Das Ende vom Anfang
EUR 20,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 252
ISBN: 978-3-7116-0988-5
Erscheinungsdatum: 14.10.2025
Ein sogenanntes „Kriegskind“, 1941 in Leipzig geboren, steht im Mittelpunkt dieser spannenden Geschichte über das gemeinsame Aufwachsen einiger junger Menschen in der Nachkriegszeit in der damaligen Deutschen Demokratischen Republik.
Abschied
Das Tageslicht an jenem 11. Oktober 2016 verblasste schneller, als er erwartet hatte. Es kam ihm gelegen. So konnte er, ohne ein schlechtes Gewissen mit sich tragen zu müssen, die eintönige Arbeit des Stapelns seines Kaminholzes beenden. Der beachtliche Rest, ein massiger Berg grob gehackter Eichen- und Buchenstücke, musste, dem Wetter ausgesetzt, liegen bleiben. Morgen ist auch noch ein Tag, so dachte er, ehe er das kleine Grundstück am Rande einer Reihenhaussiedlung verließ, die Arbeitsschuhe vor dem Eintreten, ohne sich zu bücken, abstreifte und in sein Haus eintrat.
Der holzgedielte Flur, von dem man linksseitig Zutritt in den Vorratsraum, die Gästetoilette, den Heizraum und rechtsseitig in die Küche erhielt, ließ nur wenig Mobiliar zu – eine im englischen Stil gehaltene Kommode, ein ansehnlicher, gerahmter Spiegel nebst einer alten Konsole mit einem Angebot zum Hängen abzulegender Kleidung. Durch die mit Glasornamenten geschmückte Stubentür, die dem Hauseingang direkt gegenüberlag, drang nur diffuses Licht in den Flur.
Dieses, ihm gewohnte, alltägliche Bild beschlagnahmte heute Platz in seinem Bewusstsein, ohne dafür Gründe zu benennen. Doch diese wurden ihm, mit zufälligem Blick auf die mittags abgelegte Post, schlagartig bewusst. Seine Unruhe, auch ein Gefühl von leichtem Unwohlsein, hatte ihre Ursache im erhaltenen DIN A4-Couvert, cremefarben mit Sichtfenster, das seinen Namen und die Anschrift anzeigte. Aufgedruckt, mit deutlich sichtbarem Zeichen, stellte sich der Absender vor, das Deutsche Rote Kreuz. Seine Vorahnung, den Inhalt betreffend, hatte ein Öffnen der Briefpost über den Tag hinausgezögert. Es war, als fürchtete er sich vor der Wahrheit, die er seit einem reichlichen halben Jahrhundert suchte und die er vielleicht im Schreiben finden konnte. Er nahm die Post auf, betrat die geräumige Stube und ließ sich in seinem bequemen Haussessel, der nur ihm zugedacht war, nieder. Er empfand die abendliche Dämmerung, die nun auch den Weg von draußen in das Hausinnere gefunden hatte, als angenehm. Der Kamin, aus Natursandstein gefertigt, spendete herbstliche Wärme. Er schaute dem Feuer zu. Ihn faszinierte der Tanz der Flammen vom Entstehen und Vergehen und ließ ihn Ruhe finden.
Die abgelegte Post lag auf dem kleinen Mahagonitischchen neben seinem Sessel. Er griff nach dem großen Couvert, drehte es in seinen Händen, während sein Blick sich erneut dem Feuer zuwendete. Und nun ahnte er, dass der bedeutsame Inhalt der beleibten Postsendung geschrieben war, schwarz auf weiß und ein für alle Mal. Und die Vernunft als guter Ratgeber drängte ihn, den Brief zu öffnen. Das mulmige Gefühl, das er nicht benennen, schon gar nicht erklären konnte, das blieb.
Den Inhalt der entnommenen Seiten erfasste er zunächst nicht. Er fand eine bunt gedruckte geografische Skizze, deren besondere Markierung auf die Stadt Brjansk verwies, mehrere Kopien vom Toner ganzseitig schwärzlich eingefärbt – die Schrift noch gut leserlich, doch in kyrillischen Buchstaben. Jetzt arbeiteten seine Gedanken fieberhaft. Er wusste, noch ehe er mittels seiner schwachen Russischkenntnisse einige Überschriften lesen konnte, was ihn erwartete. Er legte diese inhaltsschweren Bögen beiseite, überflog weitere Anschreiben und suchte nach den entscheidenden Aussagen. Er fand sie schließlich als Mitteilung des Generalsekretariats Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes: „… in sowjetische Gefangenschaft kam und am 26.07.1944 im Lager Nr. 252 mit Standort der Hauptverwaltung im Stadtteil Beshiza der Stadt Brjansk registriert wurde. Lt. Angaben im beigefügten Toten- und Bestattungsschein verstarb Ihr Vater am 06.08.1945 im Lazarett der Lagerabteilung Nr. 1 infolge einer Lungentuberkulose. Er wurde auf dem zugehörigen Friedhof, Quadrat 38, Grab Nr. 13, bestattet.“
Er lehnte sich zurück, suchte nach einem Bild seines Vaters, das er nicht fand. Eine seltsame Leere, die er noch nie durchlebt hatte, nahm von ihm Besitz. Die vielen Jahre der Suche, die immer wieder gleichen Fragen – mit ein paar Akten fanden sie eine Beantwortung. Die letzten vagen Hoffnungen waren zerstört, doch er hatte Klarheit gewonnen. Nun konnte er abschließen, nach einundsiebzig Jahren. Er durfte um seinen Vater trauern und sich verabschieden.
