Geschichte & Biografie

All that Jazz

Gertrud Zechbauer

All that Jazz

Bewusstsein und Entwicklung

Leseprobe:

Vorbemerkung

Ich habe mich im Leben sowohl um Theorie bemüht, als mich auch in praktische Erfahrung begeben. Mein Weg beginnt in der Mitte des letzten Jahrhunderts und geht bis heute – die folgenden Zeilen beschreiben diesen Weg.
Mein Weg geht nicht linear. Viele Einflüsse, die mich bewegt haben, die mein Denken beeinflusst und verändert haben haben. Markante Wendepunkte waren z. B. mein Studium, diese Zeit war geprägt durch die Studentenbewegung, wo viele Grundsätze, die in meiner Kindheit und Jugend ganz selbstverständlich waren, hinterfragt wurden. Danach die Geburt meines Sohnes, was wiederum verlangt hat, völlig andere Kräfte zu entwickeln …
Ich finde es für uns heute, die wir an der Schnittstelle zu einer neuen Kultur stehen, tatsächlich notwendig, uns im Denken neu zu orientieren. Für mich kam zuletzt neues Denken ins Leben, als ich mich auf Prozessarbeit eingelassen habe. Prozessarbeit versucht, alle Phänomene, die ich erst nur im Außen sehe, in mir selbst zu entdecken. Zum anderen, ist sie vor allem auf die Zukunft ausgerichtet u nicht so sehr auf die Vergangenheit, d. h. Störungen werden als Vorboten für zukünftige Entwicklungen gesehen. Sie verbindet östliches mit westlichem Denken und lässt sich auch auf das schamanistische Weltbild ein. Sowohl die Wissenschaft wie andere Denkrichtungen bekommen einen Platz. Mit ihrem Konzept der tiefen Demokratie praktiziert sie eine neue Form von Konfliktlösung, in der jede Stimme gehört wird. In ihrer Arbeit berücksichtigt sie den Körper, die Stimmungen und das Denken.
Danach hat mich Ken Wilber sehr beeinflusst mit seinen Stufen der Entwicklung. Ist es die Wahrheit, wie er sagt, dass diese Stufen hierarchisch sind, oder wie Mindell sagt, dass alle Bewusstseinsformen gleichberechtigt nebeneinander bestehen sollen? Handelt es sich bei den verschiedenen Anschauungsformen um parallele Welten? Oder ist es mehr eine „Leiter“, die wir erklimmen? Ich weiß es nicht und ich entscheide es nicht. Ich habe nur erfahren, dass ich mich selbst in meinem Leben schon in verschieden Wertsystemen aufgehalten habe.
Interessant ist es für mich auf alle Fälle zu beobachten, dass erst auf der pluralistischen und danach der integralen Stufe alle anderen Stufen einbezogen werden können und nicht mehr ausgeschlossen werden wie auf den Stufen, die entwicklungsgeschichtlich zuvor erfahren werden. Das sind: die archaische, die mythische und die rationale Stufe.
Ich möchte hier einen Weg beschreiben. Ein wenig die Erfahrungen fühlbar machen, die geschehen, wenn man sich an Grenzen befindet. Die jeweilige Entwicklungsstufe bestimmt, was als „richtig“ und „falsch“ gültig ist. Also niemals ist etwas absolut gültig Auf jeder Stufe geschieht eine Neuorientierung. Ich möchte beschreiben, dass es für jeden Einzelnen von uns nicht leicht ist, alte Glaubensmuster zu verabschieden und sich auf einer anderen Stufe neu zu orientieren. Und dann fällt es nicht leicht, wenn wir in unserem Alltag verschiedene Wertvorstellungen nebeneinander vorfinden. Es bleibt uns aber heute fast nichts Anderes übrig, als uns damit irgendwie auseinanderzusetzen. Ich sehe überall, dass wir kollektiv mit der pluralistischen Sicht der Dinge ringen, die tatsächlich nicht einfach ist. Neue Formen in Beziehungen, verschiedene Glaubensbekenntnisse nebeneinander, diverse Kulturen, eine Technologie, die rasante Neuerungen bringt, und anderes mehr.
Diese vielen Veränderungen haben dazu geführt, dass ich heute das Leben als ständige Veränderung, als Fluss begreife, und nicht als etwas Statisches, wo die Annahme besteht, dass Entwicklung irgendwann ein Ende hat.



