Geschichte & Biografie

Aus der Sicht der Fremden

Maria von Hall

Aus der Sicht der Fremden

Pater Ober Diener der Hilfesuchenden

Leseprobe:


Ein paar Monate später reichte das Geld plötzlich nicht mehr zum Leben. Die Lebensmittelpreise stiegen in kürzester Zeit und meine Rente, die ich aus gesundheitlichen Gründen seit Jahren bezogen hatte, reichte plötzlich nur noch für die ersten beiden Wochen im Monat. Die teuerste Ware in den Achtzigerjahren waren eben die Lebensmittel geworden. Nicht nur mir hat die Rente nicht gereicht, sondern auch den Arbeitern und Kleinangestellten der Lohn. Die Menschen in der Stadt haben sogar laut über das Problem zu sprechen angefangen. Die Unzufriedenheit hatte Monat für Monat zugenommen, und als die Regierung Polens im Herbst 1981 wieder die Preise für die Lebensmittel erhöhen wollte, gingen die Menschen im Land auf die Barrikaden. Die ersten Unruhen gab es in der Helling in Danzig unter Lech Walesa, der eine freie und unabhängige Gewerkschaft, die „Solidarnosc“, gründete.
Damit hat er in Polen eine gewaltige Volksbewegung ausgelöst. Das war der erste Aufstand gegen das sozialistische Regime, nicht nur in Polen, sondern überhaupt in ganz Europa!
Am 13. Dezember 1981, einem Sonntag, ging ich wie immer in der Früh ins Bad und schaltete um 06:00 Uhr das Radio an. Was ich da hörte, ließ meinen Atem stocken. Wir hatten Krieg! Ich habe eine Weile gebraucht, bis ich realisieren konnte, dass die polnische Regierung einen Bruderkrieg in Kauf nahm. Wie ich später erfahren habe, war der Krieg schon in der Nacht vom 12. auf den 13. Dezember per Radio proklamiert worden.
Ich konnte die Stunden bis Montag nicht abwarten. Ich machte mich gleich am Montagmorgen auf den Weg ins Zentrum, um zu sehen, was sich in der Stadt tat. Ich eilte voller Angst und mit pochendem Herzen die Hauptstraße entlang zum Rathaus. Und tatsächlich, das, was ich da sah, war überwältigend! Der riesige Platz vor dem Rathaus wurde belagert. Die Menschenmenge war in Bewegung und redete laut. Ich blieb in der engen, kurzen Straße, die zum Platz führte, stehen – in das Gedränge wollte ich nicht hinein. Plötzlich merkte ich, dass die Straße hinter mir auch schon voller Menschen war und um mich herum wurde es eng. Ich wollte mich schnell zurückziehen, aber es gab keine Möglichkeit mehr. Ich wurde zusammengedrückt und in diesem Moment habe ich das Bewusstsein verloren. Ich wachte im Krankenhaus auf, wo mir ein junger Arzt sagte, dass an diesem Vormittag noch sehr viele weitere Menschen in das Krankenhaus eingeliefert worden waren und dass alle Geschäfte heute geschlossen blieben. Die Stimme des netten Arztes war von tiefem Mitgefühl erfüllt. Ich wollte so schnell wie möglich nach Hause. Die Angst saß mir weiterhin im Nacken und ich wählte die kleinen Nebenwege, die mich parallel zur Hauptstraße nach Hause führten.
An diesem Tag konnte ich nichts einkaufen, ich bin nach diesem beängstigenden Erlebnis mit leeren Händen nach Hause zurückgekommen.
Am nächsten Tag ging ich wieder frühmorgens in die Stadt, um einzukaufen. Das Bild, das sich mir nun bot, war ungewöhnlich. Die Mitte des Platzes war zwar frei, aber vor jedem Geschäft war eine unglaublich lange, doppelte Schlange und vor der Tür des Metzgers, der Molkerei und des Lebensmittelgeschäfts stand jeweils ein Soldat mit einem Gewehr auf der Brust! Die Menschen standen still und ich stellte mich am Ende der Schlange dazu. An diesem Tag konnte ich auch nichts kaufen, weil die Lieferung so knapp gewesen war, dass nur wenige Personen von dem kleinen Angebot Gebrauch machen konnten. Außerdem waren die Regale in allen Geschäften leer! Um etwas Essbares zu bekommen, bin ich dann jeden Tag früher aus dem Haus gegangen. Vor der Molkerei stand ich einmal eineinhalb Stunden in der Schlange und habe nur noch 250 Gramm Quark bekommen, der auch rationiert wurde. Die Milch und der gelbe Käse waren schon ausverkauft. Es gab nichts anderes mehr. Meine 16-jährige Tochter, die glaubte, nicht ohne Fleisch auskommen zu können, hat dann die Initiative ergriffen. Sie hat sich den Wecker am Abend auf 03:00 Uhr
gestellt, ist schlafen gegangen und tatsächlich um 03:00 Uhr aufgestanden, um sich beim Metzger in die Schlange zu stellen. Hier gab es aber auch keine Auswahl; die Lappen, die auf den Haken hingen, waren nur für die Suppe geeignet und die Schlange vor dem Metzger war lang! Ich habe meine Tochter still bewundert, sie fürchtete den Weg zu der frühen Stunde nicht.



