Die letzte ihrer Art

Die letzte ihrer Art


EUR 18,90
EUR 11,99

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 120
ISBN: 978-3-99038-534-0
Erscheinungsdatum: 07.04.2015
Ich lebte 28 Jahre in einer höllischen und erbarmungslosen, kommunistischen Diktatur. Hinzu kommen Schicksalsschläge - Tod von Verwandten, Intrigen der Schwester, Betrug von Männern, Vergewaltigung, Fehlgeburten. Dann kam die Ausreise in den Westen…
Kapitel 1
Viel Schnee in der Diktatur

Es lag noch viel Schnee in der Diktatur. Der Krankenwagen wusste kaum den Berg hochzufahren – dahin, wo meine Eltern gewohnt hatten. Trotz des verschleierten Himmels blockierten die Räder in dem tiefen Schnee nicht. Sie ächzten und stöhnten – den Menschen gleich.
Es war im März 1962, als ich das Licht der Welt erblickte. Hätte ich damals gewusst, was alles auf mich zukommen sollte, wäre ich lieber nicht geboren worden.
Das ist nunmehr 50 Jahre her, und ich habe eine Entscheidung getroffen: Ich will dieses Buch hier schreiben.
Sie werden sich jetzt sicherlich fragen: „Warum soll ich dieses Buch lesen? Ich kenne diese Frau doch gar nicht!“ Ihre Frage ist berechtigt, aber meine Antwort darauf auch: „Es ist einerseits der nackte Wahnsinn, denn Sie werden mit der Realität eines Jahrhunderts konfrontiert, das durch diktatorische Verhältnisse in einem Ausmaß geprägt wurde, das es in der Geschichte der Menschheit bis dato kaum gegeben hat. Der durch vorliegendes Buch ermöglichte Einblick in diese Zeitgeschichte hat darum Raritätenwert. Zudem ist es die unverblümte Wahrheit, die sich durch nichts beschönigen oder rechtfertigen lässt. Sie sollen einfach nur erfahren, dass man ein Horrorszenario nicht erfinden muss; nein, es findet tatsächlich im alltäglichen Leben statt. Wenn Sie also Spannung lieben und „kalte Schauer“ über Ihren Rücken rieseln lassen möchten, so lesen Sie dieses Buch einfach weiter. Am Ende werden auch Sie es für ein exzellentes Buch halten.
Ich kann mich zwar nicht mehr so genau daran erinnern, aber ich glaube, dass bis zu meinem fünften oder sechsten Lebensjahr nichts Außergewöhnliches passierte. Wahrscheinlich waren es die ganz „normalen Dinge“, die ein Kind in diesen Jahren „so erlebt“.
Nach dieser Kindheit allerdings begannen sich „die Dinge“ in eine schreckliche Richtung zu entwickeln.
Vorab sei aber noch erzählt, dass meine Eltern damals weder arm noch reich waren, aber reicher als „die anderen“. Wir bewegten uns Kreisen „höherer Stände“. Es fehlte uns an nichts. Wir fuhren jedes Jahr in den Urlaub ans Schwarze Meer oder besichtigten verschiedene Sehenswürdigkeiten unseres Landes.
Im Nachhinein kommt mir die Zeitspanne zwischen meinem sechsten bis zwölften Lebensjahr relativ kurz vor. Ich ging zur Schule und hatte sehr viel Spaß am Lernen. Vor allen Dingen entdeckte ich mein Talent für Fremdsprachen und meine große Leidenschaft für Sport. Drei Jahre lang nahm ich Ballettstunden, bis ich sie aufgeben musste, da sich zwischen Fersen- und Sprungbein an beiden Füßen eine kleine Deformation gebildet hatte, die jeweils nach außen gerichtet war und mir erhebliche Schmerzen verursachte. Somit war mein erster Traum, Ballett zu tanzen, geplatzt, nicht aber der Spaß am Sport an sich. Ich suchte eine Alternative und fand sie: Schlittschuhlaufen und Ski alpin. Nach zwei Jahren musste ich auch das Skifahren aufgeben, da ich einen schweren Sturz erlitt, bei dem sich ein Nagel ins Wadenbein bohrte, der nur operativ entfernt werden konnte. Übrig blieb mir jetzt also nur noch das Schlittschuhfahren, das ich auf die Wintermonate beschränkte.


