Die Berents Saga 1

Die Berents Saga 1

Illen Weitre


EUR 29,90
EUR 17,99

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 644
ISBN: 978-3-95840-723-7
Erscheinungsdatum: 30.08.2018
Waisenkind Wanja lebt in den 1930ern in einem Kinderheim bei Tiflis. Eines Tages läuft er fort, angetrieben von seiner Sehnsucht, eine neue Familie zu finden. Er kommt nach Rosental und wird von der Familie Berent herzlich aufgenommen.

Bis er oben auf dem Berg war, ging die Sonne unter, und er konnte es nicht sagen, ob es noch lange bis zum Dorf war. Ins Dorf reinzugehen wollte er heute sowieso nicht. Er ging noch weiter. Man hörte das Bellen der Hunde, und Petja war stehen geblieben, hatte sich umgeschaut, um einen passenden Platz für die Übernachtung zu finden.
„Wäre ein Haufen Stroh oder Heu. Das gibt es doch nicht, wo werde ich denn schlafen?“
Er war unsicher weitergegangen und hatte erwartet, dass es eine Abzweigung vom Hauptweg gab. Er fühlte, dass er ganz in der Nähe des Dorfes war. Er setzte sich hin, bemühte sich, was zuerkennen, und hatte verstanden, dass neben ihm ein Maisfeld war. Zu ihm führte ein Feldweg. Er ging auf diesen Weg mit Hoffnung, dass er was findet, um zu übernachten und nicht die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Und er fand es! Sein Herz flatterte vor Freude. Petja setzte sich hin, um das, was vor ihm war, besser zu sehen. Als er verstanden hatte, was es war, atmete er erleichtert auf. Das war wie eine Hütte, die aus Mais Stängeln gebaut war.
„Ahaaa … Die Kinder haben hier gespielt, solange die Erwachsenen auf dem Feld gearbeitet hatten. So war es, wahrscheinlich.“
Er tastete sich durch etwas, was Eingang war, obwohl die Hütte schon schief stand und zusammenbrechen konnte. Petja hatte die Sachen danebengelegt und war rein gekrochen. Auch drin war der Fußboden mit Mais Stängeln bedeckt. Er reichte die Hand raus und hatte seine Sachen reingezogen. Atmete erleichtert auf und wollte aus der Flasche trinken – er hatte schon lange seine trockenen Lippen abgeleckt. Aber die Flasche war leer.
„Wie blöd ich doch bin. Ich konnte doch Wasser bei Pötr nehmen. Er hatte wahrscheinlich mehr Vorräte als ich. Aber man kann nichts machen. Man muss mit einem Apfel zufrieden sein.“
Er holte einen Apfel raus. Aber nach dem Apfel bekam er Hunger und hatte sich das letzte Butterbrot mit Käse und Schinken gemacht. Dieses Mal hatte er nicht lange geschlafen, der Durst weckte ihn. Er hatte Durst! Der Hals war trocken. Petja schluckte die Spucke, aber das hatte nicht geholfen, da war ja auch kaum was. Er nahm einen Apfel raus, biss rein, zog den Saft raus. Im Hals wurde es weicher und er kaute. Es wurde morgen. Die Sonne schien. Das verstand er schon, als er noch in der Hütte war.
„So man muss erst Wasser finden und sich satt trinken. Es wäre auch nicht schlecht, etwas Warmes zu essen.“
Zum warmen Essen hatte er sich noch in der Kindheit gewöhnt. Wie im Kinderheim so auch im Hof hatte es was Warmes dreimal am Tag gegeben. Als er sich daran erinnerte, wollte er noch mehr trinken. Er leckte die trockenen Lippen ab und hatte sich entschlossen ins Dorf zu gehen, die Sachen vorher zu verstecken und mit Mais Stängeln zuzudecken. Er hatte seine Flasche genommen und gesehen, dass er am Rande des Dorfes übernachtet hatte. Ganz in der Nähe waren Zäune und Gärten. Er hatte sich entschlossen, gleich bei der ersten Biegung in die Straße reinzugehen. Den Entschluss gefasst – getan. Petja bog in die Nebenstraße und war, ohne lange zu überlegen, an ein ziemlich großes, gepflegtes Haus gegangen. Das Wichtigste war – der Brunnen im Hof. Er hatte wieder, ohne es zu wollen, die Lippen abgeleckt. Er hatte einen riesigen Durst, wollte trinken, trinken und noch mal trinken.
