Ein alter Lehrer plaudert humorvoll und ernsthaft über zwei Deutsche Schulsysteme
EUR 27,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 204
ISBN: 978-3-99130-699-3
Erscheinungsdatum: 13.08.2026
Chemie, Mathematik und Physik sind keine trockene und verstaubte Schulfächer … Oder? Herbert Gütt ist passionierter Lehrer und erobert mit seinem Humor und frechem Witz nicht nur die Herzen seiner Schülerinnen und Schüler, sondern auch die von uns Lesenden.
1. Kapitel
Meine Kindheit und Jugend bis zum Abitur
In meinem Personalausweis lautet der Eintrag zum Namen: Friedrich Ernst Herbert Gütt. Meine Mutter wollte wahrscheinlich nahen Verwandten mit der Namensgebung Freude bereiten! Ihr Vater also mein Großvater heißt Friedrich, weshalb der Name auch an erster Stelle steht. Mein Opa wurde allerdings von seinen Bekannten und Enkeln nur „Fried“ oder „Opa Fried“ genannt. Bei meinem Aufenthalt in Finsterbergen habe ich nie eine andere Anrede gehört. Dem Onkel Ernst wurde die Ehre zuteil, bei meiner Namensgebung berücksichtigt zu werden. Er war Ehemann der dritten Schwester. Wenn jemand versucht hätte, mich mit einem dieser Vornamen anzusprechen, wäre keine Reaktion meiner seits erfolgt. Im Mittelalter wäre mein Rufname eventuell Heribert gewesen. Mir wurde mal folgende Bedeutung gesagt: „Der im Heer Glänzende“. Ich habe in der NVA nicht geglänzt, vielleicht weil ich wegen meines Berufs nicht einberufen wurde. Ich bedaure nicht, dass ich diesbezüglich eine Erinnerungslücke vorweise!
Meine Mutter war die Erstgeborene von insgesamt sechs Töchtern. An siebter Stelle wurde ein Sohn als jüngster Bruder geboren! Ich habe den Verdacht, dass mein Opa glaubte, er habe als vollwertiger Mann drei Pflichten zu erfüllen. Erstens: Als wichtigste Pflicht galt es, einen Sohn zu zeugen. Zweitens: Einen Baum zu pflanzen und drittens ein Haus zu bauen! Ich glaube nicht, dass er baute, denn ihm gehörten schon zwei Häuser! Eine dazugehörige Oma habe ich nicht kennengelernt, weil sie schon vor meiner Geburt verstarb. Ich wurde als zweiter Sohn eines Fleischergesellen in Berlin-Treptow geboren. Mein Vater wurde 1899 in Friedrichroda geboren und auf den Vornamen Otto getauft. Sein Geburtsname legt nahe, dass die Namenswahl durch einen berühmten und hoch angesehenen Zeitgenossen beeinflusst wurde (Otto von Bismarck). Meine Mutter wurde im benachbarten Finsterbergen 1902 geboren und Ernestine getauft.
Wir vier wohnten in der Kiefholzstraße 13 im 2. Quergebäude Parterre mit Blick auf den zweiten Hof in einer Zweizimmerwohnung.
Meine erste Erinnerung als Dreijähriger. Ich stand zwecks Körperreinigung in einer einfachen Zinkbadewanne in der Küche und konnte auf den Hof sehen. Ich rief: „Da kommt mein Papa.“ Er trug noch seine Wehrmachtsuniform und hatte ein Käppi auf dem Kopf. Er hatte sehr großes Glück, dass er 1939 nach beendetem Polenfeldzug als Entlassener ohne Blessuren nach Hause durfte. Er war als Koch für die Ernährung seiner Kompanie zuständig! Der Chef seiner Arbeitsstelle im Berliner Zentralviehhof hatte ihn erfolgreich als unentbehrlich reklamiert.
Von Neugierde getrieben, sahen wir uns das Haus an, das als erstes Haus in Berlin durch einen Bombenvolltreffer zerstört worden war. Viele Neugierige waren gekommen!
Zu meiner Einschulung im September 1942 trug ich eine große Schultüte. Meine Klassenleiterin war schon im vorgerückten Alter und legte Wert darauf, mit Fräulein und mit ihrem Familiennamen angeredet zu werden.
Im Frühjahr 1943 blieb mein Vater allein in Berlin zurück, weil die Eltern beschlossen hatten, uns vor den intensivierten Luftangriffen zu schützen. Wir quartierten uns in der Dachstube des Elternhauses meiner Mutter in Finsterbergen ein. Mein jüngster Cousin Bruno fand sich regelmäßig zum Abendbrot mit trockenen Schnitten bei uns ein. Er wusste, dass mein Vater uns vorsorglich Pakete mit selbst gemachter Wurst schickte. Er hatte zu Hause auf dem Flurboden eine vollständige Ausrüstung zum Wurstmachen! Ich war lange Zeit so verwöhnt, dass ich nur Wurst gegessen habe, die von meinem Papa stammte. Er hatte in Friedrichroda schließlich von der Pike auf gelernt, auf Thüringer Art zu würzen.
Der Opa Fried hatte seinem einzigen Sohn ein Haus überschrieben. Er bewohnte darin ein geräumiges Zimmer im Erdgeschoss. Diesen Sohn habe ich 1943 nicht kennengelernt, weil er zu Kriegsbeginn eingezogen wurde. Er hatte drei Söhne und bekam nach einem Heimaturlaub noch eine Tochter. Ich kann mich noch lebhaft an die traurige Situation erinnern, als der Briefträger den Brief mit der Todesnachricht brachte. Er war bei Stalingrad gefallen.
