Die Geschichte des Islam
Band I – Herrschende muslimische Dynastien und Osmanen
EUR 25,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 570
ISBN: 978-3-7116-1809-2
Erscheinungsdatum: 08.09.2026
Von den Anfängen des Islam bis zu den großen Dynastien: Dieses Werk beleuchtet Quellen, Chroniken und Geschichtsschreiber der islamischen Welt. Eine fundierte Einführung in Entstehung, Entwicklung und Selbstverständnis islamischer Historiografie.
1 IV. Vorwort
BISMILLAHIRRAHMANIRRAHIM.
(Im Namen Allahs, des Gnädigen, des Erbarmenden)
Die Geschichte der Beziehungen Europas zum Islam ist auch die Geschichte der intellektuellen, künstlerischen und politischen Wahrnehmung des Orients, in der sich eher europäisches Denken die orientalische Realität als solche zeigt. Darum scheint es an der Zeit, auch von einer Geschichte zu sprechen, die tief in den Gang des Weltgeschehens eingegriffen hat und der besonders das Abendland, grundsätzlich aber die gesamte Menschheit unendlich viel verdanken.(1)
Die islamische Geschichte umfasst vierzehn Jahrhunderte der Weltgeschichte. Seit dem 7. Jhdt. bekennen sich immer mehr Menschen zum Islam. Heute bezeichnet sich ein Fünftel der Menschheit als Muslime, und diese Gruppe nimmt wie kaum eine andere auf der Welt zu. Zum größten Teil leben die Muslime im Gebiet der Atlantikküste Nord- und Westafrikas und in West-, Zentral- und Südasien. Sie leben auch in Nordindien, Europa, Nordamerika und in Südafrika.
Die ersten wichtigen Zentren der muslimischen Welt waren vom 8. bis 10. Jhdt. Damaskus in Syrien; Bagdad im Irak und Cordoba in Spanien; im 15. bis 17. Jhdt. Istanbul in der Türkei/Türkiye; Buchara und Samarkand in Usbekistan und Delhi in Indien. Vom 19. Jhdt. an wurde das islamische Weltsystem (der sogenannte Orient) vom Westen (dem Okzident) durch den Kolonialismus, Kapitalismus, die industrielle Revolution und die Aufklärung in seiner Entwicklung überholt. Der symbolische Zeitpunkt für die spätere offensichtliche Übernahme der Führung durch den Westen war Napoleons Expansion in Ägypten im Jahre 1798. Von da an fielen westliche Armeen und westliches Kapital über die Länder der Muslime her.
Die muslimischen Araber brachen von der arabischen Halbinsel aus nach Norden, Westen und Osten auf. Iran und Byzanz, auf die sie zunächst trafen, waren ihnen in vieler Hinsicht überlegen. Deren Armeen aber waren den körperlich trainierten und vom Islam inspirierten muslimischen Kriegern nicht gewachsen.
Es wäre falsch, die Schnelligkeit dieser Ausbreitung allein mit der Schwäche der byzantinischen und persischen Kaiserreiche, die durch ihre wechselseitigen Kriege zerrissen waren, erklären zu wollen. Eine Erklärung lässt sich auch nicht durch die Theorie einer Massenauswanderung oder einer gewaltsamen Eroberung finden, wenn man bedenkt, dass das ungeheuer große Gebiet von China bis Spanien von dieser kleinen Anzahl Muslime besetzt wurde.
Die Muslime blieben indessen in den eroberten Gebieten eine Minderheit. Etwa 16.000 Soldaten waren beispielsweise an der Eroberung Ägyptens beteiligt, das zu dieser Zeit ungefähr sieben Millionen Einwohner hatte. Innerhalb des von ihnen geeinten Reiches dürften die muslimischen Araber etwa ein Prozent der Gesamtbevölkerung ausgemacht haben. Die heutigen Bewohner arabischer Staaten sind deshalb, auch wenn sie Araber genannt werden, keineswegs durchwegs direkte Nachkommen der auf der Arabischen Halbinsel beheimateten Nomaden; die neue Gemeinschaft ging aus der Verschmelzung vieler Völker hervor, für die der Islam und die Sprache des Qur’an, das Arabische, zum einigenden Band wurden.
Als der Prophet/Gesandte Muhammed (a.s.) am 8. Juni 632 (H. 13.3.11) aus dem Leben schied, war es ihm gelungen, einen vollständigen Staat aus dem Nichts zu schaffen. Die ersten vier Khalifen, die als „Rechtgeleiteten“ in die Geschichte eingingen, schufen in kurzer Zeit ein großes Reich.
Der Islam gehört heute zu Europa, aber was und wie viel wissen die Europäer, noch wichtiger, die Muslime in Europa über die Geschichte des Islam? Wie viele Muslime, die aus verschiedenen muslimischen Ländern nach Europa gekommen sind, sind im Stande, über islamische Geschichte zu referieren?
Dieses Buch ist als ein Wegweiser für die Leser gedacht, die wenig Kenntnis über die Geschichte des Islam besitzen, und für Angehörige anderer Religionen, welche die Geschichte des Islam kennenlernen wollen.
Wir beabsichtigen eine allumfassende Darstellung der Geschichte des Islam, seiner Ursprünge, seiner Entwicklung und seiner erstaunlichen Ausbreitung, die auch heute noch auf allen Kontinenten fortdauert. Dieses Buch will auch die Spuren verfolgen, die der Islam auf den verschiedensten Erdteilen hinterlassen hat.
Es würde für uns bester Lohn sein, wenn dieses Buch für die nächste Generation der Muslime/innen im deutschsprachigen Teil Europas bei der Bewahrung ihrer Identität helfen kann.
Dr. Fuat SANAÇ
2 1. Die Geschichte des Islam
1.1 Einleitung
Für Geschichte bzw. Geschichtsschreibung steht im Arabischen der Begriff „ta’rih/Tarih“. Als Wissenschaftsdisziplin verwendet man im arabischen Schrifttum auch den Begriff „‚ilm at-ta’rih“ (Geschichtswissenschaft). In diesem Sinne wird der Begriff auch im Persischen und Türkischen benutzt.