Ich schreibe meine Geschichten in den Himmel

ich lasse mein Wesen tanzen im Wind

Ich bin eine Närrin, eine Königin, ein Kind
Ich spüre die Fesseln der Erde
die Dornen des Leidens, die Wüste, den Dschungel
und tief aus der Erde steigt eine Flamme
daneben ein Fluss, zu Eis erstarrt

Ganz tief kommt ein Lachen, das alles zerbirst
wie weißer Nebel steigt auf die Sehnsucht
der leise Traum

in ein Sinnbild soll man sie fassen
des Lebens viele Widersinne
Tanz! ist die Antwort, tanze
verlier den Verstand
Sei eine Närrin, eine Königin, ein Kind!

ein anderer Tag, eine andere Nacht
ich gehe den Weg gerade
ich bin eine Frau, ich trage die Last
das Lied ganz gedämpft und dennoch ist es gut
kein Tanz jetzt, nur gehen.

Viele Farben bietet das Leben mir an. Ich will nicht nur eine wählen. Alle sind wichtig und gut. Zusammen weben sie das Muster meines Lebens.
Ich bin –
Eine Närrin, die sich immer weit hinausgelehnt hat, gesagt hat, was Andere sich nur denken, die Gefühle genommen hat und sie ausgedrückt hat.
Eine Königin, die darauf beharrt, in ihrem Reich selbst zu herrschen, was nicht heißt, dass sie nicht bedenkt, was sie von Anderen hört und sieht. Hören und hin fühlen und dann die eigene Entscheidung treffen.
Ein Kind, das immer wieder offen und naiv sich in neue Welten begeben hat, manchmal hingefallen ist dabei, sich die Knie aufgeschürft hat, aber wieder aufgestanden ist und neugierig war.
Und dann die Frau, die den Alltag gelebt hat, dafür gesorgt hat, dass die Basis funktioniert hat. Nüchtern, sachlich.
Mit den Widersprüchen des Lebens tanzen, und gehen, um den Notwendigkeiten zu entsprechen.



