Der andere könnte auch recht haben

Der andere könnte auch recht haben

Klaus Pinkas


EUR 16,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 184
ISBN: 978-3-99131-039-6
Erscheinungsdatum: 29.11.2021
Religion sollte die Besinnung fördern; durch ihre Reduktion auf Gläubigkeit hat das Christentum aber nur unzureichend gewirkt, sodass die vorwiegend rationale Aufklärung in eine technische Sackgasse geführt hat, an der zukünftige Generationen leiden werden.
Vorwort

Die Schweiz gibt in einer Generalklausel ihrer Armee den Auftrag, zur Verhinderung von Kriegen und zur Erhaltung des Friedens beizutragen. Da die Demokratie die Idee eines Friedenskonzepts in sich trägt, gilt dieser Auftrag sinngemäß wohl für alle Streitkräfte demokratischer Staaten. Dieses Ziel scheint weder in der Schweiz noch sonst wo zufriedenstellend gelöst zu sein – die Weltgesellschaft steckt tief in einer selbstverschuldeten Sackgasse; so lasse ich mich mit diesem Text auf das Thema ein, warum nicht nur Diktaturen, sondern auch Demokratien dem Ideal einer friedlichen Entwicklung nicht recht gewachsen sind.

Von den 41 Jahren, die ich mit dem österreichischen Bundesheer beruflich verbunden gewesen bin, war ich die kleinere Hälfte beim Heerespsychologischen Dienst mit Meinungserhebungen und den größeren Teil der Zeit an der Landesverteidigungsakademie im Bereich der Sozialwissenschaftlichen Forschung aktiv.

Im weiten Spektrum von Sicherheitspolitik bis zur Pädagogik ist mir die Ungerechtigkeit vieler Menschen dem Bundesheer gegenüber aufgefallen; wegen seines natürlich militärischen Erscheinungsbildes steht es häufig in der gleichen Kritik, die in den demokratischen Staaten dem Krieg gilt. Zwei Weltkriege, in denen die Österreicher auf der Verliererseite standen, hatten in der Einstellung einen Paradigmenwechsel eingeleitet, aber ihn nicht auch emotional und rational vollzogen.

Das Bundesheer ist dem Frieden verpflichtet – und darauf passen viele auf; der Kampf an der Wirtschaftsfront wird so wie weltweit auch in Österreich mit wenig Rücksicht auf die Bedingungen, die für Frieden notwendig sind, geführt und zu wenige haben das bemerkt. Der ökologische Grundsatz „global denken – regional handeln“ ist nicht zur Anwendung gekommen.

Einer der Gründe, warum es so schwer ist, der Gerechtigkeit zum Durchbruch zu verhelfen, liegt in der verbreiteten Dominanz des Sehens vor dem Denken – das Bild eines Marktes ist optisch friedvoller als das Bild eines Panzers. Da ich meiner Blindheit eine Sonderperspektive verdanke, kann ich einer Täuschung, die das Sehen bei vielen Menschen erzeugt, leichter entgehen und kann dem aktuellen Weltmarkt eher die kriegsträchtige Wirkung ansehen, deren Darstellung einen Teil dieses Textes ausmacht. Die Wahrnehmung mit der Dominanz des Sehens und eine mit der Dominanz des Hörens schafft andere „Bilder“ – es lohnt sich, sie abzugleichen.

So beschäftige ich mich mit dem Problem der Wahrnehmung; hier beziehe ich mich auf die Ergebnisse der modernen Gehirnforschung und auf meine Erfahrungen mit dem Yoga; diese beiden sind zwei verschiedene, aber miteinander kompatible Erkenntnistechniken. Auf Grund meiner Beschäftigung mit Yoga in Theorie und Praxis versuche ich diese Erfahrung einzubringen. Indem der Aspirant seine Aufmerksamkeit auf die wahrnehmbaren Funktionen des Gehirns richtet, sucht er seine Sensibilität und damit seine Resilienz zu stärken.

