Geschichte & Biografie

Das, was zählt

Thea Lindner

Das, was zählt

Ein Frauenschicksal

Leseprobe:

Als Martha zu Ende gegessen hatte, sagte sie beim Aufstehen: „Ich hol mir noch schnell einen Apfel aus dem Garten, zum Nachtisch.“ Sie musste selber lachen und drückte kurz die Tante. Dann gab’s keinen Einwand. „Ich esse ihn später im Bett.“ „Martha, du brauchst doch nicht extra in den Garten, sind doch genug da. Guck, der ganze Korb ist noch voll.“ „Ich möchte aber einen von der Erde, die schmecken so gut, so süß“, und weg war sie. Martha wollte noch schnell eine Menge Obst aufsammeln und in der Laube deponieren. Dann ging’s morgen schneller. Sie brauchte dann nicht erst zu warten, bis die Tante gut beschäftigt und abgelenkt war. Sie huschte hin und her – von jedem etwas. Plötzlich standen zwei Füße vor ihrer Nase. Sie schaute auf. Da stand der Hans und grinste sie unverschämt an. „Was machste denn da?“ „Siehste doch“, antwortete Martha ganz ungerührt, „ich sammle das Obst auf. Morgen in der Sonne habe ich keine Lust. Hab hier aber auch genug zu tun.“ Hans trollte davon und Martha nahm sich einen schönen gelben Apfel, süß und reif, ging der Tante lieb gute Nacht sagen und legte sich ins Bett. Vorher öffnete sie das Fenster. Milde, würzige Sommerluft zog herein. Martha atmete tief durch. Ganz zaghaft hörte sie noch die Amsel zwitschern. So schön, dachte Martha und schloss die Augen. Schnell sprach sie noch ihr Gebet; bloß nicht vergessen. Sie war müde, aber an Oma dachte sie noch und dann schlummerte sie ein. Martha lag auf dem Rücken, die Arme angewinkelt. Ganz friedlich und wohlig sah sie aus. Vielleicht träumte sie auch schon; von den Jungs und Evelyn und den vielen, vielen Äpfeln. Plötzlich fuhr sie hoch, geweckt von dunklen Schreien. Sie wusste nicht, ob sie wachte oder träumte. Jetzt erneut – klagende schmerzliche Schreie. Sie fuhren Martha durch Mark und Bein. Konzentriert hörte sie hin. Sie war jetzt hellwach. Die Schreie waren ganz in der Nähe. Martha hatte Angst. Im Haus war es vollkommen still; nichts war zu hören. Sie krabbelte aus dem Bett und schlich zum Fenster, von dem das Heulen kam. Dort lag der Hof, hinten der Garten und der Hühnerstall. In der Küche brannte Licht, das auf den Hof fiel. So konnte sie schemenhaft alles erkennen. Die Bank, eine Gießkanne, Eimer usw. Noch mal ein brüllender Schrei – ganz in der Nähe. Mein Gott, was ist das nur? Wer schreit so erbärmlich? Martha hatte keinen Verdacht. Doch plötzlich bewegte sich etwas, hinten am Stall. Jetzt kam jemand angehumpelt. Eine Gestalt, die ihr bekannt war. Sie kam näher, es war Hans. Nun kam eine zweite Gestalt. Größer, er ging schneller. Marthas Herz klopfte bis zum Hals. Das war der Onkel. In der rechten Hand hatte er etwas. Als er näher kam, sah sie, dass es ein Lederriemen war. Er schlenkerte hin und her.
Hans war schon ins Haus gehumpelt, und eilenden Schrittes folgte der Onkel. Hans hat Prügel bekommen, dachte Martha, und was für welche. Schreckliche Prügel von seinem Stiefvater, und die eigene Mutter hatte es erlaubt; ja sogar gewollt. Deshalb sollte er heute kommen. Wusste er warum? Komisch war er ja, verstört und gehemmt. Nicht frei und offen. Kam immer von hinten an. Der kann doch gar nicht mehr mit dem Fahrrad zu seiner Pflegetante fahren; es war schon so dunkel. Aber was passierte jetzt mit ihm? Was macht der Arme jetzt? Und was ist das für eine Mutter, die Tante, die so etwas zulässt, ja geradezu fordert und den Mann aufhetzt? Was hat Hans getan? In Marthas Kopf herrschte Chaos. Fragen über Fragen, und schlecht war ihr auch. Auf keinen Fall jetzt zum Klo gehen. Sie legte sich hin, und ihr Kinn zitterte und klapperte. Wenn der mich mal schlagen würde, dann komm ich aber nicht mehr. Aber die Tante würde das doch nicht wollen und erlauben? Sie war doch immer nett und fürsorglich. Warum nicht zu ihrem eigenen Kind? Martha lauschte, sie hörte Stimmen. Der Onkel und die Tante sprachen leise miteinander. Was erzählt er ihr jetzt? Dass er kräftig zugeschlagen hat? Mit dem Lederriemen? Immer wieder und wieder? Endlich hörte das Flüstern auf, und es herrschte Stille. Martha konnte nicht einschlafen, ihr tat Hans leid. Wo war er nur? Deshalb ist der auch immer so komisch, so geduckt, nicht zu durchschauen. Martha konnte sich aber in ihrem kindlichen Gemüt so einiges erklären.

