Den Tschechen entkommen, den Russen entflohen, aus Österreich geflüchtet

Den Tschechen entkommen, den Russen entflohen, aus Österreich geflüchtet

Dr. Rolf Peter


EUR 16,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 108
ISBN: 978-3-99048-090-8
Erscheinungsdatum: 08.05.2015
Dr. Rolf Peter schildert im vorliegenden Bericht von Ende 1945/46 seine abenteuerliche Flucht vor der Roten Armee aus dem ehemaligen Protektorat Böhmen und Mähren in seine Heimat in Württemberg.
WIR EILEN WESTWÄRTS

Der 8. Mai 1945 ist mein vierzigster Geburtstag. Ich betrachte dies als gutes Omen für unseren ungewissen Weg.
Des Nachts richten wir unser Marschgepäck. Gegen 12 Uhr feiern wir mit den Offizieren unserer Truppe bei einem letzten Glase Wein kurz den anbrechenden Geburtstag. Gleichzeitig ist dies der endgültige Abschied vom Amt, der mir sehr schwerfällt. Ich bin glücklich, dass ich die mir ans Herz gewachsene Behörde, die ich aufbauen und 5 1/2 Jahre verwalten durfte, keinem Nachfolger übergeben muss.
Wir sind noch acht Amtsangehörige. Busch, Dr. Schneider, Haas aus Wischau, Frl. Jahn, Drescher, Schwab, Frau Wildomets und meine Wenigkeit. Es ist der letzte Rest von über 33, vier Männer und vier Frauen. Von den vier Frauen wollen zwei mit der Wehrmacht weiter (Jahn und Drescher), weil sie glauben, dort Schutz gefunden zu haben, eine, die ganz in unserer Nähe beheimatet ist (Schwab), möchte zunächst nach Hause. Wir bringen sie im Auto an Ort und Stelle. Wir übrigen 5 haben einen viersitzigen Praga-Lady Wagen und zwei Fahrräder zur Verfügung.
In der Nacht ratschlagen wir über den Weg unserer Flucht. Eingedenk des mitgemachten Partisanengefechts habe ich keine Lust, den direkten Weg westwärts über Deutsch-Brod-Tabor zum Bayer Wald nochmals zu versuchen. Mein Gedanke ist, den Weg weiter nördlich durch den Sudetengau und durch deutschsprachige Gebiete über Glatz zu wählen. Die Kameraden stimmen mich jedoch um. Sie wollen die erstgenannte Route festlegen, die ich am Samstag fahren wollte. Nachdem dies auch der nächste Weg zu Buschs und meiner Familie ist, gebe ich mich letzten Endes nach längeren Überlegungen zufrieden. Der von mir erwogene Weg durch den Sudetengau ist schon sehr gefährdet durch den russischen Vormarsch aus Sachsen und Schlesien mit Richtung Süden. Wir glauben durch das Partisanengebiet leichter zu kommen als durch die vorwärts stürmenden Russen. Vor allem habe ich da ja einige Erfahrung sammeln können, die uns nützlich sein wird. Der südliche Weg über Iglau kommt wegen der unmittelbaren Nähe der russischen Front und wiederum wegen Partisanen nicht infrage.
Ein herrlicher, trockener Maimorgen mit blühenden Bäumen und saftigen Wiesen findet uns im Aufbruch. Enttäuscht und entsetzt bin ich, als ich das viele Gepäck der Kameraden, insbesondere von Dr. Schneider und Frau Wildometz, sehe, die in den letzten Tagen immer mehr beisammen sind, wobei Dr. Schneider Frau Wildometz offensichtlich betreut und poussiert. Beide haben mehr, als sie einzeln und zusammen leicht tragen können. Sie haben Dinge bei sich, die man nicht auf eine so ungewisse Flucht bei sich trägt. Sogar ein Radio schleppen sie mit! Leider blieb alles gute Zureden, das Gepäck im Interesse der Kameraden auf ein Minimum zu beschränken, mit dem man nicht auffällt, nutzlos.
Schon um 6 Uhr früh bringt mich mein Fahrrad allein die wenigen Kilometer nach Boskowitz. Die Straße ist friedensmäßig leer und still. In Boskowitz verständige ich den mir gut bekannten Bezirkshauptmann Dr. Rudolf. Derselbe stellt mir noch eine Kennkarte als Ersatz für meine gestohlenen Ausweise aus, allerdings ohne Lichtbild. Wir besprechen mit ihm den Fluchtweg. Er will nachkommen. Wir können noch Geld in Reichsmarknoten wechseln. Die Amtskasse lasse ich ordnungsgemäß abgerechnet in der Bezirkshauptmannschaft stehen.
Unser Auto ist inzwischen mit den Kameraden nach Boskowitz gekommen. Dr. Schneider, der das Steuer führt, rät zur sofortigen Weiterfahrt. Er hat recht. Wir haben alle das Gefühl: Es ist die letzte Minute.
Wir fahren los. Drei von uns sind in der Limousine. Busch und ich hängen je mit einem Strick mit dem Fahrrad an.
Es gibt noch einen kleinen Aufenthalt, als unerwartet Kamerad Fuchs erscheint, der zum Stellungsbau abgestellt ist. Er bittet um seinen Gehalt. Ich gebe ihm Geld aus meiner Tasche, wir verabschieden uns. Wann werden wir uns wiedersehen?
Unsere Fahrt geht nur bis Lettowitz reibungslos. Dann versagen die Räder. Wir werfen sie kurz entschlossen weg. Busch drängt in den übervollen Wagen. Ich nehme auf einem Kotflügel Platz.