Studien beschäftigen sich seit über hundert Jahren mit den Anfängen der islamischen Geschichtsschreibung. In der Forschung geht man von einer ursprünglich oralen Überlieferung historischer Ereignisse „achbar“ (Nachrichten, Berichte) aus. Entsprechend bezeichnet man die Geschichtsschreiber im arabischen Schrifttum als „achbari, Pl. achbariyyun“ (Vermittler von Nachrichten, Berichten). Auch die Nachrichten über das Leben Muhammads (a.s.) pflegte man als „achbar“ zu bezeichnen und verband den Begriff mit „Hadith“ (Aussprüche des Propheten). Allerdings ist die Wissenschaftsdisziplin der Geschichtsschreiber von der der „Ashab al-hadith“ zu unterscheiden. Die Anfänge der schriftlichen Fixierung historischer Berichte erfolgten – wie im Falle des Hadith – wahrscheinlich im ausgehenden 7. und frühen 8. Jhdt.; inwieweit die ersten schriftlichen Aufzeichnungen als authentisch betrachtet werden können, ist eine der Grundfragen der islamischen Geschichtsforschung.
Franz Rosenthal, (1914–2003), einer der besten Kenner der islamischen Historiografie, vertritt die Ansicht, dass Geschichtsschreibung in den islamischen Wissenschaften der ersten Jahrhunderte keine „akademisch“ anerkannte Position hatte. In der Tat sind die ersten Schriften über Geschichtstheorie erst in den bahnbrechenden Darstellungen von Ibn Chaldun (1332–1406), einem bedeutenden Gelehrten des arabischen Westens, der auf geniale Weise eine Geschichtswissenschaft und Soziologie eigener Prägung schuf, zu finden. Sein Hauptwerk ist „al-Muqaddima“ (die Einleitung) zu seiner Universalgeschichte, die er 1375 begann. Unter dem Eindruck der historischen Veränderungen und eigener Schicksalsschläge schuf er in dieser theoretischen „Einleitung“ eine Geschichtswissenschaft, die die Gesetze der historischen Entwicklung zu fassen und aus ihr „Lehren“ zu ziehen versucht. Im Mittelpunkt seines Interesses stand dabei die Ergründung der Ursachen, die zum Untergang von Zivilisationen führen. Diesen Ideen, deren soziologische Ausrichtung auf frappierende (erstaunliche) Weise moderne Theorien vorwegnahm, standen die arabischen Zeitgenossen und die Nachwelt ohne Verständnis gegenüber, sodass die Nachwirkung Ibn Chalduns in der arabischen Geschichtsschreibung gering war.(2)
Die „Sira- und Maghazi-Literatur“ stellt die älteste Gattung der Historiografie dar und beschränkt sich auf das Leben Muhammads (s.a.v.), auf seine Feldzüge bis zur Eroberung Mekkas und auf seinen Tod. In der zeitgenössischen Forschung wird angenommen, dass die Sendschreiben Muhammads (s.a.v.) an die arabischen Stämme, ferner die sogenannte Gemeindeordnung von Medina aus der Frühzeit stammen, obwohl sie nicht in Originalen, aber in mehr oder weniger gleichlautenden Überlieferungen erhalten sind.
2.1 Die ersten islamischen Geschichtsschreiber
Ein entscheidendes Motiv für die Entstehung einer echten Geschichtsschreibung im Islam war die Notwendigkeit, aus den Äußerungen und Taten des Propheten zum richtigen Verständnis des islamischen Gesetzes und zur Lösung neu auftauchender theologischer oder sozialer Probleme zu gelangen. Dies setzte die Sammlung, schriftliche Fixierung und kritische Sichtung des Hadith voraus und förderte das Interesse am Lebenslauf (sira) und an den Kriegszügen (maghazi) des Propheten.
Die älteste Quelle für Sira- und Maghazi-Literatur über das Leben Muhammads (s.a.v.) bildet die Prophetenbiografie von Ibn Ishaq (gest. 767/68),(3) der auf ein reichhaltiges, sowohl schriftliches als auch mündlich überliefertes Material zurückgreifen konnte. Eine der wichtigsten Quellen dieses Werkes ist ‚Urwa ibn az-Zubair (634–712/13),(4) einer der bekanntesten Traditionarier und Historiografen in der Frühzeit des Islams. Sein Bruder war der in der islamischen Geschichte bekannte „Gegenkhalif“ Abdallah ibn az-Zubair ibn al–’Awwām (597–656), seine Mutter war Asmā‘, die Tochter des ersten Khalifen Abu Bakr (r.a.). Sein Vater kämpfte im ersten Bürgerkrieg, in der sogenannten Kamelschlacht. Nach dem Tod seines Vaters kehrte er mit Aischa bint Abi Bakr (r.a.) (gest. 678) nach Medina zurück. Dort widmete sich ‚Urwa der Sammlung historischer Nachrichten aus der Prophetenzeit; seine wichtigste Quelle soll hierbei seine Tante Aischa (r.a.) gewesen sein, die aus erster Hand nicht nur Aussagen Muhammads (s.a.v.), sondern auch Berichte über seine Feldzüge an ihn habe weitergeben können. Somit fanden die Überlieferungen von ‚Urwa sowohl in die Traditionssammlungen von al-Buchari (810–870),(5) Muslim (817–875),(6) Ahmad ibn Hanbal (780–855)(7) u. a. als auch in die historischen Kompilationen von Ibn Ishāq, At-Tabarī (geb. 839–923 in Bagdad) und anderen Eingang.
