Das Glück im Unglück ist das größte Glück

Das Glück im Unglück ist das größte Glück

Frank Gotenfreund


EUR 20,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 522
ISBN: 978-3-99064-602-1
Erscheinungsdatum: 08.04.2019
Begleiten Sie Hans Trummer auf seiner dramatischen Lebensreise. Bittere Armut, Wilderei, Verlust der großen Liebe, Kriegsverletzungen, Selbstvorwürfe –, und doch ein kleines Quäntchen Glück, das alles in einem anderen Licht erscheinen lässt.
Vorwort


„Wenn ich tot bin, dann schreib’ das alles auf, mach’ ein Bücherl draus. Es soll nicht alles umsonst g’wesen sein. Aber erst, wenn ich tot bin, darfst du’s aufschreiben“, musste ich meinem Freund Hans Trummer versprechen. In seinen letzten Lebensjahren hatte der sonst so zurückhaltende und zurückgezogen lebende Mensch nach und nach Einblicke in sein Leben gegeben. Erlebnisse und Erfahrungen, Erfreuliches und Schmerzhaftes. Manches hat er mit ins Grab genommen, manches konnte recherchiert und rekonstruiert werden. Details mussten ergänzt, Personen Namen gegeben, Umstände erläutert werden, um seine Botschaft zu unserer Botschaft werden zu lassen. Seine Botschaft ist sein Leben oder sein Leben ist seine Botschaft. Hans Trummer hat nie aufgegeben, hat im größten Unglück nicht verzweifelt, hatte es im Leben nie leicht, hat sich durchgekämpft und auch gegen sich gekämpft. Er hat seinen Weg durch das Leben gesucht und am Schluss auch gefunden. Er hat gezeigt, dass man auch in unmenschlichen Zeiten Mensch bleiben kann und muss, dass man versagen kann und wieder aufstehen kann und muss. Hans Trummer hat den Krieg in Frankreich und Russland erlebt und überlebt, aber das war nicht das Schlimmste.

Von meinem Freund Hans Trummer habe ich gelernt, dass nach dem größten Unglück ein immer noch größeres Glück warten kann. Und dass sich Glück wie Wellen fortsetzen kann, aber das Unglück auch. Die Wurzeln für Glück und Unglück liegen oft verborgen. Diese Wurzeln zu erkennen und zu pflegen oder auch zu bekämpfen, ist entscheidend für den Einzelnen und manchmal für die ganze Welt. Diesen Schatz möchte ich der Leserin und dem Leser gerne mit auf den Lebensweg geben.

Ihr Frank Gotenfreund
Murat I, Amselfeld, 1389
Gavrilo Princip, Sarajewo, Erster Weltkrieg, 1914
Hans Trummer, Windischgarsten, Zweiter Weltkrieg, 1939
… Sie