Zur Zeit des Bruderkrieges haben meine Schwester und ich uns weiterhin regelmäßig Briefe geschrieben. Sie wollte genau wissen, wie es uns geht, und ich war auch auf ihre neue Heimat neugierig, in der sie seit 1968 lebte. Ihr Mann als Ingenieur hatte damals sofort eine gute Stelle in München bekommen, sie waren beide mit ihren Zukunftsaussichten zufrieden. Toni hat mich in dieser Zeit finanziell unterstützt, vier Mal im Jahr überwies sie mir 150 DM. Ohne ihre finanzielle Hilfe wäre es für uns drei kritisch geworden und mein Herz hätte geblutet, hätte ich meine Töchter in die Fabrik statt auf ein Gymnasium schicken müssen.
Eines Tages, das war schon im Sommer 1982, habe ich von meiner Schwester, die mit ihrem Mann in Urlaub in Italien weilte, eine Postkarte bekommen. Sie haben schon damals einen Wohnwagen gehabt und sind jedes Jahr nach Italien gefahren. Auch dieses Mal waren sie schon dort und warteten auf den Besuch von ihrem Sohn. Dieser hatte Polen mit fünf Jahren verlassen, war inzwischen zwanzig Jahre alt und in München bei der Bundeswehr bei der Radarüberwachung tätig. Er bekam einen Kurzurlaub und wollte ihn mit den Eltern am Meer verbringen. Die Freude darüber wie auch über das schöne Wetter und den sonnigen, sauberen Strand war groß.
Ich freute mich sehr über die guten Nachrichten.



