Die Schule, ein weites Land

Die Schule, ein weites Land

Karl Schmutzhard


EUR 21,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 318
ISBN: 978-3-99038-605-7
Erscheinungsdatum: 05.11.2014
Ein pensionierter Lehrer erzählt offen und spannend aus dem Inneren der Schule. Viele bewegende, erschütternde und auch zum Schmunzeln anregende Geschichten werden mit der gegenwärtigen Schuldiskussion in Verbindung gebracht. Überraschende Texte von Schüler/innen sind ein wichtiger Begleiter durch das Buch.
1

Als ich den Einband aufschlug, strömte mir ein wunderbar alter, modriger Geruch entgegen. Ich liebte diesen Geruch, er bedeutete für mich ein neues, undurchforstetes Abenteuer. Die Buchstaben sprangen mir entgegen, als ob sie schon lange darauf warteten, gelesen zu werden. „Es war einmal ein Mann, der hieß Gregor“, begann die Geschichte. Lustig, genau so heiße ich auch. „… und er lebte ein glückliches und freies Leben. Eines Tages kam er an einem alten Gebäude vorbei und plötzlich flog etwas auf ihn herab. Er nahm es, öffnete es und begann, über die Dinge in seinem Leben nachzudenken …“ Das war ein höchst merkwürdiges Buch. Ich schlug es zu. Langsam ging ich nach Hause. Ich war wie benommen. Plötzlich hielt ich inne. Moment … die Person hieß Gregor … er kam an einem alten Gebäude vorbei … etwas flog auf ihn zu … NEIN! Das konnte nicht sein! Begierig öffnete ich das Buch wieder und las weiter. „Gregor kam nach Hause und legte sich auf seine Couch.“
Volltreffer. Ich lag auf meinem Sofa … „Nach zwei Stunden kam seine Frau Brigitte nach Hause.“
Oh mein Gott! Meine Frau hieß Brigitte. Ich war mir jetzt sicher. Das war kein gewöhnliches Buch. Das war mein Leben … und wie es wahrscheinlich weitergeht. Ich bekam Angst. Einerseits wollte ich weiterlesen … und andererseits … ach Gott!! Ich beschloss, das Buch für heute in meinen Nachtschrank zu schließen. Na ja, vielleicht war das alles nur ein … Traum. Noch während ich das dachte, war ich mir des Gegenteils sicher.
Zur Sicherheit sperrte ich das Buch in meinen Nachtschrank. Dann legte ich mich in mein Bett; es war inzwischen dunkel geworden. Ich hörte noch, wie meine Frau heimkam, dann fiel ich in einen ruhigen, traumlosen Schlaf.
Am nächsten Morgen wachte ich mit einem sauren Geschmack im Mund auf. Brigitte war schon aufgestanden und werkelte in der Küche, um Frühstück zu machen. Ich ließ mich tief in mein Kissen sinken.
Plötzlich kam mir alles wieder in den Sinn. Ich sprang hoch und mit einem Satz stand ich vor meinem Nachtkästchen. Ich schloss es sofort auf. Es lag natürlich immer noch da. Langsam holte ich das Buch heraus und schlug es auf. Ich konnte nicht widerstehen. Von nun an begleitete es mich jeden Tag. Ich war wie in einer anderen Welt, nahm um mich herum nichts wahr. Ich wusste, dass es nicht klug war. Doch ich war süchtig, und das Buch meine Droge …
Es stellte sich heraus, dass ich einmal zwei Kinder und einen Lamborghini haben werde. Und so lebte ich mein Leben, das ich schon kannte, und war eigentlich ganz glücklich. Nein, nicht ganz. Denn meinem Leben fehlte die Spannung, der Sinn. Und ich konnte nichts dagegen machen, denn es fügte sich immer so, wie ich es viele Jahre zuvor gelesen hatte.
Das alles ist jetzt fünfzig Jahre her. Ich gehe mit einem Gehstock und einem krummen Rücken an der alten Schule vorbei. An dem Ort, wo sich mein Leben schlagartig änderte. Nun stehe ich hier und bereue, dass ich der Versuchung nicht widerstehen konnte.

