Geschichte & Biografie

Eckwälden

Gerhard Liebler

Eckwälden

Erinnerungen an eine versunkene Welt

Leseprobe:

Vorwort

Die kleine Landwirtschaft meines Großvaters Georg Liebler in Eckwälden war schon zu Zeiten meiner Kindheit in den 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts ein Anachronismus. Da ihm keiner seiner drei Söhne nachfolgen und das mühsame Geschäft eines Bauern fortführen wollte, verzichtete er ab der Zeit auf weitere Modernisierungen, die andere Höfe im Ort nach und nach vollzogen, indem sie sich spezialisierten und etwa große Hühner- oder Viehställe bauten, Futtersilagetürme errichteten und in zahlreiche landwirtschaftliche Geräte investierten. Das alles blieb bei meinem Opa aus und so führte er den Hof als kleinen Mischbetrieb weiter, wie es vorher über Jahrhunderte üblich war. Lediglich einen einzylindrigen Deutz-Traktor schaffte er sich in den 60er-Jahren an, der die Kühe von der Arbeit als Zugtiere freistellte. Auf den Äckern kultivierte er Getreide und Kartoffeln und ein wenig andere Feldfrüchte. Die Obstwiesen waren mit Kirschbäumen, Zwetschgen, Äpfeln und Birnen besetzt, die entweder als Brechobst geerntet oder als Most oder zum Brennen von Schnaps verarbeitet wurden. Seine Bienen sorgten für die Bestäubung der Obstblüten und lieferten Honig. Das Futter für die Tiere wurde vollständig selbst erzeugt. Am wichtigsten war dabei das Gras der Wiesen, das frisch gemäht verfüttert oder zu Heu und Öhmd gemacht wurde. Die Anzahl der Tiere war sehr überschaubar. Etwa fünf (später auch weniger) Milchkühe wurden gehalten. Daneben wurden zwei Jungbullen und zwei Schweine gemästet und im Hof und auf dem Mist liefen etwa ein halbes Dutzend Hühner und ein Hahn herum. Es gab einen Hofhund und Katzen. Menschen und Tiere wohnten unter einem Dach. Die meisten Tiere hatten Namen. Die Kühe hießen Emma oder Berta und wurden auch so begrüßt. Für mich war das als Kind ein paradiesischer Ort. Ich durfte bei vielen anfallenden Arbeiten helfen, was ich mit Begeisterung tat, konnte aber auch in dem weitläufigen Haus auf Entdeckungsreise gehen, im Heuschober herumtollen oder mit dem Hofhund Peter in der Umgebung auf Tour gehen. Das Bauernhaus selbst stand mitten im Ort. Sein vorderer, der Straße zugewandter Teil, beherbergte im Erdgeschoss den Stall und einen großen Raum, in dem Grünfutter gelagert, aber auch Obst verarbeitet und andere anfallende Geschäfte verrichtet wurden. Im ersten Stock befanden sich die wesentlichen Wohnräume: die Küche, die Wohnstube und das Stüble sowie das Schlafzimmer meiner Großeltern. Die Küche dominierte ein großer gusseiserner Holzherd, in dem immer ein Feuer brannte. Unauslöschlich hat sich mir die wunderbare Melange aus Gerüchen von Kuhstall, frisch gemolkener Milch, Heu, Holzfeuer und Kaffee in mein olfaktorisches Gedächtnis eingegraben, die mich erwartete, wenn ich frühmorgens in die Küche meiner Oma kam. Noch einen Stock höher waren weitere Schlafkammern und der Zugang zu Vorratsräumen und der Scheune, die im Wesentlichen zur Unterbringung von Heu, Stroh und allerlei Geräten dienten. Darüber war ein großer Bühnenraum, in dem das Getreide gelagert wurde. Zum Gelände gehörte ein Hof mit Obstgarten, eine weitere kleinere Scheune, die zur Holzlagerung diente und in der der Traktor stand, die aber auch die Nester für die Hühner beherbergte und allerlei weitere Gerätschaften. Außerdem stand das Backhaus als separates Gebäude vorne an der Straße. Ihm schloss sich ein durch Zaun und Hecke vor den Hühnern geschützter Gartenbereich an, den meine Großmutter mit Gemüse, Salat, Beerenfrüchten und Blumen als typischen Bauerngarten bepflanzt hatte. Das Ganze war angelegt, um möglichst autark zu sein und wenig zukaufen zu müssen. Als ökonomisches Konzept war das längst überholt und nur der Umstand, dass der anthroposophisch orientierte Teil der Bevölkerung Eckwäldens gerne bei meinem Opa direkt einkaufte, verhinderte wahrscheinlich das völlige wirtschaftliche Fiasko. Gerade Milch, die ohne Silagefutter erzeugt wurde, und Obst, das ohne Spritzmittel und Kunstdünger reifte, war bei ihnen begehrt. So war sein kleiner Hof ungewollt zu einem Prototyp nachhaltiger ökologischer Landwirtschaft geworden zu Zeiten, als noch niemand von Bio-Siegel sprach.
Mit dem Tod meines Großvaters 1971 war die landwirtschaftliche Nutzung des Bauernhofs vorbei. Aber auch die gesamtwirtschaftliche Struktur der Einwohnerschaft Eckwäldens hat sich seither total verändert. Ein uralt gewachsenes Bild dörflichen Lebens ist versunken. Von einst zwanzig das Wirtschaftsleben des Orts bestimmenden Bauernfamilien ist heute noch ein einziger Landwirt übrig geblieben. Er bewirtschaftet den Großteil der Markung. Was damals das harte bäuerliche Leben ausmachte, hat einer andersgearteten vielschichtigen Lebensweise Platz gemacht.
Daher leuchten uns die vorliegenden Erinnerungen meines Vaters schon wie aus ferner Vergangenheit entgegen und zeichnen ein lebendiges Bild einer ländlichen Gemeinschaft, wie sie heute nicht mehr existiert. Seine dramatischen persönlichen Erlebnisse vor dem Hintergrund eines der schrecklichsten Kapitel unserer Zeitgeschichte sind greifbare Zeugnisse der Vergangenheit. Mir haben sie geholfen, Früheres besser zu verstehen. Mögen diese Aufzeichnungen auch den Nachgeborenen den Duft und die Farbe des damals gelebten Lebens bewahren.