In Brüsau passieren wir durch Volkssturm ungehindert die Protektoratsgrenze. Unser überlasteter Kraftwagen geht überraschend flott vorwärts. Wir freuen uns ob der hindernislosen Fahrt an dem schönen Vormittag.
In Zwittau ändert sich die Lage mit einem Schlag. Von ferne schon sehen wir eine staubige Schlange westwärts strebender Wehrmachtsteile. Eine Stadt in Auflösung treffen wir an. Alles ist auf den Beinen und auf der Straße. Vor den Lauben des stilvollen Marktplatzes sammeln sich die Einwohner, um auf einem der Wagen Richtung Westen zu kommen. Männlein, Weiblein, Kinder, Greise und Babys mit viel und wenig Gepäck harren ungeduldig, ob sie von einem der unaufhörlich durchflutenden Autos mitgenommen werden. Erschütternde, herzzerreißende Bilder! Weinende, laut jammernde Frauen flehen auf den Knien liegend die Fahrer um Mitnahme an, dazwischen schimpfende Männer und Frauen, die sich ohne jede Rücksicht auf andere mit der brutalen Gewalt ihrer Arme durch das Menschengewoge drängen, kreischende Kinder, die ihre Mütter suchen und so fort. Das Herz tut uns weh. Wir können und können diesen armen Menschen nicht helfen, die eine verantwortungslose Staatsführung bis zuletzt dagelassen und praktisch den Russen ausgeliefert hat.
Wir biegen in die fahrende Kolonne und sind von da ab ein kleines Teil der Masse. Nichts als Wagen vor uns; hinter uns Lastwagen, Personenwagen, alle Arten von Wehrmachtswagen, voll von Menschen, unübersehbar. Wie viele Zehntausende mögen es sein? Wir denken an die Unglücklichen, die nicht mitgenommen werden und an die Tausende und Abertausende, die zu Fuß und per Rad neben der Wagenkolonne den schnellsten Weg nach Westen suchen und immer mehr von ihrem drückenden Gepäck in den Straßengraben werfen. Eine geschlagene Armee sucht in Hast und Eile dem Russen und auch dem Tschechen zu entkommen. Wir sind mit vielen, vielen anderen Zivilisten mitten in dieser Armee flüchtender Menschen. Alle haben ein Ziel: den Bayrischen Wald. Wenige sprechen es noch aus, aber es ist so.
Unser Zug nach Westen geht trotz des Gedränges verhältnismäßig zügig vorwärts. Das ist es ja, was den Deutschen immer wieder auszeichnet.
Bei Policka führt die Straße in das Protektorat zurück. Der Ort ist blau-weiß-rot beflaggt. Bilder Beneschs und Masaryks zieren die Fenster der tschechischen Wohnungen. Die tschechische Bevölkerung starrt in die westwärts flutende Masse. Sie verhält sich ruhig. Die deutsche Wehrmacht ist noch bewaffnet.
Nach wenigen Stunden versagt die Kupplung an unserem Auto. Der Wagen steht. Das Fahren in der Kolonne erfordert zu häufiges Anhalten und Anfahren, was der überlastete Wagen nicht aushielt. So stehen wir am Rande der Straße. Busch wird von einem nachfahrenden Motorrad angefahren und leicht verletzt. „Ist das das vorzeitige Ende unserer kurzen Reise? Fallen wir den Russen oder Tschechen in die Hände?“, denken wir bange. Jetzt sind wir die Bittenden! Viele, viele fahren vorbei. Endlich hat einer Erbarmen. Wir werden bis Zdiretz ins Schlepp genommen. Es geht ganz gut, auf jeden Fall besser als zu laufen. Dr. Schneider führt immer noch das Steuer.
Zdiretz, der Ort des Partisanengefechts, gleicht einem Menschenlager und Autoknotenpunkt. Wagen hinter Wagen und eine unübersehbare Menge Deutscher drängen sich zusammen.
Immer noch will alles nach Westen. Die Partisanen sind wie weggeblasen. Wir müssen wiederum bitten, dass uns einer anhängen lässt. Es gelingt nach langem Fragen.
Abends sind wir in Deutsch Brod und damit über 100 Kilometer westlicher als am Morgen. Wir sind zufrieden und setzen uns in der kühlenden, sternenklaren Nacht in unseren Wagen, um so gut wie möglich zu schlafen und uns für die kommenden Tage zu stärken. Währenddessen fährt auf der Straße Wagen um Wagen westwärts, Wagen hinter Wagen, voll beladen mit deutschen Menschen aller Gaue.
In der Frühe eilen auch wir wieder westwärts.
Eine Stunde geht es gut vorwärts. Die Straße ist bedeutend leerer geworden. Bald drängt sich jedoch die Kolonne wieder zusammen. Zuletzt sind zwei Reihen Autos auf der Straße, daneben Fußgänger und Radfahrer. Es gibt Stockungen und lange Halte. Wir machen in der Stunde nur noch 3–5 Kilometer. Die Straßenränder sind gesäumt von brennenden und ausgebrannten Autos, die von ihren Insassen verlassen wurden, weil sie unterwegs versagten oder weil der Brennstoff ausging.
Tschechische Bettler suchen in ihnen noch Brauchbares, vor allem Lebensmittel.
Es ist ein wunderschöner, wolkenloser Maitag. Mein Platz ist oben auf dem LKW, in dessen Schlepp wir sind. Die Kameraden sind im Praga-Lady. Auch heute leiden wir sehr unter der ungewöhnlichen Hitze.