Jasmins 4. Schularbeit. 3A-Klasse . 2010. Eine seiner letzten Korrekturen, wobei er fast nichts zu tun hat. Vier Themen für einen kreativ zu schreibenden Aufsatz, eine Form, die sie lieben. Jasmin wählt: Am 29. April 2060 kam ich an einem offenen Schulfenster vorbei. Ich hörte die Stimme eines Deutschlehrers; kurz darauf wurde ein Buch aus einem Fenster geworfen. Ich nahm es und begann zu lesen, ohne erahnen zu können, dass dies der Anfang einer sehr eigenartigen Geschichte war.
Ihre Arbeit ist geschrieben in einem Atem-Zug. Jedes Wort hat seinen Ort. Von Anfang an. Für Jasmin ist die Zeit der Schularbeit eine intensive Stunde des Schreibens, sie lebt diese Schreibstunde mitten in ihrem Schreibfluss. Am Ende wirkt sie freudig erschöpft. Die gesunde Röte im Gesicht, die sich einstellt, wenn man einen Berggipfel erreicht. Das Schreiben, eine intensive geistige und körperliche Arbeit, eine beglückende und befreiende Arbeit. 50 Minuten. 500 Wörter. Ein langer Text.
Jasmins Schreibleben erinnert ihn an eine Stelle in Christoph Heins Roman „Frau Paula Trousseau“, den er gerade liest: Das neue Bild, spürte ich, hatte endlich seinen Sog entwickelt. Ich war erleichtert, denn wenn die Leinwand mich nicht in sich hineinziehen wollte, wenn sie mich nicht zum Arbeiten zwang, stimmte irgendetwas nicht, diese Erfahrung hatte ich mit meinen Bildern gemacht. Oder mit mir. Jasmin wird in ihre Geschichte hineingezogen, ihr Text entwickelt einen lebendigen Sog. Für sie.
Erfreulich oft durfte er das als Lehrer erleben.
Der Gesichtsausdruck dieser ihren Text gestaltenden, ihr Schreibbild gleichsam malenden Schüler/innen bleibt in seiner Erinnerung. Er kann sie sehen. Immer wieder. Diese ermüdeten und gleichzeitig erfüllten Gesichter. Sie sind verwoben mit dem Text. Dieser ihr Text ist aus ihrer Tiefe aufgestiegen, als hätte er dort geschlummert. Er hat sie überrascht. Er hat sich geschrieben. Sie haben ihn zugelassen. Sie haben ihn sein lassen. Ihre Wörter drängen sich ihnen auf. Sie drängen in die Spitzen ihrer Füllfeder. Sie drängen auf die Seiten ihrer Hefte.
… Wie ich so dasitze, scheinen ich und dieses Heft vom Rest der Realität abgekapselt zu sein, die Verbindung zwischen meinen Gedanken und meiner Hand, die sie aufschreibt, ist von großer Innigkeit, als ob die Hand selbst die Gedanken in Worte fassen würde … diesen Text zu schreiben ist für kurze Zeit mein Lebenssinn … das Schreiben nährt sich selbst.
Voraussetzung für dieses Schreiben ist, dass die Schüler und Schülerinnen wissen, dass ihr Lehrer solches sein lässt, dass er solches bewusst fördert, dass er dazu herausfordert.
SEHR GUT! BRAVO!! Inhaltlich und sprachlich eine ausgezeichnete Arbeit … Wenn wir unser Leben kennen, verliert es Spannung und Sinn; wichtig ist die Herausforderung …, schreibt er als Kommentar unter Jasmins Aufsatz, dessen Reife und sprachliche Qualität, bedenkend die 13 Jahre der Schülerin, ihn stark beeindrucken. Er gibt Sonderpunkte für Inhalt und Ausdruck, was er selten tut. Außerdem: nur zwei Rechtschreibfehler. Kein Grammatikfehler. Die Beistriche sitzen an dem ihnen vom Regelwerk zugedachten Platz. Intensiver Schreibfluss und Rechtschreibung sind keine Gegenpositionen. Der Schreibfluss schwemmt die einmal richtig gespeicherten Wörter, und diese Speicherung hat von Anfang an in kindlicher Weise zu erfolgen und vertieft zu werden, an die Oberfläche, an das Schreibland, ohne dass die Schreiberin viel nachdenken muss.