Nachdem ich die Postkarte erhalten hatte, habe ich monatelang nichts mehr von meiner Schwester gehört. Dann, eines Tages, habe ich einen langen Brief erhalten. Dieser brachte aber keine guten, erfreulichen Nachrichten. Er war ausführlich und voller Kummer um den einzigen Sohn. Dieser hat wie geplant seinen Kurzurlaub mit den Eltern am Meer verbracht. Nach dem ersten Bad im Meer zeigte er seiner Mutter seine Achseln, die ihm Sorgen machten. Meine Schwester tastete sie ab und stellte auch fest, dass die Lymphdrüsen verdächtig hart und geschwollen waren. Nach dem zweiten Bad klagte er schon über Schmerzen in den Lymphdrüsen. Als er dann zurück nach München zu seiner Einheit musste, hat er den Eltern versprochen, sich von einem Arzt untersuchen zu lassen. Die Eltern waren aber dermaßen beunruhigt, dass sie sich dazu entschließen, den Urlaub zu unterbrechen. Sie packten ihre Sachen zusammen und fuhren mit dem Wohnwagen auch gleich nach München zurück. Die weitere Nachricht im Brief war erschreckend, sie haben ihren Sohn nämlich auf einer Krebsstation im Krankenhaus im Münchener Stadtteil Schwabing vorgefunden. Die Blutuntersuchungen waren noch nicht abgeschlossen und weder er noch die Eltern ahnten, was da auf sie zukommen würde. Dann kam die schreckliche Diagnose: Leukämie! Ich konnte zwischen den Zeilen dieses Briefes spüren, wie verzweifelt meine Schwester und mein Schwager waren. Dem Sohn ist es nicht anders ergangen. Man verordnete ihm eine Therapie, die nach dem neusten Stand der Wissenschaft zusammengestellt worden war. Sie bestand aus zwei Therapiestufen, den Verlauf steuerte ein Computerprogramm. Nach der ersten Stufe durfte er zur Erholung nach Hause gehen. Toni hat ihren Sohn zu sich genommen, obwohl er damals schon verheiratet war. Als er dann zurück ins Krankenhaus kam, stellte er fest, dass viele Betten nicht mehr belegt waren. Er fragte nach und erfuhr, dass die Zimmergenossen verstorben waren.
In der zweiten Behandlungsphase ist es ihm von einem Tag auf den anderen immer schlechter ergangen. Als er dann so schwach wurde, dass er nicht mal mehr die Treppe hinaufsteigen konnte, leistete er Widerstand und verweigerte die beiden letzten Spritzen. Die Ärzte standen um sein Bett herum und wollten ihm klar machen, dass eine weitere Therapie nötig sei. Aber Tonis Sohn blieb bei seiner Entscheidung, die ihm letztendlich das Leben gerettet hat. Bei seiner Entlassung aus dem Krankenhaus konnte er nichts mehr essen, selbst Kamillentee hat er ausgespuckt. Seine Organe versagten und als Nebenwirkung der „Therapie“ bekam er eine schwere Hepatitis. Er war physisch und psychisch am Ende seiner Kräfte. Bei seiner Entlassung war sein Zustand mehr als Besorgnis erregend und er wurde als schwieriger Patient abgestempelt. Nach ärztlicheer Diagnose war die Überlebenszeit nur noch sechs bis sieben Monate. Diese Prognose hatte man im Beisein der Eltern und seiner Frau ausgesprochen. Letztere, hat ihn anschließend verlassen und die Scheidung eingereicht mit der Begründung, dass sie nicht mit einer lebenden Leiche leben will.
Der Inhalt dieses Briefes war für mich erschreckend. Mein Neffe tat mir wahnsinnig leid. In meiner Erinnerung als Fünfjährigen war er immer gut gelaunt und zufrieden und ohne jede kleinste Forderung an das Leben.
Danach hofften die Eltern, dass ihr Sohn in der Natur neue Lebenskraft erfahren möge. Erst haben sie sich alleine auf die Suche gemacht, um einen Stellplatz für ihren Wohnwagen zu finden. An vielen Orten haben sie nachgefragt, aber keinen gefunden. Als sie dann bei dem letzten Campingplatzbesitzer auch keinen Platz gefunden haben, wollten sie schon aufgeben und zurückfahren. Der Wirt war aber ein empathischer Mensch und merkte, dass die beiden traurig waren, was nicht typisch für Urlauber war. Er fragte nach, was der Grund dafür sei. Meine Schwester war schon am Gehen, da drehte sie sich nochmal um und sagte, dass sie ihren todkranken Sohn nur noch an die frische Luft bringen wollten. Der Wirt hakte nach und wollte wissen, um welche Krankheit es sich handelte. Daraufhin antwortete Toni, dass ihr Sohn Leukämie hat. Der Wirt lachte plötzlich und sagte: „Ja wenn es weiter nichts ist. Das hat meine Frau auch gehabt.“ Meine Schwester reagierte ganz verwirrt! Wie getrieben fragte sie nach und erkundigte sich, wie es der Frau des Wirtes ging und ob sie noch am Leben sei. Der Wirt lachte wieder und antwortete: „Ja, freilich, sie lebt!