Im Mai 2017
Dr. Ernst Michael Liebler

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Geburt und früheste Erinnerungen

Sicherlich haben mir meine Eltern erzählt, wie das Wetter war, als ich am 24. März des Jahres 1928 das Licht der Welt erblickte. Ich habe es, wie so vieles, vergessen. Dass das Jahr meiner Geburt in seiner zweiten Hälfte zu einem sehr kalten wurde, ist mir fest in Erinnerung geblieben, denn gewiss nicht nur einmal hat der Vater dies erwähnt. Keiner der nachfolgenden vielen Winter sei so lang und so bitterkalt gewesen wie dieser. Schnee und Kälte habe es früh schon gegeben und bis weit in den März 1929 hinein seien sie geblieben. Nussbäume seien erfroren und er, der Vater, könne sein Erinnerungsvermögen anstrengen, wie er wolle, etwas Derartiges tauche weder vorher noch nachher darin auf. Als der harte Winter gegen Ende März sich endlich verabschiedete, sei der Frühling schlagartig gekommen. In der Art und Weise einer Explosion habe sich die Vegetation eingestellt, und Kirschbäume, Birn- und Apfelbäume hätten fast gleichzeitig geblüht.
Was mir in den ersten Tagen, Wochen und Monaten meines Erdendaseins wehgetan hat, weiß ich nicht. Sehr wohl aber weiß ich, dass ich ein „Schreihals“ war. Mir ist immer wieder gesagt worden, ich hätte stundenlang geschrien, tagsüber und auch nachts. Der Frühling und Sommer, in die ich hineinwuchs, trugen dazu bei, dass die Fenster unseres Hauses oft geöffnet waren und es so der Nachbarschaft nicht verborgen blieb, wie sehr ich die Geduld meiner Eltern strapazierte.
Die Hirschwirtin, eine sehr resolute Frau, die in direkter Nachbarschaft von uns wohnte, sei eines Tages gekommen, um mich zu besichtigen. Ihr Urteil war rasch gefällt: „Der goaht ei, den brauchet ihr net aufzieha“, habe sie gesagt, als sie das schreiende Bündel sah. Heute, meinen 90. Geburtstag vor Augen, ist mir diese Episode meines Lebens ein Beispiel dafür, wie total man sich irren kann.
Offensichtlich war meine Aufzucht problematisch. Ich sei ein sehr schlechter Esser gewesen, hörte ich später immer wieder. Oft sei ich dem Esstisch entflohen. Die offene Treppe zur Bühne sei mein Fluchtweg geworden und nicht nur einmal habe mir die Mutter die Spätzle auf dem Teller hinterhergetragen.
Was mir in Erinnerung blieb, sind die Lebertranflaschen, die zu meinem Aufwachsen gehörten. Wo sie herkamen und aufbewahrt wurden, habe ich vergessen, meine aber zu wissen, dass sie viele Mahlzeiten begleiteten. Gemocht habe ich das Zeug nicht, schlucken aber musste ich es trotzdem.
Während meiner Kinderzeit beschäftigte mein Vater einen Knecht. Er stammte aus dem Bayrischen, hieß Schorsch und kam wohl am Ende seiner Schulzeit zu uns. Sein Lohn war karg. Es mögen zehn Mark monatlich gewesen sein. Er arbeitete für das tägliche Essen, die Unterkunft und vielleicht auch für einen Teil seiner Kleidung. Mein Vater war mit seiner Leistung zufrieden. Nie habe ich gehört, dass der Schorsch getadelt wurde und auch von ihm sind mir Bemerkungen der Unzufriedenheit nicht in Erinnerung. Ich habe den Schorsch gern gemocht.
Als er älter wurde, verließ Schorsch unser Haus. Er fand in der aufkommenden Industrie eine besser bezahlte Stellung und wohnte in Boll. Später verheiratete er sich dort, wurde bald danach eingezogen, hatte das Pech, zu den Jahrgängen zu gehören, die, nachdem sie zwei Jahre gedient hatten, in den Krieg ziehen mussten. Im Krieg ist er geblieben. Ob er Nachkommen hinterlassen hat, weiß ich nicht.

