Das Land am Vulkan

Das Land am Vulkan

Franz Müller-Wendling


EUR 17,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 96
ISBN: 978-3-99131-188-1
Erscheinungsdatum: 22.09.2022
Ein deutscher Arzt in Flüchtlingslagern in Afrika, die Nachwehen des Genozids in Ruanda. Große und kleine Tragödien, aber auch Anrührendes und Herzergreifendes. Ein wunderbares Stück erinnertes Leben ...
Aufbruch nach Goma

In Goma, einer heruntergekommenen Stadt im Osten des Kongo, war für uns ein Quartier in einer verlassenen Schule vorbereitet. Das THW hatte eine Frischwasseranlage bereitgestellt, sodass wir mit kaltem Wasser aus Schläuchen abends duschen konnten, für Männer und Frauen durch eine Kunststoffplane getrennt.
Die schmale, gut asphaltierte Straße zog sich in endlosen Serpentinen von der Stadt Goma den Hügel hinauf zu den riesigen Flüchtlingscamps. Buschwerk säumte den Weg, zu beiden Seiten neben der Straße lag Bimssteingeröll als Erinnerung an einen der letzten Ausbrüche des tückischen Nyiragongo, des gefährlichsten und immer wieder im Abstand von Jahren aktiven Vulkans in Afrika. Er liegt in der Republik Kongo, ist Teil des Virunga-Bergmassivs im Länderdreieck Kongo-Ruanda-Uganda. In seinem Regenwald lebt die letzte Berggorilla-Population der Erde. Der letzte Ausbruch des 3400 Meter hohen Vulkans lag zur Zeit meines dortigen Aufenthaltes 17 Jahre zurück und forderte damals 600 Menschenleben.
Abends sahen wir nach Einbruch der Dunkelheit von unserem Quartier aus die hundert Meter hohe Feuersäule über dem Kratermund, die ein Menetekel in den schwarzen Himmel zu schreiben schien und die mit ihrem Schein die hell leuchtenden Sterne der Tropennacht verblassen ließ. In den Jahren nach unserem Aufenthalt 1994 gab es weitere Eruptionen, im Jahr 2002 verschütteten Lavamassen große Teile der Stadt Goma.
Morgens fuhren wir in unserem weißen Geländewagen eine halbe Stunde auf scheinbar endlosen Serpentinen bergan. Auf den Türen des Fahrzeugs war das blaue Logo unserer Organisation aufgemalt. Ich war als Arzt der Leiter eines kleinen Teams von 6 Personen. Außer mir gehörten zu uns eine junge Frauenärztin, 2 Krankenschwestern und 1 Pfleger sowie unser Fahrer, der auch gleichzeitig als unser Dolmetscher fungierte. Unser Wagen besaß eine geräumige, geschlossene Ladefläche, auf der während der Fahrt 3 Personen unseres Teams auf Holzbänken kauerten, während ich mit den übrigen neben und hinter dem Fahrer Platz gefunden hatte. Der junge Fahrer war vor wenigen Wochen selbst in dem Flüchtlingstreck mit seiner Familie aus Ruanda angekommen. Ich sprach mit ihm Französisch, in dem frankophonen Ruanda sprach zu jener Zeit außer Kinyarwanda, der Bantu-Landessprache, niemand Englisch.
Als wir Ende August 1994 in Goma eintrafen, war das Massaker des Genozids gerade 7 Wochen vorbei. Es hatte 3 Monate lang in dem kleinen Land gewütet, fast 1 Million Menschen waren ihm zum Opfer gefallen. Das deutsche Fernsehen hatte während dieser Zeit in seinen Nachrichtensendungen darüber berichtet. Die Zuschauer sahen Leichen auf und neben den Straßen. Über die Ursache wurde wenig berichtet und noch weniger verstanden. Der damalige französische Präsident Mitterand meinte, es sei halt wieder eines der afrikanischen Massaker, man kenne das ja