Er staunt über die Grundidee Jasmins und die klar erkennbare Folge: Wenn mein Leben im Vorhinein aufgezeichnet ist, wenn es geschrieben steht, fehlt ihm die Spannung, fehlt ihm der Sinn. Spannung = Sinn. Der Sinn des Lebens ist das Hineingehen ins Unbekannte. Wir trauen uns. Wir trauen uns etwas zu. Und so lebte ich mein Leben, das ich schon kannte, und war eigentlich ganz glücklich. Nein, nicht ganz. Denn meinem Leben fehlte die Spannung, der Sinn. Die hingeworfene Behauptung des Glücklichseins wird verneint, die Verneinung wird begründet, knapp, zwei Taktschläge: … fehlte die Spannung, der Sinn.
Und er staunt über Jasmins Sprache. Mit großer Selbstverständlichkeit stellen sich ihr Sprachbilder und Wortfügungen zur Verfügung: ein wunderbar alter, modriger Geruch … er bedeutete für mich ein neues, undurchforstetes Abenteuer. Die Buchstaben sprangen mir entgegen, als ob sie schon lange darauf warteten, gelesen zu werden. Jasmin, deine Wörter springen dir während des Schreibens entgegen, sie haben gewartet, auf Papier zu kommen, in die den anderen zugängliche Sprach-Welt zu gelangen.
Ein paar Wochen später geht er mit seiner jüngsten Tochter ins Westbahntheater. An der Kassa sitzt ein freundlicher Herr. Dem nennt er seinen Namen wegen der bestellten Karten. Auf Sie habe ich gewartet. - Ja, warum? - Sind Sie der Deutschlehrer meiner Enkelin? - Wer ist die Enkelin? - Jasmin, dritte Klasse. Beide beginnen zu schwärmen, der Großvater und der Lehrer im Großvateralter, wie gut Schülerinnen und Schüler schreiben können, was in ihnen stecke, was möglich sei.
All das ist in seinem letzten Schuljahr.
Zwei Jahre später. Der Aufsatz bleibt präsent.
Noch geht er nicht mit einem Gehstock wie der Gregor der Geschichte. Der Rücken ist lange schon gekrümmt, vom vielen Sitzen beim Lesen.
Manchmal geht er vorbei. An der alten Schule. Kein Buch wird aus einem Fenster geworfen. Keine verschlüsselten Botschaften.
Und in seinem Kopf geht er oft in die Schule hinein. Die Schülerinnen und Schüler haben ihn nicht losgelassen. Sie wohnen in seinem Haus, in seinem Geist, in seiner Seele. Dort sprechen sie mit ihm und er mit ihnen. Sie waren, sie sind ein wichtiger Teil seines Lebens.
Was ist zu hören? Was ist zu sehen? Was lässt sich nicht abschütteln? Hinein ins Vergessen. Was schwebt zwischen den Bildern des Alltags? Was ist anwesend? Was meldet sich? Erinnerungen, Gefühle, Worte, Texte, Satzfragmente, Handlungen, Farben, Laute, Freuden, Reflexionen, Wissen, Spiel, Ahnungen, Erstaunen, Ärger, Frechheiten, Hilflosigkeit, Leere, Trauer, Wut, trübe Augen, offene Augen, Leistungen, Verweigerungen, Grenzen, Scheitern, Anerkennungen. Lachen und Weinen.
All das und noch viel mehr dämmert auf. Undeutlich.
Wenn ihm jene Seiten aus dem Buche seines Lebens, die sein Lehrerleben enthalten, zufallen aus den Fenstern der Vergangenheit, nimmt er sie auf, schreibt er sie auf. Und wie eine Flaschenpost können sie sich irgendwohin bewegen, können sie angenommen werden, können sie sich eingraben in den Grund des Gewässers der Geschichte, gelesen oder ungelesen.

