Dark Shadows – Die Schatten der Vergangenheit

Dark Shadows – Die Schatten der Vergangenheit

Carl-Ludwig Reuss


EUR 19,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 348
ISBN: 978-3-99131-093-8
Erscheinungsdatum: 02.02.2022
Lutz Reuss wird eines Kriegsverbrechens beschuldigt. Jahre später muss er sich seiner Vergangenheit im Zweiten Weltkrieg stellen. Im Gefängnis beginnt er, sein Leben zu reflektieren und nach Antworten auf drängende Fragen zu suchen.
Jeder Tag ist ein neues Leben
Späte Einsicht, späte Reue, späte Versöhnung


Die Verhaftung

Es ist Winter. Samstag der 20. Januar 1962, ich sitze in Ravensburg im Gefängnis. Der Vollmond scheint durch die Gitterstäbe und wirft lange Schatten auf den Steinboden, als wollten sie mir nochmals verdeutlichen: „Du bist eingesperrt, hinter schwedischen Gardinen, ohne Chance, zu entkommen.“
Ich bin zutiefst deprimiert, mein Leben rauscht an mir vorbei. In Fragmenten, ohne erkennbaren direkten Zusammenhang. Ich versuche, meine Gedanken zu sortieren. Warum bin ich hier? Warum bin ich so, wie ich bin? Was ist in meinem Leben falsch gelaufen?
Bei Vollmond konnte ich noch nie richtig schlafen. Ich denke, dass ein Mond, der Weltmeere bewegen kann, auch in mir etwas auslöst. So waren die Tage vor und nach Vollmond für mich seit jeher sehr inspirierend für geistige Arbeiten. Auch jetzt sitze ich in meiner Gefängniszelle am Tisch mit einer kleinen 25-Watt-Lampe. Der dunkelgelbe Schirm, der kaum Licht durchlässt, bescheint nur eine eng begrenzte Schreibfläche. Aber immerhin, ich kann schreiben.
Ich schreibe alles auf, was mir in den Sinn kommt. Ich schreibe und schreibe mein ganzes Leben auf, so, als könnte ich mich damit reinwaschen von all der Schuld, die ich auf mich geladen habe. Ich suche nach Gründen für mein Handeln. Warum ließ ich mich verführen, um einem mörderischen System zu dienen? Warum wollte ich das nicht früher erkennen? Vielleicht hilft mir das Schreiben, mich in mein Inneres zu vertiefen und mein Tun ebenso wie mein Nicht-Tun zu reflektieren.
Donnerstag, der 4. Januar 1962.
Ich wache früh auf. Es ist kurz nach 5 Uhr morgens und noch sehr dunkel. Nur das Mondlicht erhellt die Landschaft ein wenig. Ich freue mich auf den Spaziergang mit meinem Hund. Ich will die Morgenstimmung genießen, die ich so sehr liebe. Ein verheißungsvoller Vormittag, der einen unerwarteten Verlauf nehmen sollte.
Obwohl es Winterzeit ist, liegt kein Schnee und die Temperaturen schwanken um plus-minus Null. Wir wohnen am Dorfrand, am Ende eines Weges, kurz vor dem Acker. Danach gibt es nur noch landwirtschaftliche Fläche bis zum nächsten Dorf in circa 4 Kilometer Entfernung.
Meine vierjährige Deutsch Langhaar Hündin hat in meinem Arbeitszimmer ihren Korb und Schlafplatz. Sie registriert die Bewegung in meinem Schlafzimmer im ersten Stock und im Bad sehr genau. Sie wird unruhig und fiept leise, als Signal, dass sie mit mir raus will. Die Kinder haben Ferien und dürfen sich ausschlafen. Ich schleiche leise hinunter und bemühe mich, die Hündin ruhig zu halten. Es ist nicht einfach, ihre Freude zu zügeln, denn sie weiß genau, was kommen wird. Mantel überwerfen, Leine mitnehmen, Hundepfeife und Hut. Nun geht es los. Die Hündin ist von mir erzogen worden und sehr diszipliniert. Sie läuft stets frei bei Fuß. Wenn ich pfeife, kommt sie sofort – fast immer jedenfalls. Ist die Fährte richtig heiß, kommt sie nicht. Benutze ich die andere Seite der Hundepfeife, ertönt ein lautes Trillern. Dann muss sie unverzüglich stoppen und sich hinlegen. Dazu rufe ich das Kommando „Down!“, auf Englisch. Darf sie wieder laufen, rufe ich „Aller!“, auf Französisch. Warum ich gerade diese Befehle benutze, kann ich gar nicht sagen. Vermutlich, weil ihr Klang besondere Wirkung zeigt oder, weil bereits Vater und Großvater diese Kommandos verwendet haben.