schon. Hintergründe des Konfliktes wurden nicht mitgeteilt, die deutschen Zuschauer waren auch nicht übermäßig interessiert, etwas darüber zu erfahren. Der Genozid wurde Anfang Juli 1994 durch General Kagame, den späteren Präsidenten, beendet. Er kam mit seiner Truppe von Norden, aus dem Nachbarland Uganda, nachdem während des 3 Monate währenden Mordens weder die Blauhelme der Vereinten Nationen noch die seit wenigen Wochen im Land stationierten französischen Soldaten einen Finger zur Beendigung des Massakers gerührt hatten. Kagame und seine Soldaten gingen mit großer Brutalität gegen die Mördermilizen Interahamwe und die Garde des früheren Präsidenten Habiyahimana vor. Wen sie auf frischer Tat erwischten, der wurde auf der Stelle hingerichtet. Die Hutu-Milizen, die wegen ihrer Beteiligung am Morden „Génocidaires“ genannt wurden, wussten natürlich, was ihnen bevorstand, wenn sie in die Hände der Tutsi-Soldaten Kagames fielen. Sie flohen deshalb Hals über Kopf in die Nachbarländer, besonders in die Republik Kongo/Zaire, weniger zahlreich nach Tansania. Damit sie dort aber nicht so leicht ausfindig gemacht werden konnten, verbreiteten sie unter ihren Landsleuten in Ruanda das Gerücht, alle Hutus des Landes würden von den Tutsi-Soldaten umgebracht. Wie sie es beabsichtigt hatten, setzte sich daraufhin ein nicht enden wollender Strom von Flüchtlingen in die Nachbarländer in Gang, deren Bevölkerung natürlich durch den Massenansturm restlos überfordert war. Mithilfe der Vereinten Nationen brachte man die Flüchtlinge in notdürftig errichteten Lagern unter. Die kleinen, aus Ästen und Zweigen selbst gebauten Hütten wurden gegen den Regen mit den Planen der UNHCR bedeckt. Diese blauen Planen mit dem weißen Logo der UN-Flüchtlingsorganisation waren das Kennzeichen der Flüchtlingslager in den kommenden Monaten und Jahren. Ich habe diese Planen 10 Jahre später in abgelegenen Dörfern von Ruanda wiedergesehen. Es kam nun, wie vielfach vorausgesehen, zu einer verheerenden Choleraepidemie in den riesigen Lagern, die täglich Tausende von Toten forderte.
Nun aber sah die Welt die Bilder der verheerenden Choleraepidemie in den Flüchtlingslagern des Kongo, täglich wurden die Opfer der Epidemie mit Hubladern in Massengräber transportiert. Die Bilder wurden täglich von den allgegenwärtigen Fernsehteams auf Millionen Geräte in der ganzen Welt übertragen. Diese Bilder waren unerträglich, während zuvor niemand in den „entwickelten“ Ländern etwas unternommen hatte, um das Massaker zu beenden. Zuvor hatte selbst der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Boutros Boutros-Ghali, das Einschreiten des kleinen Blauhelm-Kontingents in das Bürgerkriegsmassaker untersagt. Das Massaker war zwar vorbei, aber nun wurden zahllose Helfer von Regierungen und privaten Hilfsorganisationen mobilisiert und in die Flüchtlingslager in der Republik Kongo geschickt. Man wollte überall die Hilfsbereitschaft demonstrieren, auch gegenüber der eigenen Bevölkerung. Dies war auch der Zeitpunkt für mich und andere Helfer von Care Deutschland, auf den landesweiten Hilferuf der Organisation zu reagieren. Die eben beschriebenen Hintergründe kannten wir nicht, in allen Einzelheiten habe ich die Zusammenhänge erst Jahre später erfahren.