Eine Demokratie wird in einer Verfassung beschrieben; die juridische Dimension schafft sie aber nicht. Sie entsteht und lebt aus dem Umgang der Menschen miteinander, hat also auch eine sozialwissenschaftliche Dimension. Neben meiner Arbeit im Heerespsychologischen Dienst studierte ich Rechtswissenschaften und konnte mich so in beide Denkweisen einleben. Demokratisches Bewusstsein ist gegeben, wenn die Menschen neben dem Anspruch auf Freiheit auch die Bereitschaft zur Verantwortung für andere haben. Ein hierarchisches System weist das Recht auf Herrschaft und die Pflicht zum Gehorsam verschiedenen Gruppen zu.

Weil die Entwicklung der christlichen Kirche gut dokumentiert ist, lassen sich an ihrem Beispiel die zwei entsprechenden Formen des Umgangs der Menschen miteinander deutlich zeigen: zum einen ist es der brüderliche Umgang, der der Demokratie entspricht; zum anderen ist es der patriarchalische, der einem autoritären Herrschaftssystem zuzurechnen ist. Der innerkirchliche Konflikt zwischen Herrschafts- und Befreiungstheologie ist noch im Gang; und in jeder Gesellschaft gibt es diese beiden Mentalitäten auch, wenn auch in unterschiedlichen Quantitäten.

Ein aktuelles Problem der Gesellschaftswissenschaft ist die Tatsache, dass in der liberalen Wirtschaftstheorie der Wirtschaftsprozess weitgehend unabhängig von der gesellschaftlichen Wirklichkeit außerhalb dieses Spektrums betrachtet wird. Beim Kampf des Kapitalismus gegen den Kommunismus ist der Kommunismus zwar vom Kapitalismus besiegt worden; der Wettbewerb zwischen den beiden Wirtschaftsformen hat aber blind gemacht für die mangelnde Verträglichkeit der modernen Wirtschaft an sich. Diese wird nun wegen der Globalisierung gerade durch den Corona-Virus herausgefordert; die Natur bringt sich als ökologischer Faktor ins Spiel. Der Ausgang ist offen.

Vor der gegenwärtigen Krise ging es vor allem um Wettbewerb, heute geht es um Solidarität. Worum wird es nach der Krise gehen? Wenn man aus der Erfahrung lernen will, wird die Krise eine Neuorganisation des gesellschaftlichen Lebens hervorbringen, die nicht nur die wirtschaftliche, sondern auch die ökologische und die militärische Sicherheitspolitik betreffen wird.

Mit dem Hinweis auf den demokratischen Grundsatz, der andere könnte auch recht haben, stelle ich im folgenden Text meine Meinung zur Disposition und räume ein, dass die Leser die Wirklichkeit genauer sehen und besser interpretieren mögen.



5. Die Aufklärung

Einem aufgeklärten Menschen ist ein religiöser Inhalt kaum und auch nicht der volle christliche Glauben zu vermitteln; Auf dem Weg des religiösen Respektverlusts ist allerdings auch der Respekt und die Angst vor der Natur, die stärker ist, als es die Menschen sein können, untergegangen und muss erst mühsam wieder hergestellt werden. „Gottes Mühlen mahlen langsam, aber sicher“, hieß es früher; und die Natur ist auch nicht schnell genug in ihren Reaktionen, um gleich auf jeden menschlichen Missgriff zu reagieren.

Das Christentum erzeugt mit Himmel und Hölle ein verzerrtes Weltbild und hat seine spirituellen Techniken nur für den Fall der Akzeptanz seines Glaubensinhaltes entwickelt; in der Aufklärung ist die Spiritualität als Technik zur Bewusstseinserweiterung und damit zur Förderung der Sensibilität als nützliche geistige Disziplin kaum entwickelt worden; weder der räumliche noch der zeitliche Horizont sind mit den Handlungspotentialen von Wissenschaft und Technik mitgewachsen. Damit sind wir im christlichen Abendland so lange auf geistige Importe angewiesen, bis sich hier ein entsprechendes Bewusstsein entwickeln wird. So lange müssen wir mit dem Mangel leben und den nachfolgenden Generationen die Verantwortung schuldig bleiben.