Erst um 15 Uhr am 9. Mai 1945 sind wir am Bahnhof in Tabor. Diese Etappe wäre erreicht! Die Stadt ist beflaggt, blau-weiß-rot. Die Russen werden um 19 Uhr erwartet, sagen die Leute. Wir hören, dass in dem 52 km westwärts entfernten Pisek der Amerikaner sein soll und dass die Demarkationslinie zwischen dem Russen und Amerikaner die Moldau ist, die angeblich bis 24 Uhr nachts von allen westwärts ziehenden Deutschen überschritten sein muss. Wer es nicht schafft, fällt in die Hand des Russen.
Wir sind guter Laune, denn zeitlich müssen wir es ja erreichen. Wir haben 9 Stunden Zeit für etwa 35 km bis zur Moldau.
Tausende von Deutschen sind wieder da, die so wie wir alle nach Westen wollen und geschäftig hin und her eilen und Vorbereitungen treffen, damit sie ihr Ziel erreichen. Alle Autos sind zum Brechen voll. Ich hätte nie geglaubt, dass so viele Menschen in ein Auto passen.
Busch und ich suchen die Wohnungen unserer Frauen. Wir können uns in dem reich beflaggten Tabor, in dem die Bewohner zum Empfang der Russen rüsten, frei bewegen. Den Weg zu dem kleinen Hause, welches unseren Familien als Unterkunft diente, finden wir. Werden wir auch die Gesuchten finden? Wir läuten, niemand macht auf. In der engen Gasse haben Nachbarn bemerkt, dass wir in das Haus wollen. Wir werden beobachtet. Noch mal läuten wir. Endlich kommt jemand von oben und öffnet scheu die Türe. Es ist die alte Frau, die ich von meinem Besuch im April kenne. Sie sagt in gebrochenem Deutsch, dass unsere Frauen und Kinder nicht mehr da sind. Dies ist schmerzlich für uns, andererseits sind wir doch froh, weil eine Flucht ohne den Anhang der Familie für uns mehr Aussicht auf Erfolg hat. Wir erfahren, dass unsere Frauen am 5. Mai, also am Tage meiner letzten und so erlebnisreichen Dienstreise, in einem Lastwagen mit allem Gepäck gesund und munter westwärts über Pisek nach Petrowitz, das in der Nähe von Bayrisch Eisenstein, aber innerhalb des Protektorats liegt, gebracht wurden und dass es sich um eine tschechische Siedlung handelt. Weiter erfahren wir, dass Kollege Hauger und Frau dabei sind. Wir sind einigermaßen beruhigt, weil wir nun Frauen und Kinder beim Amerikaner wissen, zwar nicht ganz sicher, aber doch nach menschlichem Ermessen anzunehmen.
Sicher ist auf jeden Fall, dass sie nicht mehr beim Russen sind und auch nicht Gefahr laufen, in die Hände des Russen zu fallen.
Die arme Frau, die uns in der Zwischenzeit in ihre Wohnung geführt hat, weint bitterlich. Sie ist eine Tschechin, deren Tochter sich zum Deutschtum bekannt und einen deutschen Offizier geheiratet hat, von dem sie seit mehr als Jahresfrist nichts mehr weiß. Sie selbst ist auch deutsche Staatsangehörige geworden. Jetzt hat sie schreckliche Angst vor den Tschechen. „Die Tschechen lynchen uns“, meint sie laut aufschluchzend. „Wo sollen wir hin?“, ruft sie ein über das andere Mal. Busch und ich können leider nicht helfen, weil wir selbst auf fremde Hilfe angewiesen sind. Es schneidet uns ins Herz, gerade den beiden Frauen, die uns halfen, indem sie 4 Wochen lang unsere Familien aufnahmen und betreuten, in dieser bitteren Not nicht helfen zu können. Die beiden Frauen hätten früher, spätestens mit unseren Frauen wegmüssen. Arme, arme Menschenkinder! Nun sind sie ganz der tschechischen Volkswut ausgeliefert. Wir selbst müssen schauen, dass wir heil aus dem Haus kommen, nicht dass auch wir noch von Tschechen festgehalten werden. Wir wollen nun eiligst über Pisek, Strakonitz, Schüttenhofen nach dem genannten Petrowitz, um dort zu unseren Familien zu kommen.
Der Fahrer des Lastwagens, an dem wir die Strecke von Deutsch-Brod bis Tabor anhängen konnten, zaudert. Er hat Marschbefehl nach Budweis. Dort sind aber bereits die Russen. Auf der Straße Budweis-Tabor rücken die Russen vor. Der Lastwagen kann also unmöglich Richtung Budweis fahren. Nun telefoniert der Fahrer mit seiner vorgesetzten Dienststelle und bittet um weitere Befehle. Er selbst weiß sich nicht zu helfen. Dieses Zaudern und dieser Zeitverlust regen uns auf und lassen uns nach einer anderen Fahrmöglichkeit Richtung Westen suchen.
Gegen unsere letzten 50 Liter Benzin, die wir nicht in unserem Auto haben, nimmt uns ein Wagen, diesmal ein vollgepfropfter Omnibus, Richtung Westen mit. Um 16 Uhr fahren wir aus Tabor. Wir sehen wieder deutsche Frauen mit ihren Kindern auf dem Boden knien und weinen und bitten und betteln, dass sie mitgenommen werden, damit sie nicht in die Hände der anrückenden Russen fallen. Schrecklich, diese Szenen!
