Das Mädchen aus der Untergasse 13

Das Mädchen aus der Untergasse 13

Dorothea Theis


EUR 20,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 268
ISBN: 978-3-99107-758-9
Erscheinungsdatum: 23.02.2022
Eine packende Lebensgeschichte, erzählt von einer Frau, die nach einer bewegenden Kindheit und Jugend das Schicksal erleidet, aufgrund einer unheilbaren Krankheit behindert zu sein. Mutig lebt sie ihr Leben, das ihr noch viele Steine in den Weg legen wird.
Wir schreiben das Jahr 2021 und seit etwa 12 Monaten hat eine in vielen Fällen tödliche Pandemie unsere Erde heimgesucht und bereits hunderttausende von Menschen sterben lassen. Unser Planet wird sicherlich aufatmen, wenn er dadurch einige dieser Kreaturen, die ihn durch ihr Verhalten so quälen, loswird, und die Natur wird sich bestimmt erholen. Ich denke, sie kommt ganz ohne sie sogar viel besser zurecht. Es ist wie ein Aderlass, den sich unser Planet, sozusagen als Notbremsung, selbst verordnet, und dieser findet ungefähr alle 100 Jahre einmal statt. Der letzte war von 1918–1920, eine Pandemie mit Namen „Spanische Grippe“. Auch davor gab es in Abständen Seuchen, die große Gebiete heimsuchten. Und die Zukunft der Erde und der Menschheit wird wahrscheinlich auch nach dieser berechtigten Attacke der Natur gegen ihre Bewohner eine andere sein.
Ich werde dieses Jahr 67 Jahre alt, lebe wieder in der Stadt, in der ich geboren wurde, und bin durch meine Krankheit schwer gezeichnet. Seit ungefähr drei Jahren sitze ich im Rollstuhl, kann mich kaum noch bewegen, mit meinen Händen fast nichts mehr greifen und ich fühle wie meine Kräfte immer weniger werden. Ich habe mir einen feststrukturierten Tagesablauf antrainiert, in welchem jeder Handgriff mit möglichen Hilfskniffen eingeübt ist. Er gibt mir ein Gerüst, an dem ich mich an schlechten Tagen festhalten kann. Auch habe ich mein Auto verkauft und den Erlös gegen einen E-Rolli eingetauscht. Jeden Morgen kommt ein Pflegedienst und hilft mir, mich für den Tag fertig zu machen. Bereitet mein Frühstück und hilft etwas bei der Hausarbeit.

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Da ich die letzte Überlebende des deutschen Zweiges meiner Familie bin – der noch verbliebene Rest lebt im Nordwesten von Amerika, In Mukilteo im Staat Washington, in einem Gebiet mit hohem indigenen Bevölkerungsanteil in der Nähe von Seattle – habe ich den Entschluss gefasst, mein Leben aufzuschreiben, um es für Menschen, die Interesse haben, zugänglich zu machen. Nachkommen habe ich keine. Und auch, wenn niemand meine Geschichte lesen mag, dann bin ich mein Leben durch das Aufschreiben noch einmal durchgegangen, habe das Erlebte dadurch für mich verarbeitet, und kann mein persönliches Resümee daraus ziehen. Schön wäre es, wenn ich mit meinem Büchlein der Allgemeinheit die Problematiken eines Schwerbehindertenlebens damit etwas bewusster machen könnte. Und Es würde mich auch sehr freuen, wenn ich durch meine Geschichte ein paar Menschen, die in ihrem Leben ebenfalls mit Schwerbehinderung kämpfen mussten, dadurch eine Möglichkeit aufzeigen könnte, wie man durch einen Wechsel in der eigenen Perspektive und durch Fokussierung auf einen anderen Schwerpunkt, aus einer, vielleicht im ersten Moment noch so negativ erscheinenden Situation, noch etwas Gutes für sich herausziehen, und eventuell aus mancher Not so eine Tugend
machen kann.
Der Inhalt dieses kleinen Buches soll ein Geschenk für alle, insbesondere natürlich für behinderte Menschen, sein, die es gerne lesen möchten. Und es soll mein „Footprint“ sein, den ich auf dieser Welt hinterlassen möchte …