Die Berichte von ‚Urwa werden in der zeitgenössischen Islamforschung als die erste systematische und schriftlich fixierte Darstellung der frühislamischen Geschichte gewertet. Man betrachtet vor allem diejenigen Berichte aus der Frühzeit als authentisch, die überwiegend in der Überlieferung seines Sohnes Hischam in den späteren Kompilationen aus dem frühen 9. Jhdt. erhalten sind. Seine wichtigsten Berichte über das Leben des Propheten sind in denjenigen Briefen erhalten, die er an den Khalifen Abd al-Malik ibn Marwan richtete und die in großen Auszügen in At-Tabarīs annalistischem Geschichtswerk erhalten sind. Der österreichische Orientalist Aloys Sprenger (1813–1893) hat diese Briefe bereits 1861 ins Deutsche übertragen.(8)
Mit den von ihm gesammelten Nachrichten aus der Prophetenzeit hat ‚Urwa die Grundlagen der Maghazi-Literatur geschaffen, deren Höhepunkt in den Schriften von al-Wāqidī (747–823)(9) und Muhammad ibn Sa’d (784–845)(10) zu sehen ist. Zahlreiche Fragmente in seiner Überlieferung lassen darauf schließen, dass er sich auch mit der Qur’anexegese eingehend beschäftigte; er soll bereits „Rechtsbücher“ (kutub fiqh) besessen haben. Seine Berichte über das Leben des Propheten sind zum Teil in der literarischen Form von Briefen überliefert, die er an den Khalifen Abd al-Malik ibn Marwan (685–705), einen der bedeutendsten Khalifen der Umayyaden, richtete und die in großen Auszügen in at-Tabarīs (839–923)(11) annalistischem Geschichtswerk erhalten sind. Der britische Orientalist William Montgomery Watt (1813–1893) hat sie kurz analysiert und ihre Bedeutung als Quelle für die historische Forschung hervorgehoben.(12)
Die „Annalen“ – oder manchmal auch kurz „Die Geschichte“ – ist at-Tabaris Universalgeschichte: „Ta’rīh al-Rusul wa l-Mulûk wa l-Hulafā’“ (Geschichte der Propheten, Könige und Kalifen), die von der Schöpfungsgeschichte über die biblischen Propheten bis in at-Tabarīs Zeit (915) reicht. Das annalistisch zusammengestellte Werk ist bis heute eine der wichtigsten Quellen über die islamische Frühzeit und über die Dynastie der Umayyaden bzw. Abbasiden.
Muhammeds (s.a.v.) Feldzüge hat der in Bagdad wirkende al-Waqidi in chronologischer Reihenfolge zusammengefasst. Seine Erklärungen zum Korantext sind in einem der ältesten koranexegetischen Werke, das erhalten ist, im Tafsīr von ‚Abdallāh ibn Wahb (743–812)(13) und in der monumentalen Exegese von at-Tabarī, ferner bei dem etwas späteren Ibn Kathir (1300–1373)(14) erhalten.
1 Vgl. Sigrid Hunke, Allahs Sonne über dem Abendland, Frankfurt am Main und Hamburg, Fischer
2 Vgl. F. Rosenthal (1968), S. 31: „never achieved the position of an academic subject“; Ella Landau-Tessaron: Sayf ibn ‚Umar in Medieval and Modern Scholarship. In: Der Islam 67 (1990), S. 11.
3 Anm. Muhammed ibn Ishaq: (Geb. um 704 in Medina, gest. 767/68 in Bagdad) war ein arabischer Historiker, bekannt vor allem durch seine Biografie über das Leben des Propheten Muhammed (s.a.v.). Zunächst wirkte er in Medina; im Jahre 733 hielt er sich in Alexandria auf, wo er sich dem Studium des Hadith widmete. Gegen 749 verkehrte er wieder in Gelehrtenkreisen seiner Heimatstadt Medina. Nach der Machtübernahme durch die Abbasiden übersiedelte er nach Bagdad. Vgl. Fuat Sezgin: Geschichte des arabischen Schrifttums. Band 1, Leiden 1967, S. 288–290; S. 297–299
4 Anm. ‚Urwa ibn az-Zubayr ibn al- ‚Awwām (geb. 634 oder 635 in Medina; gest. 712 bei Rabadha, 200 km östlich von Medina.) ist einer der bekanntesten Traditionarier und Historiographen in der Frühzeit des Islams. Vgl. Gregor Schoeler: Charakter und Authentie der muslimischen Überlieferung über das Leben Mohammeds. Walter de Gruyter. Berlin, New York 1996. S. 28–32 und passim. ISBN 3–11–014862-5.
5 Anm. Al-Buchari: Muhammed ibn Ismā’īl ibn Ibrāhīm ibn al-Muġīra al-Buhārī al-Dju’fī, bekannt nach seinem Geburtsort unter dem Namen al-Buchārī (geb. 21. Juli 810 in Buchārā; gest. 870 in Chartank bei Samarkand, heute Usbekistan), war ein bedeutender islamischer Gelehrter. Vgl. Fuat Sezgin: Geschichte des arabischen Schrifttums. Bd. I.115–134. Brill, Leiden 1967.
6 Anm. Muslim: Muslim ibn al-Hağğāğ an-Naysābūrī (geb. 817 in Naisabur; gest. 875) ist der Verfasser der wichtigsten Sammlung von Hadithen neben der Sammlung von Al-Buchari. Jedoch wird im nordarabischen Raum diese Sammlung der letztgenannten oft vorgezogen. In der Mehrzahl enthält sie die gleichen Überlieferungen wie der Buchari. Vgl. The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Brill, Leiden. Bd. 7, S. 691.
7 Anm. Ahmad ibn Hanbal, mit vollständigem Namen Ahmad ibn Muhammad ibn Hanbal, (geb. 780 in Bagdad; gest. 855 ebenda), in der Literatur überwiegend kurz Ibn Hanbal genannt, war ein islamischer Theologe und Rechtsgelehrter mit Wirkungskreis in Basra und Bagdad. Er gilt als Begründer einer der vier traditionellen Rechtsschulen des sunnitischen Islam. Vgl. Fuat Sezgin: Geschichte des arabischen Schrifttums. Bd. I. S. 502–509. Brill, Leiden 1967.
8 Vgl. Aloys Sprenger: Das Leben und die Lehre des Mohammad nach bisher größtenteils unbenutzten Quellen. Nicolai’sche Verlagsbuchhandlung. Berlin 1861.
9 Anm. Muhammed ibn ‚Umar ibn Wāqid al-Wāqidī (747 in Medina; gest. 823 in Bagdad) war ein arabischer Historiker. Sein Wirkungsfeld lag zunächst in Medina. Ab 796 lebte er in Bagdad, wo er auch als Richter tätig war. Er stand dem Kalifenhof unter Hārūn ar-Raschīd, den er auf der Pilgerfahrt begleitete, und unter al-Ma’mun nahe. In seinen Werken beschäftigte er sich mit der frühislamischen Geschichte von der Zeit des Propheten Muhammed (s.a.v.) bis in die Zeit der islamischen Eroberungen, wobei er sich vor allem Quellen seiner Vorgänger medinensischen Ursprungs bediente. Auf dem Gebiet des Hadith und Fiqh genoss er weder bei seinen Zeitgenossen noch in den Folgegenerationen besonderes Ansehen. Vgl. Julius Wellhausen (Hrsg.): Mohammed in Medina. Das ist Wakidi’s Kitab al-Maghazi in verkürzter deutscher Wiedergabe. Reimer, Berlin 1882.