Damals hatte Thüringen nach Ostern Einschulung. Obwohl ich schon die 2. Klasse fast vollendet hatte, wurde ich in die 2.Klasse aufgenommen. Ich war eindeutig unterfordert. Durch die Vervollständigung meiner Lesefertigkeit entdeckte ich die Lust auf Lesen. Jedes Buch, das ich in die Hände bekam, musste ich lesen. Im Schulranzen befand sich eine Schiefertafel mit einem Holzrahmen. Mit einem Schiefergriffel konnte man auf die Tafel schreiben. An einer Schnur befestigt hing ein nasser Schwamm zum Reinigen der Tafel, um sie wieder einsatzbereit zu machen.
In den Sommerferien kam noch eine sehr schöne Freizeitgestaltung dazu. Der Onkel Ernst hatte den Beruf des Kuhhirten erlernt. Ich durfte ihn mit Genehmigung meiner Mutter ausgestattet mit Verpflegung zum Hüten begleiten. Er fing am unteren Ortsausgang an. Auf seiner Schalmei wurde eine Erkennungsmelodie geblasen. Es ging auf der Dorfstraße bergan. Aus den Gehöften kamen braune Kühe und trotteten bergan. Jede Kuh trug eine Messingglocke am Hals. Der Hirte hatte die Glocken zu liefern. Sie waren harmonisch aufeinander abgestimmt, so dass man den Klang als angenehm empfand, auch wenn man das Geläut den ganzen Tag hören musste. Die Herde wurde von zwei Hunden gelenkt, die ihre Arbeit als Befehlsempfänger des Hirten verrichteten. Die Herde wurde wahlweise in lichte Wälder mit Grasbewuchs oder auf Waldwiesen geleitet. Die Glocken erleichterten die Suche nach Kühen, die sich unerlaubt von der Herde entfernt hatten. In der Zeit meiner Anwesenheit brauchten wir keine entlaufene Kuh zu suchen! Entweder waren die Hunde sehr wachsam oder das Geläut erzeugte bei den Kühen ein Zusammengehörigkeitsgefühl? Einmal graste ein männlicher Hirsch mit einem prächtigen Geweih friedlich mitten in der Herde.
Ein anderes Mal beobachtete ich in einiger Entfernung einen Luftkampf zwischen einem Jäger und einem Bomber. Der Bomber fiel vom Himmel, und einige Zeit später sah ich, wie ein Amerikaner in Fliegeruniform von bewaffneten Männern abgeführt wurde. Das war der erste echte Amerikaner, den ich sah. Bisher kannte ich Amerikaner nur als rundes, flaches, mit Zuckerguss überzogenes Gebäck! Als sich die Bombardements in Berlin weiter intensivierten, fuhren wir im Januar 1945 wieder zurück nach Berlin. Meine Eltern wollten nicht, dass die Familie auseinandergerissen wurde. Es galt, entweder gemeinsam zu überleben oder vereint zu sterben. Wir hatten das große Glück, das Inferno zu überleben!
Der Luftschutzkeller für alle Anwohner befand sich unter dem Vorderhaus. Wenn ein Bomberverband im Anflug war, wurde mit dem Heulton einer Sirene Luftalarm ausgelöst, und der Luftschutzkeller unter dem Vorderhaus musste unverzüglich aufgesucht werden. Beim Abflug des Geschwaders wurde mit einem anderen Heulton Entwarnung gegeben. An beiden Seitenwänden des Kellers hatte man Ziegelsteine bis auf eine Steinlage entfernt. Dadurch konnte bei Bedarf schnell ein Notausgang zum Nachbarhaus geschaffen werden.
Bei einem nächtlichen Großangriff auf die Umgebung des Wiener Bahnhofs war links von uns in einem Abstand von circa zwei Kilometern der Nachthimmel rötlich erleuchtet. Alle Häuser des Wiener Viertels wurden nach Abwurf von Brandbomben in einem Flächenbrand abgefackelt! Durch den Sauerstoffbedarf gab es einen sturmartigen Wind, der am folgenden Morgen immer noch wütete.
Bei einem Tagesangriff wurde durch einen Wachhabenden im ersten Quergebäude im Treppenhaus in der fünften Etage auf dem obersten Podest eine brennende Stabbrandbombe mit einer Schaufel schwungvoll durch das Flurfenster geworfen! Durch diese Heldentat blieb das Gebäude erhalten. Als Sachschaden waren lediglich ein reparaturbedürftiges Fenster und ein Brandfleck auf dem Podest zu verzeichnen.
Bei einem späteren Tagesangriff war ein Pfeifton hörbar. Während dieses Geräusches hatte ich das Gefühl, dass sich der Boden anhob. Dann gab es einen Einschlag mit einem lauten Knall. Anschließend hörten wir das Geräusch fallender Ziegelsteine. Panikartige Stimmung kam auf. Nach kurzer Zeit gab es Erleichterung, als der Luftschutzwart laut verkündete, dass das Vorderhaus unversehrt war. Nach der Entwarnung sahen wir, dass die vier Gebäude des Grundstücks einschließlich eines Seitenflügels noch standen. Auf dem benachbarten linken Grundstück war auf dem zweiten Hof des Nachbargrundstücks der Seitenflügel getroffen worden. Die erste Etage und das Parterre waren nicht mehr vorhanden. Die oberen Etagen einschließlich des Daches existierten freischwebend noch.
Bei unserer Wohnung waren alle Fenster noch intakt, weil wir sie beim Verlassen der Wohnung vorsorglich geöffnet hatten. Beim Betreten der Wohnung sahen wir überall eine dicke Staubschicht. In der Küche hatte die linke sechs Meter lange Wand vier senkrechte Risse, die sich von der Decke bis zum Fußboden zogen. In der Toilette fanden wir die Risse an den gleichen Stellen vor. Die circa zehn Zentimeter dicke Wand war labil und wurde nur durch ein im Inneren befindliches Drahtnetz zusammengehalten. Ein paar Tage später wurde die Wand durch Verschmieren der Risse mit Mörtel stabilisiert. In der Toilette wurde die Wand durch das Einsetzen von zwei Kanthölzern in zwei Metern Höhe gerichtet und noch besser stabilisiert. Wir waren erleichtert, dass unsere Wohnung noch bewohnbar war. Sie hatte wegen des geringen Abstandes zum Explosionszentrum die Druckwelle voll abbekommen. Die linke Außenwand des zweiten Quergebäudes hatte der Druckwelle standgehalten.