„Würde jetzt jemand raus kommen, lieber Gott!“, betete er.
Und wirklich, die Tür war aufgegangen und raus kam, man kann auch sagen sprang, ein so fünf-, sechsjähriges Kind, mit einem Ball in der Hand, und hinter ihm sehr schnell – die Oma.
„Wo willst du denn hin? Warte. Ziehe die Weste an, es ist noch kühl!“
Der Junge war aber schon am Tor.
„Kommst du zu uns? Ich habe dich im Fenster gesehen. O! Was hast du da?“ Er zog sich hoch und hatte die Flasche angefasst.
„Das ist eine Wasserflasche, ich möchte trinken. Darf ich bei euch Wasser nehmen?“, fragte Petja die herankommende Hausherrin.
„Selbstverständlich, komm rein und nimm dir Wasser. Wenn du möchtest, kannst du auch reinkommen, bekommst auch ein Glas Tee. Wir frühstücken gerade. Willi hatte dich gesehen und lief mit dem Ball raus. Er sucht immer einen Partner, um mit dem Ball zu spielen. Komm bitte rein.“
Sie machte das Tor auf und hatte Petja ins Haus eingeladen. Von den ersten Wörtern des Kleinen, der auf Deutsch gesprochen hatte, flatterte Petjas Herz, und er sprach mit Vergnügen auf Deutsch. Er hatte es verstanden, dass es nicht so gut war. Die Hausherrin schaute ihn neugierig an:
„Du sprichst gut auf Deutsch, bist aber kein Deutscher?“
„Ja, ich bin ein Russe, habe aber mit einem Deutschen gearbeitet und wohnte mit ihm in einem Zimmer. Deutsch habe ich auch in der Schule gelernt.“
Er hatte gierig den Tee getrunken, nahm auch einen Keks, aber vor allem hatte er Durst und fragte nach noch einem Glas Tee.
„Und was machst du hier, so früh am Morgen?“
„Ich bin nicht von hier. Ich möchte Arbeit finden. Mit Pferden oder auch mit anderen Haustieren. Schon als Achtjähriger habe ich dem Stallknecht geholfen und auch die letzte Zeit arbeitete ich als Stallknecht. Vielleicht haben Sie Arbeit für mich?“
„Nein. Pferde haben wir nur eins und auch nur eine Kuh, keine Hühner. Mein Sohn mit seiner Frau, wir kommen selber zurecht. Jetzt ernten alle Karotten und Kohl. Wenn du Lust hast, kannst du den Stall ausmisten und bekommst dafür ein warmes Mittagessen. Willi lässt auch von dir nicht die Augen, siehst du es? Spiele mit ihm, er hat mich schon müde gemacht, ich habe keine Zeit, auch meine Knochen schmerzen, so wie er kann ich nicht rennen.“
„Einverstanden. Kommst mit, Willi?“
„Ja-ja, komm“, das Kind schaute den jungen Mann an.
„Ich heiße Wanja“, er wunderte sich, dass er den richtigen Namen nannte.
Sie spielten Ball. Wanja hatte es selber gefallen, so auf dem Hof zu rasen. Er fühlte sich wie altersgleich mit dem Sechsjährigen. Das tat ihm so gut! Der Kleine schrie vor Vergnügen. Er jagte und jagte den Ball, hatte sogar einmal den Hühnerstall getroffen – also die sommerliche Abzäunung. Die Hühner flogen nach oben und hatten einen furchtbaren Lärm gemacht.