Es kamen nun keineswegs nur Tropenmediziner und Fachleute, die sich in der Behandlung tropischer Epidemien auskannten. Als rühmliche Ausnahme sei neben einigen anderen die französischstämmige Organisation der Médecins sans Frontières genannt, die zu der Ersten gehörte, die rasch, professionell und erfolgreich vor Ort mit der Behandlung begann und die Choleraepidemie bereits nach kurzer Zeit beherrschte.

Auch wir waren hastig und übereilt vom deutschen Zweig einer internationalen Hilfsorganisation geschickt worden, nachdem man medizinische Fachkräfte zum Einsatz in den Flüchtlingslagern nach dem Genozid in Ruanda mit Anzeigen in Radiosendungen und Zeitungen gesucht hatte. Ich selbst hatte mich gemeldet, nachdem ich wie viele andere im Fernsehen die schockierenden Bilder aus den Flüchtlingslagern gesehen hatte. Ich erhielt schon nach wenigen Tagen die Mitteilung, dass man mich für den Einsatz ausgesucht hatte. Bis zu dem Tag meiner Abreise verblieb nicht einmal genug Zeit, um zuvor die wichtigsten Impfungen selbst vorzunehmen oder durchführen zu lassen. So konnte ich nur die international vorgeschriebene Gelbfieberimpfung bekommen und mir das notwendige Medikament zur Malariaprophylaxe besorgen. Für andere Impfungen, die ebenfalls für diesen Einsatz wichtig gewesen wären, blieb keine Zeit. Wir flogen mit einer von Care gecharterten Iljuschin-Maschine von Köln über Kairo und Entebbe nach Goma. Ich wurde von meinem Sohn Oliver zum Flughafen gefahren. Hier mussten wir Ärzte uns vor dem Abflug fotografieren lassen, um für die Zeit unseres Einsatzes im Kongo in die kongolesische Ärztekammer aufgenommen werden zu können. Im Warteraum saßen die etwa 50 Helfer auf Bänken, auf ihren Koffern oder Rucksäcken. In den angespannten Gesichtern und den weit geöffneten Augen konnte man auch Angst herauslesen. Die meisten von uns waren noch nie in Afrika gewesen und hatten auch noch nie eine Situation erlebt wie diejenige, die uns nun bevorstand. Hinzu kam, dass wir zu Hause in Deutschland im Radio und im Fernsehen erschreckende Nachrichten von Übergriffen auf Helfer gehört und gesehen hatten, vereinzelt wurden sogar angereiste Helfer umgebracht. Auch den Massen von Flüchtlingen, die uns in den Lagern erwarten würden, sahen viele mit Schrecken entgegen. Es wurde von den im Flughafen Wartenden nur wenig und leise gesprochen. Es befanden sich junge Frauen und eine etwa gleich große Schar von Männern unter den Wartenden. Man blickte einander aufmerksam und schweigend an, nur wenige kannten sich zuvor. Als Reiselektüre erhielten wir im Flugzeug den Ausdruck einer mehrseitigen Information über die wichtigsten Krankheiten, die dort zu behandeln sein würden. Wenig lasen wir über die Ursachen, die zu der Katastrophe geführt hatten. Für die meisten Mitreisenden war es der erste tropenmedizinische Einsatz dieser Größenordnung sowieso. Wenn ich diese damalige Vorbereitung auf meine Tätigkeit in den Flüchtlingslagern mit der aufwendigen, detaillierten und durchdachten Vorbereitung vergleichen wollte, die ich Jahre später im