Die Dämmerung hatte den Kampf gegen die Dunkelheit der Nacht verloren. Ihm war es recht, die Kraft, um die täglichen Pflichten gewohnt zu leben, reichte nicht aus. Er verharrte vor dem erlöschenden Kaminfeuer und gab sich seinen Erinnerungen hin. Sie führten ihn in das Kriegsjahr 1945 …
Leipzig – Februar 1945
Die Stadt atmete schwer, nachdem der Krieg, den Deutschland in die Welt getragen hatte, zurückgekehrt war. Hunderte Flugzeuge, immer wiederkehrend, flogen seit Monaten Leipzig an. Ihre todbringende Last verwandelte innerhalb kurzer Zeit die einst blühende Messemetropole in eine Trümmerlandschaft. Wo einst prachtvolle Bürgerhäuser zu Handel und Leben aufforderten, zeigten sich großflächig Steinfelder und bizarre Ruinen – unwirtlich, unbewohnbar und lebensfeindlich. Der Lebensrhythmus der Stadt und seiner Bewohner, mehrheitlich Frauen, Kinder und Alte, war zunehmend vom durchdringenden Geheul der Sirenen, die neue Bomberstaffeln ankündigten, bestimmt. Es war ein Leben zwischen Hoffen und Bangen. Und es blieb der Versuch zu überleben, bei dem die Mütter die schwerste Last, die Verantwortung für ihre Kinder, zu tragen hatten.
Charlotte Reinig war eine dieser Mütter, 26 Jahre jung, der Ehemann Soldat und im Osten eingesetzt. Die wenigen glücklichen Stunden, die der Krieg den Frischvermählten gewährte, schenkten ihnen zwei lebensfrohe Kinder. Bernd, mit seinen dreieinhalb Jahren und seiner molligen Figur, war ein echter Wonneproppen. Die zwei Jahre ältere Schwester Marga war ein ruhiges, aufmerksames Kind. Eigenschaften, die das Untermietverhältnis in der Blumenstraße 38 nicht belasteten. Denn Frau Möller, die Vermieterin, verlangte auf Grund ihres Alters ein auf ihre Person abgestimmtes Miteinander. Sie kamen gut zurecht. Frau Möller mochte die Kinder, knuddelte Bernd zu gern und sprach mit Marga wie mit einer Freundin, die man schon seit Langem kannte.
Der Krieg meldete sich nun fast täglich zurück. Das Hasten von der Wohnung in den Luftschutzkeller wurde zur Routine, nur das Leben mit der Angst um die Kinder verlor sich nicht. Dafür hatten Berichte und Erlebnisse von in Schutt und Asche gebombten benachbarten Stadtteilen gesorgt. Ihr Gohlis, mit dem nahe gelegenen Rosental, das einst tägliche Ausflugsziel, war vergleichsweise unversehrt geblieben.
Doch dann kam der 27. Februar 1945. Wieder einmal mahnte der auf- und abschwellende Ton der Sirenen. Fliegeralarm! Und wie immer hofften die Menschen, dass die nahenden Flugzeuge abdrehten, ihre Stadt, ihren Stadtteil nicht anfliegen würden. An diesem Tag erfüllte sich das Hoffen nicht.
Das Inferno begann um 13:40 Uhr. Über dreihundert Bomber vom Typ B-17, im Soldatenjargon als „fliegende Festungen“ bezeichnet, klinkten ihre vernichtende, todbringende Last über das bereits geschundene Leipzig aus. Das kleine Städtchen Gohlis, nahe dem Güter- und Hauptbahnhof gelegen, wurde schwer getroffen – 2 000 Tonnen Luftminen, Spreng- und Brandbomben löschten ganze Wohnviertel aus, ließen die Zahl der Toten weiter ansteigen. Auch hilflose Kinder waren darunter. Die Bomben unterschieden nicht zwischen Schuldigen und Unschuldigen. Sie zerstörten, sie töteten. Nun begann auch die Lebensfront zu bröckeln.
Mutter Charlotte fühlte sich mit ihren Kräften am Ende. Es war weniger die Sorge um die eigene Person als vielmehr die Angst um das Leben von Bernd und Marga. Allein auf sich gestellt, konnte sie die zunehmenden Sorgen mit niemandem besprechen, schon gar nicht teilen, denn die liebenswerte Frau Möller brauchte selbst mehr an Hilfe und Zuspruch, als sie geben konnte. Waren die Flugzeuge abgedreht, übernahmen wieder die Sirenen das Sagen. Sie jaulten auf und mahnten zum Verlassen der Schutzkeller. An solchen Tagen brachte die Mutter Charlotte ihre Kinder zeitig zu Bett. Dann saß sie, in sich zusammengesunken, die Stopfwäsche auf dem Tisch, die sie nicht anrührte, im Sessel vor dem zur Hochzeit erhaltenen Bild einer friedlichen Alpenlandschaft, die sie aber nicht wahrnahm. Vor ihren Augen lag ein Schleier, milchig und nebulös, der sie nichts sehen ließ, die Gedanken zerteilte und wegtrug. Eine wohltuende Gleichgültigkeit machte sich breit, nicht einmal Weinen vermochte sie. Doch irgendwann lösten sich die verworrenen Nebel, das Hier und Jetzt meldete sich fordernd zurück.
Beim Gang in die Küche, deren Nutzung sie sich mit Frau Möller teilte, wusste sie plötzlich, was zu tun war. Schon häufiger und das über eine längere Zeit hatte sie darüber nachgedacht, zu den Eltern zurückzugehen, in der Hoffnung, bei ihnen Schutz und Hilfe zu finden. Es war ein Weg, den sie so eigentlich nicht vorgesehen hatte. Sie wollte ihr Leben selbstbestimmt, so wie es sich zeigt, annehmen und bewältigen. Nun war ihr klar geworden, hier lag die größere Überlebenschance für die Kinder und sich selbst. Der elterliche Wohnort, eine Kleinstadt im Osten Thüringens, schien ihr sicherer als die große Stadt Leipzig. Mit diesem Entschluss kehrte Zuversicht in ihr Bewusstsein zurück. Die Gewissheit hatte über die Zweifel gesiegt. Doch sie kannte sich genau und wusste, irgendwann würde sie wieder grübeln, kämen neue Zweifel auf. Dem wollte sie zuvorkommen und entschloss sich zur Eile.
Die Verabschiedung von Frau Möller war tränenreich. Die kurze, jedoch intensiv miteinander verbrachte Zeit, wie sie schwierigen Lebenssituationen oft eigen ist, hatte für eine familiäre Nähe gesorgt. Besonders Marga sollte ihre „Oma Möller“ sehr vermissen.