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Ich wurde am frühen Morgen des 13. Juli im Jahr 1954 in Marburg, in einem, wahrscheinlich wegen der zu der Zeit ungewöhnlich vielen Schwangerschaften (Babyboom-Jahre) zu einer Entbindungsklinik umfunktionierten Haus, in der Uferstraße, geboren.
Meine Eltern gaben mir die Namen Dorothea, Gerda, Maria Theis. Mütterlicherseits – Urgroßmutter, Großmutter, Mutter – stammte meine Familie aus einem kleinen Dorf mit Namen Schlackow, in der Nähe von Schlawe, in Pommern. Sie waren durch den II Weltkrieg als Flüchtlinge aus dem Osten in Hessen hängengeblieben, und meine Mutter hatte sich hier mit dem Marburger Heinrich Theis verheiratet, aus deren Ehe ich nun hervor gegangen war. Anfänglich wohnten wir in einem Haus in der Altstadt von Marburg in der Untergasse 13. Es ist ein sehr altes Haus, welches über einen Hof an die Stadtmauer angrenzt und dessen große Wohnungen nach dem Krieg zum Teil auf mehrere Familien aufgeteilt worden waren. Wir hatten aber trotzdem im 2. Stock noch eine 3-Zimmer-Wohnung mit Küche, allerdings kein Bad. So etwas gab es nirgendwo im Haus, und die Toilette, eine einzige im gesamten Haus, war ein Plumpsklo auf dem Flur, zwischen der zweiten und dritten Etage gelegen. Immer abwechselnd war es da die Aufgabe der im Haus wohnenden Parteien, genügend Zeitungspapier in postkartengroße Stücke zu zerschneiden, und an den im Klo an der Wand angebrachten Haken, anstelle des damals nicht vorhandenen Toilettenpapiers,
anzubringen. Die Hinterlassenschaften fielen in eine Sickergrube, die in bestimmten Abständen, vermutlich alle paar Monate, abgesaugt wurde.

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Gegenüber der Toilette, auf dem Flur befand sich dann auch ein kleines Waschbecken zum Händewaschen. Im ziemlich
dunklen Hausflur, durch die Flurfenster schaute man auf die
direkt angrenzende Hausmauer des Nachbarhauses, roch es immer muffig, nach altem Holz und Bohnerwachs. Der Keller des alten Hauses war aus dickem Sandstein gemauert, wirkte sehr mittelalterlich und hatte ein nahezu unheimliches Flair. Wenn man die steile Sandsteintreppe hinunterstieg, befand sich linker Hand eine zugemauerte Tür, die vermutlich zu Kriegszeiten, als man den Keller als Luftschutzbunker genutzt hatte, ein Notausgang zum Keller im Nachbarhaus gewesen war. Nach hinten zum Hof in Richtung Stadtmauer befand sich in der Decke ein offenes Eisenrost, durch welches es je nach Wetter und Jahreszeit hereinregnete oder schneite, und von wo man von unten auf den Hof darüber sehen konnte. Auch dort war ein verschütteter Gang, vermutlich hatte der mal in Richtung Stadtmauer geführt.
Mit in unserer Wohnung in der Untergasse lebte ein Kriegsblinder Student, der Herr Becker, mit seiner Frau in einem Zimmer, und noch eine alte Dame, die ich aber nie zu Gesicht bekam, in den restlichen zwei Zimmern. Die ursprüngliche Küche war ein dunkler, unbewohnter Raum ohne Möbel, der lediglich zum Wasserholen
am dortigen einzigen Waschbecken auf der Etage diente.
Meine frühe Kindheit in der Untergasse war geprägt durch ein emotional kühles und spartanisches Umfeld, in welchem ich mich, als neuer Erdenbürger, nur widerwillig angenommen fühlte. Meine Familie mütterlicherseits war wohl zu sehr damit beschäftigt, ihre Kriegstraumata zu verarbeiten, und deshalb nicht auf die Problematik, die mit

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einem neuen Familienmitglied auftauchen würde, vorbereitet. Ich wurde als notwendiges Übel angenommen, mit dem man sich, wo ich nun mal da war, wohl oder übel auseinandersetzen musste. Es wurde sogar gemunkelt, meine Mutter habe, als sie mit mir schwanger war, versucht mich loszuwerden.
Oma Pfingst erzählte mir, sie habe sich absichtlich, mit einer Schürze voll mit leeren Glasflaschen vor dem Bauch, die steile Sandsteintreppe in unserem mittelalterlichen Keller in der Untergasse hinuntergestürzt, um eine Fehlgeburt auszulösen. Auch erzählte sie mir, meine Mutter habe sich in dieser Zeit dauernd eingeschnürt, damit man ihr die Schwangerschaft nicht ansehen sollte.
Der Vater meiner Großmutter mütterlicherseits war nicht bekannt. Meine Großmutter wurde von ihrer Tante erzogen. Man munkelte, der adelige Großgrundbesitzer der Gegend habe ein Techtelmechtel mit meiner Urgroßmutter gehabt. Sie war die einzige Tochter des Bürgermeisters, hat aber nie darüber geredet. Vielleicht war es auch nur ein Bursche aus dem Dorf, der nicht dazu stehen wollte. (Bei Maria in der Bibel hatte ja sogar der Heilige Geist herhalten müssen, um die uneheliche Schwangerschaft aufzuhübschen.) Nur, das Wesen meiner Großmutter war im Vergleich zum Rest der Familie schon sehr außergewöhnlich. Nach dem Tod meines im Krieg gefallenen Großvaters führte sie ihren Bauernhof ohne jegliche Hilfe. Baute noch im Alter von 65 Jahren alleine als Bauherrin ein neues Haus in Marburg. Und sie reiste gerne. Fremde Länder waren für sie immer ein Faszinosum. Eine alte Freundin aus dem pommerschen Dorf, die nach dem Krieg mit nach Marburg gekommen war, und die, auch mich als letzte Überlebende der Familie, mittlerweile weit über 90 Jahre alt, bis vorletztes Jahr noch regelmäßig besuchte,

