Das schlimme Jahr

Das schlimme Jahr

Roswitha Breitschaft


EUR 14,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 122
ISBN: 978-3-95840-072-6
Erscheinungsdatum: 10.03.2016
Eine junge Ärztin will der DDR den Rücken kehren, doch ihr Fluchtversuch misslingt. Ein schlimmes Jahr beginnt! Dies ist der Zeitzeugenbericht einer Frau, die auch unter härtesten Umständen ihre Werte und ihr Mitgefühl nicht einen Augenblick lang verloren hat.
Krachend fiel die Tür hinter mir zu – eine Tür, die innen keine Klinken hat.
Dann hörte ich das widerliche Geräusch des sich im Schloss drehenden riesigen Schlüssels und das Ratschen des Riegels, der die schwere Tür doppelt sicherte.
Da stand ich nun in einem kleinen Raum – meiner Zelle.
Zum ersten Mal in meinem Leben stand ich in so etwas, was man sonst nur aus einem Krimi kennt und auf dessen Bekanntschaft ich liebend gern verzichtet hätte: einer Gefängniszelle!
Ich schaute mich um: Drei Augenpaare richteten sich neugierig und erwartungsvoll auf mich, die neue Mitgefangene.
Langsam tröpfelte die Erkenntnis in mein Gehirn: Ich, Dr. Roswitha Dierschke, war im Gefängnis!
Plötzlich kam mir die ganze Absurdität dieser Situation zum Bewusstsein. Schließlich war ich ein Spross einer seit Jahrhunderten redlichen Familie, war als Ärztin hauptsächlich auf das Wohl anderer bedacht. Von meinen Eltern war ich mit hohen moralischen Ansprüchen erzogen worden. Nun saß ich im Gefängnis und hatte ja doch tatsächlich nichts Böses getan!

Und weil mir diese Situation auf einmal so absurd vorkam und meine Nerven stark überreizt waren, fing ich plötzlich fürchterlich an zu lachen. Ein nicht zu stoppendes Gelächter brach aus mir heraus. Ich konnte einfach nichts anderes als lachen und lachen.
Meine drei Mitgefangenen trauten ihren Augen nicht und glaubten sicher, ich sei total durchgeknallt (und vermutlich war ich das auch irgendwie!). Sie hatten Weinen oder Fluchen, depressives Schweigen oder Toben erlebt, aber nicht lachen. Und so zogen sie sich ängstlich auf ihre Betten zurück.

Nachdem ich mich einigermaßen beruhigt hatte, schaute ich mich um: Die Zelle war winzig.
An den Seiten stand je ein Doppelstockbett. Zur Tür hin war ein Waschbecken und eine Kloschüssel ohne irgendeinen Sichtschutz; gegenüber der Tür waren schmalbrüstige Spinde, davor ein Tisch mit vier Hockern. Dazwischen war so wenig Platz, dass wir vier Gefangenen kaum alle gleichzeitig im Mittelgang stehen konnten.

Und dann musste ich zur Toilette. In meinem ganzen bewussten Leben hatte ich das unter Ausschluss der Öffentlichkeit getan. Ich hatte das Gefühl, lieber meine Blase platzen zu lassen, als mich angesichts meiner mir fremden Mitgefangenen und eventueller Späher durch das Guckloch in der Zellentür auf die Toilette setzen zu können. Diese intime Verrichtung in einer Öffentlichkeit erledigen zu müssen, empfand ich als eine einschneidende Verletzung meiner Würde.
So kam mir erst richtig zu Bewusstsein, dass ich mit meinen Effekten auch meine Würde abgeliefert hatte. Der Luxus einer Privatsphäre stand einer Untersuchungshaftgefangenen nicht zu! Ich war zu einer Haftnummer degradiert, war ohne Recht auf eigenen Willen, nur noch mit Pflichten versehen.
Und da war mir dann doch eher zum Weinen …

Wie war es zu dieser Situation gekommen?
Ich fürchte, dass ich da etwas weiter ausholen muss.

1962 hatte ich an der Medizinischen Akademie Magdeburg mein medizinisches Staatsexamen abgelegt, promoviert und danach in der chirurgischen Abteilung des Kreiskrankenhauses in Burg bei Magdeburg meine Facharztausbildung als Chirurgin abgeschlossen.