Endlich sind wir aus der Stadt. Es geht sehr langsam. Stockungen über Stockungen von immer längerer Dauer halten uns auf. Ein Tscheche ödet uns an, weil unser Wagen ein „Praga-Lady“, also ein tschechisches Fabrikat ist, und deswegen angeblich nicht aus der jungen Tschechoslowakischen Republik darf. Um 21 Uhr sind wir noch 12 Kilometer von der Moldau entfernt. Wir sehen den ersten amerikanischen Flieger über uns. Er fliegt langsam wie ein „Fieseler Storch“ und klärt auf. Die Soldaten werfen in immer größerer Zahl ihre Waffen weg und bringen Munition zur Detonation. Diese Erscheinungen der Auflösung erschrecken mich. Das Waffenwegwerfen ist ja sehr gefährlich, weil die Tschechen die Gewehre und Pistolen aufheben und mitnehmen und gegen uns Deutsche richten. Gerüchte werden laut: Die Demarkationslinie sei gesperrt, es dürften nur noch Verwundete auf die andere Seite, Verhandlungen schwebten zwecks Übergabe an die Amerikaner, der Russe sei bereits dicht hinter uns.
Das mutwillige und gefährliche Schießen wird verboten. Es soll der Wunsch des Amerikaners sein, der uns sonst nicht in Empfang nehmen will. Anscheinend wird nicht mehr gekämpft.
Da, es geht weiter! Nach 100 Metern stehen wir wieder. Erneute Gerüchte. Einzelne verlassen die Wagen und gehen zu Fuß. Andere kehren bereits zurück, weil das Verlassen der Wagen angeblich verboten ist. Sie suchen ihre Einheit und ihre Kameraden. Was tun wir? In die Hand des nachdrängenden Russen fallen? „Nie lebendig“, denke ich. Also weiter!
Ich kupple unseren Wagen von dem Omnibus los. Wir schieben ihn links heraus, lassen ihn stehen und nehmen unser Marschgepäck auf den Buckel.
Wir sind uneinig und zaudern. Alle Kameraden wollen nicht mit. Dr. Schneider ist für Zuwarten. Endlich geht auch er. Unseren Kameraden Haas haben wir inzwischen in dem unheimlichen Gedränge und Gewühle verloren. Wo mag er sein? Er saß auf einem anderen Auto. Wir suchen und rufen in der Dämmerung. Vergebens! Weg ist er.
Für 12 Kilometer haben wir noch 2 1/2 Stunden Zeit. Das muss reichen. Es muss auch unter den heutigen Verhältnissen reichen: Die Straße ist voller Kraftwagen und Menschen, die vorwärts und rückwärts fahren und laufen, die rücksichtslos überholen und Sirenensignale geben und die Menschen aufgeregt machen. Unglaubliche Parolen gehen von Mund zu Mund. Es hupt und ruft und schreit auf der staubigen Straße. Lichter funkeln und blenden in der finsteren Nacht. Motorräder rasseln. Radfahrer drängen zu Fuß. Auf ihren voll gepackten Rädern können sie in dem Getümmel auf der Straße nicht mehr fahren. Jeder glaubt etwas zu wissen. Praktisch weiß aber keiner was.
Auflösung, Chaos! Da hilft nur ein eiserner Wille und zielstrebiges, bedachtes und überlegtes Handeln.
Wir können auf der Straße nur schwer gehen. Von der rechten werden wir auf die linke Straßenseite abgedrängt. Wir müssen mehrmals durch den Straßengraben und seitlich auf der Wiese marschieren. Menschen stürzen in der schwarzen Dunkelheit über Gepäckstücke, über Füße anderer, über Wagen und Räder. Wir verlieren uns und finden uns wieder.
Busch und ich tragen neben dem Marschgepäck unseren schweren Schmalztopf. Mehrmals fallen wir auf der Straße und in den Graben. Der Henkel des Topfes bricht. Das wertvolle Schmalz muss zurückbleiben. Dr. Schneider und Frau Wildometz, die ein eigenartiges Verhältnis verbindet, fehlen wiederum. Wir laufen zurück. Wir rufen. Wo sind sie? Keine Antwort, nichts zu sehen, nichts zu finden! Sind sie etwa vor uns?
Die beiden haben sich zu viel Gepäck zugemutet. Jetzt schon zeigt sich, dass sie die anderen dadurch aufhalten. Busch und ich reden und schimpfen gerade darüber, da fährt mich ein Motorrad rücksichtlos zu Boden. – Gott sei Dank ist es nicht so schlimm, wie es zunächst aussieht. Alle Knochen tun mir zwar weh, aber ich kann noch laufen und bin unverletzt.
Wir eilen weiter. Es geht durch eine Ortschaft. Dasselbe Chaos, dieselbe Auflösung! Wir halten uns an unseren Hände, damit wir uns nicht auch noch verlieren.
Die Straße wird wieder leerer. An einem Gehöft ist sie von der Wehrmacht abgesperrt. Kein Mensch darf weiter. Warum? Es ist nicht zu erfahren. Wir wollen stur durch. Der Posten weist uns zurück. Dennoch strebe ich weiter nach Westen. Die Moldau ist noch etwa 4 km entfernt. Es muss gelingen. Busch ist übermüdet und mürrisch. Er hat Durst, der nicht zu stillen ist. Die Uhr zeigt schon 22 Uhr 30.
Die dunkle Nacht ist heute unser Freund. Wir gehen durch einen tiefen Graben in die seitliche Wiese und fallen zunächst über schlafende und ruhende Menschen, die wir in der Dunkelheit nicht sehen, sondern nur greifen können. Weiter! Immer weiter! Ein Kartoffelacker nimmt uns auf. Wir gehen nun wieder parallel zur Straße und einige Hundert Meter später in einem großen Bogen auf sie zurück. Die Absperrung ist hinter uns. Auch Busch ist einigermaßen zufrieden, nachdem es in einem Schulhaus überraschend Trinkwasser gibt. Die Straße ist völlig leer. Wir können ausschreiten.
