Die Geschichte des Islam
Band II – Herrschende muslimische Dynastien und Osmanen
EUR 25,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 338
ISBN: 978-3-7116-1811-5
Erscheinungsdatum: 08.09.2026
Von den Anfängen des Islam bis zur osmanischen Reformzeit: Dieses Werk zeichnet politische, kulturelle und religiöse Entwicklungen über Jahrhunderte nach und eröffnet einen fundierten Zugang zur Geschichte und Selbstdeutung der islamischen Welt.
IV. Vorwort
BISMILLAHIRRAHMANIRRAHIM.
(Im Namen Allahs, des Gnädigen, des Erbarmenden)
Die Geschichte der Beziehungen Europas zum Islam ist auch die Geschichte der intellektuellen, künstlerischen und politischen Wahrnehmung des Orients, in der sich eher europäisches Denken die orientalische Realität als solche zeigt. Darum scheint es an der Zeit, auch von einer Geschichte zu sprechen, die tief in den Gang des Weltgeschehens eingegriffen hat und der besonders das Abendland, grundsätzlich aber die gesamte Menschheit unendlich viel verdanken
.(1)
Die islamische Geschichte umfasst vierzehn Jahrhunderte der Weltgeschichte. Seit dem 7. Jhdt. bekennen sich immer mehr Menschen zum Islam. Heute bezeichnet sich ein Fünftel der Menschheit als Muslime, und diese Gruppe nimmt wie kaum eine andere auf der Welt zu. Zum größten Teil leben die Muslime im Gebiet der Atlantikküste Nord- und Westafrikas und in West-, Zentral- und Südasien. Sie leben auch in Nordindien, Europa, Nordamerika und in Südafrika.
Die ersten wichtigen Zentren der muslimischen Welt waren vom 8. bis 10. Jhdt. Damaskus in Syrien; Bagdad im Irak und Cordoba in Spanien; im 15. bis 17. Jhdt. Istanbul in der Türkei/Türkiye; Buchara und Samarkand in Usbekistan und Delhi in Indien. Vom 19. Jhdt. an wurde das islamische Weltsystem (der sogenannte Orient) vom Westen (dem Okzident) durch den Kolonialismus, Kapitalismus, die industrielle Revolution und die Aufklärung in seiner Entwicklung überholt. Der symbolische Zeitpunkt für die spätere offensichtliche Übernahme der Führung durch den Westen war Napoleons Expansion in Ägypten im Jahre 1798. Von da an fielen westliche Armeen und westliches Kapital über die Länder der Muslime her.
Die muslimischen Araber brachen von der arabischen Halbinsel aus nach Norden, Westen und Osten auf. Iran und Byzanz, auf die sie zunächst trafen, waren ihnen in vieler Hinsicht überlegen. Deren Armeen aber waren den körperlich trainierten und vom Islam inspirierten muslimischen Kriegern nicht gewachsen.
Es wäre falsch, die Schnelligkeit dieser Ausbreitung allein mit der Schwäche der byzantinischen und persischen Kaiserreiche, die durch ihre wechselseitigen Kriege zerrissen waren, erklären zu wollen. Eine Erklärung lässt sich auch nicht durch die Theorie einer Massenauswanderung oder einer gewaltsamen Eroberung finden, wenn man bedenkt, dass das ungeheuer große Gebiet von China bis Spanien von dieser kleinen Anzahl Muslime besetzt wurde.
Die Muslime blieben indessen in den eroberten Gebieten eine Minderheit. Etwa 16.000 Soldaten waren beispielsweise an der Eroberung Ägyptens beteiligt, das zu dieser Zeit ungefähr sieben Millionen Einwohner hatte. Innerhalb des von ihnen geeinten Reiches dürften die muslimischen Araber etwa ein Prozent der Gesamtbevölkerung ausgemacht haben. Die heutigen Bewohner arabischer Staaten sind deshalb, auch wenn sie Araber genannt werden, keineswegs durchwegs direkte Nachkommen der auf der Arabischen Halbinsel beheimateten Nomaden; die neue Gemeinschaft ging aus der Verschmelzung vieler Völker hervor, für die der Islam und die Sprache des Qur’an, das Arabische, zum einigenden Band wurden.
Als der Prophet/Gesandte Muhammed (a.s.) am 8. Juni 632 (H. 13.3.11) aus dem Leben schied, war es ihm gelungen, einen vollständigen Staat aus dem Nichts zu schaffen. Die ersten vier Khalifen, die als „Rechtgeleiteten“ in die Geschichte eingingen, schufen in kurzer Zeit ein großes Reich.
Der Islam gehört heute zu Europa, aber was und wie viel wissen die Europäer, noch wichtiger, die Muslime in Europa über die Geschichte des Islam? Wie viele Muslime, die aus verschiedenen muslimischen Ländern nach Europa gekommen sind, sind im Stande, über islamische Geschichte zu referieren?
Dieses Buch ist als ein Wegweiser für die Leser gedacht, die wenig Kenntnis über die Geschichte des Islam besitzen, und für Angehörige anderer Religionen, welche die Geschichte des Islam kennenlernen wollen.
Wir beabsichtigen eine allumfassende Darstellung der Geschichte des Islam, seiner Ursprünge, seiner Entwicklung und seiner erstaunlichen Ausbreitung, die auch heute noch auf allen Kontinenten fortdauert. Dieses Buch will auch die Spuren verfolgen, die der Islam auf den verschiedensten Erdteilen hinterlassen hat.
Es würde für uns bester Lohn sein, wenn dieses Buch für die nächste Generation der Muslime/innen im deutschsprachigen Teil Europas bei der Bewahrung ihrer Identität helfen kann.
