Cover: Die Schreie der Kinder

Die Schreie der Kinder
Eine wahre Geschichte über Missbrauch


EUR 20,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 148
ISBN: 978-3-7116-1089-8
Erscheinungsdatum: 13.10.2025
Ein Autor blickt zurück auf ein Leben voller Missbrauch, Abgrund, Flucht und Trauma. Seine Reise um den Globus führt ihn bis in den Urwald der Philippinen – und zur Begegnung mit einem unbekannten Jungen aus Melbourne, die alles verändern könnte.
Österreich, 1991

Seelenmord


Ein weißer Ford Transit Kastenwagen, beschriftet mit
roten Lettern, steht an einem kalten Wintertag Anfang
Februar des Jahres 1991 in einem abgelegenen Gewerbe-
gebiet am Rand einer Großstadt in Österreich. Er ist
schon fertig beladen mit Werkzeug, Markisen und dem
nötigen Zubehör, alles Bestellungen von Kunden, die
am darauffolgenden Tag beliefert werden sollen.

In den Wagen steigt ein durchschnittlich großer Mann
Mitte zwanzig. Er fährt nach Schichtende über im
Winter gefährlich glatte und auch schmale Bergstraßen
nach Hause in ein kleines Dorf. Ein paar hundert Meter
über der Stadt, aber noch weit unter den Gipfeln der
hohen Berge.

Im gelben Licht der Straßenlaternen im Dorf verliert
die Welt an Kontur, und die Berge verdecken den
Horizont. Die Beschaulichkeit, die sich auf den ersten
Blick einstellt, ist auf den zweiten schon dahin. Vom
Idyll bleiben die Enge übrig und an diesem Abend ein
paar Touristen auf der Suche nach Schnee.

Zuhause erwartet den Mann seine Freundin mit einem
zwei Jahre alten gemeinsamen Sohn und einem Kind im
Alter von fast vier Jahren, das aus einer früheren
Beziehung der Freundin stammt. Dieser Junge ist Finn.

Das Haus, in dem die Vier zusammen leben, hat vier
Eigentumswohnungen und ist neu gebaut. Alles ist auf
Familienleben ausgerichtet und das Verhältnis zu den
Nachbarn scheint ganz gut zu klappen. Allerdings
reduziert man das Zusammenleben auf das Nötigste
und hofft, dass die Zurückhaltung nicht auffällt.

Auch an diesem Abend lässt sich der Mann noch in
seinem von der Arbeit verschmutzten Blaumann gleich
auf die beige Eckcouch fallen. Seine Freundin, gerade 23
Jahre alt, serviert ihm kaltes Bier in der Flasche, ohne
Glas. Dann gibt es Schnitzel. Bevor sie mit ihrem Mofa
zu ihrer besten Freundin fährt, einen Ort weiter, lässt
sie dem Mann, mit dem sie nicht verheiratet ist,
sondern, wie es damals hieß, in wilder Ehe lebt, eine
Badewanne ein.

Es ist dann still in der Wohnung, auch der Röhrenfern-
seher schweigt. Nur die billige Wanduhr im
Wohnzimmer lässt von sich hören. Das dumpfe Klacken
des Sekundenzeigers aus Plastik, der über das Zifferblatt
zuckt, verspricht für die nächste Stunde nichts Gutes.

Der Mann holt Finn aus seinem Etagenbett im
Kinderzimmer, wo der jüngere Bruder schon schläft.
„Komm mit, wir gehen zusammen baden“, sagt er ruhig,
aber bestimmt. Die Heizungen sind in allen Zimmern
voll aufgedreht.

Die weiße, mit Emaille beschichtete Wanne läuft
langsam voll. Die hellblauen Kacheln an den Wänden
scheinen in der feuchten Hitze zu schwitzen. Es
herrscht dicke Luft im Bad, wo es atemberaubend nach
Latschenkiefernöl stinkt, das dieses Badewasser grün
verfärbt hat. Giftig grün wirkt es im Licht der gläsernen
Deckenlampe, obwohl es direkt aus dem Gebirge
kommt und eigentlich klar und frisch ist.

Der Mann verschließt die Badezimmertür mit einem
kleinen Drehschloss von innen. Er ist inzwischen
komplett ausgezogen. Der stark behaarte, schlanke
Mann sitzt Finn in der Wanne gegenüber. Die nassen
schwarzen Haare kleben an seiner Haut wie
ausgerissene Spinnenbeine.