Der Umgang mit der Welt als Heimat nicht nur für die aktuelle Menschheit, sondern auch für die Folgegenerationen lässt zu wünschen übrig. Die aktuellen Generationen leben, als ob sie die letzten wären; und die Natur reagiert in diesem Sinn! Die letzten 5 Generationen verbrennen die Kohle, die in 50 Millionen Jahren entstanden ist (das Erdzeitalter Carbon dauerte von 350 bis 300 Millionen Jahre vor unserer Zeit); kein Wunder, dass da die Natur sauer reagiert. Es geht um die grundsätzliche Fähigkeit der Menschen, die aktuellen Probleme zu lösen, und nicht darum, Lösungen für historische Probleme vorgesetzt zu bekommen.

Gläubigkeit, die auf einem konkreten Weltbild beruht, bindet; Weisheit macht frei. Wissen und Gedanken, die nicht auf der Bindung an die Welt beruhen, sind nicht weise, sondern illusionär. Die rasche Veränderung der Umstände auf der Welt braucht Gedankenfreiheit; die alten Rezepte des Zusammenlebens der Menschen sind überholt oder beantworten die aktuellen Fragen nicht mehr. Wenn auch die Welt durch eine unverantwortlich genutzte Freiheit zum gegenwärtigen Schlamassel geführt hat, so gibt es doch keine andere Wahl, als die Freiheit des Geistes in den Dienst der Lösung oder Milderung des Desasters zu stellen.

Der Jesuit Karl Rahner (1904 bis 1984) war einer der profiliertesten Theologen der neueren Zeit; er war Motor der Modernisierung der katholischen Kirche im Zweiten Vatikanischen Konzil. Für mich ist er trotzdem ein gutes Beispiel für Glaubensbindung; diese Glaubensbindung beruht auf der Selbsteinschätzung der christlichen Religion, sie sei von Gott geoffenbart worden. Er käme mit dem Gedanken, dass ein barmherziger Gott so viel Ungerechtigkeit wie den Holocaust zulasse, nicht zurecht und er wolle (nach seinen Worten) das Problem als erste Frage nach seiner Ankunft im Himmel an Gott stellen. Im Unterschied zum Gläubigen hat ein Weiser die Möglichkeit, seinen eigenen Standpunkt zu hinterfragen.



15. Ein Gedanke zum Schluss

Wie bei allen Lebewesen entsteht alles Verhalten aufgrund des inneren Wesens in der Reaktion auf die äußere Welt. Im Gegensatz zu den Tieren, deren Verhalten weithin instinktiv gebunden ist, steht dem Menschen ein weiter Handlungsspielraum zur Verfügung, der aus dem „Geist“ entsteht.

Während die Erforschung der Außenwelt natürlicherweise als „Naturwissenschaft“ bezeichnet wird, beschäftigen sich die Geisteswissenschaften und die Religionen traditionell mit dem Innenleben des Menschen. Mit der Entwicklung der modernen Psychologie weiß man nun auch in Europa – anderswo hat es diese Trennung weniger gegeben –, dass der Mensch und sein Geist auch der Natur zugehören.

Um die Menschheit aus der misslichen Lage zu befreien, in die sie sich hineinmanövriert hat, ist es notwendig, dass sich die Wissenschaften kritisch mit den diversen Religionen und die Religionen kritischer um die Vorgangsweise der Wissenschaften kümmern. Es bedarf einer besseren Kooperation zwischen Spiritualität, die den Zugang zum Geist des Menschen öffnen kann, und Wissenschaft, die das Wissen vom Menschen erschließt. Es geht darum, die Wörter „Wozu“, „Was“ und „Wie“ – also Weg und Ziel – besser in Einklang zu bringen. Es ist kein Ergebnis geistiger Größe, so viel Mühe wie die industrielle Kultur aufzuwenden und damit den menschlichen Lebensraum zu schädigen.

Es scheint eine Schwäche der menschlichen Wahrnehmung zu geben, wegen der die Faktoren Prozess und Struktur nicht gut unterschieden werden. Ich nenne hier zwei Beispiele, die für die aktuelle Entwicklung der Politik eine große Rolle gespielt haben und noch spielen.