10 Anm. Muhammed ibn Sa’d (Sa’d) ibn Manī‘ al-Basrī, Abū ‚Abd Allāh (geb. 784 in Basra; gest. 845 in Bagdad) war ein arabischer Historiker und bekannter Schüler von al-Waqidi. In seinen jungen Jahren lebte er eine Zeit lang in Medina, schloss sich später dem Kreis des Historikers und Maghazi-Autors al-Waqidi in Bagdad an und war dessen Sekretär. Er ist dadurch auch als „der Schreiber von al-Waqidi“ (katib al-Waqidi) bekannt geworden. Er studierte auch die qur’anischen Lesarten, die sog. hurūf im Kreis seines Lehrers. Sein Buch über die Prophetenbiografie geht überwiegend auf die Schriften von al-Waqidi und auf die Prophetenbiografie von Ibn Ishaq in einer heute nicht mehr vorliegenden Rezension zurück, die er mit weiteren Berichten zu ergänzen wusste. Die Traditionare und Hadith-Kritiker haben ihn als glaubwürdigen Überlieferer der Aussagen von Muhammed (s.a.v.) anerkannt. Vgl. Fuat Sezgin: Geschichte des arabischen Schrifttums. Brill, Leiden 1967. Bd. 1, S. 300–301; Otto Loth: Ursprung und Bedeutung der Tabaqāt, vornehmlich der des Ibn Sa’d. In: ZDMG 23 (1869), S. 593 ff.; Franz Rosenthal: A History of Muslim Historiography. Brill, Leiden 1968. S. 93 ff.; Miklos Muranyi: Die Prophetengenossen in der frühislamischen Geschichte. Bonn 1973. S. 142–147.
11 Anm. Abû Dja’far Muhammed ibn Djarīr ibn Yazīd at-Tabarī, genannt at-Tabarī (geb. 839 in Amul, Tabaristān; gest. 19. Januar 923 in Bagdad) war ein bedeutender islamischer Historiker und Gelehrter persischer Abstammung. Sein Qur’ankommentar, „Dschāmi’ al-bayān ‚an ta’wīl āy al-Qur’ān“ (Zusammenfassung der Erläuterungen zur Interpretation der Qur’anverse), entstand ungefähr zwischen 896 und 903. In der Rechtswissenschaft (Fiqh) neigte at-Tabarī zunächst der schafiitischen Rechtsschule zu und studierte bei den Schülern von asch-Schāfi’ī sowohl in Bagdad als auch in Fustat. Gegen Ende seines Lebens entwickelte er seine eigene Rechtsschule, deren Anhänger man nach seinem Vatersnamen die „Djarīrīya“ nannten. Einige seiner Schüler verfassten Abhandlungen über die Verteidigung seiner Lehren, die wir allerdings nur nach ihren Titeln bei Ibn an-Nadīm kennen: „Einführung in die Rechtsschule at-Tabarīs und ihre Verteidigung“, „Der Konsens (idschma) gemäß der Rechtslehre von Abū Dja’far“ und andere Schriften, die islamische Theologen (mutakallimūn) im 10. Jhdt. verfasst haben. Vgl. Heribert Busse: Arabische Historiographie und Geographie. In: Helmut Gätje (Hrsg.): Grundriß der Arabischen Philologie. Bd. II: Literaturwissenschaft. Wiesbaden 1987, S. 264–297; Joseph Schacht (Hrsg.): Das Konstantinopeler Fragment des Kitāb Iḫtilāf al-Fuqahā‘ des Abū Ǧa’far Muḥammad ibn Ǧarīr aṭ-Ṭabarī. Brill, Leiden 1933; Fuat Sezgin: Geschichte des arabischen Schrifttums. Bd. 1, Brill, Leiden 1967, S. 323–328.
12 Vgl. W. Montgomery Watt: Muhammad at Mecca. Oxford 1991. S. 180–182 (Exkurs).
13 Anm. ‚Abdallāh ibn Wahb (743–812) war ein bedeutender Jurist, Traditionarier und Qur’anexeget im 8. Jhdt., mit Wirkungsfeld Ägypten und Medina. Er war einer der bekanntesten Schüler von Mālik ibn Anas, in dessen Kreis er über dreißig Jahre verkehrte. Sein Großvater war Berber und kam nach der islamischen Eroberung Nordafrikas nach Ägypten. Seine Familie stand im Klienten-Verhältnis zum bekannten Stamm der Banū Fihr, die sich als Gründer eines neuen arabischen Quartiers in Fustat (heute: Alt-Kairo; Fustāt) in der Nähe des koptischen Viertels einen Namen gemacht haben. In diesem Milieu erlernte Ibn Wahb die Kunst des Schreibens und Lesens bei einem Kopten. Der ägyptische Historiker al-Maqrīzī (gest. 1442) erwähnt in seiner Stadtchronik diese muslimischen Neugründungen in der Nähe des damaligen – und heute noch bestehenden – koptischen Viertels. Vgl. Miklos Muranyi: Abd Allāh b. Wahb. Leben und Werk. al-Muwatta‘. Otto Harrassowitz, Wiesbaden 1992, ISBN 3–447–03284-7; ‚Abd Allāh b. Wahb al-Qurašī: Tafsīr al-Qur’ān. Herausgegeben und kommentiert von Miklos Muranyi. Bd. I.-II. Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 1993–1995, ISBN 3–447–03291-X, ISBN 3–447–03688-5.
14 Anm. ‚Abu l-Fida‘ Isma’il ibn ‚Umar ibn Kathir (geb. 1300 in Bosra; gest. 1373 in Damaskus), mit dem Ehrentitel „‚Imād ad-Dīn“ (Stütze der Religion), war ein bedeutender muslimischer Gelehrter in Damaskus. Er erwarb sich einen Ruf als schafiitischer Rechtsgelehrter, Qur’anexeget und Geschichtsschreiber. Er war der Schüler von ibn Taimiya (Taymiyya) und von adh-Dhahabi. Vgl. The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Bd. 3, S. 817. Brill, Leiden.