Im Frühjahr 1964 fand ich eines Tages auf dem Schreibtisch meines Arztzimmers einen mit Maschine geschriebenen Zettel, auf dem ich zu meinem Erstaunen angeboten bekam:
drei Wochen jugoslawische Adria in Montenegro mit Flug von Berlin nach Titograd für zwei Personen.
Ich rieb mir die Augen: Jugoslawien war im strengen Sinn kein „sozialistisches Bruderland“; bisher hatte ich noch nie gehört, dass es dorthin überhaupt Reisen gab. Da Tito einen zum Teil gegen die Sowjetuniongerichteten Kurs eingeschlagen hatte, glaubte man, die Touristen könnten antisozialistisch oder zumindest antisowjetisch beeinflusst werden, wenn man sie in dieses Land reisen ließ. Außerdem waren die Grenzen des Landes durchlässiger als im strengen Ostblock, sodass eine gewisse Fluchtgefahr bestand. Um dem vorzubeugen, hatte man wohl Montenegro als Reiseziel gewählt, das als südlichste Provinz weitab jeder westlichen Grenze lag.
Aber eine Reise nach Jugoslawien – das klang gut und war einen Versuch wert!

Ich glaubte zwar nicht, dass ich irgendeine Chance hatte, diese Reise zu bekommen, weil ich ledig war und somit keine Kinder oder sonstige nahe Familienangehörige in der DDR als Pfand hinterließ. Wie sollte man da sicher sein, dass ich wiederkam?
Da die Reise für zwei Personen ausgeschrieben und ich Single war, musste ich mir schnellstens eine Reisegefährtin suchen. Meine Freundin Regina lehnte ab, weil sie in absehbarer Zeit heiraten wollte und das Geld sparen musste. Eine Studienkollegin namens Brigitte dagegen entschloss sich ziemlich spontan, die Reise mit mir zu machen.
Nachdem ich das telefonisch geklärt hatte, machte ich mich in der Mittagspause sofort zum Reisebüro auf. Ich beantragte die Reise und war geradezu verblüfft, dass man in unser beider Single-Dasein keinen Hinderungsgrund zu sehen schien und unsere Bewerbung für die Tour einfach akzeptierte.
Circa vierzehn Tage später bekam ich die Bestätigung, dass wir die Reise Ende August antreten könnten.
Ich konnte es kaum fassen und freute mich riesig!

Aber bald kamen mir natürlich einige schwarze Gedanken: Ich hatte die DDR noch nie geliebt. Eigentlich wollte ich nach Abschluss meines Studiums in die Bundesrepublik übersiedeln – „abhauen“, wie es im DDR-Sprachgebrauch hieß. Das hatte der Mauerbau 1961 verhindert.
In letzter Zeit aber hatte ich einen akuten Grund, diese DDR geradezu zu verabscheuen! Ich war Ärztin in einem Kreiskrankenhaus vierzig Kilometer von der deutsch-deutschen Grenze entfernt.
Wie oft hatte ich es erlebt, dass Patienten Medikamente brauchten, die es bei uns nicht gab, von denen ich aber wusste, dass es sie nur 40 Kilometer weiter (nämlich jenseits der Grenze in Helmstedt) ausreichend und in jeder Apotheke gab. Bei uns mussten Patienten sterben, weil zum Beispiel Antibiotika gegen gewisse resistente Keime nicht für uns zugängig waren.
Unser Staat wollte „störfrei“, das heißt vom Westen unabhängig sein.
Deshalb war er zu stolz, in der Bundesrepublik solche Medikamente einzukaufen, die den Patienten geholfen hätten. Sie hätten ja auch kostbare Devisen gekostet, die man lieber für Spionage und so weiter ausgab. Und was galt schon in der DDR das Leben eines ihrer Bürger?
Aber jetzt muss ich mich korrigieren: Es gab viele dieser heiß begehrten Präparate in den sogenannten Regierungsapotheken, wo sie für „Bonzen“ in den Regierungskrankenhäusern zwar zur Verfügung standen, für den Normalbürger aber nur auf ein kompliziertes Antragsverfahren hin zugängig waren. Den positiven Bescheid eines solchen Antragsverfahrens erlebten die Patienten meistens nicht, da es sich ja stets um rasante Infektionen handelte. Mit anderen Medikamenten aus anderen Sparten der Medizin war es ebenso. Außerdem spürte ich bei meinem Chef, der den Antrag hätte stellen müssen, einen gewissen Widerstand gegen ein solches Antragsverfahren. Offenbar sammelte man Minuspunkte, wenn man einen solchen Antrag stellte.
Erst unlängst hatten wir in unserem Krankenhaus eine Säuglingsenteritis (Durchfallerkrankung) erlebt, die mit unseren Medikamenten nicht beherrschbar war. Es waren einige Säuglinge gestorben – gestorben, weil unser Staat zu stolz war, im Westen Medikamente zu kaufen, die diese Kinder hätten retten können. Anders ausgedrückt: Das sozialistische System war so menschenverachtend, dass es ihm mehr um Ideologie als um Säuglingsleben ging.
Und da stellte ich mir die Frage, ob ich in solch einem System noch leben und ihm meine Arbeitskraft zur Verfügung stellen wollte.
Zu diesem Missvergnügen kam dann noch das permanente Bewusstsein, eingesperrt zu sein.
Seit dem Mauerbau im August 1961 hatte man ständig das Gefühl, in seiner Bewegungs- und Entschlussfreiheit eingeschränkt und der Willkür des Staates ausgeliefert zu sein.