Kapitel 2
Meine Schwester

Ehe ich es vergesse: Ich habe eine Schwester, die vier Jahre älter ist als ich. Anfang 1974 – ich war gerade zwölf Jahre alt – ging ich noch zur Schule und meine Schwester ebenso. Ich hatte immer fleißig gelernt und brachte sehr gute Noten mit nach Hause; doch sie war das glatte Gegenteil von mir. Sie hatte einfach keine Lust auf das Lernen, demzufolge hatte sie schlechte Noten, und wie das nun mal so ist, setzen „solche Menschen“ ja noch einen „obendrauf“ – so auch meine Schwester.
Als sie sechzehn Jahre alt war, lernte sie einen Typen der Sorte Angeber kennen, der sie ständig von der Schule mit dem Auto abholte und nach Hause fuhr oder auch woandershin. Ihr Freund war zehn Jahre älter als sie. Ich hingegen verbrachte meine Oster- und Sommerferien bei meinen Großeltern mütterlicherseits. Von Opa ließ ich mir alles über Hasen und den Garten erklären.
Meine Schwester fing an, die Schule zu schwänzen, und steuerte damit ihre Noten dem Rekord auf der Minusseite zu. Zudem belog sie meine Eltern und bekam schlussendlich mit fast 17 Jahren ihr erstes Kind.
Bevor meine Schwester endgültig von zu Hause auszog, vollendete sie erst noch die Liste der Sonderleistungen. So hatte mein Vater ihr z. B. Hausarrest erteilt, den meine Schwester via Flucht durch ein Fenster umging. Sie stellte alles Mögliche an und ließ mich als Sündenbock für sie bei meinen Eltern herhalten. Sie verstand es, die Dinge so verdreht darzustellen, dass alles immer wieder gegen mich sprach. Damit kam sie auch eine ganze Weile durch, bis ich ausreichend Beweise gesammelt hatte, um das Gesamtbild auffliegen zu lassen.
In meiner aufgestauten Wut, gepaart mit meinem kindischen Verstand, dachte ich: „Was wäre eigentlich, wenn ich meine Schwester einfach aus dem Wege räumen würde für all das, was sie mir angetan hat? Dann wäre ich das Problem doch ein für alle Mal los, oder?“
Mein Plan, den ich hier nicht ausführlicher darstellen möchte, misslang jedenfalls, weil zum Zeitpunkt der von mir geplanten Ausführung meine Eltern nach Hause kamen. Ich nutzte derweil den glücklichen oder auch unglücklichen Zeitpunkt, um meine Eltern über die Manipulation meiner Schwester aufzuklären. Schließlich war ich zwölf Jahre alt. Meine Enthüllungen brachten den ersehnten Erfolg: Ich wurde das Problem los, denn mein Vater jagte meine Schwester aus dem Hause und wollte nichts mehr von ihr wissen. Meine Schwester heiratete heimlich im stolzen Alter von 16, während mein Vater, meine Mutter und ich im Sommer des Jahres 1974 gemeinsam in Urlaub waren. Da sie zu dem Zeitpunkt allerdings noch als minderjährig galt und infolgedessen Vater und Mutter beim Standesamt ihr Einverständnis zur Heirat hätten geben müssen, beschloss meine Schwester kurzum, sich den Bruder meines Vaters samt seiner Gattin für diesen Zweck „auszuleihen“. Diesen gab sie bei der Behörde als Vater an, was auch nicht weiter als „falsch“ auffiel, da er den gleichen Namen wie mein Vater trug. Somit kam die Ehe zustande, wenn auch – aus meiner Sicht – unter dem Makel des Betruges. Ich bezweifele heute noch, ob damit die Ehe überhaupt ihre Gültigkeit hat.
Wir erfuhren von dieser Heirat erst kurz vor der Entbindung des ersten Kindes meiner Schwester im Dezember. Meine Eltern waren außer sich, was aber nichts änderte. Für eine Weile brach der Kontakt völlig ab, auch zu meinem Onkel, der diesem Betrug immerhin zugestimmt hatte und sogar daran beteiligt gewesen war.
Elf Monate später bekam meine Schwester das zweite Kind. Es kostete meine Mutter und mich sehr viel Geduld, meinen Vater dazu zu bewegen, sich seine Enkelkinder anzuschauen. Schließlich können die „Kleinen“ nichts dafür, wenn sie eine „solche“ Mutter haben.
Mit den Jahren haben wir uns mit der Gesamtsituation arrangiert. Mein Vater konnte zwar nach wie vor weder meiner Schwester noch seinem Schwiegersohn verzeihen, aber seinen Enkelkindern zuliebe hatte er versucht, einen Weg zu finden, mit meiner Schwester und meinem Schwager umzugehen.
Wie sollte es auch anders sein – mein Schwager entpuppte sich als Schürzenjäger, der obendrein auch noch sehr faul war. Um sich bei mir besonders einzukratzen, erzählte er mir von seinen ständigen Eroberungen. Diesen Beichten schenkte ich zunächst keinen Glauben, bis ich eines Besseren belehrt wurde: Ich erwischte ihn in flagranti auf seiner Arbeitsstelle. Meine Schwester wollte dies nicht wahrhaben und führte meine Berichterstattung auf das Motiv Neid zurück. Ich stellte mir daraufhin nur selbst die Frage, wie ich auf einen solch hässlich ausschauenden Mann neidisch sein könnte. Ich verneinte energisch, weil es der nackten Wahrheit entsprach, dass ich keineswegs Neid empfand.
Meine Schwester und ihr Mann brachten es eines Tages fertig, bei meinem Vater um Geld anzufragen für Anschaffungen. Überraschend zeigte er sich plötzlich sehr großzügig und kam dem Wunsch nach. Das geschah im Jahr 1976; in dem Jahr, in dem auch meine Oma mütterlicherseits starb. Mein Opa war bereits vier Jahre zuvor verstorben, also 1972. In diesen vier Jahren hatten sich meine Eltern und auch ich uns fürsorglich um meine Oma gekümmert.


