Die Berents Saga 2

Die Berents Saga 2

Illen Weitre


EUR 29,90
EUR 17,99

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 634
ISBN: 978-3-95840-725-1
Erscheinungsdatum: 13.09.2018
Als der Zweite Weltkrieg ausbricht, ist das gute Leben der Familie Berent vorbei. Sie sind deutschstämmig und nunmehr Feinde. Männer und Frauen müssen Zwangsarbeit leisten und ihre Familien zurücklassen. Aber auch im Leid halten sie zusammen.
Erst Mitte November hatte Elsa von Georg einen Brief bekommen, in dem er mitteilte, dass Helmut schon zwei Monate im Krankenhaus liegt. Ihm war beim Abladen des Holzes in der Grube ein ganzer Wagen Holz auf das Bein rauf gefallen, man musste ihn da raus ziehen. Zuerst glaubte man, dass es nicht so schlimm sei, es waren nur blaue Flecken, die heilten, und arbeiten musste man jeden Tag. Die Kälte und Feuchtigkeit unter der Erde hatten seinen Zustand verschlechtert, und eines Tages konnte er nicht mehr aufstehen und zur Arbeit gehen. Erst dann hatte man ihn ins Krankenhaus geschickt. Man wollte nicht darüber früher schreiben, weil man hoffte, dass es besser wird, und man ihm erlaubte, vielleicht für einen Tag nach Hause zu kommen. Jetzt wusste man noch nicht, wie lange er im Krankenhaus blieb, deswegen hatte Georg sich entschlossen zu schreiben. Als er das letzte Mal Helmut besuchte, ginge es ihm schon besser, und er hofft, dass er bald entlassen wird.
„Lieber Gott! Deswegen war ich in der letzten Zeit so unruhig! Und ich dachte …“, sprach Rosalie, nachdem sie den Brief gelesen hatte.
„Was dachtest du denn?“, fragte Elsa.
„Nichts Besonderes. Jetzt weiß ich, warum er nicht geschrieben hat. Wegen der Krankheit hatte er vergessen, dass er an der Reihe fürs Schreiben war. Gut, dass Georg endlich schrieb. Die sind witzig, so was zu verheimlichen. Woran denken die nur? Sag mal, Elsa, woran denken die Männer? Denken sie überhaupt an ihre Familien?“
„Wenn ich ein Mann wäre, so könnte ich die Frage beantworten, aber ich bin eine Frau und mit dir einverstanden: Sie denken nicht an uns, so gemein. Vielleicht haben sie auch andere Frauen gefunden. Es gibt ja so viele, die ohne Männer sind. Wenn man auch nicht möchte, wird man verführt.“
Rosalie nickte nur und lächelte dabei: „So, Schwesterchen, du hast auch solche Bedenken, nicht nur ich.“
In diesem Jahr kam der Winter früh und, wie immer, unerwartet. Am Abend regnete es, dann fiel Schnee und am Morgen war schon alles mit Schnee bedeckt. Es war gleich ein halber Meter hoch, und er taute auch nicht mehr. Es wurde frostig, manchmal stürmte es den ganzen Tag, und in Mitte Dezember lag das Dorf wieder ganz im Bergen von Schnee. Milch wurde weniger, und die wurde wieder ins Kreiszentrum auf den Schlitten gefahren. Die Autos könnten ja auch nicht auf diesen Wegen fahren. Heinrich übernahm die Stelle seines Vaters und wurde Fuhrmann. Er prahlte vor den Jungs und erzählte von seinen Abenteuern unterwegs. Am meisten beneidete ihn Valentin: Er möchte auch mit dem Schlitten fahren und die Pferde lenken. Die Mutter hatte ihm verboten, daran sogar zu denken.
„Was sagst du da, Sohn? Du bist erst acht Jahre alt, wohin eilst du? Wenn jemand arbeiten möchte, dann Maria, aber nicht du. Träume gar nicht davon. Ich habe ‚nein‘ gesagt und dulde keine Widersprüche! Du kannst keinen leeren Behälter heben, was ist dann mit einem vollen? Vergiss es!“