Die eine Fehlermöglichkeit durchzieht viele Religionen und betrifft sowohl das Christentum als auch den Islam. In einem weiten Wahrnehmungsspektrum finden sich viele Empfindungen, die man dem religiösen Themenkreis zuordnen kann. Das geht von Dankbarkeit ohne konkreten Adressaten und großer Freude ohne äußeren Grund auf der einen Seite bis zum Gefühl, verloren und ausgeliefert zu sein, auf der negativen Seite. Darauf zu reagieren, ohne es in Zusammenhang mit der Welt zu bringen, ist ein Mangel. Hingegen ist es ein Spitzen- oder Gipfelgefühl, sich mit den Mitmenschen, mit der Mitwelt oder gleich mit dem ganzen Kosmos in Einklang zu fühlen. Solche „Erfahrungen“ haben einen großen Einfluss auf das weitere individuelle und gesellschaftliche Leben.

Vergleicht man das Angebot des Christentums mit der Nachfrage danach, so zeigt sich schnell eine Dissonanz. Das Christentum will Komfortplätze im Himmel vermitteln; den Europäern geht es aber im Leben vor dem Tod so gut, dass sie lieber dieses Leben auskosten wollen. Die Sensibleren unter ihnen merken zwar mittlerweile, dass sie mit diesem Leben ihrer Verantwortung ihren Nachfolgegenerationen gegenüber nicht gerecht werden; diese Verantwortung löst ein individueller Einzug in den Himmel nicht auf. Das Christentum hat Gläubigkeit als Ziel gesetzt. Glaube ist ein Faktor der Emotionalität; weil er aber kein Faktor der Sensibilität ist, kann er zur Entwicklung von Weisheit wenig beitragen – und Weisheit wäre gefragt. Der christlichen Kirche war eine feste, auf Glauben gegründete Struktur lieber als der ewige Prozess der Suche nach Erkenntnis.
Das menschliche Verhalten folgt sowohl den Impulsen aus Wissen und Denken als auch denen aus Glauben und Empfinden. Individuelle Entscheidungen laufen oft auch unbewusst ab; um aber den Möglichkeiten der menschlichen Natur gerecht zu werden – also Weisheit zu erlangen –, ist die Nutzung des eigenen Bewusstseins unerlässlich.

Im Westen heißt es, „Durch Schaden wird man klug“; Der Yoga und der Buddhismus bieten Techniken an, um Weisheit auch ohne vorangehendes Leid lehr- und lernbar zu machen. Weise wird eine Entscheidung sein, wenn sie beide Impulsquellen berücksichtigt – also Empfinden und Denken.

Nicht nur im privaten, sondern auch im öffentlichen Bereich ist es viel zu oft der Fall, dass sich die Entscheidungsträger nicht die Zeit nehmen, auf eine weise Lösung zu warten; sie aber nicht einmal zu suchen oder sie durch Vorrangregeln sogar zu verhindern, ist zu kritisieren. In diesem Fall ist Dogmengläubigkeit der Stolperstein.

Um als Religion als Komponente der Weisheit der Wissenschaft als der anderen Komponente begegnen zu können, müssen sich die Glaubensreligionen noch ziemlich bewegen. Sie können derzeit allen, die sich auf sie einlassen, Ruhe des Geistes und Trost im Unglück vermitteln; wenn sie jedoch Rationalität in ihr System einließen, könnten sie auch den Weg der Weisheit beschreiten und an der Verhinderung zukünftigen Unglücks mitwirken.

Auf Weisheit beruhende Entscheidungen sind insbesondere wichtig, wenn es sich um gesellschaftsbezogene Weichenstellungen handelt. Da ist die Demokratie mehr gefordert als eine Diktatur, denn die Demokratie will ja auf das Mittel der Gewalt verzichten. Die Natur des Menschen ist es, glücklich leben zu wollen. Dem Wesen der Demokratie entspricht es, dies gemeinschaftlich zu erreichen; das andere ist der Imperialismus, dessen Wesen es ist, sein Lebensglück auf Kosten und zu Lasten anderer zu erreichen; dafür braucht es Schlauheit und Gewalt.