“ Somit kam meine Schwester mit dem Wirt ins Gespräch und erfuhr, dass seine Frau vor fünfzehn Jahren auch an Leukämie erkrankt war. Im weiteren Verlauf des Gesprächs hat meine Schwester die ganze Krankengeschichte erfahren, den erfolglosen Weg von Arzt zu Arzt, bis sie dann endlich unerwartet von einem Heilpraktiker geheilt worden war. Meine Schwester war wie elektrisiert und bat den Wirt um die Adresse des Heilers. Er holte einen Zettel und einen Kugelschreiber und schrieb die Adresse und die Telefonnummer des Heilers auf. Der Name war Pater Ober. Die Eltern sind mit ihrem kranken Sohn sofort und ohne Termin zu Pater Ober nach Aschau gefahren. Er brauchte nicht zu warten, Pater Ober hat sich wegen seines elenden Zustands sofort seiner angenommen.
Kornelius war so geschwächt, niedergeschlagen und verzweifelt, dass er anfangs nicht bei der Therapie mitmachen wollte. Pater Ober wandte eine Blutwäsche mit Ozon an und verordnete lange Spaziergänge tagsüber. Dabei sollte er fünf Liter Tee trinken. Er sagte ihm auch klipp und klar, dass er mitmachen müsse, sonst könne er ihm nicht helfen. Meine Schwester war diszipliniert und konsequent, er musste mitgehen. Sie sprach ihm unterwegs ständig Mut und Zuversicht zu. Es war schließlich ein Kampf um sein Leben! Toni gab nicht auf und der Kampf um sein Leben ging jeden Tag weiter. Meine Schwester war viel kleiner als ihr Sohn, sie war zart gebaut, dabei hat sie aber die fünf Liter Tee für die fünf Stunden Bewegung im Rucksack mit sich getragen. Das war eine sehr schwere Zeit für die beiden. Die Blutwäsche mit Ozon hat nur vier Wochen gedauert! Danach durfte er nach Hause fahren. Die weitere Behandlung des Paters hat noch volle zwei Jahre gedauert. Diese sowie die Überwachung erfolgten durch Ferndiagnose und Fernbehandlung. Die nötigen Medikamente, die Naturheilmittel, die der Pater ihm verordnet hatte, schickte ihm die Schloß-Apotheke Aschau nach München.
Die Geschichte der Heilung, die ich durch die Briefe meiner Schwester erfahren durfte, faszinierte mich. Die unglaubliche Heilung meines Neffen hat mich innerlich lange Zeit beschäftigt. Ich wollte alles darüber wissen und fragte mich, warum diese Art der Heilung den Ärzten nicht bekannt war. Warum müssen so viele an Leukämie sterben, wenn schon eine gezielte Methode erfolgversprechend ist? Warum fehlt an den Universitäten das Fach Naturheilkunde im Lehrplan? Die volle Genesung meines Neffen war für mich wie ein Wunder. Ich empfand dabei eine große Hochachtung und Respekt diesem fremden Heiler aus Bayern gegenüber.
In den nächsten Briefen meiner Schwester habe ich ihre weiteren Bemühungen erfahren. Da die Behandlung von Pater Ober teuer war, haben die Eltern versucht, von der Techniker-Krankenkasse eine Rückerstattung zu bekommen – vergeblich. Auch das Gerichtsverfahren hat nichts genutzt, weil die Heilerfolge der Heilpraktiker damals – wie auch heute noch – in Deutschland nicht anerkannt waren!
Nachdem Tonis Sohn aus dem Krankenhaus entlassen worden war, hat man seine Unterlagen aus dem Krankenhaus an seinen Hausarzt geschickt. Nach zwei Jahren, völlig geheilt, besuchte er wegen eines Attests seinen Hausarzt Dr. med. Tietz. Als dieser ihn erblickte, sagte er staunend: „Sie leben? Wer hat Sie geheilt?“ Er kannte Pater Ober und sagte:
„Ah ja! Den kenne ich, der kann was! Ich habe schon viel über seine Heilerfolge gehört.“ Dr. Tietz untersuchte Tonis Sohn gründlich und konnte seine volle Genesung nur bestätigen. Auch nach fünf Jahren und einer weiteren Untersuchung zeigten sich keinerlei Spuren der früheren Krankheit. Eine Ärztin aus dem Krankenhaus in Schwabing, aus dem er damals entlassen worden war, hat sich bei meiner Schwester noch ein Jahr lang telefonisch gemeldet und den Heilungsverlauf verfolgt. Weil die Eltern für das Gerichtsverfahren und die damit verbundene Kostenerstattung einen Nachweis brauchten, der den Krankheitsverlauf wiedergab, hat Dr. Tietz dieses Dokument für sie geschrieben. Auf den folgenden Seiten ist dieses abgedruckt und beweist den Heilerfolg.
Nach der Gerichtsverhandlung betonte der Richter, dass er nach geltendem Recht keinen positiven Bescheid geben kann, er bat sie aber, den Fall zu publizieren oder an den Bund zu schicken, damit das Gesetz geändert würde. Auch der Krankenkassenvertreter war dieser Meinung und bedauerte, dass die Kosten nicht übernommen werden konnten.