Die Mutter packte die Sachen zusammen, die für die Bahnfahrt, die nicht viel Zeit in Anspruch nehmen würde, erforderlich waren. Letztlich war der zurechtgelegte Wäschestapel doch größer, als sie gedacht hatte. Denn sie wusste, Zugverbindungen fielen plötzlich aus, manchmal gab es Unterbrechungen wegen drohender Luftangriffe. Wartezeiten, die nicht vorauszusehen waren. Der Kinderwagen wurde vorbereitet. Er sollte nicht allein Bernd aufnehmen, er war als Transportmittel ein nutzbringendes Gefährt.
Als das Morgenlicht den Tag ankündigte, verließ die kleine Familie die Wohnung. Mutter Charlotte hatte Mühe, den vollgepackten Kinderwagen zu bewegen. Trotzdem schritt sie energisch aus, sodass Marga Mühe hatte, zu folgen. Je näher man dem Bahnhof kam, desto beschwerlicher wurde der Weg. Trümmer, Trümmer überall – bedrohlich und gespenstisch im verblassenden Mondlicht. So konnte die Mutter den Weg nur ahnen. Die Anstrengung ließ die Kälte des frühen Morgens vergessen, die Angst kehrte wieder zurück.
Ein entgegenkommender Mann, einarmig, der seine Aktentasche an den Körper gepresst hielt, hastete geschickt durch die Trümmerlandschaft. Er schien in Zeitnot zu sein und vom Auftauchen der kleinen Truppe überrascht. Im Laufen rief er: „Wo wollen Sie denn hin? Sie glauben doch nicht, dass heute noch Züge fahren?“ Er wartete auf keine Antwort, hatte wohl auch keine erwartet. Die Mutter wollte diesen Worten keinen Glauben schenken. Sie lief weiter, wollte nur noch weg, zu den Eltern.
In Bahnhofsnähe waren die Aufräumungsarbeiten in vollem Gange. Behelfswege waren zu schaffen, Schwelbrände zu löschen, zerbombte Gebäudeteile zu sichern, Absperrungen vorzunehmen. Das alles wurde von ihr kaum wahrgenommen. Vor der großen Eingangshalle hatte sie einen Bahnbeamten, die Schirmmütze wies ihn als solchen aus, erkannt. Eine Menschentraube hüllte ihn ein. Seine Dienstmütze tauchte in der Menge auf, dann verschwand sie wieder. Mutter Charlottes ganze Aufmerksamkeit galt dieser Kopfbedeckung. Dorthin musste sie, schnell, ehe der Mann wieder verschwand. Außer Atem erreichte sie mit Marga, die sich angstvoll an den Kinderwagen klammerte, den Beamten, der völlig überfordert von den ihm zugerufenen Fragen immer wieder gleich stoisch ins Leere starrend antwortete, dass zurzeit kein Zug den Bahnhof verlassen könne und nicht absehbar wäre, zu welcher Zeit die ersten Verbindungen wieder eingerichtet werden könnten. Sie hörte diese Worte, ihre gedankliche Verarbeitung brauchte Zeit. Nur langsam begann sie, ihre Lage zu erfassen. Ihren Plan wollte sie nicht ändern. Sie musste fort mit ihren Kindern, weg aus der zerbombten, ständig gefährdeten Stadt.
Sie schob den Kinderwagen vorwärts, verließ das Bahnhofsviertel scheinbar ziellos, querte den Augustusplatz, fand sich am Reichsgericht wieder. Und lief einfach weiter. Tief im Unterbewusstsein hatte sie für sich entschieden, den Weg zu den Eltern zu Fuß zurückzulegen. Den Stadtrand hatte sie bereits erreicht, ließ Schleußig mit seiner bekannten Pferderennbahn rechter Hand liegen. Geschützte Gehwege gab es nun nicht mehr. Die Landstraße, so dachte sie, schützt sie wenigstens vor Umwegen. Mit dem gefassten Entschluss kehrten auch neue Kräfte zurück. Jeden Schritt, der sie vorwärtsbrachte, empfand sie als Bestätigung, das Richtige zu tun. Sie überlegte nun nicht mehr viel, sie funktionierte. Zumeist war die Marschstrecke eben. Dann durfte Marga, nachdem das Gepäck im Kinderwagen umsortiert war, auch Platz auf dem Gefährt nehmen. Bernd verschlief die meiste Zeit. Die kleine Gruppe kam gut voran, noch quälten die Beschwerlichkeiten, die langen Märschen innewohnen, nicht. Als Bernd das Verlassen des Kinderwagens einforderte, war Gelegenheit für eine kleine Ruhepause. Die Kinder erledigten die „kleinen und großen Geschäfte“, und eine der mitgenommenen, mit nur wenig Margarine bestrichenen Schnitten wurde verzehrt. Nun war man bereits mehr als vier Stunden unterwegs und bewegte sich auf Markkleeberg zu. Ein längeres, leicht abschüssiges Wegestück bot erneut die Möglichkeit, dass Marga, die langsam an ihre körperlichen Grenzen kam, Platz auf dem Kinderwagen nehmen konnte. Die Straße, die die Mutter nutzte, war kaum befahren. Auch sie merkte, wie die Kräfte schwanden, doch ein Zurück gab es nicht mehr. Sie schob den Wagen, sie lief einfach weiter, automatisch. Irgendwann hatte sie das Zeitgefühl verloren. Sie kämpfte sich weiter. In den späten Nachmittagsstunden, nach mehreren Pausen, die sie, von der Besorgnis getrieben, ihr Ziel nicht zu erreichen, immer kürzer gestaltete, war sie nun, aber vor allem Marga, mit den Kräften am Ende. Sie hockten auf einem umgestürzten Baumstamm am Rande der Straße. Jetzt spürte sie neben den Schmerzen in den Beinen, den Armen, auch die Feuchte des Bodens und der Luft. Die frühabendliche Kälte ließ sie zittern. So vernahm sie das nahende Rattern auf dem unebenen Pflaster der Straße nicht. Erst eine laute Stimme holte sie aus ihrer Gedankenwelt zurück. Sie gehörte einer älteren Frau, die mit einem Handwagen voller Reisigholz vor ihnen stand. Diese Frau brauchte nicht lange, um zu begreifen, was zu tun war – die kurze Unterredung mit der Mutter hatte ausgereicht. Sie bot ihnen eine Übernachtung an.
