Abenteuer unter dem Himmel
44 Schlüsselerlebnisse
EUR 20,90
Format: 17 x 22 cm
Seitenanzahl: 118
ISBN: 978-3-7116-1504-6
Erscheinungsdatum: 10.08.2026
Nein, keine abenteuerlichen Fliegergeschichten!Der Autor berichtet von Schlüsselerlebnissen, die er – wohl dank höherer Führung – erlebt und überstanden hat, begleitet von einem Engel, der letzten Endes alles gut ausgehen ließ.
Die kurvende Nadel
Als zweites von vier Kindern war ich, gerade über drei Jahre alt. Meine viel beanspruchten Eltern erlaubten sich, wie einst vor ihrer Hochzeit, nochmals eine glückselige Reise, diesmal Paris zu erleben. Sie fanden zur Betreuung von uns vier Kleinen eine liebenswürdige pensionierte Krankenschwester – Berta hiess sie.
Da – ich erinnere mich – bekam ich Husten und offenbar auch Fieber. „Wer ist denn euer Arzt?“ wollte Berta wissen. „Oder welchen Arzt soll ich anrufen?“ – „Klar doch, mein Götti, Onkel Max in Wollishofen (schräg gegenüber am Zürichsee)“ antwortete ich treuherzig, obwohl ich mich eigentlich gar nicht so krank fühlte. Mein Pate erschien von schräg gegenüber des Zürichsees binnen weniger Stunden mit seinem stets liebevollen Lächeln. Er klopfte und hörte mir den Rücken ab und gleich darauf – als Überraschung – führte er mich zu seiner vornehmen, gepflegten, hellgrauen Limousine und los ging’s. Wohin? – Direkt ins Zürcher Universitäts-Kinderspital.
Dort fand ich mich wieder auf einer Liege, liebevoll gebettet in einer hell beleuchteten Kammer, rundum nur weisse Wände und ich wurde umsorgt von unzähligen ebenso leuchtenden „Weissmänteln“, die sich um meine aufgebarte Liege scharten und sich intensiv um mich kümmerten.
Daraufhin entdeckten meine hilflos suchenden Kleinkinder-Augen aus meiner mich umklammernden Enge plötzlich eine sich öffnende Türspalte rechts hinter meinen Füssen. Eine lange dünne Nadel spross dort hervor, daraufhin ein dicker Spritzen-Kolben umklammert von zwei verkrampften altersfleckigen, runzeligen Händen und es folgte – ich sehe es noch ganz genau – das mürrische Gesicht einer grauhaarigen Hexe. Und diese lange Nadel nahm gefolgt von diesem Gesicht mit Hakennase zielbewusst eine Kurve direkt auf mich zu.
Alles klar für meine einfache Kinderseele! Ich schrie auf, schrie und schrie. Die zahllosen kräftigen „Weissmantel-Hände“ packten mich und hielten mich fest und es geschah, was offenbar geschehen musste.
Dann erst erinnere ich mich wieder an mein Kinder-Spitalbettchen. – es waren immer nur zwei nebeneinander aber ich sehe noch eine fast unendlich lange Reihe solcher durch grosse Glaswände getrennter Kinderabteilen und sehe noch wie beim morgendlichen Erwachen oder eher Aufgeweckt-werden zunächst in weiter Ferne die erste Zimmerhelle aufleuchtete. Diese kam schrittweise immer näher und näher, bis es auch bei mir – „päng“ – blendend hell wurde. Das Ganze bedeutete wohl eine ideale Sichtverbindung zur leichteren Überwachung der Betten durch die Pflegeschwestern!
Offensichtlich erreichte dann eine Meldung von meinem Schreckensereignis selbst den damaligen renommierten Chefarzt des Zürcher „Kispi“, Professor Fanconi, denn in der Folge wurde mir immer ein und dieselbe mütterlich-liebevolle Kinderschwester morgens und abends zugeteilt, um mir über ganze drei Wochen ihre dicke Penicillin-Spritze zu verabreichen. Aber ich durfte jedes Mal wählen, in welchen meiner Oberschenkel die Nadel soll.
Nun, es handelte sich wohl um das allererste existierende Penicillin überhaupt und bei aller manchmal berechtigten Kritik am leichtfertigen Einsatz der Antibiotika muss oder darf ich sagen: „Das erste Penicillin hat mir das Leben gerettet und das meiner drei Töchter ermöglicht“.
Der rasende Holzstrunk
Zwei mächtige Scheitstöcke, aus deren Rissen und urchiger Rinde Harz duftete – wohl einst von einer der vielen stämmigen zum Himmel hinaufragenden dunklen Tannen daneben übriggeblieben – warteten geduldig neben einem wuchtigen Beil aus bläulich angelaufenem Stahl vor dem Kellereingang unter der Terrasse unseres Braunwalder Ferien-Chalets. Sie warteten jeden Tag darauf, dass Vater oder Onkel mit kräftigen Händen von ihnen mit Knall und Donner Gebrauch machen!