Kurz vor acht bin ich zurück und bereite das Frühstück vor. In den Ferien frühstücken wir nicht in der Küche, sondern alle zusammen im Esszimmer, mit schön gedecktem Tisch, Wurst, Käse, Ei, Kaffee und Tee. Anna-Lena, meine Frau, trinkt mit Vorliebe Mate-Tee. Der schmeckt für mich wie ein Heuhaufen ganz unten und ist nicht genießbar. Anna-Lena isst zudem bevorzugt Roggenbrot, etwas abgelagert, weil das gesund sein soll. Das ist nicht genau das, was ich unter einem genussvollen schönen Frühstück verstehe.
Heute aber ist meine Frau zu Besuch bei einer Schulfreundin, die nach der Flucht in Malente hängengeblieben ist. So tische ich also alles auf, was ich und die Kinder gerne essen. Weißbrot, Graubrot, frische Brötchen, die ich auf dem Rückweg beim Bäcker besorgt habe, Marmelade und Konfitüre, Gouda, durchwachsenen geräucherten Schinken und mehr.
Um halb neun erscheint Anna mit einem fröhlichen „Guten Morgen, Papa“, es folgt, etwas verträumt, Carina und zum Schluss, ungewaschen und mangelhaft bekleidet, mein Sohn Carl. Wir genießen unsere Gemeinsamkeit und ein entspanntes Ferienfrühstück.
Die Wettervorhersage ist vielversprechend und wir überlegen, wie wir die nächsten mutterlosen Tage gemeinsam gestalten könnten.
Nach dem Frühstück räumen die Kinder alles in die Küche und machen den Abwasch. Inzwischen ist auch meine Sekretärin eingetroffen und es kommt Leben ins Haus. Das Veterinärbüro hatte ich bei mir im Haus einrichten können, da die Kreisverwaltung räumlich beengt ist.
Es ist Viertel vor zwölf, als es an der Tür klingelt. Ich denke, dass es jemand für das Veterinärbüro sein muss. Die Sekretärin öffnet die Tür und ruft: „Herr Doktor, da sind zwei Herren, die Sie sprechen wollen.“ Ich gehe zur Tür und sehe zwei Männer mit Schlapphut und langen Kleppermänteln, die nach dem Krieg als Regenmantel sehr modern geworden waren.
Ich denke spontan: GESTAPO. Sie sahen aus wie zu Nazi-Zeiten. Ein gehöriger Schreck durchfährt mich und Bilder der Vergangenheit schießen unkontrolliert durch meinen Kopf. Ich schaue sie entgeistert an und sage nichts. Mit rauer Stimme sagt eine der Gestalten: „Kriminalpolizei, Sie sind verhaftet.“
Es ist der 4. Januar und ich denke plötzlich, dass zwei der Heiligen Drei Könige sich einen Scherz erlauben. Bei uns im Dorf ist es in dieser Zeit üblich, in der Nachbarschaft Geld zu sammeln und an die katholische Kirche zu spenden. Eigentlich ist die Gegend rein evangelisch, aber durch die Flucht hat sich eine katholische Gemeinde gebildet. Nichts zu geben, wäre unklug, da im Dorf alle über alle reden und den Nimbus, dass der Doktor geizig sei, möchte ich gewiss nicht verbreiten.
Aber nein. Sie sind echt. Sie zeigen ihre Ausweise und ich muss sie in die Wohnung lassen. Ich frage nach dem Grund für die Verhaftung. „Das werden Sie noch früh genug in Osnabrück erfahren. Wir haben nur den Auftrag, Sie zu verhaften. Packen Sie einen kleinen Koffer und kommen Sie mit!“, sagt eine dieser äußerst unsympathischen Erscheinungen.