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Dorfleben im kleinen Weiler

Das Dorf und seine Menschen

Politisch und kirchlich gehörte und gehört Eckwälden zur Gemeinde Boll (neuerdings Bad Boll). 1933 hatte eine Umgemeindung stattgefunden, vorher war der Weiler Teil der Gemeinde Zell unter Aichelberg gewesen und hatte bis dahin den eigenen „Anwalt“.
Vor dem 2. Weltkrieg und noch einige Zeit danach bestand Eckwälden aus etwas mehr als 30 Häusern (einzeln stehende Scheunen und andere Wirtschaftsgebäude nicht mitgezählt). 25 der aufgeführten Häuser, darunter auch der „Löwen“, die später einzige Gastwirtschaft, waren Bauernhäuser, in welchen sich Wohnung Stall und Scheune zumeist unter ein und demselben Dach vereinigten. Daneben gab es ein altes Försterhäuschen, das ehemalige Schulhaus, ein in den 30er-Jahren erstelltes neues Wohnhaus, vier nicht mehr bäuerlich genutzte, teilweise etwas umgebaute Häuser und dazu am Ortsanfang und Ortsende zwei herausragende Gebäude, das ortsbildprägende „Institut“ und die Villa Ulmer.
1937 war das „Institut“, das in der Blumhardt-Zeit (Ende 19. Jahrhundert) zur Erweiterung des Raumangebots von Bad Boll erbaut wurde, in den Besitz einer anthroposophischen Gesellschaft gelangt, die darin ein Heim für körper- und seelenpflegebedürftige Menschen einrichtete. Im Allgemeinen blieb der Eckwälder Bevölkerung die jeweilige Anzahl der Bewohner dieser Anstalt verborgen, sehr wohl aber wussten alle alteingesessenen Dörfler, wie viele ihresgleichen im Weiler wohnten. Nannte man 100, lag man richtig, auch wenn die tatsächliche Zahl um 100 schwankte. Es erforderte geringe Mühe, von 100 aus mit der jeweils genau zutreffenden Zahl auf dem Laufenden zu bleiben. Die auf Einzelfälle beschränkten Geburten und Todesfälle und der Zu- und Wegzug geschahen offenkundig, und kinderleicht ließ sich zuzählen oder abziehen.
Nicht nur die Bevölkerungszahl und ihre Veränderung gehörten zum allgemeinen Wissensbestand. Was die Ställe beherbergten, war zumindest allen Landwirten im Ort exakt geläufig, und dasselbe galt für die von den einzelnen Betrieben bewirtschafteten Flächen, ihre überschlägigen Größen bis hin zum Sachverhalt, ob sie im Eigentum lagen oder dazu gepachtet waren.