BISMILLAHIRRAHMANIRRAHIM.
(Im Namen Allahs, des Gnädigen, des Erbarmenden)
Die Geschichte der Beziehungen Europas zum Islam ist auch die Geschichte der intellektuellen, künstlerischen und politischen Wahrnehmung des Orients, in der sich eher europäisches Denken die orientalische Realität als solche zeigt. Darum scheint es an der Zeit, auch von einer Geschichte zu sprechen, die tief in den Gang des Weltgeschehens eingegriffen hat und der besonders das Abendland, grundsätzlich aber die gesamte Menschheit unendlich viel verdanken.(1)
Die islamische Geschichte umfasst vierzehn Jahrhunderte der Weltgeschichte. Seit dem 7. Jhdt. bekennen sich immer mehr Menschen zum Islam. Heute bezeichnet sich ein Fünftel der Menschheit als Muslime, und diese Gruppe nimmt wie kaum eine andere auf der Welt zu. Zum größten Teil leben die Muslime im Gebiet der Atlantikküste Nord- und Westafrikas und in West-, Zentral- und Südasien. Sie leben auch in Nordindien, Europa, Nordamerika und in Südafrika.
Die ersten wichtigen Zentren der muslimischen Welt waren vom 8. bis 10. Jhdt. Damaskus in Syrien; Bagdad im Irak und Cordoba in Spanien; im 15. bis 17. Jhdt. Istanbul in der Türkei/Türkiye; Buchara und Samarkand in Usbekistan und Delhi in Indien. Vom 19. Jhdt. an wurde das islamische Weltsystem (der sogenannte Orient) vom Westen (dem Okzident) durch den Kolonialismus, Kapitalismus, die industrielle Revolution und die Aufklärung in seiner Entwicklung überholt. Der symbolische Zeitpunkt für die spätere offensichtliche Übernahme der Führung durch den Westen war Napoleons Expansion in Ägypten im Jahre 1798. Von da an fielen westliche Armeen und westliches Kapital über die Länder der Muslime her.
Die muslimischen Araber brachen von der arabischen Halbinsel aus nach Norden, Westen und Osten auf. Iran und Byzanz, auf die sie zunächst trafen, waren ihnen in vieler Hinsicht überlegen. Deren Armeen aber waren den körperlich trainierten und vom Islam inspirierten muslimischen Kriegern nicht gewachsen.
Es wäre falsch, die Schnelligkeit dieser Ausbreitung allein mit der Schwäche der byzantinischen und persischen Kaiserreiche, die durch ihre wechselseitigen Kriege zerrissen waren, erklären zu wollen. Eine Erklärung lässt sich auch nicht durch die Theorie einer Massenauswanderung oder einer gewaltsamen Eroberung finden, wenn man bedenkt, dass das ungeheuer große Gebiet von China bis Spanien von dieser kleinen Anzahl Muslime besetzt wurde.
Die Muslime blieben indessen in den eroberten Gebieten eine Minderheit. Etwa 16.000 Soldaten waren beispielsweise an der Eroberung Ägyptens beteiligt, das zu dieser Zeit ungefähr sieben Millionen Einwohner hatte. Innerhalb des von ihnen geeinten Reiches dürften die muslimischen Araber etwa ein Prozent der Gesamtbevölkerung ausgemacht haben. Die heutigen Bewohner arabischer Staaten sind deshalb, auch wenn sie Araber genannt werden, keineswegs durchwegs direkte Nachkommen der auf der Arabischen Halbinsel beheimateten Nomaden; die neue Gemeinschaft ging aus der Verschmelzung vieler Völker hervor, für die der Islam und die Sprache des Qur’an, das Arabische, zum einigenden Band wurden.
Als der Prophet/Gesandte Muhammed (a.s.) am 8. Juni 632 (H. 13.3.11) aus dem Leben schied, war es ihm gelungen, einen vollständigen Staat aus dem Nichts zu schaffen. Die ersten vier Khalifen, die als „Rechtgeleiteten“ in die Geschichte eingingen, schufen in kurzer Zeit ein großes Reich.
Der Islam gehört heute zu Europa, aber was und wie viel wissen die Europäer, noch wichtiger, die Muslime in Europa über die Geschichte des Islam? Wie viele Muslime, die aus verschiedenen muslimischen Ländern nach Europa gekommen sind, sind im Stande, über islamische Geschichte zu referieren?
Dieses Buch ist als ein Wegweiser für die Leser gedacht, die wenig Kenntnis über die Geschichte des Islam besitzen, und für Angehörige anderer Religionen, welche die Geschichte des Islam kennenlernen wollen.
Wir beabsichtigen eine allumfassende Darstellung der Geschichte des Islam, seiner Ursprünge, seiner Entwicklung und seiner erstaunlichen Ausbreitung, die auch heute noch auf allen Kontinenten fortdauert. Dieses Buch will auch die Spuren verfolgen, die der Islam auf den verschiedensten Erdteilen hinterlassen hat.
Es würde für uns bester Lohn sein, wenn dieses Buch für die nächste Generation der Muslime/innen im deutschsprachigen Teil Europas bei der Bewahrung ihrer Identität helfen kann.
Dr. Fuat SANAÇ
2 1. Die Geschichte des Islam
1.1 Einleitung
Für Geschichte bzw. Geschichtsschreibung steht im Arabischen der Begriff „ta’rih/Tarih“. Als Wissenschaftsdisziplin verwendet man im arabischen Schrifttum auch den Begriff „‚ilm at-ta’rih“ (Geschichtswissenschaft). In diesem Sinne wird der Begriff auch im Persischen und Türkischen benutzt.
