Geschichte & Biografie

7 1/2 Jahre Asyl

Okongwu Akabo

7 1/2 Jahre Asyl

Leseprobe:

Scheißnachtschicht. Zum Kotzen. Mag nicht mehr hinfahren. Und wenn du ankommst – schon wieder Theater. Es macht mich kaputt! Diesmal nebenan im Haus drei. So ist’s fast jede Nacht. Eigentlich immer so. Ein Dauerzustand. Und der Dienst hat grad erst begonnen. Wenn’s dunkel wird und sie alle munter werden, die Flaschen rausholen oder sich auch nüchtern in die Haare kriegen. Der Spätschichtmann ist weg und ich krieg das Theater ab. Aber der hat in der Spätschicht auch genug gehabt. Das geht schon fast die ganze Woche von einem Extrem ins andere. Hoffentlich ist die olle Nachtschichtwoche bald vorbei. Zum Glück nur noch heute und morgen, dann hab ich’s wieder hinter mir.
Es wird immer lauter, ich muss mal rüber und sehen, was los ist, obwohl es mich davor graut. Hilft nichts. Sonst liegt einer tot in der Ecke und ich krieg die Schuld. Dann kommt die ganze Scheiße von oben. Die haben schnell einen Schuldigen und machen mir den Schauprozess vor aller Welt. So will ich nicht berühmt werden. Also rüber. Die Haustür aufgerissen und ich stehe mittendrin statt nur dabei. „Was ist los?! Was ist das Prob­lem?!“, frage ich. Scheiße und Scheiße und Arschloch und du scheiße, Chef! – die ersten Worte, die Asylbewerber bei uns beherrschen. „Die wissen ja noch nicht, was das bedeutet“, meinte einmal ein hoh(l)er Herr der Politik (und viele nach ihm) und wollte damit zu verstehen geben, dass die doch so etwas Schlechtes nicht machen, weil sie ja Ausländer sind! Aber die wissen ganz genau und handeln ganz bewusst. Und ich stehe offensichtlich sofort im Brennpunkt des Geschehens. Ich bin schuld? Warum auch nicht. Ist ja nichts Neues. Du kommst, weißt von nichts und die Meute nimmt sich sofort deiner an und keiner weiß je, warum. Marx hatte recht: „Die Masse ist ein Tier.“ Und dieses Tier hier ist tollwütig. Allein stehst du in solchen Fällen und allein wirst du gelassen. „Sind Sie etwa Ihrem Aufgabengebiet nicht gewachsen, Herr Schneider?“ oder so ’n Quatsch kriegst du zu hören, wenn du dich mal an die Verantwortlichen des ganzen Wahnsinns wendest. Bloß alles von sich abwimmeln, das ist denen das Bequemste und du badest es aus. Typisch. – Was passiert hier wieder? Es wird irgendwie immer lauter. So einiges mancher Sprachen verstehe ich ja schon, aber hier verstehst du nichts mehr. Nur noch ein Durcheinander. Immer lauter. Sie schreien wild umher. Alle zugleich. Alle Sprachen. Es wird immer lauter. Es wird immer enger. Es wird immer heißer. Niemand hat hier noch irgendeinen Überblick. Alles außer Kontrolle. Vielleicht spürst du augenblicklich irgendwo am Körper die Spitze eines Messers. Das Gefühl kennst du. Es wäre ja schließlich nicht das erste Mal. Es wird hier unerträglich. Schlägt gleich irgendetwas auf dich zu? Es eskaliert. Wie so oft. Sie scheinen dich zu erdrücken, es nimmt dir die Luft zum Atmen. Bloß mit dem Rücken an die Wand. Die Wand im Rücken und du hast den wenigstens frei. Wenigstens Schutz von hinten. Aber es geht nicht. Ich komme nicht zur Wand durch. Ich muss weg. Ich muss hier raus. Durch die Massen durch, zur Tür. Da ist Luft. Da ist der Weg zum Telefon. Da muss ich hin! Drängeln! Schubsen! Schnell! Nur die Polizei kann hier noch Präsenz zeigen. Mehr dürfen die ja auch nicht. Ich muss durch. Möglichst unauffällig, aber raus. Egal. Nur raus! Höchste Zeit. Einfach durch. Raus. Da ist die Lücke. Meine Lücke. Ein Sprung noch. Ein Satz bis draußen. Ich mache einen Satz nach vorn, einen gewaltigen! Im letzten Augenblick einen Schrei unterdrückend, erkennend: Ich bin zu Haus. In meinem Bett. Aufgesprungen in Panik. Bloß leise, damit meine Frau nicht aufwacht. Sie soll ruhig schlafen, sie muss morgens wieder raus, arbeiten.
Ich sitze auf der Bettkante, mein Schlafanzug ist nass. Klitsch­nass. Mir wird kalt. Die Kälte kriecht langsam an mir hoch, ergreift langsam Besitz von mir. So, wie in den manchmal schier endlosen „Terrornächten“, die ich im Asylheim erleben musste, wenn sich nur die Verbrecher aller Herren Länder bei uns austobten, unter staatlichem Schutz. Seit über vier Jahren habe ich nun schon keinen Dienst mehr in Asylheimen, aber das Gewesene kehrt immer wieder zu mir zurück. Ich fühle mich hilflos, elendig. Bin dem ausgesetzt, was mich so oft des Nachts überfällt. Diese Albträume. Sie kommen oft. Zu oft. Meine Frau möchte ich damit nicht auch noch belasten. Ich lege mich langsam wieder hin. Der Schlafanzug ist beim Sitzen an der Luft etwas getrocknet. Mir ist immer noch kalt. Unangenehm. Ich fühle mich so wie damals, wenn ich mich im Büro verschanzen musste und sehnsüchtig auf das Dienstende wartete. Oder auf die Polizei. Gegen Morgen, mit der Dämmerung, wurde wieder alles ruhig. Da gingen alle zu Bett. Ich warte auch auf den Morgen. Die Nacht ist gelaufen. Ich bin überzeugt davon, dass ich meine Probleme langsam, langsam loswerde. Alles eine Frage der Zeit. Wäre ich nur Ausländer, ich würde auf Staatskosten Hilfe bekommen. Sie würden sich geradezu auf mich stürzen, diese Wohl- und Wundertäter, die oft selbst ernannten. Ich würde mir auf Staatskosten einen gewieften Anwalt nehmen und Nutzen daraus ziehen. Unser Landkreis zahlt ja schließlich schon an jemanden eine lebenslange Rente. Der hatte sich auf unserem Bahnhof mit ein paar Idioten angelegt, wurde dann beschimpft und beleidigt und leidet jetzt psychisch so stark darunter, dass der Landkreis ihn dafür finanziell entschädigen muss. Jetzt klagt er auch noch auf lebenslange Rente aufgrund Arbeitsunfähigkeit wegen seiner psychischen Probleme. Kommt angeblich zu uns wegen massiver Verfolgung, dem Tode knapp entronnen und hier bricht seine Psyche wegen dreier halbstarker Arschlöcher zusammen. Es gibt eben doch noch welche, für die Deutschland ein Schlaraffenland ist. Wäre dieser ganze Rassismus nicht so traurig, Tag und Nacht würde ich lachen.