Dieser Treffer war dadurch möglich geworden, dass die beiden benachbarten Grundstücke mit unserem Grundstück einen großen gemeinsamen Hof bildeten. Zwei Meter hohe Maschendrahtzäune grenzten die Höfe voneinander ab. Die Bombe musste bei einem seitlichen Anflug aus niedriger Höhe ausgeklinkt worden sein.
Ab Mitte April war ein ununterbrochenes Grollen zu hören, das nach einigen Tagen ständig an Lautstärke zunahm. Gegen Ende des Monats war es sehr laut geworden. Wir suchten in unserem Kellerverschlag und im angrenzenden Gang Schutz vor den Kampfhandlungen. Durch die Lügenpropaganda von den russischen Unmenschen waren wir sehr beunruhigt. Als sich der Geräuschpegel dämpfte, hatten wir unsere erste Begegnung mit einem russischen Soldaten. Mit fremdartigem Akzent sagte er in deutscher Sprache, dass die Gefahr vorüber sei und wir den Keller verlassen könnten. Da setzte bei uns schrittweise Erleichterung ein, weil er friedlich und verständnisvoll geklungen hatte und uns nichts Schlimmes passiert war.
Auf dem ersten Hof waren weitere Soldaten damit beschäftigt, aus einer Gulaschkanone Suppe an die Anwohner zu verteilen. Zusätzlich wurde auch quaderförmiges Brot verteilt. Allen wurde klar, dass das Feindbild vom Russen als Untermensch nicht stimmte. Nach einiger Zeit erkannten immer mehr Menschen, dass tatsächlich eine Befreiung vom Faschismus stattgefunden hatte. Kurz nach dem 8. Mai hörte ich von vielen Leuten (als die Erinnerungen an Kriegsereignisse noch frisch waren) in Gesprächen oft einen Satz, den ich sinngemäß zitiere: „Lieber ein ganzes Leben nur trocken Brot essen, als noch mal eine Stunde Krieg zu erleben!“
Es kursierten zwei bissige Witze: 1. In der „Zone“ fahren die Züge so schnell, dass man das zweite Gleis nicht mehr sieht. 2. Aus welcher Stahlsorte wurden die fehlenden Schienen hergestellt? Aus Diebstahl!
In der sowjetischen Besatzungszone mussten Reparationsleistungen als Wiedergutmachung für erlittene Schäden erbracht werden. Das zweite Gleis war demontiert worden. Die Schienen in Russland waren beim Abzug der deutschen Truppe mit einem Haken am letzten Waggon zerstört worden! Mit Sicherheit ist dieser Witz ein Ausdruck der Unzufriedenheit der Menschen. An dieser Stelle sei festgestellt, dass es von den anderen drei Besatzungszonen keine Reparationsleistungen an die Sowjetunion gab. Das war offensichtlich aus heutiger Sicht schon der Beginn des Kalten Krieges. Deswegen gab es in Deutschland sehr unterschiedliche Bedingungen für die Weiterentwicklung. Es dauerte ziemlich lange, bis sich die Verhältnisse in der Ostzone, später DDR, wieder normalisierten.
Überwiegend wurden „Trümmerfrauen“ zur Beseitigung der Schäden herangezogen. Die Männer waren auf ihren Arbeitsplätzen! Die ganzen Ziegel wurden aus den Trümmerbergen geborgen und dann durch Weitergabe in Reihen bis zur Straße weitergereicht. Dort wurde der Mörtel mit speziellen Hämmern von den Ziegeln abgeklopft. Am Rand der Bürgersteige standen dann die Ziegel kunstvoll gestapelt. Ich habe mich als Neunjähriger zeitweise freiwillig am Steine Klopfen beteiligt. Die Trümmerreste wurden abgefahren und an einigen Standorten aufgehäuft und zum Schluss mit Muttererde abgedeckt und bepflanzt. Ein Berg hatte den Namen „Mont Klamott“ bekommen.
Am 1. September 1945 begann das neue Schuljahr. Ich wurde meinem Alter entsprechend der vierten Klasse zugeteilt. Ich verkraftete problemlos den Ausfall des dritten. Schuljahres und konnte mich ganz normal am Unterricht beteiligen. Kurz nach Schulbeginn wurde kostenloses Schulessen eingeführt. Die Schüler mussten geeignete Behälter und Besteck von zu Hause mitbringen. Ich kann mich nur noch an das erste Essen erinnern. Es gab eine klare Brühe. An der Oberfläche schwammen vereinzelte Fettaugen, und zerhackte Petersilie war noch zu sehen. Das Beste war ein Brötchen. Ich weiß noch, dass sich die Qualität des Essens relativ schnell verbesserte.
Die Schulspeisung wurde eingeführt, um die Versorgung der Kinder zu verbessern!
1945 wurden Lebensmittel in der Ostzone rationiert.
Bis 1958 gab es Lebensmittelkarten in fünf Kategorien für Brot, Fleisch, Fett, Zucker, Kartoffeln und Kaffee-Ersatz:
Schwerstarbeiter und Funktionäre
Schwerarbeiter
Arbeiter
Angestellte
Sonstige: Kinder, Rentner, Schwerbeschädigte, Nichterwerbstätige („Friedhofskarte“!)
Die durchschnittlichen Anfangsrationen waren 1945 pro Monat: 12.000 Gramm Brot, Teigwaren, 1.050 Gramm Hülsenfrüchte, 750 Gramm Zucker, 900 Gramm Fleisch, 450 Gramm Fett. Diese Mengen wurden später mehrfach angehoben!