Die Aufklärung, die dem Denkmodus Vorrang gibt, ist das andere System mangelnder Optimierung. Sie überschätzt den Wert von Zählen und Messen; damit drängt sie die Entwicklung des Gefühlsmodus und mit diesem die Fähigkeit der Bewertung in den Nachrang.

René Descartes (1596 bis 1650) sah in seinem berühmt gewordenen Satz „ego cogito, ergo sum“ („Ich denke, daher bin ich“) die Bestätigung der Existenz des Menschen. Schon Immanuel Kant kritisierte den Satz aus formallogischen Gründen (sein wäre kein reales Prädikat; siehe Kants „Kritik der reinen Vernunft“ (Wikipedia). Der indische Internet-Yogi Sadhguru kritisiert den Satz inhaltlich; er sei falsch, weil er die Kausalität verdrehe. Der Mensch schaffe sich nicht aus seinem Erkenntnisprozess, sondern er erkenne sich aufgrund seiner Existenz. Die Realität ist, dass ihm seine Existenz das Denken möglich macht. Die Aussage „Ich schwitze, daher bin ich“ hätte nach meinem Verständnis keine geringere Aussagequalität als die Aussage Descartes’.

Er stellt im Einklang mit der von ihm begründeten Aufklärung das Denken voran, obwohl der Hauptteil der Selbstwahrnehmung aus dem Gefühl kommt und sich mit den Empfindungen Selbstbewusstsein, Überheblichkeit oder Minderwertigkeitsgefühl einstellt. Das erdachte „Ich“ ist ein Konstrukt; das „erlebte Ich“ ist wirklich. Der Mensch erlebt die Wahrnehmung seines Ichs im Alter von etwa zwei Jahren erstmals; Bewusstsein ist eine originäre, nicht bloß eine derivative Funktion des Menschen.

Die christliche Religion hat dem Glauben als einem der Aspekte der Emotionalität Dominanz über das Denken als einem der Aspekte der Rationalität Vorrang gegeben; die Aufklärung regelte den Vorrang andersherum. In beiden Fällen wurde systembedingt die Sensibilität als Basis der Orientierung vernachlässigt. Mit dem eingebildeten Vorrang des Denkens vor den Gefühlen, wie es die Aufklärung mit sich gebracht hat, ist die Menschheit in die Sackgasse geraten, in der sie sich befindet. Während die Emotionen, also die Gefühle wie die Wünsche und die Ängste das Leben ungehindert vorantreiben, hat sich die Sensibilität wie etwa die Verantwortung nicht ausreichend entwickelt; das System hinkt.

Die die Selbstwahrnehmung betreffende Schlamperei in den beiden historischen Fällen würde ja weiter keine Rolle spielen, wenn sie nicht als Orientierung und als Zielvorgabe weiterwirken würden. Das Christentum propagiert einen Glaubensinhalt, also eine Emotion, als Orientierung fürs Leben; die Aufklärung propagiert das Denken als Führungsinstanz und vernachlässigt damit auch das weite Spektrum der Möglichkeiten des menschlichen Geistes.

So wie die christliche Lehre den Menschen als Körper und Seele dual versteht, bleibt auch Descartes bei dieser Zweiteilung und setzt nur „Geist“ statt der Seele als zweite Entität. Aus der Wissenschaft heraus lässt sich das System differenzierter darstellen. Die Information als Aspekt des Geistes gehört strukturell dem Körper zu; sie befindet sich als DNA in den Zellen. Sowohl die bewusste als auch die unbewusste Verarbeitung der angelegten Informationen in der Reaktion auf die zukommenden Informationen ist aber ein Prozess. Körper und Geist sind eine Einheit mit jeweils unterschiedlichen Funktionen.

Der Yogi stellt das komplexe Beziehungsverhältnis der einzelnen Funktionen in einem Bild dar. „Der Körper ist der Wagen; der Verstand ist der Wagenlenker; die Sinnesorgane sind die Pferde; das selbst oder der ‚innere Mensch‘ ist der Insasse und der Yoga ist das Geschirr, das das System verbindet“. Durch die Konzentration auf sein inneres Wesen versucht der Yogi, mit Hilfe seines Verstandes, sich mit sich selbst und mit seiner Umwelt in Harmonie zu bringen und dadurch glücklich zu werden.