Kapitel 3
Die Vergewaltigung

Im Jahre 1978 – ich war gerade 16 Jahre alt – passierte mir etwas Schreckliches. Es war Herbst und draußen schon früh dunkel. Ich befand mich gerade auf dem Heimweg, vom Training kommend – es muss so gegen 20.00 Uhr gewesen sein. Ich wählte immer den gleichen Weg, indem ich einen kleinen Park mit Bäumen und Sträuchern durchquerte. Nie war etwas passiert, aber dann: Ich spürte förmlich, dass sich hinter mir jemand bewegte. Kaum drehte ich mich um, hatte mich schon der Kerl am Hintern gepackt und mich in ein Gebüsch geschubst. Ehe ich begreifen konnte, was geschah, war es auch schon passiert. Es ging rasend schnell. Mein Versuch zu schreien und mich zu wehren, blieb erfolglos, zumal mir der Kerl auch noch den Mund zuhielt. Ich war wie gelähmt. Ich glaube sogar, ohnmächtig geworden zu sein.
Als ich nach einiger Zeit wieder zu mir kam, war ich alleine in diesem Gebüsch. Rundherum war keine Menschenseele zu sehen, und ein Sturm bahnte sich an. Mittlerweile heulte und brauste er über den Park und ließ auch die stärksten Bäume hin- und herwogen. Unter normalen Umständen vergällte dieser Sturm jeden Aufenthalt im Freien, aber in meinem Zustand hatte ich den Sturm gar nicht wahrgenommen. Und jetzt wurde mir bewusst, dass ich soeben vergewaltigt worden war. Sobald ich irgendwann wieder einigermaßen imstande war aufzustehen und die ersten Schritte zu tun, ging ich nach Hause. Dort wusch ich mich sofort, besser gesagt: schrubbte ich mich, bis die ersten Wunden kamen.
Ich war nicht in der Lage, mit irgendjemandem darüber zu sprechen – schon gar nicht mit meinen Eltern. Ich weiß bis heute nicht, warum ich es nicht konnte, aber es ging einfach nicht. Ich habe seitdem nachts kaum noch schlafen können. Ersatzweise wurde ich von Albträumen geplagt. Zur Polizei bin ich auch nicht gegangen. Ich hatte einfach nur Angst. So hatte ich nur die Möglichkeit, mit diesem schrecklichen Erlebnis alleine fertigzuwerden – eine Aufgabe, die mich ungeheure Kraft gekostet hat. Und selbst jetzt noch, da ich diese Zeilen niederschreibe, kommt mir „alles wieder hoch“. Ich stelle hiermit fest, dass ich es immer noch nicht verwunden habe. Ich muss sogar jetzt noch weinen, wenn ich nur daran denke. Erfüllt von Schmerz, Hass und Rachegedanken, habe ich versucht, mein Leben weiterzuleben, und niemand hat etwas gemerkt oder im Entferntesten geahnt.
Nach so einem schrecklichen Erlebnis verliert man für den Rest seines Lebens die „Unbeschwertheit des Seins“.