Letzter Gruß


Als ich ihn berührte, erschauderte ich. So kalt, so fremd. Ich zuckte zurück und rief seinen Namen: „Hans …“ Aber Hans Trummer antwortete nicht. Noch einmal näherte ich mich ganz langsam mit zwei Fingern seinem Hals, um an der Halsschlagader zu fühlen. Keine Wärme, kein Puls. Ganz leise rief ich noch einmal seinen Namen:
„Hans … Hans, was ist? Sag doch was.“
Aber Hans antwortete nicht mehr. Würde nie mehr antworten. Sein verbliebenes Auge war geöffnet, es hatte den Glanz verloren. Sein Blick war ins Leere gerichtet, schien irgendwie etwas in der Ferne zu suchen. Ich folgte seinem Blick in den Novemberhimmel von Windischgarsten. Die Sonne beschien mit ersten schwachen Strahlen die Ränder der Berge. Sie kämpfte sich durch die Wolken. Mühsam. Es kostete sie viel Kraft, die vielen Schneewolken zu durchdringen. Doch Hans bekam davon nichts mehr mit. Er saß tot in seinem Sessel und blickte ein letztes Mal nach Osten, der aufgehenden Sonne entgegen. In die Richtung, die sein Leben so bestimmt hatte. Ich glaubte, ein Lächeln in dessen Blick zu erkennen. Das Gesicht wirkte entspannt, die Falten auf der Stirn, auf den Wangen und um den Mund zeugten von Kummer, Sorgen und Nachdenklichkeit. Das Haar war fast weiß, kurz geschnitten. Tot wirkt er kleiner, dachte Sperl, verletzbarer. Was war wohl sein letzter Gedanken gewesen?
Es dauerte einige Zeit, bis ich mich gefasst hatte. Eigentlich wollte ich meinen Freund abholen, um mit ihm bei einem prächtigen Essen seinen Geburtstag zu feiern. Der Tisch war schon gedeckt. Die Gäste warteten bereits. Aber der Jubilar war nicht gekommen. Daher wollte ich nach ihm schauen. Heute war sein siebzigster Geburtstag. Es ist deppert, an seinem Geburtstag zu sterben, dachte ich. Das wird ein Schock für die Gäste! Natürlich hatten sich diese auf eine fröhliche Feier eingestellt und tranken gewiss schon das erste Viertel auf den Hans, dessen Ankunft sie erwarteten. Nachdem er nicht kam, hatten sie mich losgeschickt, ihn abzuholen oder ihm entgegenzugehen und zu helfen. Sie wussten ja alle, wie beschwerlich jeder Schritt für ihn war. Aber er würde nun keinen Schritt mehr machen. Starr und kalt saß er da. Aber irgendwie lächelnd. Und irgendetwas schien er in seinen Händen zu halten. Ich starrte auf das Papier zwischen seinen Fingern. Es war mehrmals gefaltet, schon älter, daher vergilbt und verknittert. Bis zum Schluss hatte Hans es festgehalten. So wichtig war es ihm. Ich erkannte in dem Teil, der aus den Händen herausragte, Buchstaben. Erstaunt trat ich näher. Meine Schritte waren zaghaft, als hätte ich Angst, meinen Freund aufzuwecken. Und wie gerne hätte ich ihn aufgeweckt. Aber der starre Blick sagte: Nein! Der Freund, der mir im Leben so nahe war, war mir im Tod so fremd. Er wirkte so ganz anders. Für einen Moment stellte ich mir vor, dass Hans die Augen aufschlagen würde und „Guten Morgen, Franz“ sagen würde. Ich würde tot umfallen, da war ich mir sicher. Aber Hans Trummer sagte nichts mehr. Nie mehr. Vorsichtig zupfte ich an dem Papier. Es rührte sich keinen Millimeter. Ich versuchte es noch einmal. Ohne Erfolg. Hans umklammerte es fest mit beiden Händen, als wollte er es nie mehr loslassen. Wie einen Schatz. Das Letzte, das er im Leben in Händen gehalten hatte, das Erste im Tod. Und selbst im Tod hielt er den Zettel fest, so fest, als wolle er ihn mitnehmen.
Fast hätte ich aufgegeben, aber meine Neugier überwog. Noch einmal holte ich tief Luft, biss mir auf die Lippen und nahm alle Kraft zusammen. „Nicht böse sein, alter Freund!“, versuchte ich ihn zu beschwichtigen und auch mir Mut einzureden. Konnte einem ein Toter böse sein? Mir traten Schweißtropfen auf die Stirn, als ich vorsichtig und doch mit Nachdruck die Hände aus der Verklammerung löste und das Papier zwischen den Fingern vorsichtig herauszog. Geschafft. Scheu blickte ich dem toten Freund in das verbliebene Auge. War das Lächeln verschwunden? „Nicht böse sein, mein alter Freund!“, murmelte ich wieder und faltete ihm die Hände. Ich hielt einen Moment inne und atmete tief durch. Dann schaute ich mir den Zettel genauer an. Ich nahm ihn und ging mit ihm ans Fenster. Nachdenklich schaute ich zu Hans, ihn in Gedanken um Erlaubnis zu bitten, das Blatt aufzufalten und zu lesen. Aber Hans schaute an mir vorbei nach Osten in die aufgehende Sonne, die inzwischen schon weitergewandert war.