Nachdem die polnische Regierung dem eigenem Volk den Krieg erklärt hatte, folgten schwere Jahre für alle. Die leeren Geschäfte, der Mangel an Nahrungsmitteln und die plötzliche Stagnation machten den Menschen schwer zu schaffen. Jeder Tag fing für mich mit der Sorge an, ob ich heute nach langem Stehen in der Schlange noch etwas bekommen würde, ob die Lieferung auch für mich reichen oder ob ich wieder mit leeren Händen nach Hause kommen würde. Es war ein Kampf ums nackte Überleben!



Meine ältere Tochter hat vier Jahre nach dem Abitur ihren Schulkollegen aus dem Gymnasium geheiratet und ist 1984 aus der kleinen Wohnung in Laziska ausgezogen. Sie ist in das Familienhaus der Schwiegereltern nach Mikolow gekommen, ihre kleine Wohnung haben wir aber nicht aufgegeben. Meine jüngere Tochter und ich, wohnten jetzt 10 Minuten Fußweg von meiner älteren Tochter entfernt. Das war schön und beruhigend zugleich.
Der Schwiegervater meiner älteren Tochter war ein angesehener Chirurg in der Stadt Mikolow, er leistete dreitägige, ununterbrochene Dienste auf der Grube „Boleslaw Smialy“ und hatte einen sehr guten Ruf in der Stadt. Es war bekannt, dass er keine Schmiergelder von den Bergmännern annahm und er war auch der einzige Arzt in der Stadt, der kein Auto besaß. Ich mochte diesen bescheidenen Menschen, der Ruhe und Würde ausstrahlte.



Im Jahre 1981 war meine jüngere Tochter mit dem Gymnasium fertig und wollte studieren. Ihr Ziel war es, Tierärztin zu werden. Sie war für den Beruf wie geschaffen, sie liebte Tiere über alles. Als sie ganz klein war, fing sie an, alles Mögliche mit nach Hause zu bringen. Es hatte mit einem Regenwurm begonnen, den sie in ihrer Hosentasche transportierte, als sie 2,5 Jahre alt war. Dann folgten Hamster, Meerschweinchen, Katzen und kranke Hunde, die sie in der Umgebung „aufgegabelt“ hatte.
Zu dieser Zeit gab es in Polen zwei Tierarztschulen, eine davon befand sich in der Stadt Olsztyn. Diese Lehranstalt hatte nur vierzig Plätze frei. Meine Tochter ist gleich nach dem Abitur nach Olsztyn gefahren, um sich dort zu bewerben. Bevorzugt wurden aber junge Männer, die vor dem Militärdienst standen, und es haben sich vierhundert Menschen auf die vierzig Plätze beworben, somit hatte sie keine Chance, dort angenommen zu werden. Sie ist sehr enttäuscht und traurig zurück nach Hause gekommen. Meine Tochter, die in ihrer Kindheit und Jugendzeit in Ruhe, ohne Zwänge und in voller Freiheit aufwachsen konnte, hatte sich zu einer ehrgeizigen, disziplinierten und starken Persönlichkeit entwickelt. Sie wusste, was sie wollte, und ergriff immer die Initiative. Auch dieses Mal, kaum nach der langen Reise zu Hause angekommen, ließ sie sich nicht hängen. Kaum ausgeschlafen, fuhr sie am nächsten Tag nach Tychy in die Kreisbildungsabteilung, um sich beraten zu lassen. Dort bot man ihr an, in einer Dorfschule zu unterrichten. Sie nahm sogleich an.



