Geschichte & Biografie

Der Lungauer Bergbauernbua

Franz Seitlinger

Der Lungauer Bergbauernbua

Erinnerungen von Franz Seitlinger

Leseprobe:

Einführung


Der Bergbauernhof, auf dem ich aufgewachsen bin, befindet sich im südlichen Salzburger Land, Bezirk Lungau, mit dem Hauptort Tamsweg. Ich bin zwei Jahre vor Kriegsende (2. Weltkrieg) geboren und erlebte die Nachkriegszeit. Aus den Erzählungen meiner Eltern erfuhr ich auch einiges über die Zwischenkriegszeit. Nach dem Krieg herrschte großer Arbeitskräftemangel auf dem Bauernhof, und meine Arbeitskraft wurde dringendst gebraucht. Ich mußte sehr bald anpacken und arbeitete bis zu meinem
20. Lebensjahr auf dem elterlichen Hof. Erst als weitere Geschwister heranwuchsen, empfahlen meine Eltern, mich „weiterzubilden“ bzw. eine höhere Schule zu besuchen, was ich auch tat.

Die nachfolgenden „Erinnerungen“ sind zum Großteil aus meinem Gedächtnis entstanden. Ich habe dazu keinerlei Recherchen angestellt (außer der Ahnenforschung). Nach 50 bis 60 Jahren tauchten Jugenderinnerungen wieder auf, die ich niederzuschreiben begann. Die Berichte aus dem Zeitbereich, bei dem ich nicht dabei war, stammen fast ausschließlich aus Erzählungen, vorwiegend von meinem Vater, von der Mama und dem Großvater, die uns alle bereits verließen, bevor ich mit dem Schreiben begonnen hatte. Interessante Informationen bekam ich auch von meiner Tante mütterlicherseits. Zum Zeitpunkt der Fertigstellung dieses Berichtes war sie noch die einzig Lebende von meiner Vorgängergeneration. Was ich über die Arbeit und das Brauchtum schrieb, ist Selbsterlebtes. Ich war dabei und habe mitgearbeitet. Somit kann ich hautnah und wahr wiedergeben, wie es in den 50ern auf einem Bergbauernhof zugegangen und wie es mir in Erinnerung geblieben ist.
Ich lud meine Kinder zum Korrekturlesen ein. Es kamen Anregungen bzw. Bemerkungen zurück, die mich zu mehreren Ergänzungen und genaueren Ausführungen veranlaßten. Aber das oft angemerkte „nix deitsch“, weil die Satzkonstruktionen oft dem „guten Deutsch“ nicht entsprachen, korrigierte ich nur zögerlich.
Nach einigem Nachdenken, und auch durch teilweise zufällig geführte Gespräche, festigte sich meine Meinung, daß nicht nur Dialektwörter, sondern auch Satz- bzw. Ausdrucksweise typisch bleiben sollten.
Ich habe das Buch geschrieben, „wia ma da Schnobe gwoxn is“, wie man auf Lungauerisch sagt, und was nichts anderes heißt, als, ich erzählte frei von der Leber weg. Daß dabei natürlich original verwendete Ausdrücke einflossen, die dem „schönen“ Deutsch nicht angenehm sind, ist mir klar, und ich bestreite das auch gar nicht.
Mir war aber die Originalität wichtiger als ein gepflegtes Deutsch. So habe ich nicht nur viele Dialektwörter (die ich immer in Klammern übersetzte), sondern auch Phrasen und ganze Sätze „original“ geschrieben und belassen, soweit sie aus meinem Gedächtnis so entsprungen sind.
Was das Fotomaterial betrifft, wird der Leser streckenweise nichts finden. Das ist einfach erklärt. Die Hochzeitsfotos wurden vor 1950 nur von Fotografen gemacht. In den 40er Jahren fotografierte mein Onkel, von dem die Bilder aus dieser Zeit stammen. Ab 1958 hatte ich meine eigene Rollfilmkamera und später eine Kleinbildkamera.
Von da an brachte ich „meine“ Fotografien ein. Dazwischen gab es niemanden, der fotografiert hat, daher auch kein Bildmaterial, und ich wollte keine „fremden“ Fotos hereinnehmen, die zu meinen persönlichen Erzählungen gar nicht gepaßt hätten.