***

Er war und blieb ein Schlitzohr. Einmal mischte er die ganze Familie auf, aber kräftig. Eines schönen Tages kam er mit seinem Freund laut palavernd um die Hausecke. Sie schleppten einen Wassereimer, gefüllt mit Bier, an. Hatten eine kräftige Fahne und berichteten voller Stolz, sie hätten im Wald, wo das Schützenfestzelt stand, ein kleines Fass Bier entdeckt. Zurückgelassen, vergessen lag es hinter einem Busch, und weil es noch verschlossen war, musste das Bier ja auch noch frisch und lecker sein. Schnell holten sie einen Eimer und Hammer, hauten den Bierhahn damit auf, und dann zischte und sprudelte es auch schon raus. Natürlich hätten sie da erst mal tüchtig probiert und für gut befunden, und nun brächten sie für alle etwas. Was heißt etwas – einen ganzen Eimer voll. Sie waren vollkommen aufgekratzt und aus dem Häuschen. Alle standen sprachlos da. Die Mutter hatte ihre Hände in die Hüften gestemmt und schüttelte immer wieder ungläubig den Kopf. „Du meine Jüte, die sind doch beide voll wie die Haubitzen.“ Das war nicht zu übersehen und vor allem nicht zu überhören. Martha stand sprachlos da. „Nicht schlecht, Herr Specht“, und Elli musste laut lachen. Die beiden Saufkumpane torkelten hin und her, konnten sich nicht mehr auf den Füßen halten und stolperten rücklings ins Kornfeld, da fielen sie nicht hart. Sie blieben erst mal liegen und dösten vor sich hin. Der ganze Hof roch nach Bier. Ob die anderen auch von dem Bier tranken, wusste später (als man die Geschichte immer wieder zum Besten gab) niemand zu sagen. Jedenfalls, als die beiden wieder zu sich kamen, war das Elend groß. Martha hatte großes Mitleid mit ihrem Bruder. Kalkweiß und zitternd und sich ständig übergebend, führte sie ihn ins Haus und ab in sein Bett. Diesmal wurde ein leerer Eimer vor das Bett gestellt. „Halt sofort den Kopf rein, wenn es hochkommt, Kleiner. Das war keine gute Idee, was du da verzapft hast.“ Drei Tage ging es ihrem Bruder schlecht, er war doch auch nur eine halbe Portion. Dann quietschte und krakelte er wieder auf dem Hof herum. Gott sei Dank, dachte Martha, nun ist er nicht mehr krank.