Dr. Fuat SANAÇ
1 Die Osmanen (1299–1924)
1.1 Einleitung
Die ursprüngliche Heimat der Türken liegt in dem Gebiet, das sich zwischen dem Aralsee im Westen und dem Altaigebirge im Osten ausbreitet. Das historische Siedlungsgebiet der Türken liegt in dem Großraum zwischen dem Altaigebirge und dem Sajangebirge an der sibirisch-mongolischen Grenze, zwischen Chinesisch-Turkestan, der Nordostgrenze Tibets, dem Gebirgszug des Chingan in Nordostchina und dem Aralseegebiet. Verschiedene dieser Turkvölker zogen von hier in mehreren Schüben nach Westen.(2)
Innerhalb der heutigen türkisch sprechenden Bevölkerungen gibt es etwa 21 verschiedene türkische Sprachengruppen, die über den gesamten asiatischen Kontinent verteilt sind. Der größte Teil der verschiedenen Türkvölker, z. B. Usbeken, Turkmenen, Kasachen, Kirgisen usw., lebt in der heutigen Türkei/Türkiye, den ehemaligen Sowjetrepubliken der UdSSR und in der Volksrepublik China. Unter den Türkvölkern sind fast alle größeren Religionsbewegungen vertreten; die Mehrzahl ist muslimisch.
Die Urväter der heutigen Türken in Türkiye waren Angehörige der Seldschuken. Dieser mittelasiatische Stamm machte sich um die Mitte des 11. Jhdts. auf, drang über die iranisch-afghanischen Gebiete bis nach Mesopotamien vor. Mit der Wanderung der türkischen Stämme nach Westen begann im 10. Jhdt. ihre Islamisierung. Im Jahr 1055 eroberte der Seldschuke Tughril (Tuğrul Beg; geb. 990–1063 in Rey/Iran) die Stadt Bagdad im heutigen Irak. Er gründete das Großseldschukische Reich, das er schließlich auch auf Gebiete der heutigen Türkiye ausdehnte. – Der Khalif in Bagdad ernannte den Eroberer zum Sultan.
Anfang des 13. Jhdts. setzten die aus dem Osten hereinbrechenden Mongolen der Macht der Seldschuken ein Ende. Mit den Mongolen schwappte eine zweite Einwanderungswelle der Türkvölker gegen Westen. Sie kamen teilweise als Flüchtlinge, die vor den Reiterhorden der Großkhane flohen, zum Teil zogen sie selbst in den Mongolenheeren mit. Die meisten ließen sich in Anatolien nieder. Einer der dort gestrandeten nomadischen Stämme siedelte im Gebiet um das heutige Bilecik und Eskişehir im nordwestlichen Teil der Türkiye. Ihr Anführer nannte sich Ertoghrul Ghazi (Ertuğrul Gazi; gest. 1280 in Sögüt/Türkiye) und hinterließ einen Sohn namens Osman.
Osman war einer von den Stammesführern, die auf dem Gebiet des zusammenbrechenden Seldschuken-Reiches ihre Kleinfürstentümer errichteten, und er war dabei der erfolgreichste von allen. Sein Herrschaftsgebiet bildete die Keimzelle des späteren Osmanischen Reiches. Osmans Karriere hatte als „Glaubenskrieger“ (Ghazi) begonnen. Er beteiligte sich an militärischen Aktionen gegen Byzanz. Das stärkte sein Ansehen und seinen Einfluss unter den anderen Stammesführern. Mit 22 Jahren wurde er bereits Fürst. Sein Titel war Osman I. Ghazi (geb. 1258–1326 in Bursa/Türkiye). Er nahm nacheinander die damals noch byzantinischen Städte Eskişehir, Bilecik, Yarhisar und Yenişehir ein.
1.2 Aufstieg des Osmanischen Reiches
(1300–1402)
Die Osmanen herrschten über das letzte große muslimische Reich. Es erstreckte sich von Algerien bis in den Jemen und nach Georgien und von Anatolien bis Bessarabien (Moldawien).
Osmanisches Reich (auch Ottomanisches- oder Türkisches Reich; osmanisch: Devlet-i Alîye-i Osmânîye, türk. Osmanlı İmparatorluğu) ist die Bezeichnung für das Reich der Dynastie der Osmanen von ca. 1299 bis 1923. In Europa wurde das Land auch damals als „Türkei“ bzw. „Türkisches Reich“ bezeichnet. Sein Slogan lautete: „Devlet-i Ebed-müddet“ (Der Ewige Staat).
Die Überlieferungen über die Anfangszeit der Osmanen sind nur spärlich, wohl weil es sich um ein kleines unter vielen Beyliks (Fürstentümer) handelte, Fürstentümer, die es nach der Zerschlagung des Sultanats der Rum-Seldschuken in Kleinasien gab. Viele wertvolle Bücher und Texte sind durch die Zerstörung von Bursa durch Tamerlan/ Timur Lenk (1336–1405) 1402 verloren gegangen.