Um den Reduktionismus, der aus der nicht ausreichend entwickelten Aufklärung entsteht, zu zeigen, verweise ich auf ein Beispiel in diesem Buch. Der Prozess auf dem Markt, der zwischen Anbietern und Käufern stattfindet, verändert die Gesellschaft; damit dominiert das Subsystem, nämlich die Wirtschaft, das übergeordnete System, nämlich die Gesellschaft, und schädigt die Welt als den Lebensraum – und die Gesellschaft schaut mehr oder weniger fassungslos zu.

Der Markt ist einer der Möglichkeiten, wie man Produktion und Konsum organisiert; der blinde Glaube an dieses Organisationskonstrukt führt aber zu einigen Fehlsteuerungen und gehört reformiert. Eines der auftretenden Probleme ist die Wandlung von der Demokratie zurück zum Feudalismus, den die Demokratiebewegung abschaffen wollte. Diese Rückwandlung geschieht zwar unter Mitwirkung, ereignet sich aber außerhalb des Bewusstseins der meisten Bürger. Das Scheitern der sozialen Lösungen erschwert auch ökologische Lösungen, die für das friedliche Überleben der Menschheit notwendig sind.
Und auch das Bewusstsein für den folgenden Widerspruch fehlt: die meisten Eltern wünschen ihren Kindern ein gutes Leben; um das aber zu erreichen, ist das aktuelle Marktgeschehen wegen der zu großen Dynamik ungeeignet. Ein individuelles Leben wird gut gelebt, wenn Denken und Fühlen, also Rationalität, Sensibilität und Emotionalität ohne größere Probleme gut miteinander kooperieren. Und für die Gesellschaft mit ihren Äußerungen Wissenschaft und Religion gilt das wohl auch; aber aktuell funktioniert das schlecht. Das Elternbewusstsein geht nicht in das Gesellschaftsbewusstsein über.

Religion ist ihrem Wesen nach auf Besinnung ausgerichtet, Religionen sind aber oft so umgestaltet, dass sie ein institutionelles Eigenleben zu führen beginnen und ihrem eigentlichen Zweck nur schlecht dienen können. Die Wissenschaft ist nur in ihrer eigentlichen Funktion, nämlich der Forschung, an die Rationalität gebunden; die Auswahl, was geforscht wird, und vor allem die Nutzung ihrer Ergebnisse folgen Emotionen. Sowohl für die Religion als auch für die Wissenschaft wäre mehr Sensibilität wünschenswert. So wie für die Religion nicht der Glaube das höchste sein sollte, sondern die Weisheit, sollte auch für die Wissenschaft nicht das Wissen, sondern auch eine weise Nutzung Priorität haben.

Die Sensibilität ist ein notwendiges Differential zwischen den Emotionen Glauben und Wünschen und den Fähigkeiten Wissen und Können. Es geht darum, ein Problem sensibel wahrzunehmen und den Prozess der rationalen Lösung sowie die emotionale Umsetzung sensibel zu begleiten. Die christliche Ethik hat nicht ausgereicht und eine wissenschaftlich-weltliche Ethik beginnt sich erst zu entwickeln.

In der Zeit von Schaufel und Krampen, also vor der Erfindung des Dynamits und des Baggers, war der Raubbau an der Natur nur begrenzt möglich; und vor der Erfindung der Atombombe war ein Krieg als Notausgang aus einem unlösbar scheinenden Schlamassel immer rechtfertigbar und grundsätzlich sinnvoll – aber was können wir heute machen? Um sowohl dem langsamen globalen Suizid durch die Verwendung des Baggers als auch dem schnellen Suizid durch die Atombombe zu entgehen, müssen wir unsere Denkweise weitgehend ändern. Der Auftrag der Schweizer Militärdoktrin, der die Streitkräfte auffordert, „zur Verhinderung von Kriegen und zur Erhaltung des Friedens beizutragen“, wird wohl eine qualifizierte Achtsamkeit verlangen.

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