Valentin fiel es schwer, sich von seinem Traum zu verabschieden. Er sah sich oft im Schlaf, dass er die Pferde jagte. Wurde wach und suchte nach Pelz und Peitsche. Er suchte um sich, hatte dann verstanden, dass es nur Traum war, versuchte sich zu beruhigen und wieder einzuschlafen, was ihm sehr oft nicht gelang. Er wollte sich heimlich mit Heinrich verabreden, damit er ihn einmal mitnahm. Vielleicht hätte ihm Heinrich diese Möglichkeit auch gegeben, aber es wurde alles anders. Einmal nachts, schon zum Morgen hatte er wieder diesen Traum gesehen, aber auch noch eine Schar wütender Wölfe, die hinter den Schlitten rasten. Die Pferde sind im Schnee stecken geblieben, konnten nicht weiter, und die Wölfe überfielen den Schlitten …
Valentin schrie auf, wurde wach, rückte sich zu der Mutter, sie umarmte ihn, beruhigte ihn, aber einschlafen konnte er nicht mehr. In kurzer Zeit hörte er ein leises Klopfen an der Tür. Er dachte, dass er es nicht richtig gehört hatte, aber das Klopfen hatte sich wiederholt und war jetzt lauter. Er stand auf und ging zu der Tür.
„Wer ist da?“
„Dein Vater ist da. Ich bin es, mein Sohn, mach die Tür schneller auf, ich bin halb verfroren“, hörte er die Stimme des Vaters.
Valentin öffnete die Tür, und Helmut war in das Zimmer fast reingefallen. Eine kalte Welle kam gleich in das schon abgekühlte Zimmer rein und weckte alle. Rosalie und Valentin hatten Helmuts Kleidung und Schuhe runtergezogen. Maria wärmte ihn mit ihrem Atem die Hände, Lilli saß auf dem Bett und schaute ängstlich um sich. Anna heizte schnell den Ofen an, Klara trampelte rum, fuchtelte mit den Händen, kam erst zu sich, als Anna laut rief:
„Mama! Zieh dich an! Alle schnell anziehen, dass ihr euch nicht erkältet. Stellt den Tee auf, ich hole noch Holz und Kohle. Schnell, schnell.“
„Maria hole dem Vater warme Unterwäsche aus dem Sack raus, da ist noch ein Paar. Ich habe nicht alles verkauft, Gott sei Dank, nicht alles. Lieber Gott, wie hast du dich, Helmut, bei solcher Kälte getraut zu Fuß zugehen? Ist Georg auch da?“
„Nein, ich bin alleine … ganz alleine … unter den Wölfen … ich will schlafen, lass mich schlafen …“
„Du wirst schlafen, aber zuerst trinkst du heißen Kräutertee, und ich reibe dich von Kopf bis Fuß ein. Erst dann darfst du schlafen, erst dann …“
Solange das Wasser heiß wurde, und der Tee aufbrühte, rieb Rosalie ihn mit Schweineschmalz ein – sie hatte ja nichts anderes. Von Spiritus konnte man nur träumen. Sein Gesicht, die Arme und Beine wurden davon noch roter. Helmut brummte sich nur was vor und ließ mit sich alles machen, was auch gemacht wurde. Mit Mühe hatte man es geschafft, dass er etwas Tee mit den Kräutern, die Rosalie im Sommer gesammelt hatte, runterschluckte, Lilli weinte, aber keiner merkte es, alle waren mit Helmut beschäftigt. Endlich hatte Klara sie in eine Decke eingewickelt, setzte sie auf den Schoß und schaukelte sie, wie ein Baby, was Lilli etwas beruhigte, plötzlich fragte sie Klara:
„Oma, wird Papa sterben?“
„Nein, meine Kleine, er schläft. Er ist sehr müde und ihm wurde es unterwegs sehr kalt. Wollen wir ihn schlafen lassen, gut?“
„Gut, Oma. Lassen wir ihn schlafen“, sagte Lilli wie eine Erwachsene.
Helmut schlief sehr tief. Rosalie näherte sich ihm von Zeit zu Zeit. Melken ging sie an diesem Tag nicht, bat Anna sie zu vertreten, und Elsa sollte ihr helfen und nach der Arbeit reinkommen.
„Helmut hat sicher einen Brief von Georg mitgebracht.“
Als Elsa zu denen kam, hatte Helmut noch geschlafen. Rosalie konnte ihr nur sagen:
„Komm nach dem Abend melken, ich hoffe, er wird bis dann wach werden. Ich hoffe, er wird nicht krank. Er atmet sehr schwer und als ich ihn eingerieben hatte, sah ich lange, blaue Narben auf seinem Bein. Ich hoffe, dass es nicht schlimmer wird. Gott, helfe uns!“
Sie faltete die Hände und schaute nach oben, betete leise weiter.
Helmut hatte den ganzen Tag geschlafen. Als er die Augen öffnete, sah er Lillis Augen, sie schrie laut los:
„Papa lebt! Papa lebt! Ich habe gesehen, dass er die Augen öffnete!“ Helmut nahm sie in den Arm und küsste sie, fasste sich aber gleich an die Hände, die schmerzten.
„Mein blauäugiges Täubchen, dachtest du, dass ich gestorben bin? Wie kommst du denn da drauf? Ich habe ja nur geschlafen, habe unterwegs zu euch sehr gefroren, mein Schatz.“
Sie wälzten sich auf der Pritsche rum, bis Rosalie nicht sagte:
„Schatz, lass Papa in Ruhe, er muss essen, so stirbt er noch vor Hunger. Beruhige dich, habe ich gesagt!“
„Rosalie, bringe bitte, meine Sack-Tasche, ich glaube, dass ich sie neben der Tür hingeworfen hatte, ich weiß nicht genau.“
„Ich habe sie schon lange rein getragen. Hier ist sie.“
Helmut öffnete den Sack und hatte eins nach dem anderen raus genommen. Zuerst gab er Lilli Filzstiefel, dann eine Mütze für Valentin – dann zwei gleiche karierte Schals für Rosalie und Maria, gab sie denen. Ganz unten lag ein kleines Päckchen, er öffnete es langsam. Alle beobachteten diese Szene, es war sehr ruhig. Neun Paare der Angehörigen konzentrierten sich auf dieses kleine Päckchen. Als Helmut es endlich ganz aufmachte, hörte man das alle aufatmeten: „Ooooo!“ Bei allen Anwesenden fingen die Augen zu glänzen, man hörte die Zungen schnalzen und das Schlucken des Speichels. Vor ihnen lag so ein Reichtum … Sogar die kleine Lena schluckte runter, obwohl sie so was noch nie gesehen hatte. Vor ihnen lagen ganz in Zucker die Bonbons „Stachelbeeren“ – weiße Kügelchen mit grünen Streifen. Bonbons mit Marmelade im Inneren.
„Das ist ein Geschenk für alle, nehmt euch!“
Als Helmut es sagte, entspannten sich alle, und die Kinder wurden laut: „Bonbons … Bonbons … wie Kügelchen … wie runde Schneekugeln!“ Sie nahmen schüchtern jeder ein „Kügelchen“ und steckten es schnell in den Mund. Klara mit Tränen in den Augen umarmte den Bruder:
„Wie konntest du so viele Geschenke vorbereiten, Helmut?“
„Leicht war es nicht. Als ich ins Krankenhaus kam, war ich ohne Besinnung. Langsam ging es mir besser, und man brachte mir meine Kleidung, in der ich ins Krankenhaus kam. Ich habe alles durchgeschaut und meine Mundharmonika gesehen. Die Kleidung legte ich ins Bett Tischchen und die Mundharmonika auf das Tischchen. Als die Ärzte sie gesehen hatten, fragten sie mich, ob ich auch spielen könne. Ich nahm die Mundharmonika und spielte einen Walzer, aber sehr leise, weil mir der Hals schmerzte. Der Arzt hörte aufmerksam zu und fragte dann, ob er spielen dürfe. Ich war einverstanden. Er spielte nicht schlecht, aber hatte keine besondere Erfahrung. Er hatte, vielleicht wie auch ich, die ganze Zeit nicht gespielt.“
„Sie können spielen, Doktor?“
„Ja, mein Opa hatte es mir beigebracht. Er kam im Ersten Weltkrieg um, und die Mundharmonika war mit ihm … Vielleicht verkaufen Sie mir die Mundharmonika, Helmut?“
„Nein, nein! Ich kann mich nicht von ihr trennen.“
„Überlegen Sie, ich dränge Sie nicht, Sie kommen auch nicht so schnell von hier weg. Sie haben doch wahrscheinlich eine Familie, Sie brauchen was für die Kinder? Überlegen Sie.“