Unsicherheit

Alles, was ich schreibe, schreibe ich erst mal „frisch von der Leber weg“.
Sobald es geschrieben ist, kommen andere Gedanken und Gefühle. Es kann auch ganz anders sein. Es kann auch ganz anders gesehen werden. Warum traue ich mich das zu behaupten?
Und dann denke ich an Andere. Ich weiß schon, dass die meisten es anders sehen werden. Das alles macht Unsicherheit in mir. Ist es klug, das zu schrieben, ist es von Nutzen, sich so weit zu öffnen?
Unsicherheit begleitet mich also die meiste Zeit, wenn ich schreibe.
Zu wissen, alles schillert, alles kann man auch anders sehen. Auch zu wissen, dass wir Menschen von Irrtum zu Irrtum gehen, nicht von Wahrheit zu Wahrheit. Immer neue Aspekte tauchen auf. Immer etwas, das man nicht berücksichtigt hat. Alles bleibt unvollkommen. Die eigene Begrenztheit anerkennen. Oje, das ist es nicht, was ich gern will.
Manchmal verleitet es mich dazu, alles aufzugeben. Ja, willst du das eigentlich? Ist das, was du zu sagen hast, von Bedeutung? Du wirst zerpflückt werden.
Ich erfahre verschiedene Dinge in diesem Bereich: Einmal, dass ich davon nichts mit Sicherheit weiß, wenn ich Glück habe, ist es für manche sinnvoll, das zu lesen, bringt im besten Fall neue Möglichkeiten zu denken. Auch wenn ich kritisiert werde, dann setzt sich jemand mit diesem Text auseinander. Das ist schon viel.
Und nein: Es kommt eine ganz neue Kultur. Es kommen ganz neue Kommunikationsmuster, mit denen kann ich nicht mehr mithalten. Aber auch das Denken, das ich hier anbiete, folgt neuen Gesetzen, will zu neuen Ufern des Bewusstseins kommen.
Mit all diesen Gedanken und gemischten Gefühlen glaube ich wirklich, dass wir eine neue, gute Kultur brauchen, wenn ich mir all die Veränderungen, krisenhaften Baustellen überall, anschaue. Dazu werden wir lernen müssen mit verschiedenen Meinungen umzugehen, wir werden lernen müssen, dass niemand ein „Windfähnchen“ ist, der während eines Gesprächs die Meinung ändert. Ich werde entdecken, dass all die verschiedenen Positionen in mir selbst zu finden sind, wenn ich mir die Mühe mache, mich wirklich zu erforschen. Kommunikation ist auch deshalb wichtig, damit wir der Veränderung, die geschieht, folgen können. Das bedeutet immer ein wenig Verschiebung. Niemand sagt, dass das nicht erschreckend sein kann.
Will ich das wirklich, werde ich Unsicherheit wohl oder übel in Kauf nehmen müssen. Die Frage ist eher: Was geschieht, wenn ich diesen Veränderungen nicht folge? Sie geschehen ja, ob ich will oder nicht.
Im ersten Moment des Geschehens bin ich auch immer sofort da, wo ich meine Anschauung verteidigen will, da, wo ich das Andere wegschieben will. Aber „mein Beton“ ist schon brüchig. Gott sei Dank! Und andere Meinungen sind weniger ein Angriff als etwas, das ich bedenken sollte. Es braucht Übung, die Dinge nicht persönlich zu nehmen.
Im Inneren greift dieser Prozess den Selbstwert an. Ist jemand selbstsicher, geht die Öffnung leichter. Ist jemand ohnehin verfangen in einem Minderwertigkeitsgefühl, ist es möglich, dass, wenn man nicht die Meinung dieses Menschen bestätigt, dieser sich ganz im Eck fühlt oder aggressiv wird.
Ich selbst habe oft ganz stark meine Position vertreten müssen, weil ich mich allein damit gefühlt habe. Ich gehörte weder zur Wissenschaftsgesellschaft noch zur Esoterik. Ich habe studiert und ich habe mich mit Esoterik auseinandergesetzt. In beiden Gutes gefunden. Es gibt allerdings selten Menschen, die beides machen.
Prozessarbeit nach Arnold Mindell geht einen fundierten wissenschaftlichen Weg und inkludiert aber auch esoterisches Gedankengut, indem es das „TAO“ zu einer Grundlage dieser Richtung macht.
Sehr oft habe ich den Vorwurf gehört: „Du bist so rational!“, und sehr oft den Vorwurf: „Du bist so emotional!“ Beides stimmt wohl. Nur habe ich mir lange Zeit Unsicherheit nicht leisten können.
Zum einen bin ich begeistert von Prozessarbeit. Jedes Mal, wenn ich in einem Seminar gesessen bin, habe ich mich persönlich angesprochen gefühlt. Es hat fast immer etwas tief in mir Verborgenes angesprochen. Das konnte ich nicht einfach nur zur Seite schieben. Zum anderen war ich am Lernen, selbst noch nicht sicher in diesem Denken, das mich weit über mein bisheriges Denken hinausgetragen hat. Und ich ging diesen Weg allein. In dieser Situation war ich dann oft nicht mehr offen für anderes Denken.
Ich wollte das neue Denken umsetzen, aber viele, die mir begegnet sind, wollten mich zurückziehen in herkömmliches Denken. Andere gingen ganz im esoterischen Denken auf, das mir oft allzu spekulativ war. Es waren Situationen, die mich überfordert haben. Alle wollten bestätigt werden, jeder glaubte, im Recht zu sein. Und wir wussten nicht, dass man manches einfach nur nebeneinanderstehen lassen kann, dass es nicht immer ums Rechthaben geht. Von diesen vielen Auseinandersetzungen her weiß ich wohl, dass es eine Herausforderung ist, sich für das Fremde zu öffnen. Auf das „Rechthaben“ zu verzichten, ist ein schwieriger erster Schritt. Das ist der Punkt, wo ich dann ein wenig „im Nebel“ stehe.
Oft ist es für mich schwierig, das Andere zu bedenken, dann, wenn ich mich vereinnahmt fühle, wenn ich merke, dass mein Gegenüber meine Position nicht bedenken will. Im einseitigen Prozess fühle ich mich zur Seite geschoben. Einzufordern, dass auch ich gehört werde, war schon öfter eine nicht zu bewältigende Aufgabe. Manchmal habe ich es laut gefordert, wo ich in diesem Moment schon Unrecht bekommen habe, manchmal bin ich gegangen. Beides ist sehr unbefriedigend.