Der zweite ebenso unhöfliche Flegel begleitet mich bis ins Schlafzimmer. Das Bett ist noch ungemacht und diverse Dinge liegen locker verteilt herum. Das ist mir jetzt aber egal. Sollen diese Typen denken, was sie wollen.
Der andere Kommissar steht unten neben meinen Kindern und der Sekretärin. Diese sind fassungslos und wissen nicht, was geschieht. Sie stehen bewegungslos da und schauen wie paralysiert, was für ein Film da gerade abläuft. Wer weiß, wann ich wiederkomme oder Anna-Lena zurück sein wird, denke ich. Irgendwer muss sich doch um die Kinder kümmern. Ich bitte um Erlaubnis, ein Telefonat führen zu dürfen. Das wird schroff abgelehnt. Darauf sage ich der Sekretärin: „Rufen Sie bitte meine Frau an, wenn ich fort bin. Und, ach ja, machen Sie für die Kinder einen Scheck über 50 Mark fertig.“ Der Typ neben mir sagt laut und geringschätzig: „Da können Sie gleich noch eine Null dranhängen, so schnell kommt der nicht wieder.“ Ich hätte ihm eines in die Visage hauen mögen. Aber mein Respekt vor der Staatsgewalt hindert mich daran. Ein Abschied wird nicht erlaubt. Mit Handschellen, wie bei einem Schwerverbrecher, werde ich abgeführt. Vor dem Haus steht ein hässlicher grauer VW Käfer. Ich sehe meine Kinder oben im Badezimmer, das ein großes Fenster zum Hof hat, mit verweinten Augen und zaghaft winkend. Ein letzter Blick und ich werde von einem der Kerle wie ein Wurstpaket auf die hintere Bank gepresst.
Das sind Gestapo-Methoden. Bei diesem Gedanken läuft es mir wieder eiskalt den Rücken herunter. Mein Herz rast, ich bekomme einen Schweißausbruch und zittrige Hände. Die Erinnerung an die letzten Kriegstage ist wieder da. Ich glaubte, mit meiner Familie in Ludwigslust, im Pferdelazarett, in Sicherheit zu sein. Dann kam der unerwartete Marschbefehl, einen Veterinärtrupp in Süddeutschland zu übernehmen. Jeder wusste, dass das Kriegsende nahe war. Meine Angst vor einem erneuten Einsatz war riesig. Sich dem Befehl zu widersetzen wäre aber tödlich gewesen. Die Gesetze waren nach dem Attentat auf Hitler verschärft worden. Jede „wehrkraftzersetzende“ Äußerung oder „Feigheit vor dem Feind“ wurde sofort mit dem Tod durch Erschießen bestraft. Ich sehe meine Verhaftung durch die Amerikaner vor mir, die anschließende Gefangenschaft im Internierungslager mit allen Schrecken kommt wieder hoch. Nun bin ich hier, eingeklemmt in dieser Büchse, und werde zum Tribunal gefahren. Warum? Was wollen die von mir?
In Osnabrück erklärt man mir, ich hätte in den letzten Tagen des Krieges in der Gegend von Ravensburg ein Verbrechen begangen. Ich hätte einen unschuldigen jungen Mann erschießen lassen. Ja, ich hatte den Befehl dazu gegeben. Es war aber nicht irgendein junger Mann, sondern für uns ganz offensichtlich ein Spion. Er hatte Lageskizzen in der Hand, die für die vordringenden alliierten Truppen interessant gewesen wären. Er war für uns eine Gefahr. Die Gerichtsbarkeit war bereits auf der Flucht in Richtung Kempten, und das Feldgericht hatte mich aufgefordert, selbständig zu entscheiden.
Am Montag, dem 8. Januar geht es mit der „grünen Minna“, einem Gefangenentransporter, in Richtung Süden. Es folgen Zwischenaufenthalte in Kassel, Fulda und Würzburg. Gefangene werden entladen und neue zugeladen.