Ich bewunderte sie immer wieder, die beiden klobig-runden Giganten – als 6-Jähriger, natürlich noch zu klein, um mich eines Beils zu bemächtigen, damit auszuholen, geschweige denn diese Holzstrunks richtig zu treffen.
Dies blieb allein den Grossen vorbehalten, und ich konnte ihre Kraft einfach nur bewundern. Aber jetzt packte mich eine Neugier, was mit dieser mich so beeindruckenden geballten Energie anzufangen wäre.
Da! Es war am frühen Nachmittag eines heiter-blauen Sonntages, da glotzten mich die beiden Kolosse so richtig provozierend an und forderten meinen Mut heraus! Ein aufwühlendes Gefühl durchströmte jetzt meinen Rücken, meine Brust und verlieh mir auf einmal ganz besondere Kraft, sodass ich den einen, den grösseren sogar, weg zu rollen vermochte. Weg, nämlich gleich bis an den Rand des Gartengeländes, wo man zwischen zwei den Vorgarten begrenzenden Steinblöcken wie von einer Burg in die steil abfallende grasige Böschung schauen und den Fernblick über die von den Hufen zertretenen und von Kuh-Fladen gedüngten Viehweiden weit hinunter bewundern konnte, bis tief hinab nach Linthal.
Ich sah nur noch dieses lockende, steile, grasige Grün und fühlte voll die anziehende Kraft der abgründigen Tiefe des Tales!
Onkel Toni am Verandafenster erkannte augenblicklich die besondere Situation. Er versuchte mich mit seinem Zuruf „Nein Ralph!“ und gestikulierend mit weit ausholenden Armen zu stoppen, aber schon rollte der schwere Block über Bord.
Er holperte und polterte lustig, galoppierte dann sprunghaft davon, dem Abgrund entgegen. Die Sonntagswanderer auf dem Weg gleich unterhalb hoben entsetzt die Arme und sprangen rechtzeitig noch beiseite – ein wahrhaft tolles Schauspiel, wie es ich, Ralph, doch ausgelöst habe!
Nun aber donnerte das Ungetüm weiter, holprig rasend immer schneller, dazwischen mit lustdigen Hüpfern und mit immer grösseren Sprüngen immer weiter zu Tal. Aber als ich in meinem Übermut die vielen noch ahnungslosen Bergspaziergänger auf dem zweiten Quersträsschen weiter unten wahrnahm, wurde mir der Spass jetzt doch etwas ungeheuer – immer noch mein Onkel Toni mit den fuchtelnden Armen im Hintergrund!
Dann bange Stille! Onkel Toni hielt mir die Hand auf die linke Schulter, jetzt, Ralphi! müssen wir mit dem Leiterwagen eilig hinunter und im unteren Wald den Holzklotz suchen gehen und nachsehen, ob auch wirklich nichts Schlimmes geschehen ist. Zertrümmerte Schädel oder so – stell dir mal vor – mein Lieber!
Doch irgendwie – dank höherer Vorsehung – hatte die fassförmige „Bombe“ ausgehend vom „Morgarten“ einen halbwegs friedvollen Pfad eingeschlagen.
Vom Schilfrohr zum Feuerpfeil
Wer schon wüsste es nicht als echter „Zürihegel“? Für einen rechten Pfeilbogen schneidet man sich einen kräftigen, aber gerade noch biegsamen Strang eines Haselstrauches zurecht, fixiert eine kräftige Packet-Schnur an dessen einem Ende, dann biegt man das Holz mit voller Kraft und fixiert das Gespann mit der Schnur am anderen Ende. Für den Pfeil verwende man ein Stück schön gerader Weidenrute. Diese soll dünn, aber gerade noch so stabil sein, dass sie sich im maximal gespannten Bogen einsetzen lässt ohne zu knicken.
Den Pfeil fest in der Daumenklemme vor der gezogenen Schnur angesetzt und derart mit aller Kraft aus der rechten Hand den Bogen so weit durchgebogen, wie er es gerade noch erträgt. Dann ab das Geschoss!
Doch erst so richtig spannend wurde mein Pfeile-Schiessen, nachdem mir ein aufgeschlossener Schulfreund gezeigt hatte, wie mit seiner besonderen Art von Pfeilen der Schuss viel, viel weiterreicht. Man verwendet nämlich ein schön gerade gewachsenes Stück Schilfrohr vom Zürichsee-Ufer und setzt vorne als führendes Gewicht einen Nagel ein umwickelt mit Zwirn. Kopf voraus – versteht sich!