Eine peinliche Erinnerung stammt aus dem sechsten Schuljahr. Meine Lesesucht hatte sich verfestigt. Ich empfand das Lesen noch spannender als den Unterricht. Ich hatte gute Voraussetzungen. Ich saß allein an der Wandseite in der letzten Bank. Das Buch lag unterhalb der Tischplatte. Lange Zeit blieb mein frevelhaftes Verhalten folgenlos, weil ich mich als kluger Stratege zeitweise aktiv am Unterricht beteiligte. An einer spannenden Stelle wurde ich unsanft unterbrochen. Ich hatte nicht bemerkt, dass sich der Lehrer listig, weitersprechend an meinen Sitzplatz herangepirscht hatte. Ich war auf frischer Tat ertappt worden. Drei unangenehme Strafpredigten waren die logische Folge. Nach der Beschlagnahme des Buches folgte die erste, die ich vom Lehrer zu hören bekam. Die zweite musste sich meine Mutter vom Direktor anlässlich der Rückgabe des Buches anhören. Für die dritte fühlte sich mein Vater unter Androhung möglicher Folgen zuständig. Ich las zwar viel weiter, aber nie mehr im Schulgebäude. Also blieben die Folgen aus.
Unser musisch begabter Klassenleiter hatte uns bei niedrigen Temperaturen den Besuch der Oper von Otto Nicolai „Die lustigen Weiber von Windsor“ im ungeheizten Saalbau am Friedrichshain ermöglicht. Nach der Arie des Falstaffs „Wie freu ich mich, wie freu ich mich, wie treibt mich mein Verlangen“ spielten wir zwecks Erwärmung „Ein kriege zeck“. Nachdem mein Kopf unsanft mit einer zurückschnellenden Flügeltür in Kontakt gekommen war, verfolgte ich ernüchtert und diszipliniert von meinem Sitzplatz aus die weitere Handlung.
Ich werde heute noch ab und zu durch die Schallplatten meiner Sammlung daran erinnert!
In der Schulbank war ein quadratischer Hohlraum für ein gefülltes Tintenfass. Das Schreibgerät war ein Halter, in dem eine Schreibfeder aus Stahl steckte. Die Feder hatte einen Spalt zum Ablauf der Tinte. Böse Buben zweckentfremdeten die Tinte zum Färben von Zöpfen. Weil mir die Mädchen leidtaten, unterließ ich das! In der neunten Klasse hatten wir ein Jahr Englischunterricht. Mein erster Satz auf Englisch lautete: „And that is the inkpot.“ Das war wohl eine Erinnerung an die Zeit, in der wahrscheinlich auch in Großbritannien mit Tinte aus einem Fass geschrieben wurde?
Im siebten und achten Schuljahr bekamen wir einen älteren Lehrer als Klassenleiter. Wir waren anfangs vom Wechsel enttäuscht. Durch seine ruhige, ausgeglichene Art und seinen interessanten Unterricht konnten wir ihn jedoch zunehmend besser leiden. Er erzählte einmal, dass er nach dem Auszug sowjetischer Offiziere sein beschlagnahmtes Grundstück in Grünau zurückbekommen habe. Ich hatte mich mit weiteren Freiwilligen an einem Arbeitseinsatz in seinem Garten beteiligt. Er hatte während seines Lehrerstudiums für viele Fächer die Lehrbefähigung erworben. Er war auch für den Chemieunterricht zuständig. Die Ausstattung an Chemikalien war noch dürftig. Zwei Experimente habe ich in Erinnerung, die speziell zum Einsatz kamen, wenn Hospitationen angesetzt waren:
In einem Reagenzglas wurden Holzspäne über dem Bunsenbrenner erhitzt. Die Rauchgase wurden angezündet. Als Rückstand blieb Holzkohle.
Aus Restbeständen war noch metallisches Natrium vorhanden. Der Lehrer schnitt ein kleines Stück ab und gab es in das Wasser einer pneumatischen Wanne. Es schmolz und bewegte sich schwimmend auf der Oberfläche. Das entstandene Gas brannte nach Entzündung mit gelber Flamme. Das Wasser färbte sich pinkfarben, weil er vorher den Indikator Phenolphthalein dazugegeben hatte. Diese Experimente wurden bei Hospitationen gezeigt!
Im achten Schuljahr gab er mir aufgrund meines Zeugnisses den guten Rat, ich solle anschließend noch vier Jahre weiter bis zum Abitur durchhalten und anschließend studieren. Ich hatte diese Option bisher nicht im Kalkül gehabt. Als ich meinen Eltern meinen Wunsch mitteilte, gaben sie mir grünes Licht. Ich besuchte also im Baumschulenweg die sogenannte Aufbauschule von 1950 bis 1954.
Ab dem neunten Schuljahr bekam ich ein Stipendium von monatlich fünfzig Mark. Meine Eltern gestatteten mir freie Verfügung über dieses Geld. Ich weiß nicht, ob alle Schüler Stipendiaten waren oder nur ich ein zu förderndes Arbeiterkind war. Die DDR hatte sich als Arbeiter- und Bauernstaat deklariert. Im März 1951 kaufte ich mir vom ersparten Geld für 300 Mark ein Fahrrad der Marke Mifa als erste Anschaffung. Ich tauschte den serienmäßigen hinteren Zahnkranz mit zwanzig Zähnen gegen einen mit nur vierzehn Zähnen aus. Bei der ersten Probefahrt dachte ich, dass mich hinten einer festhält. Das vordere Kettenblatt hatte zweiundfünfzig Zähne. Nach einer Eingewöhnungszeit konnte ich auch für längere Zeit diese Übersetzung voll treten und kam mit ca. 30 km/h zügig voran. Ich war im Alter von fünfzehn Jahren sehr stolz, ein eigenes Fahrrad zu besitzen.