***

Martha und Heinrich waren wieder zu Hause, und Martha atmete durch. Nun konnte eine gute Zeit beginnen. Nicht mehr so oft in die Praxis. Oder doch? Sie wusste gar nichts mehr. Ihr Kopf war leer, und sie fühlte sich nur noch in ihrer Sofaecke einigermaßen wohl, wenn sie für ihre Enkelmädchen oder für ihre Tochter etwas strickte. Ich muss ja immer zur Blutabnahme, stimmt. Aber wann war es denn? Sie schaute auf den Kalender. Mein Gott, morgen ja schon wieder. Ihr wurde ganz mulmig. Überhaupt; oft schwächelte sie, und der Kreislauf versagte. Dann wurde ihr schwarz vor Augen, eine Kälte stieg von unten nach oben, und dann lag sie auf dem Fußboden. Sie kam gleich wieder zu sich, und Heinrich war schon da und beugte sich über sie. Voller Angst rief er immer wieder: „Martha, Martha!“ Er half ihr hoch. Aber meistens wollte sie auf dem Fußboden liegen bleiben. „Ich hol dir wenigstens deine Matte“, sagte er und Martha legte ihren Arm unter ihren Kopf und blieb so auf der Seite liegen. Sie wollte hart und flach liegen, bis es ihr etwas besser ging. „Das ist die Psyche“, flüsterte sie leise. Heinrich saß neben ihr auf der Erde und hielt die Hand. Er hatte tüchtige Schmerzen, wenn er so saß. Er wusste, das tat Martha jetzt gut. Heinrich wusste auch, dass es nicht die Psyche war, sondern ganz einfach die Nebenwirkungen von der Chemo. Er sagte nichts. Es war ja auch noch nicht zu Ende. Das merkte Martha gleich. Eine Welle von Unruhe stieg in Intervallen von unten nach oben und machte sich als brennende Flut auf ihrer Brust breit. „Ich brauche eine Tablette“, sagte sie leise, und Heinrich rappelte sich ächzend hoch und holte ihr die gewünschte Tablette. Das wird jetzt dauern, dachte Heinrich, und Martha wusste, jetzt muss ich kämpfen, bis die Tablette wirkt, und schon kam die nächste Welle.
Martha kannte das schon. So hatte sie schon öfter gelegen. Hast ja auch selbst schuld. Hörst ja nicht. Jetzt schreit dein Körper. Selber schuld; das ist die Strafe. Ja, die richtige Strafe, und die nächste Welle brannte auf ihrer Brust. Sie nahm die Tablette. Bis die wirkt, musst du kämpfen und aushalten. So jagten die Gedanken durch ihren Kopf. Ruhe, Ruhe. Heinrich setzte sich wieder zu ihr. Das ist die Strafe. Warum sich Martha bestrafen musste und wollte, ja lieber Leser, da muss sich jeder seine eigenen Gedanken machen. Die Backpfeifen brannten doch auch so und das war doch auch Strafe. „Herr, erbarme dich, Christus erbarme dich, Herr erbarme dich meiner.“ So flüsterte sie leise vor sich hin, und Heinrich dachte, na, wenn es ihr hilft. Er glaubte an keinen Gott im Himmel und würde keinen Herrn um Hilfe bitten. Doch er drückte Martha die Hand und sagte leise: „Ruhig, ruhig, ist ja bald vorbei.“ Leider nicht. Diesmal dauert’s lang. „Brauchst noch eine halbe Tablette?“ Martha nickte, und Tränen liefen über ihre Wangen bis zum Kinn. Sie nahm noch ½ Tablette und schloss die Augen. Es dauerte noch etwas, dann wurden die Intervalle weniger, und endlich hörten sie ganz auf. „Komm, Martha, leg dich ins Bett. Du und dein Körper brauchen Ruhe. Du bist eben stark angeschlagen. So was bleibt doch nicht in den Kleidern hängen“, sagte Heinrich und half ihr auf. „Schlaf ein wenig.“ „Kann ich in dein Bett?“ „Natürlich, ich mach dir deine Musik an.“ So schlief Martha ein, ganz fest und traumlos, und manchmal zuckte sie etwas. Heinrich beobachtete das sehr bedrückt. Wann hört das wohl endlich auf?, fragte sich Heinrich. Nun, das dauerte noch eine ganze Zeit. Martha schont sich zu wenig; das waren seine letzten Gedanken. Dann nickte auch er vor Anstrengung und Aufregung ein und blieb bei Martha sitzen.