Kapitel 4
Der besondere Mensch

Das Jahr 1978 hatte es für mich in sich. Meine Tante – die Schwester meiner Mutter – hatte sich entschieden, zu ihrem ältesten Bruder – also meinem Onkel – nach Frankreich zu fahren. Nach drei Monaten wollte sie wiederkommen. Doch es kam anders: Sie kam gar nicht mehr nach Hause, was sie uns telefonisch mitteilte.
Zu diesem Zeitpunkt wohnten wir in Siebenbürgen-Sachsen. In unserem eigenen Land wurden wir als Ausländer und Nazis verschrien, da wir und unsere Vorfahren Deutsche waren.
Für meine Eltern war die Nachricht meiner Tante ein schwerer Schicksalsschlag; bedeutete dies für sie und mich doch, dass von jetzt auf gleich unser ganzes Leben auf den Kopf gestellt wurde.
Unsere zu bewältigenden Aufgaben erweiterten sich auf das Haus meiner Großeltern, in dem meine Tante zuletzt gewohnt hatte. Es lag ca. 30 km von unserem Zuhause entfernt. Wir mussten das gesamte Haus räumen, damit meine Eltern es verkaufen konnten. Mit dieser zusätzlichen Herausforderung erreichten wir alle die Grenze der Belastbarkeit, denn mein Vater war aufgrund seines Arztberufes sehr stark eingespannt, und meine Mutter, die dem Beruf einer Stickerin nachging, geriet durch die zusätzliche Arbeit streckenweise in Stresszustände. Ich ging immerhin noch zur Schule. Nach dem Abitur wollte ich in die Fußstapfen meines Vaters treten und Medizin studieren, was ich auch tat. Tagsüber arbeitete ich und abends ging ich zur Uni. So konnte ich mir mein Studium selbst finanzieren und war nicht auf das Geld meiner Eltern angewiesen.