Der Verfasser



Der Anfang


Das Gut am Rain war im Besitz der Herrschaft Kuenburg in Tamsweg (bis 1538 nachweisbar).
1708 erkaufte sich offensichtlich ein Vorfahr die vorhandenen Rechte, damit der Besitz auf ihn überginge. Mehr Rechte wurden nicht erworben bzw. konnten nicht erworben werden, denn die Dienstbarkeit scheint bei den früheren Besitzern immer mit gleichen Beträgen auf (bis 1538 zurück).

Wertangabe: 740 Gulden (sehr vage umgerechnet: öS 260.000,– oder ca. EUR 20.000,–) Verkehrswert

Dienstbarkeit - 1 Gulden, 4 Kreuzer
Robot - 20 Heller
Siedlgeld - 4 Heller
Schreibgeld - 2 Heller

Total - 1 Gulden, 4 Kreuzer, 26 Heller – Abgabe an Kuenburg

Freistift – relativ wenig Rechte

Nebenbei: Schreibweise von Tamsweg: im Jahr 1645 Thambsweeg oder Tamathall (Thomatal), 1608 Thämbsweeg.

Ein Nachfahre mußte im Jahre 1885 bereits eine große Summe Geld aufnehmen, um eine ordnungsgemäße Übergabe zu gewährleisten, also lasteten schon beträchtliche Schulden auf dem Hof, die es dem neuen Besitzer nicht leicht machten.
Während des 1. Weltkrieges und danach, als sich Österreich wirtschaftlich kaum erfangen konnte, und als Ende der 20er Jahre noch die Wirtschaftskrise aus Amerika herüber schwappte, setzte auch das große Bauernsterben ein.
Wie auch immer, jedenfalls ging es nicht mehr weiter, auch die Preise für Vieh und andere Waren, die die Bauern verkaufen konnten, waren sehr schlecht. Jüdische Viehhändler beherrschten den Markt, und die drückten die Bauern mit den Preisen, wo sie nur konnten. „Das geb ich dir und keinen Groschen mehr“, so erzählte der Vater, als er einmal eine Kuh vor dem Krieg verkaufen mußte, und der gebotene Preis war niedriger, als man überhaupt wahrhaben wollte. Aber die Händler wußten genau, an andere Bauern konnte er nicht verkaufen, weil die kein Geld hatten, der Vater mußte verkaufen, weil er Geld brauchte, und die Situation wurde schamlos ausgenützt.
Dem Gut am Rain ging es immer schlechter. Gründe wurden verpachtet. Die Pachtbauern verwendeten die guten Gründe als Etz (Weide), und so wurde das Gut natürlich noch mehr herabgewirtschaftet.
Die Besitzerfamilie durfte im Haus bleiben, hatte noch ein paar Kühe und Hühner und das Gachtl (Gemüse- und Krautgarten), um gerade zu überleben. An der Peripherie wurden die einmähdigen Wiesen und Waldstücke verkauft, soweit man sie als solche bezeichnen konnte. Einige Stücke wurden sicher schon vorher verkauft. Die Felder waren so heruntergekommen, daß bereits Sträucher und Fichten darauf zu wachsen begannen.



Dann kam ein neuer Abschnitt


1937 im Herbst kaufte mein Großvater väterlicherseits (Lessach) für seinen einzigen Sohn (mein Vater) das Sachl (den Hof). Der Preis ist unbekannt – es wurden keine Dokumente dazu gefunden. Und im Jahr 1938 übergab er das Sachl an seinen Sohn.
Mein Vater war nicht besonders glücklich, er wäre viel lieber Roßknecht und Kutscher bei der Gräfin Szapari, die zur Zeit die Burg Finstergrün in Ramingstein besaß, geworden. Aber sein Vater lehnte den Wunsch kategorisch ab mit der Begründung, ein Bua muaß a Sachl hobn, also für einen Sohn sei ein Besitz verpflichtend – wohl auch aus der Geschichte verständlich.
Schließlich waren die Streiks der Arbeiter, die um mehr Rechte kämpften, noch in guter Erinnerung.
Es wurden ja die Gewerkschaften formiert, um die Arbeiterschaft zu einigen und zu starken Partnern gegenüber der Industrie zu machen. Aber allgemein wurden sie nur Proleten genannt – es gehörte sich einfach nicht, auf die Straße zu gehen und zu revoluzzen, das war Sandlervolk, das nicht arbeiten wollte. Und in den schlechten Zeiten in den 20er Jahren (in der Wirtschaftskrise) kamen zu den Bauern genug Walzinger (Arbeiter, die übers Land zogen), um Arbeit zu finden oder wenigsten etwas zum Essen zu erbetteln). Mein Vater erzählte oft genug davon, daß manchmal kaum ein Tag verging, wo nicht einer oder gar mehrere seinen Heimathof besucht haben – also es muß ihm ganz schön unter die Haut gegangen sein.