Er steht vor dem Fenster seiner Geschichte.
Er wartet. Er lauscht.
… ein undurchforstetes Abenteuer …
… die Buchstaben sprangen mir entgegen …
… ich war süchtig, und das Buch meine Droge …



10

1988/89. 7A. Wintersemester. Katrin ist leistungsmäßig eine ausgezeichnete Schülerin, gut eingebettet in die Klassengemeinschaft. Etwas ändert sich. Sie ändert sich. Einerseits wird sie stiller, sie zieht sich zurück. Anderseits erlebt er sie manchmal unerwartet und ungewohnt aggressiv. Er interpretiert dies als spätpubertäres Phänomen. Ihre Freundin Juliane verteidigt sie mit großem Einsatz. Katrin beginnt zu kippen. Aus der Balance. Nur langsam nimmt er wahr, was andere früher gesehen haben, worüber sie schweigen. Ihre auf der Bank liegenden Finger. Von Magersucht weiß er damals sehr wenig. Noch. Die Mutter kommt in die Sprechstunde, sie erzählt ihm offen von ihrer großen Sorge um die Tochter. Er beginnt zu ahnen. Noch nicht: zu verstehen. Er redet mit den beiden Schulärztinnen, die in ihrer besorgten, verstehenden, mütterlichen Art Aufgaben einer Schulpsychologin wahrnehmen. Seine Erkenntnis nimmt zu, damit seine Sensibilität.
Anfang Sommersemester. Katrin ist in der Innsbrucker Klinik. Erschreckendes, bedrohendes Gewicht. Wieder ein langes Gespräch mit der Mutter. Große Sorgen. Tränen.
An diesem Tag greift er zum Telefonhörer und fragt den für Katrin zuständigen Klinikarzt, ob er als Lehrer und Klassenvorstand kommen könne oder ob es für eine bestimmte Zeit besser sei, wenn die Schule außerhalb des Blickfelds der Schülerin bleibe. Sie können die Patientin = Schülerin selbstverständlich besuchen. Es wird ihr guttun. Die alte Welt der Schule soll nicht ausgeblendet werden.
Er fährt in die Klinik. Katrin sitzt auf dem Bett. Sie freut sich, dass er auftaucht. Ärmelloses T-Shirt. Er sieht ihre knochendünnen Oberarme. Skelette. Sie plaudern. Dann meint sie leise: Herr Professor, sehen Sie die dort drüben? Sie deutet auf eine der beiden Zimmerkolleginnen. Wie dünn die ist. Bei der anderen sieht sie die erschreckende Magerkeit. Bei ihr selber nicht. Bei all ihrer kritischen Klugheit. Mit einem Schlag ist ihm bewusst, worin ein Zentralpunkt des Krankheitsphänomens liegt. Gestörte Selbstwahrnehmung. Mangelnde, verlorene Selbsterfahrung. Was nimmt sie wahr? Was nimmt sie für wahr? Was nehmen wir wahr? Was nehmen wir für wahr?
Bald ist ihm klar, Katrin will unbedingt in ihrer Klassengemeinschaft bleiben. Sie werden alles tun, dass sie bleiben kann. Der Klinikaufenthalt wird mehrere Monate dauern, wahrscheinlich bis zum Ende des Schuljahrs. So die Prognose.
In der Schule lädt er in Abstimmung mit dem Direktor die Kolleginnen und Kollegen zu einer Klassenkonferenz. Er informiert. Alle denken, wir müssen einen Weg finden, dass Katrin nicht krankheitsbedingt die Klasse wiederholen muss und aus dieser Gemeinschaft hinausfällt, dass sie aber auch nicht das Gefühl bekommt, die Aufstiegsberechtigung werde ihr nachgeworfen, geschenkt. Im Grunde ihres Herzens ist sie eine ehrgeizige Schülerin.
Sie vereinbaren, gemeinsam mit den Schüler/innen der Klasse gleichsam eine Expositur der 7A in die Klinik zu verlegen. Die Mitschüler/innen bringen Katrin alles, was im Unterricht gemacht wird: Unterlagen, Mitschriften, Kopien, Hausübungen. Sie erklären ihr, was notwendig ist und was sie erklären können. Lehrer/innen sind bereit, in die Klinik zu gehen und mit Katrin all das, was ihr nicht gut genug erklärt werden konnte und was sie noch nicht verstanden hat, in Form eines Individualunterrichts zu besprechen. Die Schülerin schreibt ihre Schularbeiten in einem Klinikraum. Deutsch, Mathematik, Englisch, Latein, Französisch. So viele, wie dem Gesetz nach für eine reguläre Beurteilung nötig sind. Prüfungsgespräche in der Klinik. Später darf Katrin für die eine oder andere Stunde in die Schule kommen, mit Erlaubnis der behandelnden Ärzte. Grundsätzlich muss sie bis zum Ende des Sommersemesters im Spital bleiben. Schulergebnis: Bis auf zwei Fächer, über die in Absprache mit den Lehrpersonen Katrin im Herbst eine Nachtragsprüfung absolviert, sind alle abgeschlossen und benotet. Sie besteht im Herbst die beiden Nachtragsprüfungen ohne Probleme.
1989/90. Sie ist Schülerin der 8A. Regulär. Die Mitschüler/innen vereinbaren mit ihr, dass sich einige täglich vor halb acht Uhr in der Klasse treffen, um gemeinsam in Ruhe zu frühstücken. Sie nehmen ihre Müslis, Cornflakes, Brote, Aufstriche und Getränke mit. Katrin maturiert zum normalen Sommertermin mit ausgezeichnetem Erfolg.
Jedes Mal, wenn Karl sie irgendwo in Innsbruck trifft, freut er sich. Sie arbeitet als Juristin, ist verheiratet, Mutter von drei Kindern. Voll Tatendrang und voll spitzbübischer Lebendigkeit.
Fraglos haben Katrins Familie und die Klinikärzte sehr viel zu ihrer Heilung beigetragen. Als Lehrer freut er sich über die gut gelebte Klassengemeinschaft, die Katrin in ihrer schwierigen Zeit mitgetragen hat. Er freut sich über seine Kolleg/innen, für die es selbstverständlich war, zu der Schülerin in die Klinik zu gehen. Nie war ein Ton einer Klage wegen Mehraufwand oder zusätzlicher Arbeit und Bezahlung zu hören. Kein Thema. Nicht im Ansatz.
Alle Lehrer/innen, mit denen er zusammenarbeitet, sind hoch motiviert und verständnisvoll, wenn es um Einsicht und um konkrete Hilfen in einer Notsituation geht, wenn es um klare Aufgaben und Perspektiven geht. Immer und immer wieder.