Schon während meiner Schulzeit war ich mit der Eckwälder Markung im Einzelnen vertraut und wusste, wer wo seine Äcker und Wiesen hatte. Ich kannte alle Flurnamen, sprach sie in der ortsüblichen Weise aus und machte mir über ihre Bedeutung wenig Gedanken. Eine Ausnahme bildete der „Groot“, eine Flur, die sich ein Stück weit der Aue des Butzbaches entlang zog und die angrenzenden sanft ansteigenden Hanglagen einschloss. Immer wieder stieß mir dieser seltsame Name auf. Was konnte er bedeuten? Viel später erst wurde mir klar, dass es sich um die in anderen Zusammenhängen nicht mehr übliche breit schwäbische Aussprache der Flur „Grund“ handelte.
Was ich über die genaue Kenntnis der Besitzverhältnisse des Weilers ausführte, kann idealtypisch gelten für das Eckwälder Gemeinschaftsleben im Ganzen: Die Transparenz war total. Man blickte sich gegenseitig in die Suppentöpfe und war begierig auf Neuigkeiten und Veränderungen, die sich bei anderen zutrugen. Der Friede und gerne auch der Unfriede in den Familien unterlagen der Kenntnis aller. Gleiches galt für typische Verhaltensweisen, für Charakterstärken und -schwächen, für Streitereien und ihre Ursachen, für spezielle Notlagen wie für Glücksfälle, letztlich für die Vita jedes Einzelnen. Jede Familie legte sich ein Erscheinungsbild jeder anderen Familie zurecht, pflegte es nachhaltig und meist waren es die Schwächen und negativen Züge der Mitmenschen, die zum Gesprächsgegenstand wurden. Man amüsierte sich darüber, tadelte oder übte sich in Herablassung. Anerkennung und Lobesbekundungen gab es auch, nur traten sie seltener auf.
Eine absolute Ausnahme bildete der „Seyfangs Hannes“ (Johannes Seyfang). Er war ein totaler Einzelgänger, grüßte niemanden und wechselte mit seiner Umgebung kein Wort. Seine Hauswirtschaft – kaum jemand hatte Gelegenheit, sie wirklich in Augenschein zu nehmen – soll sich in einem unglaublichen Zustand befunden haben. Angeblich gab es bei ihm weder Wasserleitung noch elektrisches Licht. Der Hannes kam abgerissen daher und glich darin seiner Behausung im Inneren und Äußeren. Seine Mitmenschen nahmen seine Lebensweise als die eines Sonderlings hin und betrachteten sie weitgehend als gegeben. Empörung rief allerdings immer wieder die Viehhaltung hervor. Das Kuhgespann des Hannes gab ein jämmerliches Bild ab. Ich erinnere mich an das Mitleid, das ich den Tieren gegenüber empfand. Sie waren total abgemagert, vermochten sich nur mühsam zu bewegen und starrten vor Schmutz. Heute würde der Tierschutz einschreiten. Ärger verursachte Hannes auch bei jenen Grundstücksnachbarn, die eine Ackerfeldgrenze mit ihm teilten. Weil Hannes nie dazu kam, seine Grenzfurchen vom Unkraut zu befreien, hatte der Nachbar die Last mitzutragen. Hannes, der Landwirt, erzielte nur geringe Erträge. Jedermann wusste dies, längst war es kein Gesprächsstoff mehr.
Zurück zum Ortsgespräch! Ich erinnere mich an eine Kindheitsphase, die geprägt war von meiner festen Überzeugung, die einzig völlig untadeligen Eltern im Orte zu besitzen. Dieses beruhigende Gefühl rührte nicht etwa daher, dass sich Vater und Mutter selbst so positiv darstellten oder gar heraushoben. Mein Dafürhalten erwuchs allein aus der häufigen Begegnung menschlicher Schwächen in den Gesprächen der Erwachsenen. Natürlich waren in meinem Beisein meine Eltern davon ausgenommen.