Die Oma kam raus und klopfte Willi auf den Popo:
„Es reicht jetzt, du hast Wanja schon bis zum Umfallen gejagt und bist selber ganz verschwitzt.“
Sie brachte den Kleinen ins Haus, und Wanja nahm Wasser in die Flasche und hatte getrunken. So wohl fühlte er sich schon lange nicht mehr. Er wartete nicht auf den Kleinen, ging in den Stall und mistete ihn aus, fuhr den Mist raus und bedeckte den Stahlboden mit frischem Stroh. Dann wischte er den Schweiß von der Stirn ab, hatte getrunken und machte die Behälter am Brunnen voll. Er setzte sich hier am Brunnen und lenkte das Gesicht in Richtung Sonne.
„Wanja komm, ich gieße dir Wasser auf die Hände, wasch dich und komm essen. Das Essen ist fertig. Du hast gut gearbeitet.“
Die Frau goss ihm Wasser auf die Hände. Wanja zog bevor das Hemd aus, hatte mit Seife Gesicht, den Hals und die Hände gewaschen, nahm aus ihrer Hand dankend das Handtuch.
„Mein Sohn wird sich wundern, wenn er abends nach Hause von der Arbeit kommt. Er wollte morgen, am Samstag, ausmisten. Die ganze Woche ist er bei der Kohl- und Karottenernte. Er ist Brigadier, aber arbeitet immer mit allen zusammen. Das ist eine schwere Arbeit. Er kommt nach Hause und fällt um. So ist es. Komm, ich lege dir was dazu. Wer gut arbeitet, muss auch gut essen. Oder schmeckt es dir nicht?“
„Es schmeckte sehr gut, aber ich bin schon satt. Da muss noch das Kompott reinpassen. Besten Dank!“ Wanja fasste dankbar ihre Hand an.
„Weißt du was, Wanja, ich empfehle dir auf die Mittelstraße zu gehen. Dort wohnen meist Familien ohne Eltern, ich meine ohne Oma und Opa. Und Kinder hat jede Familie viele, vielleicht nehmen die dich. Wenn es dir hilft, kannst du die von mir grüßen. Uns kennt jeder. Ich heiße Marta Keller und mein Sohn heißt Hermann.“
Willi aß mit großem Appetit.
„Das ist so, weil du viel rumrennst, ist es so, Kleiner?“Wanja raufte ihm die Haare.
„Ich bin nicht klein, ich bin groß. Schau mal!“ Der Junge war vom Stuhl aufgestanden, zog die Ärmel nach oben, hielt die Luft an, strengte die Muskeln an und machte eine Faust:
„Ich bin wie Papa.“
„Du bist ein Prachtkerl! Ich bitte um Verzeihung“ und sie schauten sich mit der Oma lachend an.
„Danke für alles. Ich schau mich im Dorf um und frage mal nach. Auf Wiedersehen.“
„Du kommst aber noch, um mit mir Ball zu spielen? Versprich es mir, Wanja.“
„Ich kann es nicht versprechen, wenn es aber geht, komme ich unbedingt Kl … ! Großer.“
Wanja ging aus dem Tor und winkte ihnen. Sie winkten auch. Wanja ging auf den Hauptweg, der das Dorf in zwei Teile teilte: in den oberen Teil und den unteren Teil, wie es Pötr erklärt hatte. Er war nicht stehen geblieben und ging bis zum Ende des Dorfes. Unterwegs waren ihm Autos voll mit Karotten und Weiß Kohl entgegen gekommen. VonWeitem hatte er den Fluss gesehen und ging weiter. Am Ufer setzte er sich hin, zog die Schuhe aus, die Socken und tauchte mit den Füßen ins Wasser. Das Wasser war wirklich sauber. Man hatte den Boden mit Steinen und Fischen gesehen. Das war am Ufer, weiter war es wahrscheinlich tief. Wanja ging aus dem Wasser, hatte wieder die Socken und die Schuhe angezogen und war zurückgegangen, eine Straße nach der anderen schaute er sich im niedrigen Teil der Siedlung an. Er kam bis zur Mittelstraße, zu einem großen Stein.
„Das ist wahrscheinlich die Grenze zwischen den Höfen“, dachte er. Er setzte sich auf den Stein, nahm die Flasche raus und hatte getrunken. Er merkte, dass ihn jemand beobachtet, hatte sich zum Haus umgedreht und sah zwei neugierige Augen. Wanja schmunzelte, hatte aber so getan, als ob er nichts merkte, konnte sich aber nicht halten und lachte.