Mit einem so zugerichteten Pfeil gelang es mir tatschlich vom oberen Pausenplatz aus über das ganze vierstöckige Schulgebäude zum unteren Pausenplatz zu schiessen. Muss ja nicht gerade Schülerpause sein – versteht sich!
Leider mochte kaum einer mir, der Reichweite meiner Geschosse Glauben schenken. Dennoch fühlte ich mich wie ein König in Sachen Bogenschiessen.
Bald aber wünschte mein Ego nach einem noch grösseren Erfolg: Feuerpfeile abzuschiessen ging mir durch den Kopf.
Gesagt, getan: Ich umwickelte einen etwas kräftigeren Pfeil, eine dünne Bambus-Rute, mit dem grössten Putzlappen aus Mutters Schuhkasten, tauchte den so ausgerüsteten Kopf dieses Geschosses durch die Einfüllöffnung in unseren separate stehenden Heizöltank und legte Feuer darauf!
Hui! Wie der brannte und wie der von meinem mit vollster Kraft gespannten Bogen abging und wie er mit einer dicken Rauchfahne in riesigem Bogen seine kühne Bahn kennzeichnete.
Dummerweise aber führte der Bogen des Geschosses nicht nur über des Bauern Wiese neben uns, sondern ausgerechnet an den Fuss des jungen Bananenbaumes im dahinter liegenden Nachbargarten.
Oh nein! – wenn die das sehen – die wunderschöne (damals noch exotische) Bananenpalme! Also schlich ich ganz geduckt und innerlich tief beschämt schleunigst auf dem Weg dort hinüber, fasste das noch schwarz rauchige, stinkende Objekt an seinem Stiel und zertrat es so gründlich, wie ich nur konnte.
Erleichtert aber war ich erst nach Tagen, als ich von keiner Seite irgendetwas von meiner Schandtat zu hören bekam.
Der improvisierte Lötbrenner
So ein echter Lötbrenner, der Körper aus golden leuchtendem Messing, wie ihn der Sanitär-Handwerker vor meinen staunenden Schüleraugen vorführte, als er ein kupfernes Ersatzblech für unsern defekten Dachkännel zurechtmachte!
Ich bewunderte, wie er den runden, gelb glänzenden Hohlbauch mit Benzin aus einer Flasche anfüllte, dessen Flügelschraubdeckel kräftig zu drehte, wie er diesen Tankunterteil mit einer eingebauten Pumpe kräftig und ausgiebig unter Druck setzte. Dann staunte ich, wie er die kreisförmige Kengelchen Rille rund um den Hals der „Feuer-Pistole“ sorgsam mit Brennsprit befüllte und die duftende Flüssigkeit mit einem Streichholz aus seiner Manteltasche entzündete, damit nun ein bläulicher Flammenkranz den Hals der Pistole mehr und mehr erhitzen soll. „Ja klar, damit vorne nicht einfach das Benzin herausspritze“ – erklärte er mir genau – „sondern heisser Benzindampf und so ein zischend blau-oranges Drachen-Feuer“ nämlich. Und gleich darauf: Es fauchte und zischte ein blaues Drachenfeuer, das am Ende noch gelblich ausloderte!
Genau so etwas, so ein Wunder-Werkzeug fehlte mir noch in meiner schon reichhaltig ausgestatteten Kellerwerkstatt, etwa fürs Formen des Feder-Fahrwerk meiner Modellflugzeuge und anderes mehr.
Ich erkannte aber schnell, indem ich mich im Werkzeuglanden umsah: viel zu teuer! – Dies, obwohl mir mein Vater immer Mal wieder eine neue, bessere oder für meinen Bedarf ganz besondere Zange oder einen wieder tauglichen Schraubenzieher spendierte.
Aber ein Probegerät zum Experiment könnte ich ja schon Mal zusammenbauen, denn das Prinzip hatte ich jetzt voll verstanden.
Also denn: Es galt Benzin In einem geschlossenen Gefäss zu erwärmen, sodass dessen Dampf sich durch eine Enge, ein kleines Löchlein, quasi wie aus einer Düse hervordrängen muss!
Gedacht getan: Als Gefäss fand ich einen leeren „Nussellafett-Eimer“ in der Küchenkammer mit noch gutem Deckel in dem mein Vater jeweils das besonders gesunde Nuss-Fett von der Firma Nuxo zugeliefert bekam. Am Rand des Deckels bohrte ich das kleine Löchlein und hängte die ganze Dose gute verschlossen an ihrem Tragbügel auf. Dies natürlich mit einem dicken feuerfesten Draht unter dem sicherheitshalber geöffneten Garagen-Kipptor und darunter unterhielt ich am Garagenboden sorgfältig überwacht ein gutes Feuerchen mittels von Heizöl getränktem Putzlappen. Und derart wartete ich ab bis die Zeit gekommen sein möge, dass eine fauchende Flamme über dem Löchlein entzündet werden konnte.