Zwei Klassenkameraden überzeugten mich, mit ihnen gemeinsam dem Ruderverein SG Grünau beizutreten. Mit einem Doppelzweier waren wir unter uns. Dieses Boot war mit zwei Paar Doppelrudern ausgestattet. In der Ruderfachsprache heißt so ein Ruder Skull. Wir waren oft auf der Dahme unterwegs.
…
Meine Kindheit und Jugend bis zum Abitur
In meinem Personalausweis lautet der Eintrag zum Namen: Friedrich Ernst Herbert Gütt. Meine Mutter wollte wahrscheinlich nahen Verwandten mit der Namensgebung Freude bereiten! Ihr Vater also mein Großvater heißt Friedrich, weshalb der Name auch an erster Stelle steht. Mein Opa wurde allerdings von seinen Bekannten und Enkeln nur „Fried“ oder „Opa Fried“ genannt. Bei meinem Aufenthalt in Finsterbergen habe ich nie eine andere Anrede gehört. Dem Onkel Ernst wurde die Ehre zuteil, bei meiner Namensgebung berücksichtigt zu werden. Er war Ehemann der dritten Schwester. Wenn jemand versucht hätte, mich mit einem dieser Vornamen anzusprechen, wäre keine Reaktion meiner seits erfolgt. Im Mittelalter wäre mein Rufname eventuell Heribert gewesen. Mir wurde mal folgende Bedeutung gesagt: „Der im Heer Glänzende“. Ich habe in der NVA nicht geglänzt, vielleicht weil ich wegen meines Berufs nicht einberufen wurde. Ich bedaure nicht, dass ich diesbezüglich eine Erinnerungslücke vorweise!
Meine Mutter war die Erstgeborene von insgesamt sechs Töchtern. An siebter Stelle wurde ein Sohn als jüngster Bruder geboren! Ich habe den Verdacht, dass mein Opa glaubte, er habe als vollwertiger Mann drei Pflichten zu erfüllen. Erstens: Als wichtigste Pflicht galt es, einen Sohn zu zeugen. Zweitens: Einen Baum zu pflanzen und drittens ein Haus zu bauen! Ich glaube nicht, dass er baute, denn ihm gehörten schon zwei Häuser! Eine dazugehörige Oma habe ich nicht kennengelernt, weil sie schon vor meiner Geburt verstarb. Ich wurde als zweiter Sohn eines Fleischergesellen in Berlin-Treptow geboren. Mein Vater wurde 1899 in Friedrichroda geboren und auf den Vornamen Otto getauft. Sein Geburtsname legt nahe, dass die Namenswahl durch einen berühmten und hoch angesehenen Zeitgenossen beeinflusst wurde (Otto von Bismarck). Meine Mutter wurde im benachbarten Finsterbergen 1902 geboren und Ernestine getauft.
Wir vier wohnten in der Kiefholzstraße 13 im 2. Quergebäude Parterre mit Blick auf den zweiten Hof in einer Zweizimmerwohnung.
Meine erste Erinnerung als Dreijähriger. Ich stand zwecks Körperreinigung in einer einfachen Zinkbadewanne in der Küche und konnte auf den Hof sehen. Ich rief: „Da kommt mein Papa.“ Er trug noch seine Wehrmachtsuniform und hatte ein Käppi auf dem Kopf. Er hatte sehr großes Glück, dass er 1939 nach beendetem Polenfeldzug als Entlassener ohne Blessuren nach Hause durfte. Er war als Koch für die Ernährung seiner Kompanie zuständig! Der Chef seiner Arbeitsstelle im Berliner Zentralviehhof hatte ihn erfolgreich als unentbehrlich reklamiert.
Von Neugierde getrieben, sahen wir uns das Haus an, das als erstes Haus in Berlin durch einen Bombenvolltreffer zerstört worden war. Viele Neugierige waren gekommen!
Zu meiner Einschulung im September 1942 trug ich eine große Schultüte. Meine Klassenleiterin war schon im vorgerückten Alter und legte Wert darauf, mit Fräulein und mit ihrem Familiennamen angeredet zu werden.
Im Frühjahr 1943 blieb mein Vater allein in Berlin zurück, weil die Eltern beschlossen hatten, uns vor den intensivierten Luftangriffen zu schützen. Wir quartierten uns in der Dachstube des Elternhauses meiner Mutter in Finsterbergen ein. Mein jüngster Cousin Bruno fand sich regelmäßig zum Abendbrot mit trockenen Schnitten bei uns ein. Er wusste, dass mein Vater uns vorsorglich Pakete mit selbst gemachter Wurst schickte. Er hatte zu Hause auf dem Flurboden eine vollständige Ausrüstung zum Wurstmachen! Ich war lange Zeit so verwöhnt, dass ich nur Wurst gegessen habe, die von meinem Papa stammte. Er hatte in Friedrichroda schließlich von der Pike auf gelernt, auf Thüringer Art zu würzen.
Der Opa Fried hatte seinem einzigen Sohn ein Haus überschrieben. Er bewohnte darin ein geräumiges Zimmer im Erdgeschoss. Diesen Sohn habe ich 1943 nicht kennengelernt, weil er zu Kriegsbeginn eingezogen wurde. Er hatte drei Söhne und bekam nach einem Heimaturlaub noch eine Tochter. Ich kann mich noch lebhaft an die traurige Situation erinnern, als der Briefträger den Brief mit der Todesnachricht brachte. Er war bei Stalingrad gefallen.
Damals hatte Thüringen nach Ostern Einschulung. Obwohl ich schon die 2. Klasse fast vollendet hatte, wurde ich in die 2.Klasse aufgenommen. Ich war eindeutig unterfordert. Durch die Vervollständigung meiner Lesefertigkeit entdeckte ich die Lust auf Lesen. Jedes Buch, das ich in die Hände bekam, musste ich lesen. Im Schulranzen befand sich eine Schiefertafel mit einem Holzrahmen. Mit einem Schiefergriffel konnte man auf die Tafel schreiben. An einer Schnur befestigt hing ein nasser Schwamm zum Reinigen der Tafel, um sie wieder einsatzbereit zu machen.