Studien beschäftigen sich seit über hundert Jahren mit den Anfängen der islamischen Geschichtsschreibung. In der Forschung geht man von einer ursprünglich oralen Überlieferung historischer Ereignisse „achbar“ (Nachrichten, Berichte) aus. Entsprechend bezeichnet man die Geschichtsschreiber im arabischen Schrifttum als „achbari, Pl. achbariyyun“ (Vermittler von Nachrichten, Berichten). Auch die Nachrichten über das Leben Muhammads (a.s.) pflegte man als „achbar“ zu bezeichnen und verband den Begriff mit „Hadith“ (Aussprüche des Propheten). Allerdings ist die Wissenschaftsdisziplin der Geschichtsschreiber von der der „Ashab al-hadith“ zu unterscheiden. Die Anfänge der schriftlichen Fixierung historischer Berichte erfolgten – wie im Falle des Hadith – wahrscheinlich im ausgehenden 7. und frühen 8. Jhdt.; inwieweit die ersten schriftlichen Aufzeichnungen als authentisch betrachtet werden können, ist eine der Grundfragen der islamischen Geschichtsforschung.
Franz Rosenthal, (1914–2003), einer der besten Kenner der islamischen Historiografie, vertritt die Ansicht, dass Geschichtsschreibung in den islamischen Wissenschaften der ersten Jahrhunderte keine „akademisch“ anerkannte Position hatte. In der Tat sind die ersten Schriften über Geschichtstheorie erst in den bahnbrechenden Darstellungen von Ibn Chaldun (1332–1406), einem bedeutenden Gelehrten des arabischen Westens, der auf geniale Weise eine Geschichtswissenschaft und Soziologie eigener Prägung schuf, zu finden. Sein Hauptwerk ist „al-Muqaddima“ (die Einleitung) zu seiner Universalgeschichte, die er 1375 begann. Unter dem Eindruck der historischen Veränderungen und eigener Schicksalsschläge schuf er in dieser theoretischen „Einleitung“ eine Geschichtswissenschaft, die die Gesetze der historischen Entwicklung zu fassen und aus ihr „Lehren“ zu ziehen versucht. Im Mittelpunkt seines Interesses stand dabei die Ergründung der Ursachen, die zum Untergang von Zivilisationen führen. Diesen Ideen, deren soziologische Ausrichtung auf frappierende (erstaunliche) Weise moderne Theorien vorwegnahm, standen die arabischen Zeitgenossen und die Nachwelt ohne Verständnis gegenüber, sodass die Nachwirkung Ibn Chalduns in der arabischen Geschichtsschreibung gering war.(2)
Die „Sira- und Maghazi-Literatur“ stellt die älteste Gattung der Historiografie dar und beschränkt sich auf das Leben Muhammads (s.a.v.), auf seine Feldzüge bis zur Eroberung Mekkas und auf seinen Tod. In der zeitgenössischen Forschung wird angenommen, dass die Sendschreiben Muhammads (s.a.v.) an die arabischen Stämme, ferner die sogenannte Gemeindeordnung von Medina aus der Frühzeit stammen, obwohl sie nicht in Originalen, aber in mehr oder weniger gleichlautenden Überlieferungen erhalten sind.
2.1 Die ersten islamischen Geschichtsschreiber
Ein entscheidendes Motiv für die Entstehung einer echten Geschichtsschreibung im Islam war die Notwendigkeit, aus den Äußerungen und Taten des Propheten zum richtigen Verständnis des islamischen Gesetzes und zur Lösung neu auftauchender theologischer oder sozialer Probleme zu gelangen. Dies setzte die Sammlung, schriftliche Fixierung und kritische Sichtung des Hadith voraus und förderte das Interesse am Lebenslauf (sira) und an den Kriegszügen (maghazi) des Propheten.
Die älteste Quelle für Sira- und Maghazi-Literatur über das Leben Muhammads (s.a.v.) bildet die Prophetenbiografie von Ibn Ishaq (gest. 767/68),(3) der auf ein reichhaltiges, sowohl schriftliches als auch mündlich überliefertes Material zurückgreifen konnte. Eine der wichtigsten Quellen dieses Werkes ist ‚Urwa ibn az-Zubair (634–712/13),(4) einer der bekanntesten Traditionarier und Historiografen in der Frühzeit des Islams. Sein Bruder war der in der islamischen Geschichte bekannte „Gegenkhalif“ Abdallah ibn az-Zubair ibn al–’Awwām (597–656), seine Mutter war Asmā‘, die Tochter des ersten Khalifen Abu Bakr (r.a.). Sein Vater kämpfte im ersten Bürgerkrieg, in der sogenannten Kamelschlacht. Nach dem Tod seines Vaters kehrte er mit Aischa bint Abi Bakr (r.a.) (gest. 678) nach Medina zurück. Dort widmete sich ‚Urwa der Sammlung historischer Nachrichten aus der Prophetenzeit; seine wichtigste Quelle soll hierbei seine Tante Aischa (r.a.) gewesen sein, die aus erster Hand nicht nur Aussagen Muhammads (s.a.v.), sondern auch Berichte über seine Feldzüge an ihn habe weitergeben können. Somit fanden die Überlieferungen von ‚Urwa sowohl in die Traditionssammlungen von al-Buchari (810–870),(5) Muslim (817–875),(6) Ahmad ibn Hanbal (780–855)(7) u. a. als auch in die historischen Kompilationen von Ibn Ishāq, At-Tabarī (geb. 839–923 in Bagdad) und anderen Eingang.