Später kommen wieder Menschen. Es geht in einen Wald. Die Straße verläuft bergab. Überrascht stehen wir auf einmal an der Moldaubrücke. Die Demarkationslinie ist erreicht. Es ist halb 12 Uhr nachts. Wir sind dem Russen entflohen und atmen erleichtert auf. Das wäre geschafft, sagen wir zueinander. Wenn jetzt nur die beiden anderen auch da wären, denken wir, als wir unsere Füße auf die Brücke setzen.
Ein Licht geht blitzartig und grell auf. Wir sehen Panzer und erschrecken. Amerikanische Panzer? Halten die Amerikaner schon die Demarkationslinie besetzt? Warten sie wohl hier auf die Russen, die so wie wir vom Osten kommen?
Die Soldaten auf der Brücke sind zweifellos Amerikaner. Wir haben zwar noch nie welche gesehen, hören aber englische Stimmen. Unsere Vermutung muss also richtig sein.
Wir laufen geradeaus vorwärts und sind nicht mehr weit von den Amerikanern weg. Da gebietet ein deutscher Posten, den wir gar nicht beachtet haben, Einhalt.
Niemand darf mehr die Brücke überschreiten und die Demarkationslinie passieren. Der Posten ist unbewaffnet. Er erklärt, der Krieg sei aus, Deutschland habe kapituliert und es werde daher nicht mehr geschossen.
Bitter enttäuscht und niedergeschlagen sind wir. Die Rettung ist so greifbar nahe. Wie entkommen wir den Russen?
Angeblich sollen die Amerikaner morgen früh um 6 Uhr nochmals für kurze Zeit die Brücke passieren lassen. Der Übergang ist schon seit dem frühen Nachmittag gesperrt, seitdem die Amerikaner Brücke und Demarkationslinie besetzen.
Unsere übermüdeten Füße tragen uns kaum mehr. Wir wollen ganz nahe der Moldau im Walde unter einem Baum schlafen.
Erst beim Verlassen der Straße und beim Eintreten in den dunklen Wald merken wir, dass derselbe von schlafenden Menschen übervoll ist. Da liegen ja unter jedem Baum in Decken notdürftig eingehüllt Menschen. Es ist beinahe unglaublich, aber alle wollen noch hinüber zum Amerikaner. Endlich finden auch wir noch ein Plätzchen. Ein kurzer Imbiss aus dem Rucksack. Wir hüllen uns in die Decke. Ich sehe noch Tausende und Abertausende von Sternen, die am Nachthimmel flimmern und die auch in der Heimat leuchten, und die hohen, majestätischen Tannen über mir und schlafe ein.
Der erwachende Morgen findet uns schon um 5 Uhr auf den Beinen. Wir wollen ja über die Moldau. Die Menschen stellen sich an der Brücke an und warten. Viele, sehr viele sind es. Es werden immer mehr. Wagen kommen angebraust. Vor der Brücke steht allmählich eine nach rückwärts unübersehbare Wagenreihe. Alle Autos sind voller Menschen: Soldaten, Zivilisten, Frauen, Kinder jeden Alters, Greise, Gesunde und Kranke.
Neben der Wagenreihe stellen sich die Fußgänger in Marschkolonne auf. Zuerst sind es Viererreihen. Die Amerikaner ordnen Sechserreihen an. Es ist eine unübersehbare Schlange.
Wie viele mögen es sein? Es sind Hunderte, Tausende, nein Zehntausende deutscher Menschen.
Sechs Uhr ist längst vorbei. Es ist heller Tag. Niemand darf noch über die Brücke. Deutsche Offiziere kommen. Sie sprechen mit den Amerikanern, von denen sich kein Offizier zeigt. Wir sehen es gut, weil wir ganz vorne sind.
Sieben Uhr, acht Uhr, niemand darf über die Brücke.
Auf einmal kommt Bewegung in die Massen: Die Amerikaner haben verlautbart, dass Fußgänger überhaupt nicht über die Brücke dürfen. Die Straße muss sofort zur Hälfte freigemacht werden. Alles muss auf die Wagen.
Ein Sturm auf die Autos ist die Folge dieser schikanösen Anordnung. Sie sind ja schon übervoll. Wir bitten und beten mit vielen Tausenden anderer und werden überall abgewiesen. Immer weiter zurück gehen wir an der Autoschlange. Endlich haben wir einen unscheinbaren Platz auf einem mit Frauen besetzten LKW gefunden. Sie murren zwar, die Frauen, aber es geht. Später stellen wir fest, dass es Luftwaffenhelferinnen sind, welche ihre Uniform abgelegt haben.
Lange dauert es, aber zuletzt sind alle, die vorher auf der Straße standen, auf Wagen wenigstens so untergebracht, dass sie gerade über die Brücke fahren und dann zu Fuß weitergehen können. Die linke Straßenseite ist leer.
Es wird neun Uhr, zehn Uhr, kein Wagen darf die Brücke passieren. Vier deutsche Generale verhandeln. Endlich kommt ein amerikanischer Offizier. Es ist ein Leutnant. Ich gehe immer nach vorne, schaue mir die Lage genau an und spitze die Ohren. Busch ist ziemlich teilnahmslos. Er hat die Nase voll und schläft im nahen Walde.