„Ich habe lange überlegt, was ich machen soll, und habe beschlossen, es zu machen, wenn er mir dafür eine Mütze für Valentin, Filzstiefel für Lilli und Tücher für euch gibt. Was er auch machte. Die Filzstiefel sind nicht neu, schon unter genäht, aber ich glaube, dass ihr alle zufrieden seid, meine Lieben.“
Helmut hörte nur, dass alle im Chor sagte: „Ja!“
„Und die Bonbons hast du auch von ihm?“
„Nein, Rosalie. Die Bonbons haben wir jeden Abend zwei Stück bekommen. Ich habe sie nicht gegessen und sammelte für euch, meine Lieben. Nach dem Abendessen erzähle ich euch ein Märchen aus dem echten Leben, das für alle ist – für die Erwachsenen und auch Kinder. Kommt Elsa mit den Jungs? Für sie habe ich einen Brief von Georg und ein Päckchen.“
„Da kommen die ja schon.“ Rosalie drehte sich zur Tür um: „Kommt rein, setzt euch. Habt ihr schon zu Abend gegessen?“
„Wir sind satt, wenn man es so nennen kann. Wie geht es denn unserem Vater, Helmut?“
„Hier ist ein Brief von ihm und ein Päckchen. Er ist nicht sehr gesund, aber kommt zurecht. Was kann man tun – man muss arbeiten. Er wollte auch kommen, aber man hat ihn nicht gelassen. Wenn nicht der Doktor wäre, so wäre ich auch nicht gekommen. Er entlässt mich offiziell erst ab Montag, ich zähle noch zum Krankenhaus. Damit man mich nicht festnimmt, hatte er mir eine Überweisung in das Krankenhaus nach Barnaul gegeben. Gab mir auch die Krücken, aber am Montagmorgen muss ich im Krankenhaus sein. Die Krücken und die Streichhölzchen, die er mir gab, hatten mir gestern das Leben gerettet.“
„Es gibt noch gute Menschen, Bruder. Ich bin überzeugt, dass es mehr als böse gibt.“
Elsa mit den Kindern ging nach Hause.
„Was wolltest du uns erzählen, Helmut? Wir haben uns alle gelegt und eingehüllt; damit es wärmer ist, rücken wir näher zueinander. Schau mal, wie Lilli unter deinen Flügeln sich wohl fühlt. Sie lässt die Augen nicht von dir. Was ist, Lilli, suchst du nach Papas Schnurrbart?“
„Das wollte auch ich dich fragen. Ja, Helmut, wo ist denn dein Schnurrbart? Hast du ihn freiwillig abrasiert? Das glaube ich nicht.“
„Ja, mein Blümchen, ich habe ja gesagt, dass ich ins Krankenhaus ohne Besinnung kam, als ich mich später im Spiegel gesehen hatte, sah ich, dass der Schnurrbart weg ist. Man hatte mich rasiert, gewaschen, gewickelt wie ein kleines Kind, und jetzt will ich ihn selber nicht mehr haben. Gefällt dir, meine Kleine, dein Papa nicht ohne Schnurrbart?“
„Du gefällst mir, aber du bist stachelig. Küsse mich nicht, Papa, sonst krabbele ich zu Mama.“
„Na, bist du eine … Mit Mama bist du jeden Tag, und ich werde morgen wieder nicht da sein, mein Mäuschen. Jetzt hört mal alle mein Nachtmärchen:
Es lebte einmal ein Vater, er arbeitete schwer, aber nicht nur er, sondern alle in der Grube. Man musste Erz gewinnen. Das braucht man für die Militärtechnik, deswegen mussten alle so hart arbeiten. Nicht nur der Vater hatte da gearbeitet, sondern auch Omas, Opas und Frauen, die auch Mamas und Papas für jemanden waren. Eines Tages an einer Biegung unten in der Grube, wo einige Menschen gearbeitet hatten, kam ein Wagen von den Gleisen und das Holz, mit dem er beladen war, rollten zu allen Seiten. Viele fielen hin, aber die meisten hatten nur leichte Verletzungen, die schnell heilten. Nur beim Papa, der im weiten Dorf drei Kinder hatte, waren die Wunden sehr tief und heilten nicht. Ins Krankenhaus hatte man ihn nicht gelassen, er sollte weiter arbeiten. So hatte er auch gearbeitet, bis er eines Tages nicht mehr vom Bett aufstehen und zur Arbeit gehen konnte. Es kam in die Baracke vom Militärpersonal, um ihn zu heben, aber er war ohne Besinnung, und denen war nichts anderes übrig geblieben, als ihn ins Krankenhaus zu bringen. Dort hatte man ihn geheilt, aus dem Löffel Essen gegeben, und es ging ihm besser nach einer langen, langen Zeit. Die offenen Wunden am linken Bein zogen sich langsam zu, er konnte schon aufstehen, aber nicht ohne Krücken laufen. So wurde er lange kuriert, ihm ging es immer besser, er konnte manchmal sogar ohne Krücken gehen. Er sehnte sich sehr nach seiner Frau und den Kindern. Der Arzt war ein sehr guter Mensch und hatte es so arrangiert, dass der Vater nach Hause fahren konnte. Er war jetzt unterwegs. Er steigt von einem Zug in den anderen, um schneller nach Schemonaicha zu kommen. Er kam da in der Nacht an. Gut wäre es, wenn der Vater bis zum Morgen am Bahnhof gewartet hätte, und morgens zum Milchwerk gehen würde, um mit dem Fuhrmann nach Poperetschka zu kommen, aber er hatte seine Lieben so lange nicht gesehen, dass er riskierte zu Fuß zu gehen. Es war Nacht und sehr kalt. Zu der Kälte über dreißig Grad wehte noch ein kalter nördlicher Wind. Er spürte gleich, dass er einen Fehler machte, da seine Kleidung nicht vor Kälte schützte. Aber beim Laufen wurde es ihm wärmer, er bewegte sich immer weiter und flüsterte mit den verfrorenen Lippen: ‚Ich kenne den Weg, weil ich ihn im vorigen Winter immer wieder gefahren war. Ich verlaufe mich nicht. Ich muss immer weiter gehen, zu meinen Lieben. Weiter, weiter, auf keinen Fall stehen bleiben‘, flüsterte er immer wieder.