In den Sommerferien kam noch eine sehr schöne Freizeitgestaltung dazu. Der Onkel Ernst hatte den Beruf des Kuhhirten erlernt. Ich durfte ihn mit Genehmigung meiner Mutter ausgestattet mit Verpflegung zum Hüten begleiten. Er fing am unteren Ortsausgang an. Auf seiner Schalmei wurde eine Erkennungsmelodie geblasen. Es ging auf der Dorfstraße bergan. Aus den Gehöften kamen braune Kühe und trotteten bergan. Jede Kuh trug eine Messingglocke am Hals. Der Hirte hatte die Glocken zu liefern. Sie waren harmonisch aufeinander abgestimmt, so dass man den Klang als angenehm empfand, auch wenn man das Geläut den ganzen Tag hören musste. Die Herde wurde von zwei Hunden gelenkt, die ihre Arbeit als Befehlsempfänger des Hirten verrichteten. Die Herde wurde wahlweise in lichte Wälder mit Grasbewuchs oder auf Waldwiesen geleitet. Die Glocken erleichterten die Suche nach Kühen, die sich unerlaubt von der Herde entfernt hatten. In der Zeit meiner Anwesenheit brauchten wir keine entlaufene Kuh zu suchen! Entweder waren die Hunde sehr wachsam oder das Geläut erzeugte bei den Kühen ein Zusammengehörigkeitsgefühl? Einmal graste ein männlicher Hirsch mit einem prächtigen Geweih friedlich mitten in der Herde.
Ein anderes Mal beobachtete ich in einiger Entfernung einen Luftkampf zwischen einem Jäger und einem Bomber. Der Bomber fiel vom Himmel, und einige Zeit später sah ich, wie ein Amerikaner in Fliegeruniform von bewaffneten Männern abgeführt wurde. Das war der erste echte Amerikaner, den ich sah. Bisher kannte ich Amerikaner nur als rundes, flaches, mit Zuckerguss überzogenes Gebäck! Als sich die Bombardements in Berlin weiter intensivierten, fuhren wir im Januar 1945 wieder zurück nach Berlin. Meine Eltern wollten nicht, dass die Familie auseinandergerissen wurde. Es galt, entweder gemeinsam zu überleben oder vereint zu sterben. Wir hatten das große Glück, das Inferno zu überleben!
Der Luftschutzkeller für alle Anwohner befand sich unter dem Vorderhaus. Wenn ein Bomberverband im Anflug war, wurde mit dem Heulton einer Sirene Luftalarm ausgelöst, und der Luftschutzkeller unter dem Vorderhaus musste unverzüglich aufgesucht werden. Beim Abflug des Geschwaders wurde mit einem anderen Heulton Entwarnung gegeben. An beiden Seitenwänden des Kellers hatte man Ziegelsteine bis auf eine Steinlage entfernt. Dadurch konnte bei Bedarf schnell ein Notausgang zum Nachbarhaus geschaffen werden.
Bei einem nächtlichen Großangriff auf die Umgebung des Wiener Bahnhofs war links von uns in einem Abstand von circa zwei Kilometern der Nachthimmel rötlich erleuchtet. Alle Häuser des Wiener Viertels wurden nach Abwurf von Brandbomben in einem Flächenbrand abgefackelt! Durch den Sauerstoffbedarf gab es einen sturmartigen Wind, der am folgenden Morgen immer noch wütete.
Bei einem Tagesangriff wurde durch einen Wachhabenden im ersten Quergebäude im Treppenhaus in der fünften Etage auf dem obersten Podest eine brennende Stabbrandbombe mit einer Schaufel schwungvoll durch das Flurfenster geworfen! Durch diese Heldentat blieb das Gebäude erhalten. Als Sachschaden waren lediglich ein reparaturbedürftiges Fenster und ein Brandfleck auf dem Podest zu verzeichnen.
Bei einem späteren Tagesangriff war ein Pfeifton hörbar. Während dieses Geräusches hatte ich das Gefühl, dass sich der Boden anhob. Dann gab es einen Einschlag mit einem lauten Knall. Anschließend hörten wir das Geräusch fallender Ziegelsteine. Panikartige Stimmung kam auf. Nach kurzer Zeit gab es Erleichterung, als der Luftschutzwart laut verkündete, dass das Vorderhaus unversehrt war. Nach der Entwarnung sahen wir, dass die vier Gebäude des Grundstücks einschließlich eines Seitenflügels noch standen. Auf dem benachbarten linken Grundstück war auf dem zweiten Hof des Nachbargrundstücks der Seitenflügel getroffen worden. Die erste Etage und das Parterre waren nicht mehr vorhanden. Die oberen Etagen einschließlich des Daches existierten freischwebend noch.
Bei unserer Wohnung waren alle Fenster noch intakt, weil wir sie beim Verlassen der Wohnung vorsorglich geöffnet hatten. Beim Betreten der Wohnung sahen wir überall eine dicke Staubschicht. In der Küche hatte die linke sechs Meter lange Wand vier senkrechte Risse, die sich von der Decke bis zum Fußboden zogen. In der Toilette fanden wir die Risse an den gleichen Stellen vor. Die circa zehn Zentimeter dicke Wand war labil und wurde nur durch ein im Inneren befindliches Drahtnetz zusammengehalten. Ein paar Tage später wurde die Wand durch Verschmieren der Risse mit Mörtel stabilisiert. In der Toilette wurde die Wand durch das Einsetzen von zwei Kanthölzern in zwei Metern Höhe gerichtet und noch besser stabilisiert. Wir waren erleichtert, dass unsere Wohnung noch bewohnbar war. Sie hatte wegen des geringen Abstandes zum Explosionszentrum die Druckwelle voll abbekommen. Die linke Außenwand des zweiten Quergebäudes hatte der Druckwelle standgehalten.