Der Speichelfluss des Mannes nimmt zu, die
Körpertemperatur steigt, und bald ist eine volle
Erektion zu sehen. Er packt Finn mit der rechten Hand
an den Schultern, hält ihn vor seinen Oberkörper und
öffnet mit der linken Hand den Mund des Jungen, der
sich wehrt, schreit und Todesangst hat. Der Mund des
Jungen ist noch zu klein für den Penis des Mannes, der
seine Versuche erst viel später abbricht.

Er befiehlt dem Jungen mit harschen Gesten
aufzustehen. Jetzt sind Finns Mund und Gesicht auf
Hüfthöhe des Mannes. Er versucht weiter, gewaltsam
den Mund zu öffnen und ohrfeigt Finn. „Patsch!“,
macht die schwielige Arbeiterhand auf dem Gesicht des
Kindes, dessen Körper schon bald mit Urin und Sperma
beschmutzt ist.

Aus Gewalt und sich wiederholender Erniedrigung
bestehen die Anstrengungen der Lust des haarigen
Mannes. Zum Schluss drückt er Finn eine Brause in die
Hand: „Abduschen!“

In Finns Leben hat an diesem Tag das Böse
eingeschlagen. Aber nicht nur dieses eine Mal, der
Horror wiederholt sich, verteilt über zwei Jahre hin. Der
Traum-Mann der Mutter wird zum Trauma-Mann
ihres Sohnes. Finn war erst vier Jahre alt, als sein Leben
schon zerstört worden war.

Nach den Folterungen im Badezimmer zieht der Täter
seinem Opfer einen Bademantel über und setzt Finn auf die Wohnzimmercouch vor den Fernseher.

Wenn die Mutter dann nach einem feuchtfröhlichen
Abend bei der Freundin glücklich nach Hause
zurückkehrt, bemerkt sie nichts.

Auch an den nächsten zwanzig oder dreißig Abenden,
die in Abständen auf den ersten folgen, kommt ihr
nichts verdächtig vor. Auch dann nicht, wenn sie einmal
nicht auf ihr Mofa steigt, um zu ihrer Freundin zu
fahren, sondern daheim bleibt und sich in der kleinen
Zweizimmerwohnung aufhält, während ihr Traumprinz
zu ihrem Sohn in die Wanne steigt:
der Täter,
der Schänder,
der Pisser,
der Wichser,
ihr Prinz.
Die indolente Prinzessin, seine Mutter, im Zimmer
daneben, bleibt ihm eine gute Freundin.

Für den behaarten Seelenmörder geht das Leben
normal weiter. Für Finn ist das Leben vorbei.
Er wird das Erlebte komplett verdrängen.
Das wird die Hölle werden.

Finn wird sich ganze 28 Jahre lang nicht mehr an
den Missbrauch erinnern können.

Selbst wenn man ihn darauf aufmerksam machen
würde, er würde es nicht wissen. So erleben die Macht
der Verdrängung viele Missbrauchsopfer.
Die Badewanne verschwindet für 28 Jahre. Das fühlt
sich an wie die Unendlichkeit. 28 Jahre gefangen in
der Unendlichkeit.




Wien, Österreich, 2008

Station 4b


Finn ist jetzt fast 21 Jahre alt und lebt seit eineinhalb
Jahren in Wien, zweiter Bezirk, Leopoldstadt. Wien
hätte ein Neustart werden sollen. Einen sicheren Job im
Vertrieb daheim hatte er schließlich schon.

Wien verbreitet eine kaum erträgliche Morbidität.
Trotz der prächtigen Bauten der österreichischen
Hauptstadt bekommt man als empfindsamer Mensch
leicht so ein Souterrain-Gefühl. Als liege man schon
zwei Meter unter der Erde im Keller, als Vorbereitung
auf den Zentralfriedhof, das ist für Wien so etwas wie
der Piccadilly Circus für London. Von der übertrieben
hämischen und missgünstigen Bevölkerung gar nicht
zu reden. Wer in Wien lebt, badet in Drachenblut, da
hilft es dann auch nicht, dass vor Zeiten in der Wiener
Berggasse Sigmund Freud seine Couch aufgestellt hatte.

Panikattacken, Angstzustände, Valium – das wird so
nach und nach Finns Wien. Benzodiazepine, die von der
Pharmaindustrie in den 50er Jahren als Angstlöser
erfunden wurden oder um Unfälle oder
Todesnachrichten erträglicher zu machen. Diese
Substanzen werden auch älteren Patienten in Altenheimen verschrieben. In den Vereinigten
Staaten bekommen sie Todeskandidaten hoch dosiert
verabreicht, damit sie ihr Bewusstsein verlieren bei der
Hinrichtung.