***

Am 21. Juni 1963 saßen sie im Zug, mit gepackten Koffern – Marthas Habseligkeiten – und fuhren ins tiefste Ruhrgebiet nach Wanne-Eickel. Da würde nun ihre neue Heimat sein. Ihr Jo saß ihr gegenüber in Fahrtrichtung. Er grinste sie an, hatte ja auch allen Grund dazu, kam er doch wieder nach Hause. Auch eine große ärmliche Familie, die auf ihn wartete, kein guter Tausch für Martha, absolut nicht. Sie ahnte und wusste nichts. War sie blauäugig oder vertrauensselig? Die Richtung stimmte wohl. Sie lauschte auf das monotone Rattern des Zuges, schaute aus dem Fenster, sah, wie sich die Landschaft veränderte. Alles würde sich verändern. Versonnen, grübelnd dachte sie an ihr Dorf und ob sie auch nichts Wichtiges vergessen hatte einzupacken, Zeugnisse, Beurteilungen, Gesellenbrief. Ein Buch von Oma und die Weihnachtskarte, über die sie im Alter heiße Tränen weinen würde. Und tatsächlich, war es nicht ein Wunder, dass sie all ihre kleinen so lieben Erinnerungen mitnahm? Die Verlobungsanzeige und die vielen Glückwunschkarten; nichts davon ließ sie zurück. Alles lag in ihrem Koffer, wie gut. Auch die vielen Liebesbriefe von Jo. Er rauchte. Dann die ersten Fördertürme, Schlote, aus denen unaufhörlich Rauch und Dunst aufstieg. Der ganze Himmel eine grau-gelbliche Dunstglocke. Himmel? Es gab keinen Himmel. Martha stand auf und öffnete das Abteilfenster. Der Geruch von Schwefel kam herein. Fragend sah sie Jo an. Dann überfuhren sie den Rhein-Herne-Kanal. War das ein Fluss? So viel Schlepper, ein Treiben auf dem Wasser.
Die Städte waren so groß und voller Menschen. Ein Grenzübergang in die nächste Stadt war nicht zu erkennen. So dicht geballt lagen sie nebeneinander. Menschen vieler Kulturen, kaum Wohnraum, Wohnungsnot für alle, auch für Martha. Wo war sie? Alles war fremd: die Sprache, der Dialekt, die Luft, der Himmel, der meistens nicht zu sehen war, verhangen mit dunklen Rauchschwaden, das Essen, die Menschen. Häuser, so grau und dunkel, die Gärten mit Blumen in allen Farben. Wo? Wo war der frische Wind, den sie so liebte? Kühl und lau, hart und kräftig, um ihr die Wangen zu röten. Der blaue Himmel, endlos weit. Ihr stiller See, wo das grüne Schilf sich im leisen Wind zur Seite bog, wo die Rohrdommel brütete und die Jungen flügge wurden, wo sich die scheue Ringelnatter selten zeigte. Der Fluss mit seinen kleinen Strudeln, wie er sich durch die frischen satten grünen Wiesen schlängelte; Wiesen mit Kuckucksblumen, Vergissmeinnicht, gelben Königskerzen, Wiesenschaumkraut, frischem Klee. Und ihr Wald, der wundersam ruhige Wald, so dicht und beschützend, in dem es nach Harz und Moos roch; der Trost und Kraft spendete. Die Bäume, die Vögel, die Pilze von Oma, ihr Knick; ihr ganz persönlicher Knick. Nur sie patscherte dort bei den alten Eichen. Das klare kühle Wasser, das weiche Laub, die Stichlinge; der krumme Holzpfahl, auf den sie ihre Strümpfe hängte. Buschwindröschen, von Weitem sahen sie aus wie ein schneeweißer Teppich. Und die schönen Feste, wo? Mit Spielmannszug und Kapelle. Wo war das? Hier jedenfalls nicht. Vorbei, alles vorbei. Ein neuer Anfang. Und das Ende? Auch das später – alles hat seine Zeit. Und Martha? Martha lebte ihren Traum, vorerst.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 298
ISBN: 978-3-95840-108-2
Erscheinungsdatum: 25.04.2016
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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