Die Vorbesitzer (meiner Heimat) waren bereits ausgezogen, die Kinder arbeiteten bei verschiedenen Bauern als Knechte und Mägde.
1938 übernahm mein Vater den Hof und machte sich gleich an die Arbeit, viel Arbeit. Es wurde erzählt, daß das Haus kaum zu heizen gewesen wäre, denn überall wehte der Wind durch die Spalten und Ritzen. Im Winter bildete sich manchmal eine kleine Schneewächte unterhalb der Bank in der Küche, die an der Außenwand stand. Es war normal, daß das Gsoachat (der Urin, es war noch immer der Kachel – Nachttopf – üblich) in den Wintermonaten am Morgen gefroren war. Der Nachttopf stand ja im Schlafzimmer jeweils unter einem Bett. Ja, wenn man scheißen mußte, gab es zumindest für die Burschenzimmer manchmal eine Vorrichtung – eine Art Rinne, wo man hineinmachte und das Häuferl dann mit einem Stecken hinaus schubste, wo es draußen auf den Misthaufen hinunter fiel. Beim Brunzen ging es für die Männer wesentlich einfacher. Wie die Menscha (die Mädchen) das machten, weiß ich nicht, dergleichen wurde nie erzählt, aber wahrscheinlich in den Kachel (Nachttopf), der in der Früh dann eben ausgetragen wurde. Der Geruch war sicher erträglich – ich erwähnte ja schon die zugigen Räume.
Also sofort machte sich der junge Bauer, mein Vater (er war 26 Jahre alt), daran, ein neues Bauernhaus zu bauen. Während des Winters 1938/39 wurden schon die behördlichen Sachen erledigt, was angeblich relativ leicht war. Österreich gab es zu diesem Zeitpunkt nicht mehr, Hitler marschierte ja am 13. März 1938 in Österreich ein, und das Land hörte als eigenständiger Staat zu bestehen auf – es war die Ostmark für das Deutsche Reich, für das 1000-jährige Reich unter dem Regime des Nationalsozialismus. Wohl aus den Erfahrungen des 1. Weltkrieges heraus ordnete Hitler an, daß alle Bauern, sofern sie einen ordentlichen Bauernhof bewirtschafteten oder eben wieder aufbauten, nicht zum Militärdienst brauchten, nicht zum Parass mußten, wie der Vater sagte.
Es wurden die teilweise hochverschuldeten Höfe entschuldet, günstige Kredite für die Neuanfänger bzw. den Wiederaufbau eines herabgewirtschafteten Gutes gewährt. Die Juden gab es nicht mehr, die die Bauern aussaugten wie Blutegel.
Hitler setzte auf eine gut funktionierende Landwirtschaft, die vollkommen in der Lage war, das Volk und die Soldaten im Krieg zu ernähren, damit im Krieg, der wohl schon geplant war, nicht von innen her Versorgungs- und Hungerprobleme entstünden (wie es eben im 1. Weltkrieg der Fall gewesen war).
Zurück zum Hof, das alte Haus wurde stehengelassen, das neue Haus wurde einfach vorne daran gebaut, also einfach um die Hauslänge weiter nach vorne versetzt. So konnten alle Leute noch im alten Haus wohnen.
Vom alten Haus gibt es eine Zeichnung, die jedenfalls vor 1938 entstanden sein muß.