Womöglich bot sich ja in Jugoslawien eine Möglichkeit, all diesen Miseren zu entkommen?
Mit diesen Gedanken lief ich wochenlang schwanger, bis ich mich entschloss, einem guten Bekannten im Westen von meiner bevorstehenden Reise zu berichten und ihm – natürlich durch die Blume – verständlich zu machen, dass ich nach dieser Reise Jugoslawien gerne in einer anderen Richtung verlassen würde, als ich gekommen war. Natürlich durfte ich in diesem Brief nicht zu deutlich werden, denn man wusste ja, dass Briefe in den Westen meistens vom Stasi gelesen wurden. Mein Freund schrieb darauf ganz erfreut, dass er auch in diesem Jahr nach Jugoslawien reisen wolle und dass er mich dann wohl in Ulcinj treffen könne. Er käme mit dem Auto.
Aus diesem Brief glaubte ich herauslesen zu können, dass er meinen Fluchtwunsch verstanden hatte.

Ich konnte den Reisetermin kaum erwarten. Aber es schlich sich auch einige Wehmut in diese Vorfreude:
Wenn alles nach meinen Plänen und Wünschen verlaufen würde, würde ich Krankenhaus und Kollegen, lieb gewonnene Krankenschwestern und Patienten nicht mehr wiedersehen.
Und ganz schlimm war der Gedanke, meine alt gewordenen Eltern im „gelobten Land“ zurücklassen zu müssen. Allerdings konnten sie als Rentner jedes Jahr die DDR für achtundzwanzig Tage verlassen, sodass ich sie wiedersehen konnte.
Versöhnlicher dagegen war die Vorstellung, dass ich meine Geschwister, die ich seit ihrer Republikflucht 1951 beziehungsweise 1956 nur noch ein bis zwei Mal im Jahr sehen konnte, dann wieder öfter erleben würde.
Bei all diesen widersprüchlichen Gefühlen hatte ich Mühe, meine Gedanken auf meine Arbeit auf der Station und im OP zu konzentrieren.
Dazu kam, dass ich mit niemandem über meine Pläne sprechen konnte: mit meinen Eltern nicht, um ihnen nicht das Herz schwer zu machen und mit irgendwelchen Freunden und Bekannten nicht, um nicht verraten zu werden beziehungsweise um die Freunde unbelastet zu lassen, falls sie später einmal verhört wurden. Denn auch Mitwisserschaft von „Republikflucht“ war strafbar in der DDR. Schweigen war in diesem Staat nun einmal Gold!