Diese Gedanken gaben ihm Kraft, und er ging immer weiter, stützte sich dabei auf die Krücken. Die Hände wurden ganz kalt, er bewegte sie von Zeit zu Zeit. So merkte er nicht, dass hinter ihm Wölfe liefen. Ihr Heulen hielte er zuerst für das Heulen des Windes, er war auch auf den Weg so konzentriert, da er manchmal mit Schnee ganz bedeckt war, dass er sich nicht umschaute. Aber dann fiel ihm der Krückstock aus der Hand, er bückte sich, um ihn aufzuheben, und schaute sich unbewusst um. Er erstarrte vor Schreck: Er sah hinter sich die schleichenden Wölfe, die er auch nicht gleich erkannte, da er nur die glühenden Augen sah. Viele Augen … jetzt, noch nicht ganz sich erhoben, hatte er verstanden, dass es hungrige Wölfe waren. Er hatte Angst, sich zu bewegen, Gott behüte, noch hinzufallen, dann würden die Wölfe, die nicht weiter als dreißig Meter hinter ihm waren, ihn überfallen. So gebückt, hatte er schnell überlegt, womit er sie einschüchtern könnte. Aber womit? Dann kam ihm in den Sinn, dass der Doktor ihm eine Schachtel Streichhölzchen gegeben hatte. Mit den gefrorenen Händen hatte er endlich die Schachtel erfasst und beobachtete mit einem Auge das Rudel. Die Wölfe hatten es bemerkt, dass der Mensch sich nicht bewegte, setzten sich hin, bewegten sich auch nicht, heulten sogar nicht. Es gibt aber den Gott, meine Lieben. Vor den Füßen des Vaters lag ein vom Winde getriebener Zweig, auf dem noch ein paar Blätter geblieben waren. Er bemühte sich nicht zu bewegen und das Rudel im Auge zu behalten, nahm den Zweig, deckte ihn vom Wind ab und probierte das Streichhölzchen anzuzünden. Es war ihm aber nicht gelungen. War zu nass oder gefroren, zündete sich nicht an. Wahrscheinlich stöhnte er vor Verzweiflung und das Rudel hörte es und näherte sich ihm, fletschte mit den Zähnen und knurrte. ‚Lieber Gott! Brenne auf, brenne auf! Noch eine Minute, und die überfallen mich. Helfe mir, lieber Gott!‘, wiederholte er, bemühte sich nicht zu bewegen und nicht zu stöhnen. Endlich kam ein Funke, es brannte noch eins an, das gab schon mehr Feuer, dann brannte auch der Zweig. Er schützte mit dem Körper den brennenden Zweig, hob die Krücke auf. Er hatte sich mit Mühe erhoben,den brennenden Zweig vor sich gehalten, in die Richtung der krabbelnden Wölfe. Er bewegte sich jetzt mit dem Rücken nach vorne, sehr langsam, bemühte sich, nicht vom Weg zu kommen.
Die Wölfe blieben auf Distanz, sie hatten es verstanden, dass das Feuer eine Gefahr war, hatten ihn aber doch langsam verfolgt. Dem Vater waren die Hände nicht nur vor Kälte steif geworden, sondern auch vor Angst, er hatte es aber in dem Moment nicht verstanden. Er nahm seinen ganzen Mut zusammen und bemühte sich, dass der Zweig weiter brannte. Unterwegs hatte er noch, wahrscheinlich von Gott geschickte Maiskolben aufgehoben. Man hatte gemerkt, dass die leuchtenden Augen der Wölfe langsam weiter leuchteten, die Entfernung zwischen ihm und den Wölfen wurde immer größer, er konnte sich nicht zwingen sich in Richtung Dorf umzuschauen, das seiner Meinung nach hinter dem Berg war, auf den er jetzt stieg. Gott sei Dank! Er merkte, dass der Wind den Rauch brachte, man hörte das Bellen der Hunde. ‚Ich habe sie verjagt, ich habe sie verjagt, vor den rasenden Wölfen hatte mich die Schachtel der Streichhölzchen gerettet. Danke, Doktor, für die Güte, danke Doktor!‘
So endet das Märchen. Als der Vater wach wurde, sah er die blauen Augen seines Täubchens und verstand erst jetzt so richtig, in welcher Gefahr er sich befand. Wie er bis zu der Familie kam, wusste er schon nicht mehr. Er hörte nur seine eigenen Worte: ‚Danke, Doktor, für die Güte.‘“
„Wie konntest du, Helmut, nur so was riskieren? Wir haben uns so lange nicht gesehen, so könntest du auch noch ein paar Stunden abwarten. Stellst du dir vor, was passiert wäre, wenn du keine Streichhölzchen gehabt hättest?“
„Ja, mein Schatz, jetzt verstehe ich es, aber gestern Nacht dachte ich nur an euch, meine Lieben!“
„Alle sind eingeschlafen, Helmut. Hast du dein Märchen erzählt, Bruder. Wollen wir auch schlafen und beten, dass das Märchen so ein gutes Ende hatte. Gute Nacht allen.“
Die Kinder hatten den nächsten Tag keine Fragen gestellt, weder Rosalie noch Helmut. Man wusste nicht, ob sie das Märchen vom Vater bis zu Ende gehört hatten, oder waren sie eingeschlafen? Wahrscheinlich waren sie eingeschlafen, da sie keine Fragen stellten, oder hatten sie es im Schlaf vergessen, was auch vorkommt. Die Eltern stellten ihnen auch keine Fragen.
Valentin war froh, dass genau in dieser Nacht der Vater erschien und verhindert hatte, dass er einen Fehler machte und ins Kreiszentrum auf dem Schlitten gefahren wäre. „Das Märchen vom Vater hat mir geholfen. Ich werde es nie vergessen. Danke, lieber Doktor, dass Sie dem Vater das Leben gerettet haben! Ich war wahrscheinlich der Einzige, der das Märchen bis zu Ende anhörte, nicht wie die verschlafenen Mädels, die gleich einschliefen …“ Valentin konnte das Märchen noch lange, als der Vater schon nicht mehr da war, vergessen, sogar sein ganzes Leben lang. Mit der Zeit hatte er sich beruhigt und erzählte keinem, dass er das Märchen bis zu Ende gehört hatte. Keiner von den Mädchen fragte ihn danach, und er dachte, dass die alles im Schlaf vergessen hatten.

