des „Goldenen Diploms“ (50 Jahre Diplom) im Mai 2019 in Freiberg.
Um den in groben Zügen skizzierten persönlichen Weg richtig zu verstehen, setze ich hier den Ausführungen eine knappe Definition sowie eine kleine Geschichte der Einschlussforschung voran. Scherzhafterweise bezeichnet man diesen Zweig der Wissenschaft auch als Bläschenkunde. Ausführlicheres kann man dem ersten deutschsprachigen Lehrbuch „Einschlüsse in Mineralen“ von Leeder, Thomas und Klemm (1987) entnehmen. Dieses kleine Büchlein ist praktisch zur gleichen Zeit in beiden Teilen Deutschlands erschienen.
Die kürzeste Definition lautet in Analogie zu David Hilberts (1862–1943) Definition der Mathematik: Einschlussforschung ist das, was kompetente Leute darunter verstehen.
Die hier im Mittelpunkt meines Lebens stehenden Einschlüsse in Mineralen sind diejenigen Phasen, aus denen das jeweilige Mineral entstanden ist, d. h., es sind Gase, wässrige Lösungen oder ehemalige Schmelzen, die beim Wachstum im Wirt, einem Mineral (Kristall), mit eingeschlossen wurden. Im erweiterten Sinne gehören zu diesen Wachstumsprozessen auch Umbildungs- und Rekristallisationsprozesse.

Tafel 1
Einphasige Lösungseinschlüsse in einem ADP-Kristall

Flüssigkeitseinschlüsse in einem Ammoniumdihydrogenphosphat-Kristall (ADP), gezüchtet aus einer gesättigten wässrigen Lösung bei 43° C.
a) Im mikroskopischen Bild sieht man in der ADP-Probe, geschnitten parallel zur (101)-Fläche, zahllose einphasige Flüssigkeitseinschlüsse, die mit der Mutterlösung gefüllt sind.
b) Ein sehr seltener Einschluss, der bei der Bildung eine in der Lösung suspendierte Gas- oder Luftblase mit eingeschlossen hat. Dass es sich tatsächlich um eine Lösung handelt, erkennt man daran, dass sich die Blase beim leichten Kippen der Probe unter dem Mikroskop bewegt – ganz in Analogie zu einer Libelle in einer Wasserwaage.
c) Der gleiche Einschluss mit der durch Kippen der Probe verschobenen Gasblase.
d) Der gleiche Einschluss nach geringfügigem Erwärmen unter dem Mikroskop durch das Licht. Man erkennt deutlich, dass der Einschluss eine mehr rundliche Form eingenommen hat.
e) Im gleichen Einschluss bildet sich unter dem Mikroskop in ganz kurzer Zeit im Randbereich zwischen Einschlusswandung und Blase eine Einbuchtung, die zeigt, dass durch den Dichtekontrast zwischen Lösung und Blase eine Stoffbewegung stattfindet.
Bemerkung: Synthetische ADP-Kristalle werden u. a. für die Herstellung von Polarisationsprismen benutzt. Eine weitere Anwendung finden ADP-Kristalle für die Intensitätsmodulation von Laserstrahlen. ADP gehört zu den Kristallen, bei denen sich durch Anlegen eines elektrischen Feldes die Brechungsindizes richtungsabhängig als Funktion der angelegten Feldstärke ändern. Diesen Effekt nennt man den elektrooptischen Effekt. Beim Pockelseffekt (linearer elektrooptischer Effekt) zeigt die Phasenverschiebung zwischen zwei bestimmten Polarisationskomponenten des hindurchtretenden Lichtes eine lineare Abhängigkeit von der angelegten Spannung.

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