Nach einer Zwischenübernachtung in Würzburg geht es am 09. Januar weiter. Aus den Gitterfenstern des Transporters ist außer Himmel fast nichts zu sehen, selbst im Stehen bleibt der Blick in die Landschaft begrenzt. Ich studiere innerlich die Kriminellen, mit denen ich unterwegs bin. Wir sind zwischen 6 und 8 Personen und die Unterhaltungen verlaufen recht lebhaft. Über die Gründe, warum sie im Transporter sitzen, will keiner reden. Alle sind sich einig, dass sie gute Kumpel und die anderen Kameraden schuld an ihren Miseren waren und sie im entscheidenden Moment hängen gelassen hatten. Ein Mitreisender ist Wilddieb. Das aber ist nicht der Grund seiner Verhaftung. Der Bursche war als landwirtschaftlicher Arbeiter und Melker tätig. Er hatte einen Raubüberfall begangen und seinen Herrn mit der Axt erschlagen. Warum er das getan hatte, sagt er nicht. Auf den ersten Blick wirkt er eigentlich wie ein bodenständiger sympathischer Mensch. Ungeachtet seiner Vergangenheit können wir uns stundenlang über Jagderfolge und Missgeschicke unterhalten. So vergeht die Fahrzeit unbemerkt schnell.
Am späten Nachmittag ab 16 Uhr ist es bereits dunkel. Wir kommen gegen 18 Uhr in Ravensburg an. Es ist Januar, ein grauer Wintertag mit grauem Himmel, einem grauen Gefängnis und einer grauenhaften Zelle. Alles ist nur zum Gruseln, hoffnungslos und deprimierend.
Wie konnte es dazu kommen? Gab es irgendeinen Punkt in meinem Leben, an dem wer-auch-immer die Weichen hätte anders stellen können?


Kindheit und Jugend in Dessau

1908 geboren, fiel meine Kindheit in den Untergang des Kaiserreichs und den Ersten Weltkrieg. Die Hungersnot quälte unsere Mägen, die Schmach von Versailles drückte auf das Gemüt meiner Eltern.
Ich erinnere mich an eine heftige Auseinandersetzung meiner Eltern. Mein Vater hatte gegen den erbitterten Widerstand meiner Mutter eine wertvolle goldene Taschenuhr der Aktion „Gold gab ich für Eisen“ geopfert. Als Dank für sein patriotisches Handeln erhielt er eine Uhrenkette – mit der entsprechenden Aufschrift „Gold gab ich für Eisen“. Diese Kette und die schlichte Arbeiteruhr liegen heute in meinem Schreibtisch. Bei jedem Blick darauf verstehe ich den Zorn meiner Mutter, und frage mich, wie jemand so dämlich hatte sein können, einen wertvollen Familienbesitz für den Krieg zu verschleudern. Meine Mutter stammte aus einer ehrwürdigen, aber mit wenig Wohlstand gesegneten Hugenotten-Familie. Sparsamkeit war ihr das höchste Gebot.
Heute, nach all meinen persönlichen Erfahrungen und dem Missbrauch meiner eigenen Ideale, kann ich den Begriff „Patriot“ nur noch als Wortverbindung von Patria und Idiot betrachten.
Ich war zu früh geboren worden, um den Schrecknissen des Ersten Weltkriegs entgehen zu können, doch spät genug, um wenigstens eine unbeschwerte Jugend erlebt haben zu dürfen. An die Jahre in Dessau und mein enges Verhältnis zu meinem Freund Alex denke ich gern zurück. Wir sitzen bereits als 7-Jährige in der Schule zusammen und sind einander emotional eng verbunden. Blutsbrüder, wie Winnetou und Old Shatterhand. Eine echte Knabenliebe.
Alex’ Familie besitzt landwirtschaftliche Ländereien, die von der Mulde durchflossen werden. Im Sommer schwimmen wir nackt durch den Fluss. Mit 12 Jahren teilen wir all unsere Gedanken und besprechen unsere pubertären Gefühle. Wir spüren die Männlichkeit, die sich in uns entwickelt und die uns verwirrt. Wir vertrauen einander Dinge an, wie es sonst wohl nur Mädchen tun. Unser gegenseitiges Vertrauen und unsere Zuneigung zueinander sind grenzenlos.
An einem dieser warmen Sommertage an der Mulde liegen wir nach dem Baden zum Trocknen nackt in der Sonne. Handtücher haben wir nicht dabei. Wozu auch? Wir dösen mit geschlossenen Augen. Offensichtlich träumen wir beide einen erotischen Traum, der uns eine starke Erektion beschert. Wir schauen uns an und machen einen „Waffenvergleich“. Alex gewinnt. Wir spielen diverse pubertäre Spiele – es wächst zusammen, was zusammen wächst.