Auftrag des Deutschen Entwicklungsdienstes vor meiner Ausreise nach Afrika erfahren habe, so kann ich diese damalige Vorbereitung nur als dilettantisch, sogar verantwortungslos, bezeichnen. Natürlich ist es ein Unterschied, ob man vor einem mehrjährigen Auslandsaufenthalt steht wie ich Jahre später im Auftrag des Entwicklungsdienstes oder jetzt vor einem nur für wenige Wochen vorgesehenen Notfalleinsatz im tropischen Afrika. Dennoch muss ich in der Rückschau feststellen, dass auch vor einem kurzen Aufenthalt Mindeststandards beachtet werden müssen, wenn man Gesundheit und Leben der Beteiligten nicht gefährden will und wenn durch mangelhafte Vorbereitung der Erfolg des gesamten Projektes nicht infrage gestellt werden soll. Wie auch immer, die nun in der Iljuschin-Maschine sitzenden Ärzte und die Krankenschwestern und Pfleger hatten sich mit Eifer und Mut zu dieser nicht ungefährlichen Reise entschlossen. Wir hatten zuletzt kurz vor unserer Abreise teilweise katastrophale Berichte von fehlender Ausstattung vor Ort und gelegentlichen Angriffen auf Flüchtlingshelfer in den Lagern gehört, gelesen und in den Fernsehsendungen gesehen. Wie wir später erfuhren, hatten viele Helfer, die schon für die Reise eingeplant waren, im letzten Augenblick ihren Entschluss widerrufen.
Weder aus den Nachrichtensendungen in Deutschland noch aus den uns ausgehändigten Berichten unserer Entsendeorganisation hatten wir Einzelheiten erfahren, was sich genau in Ruanda abgespielt hatte und welche Vorgeschichte die Katastrophe dort gehabt hatte. In den Lagern angekommen, wussten wir nicht einmal, welche Volksgruppe aus dem Nachbarland gekommen war. Waren es Opfer oder Täter, waren Mörder unter den Menschen, die gekommen waren, oder waren es Opfer, die in Panik geflohen waren, um ihr Leben zu retten? Vielleicht ist es heute, zurückblickend nach Jahrzehnten, ohne wirkliche Bedeutung, dass wir das nicht gewusst haben. Denn wir waren gekommen, um eine verheerende Cholera-Epidemie mitzu- behandeln. War es dann wichtig, ob unsere Patienten Opfer oder Täter waren? Krank und hilfsbedürftig waren sie doch alle, die in unsere Krankenstation kamen. Nur einige Male wäre es wichtig gewesen, wenn wir die Vorgeschichten gekannt hätten. 9 Jahre später, als ich als Arzt in das Land gekommen war, aus dem die Flüchtlinge in den Lagern stammten, würde ich die Ereignisse, die sich vor unserer damaligen Ankunft abgespielt hatten, erfahren und verstehen.
Als ich in unserem Geländewagen hinauffuhr zu unserem Standort in dem größten der Flüchtlingslager, erinnerte ich mich noch einmal an die Bilder im deutschen Fernsehen, auf denen Lastwagen gezeigt wurden, die allmorgendlich die Leichen aufluden, Menschen, die in der Nacht zuvor an der Cholera gestorben waren. Wie sich jetzt zeigen sollte, war der Gipfel der Choleraepidemie bei unserer Ankunft bereits dank der kundigen Helfer anderer Organisationen überschritten. Wir waren die 2. Mannschaft, die Care in Deutschland mobilisiert hatte, und wir würden die Crew, die nun nach Hause flog, in Goma ablösen.