So einen Zettel hatte ich doch schon mal gesehen. Vor ein paar Tagen. Aber wo? Ich ging am Fenster auf und ab, rieb mir die Stirn, aber es fiel mir nicht ein. Ich war immer noch geschockt. Mein Freund tot. So plötzlich. Gestern hatte ich noch lange mit ihm gesprochen, ein Glas Wein getrunken, mich zur Nacht verabschiedet, wie jeden Abend, und mich auf den nächsten Tag verabredet. Aber heute kam Hans nicht, anders als sonst. Er würde nie mehr kommen, nie mehr ein Glas Wein mit mir trinken, nie mehr mit mir sprechen. Ich schloss für einen Moment die Augen und fuhr mir mit der rechten Hand über die Stirn. Mein Kopf war leer und die Kälte kroch mir in die Glieder. Ich schüttelte mich und schaute wieder auf das merkwürdige Papier. Es war nur wenige Zentimeter groß, da es mehrfach gefaltet war, als wolle es hinter jedem Knick ein Geheimnis bewahren. Ich zögerte. Vor dem Lesen des Zettels wollte ich mich von meinem Freund verabschieden. Ganz vorsichtig, als könnte ich ihn aufwecken, ging ich zu ihm und schloss ihm ganz langsam mit meiner rechten Hand das verbliebene Auge. Es war ganz leicht. Das Lid widerstrebte nicht. Hans Trummer hatten die aufgehende Sonne gesehen, die ersten Strahlen, die den Tag begrüßten. Es waren zugleich die letzten für ihn.
„Leb wohl, Hans. Bist jetzt in einer besseren Welt. Ohne Schmerz. Ohne Leid. Dir tut keiner mehr was! Du hast’s hinter dir … und dankschön. Weißt schon warum! … Und alles Gute zum Siebzigsten …“, sagte ich leise und berührte ihn an der Schulter.
Ich weiß nicht mehr, wie lange ich meinen alten Freund betrachtet habe. Die Zeit war stehen geblieben. Nachdenklich und dankbar blickte ich auf die Zeit mit ihm zurück. Er hatte mir so viel gegeben. Nichts, was man mit Geld oder Gold verrechnen konnte. Es war viel mehr. Es schien, als wisse das mein Hans, denn irgendwie lächelte er noch immer. Der Tod war ihm gnädig gewesen. Gnädiger als das Leben. Bei der Beschäftigung mit diesem Zettel musste er ihn überrascht haben. Diesmal wirklich. So oft hatte der Tod ihm die Hand entgegengestreckt. So oft hatte er ihm die Tür in sein Reich geöffnet. Doch Hans wollte lieber leiden oder vor Schmerz und Hunger brüllen. Sich mit der letzten Kraft der Verzweiflung dagegenstemmen. Aber diesmal ist er mitgegangen. Mit einem Lächeln. Hat es etwas mit dem Zettelchen zu tun? Ich war nun etwas nervös. Mein Hals war trocken und ich schluckte mehrmals. Sollte ich? Durfte ich? Am Schluss siegte die Neugier. Mit zittrigen Fingern entfaltete ich vorsichtig das gefaltete Papier. Es war gewiss viele Jahre alt und stellenweise etwas fleckig. Es hatte das Format eines kleinen Briefes. Er war von einem größeren Blatt abgetrennt worden. Deutlich sah man die Schnittspuren eines kleinen Messerchens, das von einem größeren Blatt ein Stück in der Größe von etwa zehn auf fünfzehn Zentimeter herausgeschnitten hatte. Gebannt blickte ich auf das Blatt, das mit blasser Tinte beschrieben war. Oder war die Schrift erst im Laufe der Zeit verblasst? Ich rieb mir die Augen, wischte mir über die Stirn und das schon wieder stoppelige Kinn. Ich hatte mich heute schon rasiert und meinen festlichen dunklen Trachtenanzug mit den Silberknöpfen angezogen. Er stand mir gut, brachte meine schlanke und doch kräftige Figur gut zur Wirkung. Aber das war mir gerade gar nicht wichtig. Mich quälte der Gedanke, der Geburtstagsgesellschaft die Todesnachricht überbringen zu müssen.
Neugierig blickte ich auf die Schrift. Ich kannte sie nicht. Die Buchstaben waren mit zierlicher, aber selbstbewusster Hand aufs Papier gebracht worden. Sie waren schön und fremd zugleich. „Das ist doch kein Deutsch. Was soll das heißen?“, fragte ich mich halblaut und kratzte mich am Kopf. Unruhig ging ich am Fenster auf und ab. Wie ein Wanderer folgte ich den Buchstaben bis zum Ende. Als ich die letzten sah, blieb ich abrupt stehen, schaute nochmals hin, rieb mir die Augen. Ich glaubte nicht an Gott, aber in dem Moment vermisste ich ihn. Die letzten Buchstaben waren lesbar, bildeten ein Wort, einen Namen. Wie ein Blitz kam er aus der Vergangenheit: Galina.