Also wartete ich ab, die Zeit verging, nur Geduld!
Aber – oh je! Ein grosser Schreck! Die ganze Geschichte stürzte zu Boden, denn das Zinn der angelöteten Ösen für den Henkel war überraschend dahin geschmolzen – plumps und päng! Orangegelbe, sich aufbäumende Flammen leuchteten auf und reichten lichterloh bis hinauf ans Kipptor.
Sofort entwischte ich dem Ort des Geschehens hinaus aus der Garage.
Meine erste Sorge – auf das Angerichtete zurückblickend: „Uiii-jeh! – Wenn nur die Nachbaren das nicht gerade sehen!“ Dann galt es mit pochendem Herzen abzuwarten bis sich das kalorienreiche Flammen Meer erschöpft hatte.
Doch wie kriege ich das innseitig jetzt arg angeschwärzte Garagentor wieder sauber, so als ob nichts geschehen wäre? Schnell Schwamm, Wassereimer und Wäschepulver daher!
Damit endete auch die ganze Geschichte: Wieder einmal gut weggekommen!
Der durchgebrannte Leiterwagen
So tapfer und brav, stets zu Diensten immer, unser bestandener, über Generationen hin gealterter Leiterwagen mit seinen vier Holzspeichen-Rädern und den darum herum geschmiedeten Eisenreifen, seinen Schrammen und Kratzern rundum. Ich sehe noch deutlich, wie er einem immer seine lange Deichsel vorne entgegenstreckte und wie diese einem zurief: „Pack mich, zieh doch endlich an mir! Ich und meine Güter sind auch wichtig! Wir wollen wieder etwas zu tun haben, wollen uns doch nützlich machen!“
Die Deichsel hielt uns so ihren quergestellten Ziehgriff entgegen, der uns wie ein achtlos hingelegtes katholischen Christus-Kreuz erwartete.
Bei all unseren Ankünften und Abreisen in Braunwald musste der so Tapfer-Treue immer die vielen Ferienkoffer, dazu noch allerlei Einkäufe für die ganze Woche auf seiner Brücke ertragen. Und hinauf zum Bircher-Chalet ging’s – dieser Gutmütige!
Meistens hatten wir auch ehrwürdige Gäste dabei und wir vier Kinder durften je eine Kameradin bzw. einen Lausbuben der Schulklasse mitbringen!
Also fanden wir bald eine bessere, noch praktischere Lösung: Wir belegten den Leiterwagen mit quergelegten, halb vermoderten Brettern aus dem Keller, banden sie fest, ganz satt und darauf fand in voller Breite die ganze grosse Reihe schwerer Koffer in einer Ladung Platz. Vorne zwei Buben am besagten in aller Hände leidenden Kreuzgriff und am Heck zwei Buben als Schubkraft. Die Mädchen aber kamen besser weg. Wir halbwüchsige Burschen hingegen erlebten – nicht ohne jugendlichen Stolz vor ihnen und all den ehrwürdigen Gästen – was wir mit unseren Muskelkräften zu leisten vermochten.
Dann geschah es eines munteren Tages, dass wir Lauskerle diesem bestandenen Leiterwagen nicht nur wie immer Güter zumuten wollten, sondern auch uns als Fahrgäste! Wir setzten uns eng zusammen in dieses Gefährt und rundum auf die leiterartigen Geländer Wände als eine heitere, heute ganz besonders lustige Gesellschaft und los ging’s!
Vorne ein Bub als Steuermann, die Deichsel zwischen seinen Füssen führend und hinten der Bremser der mittels einem Knebel wie ein Hebelarm auf eines der Räder wirkte. Los ging’s das kiesige Strässchen hinunter – kein Fuhrwerk in Sicht!
Schnell und immer schneller schoss das ächzende Geratter mit seiner jauchzenden ausgelassenen Fracht. Da eine sanfte Kurve gemeistert, da eine andere und dann eine dritte …
Aber, oh je ! Wir rutschten jetzt, halb quer geraten auf dem kratzigen Kies, seitlich rechts ab, über das den Weg befestigende Randmäuerchen hinweg und stürzten Hals, Rad über Kopf in das knorrige Wurzelreich des abgründigen Bergwaldes.
Einmal mehr ging es glimpflich aus für uns übermütige, über alle Vernunft hinweg Ausgerastete! Wir sammelten alle Knochen auf und setzten sie getrost, wenn auch noch etwas perplex wieder aneinander und ineinander, denn keiner unserer Schädel war gegen einen der wuchtigen Baumstämme oder Wurzelstöcke geknallt – Gott sei Dank!