Die Berichte von ‚Urwa werden in der zeitgenössischen Islamforschung als die erste systematische und schriftlich fixierte Darstellung der frühislamischen Geschichte gewertet. Man betrachtet vor allem diejenigen Berichte aus der Frühzeit als authentisch, die überwiegend in der Überlieferung seines Sohnes Hischam in den späteren Kompilationen aus dem frühen 9. Jhdt. erhalten sind. Seine wichtigsten Berichte über das Leben des Propheten sind in denjenigen Briefen erhalten, die er an den Khalifen Abd al-Malik ibn Marwan richtete und die in großen Auszügen in At-Tabarīs annalistischem Geschichtswerk erhalten sind. Der österreichische Orientalist Aloys Sprenger (1813–1893) hat diese Briefe bereits 1861 ins Deutsche übertragen.(8)
Mit den von ihm gesammelten Nachrichten aus der Prophetenzeit hat ‚Urwa die Grundlagen der Maghazi-Literatur geschaffen, deren Höhepunkt in den Schriften von al-Wāqidī (747–823)(9) und Muhammad ibn Sa’d (784–845)(10) zu sehen ist. Zahlreiche Fragmente in seiner Überlieferung lassen darauf schließen, dass er sich auch mit der Qur’anexegese eingehend beschäftigte; er soll bereits „Rechtsbücher“ (kutub fiqh) besessen haben. Seine Berichte über das Leben des Propheten sind zum Teil in der literarischen Form von Briefen überliefert, die er an den Khalifen Abd al-Malik ibn Marwan (685–705), einen der bedeutendsten Khalifen der Umayyaden, richtete und die in großen Auszügen in at-Tabarīs (839–923)(11) annalistischem Geschichtswerk erhalten sind. Der britische Orientalist William Montgomery Watt (1813–1893) hat sie kurz analysiert und ihre Bedeutung als Quelle für die historische Forschung hervorgehoben.(12)
Die „Annalen“ – oder manchmal auch kurz „Die Geschichte“ – ist at-Tabaris Universalgeschichte: „Ta’rīh al-Rusul wa l-Mulûk wa l-Hulafā’“ (Geschichte der Propheten, Könige und Kalifen), die von der Schöpfungsgeschichte über die biblischen Propheten bis in at-Tabarīs Zeit (915) reicht. Das annalistisch zusammengestellte Werk ist bis heute eine der wichtigsten Quellen über die islamische Frühzeit und über die Dynastie der Umayyaden bzw. Abbasiden.
Muhammeds (s.a.v.) Feldzüge hat der in Bagdad wirkende al-Waqidi in chronologischer Reihenfolge zusammengefasst. Seine Erklärungen zum Korantext sind in einem der ältesten koranexegetischen Werke, das erhalten ist, im Tafsīr von ‚Abdallāh ibn Wahb (743–812)(13) und in der monumentalen Exegese von at-Tabarī, ferner bei dem etwas späteren Ibn Kathir (1300–1373)(14) erhalten.
1 Vgl. Sigrid Hunke, Allahs Sonne über dem Abendland, Frankfurt am Main und Hamburg, Fischer
2 Vgl. F. Rosenthal (1968), S. 31: „never achieved the position of an academic subject“; Ella Landau-Tessaron: Sayf ibn ‚Umar in Medieval and Modern Scholarship. In: Der Islam 67 (1990), S. 11.
3 Anm. Muhammed ibn Ishaq: (Geb. um 704 in Medina, gest. 767/68 in Bagdad) war ein arabischer Historiker, bekannt vor allem durch seine Biografie über das Leben des Propheten Muhammed (s.a.v.). Zunächst wirkte er in Medina; im Jahre 733 hielt er sich in Alexandria auf, wo er sich dem Studium des Hadith widmete. Gegen 749 verkehrte er wieder in Gelehrtenkreisen seiner Heimatstadt Medina. Nach der Machtübernahme durch die Abbasiden übersiedelte er nach Bagdad. Vgl. Fuat Sezgin: Geschichte des arabischen Schrifttums. Band 1, Leiden 1967, S. 288–290; S. 297–299
4 Anm. ‚Urwa ibn az-Zubayr ibn al- ‚Awwām (geb. 634 oder 635 in Medina; gest. 712 bei Rabadha, 200 km östlich von Medina.) ist einer der bekanntesten Traditionarier und Historiographen in der Frühzeit des Islams. Vgl. Gregor Schoeler: Charakter und Authentie der muslimischen Überlieferung über das Leben Mohammeds. Walter de Gruyter. Berlin, New York 1996. S. 28–32 und passim. ISBN 3–11–014862-5.
5 Anm. Al-Buchari: Muhammed ibn Ismā’īl ibn Ibrāhīm ibn al-Muġīra al-Buhārī al-Dju’fī, bekannt nach seinem Geburtsort unter dem Namen al-Buchārī (geb. 21. Juli 810 in Buchārā; gest. 870 in Chartank bei Samarkand, heute Usbekistan), war ein bedeutender islamischer Gelehrter. Vgl. Fuat Sezgin: Geschichte des arabischen Schrifttums. Bd. I.115–134. Brill, Leiden 1967.
6 Anm. Muslim: Muslim ibn al-Hağğāğ an-Naysābūrī (geb. 817 in Naisabur; gest. 875) ist der Verfasser der wichtigsten Sammlung von Hadithen neben der Sammlung von Al-Buchari. Jedoch wird im nordarabischen Raum diese Sammlung der letztgenannten oft vorgezogen. In der Mehrzahl enthält sie die gleichen Überlieferungen wie der Buchari. Vgl. The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Brill, Leiden. Bd. 7, S. 691.
7 Anm. Ahmad ibn Hanbal, mit vollständigem Namen Ahmad ibn Muhammad ibn Hanbal, (geb. 780 in Bagdad; gest. 855 ebenda), in der Literatur überwiegend kurz Ibn Hanbal genannt, war ein islamischer Theologe und Rechtsgelehrter mit Wirkungskreis in Basra und Bagdad. Er gilt als Begründer einer der vier traditionellen Rechtsschulen des sunnitischen Islam. Vgl. Fuat Sezgin: Geschichte des arabischen Schrifttums. Bd. I. S. 502–509. Brill, Leiden 1967.
8 Vgl. Aloys Sprenger: Das Leben und die Lehre des Mohammad nach bisher größtenteils unbenutzten Quellen. Nicolai’sche Verlagsbuchhandlung. Berlin 1861.
9 Anm. Muhammed ibn ‚Umar ibn Wāqid al-Wāqidī (747 in Medina; gest. 823 in Bagdad) war ein arabischer Historiker. Sein Wirkungsfeld lag zunächst in Medina. Ab 796 lebte er in Bagdad, wo er auch als Richter tätig war. Er stand dem Kalifenhof unter Hārūn ar-Raschīd, den er auf der Pilgerfahrt begleitete, und unter al-Ma’mun nahe. In seinen Werken beschäftigte er sich mit der frühislamischen Geschichte von der Zeit des Propheten Muhammed (s.a.v.) bis in die Zeit der islamischen Eroberungen, wobei er sich vor allem Quellen seiner Vorgänger medinensischen Ursprungs bediente. Auf dem Gebiet des Hadith und Fiqh genoss er weder bei seinen Zeitgenossen noch in den Folgegenerationen besonderes Ansehen. Vgl. Julius Wellhausen (Hrsg.): Mohammed in Medina. Das ist Wakidi’s Kitab al-Maghazi in verkürzter deutscher Wiedergabe. Reimer, Berlin 1882.