Trotz des emsigen Ausmistens des Hauses haben meine Noten nicht darunter gelitten. Im Gegenteil – ich war die Beste in der Schule, und mein Talent für Fremdsprachen beflügelte mich. In Englisch hatte ich sogar eine Privatlehrerin. Was die Sprache Französisch angeht, so reichte mir der Unterrichtsstoff in der Schule aus, der zudem durch die Unterhaltungen mit meinen Verwandten in Frankreich erfreulicherweise unterstützt wurde. Italienisch habe ich mir selber beigebracht.
Trotz eines genau strukturierten Tagesablaufes blieb mir noch Zeit, einen sehr netten Jungen kennenzulernen, den ich dann auch als meinen Freund gewinnen konnte. Er war so nett, intelligent und vor allen Dingen zärtlich! Er hatte etwas Besonderes an sich, das ich so gar nicht in Worte kleiden kann. Wir verstanden uns sogar durch Augenkontakt. Wir mussten auch gar nicht viel miteinander reden; er verstand auf Anhieb, was ich wollte. Bei so viel Sensibilität blieb es nicht aus, dass er auch bemerkte, dass ich häufig traurig war und ich bei seinen Versuchen, mich zu küssen, immer auszuweichen drohte. Er war sich sicher, dass mir etwas Schreckliches widerfahren sein musste. Es war seiner Hartnäckigkeit zu verdanken, dass ich eines Tages in der Lage war, mit ihm als einzigem Menschen darüber zu reden.
Seit diesem Zeitpunkt war mein Freund schlagartig verändert mir gegenüber. Er versuchte, jede freie Minute mit mir zusammen zu sein und mich in dieser gemeinsamen Zeit häufig zum Lachen zu bringen. Von Zudringlichkeit war keine Spur mehr. Er war sehr verständnisvoll. Seine Art, mir gegenüber die Liebe zu zeigen und zu leben machte es mir einfach, ihn lieben zu können.
Mit „Geduld und Spucke“ und sehr viel Geduld überzeugte mein Freund mich eines Tages, doch zur Polizei zu gehen und die Vergewaltigung anzuzeigen. Er begleitete mich wie selbstverständlich. Ich war mir zwar nicht ganz sicher, wer diese Tat begangen hatte, aber ich hatte so meine Ahnung. Und siehe da, mein Gefühl hatte mich nicht im Stich gelassen: Eine Woche später rief mich die Polizei an, um mir mitzuteilen, dass sie jemanden festgenommen hätten, der glücklicherweise die Vergewaltigung an mir gestanden habe. Endlich konnte ich erleichtert durchatmen. Im Prozess erhielt ich nochmals eine Gewissheit, dass „er“ es gewesen war, denn ich erkannte sofort seine Stimme wieder. Er wurde zu fünf Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Dennoch war seine Verurteilung für mich nur ein schwacher Trost, denn sie konnte mir auch nicht mehr das zurückgeben, was dieser Kerl mir genommen hatte.
Nach einer weiteren Weile wollten mein Freund und ich – vor allen Dingen ich – miteinander schlafen. Es wurde mein schönstes Erlebnis, das ich bis dato in meinem Alter hatte erleben dürfen. Für einen Moment konnte ich die Vergewaltigung vergessen. Leider hielt dieser Zustand nur für eine kurze Zeit an.