Unser Generationen-Leiterwagen – wer glaubt es – hatte auch dieses Abenteuer überstanden und lebt soviel mir bekannt ist heute noch!
...
Als zweites von vier Kindern war ich, gerade über drei Jahre alt. Meine viel beanspruchten Eltern erlaubten sich, wie einst vor ihrer Hochzeit, nochmals eine glückselige Reise, diesmal Paris zu erleben. Sie fanden zur Betreuung von uns vier Kleinen eine liebenswürdige pensionierte Krankenschwester – Berta hiess sie.
Da – ich erinnere mich – bekam ich Husten und offenbar auch Fieber. „Wer ist denn euer Arzt?“ wollte Berta wissen. „Oder welchen Arzt soll ich anrufen?“ – „Klar doch, mein Götti, Onkel Max in Wollishofen (schräg gegenüber am Zürichsee)“ antwortete ich treuherzig, obwohl ich mich eigentlich gar nicht so krank fühlte. Mein Pate erschien von schräg gegenüber des Zürichsees binnen weniger Stunden mit seinem stets liebevollen Lächeln. Er klopfte und hörte mir den Rücken ab und gleich darauf – als Überraschung – führte er mich zu seiner vornehmen, gepflegten, hellgrauen Limousine und los ging’s. Wohin? – Direkt ins Zürcher Universitäts-Kinderspital.
Dort fand ich mich wieder auf einer Liege, liebevoll gebettet in einer hell beleuchteten Kammer, rundum nur weisse Wände und ich wurde umsorgt von unzähligen ebenso leuchtenden „Weissmänteln“, die sich um meine aufgebarte Liege scharten und sich intensiv um mich kümmerten.
Daraufhin entdeckten meine hilflos suchenden Kleinkinder-Augen aus meiner mich umklammernden Enge plötzlich eine sich öffnende Türspalte rechts hinter meinen Füssen. Eine lange dünne Nadel spross dort hervor, daraufhin ein dicker Spritzen-Kolben umklammert von zwei verkrampften altersfleckigen, runzeligen Händen und es folgte – ich sehe es noch ganz genau – das mürrische Gesicht einer grauhaarigen Hexe. Und diese lange Nadel nahm gefolgt von diesem Gesicht mit Hakennase zielbewusst eine Kurve direkt auf mich zu.
Alles klar für meine einfache Kinderseele! Ich schrie auf, schrie und schrie. Die zahllosen kräftigen „Weissmantel-Hände“ packten mich und hielten mich fest und es geschah, was offenbar geschehen musste.
Dann erst erinnere ich mich wieder an mein Kinder-Spitalbettchen. – es waren immer nur zwei nebeneinander aber ich sehe noch eine fast unendlich lange Reihe solcher durch grosse Glaswände getrennter Kinderabteilen und sehe noch wie beim morgendlichen Erwachen oder eher Aufgeweckt-werden zunächst in weiter Ferne die erste Zimmerhelle aufleuchtete. Diese kam schrittweise immer näher und näher, bis es auch bei mir – „päng“ – blendend hell wurde. Das Ganze bedeutete wohl eine ideale Sichtverbindung zur leichteren Überwachung der Betten durch die Pflegeschwestern!
Offensichtlich erreichte dann eine Meldung von meinem Schreckensereignis selbst den damaligen renommierten Chefarzt des Zürcher „Kispi“, Professor Fanconi, denn in der Folge wurde mir immer ein und dieselbe mütterlich-liebevolle Kinderschwester morgens und abends zugeteilt, um mir über ganze drei Wochen ihre dicke Penicillin-Spritze zu verabreichen. Aber ich durfte jedes Mal wählen, in welchen meiner Oberschenkel die Nadel soll.
Nun, es handelte sich wohl um das allererste existierende Penicillin überhaupt und bei aller manchmal berechtigten Kritik am leichtfertigen Einsatz der Antibiotika muss oder darf ich sagen: „Das erste Penicillin hat mir das Leben gerettet und das meiner drei Töchter ermöglicht“.
Der rasende Holzstrunk
Zwei mächtige Scheitstöcke, aus deren Rissen und urchiger Rinde Harz duftete – wohl einst von einer der vielen stämmigen zum Himmel hinaufragenden dunklen Tannen daneben übriggeblieben – warteten geduldig neben einem wuchtigen Beil aus bläulich angelaufenem Stahl vor dem Kellereingang unter der Terrasse unseres Braunwalder Ferien-Chalets. Sie warteten jeden Tag darauf, dass Vater oder Onkel mit kräftigen Händen von ihnen mit Knall und Donner Gebrauch machen!