Nichts, rein gar nichts ist zu machen. Es darf niemand über die Brücke. Die Russen sollen in Tabor und auf unserer Straße im Anmarsch sein. Sie sollen die Wagenkolonne beschossen haben, berichtet ein Offizier, der von rückwärts kommt.
Jetzt wird mir klar, dass die Fußgänger die eine Straßenseite nur räumen mussten, damit die Russen ungehindert anfahren können. Eine perfide Schweinerei, denke ich.
Sollen wir hier, knapp vor dem Ziel, den Russen ausgeliefert werden? Das ist die bange Frage aller.
Schon in der Frühe hatte ich mir einen Plan zurechtgelegt für den Fall, dass alle Stricke reißen. So ein Fluss kann ja nicht nur trennen. Schwimmen ist die letzte Rettung. Das ist mein Gedanke. Die Moldau habe ich mir ganz genau angesehen; man kann dies gut, weil die Straße beträchtlich höher liegt als der Fluss. Die Strömung scheint ziemlich reißend, es ist auch noch zeitig im Jahr, das Wasser daher kalt. Aber das Schwimmen muss gehen, glaube ich. Mein Auge wählt für das Vorhaben eine geeignet erscheinende Flusskrümmung, an der die Strömung mit mir und von dem Wald am gegenüberliegenden Ufer nicht allzu weit entfernt ist. Außerdem ist diese Stelle von der Brücke nicht einzusehen. Ich glaube, dass ich da am besten amerikanischen Posten und tschechischen Nationalgardisten entkommen könnte, die sich in den letzten Tagen gebildet haben und die überall bewaffnet, mit blau-weiß-roter Armbinde versehen, herumspazieren.
Freund Busch setze ich von meinem Plan in Kenntnis. Er will nicht mitmachen, weil er nicht schwimmen kann. Ich erkläre mich bereit, ihn trotzdem ans andere Ufer zu bringen. Dies traue ich mir zu, weil ich ein sehr guter Schwimmer bin.
Busch bleibt ablehnend. Ich rede, was ich kann, gleichsam mit Engelszungen auf ihn ein, schildere dabei unsere trostlose Lage, aus der wir uns nur selbst helfen können, zeige ihm die paar Meter, die in die Freiheit führen, erinnere ihn an unsere Frauen und Kinder usw. All mein Bemühen ist umsonst.
Lieber zum Russen als zu schwimmen? Nein! Niemals! Busch bleibt stur. Er geht nicht mit, macht im Übrigen einen überanstrengten und verstörten Eindruck und sagt, ich solle allein den Versuch unternehmen.
Ich kämpfe mit mir. Den jahrelangen treuen Kameraden und Freund will ich nicht verlassen. Auf der anderen Seite drängt es mich, meiner hilflosen Frau mit den vier Kindern beiseitezustehen, die letzten Endes den ersten Anspruch haben. Familienpflichten stehen gegen Freundes- und Kameradenpflichten. Was soll ich tun?
Noch warten wir, dass die Wagenkolonne vielleicht doch über die Moldau fahren darf. Wieder einmal stehe ich ganz vorne. Amerikanische Soldaten sind über die Brücke gekommen und unterhalten sich ziemlich zwanglos mit Umherstehenden.
Deutsche Offiziere stehen mit zwei Generalen in einer Gruppe und beraten leise. Die Amerikaner haben vor kurzer Zeit die Straße mit einem Seil gesperrt.
Ein deutscher Wehrmachtswagen kommt in rascher Fahrt von rückwärts. Ihm entsteigt, noch bevor das Auto richtig hält, ein weiterer deutscher General. Derselbe tritt zu der Offiziersgruppe. In gedämpftem Ton, aber doch so, dass ich es verstehen kann, teilt er mit, dass die Russen auf der Straße im Anmarsch und spätestens in einer halben Stunde zu erwarten seien. Er berichtet weiter, dass die Russen rücksichtslos in die Kolonne harrender deutscher Menschen sogar mit Artillerie schießen. Nach seinen Worten reicht die deutsche Wagenkolonne von der Brücke her über die Moldau bis zurück nach Tabor, also über 30 Kilometer.
Mein Entschluss ist gefasst. Ich glaube die Kameradenpflicht erfüllt zu haben, als ich von Kolin aus nochmals östlich fuhr, um die Fehlenden zu holen, und auch damit, dass ich Freund Busch eindringlich bat mit mir zu kommen. Dennoch fällt mir der Entschluss schwer, weil mich mit ihm ein herzliches Band verbindet. Ich will deshalb rasch weg und handeln.
Die zu erwartende Ankunft der Russen spricht sich rasch unter den anwesenden Menschen herum. Ich strebe zunächst eilig der Kolonne entlang zurück zum Gepäck und hole einiges Wenige. Das Marschgepäck mit dem Rucksack lasse ich zurück. Ich will durch den an die Straße grenzenden Wald hinunter an die Moldau. Auch für diesen Gang habe ich mir schon einen Weg ausgekundschaftet.
Die vor der Demarkationslinie wartenden Zehntausende, die von den Amerikanern bis zur Ankunft der Russen zweifellos mit Absicht hingehalten werden, haben nur drei Möglichkeiten: Gefangenschaft und Abtransport durch die Russen, Selbstmord oder Flucht.
Viele, allzu viele wählen den Selbstmord. Männer erschießen ihre Frauen und Kinder in diesem Wald und dann sich selbst. Offiziere erschießen sich, Soldaten erschießen sich an diesem Maimorgen im eben grünenden Wald an der Moldau. Offene Verzweiflung. Immer wieder hallen die Schüsse, kaum anzuhören. Die Luftwaffenhelferinnen auf unserem LKW haben alle Selbstmord durch Einnahme von Gift begangen. Es ist schrecklich. Zu allem Unheil kann ich jetzt Freund Busch nicht finden. Wo steckt er gerade jetzt, wo die Russen kommen? Es ist zum Auswachsen! Ich eile kopflos in der allgemeinen Aufregung umher. Überall grinst der Tod. Busch ist nirgends, nur sein Rucksack steht auf dem LKW.