10 Anm. Muhammed ibn Sa’d (Sa’d) ibn Manī‘ al-Basrī, Abū ‚Abd Allāh (geb. 784 in Basra; gest. 845 in Bagdad) war ein arabischer Historiker und bekannter Schüler von al-Waqidi. In seinen jungen Jahren lebte er eine Zeit lang in Medina, schloss sich später dem Kreis des Historikers und Maghazi-Autors al-Waqidi in Bagdad an und war dessen Sekretär. Er ist dadurch auch als „der Schreiber von al-Waqidi“ (katib al-Waqidi) bekannt geworden. Er studierte auch die qur’anischen Lesarten, die sog. hurūf im Kreis seines Lehrers. Sein Buch über die Prophetenbiografie geht überwiegend auf die Schriften von al-Waqidi und auf die Prophetenbiografie von Ibn Ishaq in einer heute nicht mehr vorliegenden Rezension zurück, die er mit weiteren Berichten zu ergänzen wusste. Die Traditionare und Hadith-Kritiker haben ihn als glaubwürdigen Überlieferer der Aussagen von Muhammed (s.a.v.) anerkannt. Vgl. Fuat Sezgin: Geschichte des arabischen Schrifttums. Brill, Leiden 1967. Bd. 1, S. 300–301; Otto Loth: Ursprung und Bedeutung der Tabaqāt, vornehmlich der des Ibn Sa’d. In: ZDMG 23 (1869), S. 593 ff.; Franz Rosenthal: A History of Muslim Historiography. Brill, Leiden 1968. S. 93 ff.; Miklos Muranyi: Die Prophetengenossen in der frühislamischen Geschichte. Bonn 1973. S. 142–147.
11 Anm. Abû Dja’far Muhammed ibn Djarīr ibn Yazīd at-Tabarī, genannt at-Tabarī (geb. 839 in Amul, Tabaristān; gest. 19. Januar 923 in Bagdad) war ein bedeutender islamischer Historiker und Gelehrter persischer Abstammung. Sein Qur’ankommentar, „Dschāmi’ al-bayān ‚an ta’wīl āy al-Qur’ān“ (Zusammenfassung der Erläuterungen zur Interpretation der Qur’anverse), entstand ungefähr zwischen 896 und 903. In der Rechtswissenschaft (Fiqh) neigte at-Tabarī zunächst der schafiitischen Rechtsschule zu und studierte bei den Schülern von asch-Schāfi’ī sowohl in Bagdad als auch in Fustat. Gegen Ende seines Lebens entwickelte er seine eigene Rechtsschule, deren Anhänger man nach seinem Vatersnamen die „Djarīrīya“ nannten. Einige seiner Schüler verfassten Abhandlungen über die Verteidigung seiner Lehren, die wir allerdings nur nach ihren Titeln bei Ibn an-Nadīm kennen: „Einführung in die Rechtsschule at-Tabarīs und ihre Verteidigung“, „Der Konsens (idschma) gemäß der Rechtslehre von Abū Dja’far“ und andere Schriften, die islamische Theologen (mutakallimūn) im 10. Jhdt. verfasst haben. Vgl. Heribert Busse: Arabische Historiographie und Geographie. In: Helmut Gätje (Hrsg.): Grundriß der Arabischen Philologie. Bd. II: Literaturwissenschaft. Wiesbaden 1987, S. 264–297; Joseph Schacht (Hrsg.): Das Konstantinopeler Fragment des Kitāb Iḫtilāf al-Fuqahā‘ des Abū Ǧa’far Muḥammad ibn Ǧarīr aṭ-Ṭabarī. Brill, Leiden 1933; Fuat Sezgin: Geschichte des arabischen Schrifttums. Bd. 1, Brill, Leiden 1967, S. 323–328.
12 Vgl. W. Montgomery Watt: Muhammad at Mecca. Oxford 1991. S. 180–182 (Exkurs).
13 Anm. ‚Abdallāh ibn Wahb (743–812) war ein bedeutender Jurist, Traditionarier und Qur’anexeget im 8. Jhdt., mit Wirkungsfeld Ägypten und Medina. Er war einer der bekanntesten Schüler von Mālik ibn Anas, in dessen Kreis er über dreißig Jahre verkehrte. Sein Großvater war Berber und kam nach der islamischen Eroberung Nordafrikas nach Ägypten. Seine Familie stand im Klienten-Verhältnis zum bekannten Stamm der Banū Fihr, die sich als Gründer eines neuen arabischen Quartiers in Fustat (heute: Alt-Kairo; Fustāt) in der Nähe des koptischen Viertels einen Namen gemacht haben. In diesem Milieu erlernte Ibn Wahb die Kunst des Schreibens und Lesens bei einem Kopten. Der ägyptische Historiker al-Maqrīzī (gest. 1442) erwähnt in seiner Stadtchronik diese muslimischen Neugründungen in der Nähe des damaligen – und heute noch bestehenden – koptischen Viertels. Vgl. Miklos Muranyi: Abd Allāh b. Wahb. Leben und Werk. al-Muwatta‘. Otto Harrassowitz, Wiesbaden 1992, ISBN 3–447–03284-7; ‚Abd Allāh b. Wahb al-Qurašī: Tafsīr al-Qur’ān. Herausgegeben und kommentiert von Miklos Muranyi. Bd. I.-II. Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 1993–1995, ISBN 3–447–03291-X, ISBN 3–447–03688-5.
14 Anm. ‚Abu l-Fida‘ Isma’il ibn ‚Umar ibn Kathir (geb. 1300 in Bosra; gest. 1373 in Damaskus), mit dem Ehrentitel „‚Imād ad-Dīn“ (Stütze der Religion), war ein bedeutender muslimischer Gelehrter in Damaskus. Er erwarb sich einen Ruf als schafiitischer Rechtsgelehrter, Qur’anexeget und Geschichtsschreiber. Er war der Schüler von ibn Taimiya (Taymiyya) und von adh-Dhahabi. Vgl. The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Bd. 3, S. 817. Brill, Leiden.