Im bescheidenen Haus der gutmütigen Alten war es warm. Satt und für den Moment zufrieden schlief man wenig später erschöpft ein. So übernachtete man recht komfortabel in dem kleinen Anwesen in der Nähe der Stadt Zwenkau. Gerade einmal die Hälfte des Weges hatte man zurückgelegt. Am folgenden Morgen fiel es keinem leicht, nach einem kurzen Frühstück dieses wohlige Nest zu verlassen. Ein herzliches Dankeschön, ein Lebewohl, und schon empfing leichter Schneegriesel und Kälte die kleine Gruppe auf dem weiteren Weg in das Ostthüringische. Das Vorwärtskommen war sehr schwierig. Das Schieben des Kinderwagens wurde schwerer und schwerer. Die Räder rollten schlecht, der feine nasse Schnee schob sich zwischen die Räder und deren Schutzbleche. Schließlich verfestigten sich Schnee und Eis, die Räder blockierten. Die Mutter erkannte die Ausweglosigkeit. Sie entschloss sich zur Umkehr, vielleicht würden sie nochmals Aufnahme auf dem kleinen Bauernhof finden. Den Wind, den sie bis dahin im Rücken gespürt hatten, fühlten sie nun auf Stirn und Wangen. Die Sicht war erschwert. Von Ferne krochen zwei Lichter auf sie zu, wurden größer, bis die Mutter einen Lastwagen ausmachen konnte. Er kam rasch näher. Nach Bremsgeräuschen und knirschenden Reifen kam das Fahrzeug, ein Lastkraftwagen der Wehrmacht, zum Stehen. Das Fenster auf der Fahrerseite wurde heruntergekurbelt. „Können wir helfen? Ein Spazierwetter ist das bestimmt nicht“, tönte die Stimme des Fahrers. Das Angebot überraschte. Mutter Charlotte zeigte sich nur für kurze Zeit unschlüssig, dann dankte sie für die gebotene Hilfe. „Wo soll es hingehen?“
„Sie sehen, wir sind zu dritt, müssen nach Rannenburg.“
„Da laufen Sie aber in die verkehrte Richtung!“
Die Mutter verspürte in diesem Moment keinerlei Lust, sich zu erklären. Sie schaute ihn erwartungsvoll an. „Nun, wenn Sie möchten, können wir laden.“ Der Fahrer verließ seine Kabine, querte die Straße. Mit einem Lächeln nahm er Marga auf den Arm, lief zum LKW und übergab sie einem Kameraden, der im Fahrerhaus verblieben war. „Ich nehme an, Sie wollen mit dem Kleinen gemeinsam reisen“, meinte er schmunzelnd. Und schon schob er den Kinderwagen an die Rückseite des Lasters. Er klopfte an die hölzerne Ladeplanke und rief vernehmlich: „Ihr bekommt Damenbesuch.“ Damit hob er die Zeltplane, die das Wageninnere schützte, an. Zigarettenrauch quoll in einer Wolke aus dem Verdeck. Fünf Soldaten, durch wattierte Bekleidung gut geschützt, starrten auf die Neuankömmlinge. Der Fahrer öffnete selbst die Planke, hob den Kinderwagen samt Bernd nach oben und forderte seine Kameraden auf, behilflich zu sein. Die Mutter kletterte unter das Verdeck, das die gesamte Ladefläche schützte, und nahm in der Mitte auf der hölzernen Sitzbank Platz. Das Einklinken der Sicherheitshaken, die die Planke befestigten, das Herunterschlagen der Zeltplane kündigten die mögliche Weiterfahrt an. Der Fahrer rief in das Halbdunkel hinein: „Wir fahren weiter. Benehmt euch anständig!“
Die Fahrertür schlug zu, das Auto setzte sich in Bewegung.
Das Ruckeln, verursacht durch den maroden Straßenbelag, übertrug sich auf die Mitfahrenden und schüttelte sie kräftig durch. Die Mutter hielt den Kinderwagen krampfhaft fest. Kurze, ebene Straßenabschnitte ließen diese Notwendigkeit vergessen, bis die Realität den alten Zustand wieder einforderte. Eine Unterhaltung zwischen den Soldaten und der Mutter kam so nicht zustande. Ein jeder war mit sich und seinen Gedanken beschäftigt. So rückte man kurzzeitig in eine andere, eine angenehm virtuelle Welt.
Das Auto wurde langsamer. Das riss die Mutter aus ihren Gedanken. Und plötzlich war Stille. Wieder klappte eine Autotür, der Fahrer meldete sich mit einem scherzenden Wort, der wohl für die Kinder bestimmt war, aber nicht verstanden wurde. „Endstation! Alles aussteigen bitte.“
Mutter Charlotte konnte es kaum fassen, sie war in ihrer Heimatstadt angekommen. Der Tag, der so schlecht begann, hatte ein gutes Ende gefunden.
Obwohl sich das Wetter nicht wesentlich gebessert hatte, durchströmte sie ein wahres Glücksgefühl, das die restlichen Schritte einfacher machte. Sie schaute sich um, die Gegend war ihr bekannt. Linker Hand lagen die einst herzoglichen Kasernen, jetzt in Nutzung der Wehrmacht. Rechts, wenn sie den Berg hinabblickte, lag Rasephas. Sie glaubte, das elterliche Haus zu erkennen, zumindest die Lage, wo es sich befand. Dorthin musste sie mit den Kindern und begab sich auf den Weg. Dieser war größtenteils abschüssig. Nach kurzer Zeit hatte sie den Rannenburger Vorort, im Norden der Stadt gelegen, mit den Kindern erreicht. Noch ein kleiner Anstieg hinter der dörflichen Kirche, und die markante Brücke, die sich über die Gleisanlagen der Reichsbahn zum Fabrikgelände der HASAG schob, rückte ins Blickfeld. Alles war ihr bekannt: die Häuser mit den kleinen Vorgärten, die Bäckerei, das Lebensmittelgeschäft. Nichts hatte sich verändert. Nach wenigen Schritten kamen sie am Haus, das die Eltern im ersten Stockwerk bewohnten, an. Sie atmete tief durch, dann drückte sie auf den Klingelknopf.