Ab 1299 machte Osman I. (reg. 1299–1326) sein Fürstentum (Beylik) zunehmend unabhängig vom Reich der Rum-Seldschuken. Dieses Jahr wird daher traditionell als das Gründungsjahr des Osmanischen Reiches angesehen. Am 27. Juli 1302 führten die Osmanen ihre erste Schlacht gegen eine byzantinische Armee (Schlacht von Bapheus/ Koyunhisar), die für die Osmanen mit einem Sieg endete; es war dieser Sieg über eine byzantinische Armee, der Osman Ruhm in weiten Teilen Anatoliens einbrachte. So wird der 27. Juli 1302 als Tag der Dynastiegründung angesehen.(3)
Osman I. gewann nach und nach die Oberhand über die benachbarten türkischen Stämme und erweiterte seinen Herrschaftsbereich auch auf Kosten des Byzantinischen Reiches. Er belagerte die zwei größten byzantinischen Städte in Anatolien und 1326, kurz vor Osmans Tod, eroberte sein Sohn und Nachfolger Orhan Gazi (reg. um 1326–1360) schließlich Brussa (Bursa).(49)
Nikéa (Iznik) wurde 1331 von Orhan Gazi erobert, nachdem er 1329 bei Pelekanon (Maltepe) eine byzantinische Armee besiegt hatte. Er machte Bursa zur Hauptstadt, und bis zur Eroberung Konstantinopels im Jahre 1453 blieb es die Grablege der osmanischen Sultane. Außerdem baute er die Janitscharen auf (türk. Yeniçeri, „neue Truppe“), die in den nächsten Jahrhunderten die Elitetruppe der osmanischen Armee darstellen sollten. Sie bestanden ursprünglich aus nichttürkischen Kriegsgefangenen, die unter geistlicher Anleitung des sufistischen Bektaschi-Ordens dem Sultan ergebenen Kriegern ausgebildet wurden.
Neben ihnen spielte die Reiterei eine wichtige Rolle, vor allem die „Sipahi“, die schwere Reiterei, die aus Inhabern von „Timar-System“(5) genannten nicht vererbbaren Militärlehen bestand. Weitere Truppeneinheiten stellten die „Akıncı“ (Sturmreiter) dar, deren Lebensunterhalt überwiegend aus der Beute bestritten wurde. Gleichzeitig unterhielt die Zentrale eigene Truppen des Sultans, zu ihnen gehörte auch die Leibwache des Sultans, die „Kapikulu“,(6) während die Provinzgouverneure, die „Valis“, regionale Einheiten unterhielten, darunter die „Serhad Kulu“.(7)
Im 14. Jhdt. gingen die Osmanen daran, ein großes Reich in Anatolien als Kern zu errichten. Schritt für Schritt eroberten sie Teile des tausendjährigen oströmischen Reiches:
Die Osmanen verdrängten das Byzantinische Reich weitgehend aus Kleinasien. Bei Orhans Tod 1360 war das Reich bereits mehr als dreimal so groß wie beim Tode seines Vaters. Doch hatte er seinen Machtbereich nicht nur auf Kosten von Byzanz ausgedehnt, das 1333 erstmals Tribut zahlte, sondern auch auf Kosten seiner turkmenischen Nachbarn. So brach er 1345 die regionale Macht der benachbarten Karesi (Karesi Oğulları).
Durch geschicktes Agieren während der byzantinischen Thronstreitigkeiten, die Johannes IV. Kantakuzenos (1341 bzw. 1347 bis 1354)(8) an die Macht brachten, konnte er das Fürstentum von Aydin (9) an der Ägäis seinem Herrschaftsgebiet einverleiben. Die Osmanen wurden zu einer Vormacht in Kleinasien. Als der Byzantiner Kantakuzenos Hilfe vom Sultan Orhan Gazi erbat, nutzte dieser die Gelegenheit und gab ihm 6.000 Mann. Orhan Gazi eroberte einige Gebiete wie die Küstengebiete am Schwarzen Meer und Edirne. Diese militärischen Erfahrungen halfen ihm auch bei der Eroberung Rumeliens.(10)
Noch zu Orhans Lebzeiten begann die Expansion nach Europa durch Überschreiten des Marmarameers (Marmara Denizi), wo 1354 Gallipoli (Gelibolu) fiel. Seit der Einnahme von Gallipoli von den Byzantinern umfasste das Osmanische Reich dabei auch Gebiete auf dem europäischen Kontinent und kontrollierte die Dardanellen. Hacıkemaleddinoğlu Alaeddin Pascha war unter ihm von 1320 bis 1331 der erste Großwesir des Osmanischen Reiches.
In der Türkei/Türkiye entsteht mit den Osmanen, die aus einem Nachfolgefürstentum der kleinasiatischen Seldschuken entwachsen, eine neue Großmacht. Den entscheidenden Schritt zum Übergang nach Europa vollzog Orhans Sohn Süleyman (gest. 1357) ab 1352, indem er dem Parteienzwist in Byzanz nutzte. Entscheidend für den weiteren Aufstieg wurde, dass die Osmanen ihren Ruf als Glaubenskämpfer wahrten, ihre Stellung festigten und ihrem Staat eine dauerhafte Organisation gaben. Die Glaubenskämpfer der frühesten Zeit (Gazi) waren Turkmenen im Stammesverband, daneben gab es Gazi-Bünde, die elastisch genug waren, auch Überläufer einzugliedern. Um sich eine dauerhafte Militärmacht zu schaffen, griffen die Osmanen im „Timar-System“ die Armeebesoldung aus Grundeinkünften auf.
Murad I. (reg. 1359–1389) eroberte 1361 Adrianopel (Edirne), der zweitgrößten byzantinischen Stadt. Nach der Schlacht an der Maritza folgte der Übergriff auf Makedonien (1371) und Bulgarien (1385 bzw. 1396). 1389 gelang ihm in der Schlacht auf dem Amselfeld (Kosovo) ein Sieg über die verbündeten christlichen Fürsten aus Serbien und Bosnien.
Der Zustand Europas spielte Murad in die Hände:
Bürgerkrieg und Anarchie herrschten in den meisten Ländern Zentraleuropas vor, wo das Feudalsystem in den letzten Zügen lag; die kleinen Balkanstaaten waren durch gegenseitige Eifersüchtigkeiten entzweit.