In den Flüchtlingslagern

Während wir uns dem Hochplateau näherten, auf dem die Organisation UNHCR der Vereinten Nationen ein riesiges Flüchtlingslager errichtet hatte, kamen uns von oben in zunehmender Zahl Flüchtlinge entgegen, die mit Macheten links und rechts der Straße Bäume und Buschwerk abholzten, um damit ihre kleinen Hütten in den Lagern aufzubauen, die anschließend mit den blauen Planen des UNHCR abgedeckt wurden.
Bevor wir unseren Arbeitsplatz erreichten, passierten wir die unzähligen Niederlassungen von Hilfsorganisationen aus aller Welt, von denen die meisten von ihren Regierungen geschickt worden waren. Es war ein buntes Gemisch von Ambulanzen und kleinen Krankenstationen, die rasch seitlich der ansteigenden Straße aufgebaut waren und die in ihrer Buntheit an eine orientalische Bazar-Straße erinnerten, wenn auch keine Waren verkauft wurden. Dennoch wirkte die Ansammlung von bunten Zelten hinter Zäunen und Drähten für mich deplatziert angesichts der Massen von Flüchtlingen in ihren Elendsquartieren.
Immer war aber der Eigentümer dieser Zelte und Ambulanzstationen durch große Tafeln von der Straße aus deutlich zu erkennen. Darin lag offenbar auch der Sinn dieses Aufwandes, denn jeder sollte sehen, welches Land und welche Organisation Helfer und Hilfseinrichtungen geschickt hatten. Die humanitäre Katastrophe, die sich in den Lagern abspielte, war durch die bebilderten Medien in aller Welt sichtbar geworden. So sollte auch überall gesehen werden, wer zu Hilfe geeilt war, denn die angeblich uneigennützige Hilfsbereitschaft erhöhte selbstverständlich das Prestige der entsendenden Staaten, besonders bei der eigenen Bevölkerung im jeweiligen Heimatland. Dass sehr häufig, vielleicht sogar überwiegend, ein Show-Effekt eine Rolle gespielt hatte, war oftmals daran zu erkennen, dass die Mehrzahl der Hilfsprojekte nach 2-3 Wochen verschwunden war. Es ist zu vermuten, dass diese Zeit ausgereicht hatte, um eindrucksvolle Bilder in die jeweiligen Heimatländer zu transportieren. Für mich war es das erste Mal, dass ich eine derartige menschliche Katastrophe gesehen und miterlebt hatte. Deshalb war ich auch fassungslos, diesen anscheinend sehr verbreiteten, vielleicht sogar üblichen Aufmarsch von „Helfern“ aus aller Welt zu sehen. Der Vollständigkeit halber sei aber auch erwähnt, dass es auch fleißige Helfer gab, die rasch und sehr professionell Hilfe mit großem Erfolg geleistet haben. Diese leisteten ihre Arbeit rasch und ohne viel Beachtung zu finden am Rande der Flüchtlingslager und zogen sich nach getaner Arbeit still und unauffällig wieder zurück. Eine dieser Hilfsorganisationen, die Médecins sans Fortières, wohnte in Goma gleich neben unserem Quartier und kam gelegentlich zu einem Glas Rotwein abends nach getaner Arbeit zu uns herüber. Sie hatten Infusionen und Betten für Cholerakranke mitgebracht und arbeiteten professionell und erfolgreich. Ihnen und anderen erfahrenen Helfern war es zu verdanken, dass die Choleraepidemie schon vor unserem Eintreffen weitgehend beseitigt war.
Wir bogen mit unserem Geländewagen nach rechts in einen schmalen, mit Schottersteinen notdürftig befestigten Weg ein, der gerade breit genug war, um Platz für unsere wuchtigen Geländewagen zu lassen. Zu beiden Seiten schauten wir in die engen, an manchen Tagen knöcheltief unter Wasser stehende Gässchen hinein, in denen Menschen gingen und standen und Kinder in dem knöcheltiefen Schlamm spielten. Es war für uns schwer zu begreifen, dass man an diesen Orten länger als einen Tag bleiben konnte. Hinzu kam ein unerträglicher Gestank, der den Vorüberfahrenden in die Nasen stieg. Nach einigen Hundert Metern erreichten wir unsere kleine Ambulanz, die wir uns selbst aufgebaut hatten, nicht ohne wütenden Protest der UNHCR-Leitung, da Care unsere Truppe dort nicht angekündigt hatte. Unsere Organisation hatte in Deutschland und auch hier vor Ort aber mehrfach behauptet, wir seien von der zairischen Regierung selbst gerufen worden, eine besondere Anmeldung bei der UNHCR sei deshalb nicht erforderlich gewesen. Der Streit konnte schließlich halbwegs beigelegt werden, schließlich stand auch unsere weit weniger professionelle Einrichtung auch nach einem halben Tag Vorbereitung für uns bereit.


