Deutschland ... Respektlos
oder Ich, der Schiffbrüchige in Deutschland
EUR 24,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 522
ISBN: 978-3-7116-1849-8
Erscheinungsdatum: 02.11.2026
1980 verlässt ein junger Iraner seine Heimat, um in den USA zu studieren. Ein Zwischenstopp in Deutschland sollte nur fünf Tage dauern. Doch aus fünf Tagen werden 46 Jahre – eine bewegende Geschichte über Heimat, Verlust, Hoffnung und Neuanfang.
Kapitel 1
Die Vorgeschichte
Während der Pahlavi-Ära verbesserte sich die Situation für viele Iraner im Vergleich zur vorherigen Qajar-Ära deutlich. Das Land entwickelte sich positiv unter der Führung des Schahs.
Zu dieser Zeit wies der Iran die weltweit längste ununterbrochene Tradition monarchischer Herrschaft auf, die sich über mehr als 2.500 Jahre erstreckte. Diese historische Kontinuität wurde von einigen europäischen Monarchen mit Skepsis betrachtet.
Der größte Fehler der meisten reichen, satten, zufriedenen Iraner 1978/79 war, dass sie aus Rücksicht auf die wenigen aus eigener Familie und Freunde, die an dem Aufstand beteiligt waren, geschwiegen haben und das Feld den Islamisten überlassen haben. Die sogenannte „Islamische Republik“ hat nicht nur dem Iran und den meisten Iranern sehr geschadet und fast alle aus meiner Generation komplett vernichtet, sondern der ganzen Region, dem sogenannten „Nahen Osten“, schwer geschadet. Die wichtigsten Länder der Region und deren Menschen verunsichert und Kriege ausgelöst, die zum Teil bis heute andauern.
Später erfuhren alle Iraner, wie die Amerikaner und Europäer hinter diesem Aufstand von 1979 im Iran steckten und wie massiv die Medien und Regierungen in West und auch in Ost gegen den Schah gemeinsam einen perfiden Plan geschmiedet haben. Jeder auf eigene Art und Bedürfnisse. Warum? Weil das Öl für Europa und Acht-Zylinder-amerikanische Autos zu teuer geworden war.
Zwar lief früher im Iran nicht alles perfekt, aber man hätte bestimmt die meisten Fehler korrigieren können, anstatt die Modernität abzuschaffen und durch Barbarei zu ersetzen. Wo auf der Welt in den 70er-Jahren war wirklich alles vollkommen und in Ordnung?
Viele der Modernisierungsziele, die der Schah einst für den Iran formulierte – etwa die Förderung von Bildung, die Entwicklung einer modernen Infrastruktur und die wirtschaftliche Diversifizierung – wurden in den vergangenen Jahrzehnten von den Golfstaaten, insbesondere den Vereinigten Arabischen Emiraten, Katar und Saudi-Arabien, erfolgreich umgesetzt. So entstanden in diesen Ländern moderne Metropolen wie Dubai und Doha, bedeutende Flughäfen, ein international wettbewerbsfähiges Bildungs- und Gesundheitswesen sowie große Investitionen in erneuerbare Energien und Tourismus. Während der Iran infolge politischer und wirtschaftlicher Herausforderungen viele dieser Entwicklungen nicht im gleichen Maße realisieren konnte, erfuhren die vergleichbaren Reformen in den Golfstaaten breite internationale Anerkennung. Während in der Schah-Zeit ähnliche Modernisierungsbestrebungen im Iran häufig kritisch betrachtet wurden, wurden sie in den Golfstaaten überwiegend positiv aufgenommen. Gab es damals nur im Iran Menschenrechtsverletzungen?
Der Schah wollte, dass Iran sich zu einem fortschrittlichen, modernen Land entwickelt. Damals im Kalten Krieg waren weder die westlichen Länder noch die UdSSR damit einverstanden, dass aus dem Iran ein modernes und starkes Land wird, das über große Vorkommen an Öl, Gas, Uran, Kupfer, Eisen, Gold und vielen seltenen Erden verfügt. Weder die westlichen Länder noch die UdSSR unterstützten dies, da sie befürchteten, dass ein wirtschaftlich und militärisch starker Iran ihre Interessen in der Region gefährden könnte. Als Beispiel kann genannt werden, dass sowohl die USA als auch die Sowjetunion Einfluss auf die iranische Politik ausübten und beispielsweise die nationale Kontrolle über die Ölindustrie oder eigenständige Modernisierungsprojekte kritisch betrachteten, weil sie ihre strategischen und wirtschaftlichen Vorteile bedroht sahen. Ein gebildetes Volk lässt sich nicht leicht ausbeuten.
Während des Zweiten Weltkrieges warfen die Alliierten Reza Shah, dem Vater von Mohammad Reza Shah (dem bisher letzten Schah von Iran), vor, ein Freund von Adolf Hitler gewesen zu sein. Hintergrund dieser Vorwürfe war, dass er zahlreiche Deutsche ins Land geholt hatte, um die iranische Eisenbahn zu bauen. Er kaufte mit dem wenigen Geld des Iran Lokomotiven sowie viele Eisenbahnschienen und -teile aus Deutschland. Diese Investitionen sollten die Infrastruktur des Landes stärken. Die Alliierten befürchteten, dass der Einfluss Deutschlands im Iran ihre strategischen Interessen in der Region gefährden könnte, insbesondere wegen der wichtigen Ölvorkommen und der geografischen Lage Irans. Obwohl Reza Shah darauf bestand, dass sich der Iran im Zweiten Weltkrieg neutral verhält und seine Neutralität nicht aufgeben werde, wurde das Land dennoch in den Krieg hineingezogen.