Das Mädchen lachte auch. Ihre braunen Augen glänzten. Sie war froh, dass man sie entdeckt hatte, wie beim Versteckspiel. Dann hatte sie aufgehört zu lachen, streckte die Hand aus und sagte:
„Ich will auch trinken.“
Als Wanja die deutsche Sprache hörte, war er erleichtert. Er war aufgestanden und ging zum Tor:
„Du möchtest auch trinken?“
Da kam auf die Terrasse eine junge Frau raus und hatte gerufen:
„Mariechen! Komm und schaukle Walli im Bettchen, ich muss kochen.“
Als sie Wanja gesehen hatte, begrüßte sie ihn freundlich, und wollte schon ins Haus zurückkehren, aber Wanja sagte tapfer auf Deutsch:
„Marta Keller lässt sie grüßen, ich war heute bei denen. Mariechen hat Durst. Darf ich ihr Wasser aus meiner Flasche geben? Das ist Wasser aus Kellers Brunnen.“
„Gut, gib ihr Wasser und komm rein. Das Tor ist nicht geschlossen. Geh ins Haus, ich muss den Kleinen schlafen legen.“
Mariechen nahm Wanja gleich am Tor an die Hand und brachte ihn ins Haus. Das Mädchen schaute ihm in die Augen und lächelte glücklich. Dann war sie stehen geblieben, und Wanja hatte es verstanden: Er nahm die Flasche von der Schulter runter und gab sie ihr, drehte vorher den Deckel ab. Sie hatte mit den Lippen komisch gesaugt, verschluckte sich, machte sich nass, weinte aber nicht, sondern lachte wie eine Erwachsene, und schüttelte das schöne Kleidchen ab.
„Du bist ja, wie eine Prinzessin gekleidet. Und diese schicke Schleife! Hat dir das die Mama gemacht?“
„Ja, die Mama. Sie hat mir auch das Kleid genäht. Ich habe heute Geburtstag, ich bin sechs Jahre alt geworden! Ja, Mama?!“
Sie hatte es in einem Zuge geplappert. Dann fügte sie lachend hinzu:
„Und du bist mein Geschenk! Ich habe einen kleinen Bruder, habe aber keinen großen. Du wirst mein Bruder sein. Versprochen?“
„Ich weiß es nicht, Mariechen, hat Mama nichts dagegen? Man muss Mama fragen, gut?“
Sie kamen schon ins Haus rein, und Wanja schenkte Mariechen Wasser aus der Flasche in einen Becher ein. Sie hatte gleich getrunken. Dann kam die Mutter rein und lächelte – sie hatte das Pappeln von Mariechen gehört.
„Er ist eingeschlafen. Ich muss noch Kuchen backen und ein Festessen vorbereiten. Von ihr habe ich noch wenig Hilfe. Wie heißt du denn, vielleicht kannst du mir helfen? Oder hast du es eilig?“
„Ich heiße Wanja, und habe es nicht eilig, ich helfe mit Vergnügen. Meine ‚Schwester‘ hat heute Geburtstag, und ich bin ihr ‚Geschenk‘, wie sie es nannte“, sprach Wanja lachend und schaute die Hausherrin an.
Sie lächelte auch.
„Gut, Wanja. Ich heiße Rosalie, und wenn die Tochter dich als ‚Geschenk‘ ausgesucht hat, ich habe sie gehört, so bist du für heute ihr Bruder. Was sagt denn Helmut, wenn er von der Arbeit kommt? Was sagt, Papa?“ und sie gab dem Mädchen einen leichten Schubs.
Mariechen hatte die Augen nicht von Wanja gelassen. Sie setzte sich an den Tisch und hatte den Teig, den ihr die Mutter gab, zu rollen angefangen. Der Teig kam schon über den Rand der Kasserolle. Wanja schaute, wie Rosalie die Teig-Stücke nahm, knetete und sieausrollte und auf das Blech legte.