Und dann kam der Tag der Abreise.
Mit einer TU 28, einem kleinen Vogel, in den ungefähr vierzig Personen hineingingen, flogen Brigitte und ich von Berlin aus los. Nach einer Zwischenlandung in Budapest kamen wir nach Titograd, das jetzt wieder den historischen Namen Podgorica führt. Podgorica, die Hauptstadt von Montenegro, liegt – umgeben von hohen Bergen – im Maracatal. Der Anflug war in dem kleinen Flieger durch die Thermik des Gebirges ziemlich turbulent, sodass einige Passagiere etwas grün im Gesicht die Maschine verließen.
Mit einem Bus wurde unsere etwa dreißig Personen starke Reisegruppe durch die phantastische Landschaft, vorbei am Scutarisee und über das Gebirge auf einer großartig angelegten Passstraße, an die Adria gefahren, die wir bei Petrovac erreichten. Von dort ging es auf der damals noch unasphaltierten Straße gen Süden entlang der Küste nach Ulcinj.
Ich erinnere mich, dass der Bus zum Teil im Schneckentempo auf schmaler, staubiger Straße kleine Bäche durchfuhr und dabei gefährlich ins Wanken geriet. Es war mein erster Trip aus dem wohlorganisierten und wohlgepflasterten Mitteleuropa und mir erschien es, als ob die Zeit hier mindestens einhundert Jahre stillgestanden hätte.
In Ulcinj war Markttag; es herrschte ein unglaublich buntes Treiben auf den Straßen. Frauen mit mittelalterlich anmutenden Trachten boten ihre Waren, hauptsächlich etwas Obst und Gemüse, feil. Autos gab es dort fast nicht. Das Hauptverkehrsmittel waren die Esel. Und dafür gab es einen „Eselparkplatz“, der aus einer spärlich mit Gras bewachsenen Fläche bestand, in die in regelmäßigen Abständen Pflöcke eingeschlagen waren. An ihnen konnte man seinen Esel anbinden.
Unsere Sinne nahmen fremdartige Gerüche und Geräusche wahr. Eine fremde, orientalische Welt nahm uns auf!

Im Grand Hotel Galeb („Möwe“) fanden wir direkt an der tuffsteinigen Küste eine durchaus noble Unterkunft (und das für unser lumpiges Ostgeld, kaum zu glauben!).

Üblicherweise waren wir es gewöhnt, als Ostdeutsche in bestenfalls zweitklassige Unterkünfte gebracht zu werden, damit die besseren Hotels für Westdevisen belegt werden konnten.

Mein Freund Hans sollte erst zehn Tage später kommen, sodass ich Zeit hatte, ein paar unbeschwerte Urlaubstage zu verbringen, ohne an Flucht und andere Schwierigkeiten denken zu müssen.

Unsere Reisegruppe bestand aus ungefähr 30 Mitgliedern. Etwa fünf davon waren als staatlich bestellte Aufpasser leicht zu erkennen. Sie machten aus ihrer sozialistischen Gesinnung keinen Hehl, und man konnte unschwer beobachten, dass sie sehr daran interessiert waren, wo wir uns aufhielten und mit wem wir Kontakte knüpften.
Tja, und da waren wir beide dann sehr schnell auffällig, denn am Nachbartisch im Restaurant, in dem wir feste Plätze hatten, saß ein junger, blonder Mann, der uns interessierte, nicht nur, weil er gut aussah, sondern hauptsächlich, weil wir ihn nicht einordnen konnten. Mit den Kellnern sprach er freundschaftlich Serbokroatisch, zu uns sprach er Deutsch, er fuhr einen VW-Käfer mit einem Kennzeichen aus Frankfurt am Main. Das war eine so seltsame Kombination, die unsere Neugier und auch unseren Argwohn erweckte.
War er ostdeutscher Spion im Westen, der hier auf neutralem Boden seine Kontakte pflegte? Und wieso sprach er fließend Serbokroatisch?
Und wieso saß er allein an einem Tisch mitten zwischen uns Ostdeutschen?
Das alles wollten wir genauer wissen und pirschten uns an ihn heran. Aber er war recht abweisend.
Erst ein paar Tage später ergab sich eine gute Gelegenheit, näher mit ihm ins Gespräch zu kommen.
Wir waren entlang der unglaublich romantischen und zum Teil schroff zum Meer abfallenden Tuffsteinküste nach Süden gewandert, wo sich ein schöner Sandstrand befinden sollte. Am Hotel gab es nur betonierte Plattformen (wir nannten sie „Betonpisten“), von denen aus man über Leitern ins Wasser steigen konnte. Wir glaubten, dass ein Sandstrand etwas angenehmer sein würde und liefen deshalb dort hin. Wir waren in bester Stimmung und genossen die fremde Vegetation mit ihren Pinienwäldern, fremdartigen Kräutern und Düften und die bezaubernden Ausblicke auf das azurblaue Meer mit den schönen Buchten.
Als wir am „Großen Badestrand“ – wie ihn die Einheimischen nannten – ankamen, sahen wir unseren blonden Exoten aus dem Hotel ebenfalls am Strand liegen, trauten uns aber nicht an ihn heran. Das hing wohl mit unseren anerzogenen Minderwertigkeitsgefühlen zusammen, die wir Ostzonesier gegenüber den Westdeutschen hatten. Bundesdeutsche kamen uns immer so selbstsicher und viel weltläufiger und auch uns gegenüber abweisend vor. Außerdem hatten sie Devisen, die auch im Ausland etwas galten im Gegensatz zu unserer lumpigen Ostmark.