Ich bewunderte sie immer wieder, die beiden klobig-runden Giganten – als 6-Jähriger, natürlich noch zu klein, um mich eines Beils zu bemächtigen, damit auszuholen, geschweige denn diese Holzstrunks richtig zu treffen.
Dies blieb allein den Grossen vorbehalten, und ich konnte ihre Kraft einfach nur bewundern. Aber jetzt packte mich eine Neugier, was mit dieser mich so beeindruckenden geballten Energie anzufangen wäre.
Da! Es war am frühen Nachmittag eines heiter-blauen Sonntages, da glotzten mich die beiden Kolosse so richtig provozierend an und forderten meinen Mut heraus! Ein aufwühlendes Gefühl durchströmte jetzt meinen Rücken, meine Brust und verlieh mir auf einmal ganz besondere Kraft, sodass ich den einen, den grösseren sogar, weg zu rollen vermochte. Weg, nämlich gleich bis an den Rand des Gartengeländes, wo man zwischen zwei den Vorgarten begrenzenden Steinblöcken wie von einer Burg in die steil abfallende grasige Böschung schauen und den Fernblick über die von den Hufen zertretenen und von Kuh-Fladen gedüngten Viehweiden weit hinunter bewundern konnte, bis tief hinab nach Linthal.
Ich sah nur noch dieses lockende, steile, grasige Grün und fühlte voll die anziehende Kraft der abgründigen Tiefe des Tales!
Onkel Toni am Verandafenster erkannte augenblicklich die besondere Situation. Er versuchte mich mit seinem Zuruf „Nein Ralph!“ und gestikulierend mit weit ausholenden Armen zu stoppen, aber schon rollte der schwere Block über Bord.
Er holperte und polterte lustig, galoppierte dann sprunghaft davon, dem Abgrund entgegen. Die Sonntagswanderer auf dem Weg gleich unterhalb hoben entsetzt die Arme und sprangen rechtzeitig noch beiseite – ein wahrhaft tolles Schauspiel, wie es ich, Ralph, doch ausgelöst habe!
Nun aber donnerte das Ungetüm weiter, holprig rasend immer schneller, dazwischen mit lustdigen Hüpfern und mit immer grösseren Sprüngen immer weiter zu Tal. Aber als ich in meinem Übermut die vielen noch ahnungslosen Bergspaziergänger auf dem zweiten Quersträsschen weiter unten wahrnahm, wurde mir der Spass jetzt doch etwas ungeheuer – immer noch mein Onkel Toni mit den fuchtelnden Armen im Hintergrund!
Dann bange Stille! Onkel Toni hielt mir die Hand auf die linke Schulter, jetzt, Ralphi! müssen wir mit dem Leiterwagen eilig hinunter und im unteren Wald den Holzklotz suchen gehen und nachsehen, ob auch wirklich nichts Schlimmes geschehen ist. Zertrümmerte Schädel oder so – stell dir mal vor – mein Lieber!
Doch irgendwie – dank höherer Vorsehung – hatte die fassförmige „Bombe“ ausgehend vom „Morgarten“ einen halbwegs friedvollen Pfad eingeschlagen.
Vom Schilfrohr zum Feuerpfeil
Wer schon wüsste es nicht als echter „Zürihegel“? Für einen rechten Pfeilbogen schneidet man sich einen kräftigen, aber gerade noch biegsamen Strang eines Haselstrauches zurecht, fixiert eine kräftige Packet-Schnur an dessen einem Ende, dann biegt man das Holz mit voller Kraft und fixiert das Gespann mit der Schnur am anderen Ende. Für den Pfeil verwende man ein Stück schön gerader Weidenrute. Diese soll dünn, aber gerade noch so stabil sein, dass sie sich im maximal gespannten Bogen einsetzen lässt ohne zu knicken.
Den Pfeil fest in der Daumenklemme vor der gezogenen Schnur angesetzt und derart mit aller Kraft aus der rechten Hand den Bogen so weit durchgebogen, wie er es gerade noch erträgt. Dann ab das Geschoss!
Doch erst so richtig spannend wurde mein Pfeile-Schiessen, nachdem mir ein aufgeschlossener Schulfreund gezeigt hatte, wie mit seiner besonderen Art von Pfeilen der Schuss viel, viel weiterreicht. Man verwendet nämlich ein schön gerade gewachsenes Stück Schilfrohr vom Zürichsee-Ufer und setzt vorne als führendes Gewicht einen Nagel ein umwickelt mit Zwirn. Kopf voraus – versteht sich!
Mit einem so zugerichteten Pfeil gelang es mir tatschlich vom oberen Pausenplatz aus über das ganze vierstöckige Schulgebäude zum unteren Pausenplatz zu schiessen. Muss ja nicht gerade Schülerpause sein – versteht sich!