In den Lagern

Wir kamen jeden Morgen gegen halb neun Uhr zu den Lagern, zu unserer kleinen Ambulanz. Unter einem Zeltdach standen insgesamt 3 Tische, davor jeweils 3-4 Stühle. Jeder Arzt arbeitete zusammen mit einer Krankenschwester und einem Dolmetscher. Auf den Tischen waren Medikamente und verschiedene Utensilien für die Sprechstunde aufgestellt. Wir hatten insgesamt 5 Ärzte, darunter ein Internist, eine Chirurgin, eine Gynäkologin und 2 Kinderärzte. Um zu unserem Arbeitsplatz zu gelangen, mussten wir etwa 300 Meter in eine schmale Straße des Lagers hineinfahren. Links und rechts blickten wir in schmale Gassen, an denen die mit Zweigen und Ästen selbst gebauten Hütten aufgereiht standen. Sie waren gegen den Regen mit den blauen Kunststoffplanen der UNHCR bedeckt, auf denen das weiße Logo der Flüchtlingsorganisation der Vereinten Nationen in großen Lettern zu lesen war. Die große Regenzeit war eigentlich seit Ende Mai in diesem Teil des tropischen Afrika vorüber, aber dennoch ergoss sich alle paar Tage ein heftiger Regenguss aus tiefdunklen Wolken und setzte das Lager knöcheltief unter Wasser. Bei Regen standen die Menschen vor ihren Hütten knöcheltief im Wasser. Manchmal verdunkelte sich der Himmel so rasch, bevor der tropische Regen mit Macht herniederprasselte, dass ängstliche Krankenschwestern aus unserem Team einen neuen Ausbruch des Vulkans befürchteten, der drohend in Sichtweite auf uns herniederblickte. Zum Wasserholen mussten die Flüchtlinge mit gelben Plastikkanistern zu dem riesigen Wassertank laufen, der ungefähr in einer Entfernung von 200 Metern von unserer Ambulanz aufgestellt war. Vor den Zapfstellen bildeten sich den ganzen Tag über lange Schlangen von Wartenden, die mit den Wasserkanistern, die sie geschickt auf ihren Köpfen balancierten, zurück in ihre Hütten liefen. Der Wassertank wurde mehrmals täglich mit Tanklastwagen aufgefüllt, die aus der Umgebung von Goma bergauf in die Lager fuhren. Ihre Notdurft verrichteten die Menschen auf der anderen Seite der Straße zwischen den Baumstümpfen, die nach Abholzen der dünnen Stämme von Bäumen und Büschen stehen geblieben waren.

Unsere Kinderärztinnen

Jeden Morgen erwarteten uns lange Patientenschlangen, die von Hilfskräften vor den Arbeitsplätzen der Ärzte aufgereiht waren. Die längste Schlange stand immer vor den Tischen der Kinderärztinnen. Es waren 2 ältere Damen, die sich ohne Pause mit Liebe und Geduld der kleinen Patienten annahmen, bis wir nachmittags gegen 16 Uhr zurück in die Stadt zu unserem Quartier fuhren. Mir bleibt eine rührende Szene im Gedächtnis, die ich von meinem Platz aus beobachtet hatte. Eine der Kinderärztinnen hatte einen kleinen, unterernährten Jungen auf ihrem Schoß und fütterte ihn mit einem breiigen Nährstoffkonzentrat. Das hungrige Kind ließ sich bereitwillig den Löffel in den kleinen Mund schieben. Der betagten Dame liefen bei dieser Tätigkeit vor Rührung die Tränen die Wangen hinunter.
Beim Herauffahren aus der Stadt fuhren wir auch an den zahlreichen Behandlungsplätzen anderer Organisationen vorbei. Aber nirgendwo konnten wir einen derartigen Andrang sehen wie vor unserer Ambulanz.
Die verheerende Choleraepidemie war schon bei unserer Ankunft eingedämmt. Die Mehrzahl der Patienten, die uns zu uns kamen, litt unter Atemwegserkrankungen, was nicht verwunderlich war angesichts der beschriebenen Verhältnisse in dem Lager. Wir hatten ein relativ beschränktes Sortiment von Medikamenten, die den Patienten abgezählt in die Hände gegeben wurden. Dazu ließen wir ihnen immer einen kurzen Behandlungsplan von unserem Dolmetscher aushändigen. Manchmal erfuhren wir, dass mit unseren Tabletten in dem Lager schwunghafte Tauschgeschäfte betrieben wurden. Am begehrtesten waren angeblich halb durchsichtige Kapseln, in denen winzige Kügelchen hin- und herrollten, weil sie magische Kräfte besaßen.
Nicht selten hielt ich es für dringend erforderlich, dass ein Kranker zu einer Röntgenuntersuchung mit einem unserer Wagen in die Stadt gebracht wurde. Dies war insbesondere dann notwendig, wenn ich nach meiner Untersuchung den Verdacht auf eine Lungentuberkulose hatte. Diese Vermutung lag auch deshalb nicht fern, weil just zu jener Zeit die HIV-Erkrankungen sich in diesem Teil Afrikas auszubreiten begannen. Diese Patienten sah ich meistens nicht wieder, weil sie gewöhnlich im Krankenhaus der Stadt weiterbehandelt wurden.

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