28

2005. 1B. Allerheiligentage. Korrektur der 1. Schularbeit. Da er die Kinder während des Unterrichts Aufsätze schreiben lässt, die er liest, korrigiert und bespricht, kennt er im Ansatz ihre Schreibfähigkeit. Er sollte vorbereitet sein. Trotzdem ist er überrascht. Rechtschreib- und Grammatikfehler in hoher Zahl. Ist diese Klasse schwächer als andere erste Klassen? Er holt seine Notizbücher aus dem Regal. Bewertung des Inhalts, Bewertung des Ausdrucks, Rechtschreibfehler, Grammatikfehler, Länge der Aufsätze. All das notiert er sich. Jedes Jahr. Bei den Teilbereichen der zählbaren Rechtschreib- und Grammatikfehler können Vergleiche und Fortschritte leicht gemessen und benannt werden.
Jetzt geht es um die Rechtschreibfähigkeit der Kinder dieser Klasse. Grundsätzlich zählt er die Anzahl der Wörter und die Anzahl der Rechtschreibfehler der Schularbeit eines jeden Kindes. Dann wird die Wortzahl aller Aufsätze und die Fehlerzahl aller Aufsätze errechnet. Er dividiert die Gesamtwortzahl durch die Gesamtfehlerzahl. Die dabei sich ergebende Zahl sagt ihm die Leistung der gesamten Klasse bezüglich Schreibrichtigkeit. Sie nennt das Verhältnis zwischen richtig geschriebenen Wörtern und einem Fehler. Dasselbe macht er mit den Grammatikfehlern. Je höher diese das Positive der gesamten Klasse messende Zahl ist, desto sicherer sind die Kinder im Teilbereich Schreib- und Sprachrichtigkeit.
In Summe schreiben die 30 Schüler/innen der 1B bei der 1. Schularbeit ca. 8 900 Wörter (sehr viel!). Insgesamt gibt es 338 Rechtschreibfehler. 8 900 dividiert durch 338 ist 26,3. Auf 26,3 richtig geschriebene Wörter kommt ein Fehler. Im Klassenschnitt. Die Zahl 26 mit den entsprechenden Zahlen seiner vergangenen ersten Klassen vergleichend, weiß er, dass viele Kinder der 1B in der Rechtschreibung unsicher sind.
Er könnte sein Korrekturschema für die 1B verändern und sagen, eure Noten, damit suggerierend eure Leistungen, sind wie bei meinen früheren 1. Klassen. Das will er nicht tun, da gibt er etwas vor, was nicht ist. Er korrigiert die Schularbeiten nach seinem Schema, allen Teilbereichen kommt ihre Gewichtung zu. Sonst hat er mit diesem System nicht viele Nicht genügend. Diesmal schon. Das für alle unerfreuliche Ergebnis: 7 Nicht genügend. Jammern ist falsch. Lähmendes Jammern mag er gar nicht. Offenes Gespräch. Erklärungen. Seine Aufgabe ist, die Kinder in der Schreibrichtigkeit zu fördern. Er wird dafür Zeit brauchen. Er wird dafür Zeit haben. Er glaubt daran, er ist überzeugt, dass das Arbeiten mit den Kindern Erfolge bringt. Deshalb folgende Strategie:
Kein Jammern und Klagen
Sofortiges Gespräch mit dem Direktor wegen Förderunterrichts
Bei der Rückgabe der Schularbeit Gespräch mit den Kindern (Erklärung, weitere Schritte)
Gespräch mit den Eltern bei einem Elternabend in den nächsten Tagen
Förderunterricht
Verschiebung der 2. Schularbeit auf den letztmöglichen Termin