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Das Tageslicht an jenem 11. Oktober 2016 verblasste schneller, als er erwartet hatte. Es kam ihm gelegen. So konnte er, ohne ein schlechtes Gewissen mit sich tragen zu müssen, die eintönige Arbeit des Stapelns seines Kaminholzes beenden. Der beachtliche Rest, ein massiger Berg grob gehackter Eichen- und Buchenstücke, musste, dem Wetter ausgesetzt, liegen bleiben. Morgen ist auch noch ein Tag, so dachte er, ehe er das kleine Grundstück am Rande einer Reihenhaussiedlung verließ, die Arbeitsschuhe vor dem Eintreten, ohne sich zu bücken, abstreifte und in sein Haus eintrat.
Der holzgedielte Flur, von dem man linksseitig Zutritt in den Vorratsraum, die Gästetoilette, den Heizraum und rechtsseitig in die Küche erhielt, ließ nur wenig Mobiliar zu – eine im englischen Stil gehaltene Kommode, ein ansehnlicher, gerahmter Spiegel nebst einer alten Konsole mit einem Angebot zum Hängen abzulegender Kleidung. Durch die mit Glasornamenten geschmückte Stubentür, die dem Hauseingang direkt gegenüberlag, drang nur diffuses Licht in den Flur.
Dieses, ihm gewohnte, alltägliche Bild beschlagnahmte heute Platz in seinem Bewusstsein, ohne dafür Gründe zu benennen. Doch diese wurden ihm, mit zufälligem Blick auf die mittags abgelegte Post, schlagartig bewusst. Seine Unruhe, auch ein Gefühl von leichtem Unwohlsein, hatte ihre Ursache im erhaltenen DIN A4-Couvert, cremefarben mit Sichtfenster, das seinen Namen und die Anschrift anzeigte. Aufgedruckt, mit deutlich sichtbarem Zeichen, stellte sich der Absender vor, das Deutsche Rote Kreuz. Seine Vorahnung, den Inhalt betreffend, hatte ein Öffnen der Briefpost über den Tag hinausgezögert. Es war, als fürchtete er sich vor der Wahrheit, die er seit einem reichlichen halben Jahrhundert suchte und die er vielleicht im Schreiben finden konnte. Er nahm die Post auf, betrat die geräumige Stube und ließ sich in seinem bequemen Haussessel, der nur ihm zugedacht war, nieder. Er empfand die abendliche Dämmerung, die nun auch den Weg von draußen in das Hausinnere gefunden hatte, als angenehm. Der Kamin, aus Natursandstein gefertigt, spendete herbstliche Wärme. Er schaute dem Feuer zu. Ihn faszinierte der Tanz der Flammen vom Entstehen und Vergehen und ließ ihn Ruhe finden.
Die abgelegte Post lag auf dem kleinen Mahagonitischchen neben seinem Sessel. Er griff nach dem großen Couvert, drehte es in seinen Händen, während sein Blick sich erneut dem Feuer zuwendete. Und nun ahnte er, dass der bedeutsame Inhalt der beleibten Postsendung geschrieben war, schwarz auf weiß und ein für alle Mal. Und die Vernunft als guter Ratgeber drängte ihn, den Brief zu öffnen. Das mulmige Gefühl, das er nicht benennen, schon gar nicht erklären konnte, das blieb.
Den Inhalt der entnommenen Seiten erfasste er zunächst nicht. Er fand eine bunt gedruckte geografische Skizze, deren besondere Markierung auf die Stadt Brjansk verwies, mehrere Kopien vom Toner ganzseitig schwärzlich eingefärbt – die Schrift noch gut leserlich, doch in kyrillischen Buchstaben. Jetzt arbeiteten seine Gedanken fieberhaft. Er wusste, noch ehe er mittels seiner schwachen Russischkenntnisse einige Überschriften lesen konnte, was ihn erwartete. Er legte diese inhaltsschweren Bögen beiseite, überflog weitere Anschreiben und suchte nach den entscheidenden Aussagen. Er fand sie schließlich als Mitteilung des Generalsekretariats Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes: „… in sowjetische Gefangenschaft kam und am 26.07.1944 im Lager Nr. 252 mit Standort der Hauptverwaltung im Stadtteil Beshiza der Stadt Brjansk registriert wurde. Lt. Angaben im beigefügten Toten- und Bestattungsschein verstarb Ihr Vater am 06.08.1945 im Lazarett der Lagerabteilung Nr. 1 infolge einer Lungentuberkulose. Er wurde auf dem zugehörigen Friedhof, Quadrat 38, Grab Nr. 13, bestattet.“
Er lehnte sich zurück, suchte nach einem Bild seines Vaters, das er nicht fand. Eine seltsame Leere, die er noch nie durchlebt hatte, nahm von ihm Besitz. Die vielen Jahre der Suche, die immer wieder gleichen Fragen – mit ein paar Akten fanden sie eine Beantwortung. Die letzten vagen Hoffnungen waren zerstört, doch er hatte Klarheit gewonnen. Nun konnte er abschließen, nach einundsiebzig Jahren. Er durfte um seinen Vater trauern und sich verabschieden.
Die Dämmerung hatte den Kampf gegen die Dunkelheit der Nacht verloren. Ihm war es recht, die Kraft, um die täglichen Pflichten gewohnt zu leben, reichte nicht aus. Er verharrte vor dem erlöschenden Kaminfeuer und gab sich seinen Erinnerungen hin. Sie führten ihn in das Kriegsjahr 1945 …
Leipzig – Februar 1945
Die Stadt atmete schwer, nachdem der Krieg, den Deutschland in die Welt getragen hatte, zurückgekehrt war. Hunderte Flugzeuge, immer wiederkehrend, flogen seit Monaten Leipzig an. Ihre todbringende Last verwandelte innerhalb kurzer Zeit die einst blühende Messemetropole in eine Trümmerlandschaft. Wo einst prachtvolle Bürgerhäuser zu Handel und Leben aufforderten, zeigten sich großflächig Steinfelder und bizarre Ruinen – unwirtlich, unbewohnbar und lebensfeindlich. Der Lebensrhythmus der Stadt und seiner Bewohner, mehrheitlich Frauen, Kinder und Alte, war zunehmend vom durchdringenden Geheul der Sirenen, die neue Bomberstaffeln ankündigten, bestimmt. Es war ein Leben zwischen Hoffen und Bangen. Und es blieb der Versuch zu überleben, bei dem die Mütter die schwerste Last, die Verantwortung für ihre Kinder, zu tragen hatten.