Nach sechs toten Geschwistern


Als die junge Frau am fünfundzwanzigsten Juli achtzehnhundertvierundneunzig von der harten Feldarbeit nach Hause wollte, blieb sie mehrmals stehen. Sie war noch jung, vielleicht Mitte zwanzig, ihre dunklen Haare waren vom Wind zerzaust. An ihrer einfachen Kleidung konnte man ablesen, dass sie für ihren Lebensunterhalt hart arbeiten musste. Trotz der Jugend und des kräftigen Körpers wirkte ihr Gang schleppend. Immer wieder hielt sie die Hand vor ihren Bauch und murmelte leise vor sich hin. Plötzlich zuckte sie zusammen und schrie: „Oh, mein Gott! … Es kommt …“ Mit aller Kraft schleppte sie sich in ihr kleines Häuschen im bosnischen Gronji Oblijai. Es war zum Glück nicht weit. Sie erreichte gerade noch die Haustür, stemmte sich dagegen und drückte mit letzter Kraft die alte Tür auf. Wie oft hatte sie zu ihrem Mann gesagt, dass er sie reparieren sollte, da sie ständig klemmte. Sie konnte sich gerade noch an der kalten Wand im Flur festhalten. Dann ging es schnell, wie von selbst. Etwas rutschte zwischen den Beinen heraus, dann wurde es warm und nass und sie rutschte an der Flurwand lehnend zu Boden. Das Baby fiel auf den nackten Boden mit gestampfter Erde und schrie aus Leibeskräften. Das rettete ihm und seiner Mutter das Leben. Durch das Schreien aufgeschreckt stürmte ihr Mann Pepo ins Haus und rief:
„Nana, Nana, was ist passiert?“
Pepo Princip hatte hinter dem Haus aus den kargen Beeten Gemüse geerntet und dabei gar nicht bemerkt, dass seine Frau nach Hause gekommen war. Von Nana kam zwar keine Antwort, dafür wies ihm lautes Gebrüll den Weg in den Flur. Als er den kleinen Schreihals und seine Frau am Boden liegen sah, wusste er, was passiert war. Vorsichtig, als würde es sich um zerbrechliches Glas handeln, hob er den Kleinen vom Boden auf und drückte ihn behutsam an sich. Ob aus Überraschung oder weil es die Wärme eines Körpers spürte, hörte das Baby auf zu schreien. Mit der anderen Hand half er vorsichtig seiner Frau auf und tätschelte ihre Wange: „Nana, was ist mit dir? Sag doch etwas, Nana“, insistierte Pepo immer wieder. Aber er bekam keine Antwort. Deshalb fühlte er am Handgelenk den Puls. Er war kaum spürbar. Vorsichtig bettete er das Baby auf ihren Schoß und rannte fort, um die Hebamme zu holen. Mama Hana, alle nannten sie so, wohnte zum Glück nur wenige Häuser weiter.
„Schnell, Mama Hana, es ist so weit. Nana, hat das Kind bekommen, sie liegt im Flur. Schnell, hilf ihr. Schnell!“, schrie Pepo Princip, als er auf die Straße stürmte.
Hana rührte gerade eine Salbe an, aus Kräutern, die sie in dem kleinen Wäldchen gesammelt hatte. Schon von weitem hörte sie Princips Rufe. Sie war nervöse Väter gewohnt und ließ sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen. Seit Jahrzehnten war sie die Hebamme des Dorfes und der anderen Nachbardörfer. Daher brachte die kräftige Frau mit den inzwischen angegrauten Haaren so schnell nichts aus der Ruhe. Ihre scharfen Gesichtszüge ließen vermuten, dass sie sehr entschlossen war. Während Pepo Princip in ihre Küche stürmte, öffnete Mama Hana ihr Fenster und rief ihrer Nachbarin und Helferin zu: „Ilma, komm mit. Die Nana hat schon geboren. Ich brauch deine Hilfe!“ Als dann Princip vor ihr stand und etwas außer Atem erklärte, was passiert war, wobei er immer wieder von vorne zu erzählen anfing, da er glaubte, ein Detail vergessen zu haben, nahm Mama Hana ihre Tasche, die immer griffbereit und mit allerhand Tüchern, Geräten und Kräutern gefüllt war, und ging schon mit Pepo Princip voraus. Ilma Susic stiefelte flink hinterher. Sie war einige Jahre jünger und wirkte wie die kleine Schwester von Mama Hana. Als Helferin war sie schon bei vielen Geburten dabei. Eines Tages würde sie die Arbeit von Mama Hanna übernehmen. Sie blinzelte in die warme Julisonne und betete insgeheim, dass sie nicht zu spät kommen würden.