Die Verhältnisse beschleunigen meine Flucht. So schnell kann ich dem Leben, Frau und Kindern nicht Lebewohl sagen. Um 11 Uhr vormittags stehe ich an einem Steilufer der Moldau, versteckt hinter einem Strauch, und kleide mich aus. Ich bin allein und kann weder von hüben noch von drüben gesehen werden. Mein Bündel ist bald geschnürt. Ich will es während des Schwimmens an einem langen Riemen nachziehen. Nach einer wohlüberlegten, kurzen Abkühlung – es ist ja das erste Bad in diesem Jahr – geht es flott in die Strömung und mit zielstrebigen Bewegungen ans andere Ufer. Die Demarkationslinie ist überschritten. Ich wähne mich beim Amerikaner und schnaufe leichter. Eigentlich war ich dumm, dass ich in der Aufregung mein Marschgepäck zurückgelassen habe. An dem Riemen hätte ich es leicht wie meine anderen Sachen über die Moldau ziehen können. Jetzt stehe ich ohne irgendetwas wie ein begossener Pudel da, mutterseelenallein. Wo steckt Busch? Wie leicht hätte er auch mitkommen können!
Während ich am rettenden Ufer zunächst meine nassen Kleider auswinde und in der grellen Mittagssonne zum Trocknen auslege, laufen tschechische Bauern herbei. Sie sind überrascht und meinen in gebrochenem Deutsch, vor den Russen hätte ich doch nicht zu fliehen brauchen, sie seien gute Leute, überdies kämen sie heute noch bis Pisek, so weit könne ich doch nicht vor ihnen herlaufen. Ich erschrecke über diese Nachricht und kann sie fast nicht glauben. Die Amerikaner sind doch mit Panzern da, da können doch die Russen nicht auch noch kommen, denke ich. Ein unangenehmes Gefühl bleibt trotzdem, weil ich weiß, dass die Tschechen in der Regel gut unterrichtet sind. Im Übrigen lassen mich die Bauern mit Ausnahme ihrer abweisenden Gebärden in Ruhe.
Ich bin nicht der einzige Schwimmer. Viele folgen. Viele stehen auch hilflos am Ufer, starren ins Wasser und kommen nicht weiter. Sie wollen Kähne, die in der Nähe sind, losmachen. Tschechen suchen dies zu verhindern. Endlich gelingt es doch. Einen mutigen Offizier sehe ich zweimal die Moldau überqueren und Soldaten übersetzen. Immer wieder muss ich denken: Warum ist Busch nicht mit? Ist es mangelnder Lebenswille? Wie leicht könnte er jetzt dabei längst über dem Flusse sein.
Allein eile ich in den westlich vom Ufer der Moldau steil ansteigenden Wald. Zunächst geht es noch über ein paar Felder und durch einen kleinen Bauernhof an neugierig gaffenden Tschechen vorüber. Sie lassen mich in Ruhe, obwohl es ein Leichtes für sie wäre, mich zu fassen. Dann verbergen mich aber bald schützende Tannen. Ich gehe bewusst allein, weil ich der Auffassung bin, dass ich mich so am besten nach Westen durchschlage. Der Anschluss an eine Gruppe scheint mir zu gefährlich. Auf einer sonnigen Lichtung trockne ich nochmals Kleider und Geld. Sonst besitze ich nichts mehr.
Ein Haufen deutscher Landser kommt den Wald herauf. Sie sind unvorsichtig. Man hört sie laufen und reden. Hinter ihnen kommt die tschechische Nationalgarde. Mein Atem stockt. Die Landser sind endlich vorbei. Die Tschechen sind keine 30 Schritt von mir entfernt. Auch sie laufen an mir vorüber. Wenig später, als ich weitergehe, fährt eine amerikanische Motorradpatrouille hinter mir weiter zur Moldau und lässt mich einsamen Wanderer ziehen. Ich schaue, dass ich möglichst rasch von der Nähe der Moldau wegkomme. Die tschechischen Bauern haben zweifellos Meldung gegeben, dass Deutsche den Fluss überschreiten.
Zwei Möglichkeiten habe ich, um weiterzukommen: entweder Fortsetzung des Fußmarsches durch Wald und Feld auf Schleichwegen oder frech und ohne Hemmung auf der breiten und nicht allzu weit entfernten Landstraße, auf welcher der Amerikaner mit seinen Wagen hin und her fährt. Ich wähle die Landstraße und komme auf ihr gut vorwärts Richtung Pisek.
Am späten Nachmittag erhalte ich von deutschen Soldaten Essen und auch für 2 Tage Marschverpflegung. Ein deutsches Wehrmachtsfahrzeug nimmt mich auf. Wieder einmal geht es etwas rascher vorwärts. Schon tauchen die Türme von Pisek auf. Es wird gemunkelt, dass wir in die Stadt nicht hineinfahren dürfen, sondern kurz vorher in ein Militärlager müssen, in dem die Amerikaner die deutschen gefangenen Soldaten sammeln.
Unser Wagen hält vor einem amerikanischen Panzer, der die Straße sperrt. Gerade wollen wir wieder anfahren, da überholt uns eine Wagenkolonne. Es sind Fahrzeuge der Artillerie und – oh Schreck – Russen. Lauter Russen, Fahrzeug hinter Fahrzeug.