Nach unserem Bad wollten wir mit dem Bus zum Hotel und damit zum Mittagessen fahren. Aber der Bus, der uns noch rechtzeitig zum Essen hätte bringen können, fuhr uns vor der Nase weg. Was tun?
Da beobachteten wir, dass unser rätselhafter Tischnachbar Zeichen des Aufbruchs zeigte und da er allein mit seinem VW-Käfer gekommen war, war Platz auch für uns in seinem Auto. Nun galt es, unsere Hemmungen und Minderwertigkeitsgefühle zu überwinden. So wagten wir nur sehr zögerlich, den jungen Mann in unserem Alter anzusprechen, um ihn zu bitten, uns zum Hotel mitzunehmen.
Seine Antwort war auch nicht gerade ermutigend: „Wenn Sie wollen, können Sie mitkommen!“, war die knurrige und eher ausladende Antwort. Wir quetschten uns zwischen seine Badesachen auf den Rücksitz seines Käfers, er nahm uns mit nach Ulcinj zum Hotel und auf der Fahrt kamen wir etwas ins Gespräch. Von da an war das Eis gebrochen und wir konnten endlich unsere Neugier befriedigen.
So kam es zu weiteren Gesprächen, die dazu führten, dass ich mich heftig und über beide Ohren in ihn verliebte!
Zum Glück war das Gefühl beiderseitig. Er hieß Norbert, hatte ähnliche Ideale, wie ich, war katholisch, wie ich, liebte Musik, wie ich – alles schien zueinander zu passen. Aber was hatte diese Liebe für Chancen? Sie musste zu übergroßen Komplikationen führen, das war mir klar!
Er kam tatsächlich aus Frankfurt/Main, konnte Serbokroatisch, weil er längere Zeit in Tuzla in Bosnien für eine deutsche Firma (Lurgi) als Ingenieur gearbeitet hatte, und machte zurzeit Urlaub in Montenegro. Unsere Agententheorie fiel sehr schnell in sich zusammen!

Aber was hilft es zwei Menschen aus Ost und West, wenn sie sich liebten? Wir wussten, es wird eine unüberwindliche Grenze zwischen uns sein, sobald wir wieder zu Hause sind.
Plötzlich hatte mein Wille, die DDR zu verlassen, eine ganz neue Dimension bekommen.
Aber Norbert, dem das Problem als geborenem Bundesbürger gar nicht recht klar war, wusste auch keinen Weg aus Jugoslawien heraus, obwohl er das Leben in diesem Land gut kannte.
Er hatte sich mit dem Problem „Ost“ noch nie so richtig befasst; nur so ist es zu verstehen, dass er sagte: „Wenn du nicht in die Bundesrepublik kommen kannst, dann komme ich eben in den Osten!“ Das aber wollte ich auf gar keinen Fall. Ich wollte ihn nicht auch noch in das Elend stürzen, in dem ich schon saß, dazu hatte ich ihn zu lieb!

Was wusste er schon von dem eingesperrten Leben in der DDR?
5 Sterne
Bemerkenswert - 10.01.2018
Eberhard HIRNER

Hier wird Klartext "gesprochen": das schlimme Jahr ist der Abschluss eines jungen Lebens im deutschen Arbeiter-und Bauernparadies, eine zum Glück gelungene Passage hinüber in das freie deutsche Land. Doch bis es soweit ist, muss die Ärztin so viel fast Unerträgliches erleben, wie man es sich nicht vorstellen kann. Bewundernswert: ihre präzise, fast distanzierte und an Détails reiche Darstellung dieses Jahres samt Vorgeschichte bis zum Beginn ihres neuen Lebens.

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