Am 01. September, zu Beginn des Schuljahres, ist meine Tochter um 7:05 Uhr von der Bushaltestelle vor unserem Haus mit großer Neugier in das weit entfernte Dorf gefahren, um die neue Herausforderung anzunehmen. Jetzt durfte sie den Bus in der Früh nicht verpassen, es gab nämlich keinen anderen, der um diese Zeit in diese Richtung fuhr. Die Arbeit mit den Kindern gefiel ihr und machte sogar Spaß. Sie hat sich jeden Tag nach der Arbeit gleich nach dem Mittagsessen an den Arbeitsplatz in ihrem Zimmer hingesetzt, um sich für den nächsten Schultag vorzubereiten. Zum ersten Mal in ihrem jungen Leben wurde sie mit verwahrlosten und armen Dorfkindern konfrontiert. Sie fing an, sich für jedes Kind, das zu Hause dringend Hilfe brauchte, zu interessieren und einzusetzen. Ihr Mitgefühl war dermaßen groß, dass sie anfing, die einzelnen Kinder nach dem Unterricht nach Hause zu begleiten, um mit den Eltern zu sprechen. Sie war einfach mit Leib und Seele dabei.
Nach ihrem 19. Geburtstag im März ist meine Tochter eines Tages mit einem zehnjährigen Jungen aus der Schule nach Hause gekommen und bat mich um Hilfe: „Mutti“, sagte sie, „hilfst du mir? Christian kann noch nicht richtig lesen und schreiben und zu Hause bekommt er keine Hilfe. Die Mutter ist mit den vielen Kindern überfordert und der Vater sitzt jeden Abend in der Kneipe. Ich möchte ihm helfen, damit er nicht sitzen bleibt, aber dafür brauche ich deine Hilfe. Darf er bis zum Schuljahresende bei uns bleiben?“ Natürlich durfte er das.
Ab diesem Zeitpunkt habe ich mich mit dem Bub jeden Tag nach der Schule am Küchentisch hingesetzt, um mit ihm zu lernen. Schon am ersten Tag habe ich festgestellt, dass das Kind das Alphabet nicht beherrschte! Also fingen wir damit an. Nach eine Weile machten wir eine Pause, er durfte zu den Kindern in den Hof gehen. Er bekam meine Armbanduhr an die Hand und musste pünktlich nach einer Stunde zurückkommen, dann ging es mit den Schulaufgaben weiter. Er gehorchte und beklagte sich nicht. Er lernte sogar gerne. Dann erfuhr ich, dass er zu Hause das älteste Kind und für den Stall verantwortlich war, den er jeden Tag alleine ausmisten musste. Ich badete ihn jeden Tag, trotzdem ist der Stallgestank nicht abgegangen, so tief saß er in der Haut. Die Zeit bis Ende Juni zum Schuljahresende war knapp, aber Christian lernte gerne und machte Fortschritte. Trotzdem war es unmöglich, alle Versäumnisse der letzten Jahre nachzuholen. In dieser Zeit haben wir an einem Sonntag einen unerwarteten Besuch von seiner Mutter bekommen. Sie kam mit einem kleinen Mädchen, der jüngsten Schwester von Christian. Sie war gekommen, um Christian nach Hause zu holen. Meine Tochter und ich hielten uns zurück und mischten uns in das Gespräch zwischen Mutter und Sohn nicht ein. Wir ahnten, warum Christian zu Hause gebraucht wurde, nämlich für den Stall. Er wollte aber nicht mitgehen. Er ist im Lehnstuhl zusammengeschrumpft und weigerte sich zu gehen. Er schaute die Mutter dabei nicht an und schwieg. Dann machte das Kind doch den Mund auf und sagte fest, dass er am liebsten für immer bei seiner Lehrerin bleiben möchte. Die Mutter hat nichts erreicht und musste mit dem kleinem Mädchen in das Dorf zurückfahren. Sie hinterließ in unserem Wohnzimmer den Geruch des Stalles. Meine Tochter sagte später entschuldigend, dass die Familie zu Hause kein Bad hätte und dass sie auf einem Hocker in der Küche nur eine große Schüssel stehen gesehen hatte. Im Endeffekt wurde Christian für seine Bemühungen belohnt und durfte in die nächste Klasse übertreten.

Format: 18 x 24,5 cm
Seitenanzahl: 394
ISBN: 978-3-95840-840-1
Erscheinungsdatum: 06.02.2020
EUR 27,90
EUR 16,99

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