Charlotte Reinig war eine dieser Mütter, 26 Jahre jung, der Ehemann Soldat und im Osten eingesetzt. Die wenigen glücklichen Stunden, die der Krieg den Frischvermählten gewährte, schenkten ihnen zwei lebensfrohe Kinder. Bernd, mit seinen dreieinhalb Jahren und seiner molligen Figur, war ein echter Wonneproppen. Die zwei Jahre ältere Schwester Marga war ein ruhiges, aufmerksames Kind. Eigenschaften, die das Untermietverhältnis in der Blumenstraße 38 nicht belasteten. Denn Frau Möller, die Vermieterin, verlangte auf Grund ihres Alters ein auf ihre Person abgestimmtes Miteinander. Sie kamen gut zurecht. Frau Möller mochte die Kinder, knuddelte Bernd zu gern und sprach mit Marga wie mit einer Freundin, die man schon seit Langem kannte.
Der Krieg meldete sich nun fast täglich zurück. Das Hasten von der Wohnung in den Luftschutzkeller wurde zur Routine, nur das Leben mit der Angst um die Kinder verlor sich nicht. Dafür hatten Berichte und Erlebnisse von in Schutt und Asche gebombten benachbarten Stadtteilen gesorgt. Ihr Gohlis, mit dem nahe gelegenen Rosental, das einst tägliche Ausflugsziel, war vergleichsweise unversehrt geblieben.
Doch dann kam der 27. Februar 1945. Wieder einmal mahnte der auf- und abschwellende Ton der Sirenen. Fliegeralarm! Und wie immer hofften die Menschen, dass die nahenden Flugzeuge abdrehten, ihre Stadt, ihren Stadtteil nicht anfliegen würden. An diesem Tag erfüllte sich das Hoffen nicht.
Das Inferno begann um 13:40 Uhr. Über dreihundert Bomber vom Typ B-17, im Soldatenjargon als „fliegende Festungen“ bezeichnet, klinkten ihre vernichtende, todbringende Last über das bereits geschundene Leipzig aus. Das kleine Städtchen Gohlis, nahe dem Güter- und Hauptbahnhof gelegen, wurde schwer getroffen – 2 000 Tonnen Luftminen, Spreng- und Brandbomben löschten ganze Wohnviertel aus, ließen die Zahl der Toten weiter ansteigen. Auch hilflose Kinder waren darunter. Die Bomben unterschieden nicht zwischen Schuldigen und Unschuldigen. Sie zerstörten, sie töteten. Nun begann auch die Lebensfront zu bröckeln.
Mutter Charlotte fühlte sich mit ihren Kräften am Ende. Es war weniger die Sorge um die eigene Person als vielmehr die Angst um das Leben von Bernd und Marga. Allein auf sich gestellt, konnte sie die zunehmenden Sorgen mit niemandem besprechen, schon gar nicht teilen, denn die liebenswerte Frau Möller brauchte selbst mehr an Hilfe und Zuspruch, als sie geben konnte. Waren die Flugzeuge abgedreht, übernahmen wieder die Sirenen das Sagen. Sie jaulten auf und mahnten zum Verlassen der Schutzkeller. An solchen Tagen brachte die Mutter Charlotte ihre Kinder zeitig zu Bett. Dann saß sie, in sich zusammengesunken, die Stopfwäsche auf dem Tisch, die sie nicht anrührte, im Sessel vor dem zur Hochzeit erhaltenen Bild einer friedlichen Alpenlandschaft, die sie aber nicht wahrnahm. Vor ihren Augen lag ein Schleier, milchig und nebulös, der sie nichts sehen ließ, die Gedanken zerteilte und wegtrug. Eine wohltuende Gleichgültigkeit machte sich breit, nicht einmal Weinen vermochte sie. Doch irgendwann lösten sich die verworrenen Nebel, das Hier und Jetzt meldete sich fordernd zurück.
Beim Gang in die Küche, deren Nutzung sie sich mit Frau Möller teilte, wusste sie plötzlich, was zu tun war. Schon häufiger und das über eine längere Zeit hatte sie darüber nachgedacht, zu den Eltern zurückzugehen, in der Hoffnung, bei ihnen Schutz und Hilfe zu finden. Es war ein Weg, den sie so eigentlich nicht vorgesehen hatte. Sie wollte ihr Leben selbstbestimmt, so wie es sich zeigt, annehmen und bewältigen. Nun war ihr klar geworden, hier lag die größere Überlebenschance für die Kinder und sich selbst. Der elterliche Wohnort, eine Kleinstadt im Osten Thüringens, schien ihr sicherer als die große Stadt Leipzig. Mit diesem Entschluss kehrte Zuversicht in ihr Bewusstsein zurück. Die Gewissheit hatte über die Zweifel gesiegt. Doch sie kannte sich genau und wusste, irgendwann würde sie wieder grübeln, kämen neue Zweifel auf. Dem wollte sie zuvorkommen und entschloss sich zur Eile.
Die Verabschiedung von Frau Möller war tränenreich. Die kurze, jedoch intensiv miteinander verbrachte Zeit, wie sie schwierigen Lebenssituationen oft eigen ist, hatte für eine familiäre Nähe gesorgt. Besonders Marga sollte ihre „Oma Möller“ sehr vermissen.