Hausbau


Der Vater legte eine Seilbahn vom Hof hinunter zur Mur an, wo der Sand heraufgeseilt wurde.
Steine wurden von den Feldern geholt, nur Zement, Kalk und Mauerbinder mußten mühsam mit Pferdefuhrwerken den noch alten Weg heraufgeschunden werden. Eine Heuwagenladung von 400 kg Baumaterial war schon eine große Schinderei für das Pferd, und das mußte alles von Tamweg, vom Baumeister, geholt werden.
Kein Bagger, kein Kran standen beim Bau – alles wurde mit Schaufeln und Krampen bearbeitet.
Der Kelleraushub, der ja nicht soviel war, weil er ja ohnehin tiefer lag, wurde alles händisch herauf geschaufelt, wo jetzt die Küche, der Gang in den Stall und das Bad (ursprünglich Speis) sind.
Die Stützmauer wurde aufgestellt, somit konnte der Aushub einfach heraufgeschöpft werden.
Die Holzpfosten wurden daraufgelegt und der Küchenboden – einfache Holzbretter – wurde darauf verlegt. Der Kellerboden wurde schließlich betoniert mit Ausnahme des Kartoffelkellers, wo man den Erdboden beließ für die Lagerung der Erdäpfel und Zuckerrüben. Das Haus wurde im Jahr 1939 so weit fertig, daß es bewohnt werden konnte.
Der Vater hat auch erzählt, daß er immer schon um 4 Uhr in der Früh im Stall stand, um die Pferde und Rinder zu füttern, damit er um 6 Uhr schon am Bau sein konnte. Feldarbeit wurde nur das Wichtigste gemacht, es war ja nicht viel vorhanden. Der spärliche Graswuchs auf den Wiesen war leicht zu mähen, noch mit den Sensen damals, und auch die Heuernte ging bei der geringen Menge schnell vonstatten.
Aber natürlich begann der Vater gleich schon mit Umackern, um Getreide (Winterroggen, Gerste, Hafer und später auch Weizen), Erdäpfel und Zuckerrüben anzubauen, damit die Selbstversorgung weitestgehend gesichert war.
Dazu kam noch, daß seine Mutter sehr krank war, sie starb am 26. August 1939, angeblich schon in der jetzigen Stube im neuen Haus. Sie soll sehr lästig gewesen sein, ständig hat sie nach dem Buam geschrien, ihm dann vorgehalten, daß er sich einen Dreck um sie kümmere, aber er hatte ja so viel Arbeit am Bau. Die Helfer, Maurer, Zimmerer durften nicht aufgehalten werden – alles kostete Geld und Zeit.
Abgesehen davon, daß das Haus noch nicht verputzt war, war das Wohnen im Winter 39/40 schon etwas komfortabler, damit meine ich, nicht mehr in zugigen Räumen zu wohnen. Elektrisches Licht gab es noch nicht, man mußte mit Petroleumlampen auskommen, Wasser wurde von der kleinen Quelle, die vor dem Haus vorhanden war, in einem Bassin aufgefangen (das Bassin war etwa dort, wo jetzt die Autogarage ist) und von dort mittels Leiherpumpe sowohl in den Brunntrog hinter dem Stall als auch in die Küche gepumpt – ich kann mich noch vage erinnern an diese Leierpumpe, die dort stand, wo jetzt das Waschbecken in der Küche montiert ist. Es gab nur diese eine Leierpumpe in der Küche – ein Hahn wurde umgelegt, dann wurde das Wasser in den Stallbrunnentrog umgeleitet, ansonsten wurde das Wasser in die Küche geleiert. Der gemauerte Herd hatte einen Gronta (einen eingemauerten Kupferkessel im Aufsatz), der mußte immer mit Wasser aufgefüllt werden, und so hatte man auch immer warmes Wasser zur Verfügung, sofern der Herd geheizt wurde. Aber der Küchenherd wurde sowieso immer geheizt, denn es mußte ja gekocht werden, und die Küche war vorerst wohl der einzige warme Raum im Haus.
Im Jahr 1940 wurde dann das alte Bauernhaus abgerissen und an dessen Stelle das Stallgebäude neu gebaut, direkt angebaut an das Wohnhaus in derselben Flucht zurück, etwa dieselbe Größe wie das Wohnhaus.
Zu diesem Zeitpunkt konnten höchstens 7–8 Stück Rindvieh, eine Ferkelsau (Muttersau) und 1–2 Mastschweinderln, die zu Weihnachten und zu Ostern geschlachtet wurden, gefüttert werden. Einige Hühner und Gänse versorgten die Bauernfamilie mit Eiern und Federn für die Bettwäsche, und ein paar Katzen paßten auf, daß nicht die Mäuse alles wegfraßen.
Oberhalb des Stallgebäudes wurde logischerweise die Tenne und die Hüdang (oberhalb der Tenne der Dachraum) aufgesetzt, wo das Heu und Getreide gelagert wurden.

Wer war zu diesem Zeitpunkt auf dem Hof?