Leider mochte kaum einer mir, der Reichweite meiner Geschosse Glauben schenken. Dennoch fühlte ich mich wie ein König in Sachen Bogenschiessen.
Bald aber wünschte mein Ego nach einem noch grösseren Erfolg: Feuerpfeile abzuschiessen ging mir durch den Kopf.
Gesagt, getan: Ich umwickelte einen etwas kräftigeren Pfeil, eine dünne Bambus-Rute, mit dem grössten Putzlappen aus Mutters Schuhkasten, tauchte den so ausgerüsteten Kopf dieses Geschosses durch die Einfüllöffnung in unseren separate stehenden Heizöltank und legte Feuer darauf!
Hui! Wie der brannte und wie der von meinem mit vollster Kraft gespannten Bogen abging und wie er mit einer dicken Rauchfahne in riesigem Bogen seine kühne Bahn kennzeichnete.
Dummerweise aber führte der Bogen des Geschosses nicht nur über des Bauern Wiese neben uns, sondern ausgerechnet an den Fuss des jungen Bananenbaumes im dahinter liegenden Nachbargarten.
Oh nein! – wenn die das sehen – die wunderschöne (damals noch exotische) Bananenpalme! Also schlich ich ganz geduckt und innerlich tief beschämt schleunigst auf dem Weg dort hinüber, fasste das noch schwarz rauchige, stinkende Objekt an seinem Stiel und zertrat es so gründlich, wie ich nur konnte.
Erleichtert aber war ich erst nach Tagen, als ich von keiner Seite irgendetwas von meiner Schandtat zu hören bekam.
Der improvisierte Lötbrenner
So ein echter Lötbrenner, der Körper aus golden leuchtendem Messing, wie ihn der Sanitär-Handwerker vor meinen staunenden Schüleraugen vorführte, als er ein kupfernes Ersatzblech für unsern defekten Dachkännel zurechtmachte!
Ich bewunderte, wie er den runden, gelb glänzenden Hohlbauch mit Benzin aus einer Flasche anfüllte, dessen Flügelschraubdeckel kräftig zu drehte, wie er diesen Tankunterteil mit einer eingebauten Pumpe kräftig und ausgiebig unter Druck setzte. Dann staunte ich, wie er die kreisförmige Kengelchen Rille rund um den Hals der „Feuer-Pistole“ sorgsam mit Brennsprit befüllte und die duftende Flüssigkeit mit einem Streichholz aus seiner Manteltasche entzündete, damit nun ein bläulicher Flammenkranz den Hals der Pistole mehr und mehr erhitzen soll. „Ja klar, damit vorne nicht einfach das Benzin herausspritze“ – erklärte er mir genau – „sondern heisser Benzindampf und so ein zischend blau-oranges Drachen-Feuer“ nämlich. Und gleich darauf: Es fauchte und zischte ein blaues Drachenfeuer, das am Ende noch gelblich ausloderte!
Genau so etwas, so ein Wunder-Werkzeug fehlte mir noch in meiner schon reichhaltig ausgestatteten Kellerwerkstatt, etwa fürs Formen des Feder-Fahrwerk meiner Modellflugzeuge und anderes mehr.
Ich erkannte aber schnell, indem ich mich im Werkzeuglanden umsah: viel zu teuer! – Dies, obwohl mir mein Vater immer Mal wieder eine neue, bessere oder für meinen Bedarf ganz besondere Zange oder einen wieder tauglichen Schraubenzieher spendierte.
Aber ein Probegerät zum Experiment könnte ich ja schon Mal zusammenbauen, denn das Prinzip hatte ich jetzt voll verstanden.
Also denn: Es galt Benzin In einem geschlossenen Gefäss zu erwärmen, sodass dessen Dampf sich durch eine Enge, ein kleines Löchlein, quasi wie aus einer Düse hervordrängen muss!
Gedacht getan: Als Gefäss fand ich einen leeren „Nussellafett-Eimer“ in der Küchenkammer mit noch gutem Deckel in dem mein Vater jeweils das besonders gesunde Nuss-Fett von der Firma Nuxo zugeliefert bekam. Am Rand des Deckels bohrte ich das kleine Löchlein und hängte die ganze Dose gute verschlossen an ihrem Tragbügel auf. Dies natürlich mit einem dicken feuerfesten Draht unter dem sicherheitshalber geöffneten Garagen-Kipptor und darunter unterhielt ich am Garagenboden sorgfältig überwacht ein gutes Feuerchen mittels von Heizöl getränktem Putzlappen. Und derart wartete ich ab bis die Zeit gekommen sein möge, dass eine fauchende Flamme über dem Löchlein entzündet werden konnte.