Als erster türkischer Sultan konnte Murad dauerhaft in Europa Fuß fassen; das Hauptziel während seiner Laufbahn war es, die europäischen Herrschaftsgebiete des Reiches auszudehnen. Die Rebellionen des Fürsten von Karaman (1250–1487)(11) behinderten diesen Plan, und mehr als einmal wurden ihm aus dieser Richtung Probleme bereitet, bis in der endgültigen Schlacht von Konya die Macht des Fürsten von Karaman gebrochen wurde. Als die osmanische Macht Richtung Balkan expandierte, eroberte Ala’addin Ali Bey (reg. 1361–1397) die Stadt Beyşehir, welche eine osmanische Stadt war. Es dauerte nicht lange, bis die Osmanen reagierten und auf Konya, die Hauptstadt der Karamaniden, marschierten. Ala’addin Ali Bey wurde 1387 von seinem Schwiegervater besiegt. Es wurde ein Vertrag zwischen den beiden Reichen ausgehandelt und es herrschte bis zur Herrschaft Bayezids I. (reg. 1389–1402) Frieden.
Die Einnahme von Adrianopel, dem er dann den heutigen Namen Edirne, gab (die zweitwichtigste byzantinische Stadt), gefolgt von weiteren Eroberungen, brachte eine Koalition unter dem König von Ungarn zusammen, aber Murads fähiger Pascha Lala Schahin (Lala Şahin; geb. 1330–1388), der erste Beylerbey von Rumelien, besiegte 1363 die Verbündeten in der Schlacht an der Maritza. Im Jahr 1366 wurde der König von Serbien bei Samakowo geschlagen und gezwungen, Tribut zu zahlen; eine Wiederaufnahme des Kriegs 1381 führte zur Eroberung von Sofia in Bulgarien. Murad I. (Ġāzī Ḫünkār; geb. 1326–1389 in Amselfeld/Kosovo) verlegte den osmanischen Regierungssitz von Bursa ins von den Byzantinern entrissene Adrianopel. Er nutzte es fortan als Hauptstadt seines expandierenden Reiches, baute dort einen Palast und ließ die ganze Stadt verschönern.
1 Vgl. Sigrid Hunke, Allahs Sonne über dem Abendland, Frankfurt am Main und Hamburg, Fischer Bücherei 1965, S. 9.
2 Vgl. Wolfgang-Ekkehard Scharlipp: Die frühen Türken in Zentralasien. Eine Einführung in ihre Geschichte und Kultur. Darmstadt 1992, ISBN 3–534–11689-5.
3 Vgl. Halil İnalcık: Devlet-i Aliyye – Osmanlı İmparatorluğu Üzerine Araştırmalar 1 – Klasik Dönem (1302–1606), S. 17.
4 Anm. Mehr darüber in: Ferenc Majoros, Bernd Rill: Das Osmanische Reich 1300–1922. Die Geschichte einer Großmacht. Marix, Wiesbaden 2004, ISBN 3–937715-25-8; Josef Matuz: Das Osmanische Reich. Grundlinien seiner Geschichte. 4. Auflage. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2006, ISBN 3–534–20020-9.
5 Anm. Das Timar-System war eine Form der Landverteilung im Osmanischen Reich. Ein Timar war ein Lehnsgut, das höheren Staatsbediensteten (im militärischen, später auch im zivilen Dienst) anstatt eines Gehalts zugewiesen wurde. Das Land ging nicht in deren Besitz über, sondern die Nutzungsrechte für die Grundstücke wurden auf Lebenszeit übertragen. Nach dem Tod des Nutzungsberechtigten fiel das Timar wieder an den Staat zurück.
6 Anm. Kapıkulu: Diese Truppe setzte sich zusammen aus der Infanterie der Janitscharen, der höfischen Kavallerie, der Artillerie (Topçu), den Waffenschmieden (Cebeciler) und den Müteferrikas (Hoffouriere).
7 Anm. Serhad Kulu: (wörtlich „Diener des Grenzlandes“, etwa „Grenzsoldaten“; von persischen serhad, „Grenze“; türk. kul, „Knecht, Diener“), auch yerli kulu (yerel „örtlich, regional“) oder eyâlet askerleri (eyâlet, „Provinz“; asker, „Soldat“) versteht man einen Truppenteil der Armee des Osmanischen Reiches. Diese Feudaltruppen der Provinzen bildeten den zahlenmäßig größten Teil des Heeres, sie konnten bis zu 250.000 Mann umfassen. Die Serhadkulu gliederten sich in die Einheiten aus Anatolien (Anadolu eyaleti) und Rumelien (Rumeli eyaleti). Sie bestanden aus Infanterie und Kavallerie (Sipahis).
8 Vgl. Antonio Carile: Johannes VI. Kantakuzenos. In: Lexikon des Mittelalters 5, Sp. 534f.
9 Anm. Das Fürstentum von Aydın (türk. Aydınoğulları Beyliği) war ein türkisches Beylik in der heutigen Ägäisregion und eines der Grenzfürstentümer der oghusischen Stämme nach dem Fall des Reiches der Rum-Seldschuken. Die Hauptstadt war anfangs Birgi, später dann Ayasluğ nahe dem antiken Ephesos, das heutige Selçuk. Sie wurde im Jahre 1308 gegründet. Das Emirat von Aydın wurde nach seinem Gründer Aydınoğlu Mehmed benannt. Das heutige Aydın trägt ebenfalls den Namen seiner Dynastie, der Aydınoğulları.
10 Anm. Rumelien (osm. Rūm-ili, Rūm-ėli/türk.: Rumeli; bezeichneten die Türken seit dem 15. Jhdt. den europäischen, auf der Balkanhalbinsel gelegenen Teil des Osmanischen Reiches. Der Name setzt sich zusammen aus Rūm (Romania) und dem alttürkischen il (Land) und ist ein geographischer Name oder „Land der Römer“. Vgl. Richard Franz Kreutel Leben und Taten der türkischen Kaiser, 1971, S. 268.