Dieser Treffer war dadurch möglich geworden, dass die beiden benachbarten Grundstücke mit unserem Grundstück einen großen gemeinsamen Hof bildeten. Zwei Meter hohe Maschendrahtzäune grenzten die Höfe voneinander ab. Die Bombe musste bei einem seitlichen Anflug aus niedriger Höhe ausgeklinkt worden sein.
Ab Mitte April war ein ununterbrochenes Grollen zu hören, das nach einigen Tagen ständig an Lautstärke zunahm. Gegen Ende des Monats war es sehr laut geworden. Wir suchten in unserem Kellerverschlag und im angrenzenden Gang Schutz vor den Kampfhandlungen. Durch die Lügenpropaganda von den russischen Unmenschen waren wir sehr beunruhigt. Als sich der Geräuschpegel dämpfte, hatten wir unsere erste Begegnung mit einem russischen Soldaten. Mit fremdartigem Akzent sagte er in deutscher Sprache, dass die Gefahr vorüber sei und wir den Keller verlassen könnten. Da setzte bei uns schrittweise Erleichterung ein, weil er friedlich und verständnisvoll geklungen hatte und uns nichts Schlimmes passiert war.
Auf dem ersten Hof waren weitere Soldaten damit beschäftigt, aus einer Gulaschkanone Suppe an die Anwohner zu verteilen. Zusätzlich wurde auch quaderförmiges Brot verteilt. Allen wurde klar, dass das Feindbild vom Russen als Untermensch nicht stimmte. Nach einiger Zeit erkannten immer mehr Menschen, dass tatsächlich eine Befreiung vom Faschismus stattgefunden hatte. Kurz nach dem 8. Mai hörte ich von vielen Leuten (als die Erinnerungen an Kriegsereignisse noch frisch waren) in Gesprächen oft einen Satz, den ich sinngemäß zitiere: „Lieber ein ganzes Leben nur trocken Brot essen, als noch mal eine Stunde Krieg zu erleben!“
Es kursierten zwei bissige Witze: 1. In der „Zone“ fahren die Züge so schnell, dass man das zweite Gleis nicht mehr sieht. 2. Aus welcher Stahlsorte wurden die fehlenden Schienen hergestellt? Aus Diebstahl!
In der sowjetischen Besatzungszone mussten Reparationsleistungen als Wiedergutmachung für erlittene Schäden erbracht werden. Das zweite Gleis war demontiert worden. Die Schienen in Russland waren beim Abzug der deutschen Truppe mit einem Haken am letzten Waggon zerstört worden! Mit Sicherheit ist dieser Witz ein Ausdruck der Unzufriedenheit der Menschen. An dieser Stelle sei festgestellt, dass es von den anderen drei Besatzungszonen keine Reparationsleistungen an die Sowjetunion gab. Das war offensichtlich aus heutiger Sicht schon der Beginn des Kalten Krieges. Deswegen gab es in Deutschland sehr unterschiedliche Bedingungen für die Weiterentwicklung. Es dauerte ziemlich lange, bis sich die Verhältnisse in der Ostzone, später DDR, wieder normalisierten.
Überwiegend wurden „Trümmerfrauen“ zur Beseitigung der Schäden herangezogen. Die Männer waren auf ihren Arbeitsplätzen! Die ganzen Ziegel wurden aus den Trümmerbergen geborgen und dann durch Weitergabe in Reihen bis zur Straße weitergereicht. Dort wurde der Mörtel mit speziellen Hämmern von den Ziegeln abgeklopft. Am Rand der Bürgersteige standen dann die Ziegel kunstvoll gestapelt. Ich habe mich als Neunjähriger zeitweise freiwillig am Steine Klopfen beteiligt. Die Trümmerreste wurden abgefahren und an einigen Standorten aufgehäuft und zum Schluss mit Muttererde abgedeckt und bepflanzt. Ein Berg hatte den Namen „Mont Klamott“ bekommen.
Am 1. September 1945 begann das neue Schuljahr. Ich wurde meinem Alter entsprechend der vierten Klasse zugeteilt. Ich verkraftete problemlos den Ausfall des dritten. Schuljahres und konnte mich ganz normal am Unterricht beteiligen. Kurz nach Schulbeginn wurde kostenloses Schulessen eingeführt. Die Schüler mussten geeignete Behälter und Besteck von zu Hause mitbringen. Ich kann mich nur noch an das erste Essen erinnern. Es gab eine klare Brühe. An der Oberfläche schwammen vereinzelte Fettaugen, und zerhackte Petersilie war noch zu sehen. Das Beste war ein Brötchen. Ich weiß noch, dass sich die Qualität des Essens relativ schnell verbesserte.
Die Schulspeisung wurde eingeführt, um die Versorgung der Kinder zu verbessern!
1945 wurden Lebensmittel in der Ostzone rationiert.
Bis 1958 gab es Lebensmittelkarten in fünf Kategorien für Brot, Fleisch, Fett, Zucker, Kartoffeln und Kaffee-Ersatz:
Schwerstarbeiter und Funktionäre
Schwerarbeiter
Arbeiter
Angestellte
Sonstige: Kinder, Rentner, Schwerbeschädigte, Nichterwerbstätige („Friedhofskarte“!)
Die durchschnittlichen Anfangsrationen waren 1945 pro Monat: 12.000 Gramm Brot, Teigwaren, 1.050 Gramm Hülsenfrüchte, 750 Gramm Zucker, 900 Gramm Fleisch, 450 Gramm Fett. Diese Mengen wurden später mehrfach angehoben!