Die Alliierten versenkten im Persischen Golf mehrere deutsche Schiffe, die Lokomotiven und Schienen für den Iran transportiert hatten. Damit wollten sie verhindern, dass deutsche Technik für strategische Zwecke genutzt wird.
Im Anschluss nutzten die Alliierten die iranische Eisenbahn, um Waffen und andere Güter nach Russland zu liefern und so die sowjetischen Streitkräfte im Kampf gegen Deutschland zu unterstützen. Die Eisenbahn, die zuvor mit Hilfe deutscher Ingenieure gebaut worden war, nutzte dann den Alliierten. Später wurde Iran „Brücke des Sieges“ genannt. Die neu gebaute Eisenbahn spielte eine entscheidende Rolle bei der Versorgung der Sowjetunion mit Nachschubgütern und trug damit wesentlich zum Sieg über Nazi-Deutschland bei.
Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Iran gemeinsam von Großbritannien und der Sowjetunion besetzt. Die Besatzungszone der Sowjetunion erstreckte sich vom Norden bis zur Mitte des Landes, während der Süden unter britischer Kontrolle stand. Reza Schah Pahlavi wurde ins Exil geschickt und durfte bis zu seinem Tod nicht mehr zurückkehren. Während seiner 16-jährigen Herrschaft leitete er zahlreiche Modernisierungsmaßnahmen ein. Der junge Mohammad Reza war kaum 22 Jahre alt. Er durfte den Thron besteigen und blieb als Nachfolger seines Vaters auch während der Besatzung formal an der Macht.
Bereits seit dem 19. Jahrhundert hatten die Briten durch Kolonialpolitik und wirtschaftliche Interessen maßgeblichen Einfluss in der Region. In Indien etablierten sie nach dem Aufstand von 1857 die direkte Kolonialherrschaft (Britisch-Indien, ab 1858), während sie in Ägypten ab 1882 die Kontrolle übernahmen. Auch im Nahen Osten waren die Briten präsent: Im Iran sicherten sie sich Anfang des 20. Jahrhunderts durch den D’Arcy-Konzessionsvertrag (1901) den Zugriff auf die iranischen Ölvorkommen. In Irak und Kuwait festigten sie nach dem Ersten Weltkrieg ihren Einfluss, unter anderem durch das Mandatssystem des Völkerbunds. Besonders in Saudi-Arabien suchten die Briten ab den 30er-Jahren gezielt nach Öl und unterstützten dabei lokale Herrscher, um ihre wirtschaftlichen und geopolitischen Interessen durchzusetzen. Ein weiteres Beispiel für britische Einflussnahme ist die Balfour-Deklaration von 1917, mit der die britische Regierung die Gründung einer jüdischen Heimstätte in Palästina befürwortete – ein Schritt, der weitreichende Auswirkungen auf die Entwicklung der gesamten Region hatte (Quelle: Balfour-Deklaration, 1917).
Im frühen 20. Jahrhundert waren die iranischen Ölreserven Gegenstand weitreichender internationaler Interessen. Die sogenannten Ölverträge zwischen Großbritannien und der damaligen Qajar-Dynastie wurden häufig unter Einflussnahme und Druck zustande gebracht, was in der historischen Forschung unterschiedlich bewertet wird. Reza Shah Pahlavi, der ab 1925 herrschte, kündigte diese Verträge, um die Kontrolle über die nationalen Ressourcen zu stärken. Sein Sohn, Mohammad Reza Shah, setzte diesen Kurs fort und strebte in den frühen 50er-Jahren eine Nationalisierung der iranischen Ölindustrie an – ein Schritt, der international umstritten war und zu erheblichen politischen Spannungen führte. Die britische Regierung, deren wirtschaftliche Interessen betroffen waren, reagierte darauf ablehnend und spielte, gemeinsam mit anderen Alliierten, eine Rolle bei der Absetzung und dem Exil Reza Shahs nach dem Zweiten Weltkrieg. Historiker weisen darauf hin, dass die Motive und Bewertungen dieser Ereignisse je nach Quelle und Perspektive variieren (vgl. Abrahamyan, „A History of Modern Iran“, 2008; Katouzian, „The Persians“, 2009).
Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs übernahmen zunächst die Briten eine maßgebliche Rolle im Nahen Osten, insbesondere durch die Kontrolle über wichtige Rohstoffvorkommen wie Öl und die Etablierung politischer Einflusszonen in Ländern wie Iran, Irak und Kuwait. Ab den 50er-Jahren verstärkten die Vereinigten Staaten ihren Einfluss in der Region, vor allem nach dem Rückzug Großbritanniens aus vielen seiner Kolonien. Die USA engagierten sich zunehmend in wirtschaftlichen und politischen Angelegenheiten, etwa durch Unterstützung von Regierungen oder Einflussnahme auf die nationale Kontrolle über Ressourcen. Diese Entwicklung führte zu einem komplexen Geflecht internationaler Interessen, bei dem westliche Mächte gezielt wirtschaftliche und strategische Ziele verfolgten, was sich unter anderem in der Kontrolle von Rohstoffen und politischen Interventionen widerspiegelte.
Die Frage nach dem Wert von Menschen und ihrem Leben außerhalb Europas und Amerikas lässt sich nicht pauschal beantworten, da internationale Beziehungen und globale Wirtschaftsdynamiken von einer Vielzahl unterschiedlicher Akteure und Interessen geprägt sind. Während Staaten mit militärischer und wirtschaftlicher Stärke – darunter westliche Länder, aber auch aufstrebende Mächte wie China – oft maßgeblichen Einfluss auf kleinere Länder ausüben, sind die Motive und Folgen komplex und vielschichtig. Neben staatlichen Akteuren spielen internationale Konzerne, Finanzinstitutionen und lokale Eliten eine zentrale Rolle, insbesondere in afrikanischen Ländern.