11 Anm. Das Beylik der Karamanoğlu (Karamanoğulları), oder kürzer die Karamaniden, war ein anatolisch-türkisches Beylik (Fürstentum) mit Zentrum im südzentralen Anatolien in der heutigen Provinz Karaman (damals: Larende). Vom 13. Jhdt. bis zu seinem Untergang 1467 war das Beylik einer der mächtigsten Staaten in Anatolien.
BISMILLAHIRRAHMANIRRAHIM.
(Im Namen Allahs, des Gnädigen, des Erbarmenden)
Die Geschichte der Beziehungen Europas zum Islam ist auch die Geschichte der intellektuellen, künstlerischen und politischen Wahrnehmung des Orients, in der sich eher europäisches Denken die orientalische Realität als solche zeigt. Darum scheint es an der Zeit, auch von einer Geschichte zu sprechen, die tief in den Gang des Weltgeschehens eingegriffen hat und der besonders das Abendland, grundsätzlich aber die gesamte Menschheit unendlich viel verdanken
.(1)
Die islamische Geschichte umfasst vierzehn Jahrhunderte der Weltgeschichte. Seit dem 7. Jhdt. bekennen sich immer mehr Menschen zum Islam. Heute bezeichnet sich ein Fünftel der Menschheit als Muslime, und diese Gruppe nimmt wie kaum eine andere auf der Welt zu. Zum größten Teil leben die Muslime im Gebiet der Atlantikküste Nord- und Westafrikas und in West-, Zentral- und Südasien. Sie leben auch in Nordindien, Europa, Nordamerika und in Südafrika.
Die ersten wichtigen Zentren der muslimischen Welt waren vom 8. bis 10. Jhdt. Damaskus in Syrien; Bagdad im Irak und Cordoba in Spanien; im 15. bis 17. Jhdt. Istanbul in der Türkei/Türkiye; Buchara und Samarkand in Usbekistan und Delhi in Indien. Vom 19. Jhdt. an wurde das islamische Weltsystem (der sogenannte Orient) vom Westen (dem Okzident) durch den Kolonialismus, Kapitalismus, die industrielle Revolution und die Aufklärung in seiner Entwicklung überholt. Der symbolische Zeitpunkt für die spätere offensichtliche Übernahme der Führung durch den Westen war Napoleons Expansion in Ägypten im Jahre 1798. Von da an fielen westliche Armeen und westliches Kapital über die Länder der Muslime her.
Die muslimischen Araber brachen von der arabischen Halbinsel aus nach Norden, Westen und Osten auf. Iran und Byzanz, auf die sie zunächst trafen, waren ihnen in vieler Hinsicht überlegen. Deren Armeen aber waren den körperlich trainierten und vom Islam inspirierten muslimischen Kriegern nicht gewachsen.
Es wäre falsch, die Schnelligkeit dieser Ausbreitung allein mit der Schwäche der byzantinischen und persischen Kaiserreiche, die durch ihre wechselseitigen Kriege zerrissen waren, erklären zu wollen. Eine Erklärung lässt sich auch nicht durch die Theorie einer Massenauswanderung oder einer gewaltsamen Eroberung finden, wenn man bedenkt, dass das ungeheuer große Gebiet von China bis Spanien von dieser kleinen Anzahl Muslime besetzt wurde.
Die Muslime blieben indessen in den eroberten Gebieten eine Minderheit. Etwa 16.000 Soldaten waren beispielsweise an der Eroberung Ägyptens beteiligt, das zu dieser Zeit ungefähr sieben Millionen Einwohner hatte. Innerhalb des von ihnen geeinten Reiches dürften die muslimischen Araber etwa ein Prozent der Gesamtbevölkerung ausgemacht haben. Die heutigen Bewohner arabischer Staaten sind deshalb, auch wenn sie Araber genannt werden, keineswegs durchwegs direkte Nachkommen der auf der Arabischen Halbinsel beheimateten Nomaden; die neue Gemeinschaft ging aus der Verschmelzung vieler Völker hervor, für die der Islam und die Sprache des Qur’an, das Arabische, zum einigenden Band wurden.
Als der Prophet/Gesandte Muhammed (a.s.) am 8. Juni 632 (H. 13.3.11) aus dem Leben schied, war es ihm gelungen, einen vollständigen Staat aus dem Nichts zu schaffen. Die ersten vier Khalifen, die als „Rechtgeleiteten“ in die Geschichte eingingen, schufen in kurzer Zeit ein großes Reich.
Der Islam gehört heute zu Europa, aber was und wie viel wissen die Europäer, noch wichtiger, die Muslime in Europa über die Geschichte des Islam? Wie viele Muslime, die aus verschiedenen muslimischen Ländern nach Europa gekommen sind, sind im Stande, über islamische Geschichte zu referieren?
Dieses Buch ist als ein Wegweiser für die Leser gedacht, die wenig Kenntnis über die Geschichte des Islam besitzen, und für Angehörige anderer Religionen, welche die Geschichte des Islam kennenlernen wollen.
Wir beabsichtigen eine allumfassende Darstellung der Geschichte des Islam, seiner Ursprünge, seiner Entwicklung und seiner erstaunlichen Ausbreitung, die auch heute noch auf allen Kontinenten fortdauert. Dieses Buch will auch die Spuren verfolgen, die der Islam auf den verschiedensten Erdteilen hinterlassen hat.
Es würde für uns bester Lohn sein, wenn dieses Buch für die nächste Generation der Muslime/innen im deutschsprachigen Teil Europas bei der Bewahrung ihrer Identität helfen kann.