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schwärmte immer von dem Bauernhof meiner Großmutter. Unglaublich groß und nagelneu sei er gewesen. Und wenn sie zu
Besuch gekommen war, habe es immer so toll nach Bratäpfeln
gerochen.

Mein Leben verlief in Wellen, (genauso wie es die Corona-Pandemie jetzt auch tut). Es bestand aus abwechselnd guten und schlechten Zeiten, und wenn ich es als Ganzes betrachte, dann war es eigentlich ein schönes, in welchem sich vieles, wie von unsichtbarer Hand geführt, zusammengetan hat. Und ich würde es insgesamt als gelungen bezeichnen und bin mit dem Ergebnis sehr zufrieden; denn als Bildungspionier habe ich es aus der absolut untersten Ebene, trotz meiner Behinderung, ziemlich weit nach oben geschafft. Und darauf bin ich sehr stolz. Wenngleich auch die emotionale Seite in meinem Leben dadurch vielleicht etwas zu kurz gekommen sein mag. Versuche mit Mitmenschen auch nur simple Kontakte zu knüpfen war sehr schwer. Ich hatte oft den Eindruck, sie fühlten sich von mir dann irgendwie unangenehm
auf den Pelz gerückt und belästigt, und gingen mehrfach sofort merklich auf Distanz. Ganz besonders die Herren der Schöpfung, bei denen vermutlich selber ein Selbstwertproblem bestand. Aber wer will sich schon mit einem behinderten Menschen anfreunden, da hat man es oft schwer. Das könnte einem gesunden Menschen,
der das Wagnis eingeht, ja als Defizit angerechnet werden und dann eventuell zu einem Verlust von Anerkennung vom seinem restlichen Freundschaftskreis führen.
Ich habe mein ganzes Leben lang immer nach Liebe gesucht und sie nicht gefunden. Zumindest nicht so wie man sie sich gewöhnlich vorstellt, wenn man sie mit körperlicher Nähe,

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Zärtlichkeit und Sexualität gleichsetzt.
Allerdings habe ich durch die intensive Suche im Labyrinth meines Lebensweges, in welchem die Wege oftmals sehr steinig und für die Füße sehr schmerzhaft zu gehen waren, auch den Minotaurus, das wahrscheinlich böse Alter-Ego des antiken König Minos getroffen. König Minos wollte ja wahrscheinlich mit dem Superstier in seinem Keller, der stets nimmersatt immer 13 Jungfrauen zum Nachtisch fressen musste, angeben, um sich so vor seinen Leuten mächtiger erscheinen zu lassen. Das hat ihm aber letztlich auch nichts genützt. Denn der noch um vieles schlauere Grieche Theseus hat, der Sage nach, das Monster dann ja umgebracht, und der minoischen Kultur damit ein Ende gesetzt. Vielleicht war es aber auch der Ausbruch des Vulkans Santorin, durch den das Reich der Minoer zugrunde ging.
Ich habe bei Minotaurus aber etwas ganz Tolles gefunden. Er war, als ich ihn sah, ganz zahm, machte nämlich gerade sein Mittagsschläfchen und schnarchte genüsslich vor sich hin, sodass ich mich an ihm vorbei schleichen konnte. Als ich ihn dabei aus Versehen an eines seiner riesengroßen Hörner stieß, grunzte er nur einmal kurz im Schlaf. Was ich dann danach, eine Ecke weiter,
fand, war etwas unheimlich Großes, was die wirkliche, nämlich geistige Liebe, sein könnte: Das Glücklichsein, welches einsetzt, wenn man merkt, dass man als kleines unbedeutendes Individuum durch seine Taten anderen Menschen helfen, sie dadurch glücklicher machen kann, und es sie positiv weiterbringt.