„Backen kann ich nicht, aber ich könnte Kohle oder Holz bringen, Kartoffeln schälen?“ Zuerst schaute sich Wanja in Ruhe um, hatte dann begriffen, wo Brennholz lag, machte den Korb voll und brachte ihn in die Küche. Dann ging er nach den Kohlen. Hatte auch die gebracht, schaute in den Ofen rein, schürte und legte noch Kohle dazu. Alles machte er leise, ruhig und ordentlich. Rosalie schaute ihn neugierig zu. Wanja hatte sich die Hände gewaschen, dann eine Schüssel gefunden, sie voll mit Wasser gemacht, das Messer gefunden, dann zog er zum Stuhl, auf den er sich setzte, den Eimer mit Kartoffeln und fing an zu schälen. Es war merkwürdig, aber sein Herz flatterte nicht mehr. Er atmete tief durch und fühlte sich „zu Hause“.
„Lieber Gott, Petrowna! Bete für mich! Wenn ich mich nicht täusche, kam ich endlich ‚nach Hause‘.“
Mit diesen Gedanken saß er und schälte Kartoffel, mit senkendem Kopf, damit Rosalie es nicht sah, dass er plötzlich weinen musste. Er fand einen Ausweg – hatte gleichzeitig eine Zwiebel geschält, schnaufte, und Rosalie sagte:
„Mach das Messer nass und lege die Zwiebel ins Wasser, sonst wirst nicht nur du, sondern auch Mariechen weinen. Unsere Augen dürfen heute nicht weinen – heute ist ein Festtag. Die Kartoffeln reichen, jetzt noch ein paar Karotten. Dann gehe in den Keller, bringe ein Krug mit Wein, aus dem Fass, vor dem ein Tablett steht. Der Krug ist auch dort, du wirst ihn schon finden, und noch einen angeschnittenen Schinken, der an der Wand hängt, nimm ihn runter und bringe ihn hierher, gut?“
„Ich mache alles. Reichen die Karotten?“
„Ja, sie reichen. Ich kann nicht weggehen, bevor ich den Kuchen aus dem Ofen hole. Ja, Walli hat gut geschlafen, wird wahrscheinlich bald wach werden. Bald ist auch Mariechen mit ihren Brötchen fertig, und die kommen in den Ofen rein!“, sagte Rosalie lachend, als sie die Arbeit der Tochter anschaute, die den Teig in lange Würstchen ausrollte, alles wieder zu einem Klumpen machte und wieder ausrollte. Sie war beschäftigt, und das war wichtig. Aber die Haare, das neue Kleid – alles war mit Mehl bestreut. Aber das Mädchen hatte eine Beschäftigung, und das war für Rosalie wichtig, sehr wichtig.
Walli weinte und Rosalie putzte sich die Hände ab und war ins Zimmer gegangen. Als Wanja aus dem Keller kam, stellte er alles auf den Tisch und schaute ins Zimmer rein. Als er gesehen hatte, dass Rosalie den Kleinen stillte, ging er in die Küche zurück und fragte, was er noch machen sollte. Rosalie hatte gebeten, einen Kohlkopf im Garten zu pflücken, aber keinen großen für Salat. Und, wenn es ging, den Kohl fein raspeln. Wanja war wieder rausgegangen, hatte das Türchen in den Garten gefunden, einen Kohlkopf mit dem Messer, das er in der Küche nahm, abgeschnitten, kam zurück und wollte schon, nachdem er die obere Schicht vom Kohlkopf entfernte, ihn durchschneiden, aber da kam Rosalie rein.