Dr. Fuat SANAÇ
1 Die Osmanen (1299–1924)
1.1 Einleitung
Die ursprüngliche Heimat der Türken liegt in dem Gebiet, das sich zwischen dem Aralsee im Westen und dem Altaigebirge im Osten ausbreitet. Das historische Siedlungsgebiet der Türken liegt in dem Großraum zwischen dem Altaigebirge und dem Sajangebirge an der sibirisch-mongolischen Grenze, zwischen Chinesisch-Turkestan, der Nordostgrenze Tibets, dem Gebirgszug des Chingan in Nordostchina und dem Aralseegebiet. Verschiedene dieser Turkvölker zogen von hier in mehreren Schüben nach Westen.(2)
Innerhalb der heutigen türkisch sprechenden Bevölkerungen gibt es etwa 21 verschiedene türkische Sprachengruppen, die über den gesamten asiatischen Kontinent verteilt sind. Der größte Teil der verschiedenen Türkvölker, z. B. Usbeken, Turkmenen, Kasachen, Kirgisen usw., lebt in der heutigen Türkei/Türkiye, den ehemaligen Sowjetrepubliken der UdSSR und in der Volksrepublik China. Unter den Türkvölkern sind fast alle größeren Religionsbewegungen vertreten; die Mehrzahl ist muslimisch.
Die Urväter der heutigen Türken in Türkiye waren Angehörige der Seldschuken. Dieser mittelasiatische Stamm machte sich um die Mitte des 11. Jhdts. auf, drang über die iranisch-afghanischen Gebiete bis nach Mesopotamien vor. Mit der Wanderung der türkischen Stämme nach Westen begann im 10. Jhdt. ihre Islamisierung. Im Jahr 1055 eroberte der Seldschuke Tughril (Tuğrul Beg; geb. 990–1063 in Rey/Iran) die Stadt Bagdad im heutigen Irak. Er gründete das Großseldschukische Reich, das er schließlich auch auf Gebiete der heutigen Türkiye ausdehnte. – Der Khalif in Bagdad ernannte den Eroberer zum Sultan.
Anfang des 13. Jhdts. setzten die aus dem Osten hereinbrechenden Mongolen der Macht der Seldschuken ein Ende. Mit den Mongolen schwappte eine zweite Einwanderungswelle der Türkvölker gegen Westen. Sie kamen teilweise als Flüchtlinge, die vor den Reiterhorden der Großkhane flohen, zum Teil zogen sie selbst in den Mongolenheeren mit. Die meisten ließen sich in Anatolien nieder. Einer der dort gestrandeten nomadischen Stämme siedelte im Gebiet um das heutige Bilecik und Eskişehir im nordwestlichen Teil der Türkiye. Ihr Anführer nannte sich Ertoghrul Ghazi (Ertuğrul Gazi; gest. 1280 in Sögüt/Türkiye) und hinterließ einen Sohn namens Osman.
Osman war einer von den Stammesführern, die auf dem Gebiet des zusammenbrechenden Seldschuken-Reiches ihre Kleinfürstentümer errichteten, und er war dabei der erfolgreichste von allen. Sein Herrschaftsgebiet bildete die Keimzelle des späteren Osmanischen Reiches. Osmans Karriere hatte als „Glaubenskrieger“ (Ghazi) begonnen. Er beteiligte sich an militärischen Aktionen gegen Byzanz. Das stärkte sein Ansehen und seinen Einfluss unter den anderen Stammesführern. Mit 22 Jahren wurde er bereits Fürst. Sein Titel war Osman I. Ghazi (geb. 1258–1326 in Bursa/Türkiye). Er nahm nacheinander die damals noch byzantinischen Städte Eskişehir, Bilecik, Yarhisar und Yenişehir ein.
1.2 Aufstieg des Osmanischen Reiches
(1300–1402)
Die Osmanen herrschten über das letzte große muslimische Reich. Es erstreckte sich von Algerien bis in den Jemen und nach Georgien und von Anatolien bis Bessarabien (Moldawien).
Osmanisches Reich (auch Ottomanisches- oder Türkisches Reich; osmanisch: Devlet-i Alîye-i Osmânîye, türk. Osmanlı İmparatorluğu) ist die Bezeichnung für das Reich der Dynastie der Osmanen von ca. 1299 bis 1923. In Europa wurde das Land auch damals als „Türkei“ bzw. „Türkisches Reich“ bezeichnet. Sein Slogan lautete: „Devlet-i Ebed-müddet“ (Der Ewige Staat).
Die Überlieferungen über die Anfangszeit der Osmanen sind nur spärlich, wohl weil es sich um ein kleines unter vielen Beyliks (Fürstentümer) handelte, Fürstentümer, die es nach der Zerschlagung des Sultanats der Rum-Seldschuken in Kleinasien gab. Viele wertvolle Bücher und Texte sind durch die Zerstörung von Bursa durch Tamerlan/ Timur Lenk (1336–1405) 1402 verloren gegangen.
Ab 1299 machte Osman I. (reg. 1299–1326) sein Fürstentum (Beylik) zunehmend unabhängig vom Reich der Rum-Seldschuken. Dieses Jahr wird daher traditionell als das Gründungsjahr des Osmanischen Reiches angesehen. Am 27. Juli 1302 führten die Osmanen ihre erste Schlacht gegen eine byzantinische Armee (Schlacht von Bapheus/ Koyunhisar), die für die Osmanen mit einem Sieg endete; es war dieser Sieg über eine byzantinische Armee, der Osman Ruhm in weiten Teilen Anatoliens einbrachte. So wird der 27. Juli 1302 als Tag der Dynastiegründung angesehen.(3)
Osman I. gewann nach und nach die Oberhand über die benachbarten türkischen Stämme und erweiterte seinen Herrschaftsbereich auch auf Kosten des Byzantinischen Reiches. Er belagerte die zwei größten byzantinischen Städte in Anatolien und 1326, kurz vor Osmans Tod, eroberte sein Sohn und Nachfolger Orhan Gazi (reg. um 1326–1360) schließlich Brussa (Bursa).(49)
Nikéa (Iznik) wurde 1331 von Orhan Gazi erobert, nachdem er 1329 bei Pelekanon (Maltepe) eine byzantinische Armee besiegt hatte. Er machte Bursa zur Hauptstadt, und bis zur Eroberung Konstantinopels im Jahre 1453 blieb es die Grablege der osmanischen Sultane. Außerdem baute er die Janitscharen auf (türk. Yeniçeri, „neue Truppe“), die in den nächsten Jahrhunderten die Elitetruppe der osmanischen Armee darstellen sollten. Sie bestanden ursprünglich aus nichttürkischen Kriegsgefangenen, die unter geistlicher Anleitung des sufistischen Bektaschi-Ordens dem Sultan ergebenen Kriegern ausgebildet wurden.