test
5 Sterne
Berents Saga 1+2 - 24.05.2019
Jakumeit

Ganz toll geschriebene Bücher wie es vor +nach und waehrenddem Krieg war . das wissen musste einfach der nachwelt erhalten bleiben .so war es ja wirklich . Ich habe die Bücher sehr schnell gelesen .ich wollte wissen wie es weiter geht . Im Moment fange ich das nächste Buch von dieser Autorin an zum lesen .deutsche im Visier .danach kommt geschenktes Liebesglück dran . Danke Nelli für die schönen Bücher . Weiter so liebe Grüße Erika

5 Sterne
Berents Saga 1+2 - 24.05.2019
Jakumeit

Ganz toll geschriebene Bücher wie es vor +nach und waehrenddem Krieg war . das wissen musste einfach der nachwelt erhalten bleiben .so war es ja wirklich . Ich habe die Bücher sehr schnell gelesen .ich wollte wissen wie es weiter geht . Im Moment fange ich das nächste Buch von dieser Autorin an zum lesen .deutsche im Visier .danach kommt geschenktes Liebesglück dran . Danke Nelli für die schönen Bücher . Weiter so liebe Grüße Erika

5 Sterne
Wunderbar und spannend! - 11.12.2018
Amelie

Das Lesen hat sehr viel Spass gemacht!

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