Das Thema männliche Sexualität beschäftigt mich lange. Ich lese später Literatur über männliche Freundschaften und will ergründen, ob ich „richtig gepolt“ bin. Ein Psychologe schrieb, dass eine echte Männerfreundschaft neben Sympathie auch immer eine erotische Komponente hätte. Gerade in der Pubertät seien gleichgeschlechtliche Erlebnisse normal. Es bedeute nicht, dass man deswegen eine homosexuelle Veranlagung habe. Das beruhigt mich. Das weibliche Geschlecht war uns in dem Alter noch fremd und fern. Es regt jedoch unsere Fantasie an.
Es gibt da ein kleines süßes Mädchen, das mich fasziniert. Ich fühle mich wie ein großer Bruder. Sie ist die Freundin meiner Schwester Margot. Meine Schwester wurde am 18. Februar 1912 geboren, ihre Freundin Ursula ist genau drei Wochen älter. Beide sitzen in derselben Schulklasse. Immer, wenn ich Ursula sehe, leuchten ihre dunklen, fast schwarzen Augen auf und sie strahlt mich an. Drei Tage vor ihrem 10. Geburtstag geschieht das Drama.
Am Mittwoch, 25. Januar 1922, brennt das Theater in Dessau während einer Vorstellung nieder. Alle können sich retten, bis auf Ursulas Mutter und eine weitere Person, die es aus der Garderobe nicht mehr nach draußen schaffen und grausam zu Tode kommen.
Meine Schwester und ich sind zutiefst betroffen und vollkommen sprachlos. Warum passierte so etwas? Ich stelle mir vor, was ich empfinden würde, wäre meine Mutter in dem Feuer umgekommen. Die Gedanken, die mir dabei entgegenfliegen, erschrecken mich. Ich schiebe sie schnellstens von mir.

Am Samstag, dem 4. Februar, sehe ich Ursula die Kaiserstraße entlang gehen. Es ist ein feuchtkalter Tag. Als ich das Haus verlassen hatte, hatte das Thermometer minus 1,5 Grad angezeigt. Die vergangenen Tage waren von Schneeregen beherrscht worden, jetzt gesellt sich zur hohen Luftfeuchtigkeit noch ein eisiger Wind, der um die Ecken pfeift. Ursula hat sich in ihren Wintermantel gehüllt und die Wollmütze tief in die Stirn gezogen. Ich rufe ihr hinterher: „Ursula, warte mal!“. Mit wenigen Schritten bin ich bei ihr. „Du Ursula, das mit deiner Mutter tut mir unendlich leid. Wenn ich irgendwas für dich tun kann, brauchst du es nur zu sagen. Du kannst dich auf meine brüderliche Hilfe verlassen.“ Sie schaut mich herzzerreißend traurig an, zieht die Mütze noch tiefer in die Stirn, dreht sich wortlos um und geht. Hatte ich etwas falsch gemacht? Ich hatte es doch lieb gemeint. Warum hat sie nichts gesagt?
Im März 1920 führt der Kapp-Putsch die Weimarer Republik an den Rand eines Bürgerkrieges. Ich bin gerade einmal 12 Jahre alt. Meine Eltern verbieten mir, alleine auf die Straße zu gehen, denn auch in Dessau kommt es zu bewaffneten Zusammenstößen. Am 16. März gibt es in der Fürstenstraße mehrere Todesopfer. Die Aufregung ist groß und in der Schule ist es das Hauptthema unter uns Schülern. Die Lehrer halten sich mit Kommentaren zurück. Angesichts des schnellen Wechsels der vorherrschenden politischen Strömungen bezieht man lieber keine klare Position.