Finn nimmt das Medikament schon ein Jahr lang ein,
seine Dosis liegt bei 7,5 mg pro Tag. Das wäre für manch
anderen vielleicht schon ein Mehrfaches über den Durst,
ein bedrohliches Risiko. Außerdem sollte man es nur
zwei Wochen am Stück einnehmen, denn der Entzug ist
schwierig und dauert körperlich und seelisch zusammen
bis zu einem Jahr. Deshalb will Finns Arzt ihm keine
Rezepte mehr ausstellen. Also macht Finn sich auf die
Suche nach willigeren Ärzten. Gefangen im Hexenkessel
der Pharma-Welt. Sein Körper scheint vergiftet.

Es gibt neben seiner Wohnung in Wien ein typisches
Wiener Kaffeehaus, da ist er Stammgast und gern
gesehen. An einem Sonntagnachmittag werden die
Angstzustände schlimmer, und so beschließt er, an
diesem Tag einfach mehr Bier als sonst zu trinken.
Wenn Finn in seinem Stammlokal sitzt, sind Raum und
Zeit vergessen, die Biere kommen schnell. Schnell sind
es sieben bis acht Flaschen, innerhalb von nur zwei
Stunden – viel zu viel, das weiß er selber. Aber er ist
gefangen zwischen Pharma und Alkohol. Sie sind seine Feinde geworden, die Blister und die Flaschen, die Finn
aber für seine Freunde hält.

Nach ein paar weiteren alkoholischen Getränken, nach
ein paar weiteren Tabletten und nach ein paar weiteren
Shots Wodka ist zumindest die Angst weg, aber auch
sein klares Bewusstsein. Am nächsten Tag wacht er
auf und kann es kaum glauben. Er wacht auf und sieht,
dass seine weiße Bettwäsche, die er erst neulich gekauft
hat, von Blut durchtränkt ist. Alles ist rot und
blutverschmiert. Auf dem Boden ist Blut zu sehen,
Blutspritzer an der Wand und an den Decken. Sein
Gesicht ist geschwollen. Ungläubig geht er durch
seine Wohnung und bemerkt schnell, dass er seine
neue Einrichtung verwüstet hat. Gläser und Vasen sind
zerbrochen, die Kühlschranktür steht weit offen und
Essensreste sind über den Boden verstreut.

Sein Puls schießt jetzt gleich wieder in die Höhe, er hat
Angst. Was ist passiert, fragt er sich. Ist etwas
Schlimmes geschehen, hat er jemanden verletzt, oder
vielleicht noch ärger? Nach dem ersten Schock duscht
er sich schnell ab und macht sich in Richtung seiner
Stammkneipe davon, in sein Kaffeehaus. Auf dem Weg
dorthin, im Treppenhaus seines Wohnhauses, bemerkt
er ebenfalls eine Blutspur. Ein Gefühl von Dunkelheit
setzt ein.

Die Dämonen haben zugeschlagen, denkt er. Die
Alkohol-Dämonen zusammen mit den Pharma-
Dämonen. Beginnt jetzt tatsächlich schon der Weg weg
aus der Welt in die finstere Unendlichkeit?

Im Kaffeehaus bestellt er sich gleich drei große Bier,
dazu einen großen Wodka und nimmt zwei Valium aus
seinem Handgepäck. Nach circa dreißig Minuten kippt
der beruhigende Effekt des Valiums und des Alkohols,
die Angst setzt wieder ein, aber stärker als zuvor. Dazu
kommen Panikattacken und Unruhe. Seine Hände
beginnen zu zittern, der Puls wird schneller, und die
Pupillen erweitern sich. Dazu kommt die Angst vor der
Angst.

Nachdem sein Zustand immer bedenklicher wird,
macht er sich auf den Weg in das nächste Krankenhaus:
das Wiener AKH am Währinger Gürtel im neunten
Wiener Gemeindebezirk, Abteilung für Allgemeine
Psychiatrie, Station 4b, Erdgeschoss.

Vor dem Kaffeehaus parkt sein schwarzer 1er BMW mit
Münchner Kennzeichen, ein Mietwagen. Noch am
Vortag hat ein Unbekannter die linke Seitenscheibe
eingeschlagen und das Navigationssystem gestohlen.

Was aber bestimmt wieder einmal dem Münchner
Kennzeichen galt, nicht ihm.
...

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