Eine peinliche Erinnerung stammt aus dem sechsten Schuljahr. Meine Lesesucht hatte sich verfestigt. Ich empfand das Lesen noch spannender als den Unterricht. Ich hatte gute Voraussetzungen. Ich saß allein an der Wandseite in der letzten Bank. Das Buch lag unterhalb der Tischplatte. Lange Zeit blieb mein frevelhaftes Verhalten folgenlos, weil ich mich als kluger Stratege zeitweise aktiv am Unterricht beteiligte. An einer spannenden Stelle wurde ich unsanft unterbrochen. Ich hatte nicht bemerkt, dass sich der Lehrer listig, weitersprechend an meinen Sitzplatz herangepirscht hatte. Ich war auf frischer Tat ertappt worden. Drei unangenehme Strafpredigten waren die logische Folge. Nach der Beschlagnahme des Buches folgte die erste, die ich vom Lehrer zu hören bekam. Die zweite musste sich meine Mutter vom Direktor anlässlich der Rückgabe des Buches anhören. Für die dritte fühlte sich mein Vater unter Androhung möglicher Folgen zuständig. Ich las zwar viel weiter, aber nie mehr im Schulgebäude. Also blieben die Folgen aus.
Unser musisch begabter Klassenleiter hatte uns bei niedrigen Temperaturen den Besuch der Oper von Otto Nicolai „Die lustigen Weiber von Windsor“ im ungeheizten Saalbau am Friedrichshain ermöglicht. Nach der Arie des Falstaffs „Wie freu ich mich, wie freu ich mich, wie treibt mich mein Verlangen“ spielten wir zwecks Erwärmung „Ein kriege zeck“. Nachdem mein Kopf unsanft mit einer zurückschnellenden Flügeltür in Kontakt gekommen war, verfolgte ich ernüchtert und diszipliniert von meinem Sitzplatz aus die weitere Handlung.
Ich werde heute noch ab und zu durch die Schallplatten meiner Sammlung daran erinnert!
In der Schulbank war ein quadratischer Hohlraum für ein gefülltes Tintenfass. Das Schreibgerät war ein Halter, in dem eine Schreibfeder aus Stahl steckte. Die Feder hatte einen Spalt zum Ablauf der Tinte. Böse Buben zweckentfremdeten die Tinte zum Färben von Zöpfen. Weil mir die Mädchen leidtaten, unterließ ich das! In der neunten Klasse hatten wir ein Jahr Englischunterricht. Mein erster Satz auf Englisch lautete: „And that is the inkpot.“ Das war wohl eine Erinnerung an die Zeit, in der wahrscheinlich auch in Großbritannien mit Tinte aus einem Fass geschrieben wurde?
Im siebten und achten Schuljahr bekamen wir einen älteren Lehrer als Klassenleiter. Wir waren anfangs vom Wechsel enttäuscht. Durch seine ruhige, ausgeglichene Art und seinen interessanten Unterricht konnten wir ihn jedoch zunehmend besser leiden. Er erzählte einmal, dass er nach dem Auszug sowjetischer Offiziere sein beschlagnahmtes Grundstück in Grünau zurückbekommen habe. Ich hatte mich mit weiteren Freiwilligen an einem Arbeitseinsatz in seinem Garten beteiligt. Er hatte während seines Lehrerstudiums für viele Fächer die Lehrbefähigung erworben. Er war auch für den Chemieunterricht zuständig. Die Ausstattung an Chemikalien war noch dürftig. Zwei Experimente habe ich in Erinnerung, die speziell zum Einsatz kamen, wenn Hospitationen angesetzt waren:
In einem Reagenzglas wurden Holzspäne über dem Bunsenbrenner erhitzt. Die Rauchgase wurden angezündet. Als Rückstand blieb Holzkohle.
Aus Restbeständen war noch metallisches Natrium vorhanden. Der Lehrer schnitt ein kleines Stück ab und gab es in das Wasser einer pneumatischen Wanne. Es schmolz und bewegte sich schwimmend auf der Oberfläche. Das entstandene Gas brannte nach Entzündung mit gelber Flamme. Das Wasser färbte sich pinkfarben, weil er vorher den Indikator Phenolphthalein dazugegeben hatte. Diese Experimente wurden bei Hospitationen gezeigt!
Im achten Schuljahr gab er mir aufgrund meines Zeugnisses den guten Rat, ich solle anschließend noch vier Jahre weiter bis zum Abitur durchhalten und anschließend studieren. Ich hatte diese Option bisher nicht im Kalkül gehabt. Als ich meinen Eltern meinen Wunsch mitteilte, gaben sie mir grünes Licht. Ich besuchte also im Baumschulenweg die sogenannte Aufbauschule von 1950 bis 1954.
Ab dem neunten Schuljahr bekam ich ein Stipendium von monatlich fünfzig Mark. Meine Eltern gestatteten mir freie Verfügung über dieses Geld. Ich weiß nicht, ob alle Schüler Stipendiaten waren oder nur ich ein zu förderndes Arbeiterkind war. Die DDR hatte sich als Arbeiter- und Bauernstaat deklariert. Im März 1951 kaufte ich mir vom ersparten Geld für 300 Mark ein Fahrrad der Marke Mifa als erste Anschaffung. Ich tauschte den serienmäßigen hinteren Zahnkranz mit zwanzig Zähnen gegen einen mit nur vierzehn Zähnen aus. Bei der ersten Probefahrt dachte ich, dass mich hinten einer festhält. Das vordere Kettenblatt hatte zweiundfünfzig Zähne. Nach einer Eingewöhnungszeit konnte ich auch für längere Zeit diese Übersetzung voll treten und kam mit ca. 30 km/h zügig voran. Ich war im Alter von fünfzehn Jahren sehr stolz, ein eigenes Fahrrad zu besitzen.
Zwei Klassenkameraden überzeugten mich, mit ihnen gemeinsam dem Ruderverein SG Grünau beizutreten. Mit einem Doppelzweier waren wir unter uns. Dieses Boot war mit zwei Paar Doppelrudern ausgestattet. In der Ruderfachsprache heißt so ein Ruder Skull. Wir waren oft auf der Dahme unterwegs.
…