Mein Vater, sein Vater (mein Großvater – väterlicherseits) und bis Ende August 1939 noch Großvaters Frau Rosina. Später noch teilweise eine Tante mütterlicherseits, die Gretl (1942/43/44) und ab etwa 1941 ein lediger Sohn eines Onkels, der Willi.
Später, als der Krieg ausgeweitet wurde, kam auch einmal ein Kriegsgefangener dazu (angeblich ein Polak, ein Pole, dessen Name ist mir nicht bekannt), der in die Familie integriert wurde – bei allen Arbeiten mithalf und am selben Tisch mit der Familie die Mahlzeiten einnahm, so wurde mir erzählt.
Als die größte Bautätigkeit vorüber war, hatte mein Vater auch Zeit für die Liebe. Aber nicht daß er viel Lust hatte zum Fortgehen, nein, gleich beim Nachbarn war eine Dirn, eine Tochter des früheren Bauern (vom Heimathaus).
Es war sicher eher eine praktische, wirtschaftlich notwendige Heirat, vielleicht war auch die Überlegung dabei, daß jemand wieder auf den Hof komme, der sich auskannte, schließlich war der Vater ja neu in diesem Dorf, und auf einen Bauernhof gehörte eben eine Bäuerin.
Wie ich mich erinnere, äußerte sich Mama über ihren Ehemann nicht unbedingt positiv. Z. B. sagte sie, sie habe sich vor dem Standesamt geschämt, als mein Vater bei der Frage nach der Schulbildung angab, er sei in der 4. Klasse Volksschule ausgestanden. Nun, lesen und schreiben konnte mein Vater, wenn auch das Schreiben eine Seltenheit war. Aber dieser „Frust“ der Mama zog sich durch die ganze Ehe, denn immer wieder ließ die Mama ihre Abschätzigkeit gegenüber meinem Vater spüren und spielte so ihre vermeintliche Überlegenheit mit ihrem Dickschädel aus. Mein Vater behauptete sich mit überragendem Fleiß und Einsatz, mit mehr zwischenmenschlicher Erfahrung und auch Weltoffenheit und, wenn notwendig, auch mit einem überlaut starken Streiten und Fluchen. Die Mama konnte allerdings auf
8 Jahre Volksschule verweisen, und sie war natürlich gescheit. Ich erinnere mich, als wir später zur Schule gingen und die Schreibschrift „Latein“ schrieben, bemühte sie sich sehr, auch diese fließend schreiben zu können. Schließlich hatten meine Eltern die Kurrentschrift in der Schule gelernt. Von der Mama lernte ich aber auch Kurrent schreiben.
Sie einigten sich und am 21. Juni 1941 wurde geheiratet. Wenn ich mich recht erinnere, hat Hitler genau an diesem Tag Rußland den Krieg erklärt – also der Krieg wurde ausgeweitet. Zumindest vorerst wurden die Bauern noch in Ruhe gelassen, aber als dann die deutsche Armee im Winter 41/42 den schnellen Vormarsch nicht mehr fortsetzen konnte und mit den ersten Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, wurde vorsichtshalber auch auf die Bauern zurückgegriffen.

Jedenfalls mußte mein Vater schon im Frühjahr 1942 die Grundausbildung zum Militär machen, Vorsichtsmaßnahme – wie es hieß. Dazu mußte er nach Grafenwöhr (in der Nähe von Erlangen in Deutschland) fahren. Sie dauerte nicht lange, ich weiß es nicht genau, aber ich glaube, kaum 2 Monate. Im Sommer war er wieder zu Hause, einige Monate.
Der Krieg wurde immer brenzliger, man brauchte mehr Soldaten, und so wurden auch die Bauern, nachdem die wichtigste Sommerernte vorbei war, einberufen.
Bereits Ende August ging es los, ab in ein Sammellager nach St. Marein im Mürztal. Dann wurden die Rekruten nach Göss bei Leoben überstellt, um auf den Abtransport an die Front zu warten. Die Ehefrau (meine Mutter) reiste mit, um ihren Mann zu verabschieden. Aber da sich die Mama allein nicht reisen traute, sie ja kam vorher nirgends wohin (außer zu Fuß nach Tamsweg zur Schule und Kirche), fuhr auch ihre Schwester mit, damit sie sich nicht zu fürchten brauchte. So erzählte mir meine Tante. Der Vater und die Mama konnten sich ein Zimmer im „Bahnhofshotel“ in Leoben nehmen (Vater bekam Kurzurlaub), und für die Tante war kein Zimmer mehr frei. Sie wartete am Bahnhof in Leoben, bis ihr um etwa Mitternacht der Bahnhofsvorstand sagte, daß ein Zimmer frei geworden wäre, und so konnte sie den Rest der Nacht im Hotelzimmer verbringen. Und laut meiner Tante sei ich damals wohl gezeugt worden.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 448
ISBN: 978-3-99038-227-1
Erscheinungsdatum: 24.03.2014
Durchschnittliche Kundenbewertung: 3
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