Die Inflation schreitet ab Januar 1922 merklich voran und wird immer schneller. Meine Eltern wissen nicht mehr, wie sie mit ihrem Einkommen auskommen sollen. Ich merke es daran, dass bei Essen und Kleidung extrem gespart wird. Im Juli 1923 ist der Dollar bereits eine Million Mark wert, im Oktober werden es einige Milliarden sein. Geld ist praktisch wertlos. Im November 1923 wird die Rentenmark eingeführt. Viele Menschen verlieren bei dieser Reform ihr gesamtes Vermögen. Es folgt ein wirtschaftlicher Aufschwung. Das ist die Zeit, die wir heute als die „Goldenen Zwanziger“ bezeichnen. Die Arbeitslosigkeit geht zurück und die Wirtschaft blüht, bis zum großen Börsencrash im Oktober 1929. Unternehmen werden zahlungsunfähig, massenhafte Entlassungen führen zu Arbeitslosigkeit und sozialem Elend. Das ist Wasser auf den Mühlen des Nationalsozialismus.
Mit einem Transport über See werden meine Schwester und ich im Jahr 1923 mit dem „Verein für das Deutschtum im Ausland“ nach Reval (das heutige Tallin) geschickt. Wir leben dort von Mitte Juni bis zum 17. September bei der Familie Borchard. Frau Borchard ist die Schwester von Minna von Scheele, der zweiten Frau meines Großvaters. Das Ehepaar Borchard betreibt in Reval eine Holzhandlung und ein Sägewerk. Insgesamt sind sie sehr nett zu uns, doch meine 11-Jährige Schwester Margot und ich mit meinen 15 Jahren wissen nicht so recht, wie wir die Zeit bei dem alten Ehepaar ohne Kinder verbringen sollen. Uns ist stinklangweilig und mich beschleicht das Gefühl, dass meine Mutter uns gar nicht mehr haben will und uns zu fremden Menschen abschiebt. In der Zwischenzeit reist meine Mutter für einen Verwandtenbesuch und eine Kur nach Bad Wiessee am Tegernsee. Sie reist wie meistens ohne meinen Vater. Angeblich ist sie mal wieder sehr erschöpft und hat Herzattacken. Damit hat sie sich schon immer in Szene gesetzt und viele Kuren gemacht. Sie ist mit dieser Masche erfolgreich 74 Jahre alt geworden, obwohl sie ja angeblich immer sterbenskrank war.
Im Oktober 1923 wird der Aufstand der KPD in Hamburg blutig niedergeschlagen.
Am 8. und 9. November scheitert ein Putschversuch durch General von Ludendorff und Adolf Hitler. Die NSDAP wird als Partei verboten. Hitler wird zu 5 Jahre Haft verurteilt, jedoch vorzeitig entlassen. Ludendorff wird freigesprochen.
Es sind äußerst unruhige und wirtschaftlich bedrohliche Zeiten. Das begreife ich auch schon in meinem jugendlichen Alter.
1924 wird die Jugendorganisation der NSDAP verboten, die Polizei beschlagnahmt in Dessau ausgestelltes Propagandamaterial im Fürstenhof. Die Funktionäre der Ausstellung werden verhaftet.
Die SPD gründet ihren Kampfverband „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“ und die KPD den „Roten Frontkämpferbund“. Beides waren paramilitärische Verbände, die ihre politische Ausrichtung lautstark und aggressiv vertraten. Sie sollten den frustrierten Frontkämpfern aus dem Ersten Weltkrieg eine politische Heimat geben. Die NSDAP bildet mit ihrer SA, der Sturmabteilung, den Gegenpol zu linken Kräften. Alle Zeichen stehen auf Kampf.
Am 13. April 1924 wird bis zur herbstlichen Sonnenwende am 21.September auf Sommerzeit umgestellt.
Ostern ist in diesem Jahr sehr spät. Am Ostermontag, dem 21. April1924 treffe ich mit Alex zusammen. Alex strahlt und ist voller Enthusiasmus: „Stell dir vor, gestern waren zwei Cousinen zu Besuch. Sie schäumten über vor Begeisterung, als sie von ihren Erlebnissen mit den Pfadfindern erzählten. Was meinst du, sollen wir uns nicht auch den ‚Allgemeinen Pfadfindern‘ anschließen?“ „Tolle Idee! Ich habe auch schon viel Gutes darüber gehört. Lass uns das zusammen machen“, antworte ich. Gesagt, getan. Alex und ich werden Mitglied bei den Allgemeinen Pfadfindern. Hier sind nur Jungs aus gutbürgerlichen konservativen Familien versammelt, alles was uns „rot“ oder kommunistisch vorkommt, ist uns nun zuwider.