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Mein Schicksaal schien es unter anderem auch zu sein, dem nierenkranken und auch etwas sozial behinderten Herrn Mensdorf durchs Leben zu helfen.
Während der letzten Monate seines Lebens hat es mir dabei fast das Herz gebrochen, mit ansehen zu müssen, wie sein Körper von Tag zu Tag immer weniger wurde und sich seine Psyche mehr und mehr vergiftete. Auch habe ich dabei nicht immer angemessen auf seine aggressiven Attacken reagiert, und kann nur wünschen, dass seine Seele mir vergeben möge. Es ist aus Liebe geschehen; denn ich konnte meine Angst um ihn nicht anders ausdrücken, als ebenfalls mit Aggression zu reagieren. Ich kann ihm seine Gehässigkeiten verzeihen, da wir beide in unserem Leben nie gelernt hatten, Gefühlen angemessen Ausdruck zu verleihen.
Ich habe mich oft wie in einer unsichtbaren Seifenblase, welche nach außen eine feste undurchdringliche Haut hatte, durch welche niemand an mich herankommen wollte, und die ich von innen auch nicht durchdringen konnte, eingesperrt gefühlt. Und in dieser war ich sehr einsam. Wahrscheinlich war der Grund dafür die fehlende
Basis im Erlangen von sozialer Kompetenz aus den frühen Kindertagen, bei welcher ich, aufgrund meines Lebensverlaufs, irgendwie nie mehr ganz die Möglichkeit zur Aufarbeitung gefunden habe.
Aus eigener Erfahrung habe ich gelernt, dass es einen emotional ganz schön runterziehen kann, wenn man Dingen nachträumt, die man jetzt nicht mehr kann. Etwa die verkrüppelten Beine betrachtet, und sich in Gedanken verliert, wie schön es doch war, als man noch springen und tanzen konnte. Das sollte man nicht tun; denn davon werden die Beine auch nicht besser. Das Einzige

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was geht, ist, meiner Meinung nach, sich mit Physiotherapie noch das, was möglich ist, zu erarbeiten. Immer wenn es mir mal besonders schlecht ging, hat es mir geholfen, die Schritte in denen ich mich von Tagesereignis zu Tagesereignis gehangelt habe, kleiner zu machen. Meinem Tag eine feste Struktur zu geben, mich
für gelungene Schritte mit kleinen Dingen, wie etwa einer schönen heißen Tasse Tee oder Schokolade selber zu belohnen. Mir im Verhältnis von 1:1 von Spannung und Entspannung kurze Erholungs-pausen zu gönnen, innezuhalten, etwa mit einer kurzen Meditation oder einem kleinen Gebet. Aber dafür müssen sie geeignet sein. Und mir zu sagen, wenn jetzt etwas schlecht war, dann kann es nur wieder besser werden! Wichtig ist, dass Anspannungsphasen sich immer mit Entspannungsphasen abwechseln. Auf große/lange Anspannung muss aber auch immer eine entsprechende große/lange Entspannung folgen. Und wenn mir mal eine Ecke meines Körpers, zum Beispiel aus Arthrose-Gründen, besonders weh tat, habe ich immer versucht, mich ganz stark auf ein anderes nicht mich auf ein mich auf ein anderes, gerade nicht schmerzendes Körperteil, zu konzentrieren um die Problemzone auf diese Weise den Hintergrund zu drücken. Das hilft für den Moment tatsächlich und man fühlt den Schmerz nicht mehr so. Ist natürlich auf Dauer keine Lösung und erspart unter Umständen keinen Arztbesuch. Lenkt aber für den Moment auf Positiveres ab. Auch sehr geholfen hat es mir, wenn ich nervlich ziemlich angespannt war, und wenn es möglich war, mich aufs Bett zu legen, mir vorzustellen, ich liege auf einer Sanddüne in der Sonne und es ist angenehm warm.

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Ich atme so langsam und tief, wie es mir möglich ist, ein und in den Bauch aus. Und jedes Mal, wenn ich ausatme, stelle ich mir vor wie unter mir Sand wegrutscht, und ich nach unten mit dem Sand wegsacke. Es ist ein Versuch wert, man fühlt sich nach kurzer Zeit total entspannt. Geht auch im Sitzen, wo man gerade ist.

Darüber hinaus war mein absolutes Vorbild immer der Astrophysiker Steven Hawking, der trotz seiner schweren Nervenerkrankung, allein mit seinem genialen Geist, so viel erreichte. Und ich mochte seine Schriften. Also sage ich mir, er hatte es gesundheitlich noch so viel schlechter als du, und hat trotz Allem so Unglaubliches geschafft.

Ich denke dann, ein bisschen davon kann ich auch!

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