Obwohl es Meinungsfreiheit gibt, habe ich erlebt, dass in den einzelnen Gruppen, die sich bilden, jeweils streng eine Meinung vertreten wird. Stimme ich dieser nicht zu, werde ich ausgestoßen. Ich habe überall großen Gruppendruck gefunden. Diesen aufzulösen, wäre eine Aufgabe, die zu einer neuen Kultur des Austausches führen könnte. Der Weg dahin geht sicher nur, wenn ich mich der Unsicherheit stelle, die so etwas mit sich bringt.
Jetzt im rationalen Zeitalter versuchen wir, abgesichertes Wissen zu erlangen. Wobei sich die Wissenschaft der Relativität alles Wissens bewusst ist. In vielen Fragen finde ich es gut, wenn ich Klarheit bekomme. Rationale Wissenschaft hat in ihren Versuchsanordnungen und Beweiserbringungen die Gefühle ausgeschlossen. Gefühle sind ja tatsächlich ein schwieriges Gebiet und haben in wissenschaftlichen Versuchsanordnungen keinen Platz. Ich kann verstehen, dass das in manchen Fällen nötig ist. Dennoch glaube ich, dass wir hier mehr differenzieren sollten und den Gefühlen mehr Raum lassen sollten … Die Esoterik wiederum betont vor allem die Intuition und die „positiven“ Gefühle. Dass sowohl schwierige Gefühle, wie auch das Denken weitgehend ausgeschlossen werden, stört mich.
Wir mussten uns im Lauf der Evolution einmal auf unser materielles Wohlergehen, dann wieder auf das innere Leben konzentrieren. Für Nahrung und Unterkunft auch im Winter mussten wir mit der Natur als Geberin, aber auch als Gegnerin ringen. Da ging es rein ums materielle Überleben. Wenn das gesichert war, kamen andere Bedürfnisse, die uns drängten, etwas über uns und unsere Beziehung zur Innenwelt zu erkunden. Das eröffnete uns das, was wir als Seele bezeichnen. Im Laufe der Menschheitsgeschichte und auch der individuellen Geschichte wogt das hin und her. Ich habe diese Integration der verschiedenen Dimensionen des Menschseins ist, durchaus als herausfordernd erlebt. Immer wieder hatte ich mit i verschiedenen Stimmen in mir, die oft sehr entgegengesetzter Meinung sind, zu verhandeln.
Ich finde mich mit diesem Ringen nicht allein. Für das „Sowohl-als-auch“ wird in unserer Zeit gerungen. Immer wieder lese ich darüber Artikel. Schulmedizin und Alternativmedizin. Ich halte das Prüfen der Blutwerte und das Hinschauen auf die seelischen Prozesse eines Problems für gleich wichtig. Und die Menschen wollen das auch.
Ich kann und will nicht entscheiden, ob es rein körperliche Probleme gibt ohne seelischen Anteil. Ich will auch nicht entscheiden, ob die psychischen Probleme immer der Auslöser sind für körperliches Geschehen. Bei mir selber habe ich immer Zusammenhänge gefunden. Das kann und will ich aber nicht generalisieren.
Überall ein wenig mit Unsicherheit gehen und diese aushalten, würde uns zu neuen Ufern bringen.
Wenn wir bedenken, dass wir in eine unbekannte Zukunft gehen, ist Unsicherheit ein guter Begleiter. Ich werde langsamer gehen, wenn ich unsicher bin. Ich werde meine Wahrnehmung mehr öffnen, und ich werde auch mich selber besser fühlen, besser wahrnehmen, was in mir ist. Bin ich mir allzu sicher, vergesse ich diese Dinge oft. Ich nehme nicht mehr richtig wahr, weder innen, noch außen, und bleibe in meinen Gedanken hängen.
Ich sage nicht, dass es angenehm ist oder leicht, diese Unsicherheit zu leben und da sein zu lassen. Aber allein, wenn ich diese Texte schreibe, werde ich mir zunehmend der Relativität all dessen, was ich sage, bewusst. Immer wenn ich mit Menschen über Unsicherheit spreche, merke ich, dass sie erleichtert sind, dass andere das auch kennen. Wir bleiben mit so vielen schwierigen Gefühlen allein, weil wir sie nicht zugeben wollen, weil wir uns ihrer schämen. Und doch sind sie menschlich. Und wie ich glaube, brauchen wir sie. Immer wieder in meinem Leben bin ich hinausgegangen mit großer Unsicherheit. Ich bin im Zug gesessen und war völlig im Zweifel, ob das „jetzt gescheit“ ist, allein nach Zürich zu einem Seminar zu fahren. Es hat mir den neuen Weg geöffnet. Ich bin im Flugzeug gesessen und war total unsicher, ob diese Reise notwendig war. Und mein Horizont wurde erweitert. Immer wieder sind „Ja“ und „Nein“ in mir zusammengestoßen. Wenn ich mich entscheiden konnte, mich mit der Unsicherheit in neue Bereiche vorzuwagen, war es immer ein Gewinn für mich.
Und ich kann immer alles anders machen, als ich es mache oder gemacht habe. Wenn wir die Unsicherheit als großen Faktor anerkennen, können wir aufhören, uns zu kritisieren für unsere Entscheidungen (wie es so oft geschieht), und anfangen, uns zu fragen: „Wem oder was folge ich?“, „Was beeinflusst meine Entscheidungen?“, und dadurch bewusster werden. Und ich kann dann auch aufhören damit, dass Dinge nur in einer bestimmten Art und Weise richtig sind oder richtiggemacht werden. Es gibt für alles mehrere Varianten. Es ist gut, mich manchmal für die Sicherheit zu entscheiden, ein andermal wieder ein Risiko in Kauf zu nehmen.
Wie sollte der Mensch je, ohne sich der Unsicherheit ausgeliefert zu haben, neue Welten entdeckt, neue Entwicklungen gemacht haben?

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 166
ISBN: 978-3-99048-695-5
Erscheinungsdatum: 29.11.2016
EUR 17,90
EUR 10,99

Empfehlungen zum Muttertag