Die Mutter packte die Sachen zusammen, die für die Bahnfahrt, die nicht viel Zeit in Anspruch nehmen würde, erforderlich waren. Letztlich war der zurechtgelegte Wäschestapel doch größer, als sie gedacht hatte. Denn sie wusste, Zugverbindungen fielen plötzlich aus, manchmal gab es Unterbrechungen wegen drohender Luftangriffe. Wartezeiten, die nicht vorauszusehen waren. Der Kinderwagen wurde vorbereitet. Er sollte nicht allein Bernd aufnehmen, er war als Transportmittel ein nutzbringendes Gefährt.
Als das Morgenlicht den Tag ankündigte, verließ die kleine Familie die Wohnung. Mutter Charlotte hatte Mühe, den vollgepackten Kinderwagen zu bewegen. Trotzdem schritt sie energisch aus, sodass Marga Mühe hatte, zu folgen. Je näher man dem Bahnhof kam, desto beschwerlicher wurde der Weg. Trümmer, Trümmer überall – bedrohlich und gespenstisch im verblassenden Mondlicht. So konnte die Mutter den Weg nur ahnen. Die Anstrengung ließ die Kälte des frühen Morgens vergessen, die Angst kehrte wieder zurück.
Ein entgegenkommender Mann, einarmig, der seine Aktentasche an den Körper gepresst hielt, hastete geschickt durch die Trümmerlandschaft. Er schien in Zeitnot zu sein und vom Auftauchen der kleinen Truppe überrascht. Im Laufen rief er: „Wo wollen Sie denn hin? Sie glauben doch nicht, dass heute noch Züge fahren?“ Er wartete auf keine Antwort, hatte wohl auch keine erwartet. Die Mutter wollte diesen Worten keinen Glauben schenken. Sie lief weiter, wollte nur noch weg, zu den Eltern.
In Bahnhofsnähe waren die Aufräumungsarbeiten in vollem Gange. Behelfswege waren zu schaffen, Schwelbrände zu löschen, zerbombte Gebäudeteile zu sichern, Absperrungen vorzunehmen. Das alles wurde von ihr kaum wahrgenommen. Vor der großen Eingangshalle hatte sie einen Bahnbeamten, die Schirmmütze wies ihn als solchen aus, erkannt. Eine Menschentraube hüllte ihn ein. Seine Dienstmütze tauchte in der Menge auf, dann verschwand sie wieder. Mutter Charlottes ganze Aufmerksamkeit galt dieser Kopfbedeckung. Dorthin musste sie, schnell, ehe der Mann wieder verschwand. Außer Atem erreichte sie mit Marga, die sich angstvoll an den Kinderwagen klammerte, den Beamten, der völlig überfordert von den ihm zugerufenen Fragen immer wieder gleich stoisch ins Leere starrend antwortete, dass zurzeit kein Zug den Bahnhof verlassen könne und nicht absehbar wäre, zu welcher Zeit die ersten Verbindungen wieder eingerichtet werden könnten. Sie hörte diese Worte, ihre gedankliche Verarbeitung brauchte Zeit. Nur langsam begann sie, ihre Lage zu erfassen. Ihren Plan wollte sie nicht ändern. Sie musste fort mit ihren Kindern, weg aus der zerbombten, ständig gefährdeten Stadt.
Sie schob den Kinderwagen vorwärts, verließ das Bahnhofsviertel scheinbar ziellos, querte den Augustusplatz, fand sich am Reichsgericht wieder. Und lief einfach weiter. Tief im Unterbewusstsein hatte sie für sich entschieden, den Weg zu den Eltern zu Fuß zurückzulegen. Den Stadtrand hatte sie bereits erreicht, ließ Schleußig mit seiner bekannten Pferderennbahn rechter Hand liegen. Geschützte Gehwege gab es nun nicht mehr. Die Landstraße, so dachte sie, schützt sie wenigstens vor Umwegen. Mit dem gefassten Entschluss kehrten auch neue Kräfte zurück. Jeden Schritt, der sie vorwärtsbrachte, empfand sie als Bestätigung, das Richtige zu tun. Sie überlegte nun nicht mehr viel, sie funktionierte. Zumeist war die Marschstrecke eben. Dann durfte Marga, nachdem das Gepäck im Kinderwagen umsortiert war, auch Platz auf dem Gefährt nehmen. Bernd verschlief die meiste Zeit. Die kleine Gruppe kam gut voran, noch quälten die Beschwerlichkeiten, die langen Märschen innewohnen, nicht. Als Bernd das Verlassen des Kinderwagens einforderte, war Gelegenheit für eine kleine Ruhepause. Die Kinder erledigten die „kleinen und großen Geschäfte“, und eine der mitgenommenen, mit nur wenig Margarine bestrichenen Schnitten wurde verzehrt. Nun war man bereits mehr als vier Stunden unterwegs und bewegte sich auf Markkleeberg zu. Ein längeres, leicht abschüssiges Wegestück bot erneut die Möglichkeit, dass Marga, die langsam an ihre körperlichen Grenzen kam, Platz auf dem Kinderwagen nehmen konnte. Die Straße, die die Mutter nutzte, war kaum befahren. Auch sie merkte, wie die Kräfte schwanden, doch ein Zurück gab es nicht mehr. Sie schob den Wagen, sie lief einfach weiter, automatisch. Irgendwann hatte sie das Zeitgefühl verloren. Sie kämpfte sich weiter. In den späten Nachmittagsstunden, nach mehreren Pausen, die sie, von der Besorgnis getrieben, ihr Ziel nicht zu erreichen, immer kürzer gestaltete, war sie nun, aber vor allem Marga, mit den Kräften am Ende. Sie hockten auf einem umgestürzten Baumstamm am Rande der Straße. Jetzt spürte sie neben den Schmerzen in den Beinen, den Armen, auch die Feuchte des Bodens und der Luft. Die frühabendliche Kälte ließ sie zittern. So vernahm sie das nahende Rattern auf dem unebenen Pflaster der Straße nicht. Erst eine laute Stimme holte sie aus ihrer Gedankenwelt zurück. Sie gehörte einer älteren Frau, die mit einem Handwagen voller Reisigholz vor ihnen stand. Diese Frau brauchte nicht lange, um zu begreifen, was zu tun war – die kurze Unterredung mit der Mutter hatte ausgereicht. Sie bot ihnen eine Übernachtung an.