Also wartete ich ab, die Zeit verging, nur Geduld!
Aber – oh je! Ein grosser Schreck! Die ganze Geschichte stürzte zu Boden, denn das Zinn der angelöteten Ösen für den Henkel war überraschend dahin geschmolzen – plumps und päng! Orangegelbe, sich aufbäumende Flammen leuchteten auf und reichten lichterloh bis hinauf ans Kipptor.
Sofort entwischte ich dem Ort des Geschehens hinaus aus der Garage.
Meine erste Sorge – auf das Angerichtete zurückblickend: „Uiii-jeh! – Wenn nur die Nachbaren das nicht gerade sehen!“ Dann galt es mit pochendem Herzen abzuwarten bis sich das kalorienreiche Flammen Meer erschöpft hatte.
Doch wie kriege ich das innseitig jetzt arg angeschwärzte Garagentor wieder sauber, so als ob nichts geschehen wäre? Schnell Schwamm, Wassereimer und Wäschepulver daher!
Damit endete auch die ganze Geschichte: Wieder einmal gut weggekommen!
Der durchgebrannte Leiterwagen
So tapfer und brav, stets zu Diensten immer, unser bestandener, über Generationen hin gealterter Leiterwagen mit seinen vier Holzspeichen-Rädern und den darum herum geschmiedeten Eisenreifen, seinen Schrammen und Kratzern rundum. Ich sehe noch deutlich, wie er einem immer seine lange Deichsel vorne entgegenstreckte und wie diese einem zurief: „Pack mich, zieh doch endlich an mir! Ich und meine Güter sind auch wichtig! Wir wollen wieder etwas zu tun haben, wollen uns doch nützlich machen!“
Die Deichsel hielt uns so ihren quergestellten Ziehgriff entgegen, der uns wie ein achtlos hingelegtes katholischen Christus-Kreuz erwartete.
Bei all unseren Ankünften und Abreisen in Braunwald musste der so Tapfer-Treue immer die vielen Ferienkoffer, dazu noch allerlei Einkäufe für die ganze Woche auf seiner Brücke ertragen. Und hinauf zum Bircher-Chalet ging’s – dieser Gutmütige!
Meistens hatten wir auch ehrwürdige Gäste dabei und wir vier Kinder durften je eine Kameradin bzw. einen Lausbuben der Schulklasse mitbringen!
Also fanden wir bald eine bessere, noch praktischere Lösung: Wir belegten den Leiterwagen mit quergelegten, halb vermoderten Brettern aus dem Keller, banden sie fest, ganz satt und darauf fand in voller Breite die ganze grosse Reihe schwerer Koffer in einer Ladung Platz. Vorne zwei Buben am besagten in aller Hände leidenden Kreuzgriff und am Heck zwei Buben als Schubkraft. Die Mädchen aber kamen besser weg. Wir halbwüchsige Burschen hingegen erlebten – nicht ohne jugendlichen Stolz vor ihnen und all den ehrwürdigen Gästen – was wir mit unseren Muskelkräften zu leisten vermochten.
Dann geschah es eines munteren Tages, dass wir Lauskerle diesem bestandenen Leiterwagen nicht nur wie immer Güter zumuten wollten, sondern auch uns als Fahrgäste! Wir setzten uns eng zusammen in dieses Gefährt und rundum auf die leiterartigen Geländer Wände als eine heitere, heute ganz besonders lustige Gesellschaft und los ging’s!
Vorne ein Bub als Steuermann, die Deichsel zwischen seinen Füssen führend und hinten der Bremser der mittels einem Knebel wie ein Hebelarm auf eines der Räder wirkte. Los ging’s das kiesige Strässchen hinunter – kein Fuhrwerk in Sicht!
Schnell und immer schneller schoss das ächzende Geratter mit seiner jauchzenden ausgelassenen Fracht. Da eine sanfte Kurve gemeistert, da eine andere und dann eine dritte …
Aber, oh je ! Wir rutschten jetzt, halb quer geraten auf dem kratzigen Kies, seitlich rechts ab, über das den Weg befestigende Randmäuerchen hinweg und stürzten Hals, Rad über Kopf in das knorrige Wurzelreich des abgründigen Bergwaldes.
Einmal mehr ging es glimpflich aus für uns übermütige, über alle Vernunft hinweg Ausgerastete! Wir sammelten alle Knochen auf und setzten sie getrost, wenn auch noch etwas perplex wieder aneinander und ineinander, denn keiner unserer Schädel war gegen einen der wuchtigen Baumstämme oder Wurzelstöcke geknallt – Gott sei Dank!
Unser Generationen-Leiterwagen – wer glaubt es – hatte auch dieses Abenteuer überstanden und lebt soviel mir bekannt ist heute noch!
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