Warum wird oft der Eindruck vermittelt, dass das Leben von Amerikanern und Europäern mehr wert ist als das von Menschen aus anderen Regionen der Welt? Sollte nicht das Leben jedes Menschen – unabhängig von Herkunft oder Nationalität und Religion – den gleichen Wert haben?
In den vergangenen 75 Jahren hat sich gezeigt, dass der Einsatz für Menschenrechte in vielen sogenannten Entwicklungsländern mit komplexen Herausforderungen verbunden ist. Dabei zeigt die Erfahrung, dass nicht alle, die öffentlich für Menschenrechte eintreten, konsequent und immer im Sinne dieser Werte handeln. Es wäre jedoch undifferenziert, alle Menschenrechtsbefürworter über einen Kamm zu scheren, denn es gibt zahlreiche engagierte Einzelpersonen und Organisationen, die sich weltweit glaubwürdig und wirkungsvoll für die Einhaltung der Menschenrechte einsetzen. Leider mit sehr wenig Erfolg.
In den vergangenen Jahrzehnten ist die weltweite Migration deutlich angestiegen. Viele Menschen wandern in westliche Länder aus, um verbesserte Lebensbedingungen und Zukunftsperspektiven zu suchen, häufig auch im Hinblick auf die Chancen ihrer Kinder.
Nicht alle Menschen haben die Möglichkeit oder den Wunsch, ihre Heimat zu verlassen. Häufig können sich nur Angehörige der Mittelschicht oder Oberschicht in ärmeren Ländern eine Auswanderung leisten. Das bedeutet jedoch nicht, dass alle Migrantinnen und Migranten aus diesen Schichten stammen oder ausschließlich aus wirtschaftlichen Gründen in den Westen gehen. Viele verfügen über eine gute Ausbildung oder kommen aus wohlhabenderen Familien, doch es gibt auch zahlreiche Beispiele von Menschen mit ganz unterschiedlichem sozioökonomischem Hintergrund, die sich auf den Weg machen – sei es, weil sie in ihrer Heimat politische Unterdrückung, Einschränkungen der persönlichen Freiheit, Diskriminierung aufgrund ihrer Religion, ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung erfahren. So verlassen etwa manche Menschen ihr Land, weil sie keine Möglichkeit auf freie Meinungsäußerung haben, während andere vor Verfolgung aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit oder sexuellen Identität fliehen. Migration ist daher ein vielschichtiges Phänomen mit ganz unterschiedlichen Ursachen und Motiven.
Häufig spielt auch die politische Situation im Herkunftsland eine große Rolle. In manchen Ländern regieren autoritäre Machthaber, die von westlichen oder östlichen Staaten unterstützt werden und dabei vor allem ihre eigenen Interessen verfolgen. Dies kann dazu führen, dass die Bevölkerung unter Einschränkungen der Lebensqualität und fehlenden Freiheitsrechten leidet. Allerdings ist die Lage oft komplex und unterscheidet sich je nach Land; nicht immer lässt sich die Verantwortung eindeutig zuweisen, da verschiedene Akteure und Interessen im Spiel sind.
Der Shah von Persien, wie Mohammad Reza Shah in Europa und Amerika genannt wurde, erhielt selbst als Kind auf Veranlassung seines Vaters in der Schweiz eine umfassende Ausbildung. In den 50er-, 60er- und 70er-Jahren schickte er nach diesem Vorbild zahlreiche junge Iranerinnen und Iraner nach Europa und Amerika, damit sie sich mit den Besten messen und von den führenden Bildungssystemen profitieren konnten. Ziel war es, dass diese gut ausgebildeten Fachkräfte nach ihrer Rückkehr zur Modernisierung und zum Ausbau des iranischen Bildungssystems beitragen. Tatsächlich kehrten viele Absolventinnen und Absolventen renommierter Universitäten, wie etwa der Universität Heidelberg, der Sorbonne oder verschiedener US-Amerikanischer Hochschulen, in ihr Heimatland zurück. Sie wirkten als Professoren, Ärzte, Ingenieure und Wissenschaftler maßgeblich an der Entwicklung moderner Institutionen, der Einführung neuer Lehrmethoden und dem Aufbau internationaler Netzwerke mit. Langfristig führte diese Bildungspolitik dazu, dass der Iran in vielen Bereichen, etwa in der Medizin, Naturwissenschaft und Technik, einen erheblichen Modernisierungsschub erlebte. Gleichzeitig entstand eine neue, gut ausgebildete Mittelschicht, die gesellschaftlichen Wandel und Reformen vorantrieb. Auch nach der Revolution 1979 profitierten viele Iranerinnen und Iraner von den damals erworbenen Qualifikationen, sei es im Inland oder im Ausland, wo sie zum Teil bedeutende Positionen in Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft einnahmen.
Die Kosten wurden vom iranischen Staat getragen. Interessierte junge Iranerinnen und Iraner konnten sich beim Kulturministerium in Teheran bewerben und eine Sprachprüfung (Ezam) ablegen. Wer bestand, erhielt Unterstützung, Reisepass, Visum und ein Stipendium.
Kurz vor meinem Abitur in Isfahan, im Jahr 1978, legte ich in Teheran diese Prüfung ab und bestand. So konnte ich, wie geplant, in die USA reisen und dort studieren. Unerwartet kam jedoch der große Aufstand gegen den Schah im Herbst 1978 sowie ein Poststreik dazwischen. Damals war es möglich, sich vom Iran aus an Universitäten weltweit zu bewerben, solange man alle erforderlichen Unterlagen in der jeweiligen Landessprache hatte. Dank der guten Beziehungen des Schahs zu den meisten Ländern benötigten Iraner nur für kommunistische Staaten ein Visum; Reisen nach Amerika und Europa waren ansonsten ohne Visum möglich.