„Spiele lieber mit Walli und nimm Mariechen mit. Komm zu mir Töchterchen, ich klopfe dich ab und wasche dir die Hände. Dort liegt ein Kinderbuch, kannst ihr was vorlesen, sie mag zuhören. Walli wird auch verstehen, dass er nicht alleine im Zimmer ist und wird nicht weinen, und ich mache mich ans Abendessen.“
So hatten sie es gemacht. Man hörte aus dem Zimmer das Lesen und aus der Küche das Klappern des Messers und der Kochtöpfe, und es kam der Duft des frischgebackenen Kuchens dazu. Walli schlief wieder ein unter dem ruhigen, eintönigen Lesen der Märchen. Nur die Augen von Mariechen glänzten, und sie wollte, dass Wanja immer weiter liest. Aber da kam die Mutter, deckte den Kleinen mit der Decke zu und flüsterte:
„Kommt in die Küche! Er soll schlafen. Bald kommt Papa. Du möchtest ihm doch eine Freude machen und ihn am Tor empfangen? Schau, es wird schon dunkel. Wanja, kannst du mit ihr gehen? Sonst werden sie die Schafe und die Kühen umrennen. Die rennen einander um. Kommen in den Hof – und schnell zum Wasser. Und wenn der Trog und die Eimer nicht voll sind, so könntest du vielleicht auch die mit Wasser aus dem Brunnen vollmachen?“
Wanja nahm Mariechen an die Hand, winkte zustimmend mit dem Kopf, und sie gingen raus.
„O, ich danke dir, Wanja, du hast mir heute so geholfen, danke!“
Sie machte mit dem Gemüse, Schinken und den Kartoffeln weiter und ging zum Salat über. Mariechen zog Wanja auf die Straße. Sie gingen in den Hinterhof rein, und Wanja ging zum Brunnen, holte ein paar Eimer Wasser raus und machte den Trog voll. Er machte auch seine Flasche voll, von der er sich die ganze Zeit nicht getrennt hatte – die hing an seiner Seite. Mariechen war wie ein Schatten und wollte wieder aus der Flasche trinken. Dieses Mal hatte sie weniger daneben gegossen, und ihr Lachen klang wie ein Glöckchen in der Gegend. Wanja hörte Lärm aus dem unteren Teil des Dorfes: Gebrüll, Blöken, Knallen der Peitsche. In kurzer Zeit rannten in den Hof zwei Kühe und ein paar Schafe rein. Die hatten einander zur Seite gestoßen und rannten an Wanja vorbei. Gut, dass Wanja Mariechen rechtzeitig auf den Arm genommen hatte, sonst wäre sie von dem Vieh umgerannt worden. Das Vieh trank gierig, und als sie den Durst gestillt hatten, gingen sie auf ihre Plätze. Das wunderte Wanja. Er war noch nicht mit dem Wundern fertig, als in den Hof ein Wagen mit einem Reiter rein kam, der müde vom Wagen gestiegen war und zu denen kam:
„O, Mariechen! Du hast schon einen Verehrer gefunden? Ist es noch nicht zu früh mit sechs Jahren?“
Der Mann hatte das Mädchen auf den Arm genommen, drückte sie lieb an sich und küsste in eine, dann in die andere Wange. Sie nahm den Kopf zur Seite und sagte wie eine Erwachsene:
„Was sagst du da, Papa, das ist mein älterer Bruder. Man hat ihn mir als Geschenk zum Geburtstag geschickt. Das ist Wanja“, und sie zeigte mit dem Fingerchen auf den lachenden Wanja, der gleich den Ausweg gefunden hatte, und fragte:
„Darf ich das Pferd ausspannen?“
„Spann aus, kannst du das?“
„Selbstverständlich kann ich das“, und er eilte zum Pferd. Helmut wunderte sich, wie geschickt er mit dem fremden Tier umging. Das Pferd ließ alles zu und ging, als es ausgespannt wurde, zum Trog mit Wasser. Als es fertig war, hatte Wanja es an der Seite geklopft und ging in den Pferdestall, dann machte er das Tor zu. Als er zurückkam, wollte er was sagen, aber Mariechen war zuerst dran:
„Er ist doch mein Bruder, Papa? Es ist doch so? Er kann so gut Märchen vorlesen. Mama hat immer keine Zeit.“
Sie nahm Wanja an die Hand und zog ihn rein, ohne den anderen eine Chance zu geben, was zu sagen. So kamen sie zu dritt in das Haus rein, wo es so appetitlich nach Braten duftete: Der war fast fertig. Rosalie machte noch den Salat.