Es hatte nur ein paar Minuten gedauert, bis Mama Hana und Ilma Susic im Flur standen. Pepo Princip hatte sie zu seiner Frau und dem Kind geführt. „Heilige Mutter Gottes“, betete oder fluchte Mama Hana. Das Baby schrie inzwischen wieder und war blau angelaufen, die Mutter hatte die Augen geschlossen und verzog keine Miene.
„Pepo, geh weg, du stehst hier nur im Weg. Von mir aus setz dich draußen auf die Bank und trink einen Schnaps. Aber lass uns Weiberleut machen, was wir zu machen haben!“ Mit diesen Worten schickte Mama Hana den Vater hinaus. Sie brauchte ihn nicht. Sie fragte sich immer wieder, wofür überhaupt Männer gebraucht werden, außer um Babys zu machen. Ansonsten hielt sie nichts von dieser Art von Mensch.
Gerne hätte Pepo Princip geholfen, aber er hatte keine Ahnung, wie. Seine Frau leblos und das Baby schreiend zu sehen, ohne zu wissen, wie er den beiden helfen könnte, machte ihn wütend, wütend auf sich. Mit geballten Fäusten in den Hosentaschen stand er zwischen den Frauen, kratzte sich am Kopf und flehte:
„Bitte, hilf ihr … und natürlich auch dem Baby! Lass es nicht sterben … Oh, Herr, lass es diesmal gelingen!“
„Was meinst, warum ich hier bin? Schleich dich und steh uns nicht im Weg“, knurrte Hana. Sie wusste, worauf Princip anspielte. Sie war nicht zum ersten Mal in diesem Haus, wo es ständig zum Dach reinregnete und der Wind durch alle Fugen pfiff. Sechs Mal war sie schon hier gewesen. Sechs Mal war Nena schwanger gewesen. Und sechs Mal hatten sich Nena und Pepo auf ihr Kind gefreut. Beide arbeiteten hart als Bauern, aber der karge Boden brachte keine fette Ernte. Und so ähnlich war es auch bei Nena und Pepo. Alle sechs Kinder starben wenige Tage oder Wochen nach der Geburt.
Als Pepo Princip gegangen und die Haustür hinter sich zugezogen hatte, bekreuzigte sich Mama Hana und holte dann ein Messer aus ihrer Tasche und schnitt die Nabelschnur durch. Dann befahl sie Ilma: „Los, hol ein Tuch oder eine Decke, um das Baby einzuwickeln. Kann auch eine Tischdecke oder ein Laken sein. Schnell, beeil dich. Der kleine Wurm verreckt uns sonst noch; an dem ist ja nix dran!“
Ilma Susic suchte in allen Zimmern nach etwas, das sich als Decke für das Baby verwenden ließ. Der Kleine tat ihr leid. Er war noch so winzig. In der Kammer fand sie eine alte Decke, die nahm sie mit. „Gut gemacht“, lobte sie Mama Hana. Ilma wickelte vorsichtig das Baby ein, das trotz der angenehmen Julitemperaturen fror und am ganzen Körper zitterte.
„Leg das Kind auf die Seite, wo’s gerade nicht nass ist. Wir müssen die Nana ins Bett bringen. Sie ist von der Geburt völlig geschwächt. Los, pack mit an!“
Gemeinsam hoben sie Nana auf und legten sie in das einzige Bett in der Kammer. Sie waren erstaunt, wie leicht das Mädchen war. „Nur Haut und Knochen“, murmelte Ilma. Mama Hana wusste nicht, um wen sie sich mehr Sorgen machen sollte - um die Mutter oder das Baby oder den Vater, dem bei jedem Tod eines seiner Kinder das Herz brach. Er schuftete hart als Bauer, verdingte sich noch als Postbote, weil es hinten und vorne nicht reichte. Das Einzige, was er und Nena sich wünschten: ein Kind.
„Los, zieh ihr den Rock runter. Aber vorsichtig. Der Rock ist ja ganz durchnässt. Mach die Nena dann sauber“, ordnete Hana an. Sie selbst schaute sich den kleinen Erdenwurm an, der inzwischen aufgehört hatte zu schreien. Hat er keine Kraft oder keine Lust mehr?, überlegte Hana. Beides war für Mama Hana verdächtig. Schließlich waren auch die Geschwister schnell verstorben. Hatten einfach aufgehört zu schreien, zu atmen, zu zappeln, zu leben. Dieses Baby war wie die anderen klein, dürr und schwächlich. Eine Frühgeburt, wie einige seiner Geschwister auch. Ansonsten war alles dran, was drangehörte, befand Mama Hanna. „Es ist ein Junge. Könnte ein Stammhalter werden. Hoffen wir, dass er’s schafft“, murmelte Mama Hana.
„Und auch die Mutter“, fügte Ilma hinzu. Sie hatte inzwischen Nena gewaschen und zugedeckt. Sie war erschöpft wie auch ihr Baby. Ihr Puls war schwach und unregelmäßig. Hana legte ihr das in die Decke gewickelte Baby in den Arm.

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