Wir alle, die wir auf dem deutschen Fahrzeug sitzen, sind bleich und zu Bildsäulen erstarrt. Was ist nun?
Nach so viel Einsatz nun doch bei den Russen, denen ich eben entkommen zu sein glaubte, denke ich mutlos.
Sie machen einen überraschend guten Eindruck, die Russen. Ich sehe sie zum ersten Mal in meinem Leben. Alles junge, kräftige Burschen, an denen man seine Freude haben könnte, wenn es nicht gerade Russen wären. Die Tschechen waren wieder einmal gut informiert!
Wir paar Mann auf dem LKW können es immer noch nicht fassen. Unser Fahrer dagegen ist auf Draht. Er fährt in einer Lücke in die Kolonne der Russen. Wir fahren mit den Russen Richtung Pisek. Es ist ganz toll: Aber wir fahren mit den Russen in ihrer Kolonne.
Die ersten Häuser der Stadt Pisek sind bald hinter uns. Die Kolonne hält. Wir mit ihr. Von einer anderen Seite sehen wir eine weitere Kolonne Russen kommen. Auch sie hält.
Der Einzug der Russen in die Stadt Pisek beginnt. Offensichtlich ist er termingemäß vorbereitet. Alle Tschechen sind elektrisiert. Es ist Christi Himmelfahrt, Feiertag. In weniger als 5 Minuten erscheinen zu den blau-weiß-roten tschechischen Farben rote russische Fahnen mit Hammer und Sichel an nahezu allen Häusern.
Das haben die Tschechen gut vorbereitet. Alles, Groß und Klein, ist im Nu auf der Straße. Ein unbeschreiblicher einziger Jubel erfüllt die Luft. Tschechische Frauen gebärden sich wie verrückt. Sie scheinen in ihren Triumphgebärden noch viel nationaler und chauvinistischer zu sein als die Männer. Die russische Kolonne fährt ganz langsam durch die sich bildende Menschenschlange. Wir mit ihr. Russische Fahrzeuge nehmen als Zeichen der Verbrüderung jubelnde tschechische Mädchen auf. Blumen werden geworfen. Es ist fantastisch.
Auf dem Marktplatz ist kaum ein Durchkommen, so viele Menschen sind auf der Straße. Hier bemerken die Tschechen unseren deutschen Wagen. Laute Pfuirufe. Sie pfeifen, johlen und spucken vor uns aus. Wir sehen geballte Fäuste. Wenn das gut gehen soll? – Momente äußerster Spannung folgen. Wir sind längst unter die Plane gekrochen und hoffen nur noch auf unser Glück, dass dies gut weitergeht. An der Nummer erkennt man den Wagen wohl immer wieder als deutsches Auto. Erneute Pfuirufe.
Amerikaner sind auch da. Sie fotografieren eifrig.
Die Fahrzeuge können nun schneller fahren. Der Jubel überwiegt wieder. Wir fahren mit den Russen durch die ganze Stadt. Am Stadtausgang drehen die Russen und wiederholen anscheinend ihren Triumphzug. Dabei schert unser Wagen aus der Kolonne.
Das hat der deutsche Fahrer zweifellos gut gemacht. Wir sind nun wieder allein. In einem Wehrmachtslager gleich hinter Pisek endet unsere Fahrt. Dort setzt ein eifriges Rätselraten ein. Was ist eigentlich los? Wir sind auf amerikanischem Hoheitsgebiet. Aber was tun dann die Russen da? Keiner kann eine Erklärung finden.
Zivilisten dürfen in dem Wehrmachtlager nicht bleiben.
Ich erwische überraschend schnell einen Lastkraftwagen, der voll besetzt mit Zivilpersonen ist und angeblich nach Strakonitz fährt. Da dies meine Richtung ist, springe ich auf den Kotflügel auf. Gut, denke ich, die Fahrt geht weiter in den Westen. Ich bin nicht mehr fern von Frau und Kindern, sofern dieselben noch in Petrowitz sind.
Wenige Kilometer hinter Pisek muss unser Lastwagen halten, weil das Kühlerwasser kocht. Ich laufe in ein benachbartes Bauernhaus und will Wasser holen. Da kommen deutsche Fahrzeuge entgegen und halten. Sie haben ebenfalls Zivilpersonen geladen, die folgende Weisung der Amerikaner bringen: Alles soll zurück nach Pisek. Dort werden alle Deutschen in einem Lager gesammelt. Die Zivilisten sollen aus diesem Lager innerhalb von 4–5 Tagen nach Bayern abgeschoben werden. Es wird ausdrücklich gesagt, dass das Lager unter amerikanischer Oberhoheit ist. Angeblich soll dies ein amerikanischer Offizier in einer Ansprache an die deutschen Flüchtlinge in Strakonitz, die auch dort in einem Lager untergebracht waren, gesagt haben. Ich vertraue mit vielen anderen diesen Worten, verzichte auf einen alleinigen Weiterweg und gehe freiwillig in dieses Lager, immer in der Hoffnung, von da leichter nach Petrowitz zu kommen, das ja in der Marschrichtung Bayern liegt. Meinen Entschluss fasse ich auch deshalb, weil ich sehe, dass mehr und mehr tschechische Zivilisten, meist ganz junge Burschen, bewaffnet sind und Jagd auf Deutsche machen. Man muss gewärtigen, dass sie auf alles schießen, sofern sie überhaupt ihre Waffe bedienen können.
5 Sterne
Amazing! - 23.08.2015
elif

I love that book.

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