Nach der bestandenen „Ezam“-Prüfung habe ich mich in den USA an mehreren Universitäten beworben. Eine Universität in Oklahoma bot mir einen Studienplatz an, verlangte jedoch die vollständige Zahlung der Studien- und Wohnheimgebühren für das erste Jahr im Voraus.
Meine Eltern haben die Kosten übernommen. Ich wartete nur noch auf die Unterlagen von der Uni, um mein Visum für die USA zu beantragen. Ich war überzeugt, bald wie viele meiner Freunde dorthin zu reisen.
Die Post streikte von September 1978 bis März 1979 – alle Briefe und Pakete blieben liegen und wurden nicht zugestellt.
Für mich war das eine sehr schwierige Zeit. Viele meiner besten Freunde erhielten im August noch rechtzeitig ihre Unterlagen, bekamen schnell ein Visum und konnten abreisen. Ich hingegen wartete vergeblich. Oft stand ich stundenlang vor unserem Haus, voller Hoffnung, dass der ersehnte Brief aus den USA vielleicht ankommen würde. Immer wieder spähte ich zur Straße und hoffte, endlich den Postboten zu entdecken – doch jedes Mal blieb ich enttäuscht zurück.
In Isfahan hatte das Militär eine nächtliche Ausgangssperre verhängt. Das bedeutete, dass alle, auch wir jungen Menschen, ab 20 Uhr das Haus nicht mehr verlassen durften. Diese Maßnahme diente dazu, Unruhen einzudämmen und die Kontrolle zu behalten. Das Gefühl eingesperrt zu sein und die ständige Unsicherheit prägten meinen Alltag in dieser Zeit besonders stark.
Nach meinem Abitur fand ich mich plötzlich in einer ungewohnten Situation wieder: Obwohl ich eigentlich immer ein sehr aktiver Junge gewesen war, fühlte es sich an, als müsste ich die Zeit einfach nur totschlagen. Um die endlosen Stunden zu füllen, griff ich oft zu Büchern und versank in der Malerei – beides half mir, meine Gedanken zumindest zeitweise von der Unsicherheit, die überall herrschte, abzulenken. Auch Schwimmen und Radfahren zählten zu meinen Beschäftigungen, doch die Freiheit, draußen unterwegs zu sein, war stark eingeschränkt. An vielen Ecken standen Militär und Panzer, was selbst alltägliche Wege mit einem Gefühl der Bedrohung überzog. Wenn es die Lage zuließ, erledigte ich mit meinem neuen Auto Besorgungen für die Familie – immerhin gab mir das das Gefühl, wenigstens ein wenig nützlich zu sein. Zu Hause übernahm ich zahlreiche Hausarbeiten, versuchte überall zu helfen. Doch trotz all dieser Aktivitäten blieb das nagende Gefühl, dass meine Zeit eigentlich auf etwas ganz anderes ausgerichtet war. Ich war der Einzige in unserer Familie, der nach dem Abitur plötzlich so wenig zu tun hatte – und genau darin lag das Problem: Die Tage zogen sich endlos, ein lähmender Zustand zwischen Stillstand und Erwartung machte sich breit.
Eigentlich hatte ich mir meine Zukunft ganz anders vorgestellt. Nach dem Abitur wollte ich entweder im Iran Medizin studieren oder ins Ausland gehen, um dort mein Studium aufzunehmen. Die Vorfreude auf einen Neuanfang, auf das Campusleben und all die Möglichkeiten war groß gewesen. Doch nun herrschte lange Weile, nichts verlief nach Plan. Die politischen Umwälzungen und die daraus resultierende Lähmung des öffentlichen Lebens hatten alle Perspektiven auf Eis gelegt. Mit jedem Tag, an dem ich auf die entscheidenden Briefe und Unterlagen wartete, wuchs die Ungewissheit.
Auch in unserer Familie war die Situation angespannt und von Veränderung geprägt. Meine Schwestern besuchten weiterhin die Schule, doch auch ihr Alltag war durch Streiks und Schließungen unregelmäßig geworden. Mein Vater war Stellvertreter des Oberbürgermeisters und musste sich tagtäglich mit der instabilen Lage auseinandersetzen. Meine Mutter arbeitete als Dozentin an der Isfahan-Universität; beide gingen noch bis kurz vor dem Zusammenbruch des Regimes ihrer Arbeit nach – stets begleitet von der Sorge, wie es beruflich und familiär weitergehen sollte. Inmitten all dieser Unsicherheiten versuchten wir als Familie, Halt zu finden und den Alltag zu bewältigen, so gut es eben ging.
Uns ging es bis dahin gut und die ungewisse Zukunft des Landes machte uns große Sorgen.
Im Februar 1979 stürzten Mullahs, die Volks-Mojahedin, Kommunisten und Linke im Iran die Monarchie, was das Land in eine ungewisse Zukunft führte. Meine Familie und ich waren zufällig zu diesen Tagen bei Freunden in Teheran zu Besuch und waren von den Nachrichten über die Straßenkämpfe dort tief betroffen.
Khomeini, ein ungebildeter Mullah, ein Agent, der mit Hilfe der ausländischen Mächte aus dem Exil in Baghdad nach Paris gebracht wurde, geschafft hatte, den großartigen Schah zu stürzen, und seine kranke islamische Ideologie sollte ab diesem Zeitpunkt Millionen Menschen das Leben kosten. Seine islamische „Revolution“ sollte die „Welt“ erobern.