Wenn sich das tägliche Leben so weitgehend vor den Augen aller vollzieht, können Folgen im Zusammenleben nicht ausbleiben. Tatsächlich gab es immer wieder Streit. Meist waren die Anlässe geringfügig. Es schien eher, als hätte angestautes Abneigungspotenzial einen Ausbruch gesucht und gefunden. „Diea trutzet mitnander“, lautete die Kunde, die den Ort durcheilte. Ein Haus „trutzte“ mit irgendeinem anderen. Man sprach nicht mehr miteinander und ersparte sich das Grüßen. Uns Kindern blieb solcher Sachverhalt nicht verborgen, beeinträchtigte uns im Spielverhalten aber kaum.
Einmal waren auch meine Eltern in einen „Trutz“ verwickelt. Den Anlass habe ich vergessen, erinnere mich aber noch gut daran, dass ich eher darunter litt, als dass mich die Sache erfreute. Der Zustand dauerte nicht länger als ein halbes Jahr und endete so schnell und gründlich, wie er gekommen war. Ich weiß noch, dass man den wiedergewonnenen Frieden richtiggehend genoss und dass er sich bald zur Freundschaft ausweitete. Dies war der übliche Verlauf. Mir sind nur zwei (verwandte) Familien bekannt, die dauerhaft in einem angespannten Verhältnis lebten.
Über das „Trutzen“ im Allgemeinen wurde durchaus auch gesprochen. Man wusste wohl, dass der Streit nicht gerade die Zierde des Gemeinschaftslebens war. Ich erinnere mich an Gespräche unter Eckwälder Männern, die sich auf den zu Zell u.A. gehörenden Weiler Plienspach bezogen. Dort lebten die reicheren Bauern, was nicht ohne Neid zu konstatieren war, aber gerne fügte man die Bemerkung an, dass in Pliensbach jeder mit jedem „trutze“.
Die kleine Episode vom „Trutzen“ im Nachbarweiler spiegelt ein Stück Eckwälder Selbsteinschätzung. Das individuelle und familiäre Wertgefühl nährte sich aus der Landwirtschaft, die „umgetrieben“ wurde. Je größer die Wirtschaftsfläche war, desto mehr Bedeutung schrieb man sich zu. „Fabrikler“ oder andere Arbeiter ohne Grundbesitz hatten es schwer, ernst genommen zu werden. Hierin bildete Eckwälden keine Ausnahme, in kleinen, rein landwirtschaftlich geprägten Orten herrschte zu jener Zeit kein wesentlich anderes Bewusstsein.
Neben der internen Rangordnung aber stand eine Bewertung, die das angestammte Eckwälden mit anderen Orten verglich. Wieder ziehe ich das etwa gleich große Pliensbach heran. So „reich“ dortige Bauern auch sein mochten, im umfassenden Sinne galt dieser Ort mit seinen Leuten als abgelegen. Mehr oder weniger bewusst speiste sich Eckwälder Stolz aus der Nähe zum berühmten Bad Boll und zum „Institut“, dem imposanten Gebäude, das den Ortseingang markierte. Es gab viele Möglichkeiten zur Kontaktaufnahme mit der gehobenen Bewohnerschaft dieser Häuser und Einrichtungen. Eine Art von Zugehörigkeit zur weiten Welt wurde gefühlt und nach und nach schlug sich dies auf dem Eckwälder Konto der lokalen Wertigkeit nieder.
Zwei kleine Begebenheiten mögen das Ausgeführte beleuchten. Eine von meinem Vater immer wieder aufgegriffene Erzählung bezog sich auf die 20er-Jahre vor meiner Geburt. Eckwälden gehörte damals noch zu Zell u.A., und der dortige Pfarrer Hausmann empfand Anlass, sich über das Kirchgangverhalten seiner Eckwälder Schäfchen zu beklagen. Er dichtete:

Dreckig ist der Weg, voll Sümpf,
darum spart man Schuh und Strümpf
und man wandert andachtsvoll
nach dem viel berühmten Boll.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 144
ISBN: 978-3-95840-537-0
Erscheinungsdatum: 16.11.2017
EUR 14,90
EUR 8,99

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