Der Direktor ist mit dem Förderunterricht voll einverstanden. Unbürokratisch. Fang an! - Ja. In wenigen Tagen. - Sehr gut.
Die Kinder hören bei seinen Erklärungen aufmerksam zu, gut geht es ihnen nicht.
Die Eltern nehmen die Noten zur Kenntnis, natürlich ist niemand erfreut. Positiv bewerten sie die Gesprächsmöglichkeit und die klare Strategie sofortiger Förderung.
Die Kinder kommen gerne zum Förderunterricht. Es tut ihnen leid, als dieser zu Ende ist. Sie steigen auf die unterschiedlichen Trainingsmöglichkeiten zur Rechtschreibung gut ein.
Das Ergebnis der 2. Schularbeit gegen Semesterende ist signifikant besser. Um 50 % verbessert sich der Klassenschnitt bezüglich Rechtschreibsicherheit: Steigerung von 26 auf 39 richtig geschriebene Wörter pro Fehler. Bravo! Die Noten sind entscheidend besser: 1 Nicht genügend.
Viele Eltern bedanken sich für die klare, nichts beschönigende, aber helfende Vorgangsweise. Einige erzählen ihm, ihren Kindern sei in der Volksschule nahegebracht worden: Schreib einfach drauflos, egal wie. Dieser Satz widerspricht seinem Verständnis von der Psyche und vom Lernprozess eines Kindes, er widerspricht seinem Verständnis von Sprache und Schreiben. Fantasievolles, freies, sprachlich kreatives Schreiben ist kein Gegensatz zum Regelwerk der Sprache. Beides ist notwendig.
Es lohnt sich, konkret und gezielt zu arbeiten. Diese Botschaft ist eindeutig. Diese Botschaft erleben und verstehen die Kinder und die Eltern. Seine jahrelang geführte Statistik zeigt, wie unterschiedlich Klassen bezüglich des Teilbereichs Rechtschreibung starten, wie gut sie sich entwickeln und dass durch gezielte Arbeit innerhalb eines Jahres klare Verbesserungen der Gesamtleistung gegeben sind. Immer.
5 Sterne
Die Schule, ein weites Land - 09.11.2015

Sehr klug, sehr ergreifend, sehr fesselnd!

5 Sterne
Sehr ehrliches Buch! - 10.02.2015
eine Lehrerin

Endlich mal ein Buch, das einfach NUR die Wahrheit des österreichischen Schulalltag an den Tag bringt! - Kann Herrn Schmutzhard danken, dass er den Alltag in der Schule mal so EHRLICH aufzeigt! Hoffentlich bekommen die Menschen in den Ministerien auch dieses Buch zu lesen? Sie werden dann hoffentlich ein wenig umdenken...

5 Sterne
Bewundernswerter Pädagoge - 16.01.2015
Doris Rainer

Ein herrliches Buch! Es sollte Pflichtlektüre für Lehramts =kandidaten sein! Karl Schmutzhard wäre endlich ein Unterrichtsminister, der die Schule nicht nur in - und aus =wendig kennt, sondern sie auch mag!

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