Kapitel 5
Der Tod meines Vaters

Mittlerweile hatten wir das Haus meiner Großeltern verkauft; zumindest den Teil, in dem meine Tante gewohnt hatte. Danach kaufte mein Vater für uns ein größeres Haus, in das wir aber noch nicht einziehen konnten, da es von Mietern bewohnt war, und so sollte es auch bis 1990 bleiben.
Kurz vor meinem 18. Geburtstag kaufte Vater mir ein Auto, das als mein Geburtstagsgeschenk gedacht war. Doch es kam anders – wie so häufig. Meine Schwester und ihr Mann drängten sich wieder einmal dazwischen und bettelten um dieses Auto mit dem Argument, dass sie es aufgrund der Kinder dringender bräuchten als ich.
Mein Vater gab nach, aber mit der Auflage, dass sie das Auto nach einer Weile an mich zurückgeben müssten. Als sich dieser Übergabetag näherte, weigerten sich meine Schwester und mein Schwager, mich in den Besitz meines Autos zu bringen. Ich sei schließlich noch jung genug und könne mit dem Bus fahren.
So entbrannte erneut ein Krieg zwischen uns; angestauter Hass und Wut entluden sich. Meinen 18. Geburtstag habe ich mit Freunden ausgiebig gefeiert – unter Ausschluss meiner Schwester und ihres Mannes.
Mein Vater hat unter diesem Zustand gelitten, was wir aber alle nicht wussten. Immer und immer wieder ärgerte er sich über meine Schwester. Er fraß dies alles jedoch in sich hinein. Dann kam, was kommen musste: Er bekam einen Herzinfarkt, und ich befürchtete schon, dass er sterben müsse. Doch nach einem vierzehntägigen Krankenhausaufenthalt meinten die Ärzte, er könne in den nächsten Tagen schon wieder entlassen werden. Ich war erleichtert – doch leider zu früh.
Am 20. Mai 1980 besuchte ich mit meiner Mutter gemeinsam noch einmal meinen Vater im Krankenhaus. Zu meiner Überraschung schenkte mir mein Vater während unseres Besuches eine goldene Kette mit Anhänger. Ich wunderte mich sehr, war mein Geburtstag doch schon vorbei. Es machte mich schon stutzig und nachdenklich. Meinem Vater ging es doch an diesem Abend sehr gut! Er war ausgelassen und fröhlich, und vor allen Dingen freute er sich selber auf seine Entlassung.
Auf dem Heimweg vom Krankenhaus dachte ich immer wieder: „Warum in aller Welt hat er mir dieses sehr schöne und besondere Geschenk gemacht?“
Des Rätsels Lösung ließ nicht lange auf sich warten.
Am frühen Morgen des 21. Mai 1980 bekam ich auf meiner Arbeitsstelle um sechs Uhr in der Frühe einen Anruf aus dem Krankenhaus. Man teilte mir telefonisch mit, dass mein Vater verstorben sei. Ich ging nach Hause; völlig benommen. Vorsichtig und schonend versuchte ich meiner Mutter diese Nachricht beizubringen. Für meine Mutter und mich brach in diesem Moment eine Welt zusammen. Ich konnte zusehen, wie sich von jetzt auf gleich die Haarfarbe meiner Mutter von Blond auf Weiß veränderte, und dieser Verwandlungsprozess fand auf der Stelle statt. Diesen Augenblick werde ich zeitlebens nicht vergessen. Es traf mich wie ein Blitz.
Meine Schwester zeigte sich von der Nachricht, Vater sei verstorben, nicht so sehr berührt. Warum auch? Sie war es doch, die ihn schließlich ins Grab gebracht hatte. Meiner Meinung nach wäre dies ohne den Kummer und den Ärger – den sie verursacht hatte, und das am laufenden Band – nie so weit gekommen. Mein Vater könnte heute noch leben – denke ich. Dem Schicksalsschlag folgten die Beerdigung und die Trauerzeit mit allen Begleitumständen, die dazugehörten.
Mittlerweile ist auch dieser Verlust 32 Jahre her, doch meine Mutter hat den Verlust ihres Mannes nie so recht verwunden. Sie hat nie wieder geheiratet und auch nie wieder einen Partner gesucht. Zu stark war ihre Liebe zu meinem Vater.
Besonders traurig war ich wegen des Umstandes, dass weder meine Tante an der Beerdigung teilnehmen durfte noch mein ältester Onkel väterlicherseits. Er verließ mit seiner jüdischen Ehefrau und ihren beiden Töchtern – demzufolge meine beiden Cousinen – das Land und zog für eine Weile in einen Kibbuz in Israel.
Nach dem Tod meines Vaters habe ich mein Studium abgebrochen und ging arbeiten. Intensiv kümmerte ich mich obendrein um meine Mutter.
Meine Schwester hingegen nahm meine Mutter als Babysitter für ihre Kinder in Anspruch. Ich übernahm diese Rolle in meiner Freizeit. Obwohl ich arbeiten ging, nahm ich parallel ein anderes Studium auf. Mein Terminkalender war also gut ausgefüllt.
test
5 Sterne
Die letzte ihrer art - 16.07.2015
Grajcar Yvonne

Das buch ist richtig fesselt, also ich hatte Probleme es aus den Händen zu legen. Sehr interessante Kapitel und gleichzeitig ein schlimmes Schicksal was die Autorin durch leben musste. Also ich hoffe das es nicht so lange dauern wird, bis der nächste teil kommt.

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