1926 vereinigen wir uns mit dem Stamm „Goten“ in Dessau. Jetzt gehören wir zum Bund der „Sturmtrupp-Pfadfinder“, eine „Deutsche Waldritterschaft“, die sich an die Gedanken des „Urpfadfindertums“ anlehnt. Wir folgen der Idee vom einfachen und geistigen Leben. Neben den üblichen Abenteuerspielen ist auch das soziale Lernen gefordert. Wir leisten gemeinnützige Arbeit, sind besonders im Bereich von Umwelt- und Naturschutz aktiv und helfen auch bei Pflanzaktionen in der Forstwirtschaft.
Bei einer Aktion im Harz, zwischen Blankenburg und Gernrode, werden wir einmal von den anarchistischen Anhängern der kommunistischen Kampfgruppe attackiert und mit Steinen beworfen. Für diese gelten wir als bürgerlich und stehen damit auf der Seite des Kapitalismus. Das war Grund genug für sie, uns zu beschimpfen. Es wird zwar niemand verletzt, aber unsere Wut auf diese Chaoten steigert sich maßlos. Kommunisten zählen fortan zu unseren natürlichen Feinden. Unsere politische Neutralität bekommt Grenzen gesetzt.
In der Albrechtstraße 109 ist immer etwas los. Es gibt viele Kinder in allen Altersstufen. Eberhardt Junkers ist ebenfalls 1908 geboren und wir gehen zur selben Schule. Alex und ich sind mit ihm freundschaftlich verbunden und gemeinsam im Ruderverein aktiv. Die Familie Junkers ist eine etablierte Unternehmerfamilie in Dessau. Der Vater, Hugo Junkers, baut Flugzeugmotoren und Flugzeuge. Die Ju 52 wurde später als militärische Transportmaschine sehr berühmt.
Immer, wenn ich bei der Familie Junkers zu Besuch bin, spüre ich die dort herrschende liberale offene Stimmung. Freunde sind jederzeit willkommen und müssen sich in dem Familienchaos von zwölf Kindern selbst zurechtfinden. Manchmal ist in dem Gewusel nicht ganz klar, wer Familienmitglied oder Familienfreund ist. Hier geht alles ganz anders zu, als bei mir zu Hause, wo alles beamtenmäßig ordentlich, konservativ und streng reglementiert ist. Im Hause Junkers herrscht ein freier Geist, mit starkem Interesse an Kunst und Kultur.
Ab 1926 werden hier Verbindungen zu Walter Gropius, dem Bauhaus sowie zu Lyonel Feininger geknüpft und entsprechende Projekte unterstützt. Die Kinder haben viel Freiraum, um sich zu entfalten. Jeder Besuch dort beflügelt mich.
5 Sterne
Dark Shadow, Die Schatten der Vergangenheit - 05.02.2022
Andreas Rietschel

Rezension: Dark Shadows– Die Schatten der VergangenheitZeitgeschichte mit persönlicher NoteUnter der Rubrik Deutsche Schicksale wäre diese auf den ersten Blick autobiografische Erzählung des Lebens von Dr. Lutz Reuss ganz gut aufgehoben. Doch weit gefehlt: in dem Buch "Dark Shadows, Die Schatten der Vergangenheit" beschreibt der Sohn Carl Ludwig Reuss aus der Sicht seines Vaters dessen Leben. Ein bewegtes Leben vor, in und nach dem Zweiten Weltkrieg mit all den Verstrickungen in einer mörderischen Zeit, die in dem Buch immer wieder die Frage aufwirft: Wie viel moralische Schuld trägt ein junger Mann, der in diesen Jahren ein überzeugter Nazi war und den Befehlen seiner Ver(Führer) folgte? Das Buch mit dem etwas befremdlichen englischen Titel beschreibt das Leben des Tierarztes Dr. Lutz Reuss und ehemaligen Mitgliedes der Allgemeinen SS auf der Grundlage persönlicher Aufzeichnungen, die der Vater seinem Sohn kurz vor seinem Tod überantwortet hat. Der beginnt erst Jahre später, sie zu sichten. Genau in diesem Prozess aber, so scheint es, beginnt die Annäherung des Sohnes an seinen als dominant und selten nahbar beschriebenen Vater. Das könnte das Motiv sein, warum der Autor in die Rolle seiner Hauptfigur schlüpft, die dann aus ihrer Ich-Position