Neben ihnen spielte die Reiterei eine wichtige Rolle, vor allem die „Sipahi“, die schwere Reiterei, die aus Inhabern von „Timar-System“(5) genannten nicht vererbbaren Militärlehen bestand. Weitere Truppeneinheiten stellten die „Akıncı“ (Sturmreiter) dar, deren Lebensunterhalt überwiegend aus der Beute bestritten wurde. Gleichzeitig unterhielt die Zentrale eigene Truppen des Sultans, zu ihnen gehörte auch die Leibwache des Sultans, die „Kapikulu“,(6) während die Provinzgouverneure, die „Valis“, regionale Einheiten unterhielten, darunter die „Serhad Kulu“.(7)
Im 14. Jhdt. gingen die Osmanen daran, ein großes Reich in Anatolien als Kern zu errichten. Schritt für Schritt eroberten sie Teile des tausendjährigen oströmischen Reiches:
Die Osmanen verdrängten das Byzantinische Reich weitgehend aus Kleinasien. Bei Orhans Tod 1360 war das Reich bereits mehr als dreimal so groß wie beim Tode seines Vaters. Doch hatte er seinen Machtbereich nicht nur auf Kosten von Byzanz ausgedehnt, das 1333 erstmals Tribut zahlte, sondern auch auf Kosten seiner turkmenischen Nachbarn. So brach er 1345 die regionale Macht der benachbarten Karesi (Karesi Oğulları).
Durch geschicktes Agieren während der byzantinischen Thronstreitigkeiten, die Johannes IV. Kantakuzenos (1341 bzw. 1347 bis 1354)(8) an die Macht brachten, konnte er das Fürstentum von Aydin (9) an der Ägäis seinem Herrschaftsgebiet einverleiben. Die Osmanen wurden zu einer Vormacht in Kleinasien. Als der Byzantiner Kantakuzenos Hilfe vom Sultan Orhan Gazi erbat, nutzte dieser die Gelegenheit und gab ihm 6.000 Mann. Orhan Gazi eroberte einige Gebiete wie die Küstengebiete am Schwarzen Meer und Edirne. Diese militärischen Erfahrungen halfen ihm auch bei der Eroberung Rumeliens.(10)
Noch zu Orhans Lebzeiten begann die Expansion nach Europa durch Überschreiten des Marmarameers (Marmara Denizi), wo 1354 Gallipoli (Gelibolu) fiel. Seit der Einnahme von Gallipoli von den Byzantinern umfasste das Osmanische Reich dabei auch Gebiete auf dem europäischen Kontinent und kontrollierte die Dardanellen. Hacıkemaleddinoğlu Alaeddin Pascha war unter ihm von 1320 bis 1331 der erste Großwesir des Osmanischen Reiches.
In der Türkei/Türkiye entsteht mit den Osmanen, die aus einem Nachfolgefürstentum der kleinasiatischen Seldschuken entwachsen, eine neue Großmacht. Den entscheidenden Schritt zum Übergang nach Europa vollzog Orhans Sohn Süleyman (gest. 1357) ab 1352, indem er dem Parteienzwist in Byzanz nutzte. Entscheidend für den weiteren Aufstieg wurde, dass die Osmanen ihren Ruf als Glaubenskämpfer wahrten, ihre Stellung festigten und ihrem Staat eine dauerhafte Organisation gaben. Die Glaubenskämpfer der frühesten Zeit (Gazi) waren Turkmenen im Stammesverband, daneben gab es Gazi-Bünde, die elastisch genug waren, auch Überläufer einzugliedern. Um sich eine dauerhafte Militärmacht zu schaffen, griffen die Osmanen im „Timar-System“ die Armeebesoldung aus Grundeinkünften auf.
Murad I. (reg. 1359–1389) eroberte 1361 Adrianopel (Edirne), der zweitgrößten byzantinischen Stadt. Nach der Schlacht an der Maritza folgte der Übergriff auf Makedonien (1371) und Bulgarien (1385 bzw. 1396). 1389 gelang ihm in der Schlacht auf dem Amselfeld (Kosovo) ein Sieg über die verbündeten christlichen Fürsten aus Serbien und Bosnien.
Der Zustand Europas spielte Murad in die Hände:
Bürgerkrieg und Anarchie herrschten in den meisten Ländern Zentraleuropas vor, wo das Feudalsystem in den letzten Zügen lag; die kleinen Balkanstaaten waren durch gegenseitige Eifersüchtigkeiten entzweit.
Als erster türkischer Sultan konnte Murad dauerhaft in Europa Fuß fassen; das Hauptziel während seiner Laufbahn war es, die europäischen Herrschaftsgebiete des Reiches auszudehnen. Die Rebellionen des Fürsten von Karaman (1250–1487)(11) behinderten diesen Plan, und mehr als einmal wurden ihm aus dieser Richtung Probleme bereitet, bis in der endgültigen Schlacht von Konya die Macht des Fürsten von Karaman gebrochen wurde. Als die osmanische Macht Richtung Balkan expandierte, eroberte Ala’addin Ali Bey (reg. 1361–1397) die Stadt Beyşehir, welche eine osmanische Stadt war. Es dauerte nicht lange, bis die Osmanen reagierten und auf Konya, die Hauptstadt der Karamaniden, marschierten. Ala’addin Ali Bey wurde 1387 von seinem Schwiegervater besiegt. Es wurde ein Vertrag zwischen den beiden Reichen ausgehandelt und es herrschte bis zur Herrschaft Bayezids I. (reg. 1389–1402) Frieden.