Heute, nach 46 Jahren, sieht man, dass „Islam“ auf allen fünf Kontinenten auf dem Vormarsch ist, besonders in Europa, dank Khomeini und seiner europäischen und amerikanischen Verbündeten.
...
Die Vorgeschichte
Während der Pahlavi-Ära verbesserte sich die Situation für viele Iraner im Vergleich zur vorherigen Qajar-Ära deutlich. Das Land entwickelte sich positiv unter der Führung des Schahs.
Zu dieser Zeit wies der Iran die weltweit längste ununterbrochene Tradition monarchischer Herrschaft auf, die sich über mehr als 2.500 Jahre erstreckte. Diese historische Kontinuität wurde von einigen europäischen Monarchen mit Skepsis betrachtet.
Der größte Fehler der meisten reichen, satten, zufriedenen Iraner 1978/79 war, dass sie aus Rücksicht auf die wenigen aus eigener Familie und Freunde, die an dem Aufstand beteiligt waren, geschwiegen haben und das Feld den Islamisten überlassen haben. Die sogenannte „Islamische Republik“ hat nicht nur dem Iran und den meisten Iranern sehr geschadet und fast alle aus meiner Generation komplett vernichtet, sondern der ganzen Region, dem sogenannten „Nahen Osten“, schwer geschadet. Die wichtigsten Länder der Region und deren Menschen verunsichert und Kriege ausgelöst, die zum Teil bis heute andauern.
Später erfuhren alle Iraner, wie die Amerikaner und Europäer hinter diesem Aufstand von 1979 im Iran steckten und wie massiv die Medien und Regierungen in West und auch in Ost gegen den Schah gemeinsam einen perfiden Plan geschmiedet haben. Jeder auf eigene Art und Bedürfnisse. Warum? Weil das Öl für Europa und Acht-Zylinder-amerikanische Autos zu teuer geworden war.
Zwar lief früher im Iran nicht alles perfekt, aber man hätte bestimmt die meisten Fehler korrigieren können, anstatt die Modernität abzuschaffen und durch Barbarei zu ersetzen. Wo auf der Welt in den 70er-Jahren war wirklich alles vollkommen und in Ordnung?
Viele der Modernisierungsziele, die der Schah einst für den Iran formulierte – etwa die Förderung von Bildung, die Entwicklung einer modernen Infrastruktur und die wirtschaftliche Diversifizierung – wurden in den vergangenen Jahrzehnten von den Golfstaaten, insbesondere den Vereinigten Arabischen Emiraten, Katar und Saudi-Arabien, erfolgreich umgesetzt. So entstanden in diesen Ländern moderne Metropolen wie Dubai und Doha, bedeutende Flughäfen, ein international wettbewerbsfähiges Bildungs- und Gesundheitswesen sowie große Investitionen in erneuerbare Energien und Tourismus. Während der Iran infolge politischer und wirtschaftlicher Herausforderungen viele dieser Entwicklungen nicht im gleichen Maße realisieren konnte, erfuhren die vergleichbaren Reformen in den Golfstaaten breite internationale Anerkennung. Während in der Schah-Zeit ähnliche Modernisierungsbestrebungen im Iran häufig kritisch betrachtet wurden, wurden sie in den Golfstaaten überwiegend positiv aufgenommen. Gab es damals nur im Iran Menschenrechtsverletzungen?
Der Schah wollte, dass Iran sich zu einem fortschrittlichen, modernen Land entwickelt. Damals im Kalten Krieg waren weder die westlichen Länder noch die UdSSR damit einverstanden, dass aus dem Iran ein modernes und starkes Land wird, das über große Vorkommen an Öl, Gas, Uran, Kupfer, Eisen, Gold und vielen seltenen Erden verfügt. Weder die westlichen Länder noch die UdSSR unterstützten dies, da sie befürchteten, dass ein wirtschaftlich und militärisch starker Iran ihre Interessen in der Region gefährden könnte. Als Beispiel kann genannt werden, dass sowohl die USA als auch die Sowjetunion Einfluss auf die iranische Politik ausübten und beispielsweise die nationale Kontrolle über die Ölindustrie oder eigenständige Modernisierungsprojekte kritisch betrachteten, weil sie ihre strategischen und wirtschaftlichen Vorteile bedroht sahen. Ein gebildetes Volk lässt sich nicht leicht ausbeuten.
Während des Zweiten Weltkrieges warfen die Alliierten Reza Shah, dem Vater von Mohammad Reza Shah (dem bisher letzten Schah von Iran), vor, ein Freund von Adolf Hitler gewesen zu sein. Hintergrund dieser Vorwürfe war, dass er zahlreiche Deutsche ins Land geholt hatte, um die iranische Eisenbahn zu bauen. Er kaufte mit dem wenigen Geld des Iran Lokomotiven sowie viele Eisenbahnschienen und -teile aus Deutschland. Diese Investitionen sollten die Infrastruktur des Landes stärken. Die Alliierten befürchteten, dass der Einfluss Deutschlands im Iran ihre strategischen Interessen in der Region gefährden könnte, insbesondere wegen der wichtigen Ölvorkommen und der geografischen Lage Irans. Obwohl Reza Shah darauf bestand, dass sich der Iran im Zweiten Weltkrieg neutral verhält und seine Neutralität nicht aufgeben werde, wurde das Land dennoch in den Krieg hineingezogen.
Die Alliierten versenkten im Persischen Golf mehrere deutsche Schiffe, die Lokomotiven und Schienen für den Iran transportiert hatten. Damit wollten sie verhindern, dass deutsche Technik für strategische Zwecke genutzt wird.