heraus ihr Leben beschreibt. Eine nicht unproblematische Erzähltechnik, weil sie die notwendige Distanz des Autors zu seiner Hauptperson vermissen lässt. Sie ist aber andererseits durchaus legitim, weil dieses Buch im Wesentlichen auf den autobiografischen Notizen des Vaters beruht, also die Ich-Erzählung rechtfertigt. Zentrales Ereignis ist ein Vorfall am Ende des Krieges im südwestdeutschen Riedhausen. Lutz Reuss kommandiert eine kleine Veterinär-Staffel, die einen jungen Mann festgenommen hat, der verdächtige Landschaft Skizzen bei sich trägt. Schnell ist man sich in dem Verdacht einig, einen Spion festgenommen zu haben. Das nächste zuständige Feldgericht sieht sich in diesen Tagen als nicht mehr zuständig, die Militärjustiz ist bereits auf der Flucht vor den anrückenden Alliierten. Reuss wird bedeutet, er müsse in der Sache selbst entscheiden. Und er entscheidet: Tod durch Erschießen.Dieser Fall holt ihn im Januar 1962 ein. Der Vater des 1945 erschossenen "Spions" hat Anzeige gegen Reuss erstattet. So wird er unter dem Verdacht eines Kriegsverbrechens festgenommen und in die Untersuchungshaft nach Ravensburg gebracht.Der Vater, der den Exekutionsbefehl in den Nachkriegsjahren verdrängt, ja fast vergessen hatte, ist nun gezwungen, sich der moralischen Schuldfrage zu stellen. Er sieht seine Schuld, fragt aber auch, wie denn so viele seiner Generation, die ähnliche oder gar mehr Schuld auf sich geladen hatten, in den Nachkriegsjahren zum Teil großartige Karrieren machten und nie zur Rechenschaft gezogen wurden.Er erinnert sich an die Kriegsgefangenschaft in einem amerikanischen Lager bei Garmisch. Dort lernt er prominente Mitgefangene wie den Schriftsteller Hans Hellmut Kirst oder den Hirnforscher Professor Hugo Spatz kennen, der trotz seiner Beteiligung an der Euthanasie-Forschung der Nazis nach 1945 seine Forscherkarriere fortsetzen konnte. Immerhin wurde ihm posthum im Juli 2017 die Ehrendoktorwürde der Universität Gießen entzogen.In weiteren Kapiteln zeigt Carl Ludwig Reuss eine Wandlung seines Vaters. Im Briefwechsel mit seiner Frau Anna Lena nähert er sich dem im KZ ermordeten Dietrich Bonhoeffer an. Eine Wandlung zur Demut und zum Glauben, die wohl auch für das Selbstbild von Lutz Reuss wichtig ist.Ein halbes Jahr vergeht in Untersuchungshaft, dann wird der Fall Reuss von der Justiz eingestellt. Es kommt zu keiner Hauptverhandlung, weder zu einem Urteil noch zu einem Freispruch.Das Buch ist vordergründig eine Biografie, doch bleibt es nicht bei der Beschreibung der Höhen und Tiefen eines gelebten Schicksals, es stellt Fragen. Die nach der kollektiven Schuld einer ganzen Generation ebenso wie die Frage nach einer gerechten Beurteilung der Kriegsgeneration, die den Heilrufen Nazi Deutschlands zu Millionen gefolgt waren. Waren sie überzeugte Nazis, waren sie geblendet von den Verheißungen des Regimes, waren sie Mitläufer, Opportunisten, oder einfach zu jung, zu unerfahren, zu distanzlos in der Einschätzung der Verführer? Der Erzählstil des Buches ist nicht verschnörkelt und verständlich. Es ist ein notwendiges Buch, weil es das Leben eines Mannes zu erfassen versucht, der in den Zwängen seiner Zeit eine Entscheidung treffen musste, die am Ende sein Leben in moralischer Schuld geprägt hat. Reuss Junior urteilt dabei nicht, er beschreibt das Geschehene und lässt damit allein den Gedanken des Vaters Raum. Das Leben von Dr. Lutz Reuss ist exemplarisch für eine ganze Generation. "Dark Shadows" ist ein Stück Zeitgeschichte. Andreas Rietschel, Journalist

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