Im bescheidenen Haus der gutmütigen Alten war es warm. Satt und für den Moment zufrieden schlief man wenig später erschöpft ein. So übernachtete man recht komfortabel in dem kleinen Anwesen in der Nähe der Stadt Zwenkau. Gerade einmal die Hälfte des Weges hatte man zurückgelegt. Am folgenden Morgen fiel es keinem leicht, nach einem kurzen Frühstück dieses wohlige Nest zu verlassen. Ein herzliches Dankeschön, ein Lebewohl, und schon empfing leichter Schneegriesel und Kälte die kleine Gruppe auf dem weiteren Weg in das Ostthüringische. Das Vorwärtskommen war sehr schwierig. Das Schieben des Kinderwagens wurde schwerer und schwerer. Die Räder rollten schlecht, der feine nasse Schnee schob sich zwischen die Räder und deren Schutzbleche. Schließlich verfestigten sich Schnee und Eis, die Räder blockierten. Die Mutter erkannte die Ausweglosigkeit. Sie entschloss sich zur Umkehr, vielleicht würden sie nochmals Aufnahme auf dem kleinen Bauernhof finden. Den Wind, den sie bis dahin im Rücken gespürt hatten, fühlten sie nun auf Stirn und Wangen. Die Sicht war erschwert. Von Ferne krochen zwei Lichter auf sie zu, wurden größer, bis die Mutter einen Lastwagen ausmachen konnte. Er kam rasch näher. Nach Bremsgeräuschen und knirschenden Reifen kam das Fahrzeug, ein Lastkraftwagen der Wehrmacht, zum Stehen. Das Fenster auf der Fahrerseite wurde heruntergekurbelt. „Können wir helfen? Ein Spazierwetter ist das bestimmt nicht“, tönte die Stimme des Fahrers. Das Angebot überraschte. Mutter Charlotte zeigte sich nur für kurze Zeit unschlüssig, dann dankte sie für die gebotene Hilfe. „Wo soll es hingehen?“
„Sie sehen, wir sind zu dritt, müssen nach Rannenburg.“
„Da laufen Sie aber in die verkehrte Richtung!“
Die Mutter verspürte in diesem Moment keinerlei Lust, sich zu erklären. Sie schaute ihn erwartungsvoll an. „Nun, wenn Sie möchten, können wir laden.“ Der Fahrer verließ seine Kabine, querte die Straße. Mit einem Lächeln nahm er Marga auf den Arm, lief zum LKW und übergab sie einem Kameraden, der im Fahrerhaus verblieben war. „Ich nehme an, Sie wollen mit dem Kleinen gemeinsam reisen“, meinte er schmunzelnd. Und schon schob er den Kinderwagen an die Rückseite des Lasters. Er klopfte an die hölzerne Ladeplanke und rief vernehmlich: „Ihr bekommt Damenbesuch.“ Damit hob er die Zeltplane, die das Wageninnere schützte, an. Zigarettenrauch quoll in einer Wolke aus dem Verdeck. Fünf Soldaten, durch wattierte Bekleidung gut geschützt, starrten auf die Neuankömmlinge. Der Fahrer öffnete selbst die Planke, hob den Kinderwagen samt Bernd nach oben und forderte seine Kameraden auf, behilflich zu sein. Die Mutter kletterte unter das Verdeck, das die gesamte Ladefläche schützte, und nahm in der Mitte auf der hölzernen Sitzbank Platz. Das Einklinken der Sicherheitshaken, die die Planke befestigten, das Herunterschlagen der Zeltplane kündigten die mögliche Weiterfahrt an. Der Fahrer rief in das Halbdunkel hinein: „Wir fahren weiter. Benehmt euch anständig!“
Die Fahrertür schlug zu, das Auto setzte sich in Bewegung.
Das Ruckeln, verursacht durch den maroden Straßenbelag, übertrug sich auf die Mitfahrenden und schüttelte sie kräftig durch. Die Mutter hielt den Kinderwagen krampfhaft fest. Kurze, ebene Straßenabschnitte ließen diese Notwendigkeit vergessen, bis die Realität den alten Zustand wieder einforderte. Eine Unterhaltung zwischen den Soldaten und der Mutter kam so nicht zustande. Ein jeder war mit sich und seinen Gedanken beschäftigt. So rückte man kurzzeitig in eine andere, eine angenehm virtuelle Welt.
Das Auto wurde langsamer. Das riss die Mutter aus ihren Gedanken. Und plötzlich war Stille. Wieder klappte eine Autotür, der Fahrer meldete sich mit einem scherzenden Wort, der wohl für die Kinder bestimmt war, aber nicht verstanden wurde. „Endstation! Alles aussteigen bitte.“
Mutter Charlotte konnte es kaum fassen, sie war in ihrer Heimatstadt angekommen. Der Tag, der so schlecht begann, hatte ein gutes Ende gefunden.
Obwohl sich das Wetter nicht wesentlich gebessert hatte, durchströmte sie ein wahres Glücksgefühl, das die restlichen Schritte einfacher machte. Sie schaute sich um, die Gegend war ihr bekannt. Linker Hand lagen die einst herzoglichen Kasernen, jetzt in Nutzung der Wehrmacht. Rechts, wenn sie den Berg hinabblickte, lag Rasephas. Sie glaubte, das elterliche Haus zu erkennen, zumindest die Lage, wo es sich befand. Dorthin musste sie mit den Kindern und begab sich auf den Weg. Dieser war größtenteils abschüssig. Nach kurzer Zeit hatte sie den Rannenburger Vorort, im Norden der Stadt gelegen, mit den Kindern erreicht. Noch ein kleiner Anstieg hinter der dörflichen Kirche, und die markante Brücke, die sich über die Gleisanlagen der Reichsbahn zum Fabrikgelände der HASAG schob, rückte ins Blickfeld. Alles war ihr bekannt: die Häuser mit den kleinen Vorgärten, die Bäckerei, das Lebensmittelgeschäft. Nichts hatte sich verändert. Nach wenigen Schritten kamen sie am Haus, das die Eltern im ersten Stockwerk bewohnten, an. Sie atmete tief durch, dann drückte sie auf den Klingelknopf.
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