„Und, habt ihr euch schon bekannt gemacht?“
„Mariechen machte mich bekannt und überrumpelte mich, hat Wanja als ihren ‚Bruder‘ vorgestellt. Das wundert mich, dass ich mich nicht erinnere, dass ich in der Jugend – und mit wem, das ist die Hauptsache, einen Sohn gezeugt hatte? Hahaha! Na so was!“
„Ja, ja, Helmut, sie hatte auch mich heute überrumpelt, als sie sagte, dass es ihr Geschenk zum Geburtstag ist. Kannst du dir so was vorstellen? Und sie ist den ganzen Tag so froh. Und Wanja hat mir heute so geholfen, er ist ein Prachtkerl. So, das Abendessen braucht noch etwas Zeit. Geh, wasch dich, und ich melke die Kühe. Wanja mit Mariechen werden den Tisch decken, und Papa lauscht, wenn Walli wach wird, wird er ihn nehmen, alles verstanden?“
Sie setzte ein Tuch auf, nahm zwei Eimer und ging raus. Mariechen wusste, wo was in der Küche sich befand, und sie hatten schnell den Tisch gedeckt. Wanja nahm die Wasserflasche ab, setzte sich auf den Stuhl, Mariechen setzte sich ihm gleich auf den Schoß, ohne die Flasche aus der Hand zu lassen, und schaute den Vater ausgelassen an. Er hatte sich gewaschen, ging ins Zimmer, zog sich in saubere Sachen um und kam mit Walli auf dem Arm, raus. Wanja schaute ihn aufmerksam an: ein junger, starker Mann: schwarze, gut geschnittene Haare; dunkle, wie auch bei Mariechen, Augen und über den vollen Lippen, schwarzer Schnurrbart. Und starke, von der Arbeit ermüdete Hände. Helmut hatte auch Wanja angeschaut. Er beobachtete, wie er mit Mariechen den Tisch deckte, als ob sie das schon immer zu zweit gemacht hatten – ruhig, ausgeglichen, lächelten nur einander an. Wenn man sie von der Seite anschaute, konnte man wirklich sagen, dass sie Bruder und Schwester seien. Dieser Junge strahlt Ruhe und Wärme aus, es war angenehm ihn anzuschauen. Freundlich, hübsch. Und Helmut meinte, warum auch nicht, er wäre froh, so einen Sohn zu haben.
Rosalie kam zurück, stellte die Eimer im Flur hin, hatte sie mit Mulde zugedeckt und kam in die Küche. Zufrieden schaute sie den Tisch an.
„Gut habt ihr das gemacht, Kinder. Wollen wir zu Abend essen. Ich wasche mir nur die Hände. Unsere Kühe geben schon wenig Milch, bald muss man sie in Ruhe lassen. Schade. Ich wollte Walli schon zusätzlich Brei kochen. Es ist halt so, man muss auch an die Kälber denken. Alles ist auf dem Tisch. Fangt an mit Essen und ich stille zuerst Walli.“
Rosalie ging ins Zimmer.
„Sie hatte immer am Tisch gestillt, jetzt ist aber ein junger Mann im Haus“, lächelte Helmut. Er nahm sich Braten und Salat, hatte sich aus dem Krug Wein eingeschenkt, schaute dann Mariechen an:
„Komm, ich mache dir den Teller voll, Mama ist ja nicht da. Und du, Wanja, nimm dir selber. Das machte immer Rosalie, aber jetzt ist sie oft mit dem Kleinen beschäftigt. Wir sind ja auch Erwachsen, können es selber machen, ist es so, Mariechen? Möchtest du Wein, Wanja?“
„Nein, lieber Wasser oder Tee.“

test
5 Sterne
Illen Weitre Die Berents Saga1 - 03.02.2019
Juliana Sirp

Ein sehr interessanter Roman, der das Schicksal der Deutschen in Russland widerspiegelt. Empfehlend für alle, die sich für dieses Thema interessieren. Beinhaltet Liebe und Hass, Leidenschaft und Schicksalsschläge. Ist für alle geeignet, besonders für die, die Liebesromane, Krimis oder historische Romane bevor ziehen.

5 Sterne
Besonders unteressant - 11.12.2018
Larissa

Interessante Geschichte, spannend, mal lüstig mal traurig.

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