Im Anschluss nutzten die Alliierten die iranische Eisenbahn, um Waffen und andere Güter nach Russland zu liefern und so die sowjetischen Streitkräfte im Kampf gegen Deutschland zu unterstützen. Die Eisenbahn, die zuvor mit Hilfe deutscher Ingenieure gebaut worden war, nutzte dann den Alliierten. Später wurde Iran „Brücke des Sieges“ genannt. Die neu gebaute Eisenbahn spielte eine entscheidende Rolle bei der Versorgung der Sowjetunion mit Nachschubgütern und trug damit wesentlich zum Sieg über Nazi-Deutschland bei.
Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Iran gemeinsam von Großbritannien und der Sowjetunion besetzt. Die Besatzungszone der Sowjetunion erstreckte sich vom Norden bis zur Mitte des Landes, während der Süden unter britischer Kontrolle stand. Reza Schah Pahlavi wurde ins Exil geschickt und durfte bis zu seinem Tod nicht mehr zurückkehren. Während seiner 16-jährigen Herrschaft leitete er zahlreiche Modernisierungsmaßnahmen ein. Der junge Mohammad Reza war kaum 22 Jahre alt. Er durfte den Thron besteigen und blieb als Nachfolger seines Vaters auch während der Besatzung formal an der Macht.
Bereits seit dem 19. Jahrhundert hatten die Briten durch Kolonialpolitik und wirtschaftliche Interessen maßgeblichen Einfluss in der Region. In Indien etablierten sie nach dem Aufstand von 1857 die direkte Kolonialherrschaft (Britisch-Indien, ab 1858), während sie in Ägypten ab 1882 die Kontrolle übernahmen. Auch im Nahen Osten waren die Briten präsent: Im Iran sicherten sie sich Anfang des 20. Jahrhunderts durch den D’Arcy-Konzessionsvertrag (1901) den Zugriff auf die iranischen Ölvorkommen. In Irak und Kuwait festigten sie nach dem Ersten Weltkrieg ihren Einfluss, unter anderem durch das Mandatssystem des Völkerbunds. Besonders in Saudi-Arabien suchten die Briten ab den 30er-Jahren gezielt nach Öl und unterstützten dabei lokale Herrscher, um ihre wirtschaftlichen und geopolitischen Interessen durchzusetzen. Ein weiteres Beispiel für britische Einflussnahme ist die Balfour-Deklaration von 1917, mit der die britische Regierung die Gründung einer jüdischen Heimstätte in Palästina befürwortete – ein Schritt, der weitreichende Auswirkungen auf die Entwicklung der gesamten Region hatte (Quelle: Balfour-Deklaration, 1917).
Im frühen 20. Jahrhundert waren die iranischen Ölreserven Gegenstand weitreichender internationaler Interessen. Die sogenannten Ölverträge zwischen Großbritannien und der damaligen Qajar-Dynastie wurden häufig unter Einflussnahme und Druck zustande gebracht, was in der historischen Forschung unterschiedlich bewertet wird. Reza Shah Pahlavi, der ab 1925 herrschte, kündigte diese Verträge, um die Kontrolle über die nationalen Ressourcen zu stärken. Sein Sohn, Mohammad Reza Shah, setzte diesen Kurs fort und strebte in den frühen 50er-Jahren eine Nationalisierung der iranischen Ölindustrie an – ein Schritt, der international umstritten war und zu erheblichen politischen Spannungen führte. Die britische Regierung, deren wirtschaftliche Interessen betroffen waren, reagierte darauf ablehnend und spielte, gemeinsam mit anderen Alliierten, eine Rolle bei der Absetzung und dem Exil Reza Shahs nach dem Zweiten Weltkrieg. Historiker weisen darauf hin, dass die Motive und Bewertungen dieser Ereignisse je nach Quelle und Perspektive variieren (vgl. Abrahamyan, „A History of Modern Iran“, 2008; Katouzian, „The Persians“, 2009).
Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs übernahmen zunächst die Briten eine maßgebliche Rolle im Nahen Osten, insbesondere durch die Kontrolle über wichtige Rohstoffvorkommen wie Öl und die Etablierung politischer Einflusszonen in Ländern wie Iran, Irak und Kuwait. Ab den 50er-Jahren verstärkten die Vereinigten Staaten ihren Einfluss in der Region, vor allem nach dem Rückzug Großbritanniens aus vielen seiner Kolonien. Die USA engagierten sich zunehmend in wirtschaftlichen und politischen Angelegenheiten, etwa durch Unterstützung von Regierungen oder Einflussnahme auf die nationale Kontrolle über Ressourcen. Diese Entwicklung führte zu einem komplexen Geflecht internationaler Interessen, bei dem westliche Mächte gezielt wirtschaftliche und strategische Ziele verfolgten, was sich unter anderem in der Kontrolle von Rohstoffen und politischen Interventionen widerspiegelte.
Die Frage nach dem Wert von Menschen und ihrem Leben außerhalb Europas und Amerikas lässt sich nicht pauschal beantworten, da internationale Beziehungen und globale Wirtschaftsdynamiken von einer Vielzahl unterschiedlicher Akteure und Interessen geprägt sind. Während Staaten mit militärischer und wirtschaftlicher Stärke – darunter westliche Länder, aber auch aufstrebende Mächte wie China – oft maßgeblichen Einfluss auf kleinere Länder ausüben, sind die Motive und Folgen komplex und vielschichtig. Neben staatlichen Akteuren spielen internationale Konzerne, Finanzinstitutionen und lokale Eliten eine zentrale Rolle, insbesondere in afrikanischen Ländern.