Die Einnahme von Adrianopel, dem er dann den heutigen Namen Edirne, gab (die zweitwichtigste byzantinische Stadt), gefolgt von weiteren Eroberungen, brachte eine Koalition unter dem König von Ungarn zusammen, aber Murads fähiger Pascha Lala Schahin (Lala Şahin; geb. 1330–1388), der erste Beylerbey von Rumelien, besiegte 1363 die Verbündeten in der Schlacht an der Maritza. Im Jahr 1366 wurde der König von Serbien bei Samakowo geschlagen und gezwungen, Tribut zu zahlen; eine Wiederaufnahme des Kriegs 1381 führte zur Eroberung von Sofia in Bulgarien. Murad I. (Ġāzī Ḫünkār; geb. 1326–1389 in Amselfeld/Kosovo) verlegte den osmanischen Regierungssitz von Bursa ins von den Byzantinern entrissene Adrianopel. Er nutzte es fortan als Hauptstadt seines expandierenden Reiches, baute dort einen Palast und ließ die ganze Stadt verschönern.
1 Vgl. Sigrid Hunke, Allahs Sonne über dem Abendland, Frankfurt am Main und Hamburg, Fischer Bücherei 1965, S. 9.
2 Vgl. Wolfgang-Ekkehard Scharlipp: Die frühen Türken in Zentralasien. Eine Einführung in ihre Geschichte und Kultur. Darmstadt 1992, ISBN 3–534–11689-5.
3 Vgl. Halil İnalcık: Devlet-i Aliyye – Osmanlı İmparatorluğu Üzerine Araştırmalar 1 – Klasik Dönem (1302–1606), S. 17.
4 Anm. Mehr darüber in: Ferenc Majoros, Bernd Rill: Das Osmanische Reich 1300–1922. Die Geschichte einer Großmacht. Marix, Wiesbaden 2004, ISBN 3–937715-25-8; Josef Matuz: Das Osmanische Reich. Grundlinien seiner Geschichte. 4. Auflage. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2006, ISBN 3–534–20020-9.
5 Anm. Das Timar-System war eine Form der Landverteilung im Osmanischen Reich. Ein Timar war ein Lehnsgut, das höheren Staatsbediensteten (im militärischen, später auch im zivilen Dienst) anstatt eines Gehalts zugewiesen wurde. Das Land ging nicht in deren Besitz über, sondern die Nutzungsrechte für die Grundstücke wurden auf Lebenszeit übertragen. Nach dem Tod des Nutzungsberechtigten fiel das Timar wieder an den Staat zurück.
6 Anm. Kapıkulu: Diese Truppe setzte sich zusammen aus der Infanterie der Janitscharen, der höfischen Kavallerie, der Artillerie (Topçu), den Waffenschmieden (Cebeciler) und den Müteferrikas (Hoffouriere).
7 Anm. Serhad Kulu: (wörtlich „Diener des Grenzlandes“, etwa „Grenzsoldaten“; von persischen serhad, „Grenze“; türk. kul, „Knecht, Diener“), auch yerli kulu (yerel „örtlich, regional“) oder eyâlet askerleri (eyâlet, „Provinz“; asker, „Soldat“) versteht man einen Truppenteil der Armee des Osmanischen Reiches. Diese Feudaltruppen der Provinzen bildeten den zahlenmäßig größten Teil des Heeres, sie konnten bis zu 250.000 Mann umfassen. Die Serhadkulu gliederten sich in die Einheiten aus Anatolien (Anadolu eyaleti) und Rumelien (Rumeli eyaleti). Sie bestanden aus Infanterie und Kavallerie (Sipahis).
8 Vgl. Antonio Carile: Johannes VI. Kantakuzenos. In: Lexikon des Mittelalters 5, Sp. 534f.
9 Anm. Das Fürstentum von Aydın (türk. Aydınoğulları Beyliği) war ein türkisches Beylik in der heutigen Ägäisregion und eines der Grenzfürstentümer der oghusischen Stämme nach dem Fall des Reiches der Rum-Seldschuken. Die Hauptstadt war anfangs Birgi, später dann Ayasluğ nahe dem antiken Ephesos, das heutige Selçuk. Sie wurde im Jahre 1308 gegründet. Das Emirat von Aydın wurde nach seinem Gründer Aydınoğlu Mehmed benannt. Das heutige Aydın trägt ebenfalls den Namen seiner Dynastie, der Aydınoğulları.
10 Anm. Rumelien (osm. Rūm-ili, Rūm-ėli/türk.: Rumeli; bezeichneten die Türken seit dem 15. Jhdt. den europäischen, auf der Balkanhalbinsel gelegenen Teil des Osmanischen Reiches. Der Name setzt sich zusammen aus Rūm (Romania) und dem alttürkischen il (Land) und ist ein geographischer Name oder „Land der Römer“. Vgl. Richard Franz Kreutel Leben und Taten der türkischen Kaiser, 1971, S. 268.
11 Anm. Das Beylik der Karamanoğlu (Karamanoğulları), oder kürzer die Karamaniden, war ein anatolisch-türkisches Beylik (Fürstentum) mit Zentrum im südzentralen Anatolien in der heutigen Provinz Karaman (damals: Larende). Vom 13. Jhdt. bis zu seinem Untergang 1467 war das Beylik einer der mächtigsten Staaten in Anatolien.