Warum wird oft der Eindruck vermittelt, dass das Leben von Amerikanern und Europäern mehr wert ist als das von Menschen aus anderen Regionen der Welt? Sollte nicht das Leben jedes Menschen – unabhängig von Herkunft oder Nationalität und Religion – den gleichen Wert haben?
In den vergangenen 75 Jahren hat sich gezeigt, dass der Einsatz für Menschenrechte in vielen sogenannten Entwicklungsländern mit komplexen Herausforderungen verbunden ist. Dabei zeigt die Erfahrung, dass nicht alle, die öffentlich für Menschenrechte eintreten, konsequent und immer im Sinne dieser Werte handeln. Es wäre jedoch undifferenziert, alle Menschenrechtsbefürworter über einen Kamm zu scheren, denn es gibt zahlreiche engagierte Einzelpersonen und Organisationen, die sich weltweit glaubwürdig und wirkungsvoll für die Einhaltung der Menschenrechte einsetzen. Leider mit sehr wenig Erfolg.
In den vergangenen Jahrzehnten ist die weltweite Migration deutlich angestiegen. Viele Menschen wandern in westliche Länder aus, um verbesserte Lebensbedingungen und Zukunftsperspektiven zu suchen, häufig auch im Hinblick auf die Chancen ihrer Kinder.
Nicht alle Menschen haben die Möglichkeit oder den Wunsch, ihre Heimat zu verlassen. Häufig können sich nur Angehörige der Mittelschicht oder Oberschicht in ärmeren Ländern eine Auswanderung leisten. Das bedeutet jedoch nicht, dass alle Migrantinnen und Migranten aus diesen Schichten stammen oder ausschließlich aus wirtschaftlichen Gründen in den Westen gehen. Viele verfügen über eine gute Ausbildung oder kommen aus wohlhabenderen Familien, doch es gibt auch zahlreiche Beispiele von Menschen mit ganz unterschiedlichem sozioökonomischem Hintergrund, die sich auf den Weg machen – sei es, weil sie in ihrer Heimat politische Unterdrückung, Einschränkungen der persönlichen Freiheit, Diskriminierung aufgrund ihrer Religion, ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung erfahren. So verlassen etwa manche Menschen ihr Land, weil sie keine Möglichkeit auf freie Meinungsäußerung haben, während andere vor Verfolgung aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit oder sexuellen Identität fliehen. Migration ist daher ein vielschichtiges Phänomen mit ganz unterschiedlichen Ursachen und Motiven.
Häufig spielt auch die politische Situation im Herkunftsland eine große Rolle. In manchen Ländern regieren autoritäre Machthaber, die von westlichen oder östlichen Staaten unterstützt werden und dabei vor allem ihre eigenen Interessen verfolgen. Dies kann dazu führen, dass die Bevölkerung unter Einschränkungen der Lebensqualität und fehlenden Freiheitsrechten leidet. Allerdings ist die Lage oft komplex und unterscheidet sich je nach Land; nicht immer lässt sich die Verantwortung eindeutig zuweisen, da verschiedene Akteure und Interessen im Spiel sind.
Der Shah von Persien, wie Mohammad Reza Shah in Europa und Amerika genannt wurde, erhielt selbst als Kind auf Veranlassung seines Vaters in der Schweiz eine umfassende Ausbildung. In den 50er-, 60er- und 70er-Jahren schickte er nach diesem Vorbild zahlreiche junge Iranerinnen und Iraner nach Europa und Amerika, damit sie sich mit den Besten messen und von den führenden Bildungssystemen profitieren konnten. Ziel war es, dass diese gut ausgebildeten Fachkräfte nach ihrer Rückkehr zur Modernisierung und zum Ausbau des iranischen Bildungssystems beitragen. Tatsächlich kehrten viele Absolventinnen und Absolventen renommierter Universitäten, wie etwa der Universität Heidelberg, der Sorbonne oder verschiedener US-Amerikanischer Hochschulen, in ihr Heimatland zurück. Sie wirkten als Professoren, Ärzte, Ingenieure und Wissenschaftler maßgeblich an der Entwicklung moderner Institutionen, der Einführung neuer Lehrmethoden und dem Aufbau internationaler Netzwerke mit. Langfristig führte diese Bildungspolitik dazu, dass der Iran in vielen Bereichen, etwa in der Medizin, Naturwissenschaft und Technik, einen erheblichen Modernisierungsschub erlebte. Gleichzeitig entstand eine neue, gut ausgebildete Mittelschicht, die gesellschaftlichen Wandel und Reformen vorantrieb. Auch nach der Revolution 1979 profitierten viele Iranerinnen und Iraner von den damals erworbenen Qualifikationen, sei es im Inland oder im Ausland, wo sie zum Teil bedeutende Positionen in Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft einnahmen.
Die Kosten wurden vom iranischen Staat getragen. Interessierte junge Iranerinnen und Iraner konnten sich beim Kulturministerium in Teheran bewerben und eine Sprachprüfung (Ezam) ablegen. Wer bestand, erhielt Unterstützung, Reisepass, Visum und ein Stipendium.
Kurz vor meinem Abitur in Isfahan, im Jahr 1978, legte ich in Teheran diese Prüfung ab und bestand. So konnte ich, wie geplant, in die USA reisen und dort studieren. Unerwartet kam jedoch der große Aufstand gegen den Schah im Herbst 1978 sowie ein Poststreik dazwischen. Damals war es möglich, sich vom Iran aus an Universitäten weltweit zu bewerben, solange man alle erforderlichen Unterlagen in der jeweiligen Landessprache hatte. Dank der guten Beziehungen des Schahs zu den meisten Ländern benötigten Iraner nur für kommunistische Staaten ein Visum; Reisen nach Amerika und Europa waren ansonsten ohne Visum möglich.
Nach der bestandenen „Ezam“-Prüfung habe ich mich in den USA an mehreren Universitäten beworben. Eine Universität in Oklahoma bot mir einen Studienplatz an, verlangte jedoch die vollständige Zahlung der Studien- und Wohnheimgebühren für das erste Jahr im Voraus.
Meine Eltern haben die Kosten übernommen. Ich wartete nur noch auf die Unterlagen von der Uni, um mein Visum für die USA zu beantragen. Ich war überzeugt, bald wie viele meiner Freunde dorthin zu reisen.
Die Post streikte von September 1978 bis März 1979 – alle Briefe und Pakete blieben liegen und wurden nicht zugestellt.
Für mich war das eine sehr schwierige Zeit. Viele meiner besten Freunde erhielten im August noch rechtzeitig ihre Unterlagen, bekamen schnell ein Visum und konnten abreisen. Ich hingegen wartete vergeblich. Oft stand ich stundenlang vor unserem Haus, voller Hoffnung, dass der ersehnte Brief aus den USA vielleicht ankommen würde. Immer wieder spähte ich zur Straße und hoffte, endlich den Postboten zu entdecken – doch jedes Mal blieb ich enttäuscht zurück.
In Isfahan hatte das Militär eine nächtliche Ausgangssperre verhängt. Das bedeutete, dass alle, auch wir jungen Menschen, ab 20 Uhr das Haus nicht mehr verlassen durften. Diese Maßnahme diente dazu, Unruhen einzudämmen und die Kontrolle zu behalten. Das Gefühl eingesperrt zu sein und die ständige Unsicherheit prägten meinen Alltag in dieser Zeit besonders stark.
Nach meinem Abitur fand ich mich plötzlich in einer ungewohnten Situation wieder: Obwohl ich eigentlich immer ein sehr aktiver Junge gewesen war, fühlte es sich an, als müsste ich die Zeit einfach nur totschlagen. Um die endlosen Stunden zu füllen, griff ich oft zu Büchern und versank in der Malerei – beides half mir, meine Gedanken zumindest zeitweise von der Unsicherheit, die überall herrschte, abzulenken. Auch Schwimmen und Radfahren zählten zu meinen Beschäftigungen, doch die Freiheit, draußen unterwegs zu sein, war stark eingeschränkt. An vielen Ecken standen Militär und Panzer, was selbst alltägliche Wege mit einem Gefühl der Bedrohung überzog. Wenn es die Lage zuließ, erledigte ich mit meinem neuen Auto Besorgungen für die Familie – immerhin gab mir das das Gefühl, wenigstens ein wenig nützlich zu sein. Zu Hause übernahm ich zahlreiche Hausarbeiten, versuchte überall zu helfen. Doch trotz all dieser Aktivitäten blieb das nagende Gefühl, dass meine Zeit eigentlich auf etwas ganz anderes ausgerichtet war. Ich war der Einzige in unserer Familie, der nach dem Abitur plötzlich so wenig zu tun hatte – und genau darin lag das Problem: Die Tage zogen sich endlos, ein lähmender Zustand zwischen Stillstand und Erwartung machte sich breit.
Eigentlich hatte ich mir meine Zukunft ganz anders vorgestellt. Nach dem Abitur wollte ich entweder im Iran Medizin studieren oder ins Ausland gehen, um dort mein Studium aufzunehmen. Die Vorfreude auf einen Neuanfang, auf das Campusleben und all die Möglichkeiten war groß gewesen. Doch nun herrschte lange Weile, nichts verlief nach Plan. Die politischen Umwälzungen und die daraus resultierende Lähmung des öffentlichen Lebens hatten alle Perspektiven auf Eis gelegt. Mit jedem Tag, an dem ich auf die entscheidenden Briefe und Unterlagen wartete, wuchs die Ungewissheit.
Auch in unserer Familie war die Situation angespannt und von Veränderung geprägt. Meine Schwestern besuchten weiterhin die Schule, doch auch ihr Alltag war durch Streiks und Schließungen unregelmäßig geworden. Mein Vater war Stellvertreter des Oberbürgermeisters und musste sich tagtäglich mit der instabilen Lage auseinandersetzen. Meine Mutter arbeitete als Dozentin an der Isfahan-Universität; beide gingen noch bis kurz vor dem Zusammenbruch des Regimes ihrer Arbeit nach – stets begleitet von der Sorge, wie es beruflich und familiär weitergehen sollte. Inmitten all dieser Unsicherheiten versuchten wir als Familie, Halt zu finden und den Alltag zu bewältigen, so gut es eben ging.
Uns ging es bis dahin gut und die ungewisse Zukunft des Landes machte uns große Sorgen.
Im Februar 1979 stürzten Mullahs, die Volks-Mojahedin, Kommunisten und Linke im Iran die Monarchie, was das Land in eine ungewisse Zukunft führte. Meine Familie und ich waren zufällig zu diesen Tagen bei Freunden in Teheran zu Besuch und waren von den Nachrichten über die Straßenkämpfe dort tief betroffen.
Khomeini, ein ungebildeter Mullah, ein Agent, der mit Hilfe der ausländischen Mächte aus dem Exil in Baghdad nach Paris gebracht wurde, geschafft hatte, den großartigen Schah zu stürzen, und seine kranke islamische Ideologie sollte ab diesem Zeitpunkt Millionen Menschen das Leben kosten. Seine islamische „Revolution“ sollte die „Welt“ erobern.
Heute, nach 46 Jahren, sieht man, dass „Islam“ auf allen fünf Kontinenten auf dem Vormarsch ist, besonders in Europa, dank Khomeini und seiner europäischen und amerikanischen Verbündeten.
...