<strong>Dabei fing alles so hoffnungsvoll an</strong>

Mit dem 01.01.1992 brach etwas Entsetzliches, bis dahin Ungekanntes für mich an. Die sogenannte Wende war gekommen und die Verlierer des Sozialismus sollten sich auch im Laufe der Zeit als die Verlierer der Wende erweisen. Ich hatte einen herrlichen Beruf als Steuerungstechniker und einen guten Job. Ich war kein Kind des Kapitalismus, war mir aber im Klaren, dass wir in der Schule nicht nur belogen worden waren. Dass die Arbeitskraft in der Bundesrepublik Deutschland etwas sehr (kostenmäßig) Teures ist, hatte ich begriffen und war zu dem Schluss gekommen, dass unsere Firma, um wettbewerbsfähig zu bleiben, wohl oder übel Arbeitskräfte abbauen musste.
„Auch wenn’s mich selbst treffen sollte“, sagte ich damals und so kam es dann auch. Ich saß auf der Straße mit 5.100,– DM Abfindung in der Tasche, für elf Jahre Betriebszugehörigkeit, einer lieben Lebensgefährtin, unserem kleinen Töchterchen und einem nicht ganz fertigen Eigenheim, das wir zum allergrößten Teil mit eigenen Händen in jeder Minute Freizeit und mit der Unterstützung echter Freunde errichtet hatten. Also was sollte ich anderes tun, als die „gewonnene Freizeit“ ins Haus investieren? Das tat ich auch, aber es wurde schnell immer unbefriedigender. Diese Ungewissheit über das, „was wird …“, sie setzt einem zu. Also organisierte ich mir, da keine Arbeit zu bekommen war, erst einmal Bildung. Die hat noch nie geschadet und war damals noch preisgünstig zu haben. Übers Arbeitsamt belegte ich einen EDV-Lehrgang. Im Osten sowieso weitgehend Neuland. Als dieser Ende März beendet war, stand ich wieder da. Ohne zu wissen, wie nun weiter. Bereits 1990 war ich ins damals gerade erst gegründete Gewerbeamt gegangen, um mich – noch in der DDR – selbstständig zu machen. Auf dem Gebiet, das ich beherrschte. Geschockt über diejenigen, die ich dort antraf, war ich nochmals geschockt, als ich ging. Ein Gewerbe wollte ich anmelden und bekam zur Antwort: „Nein!“ Und als ich sagte: „Aber Sie müssen mir doch wenigstens einen Antrag oder so etwas geben“, sagte mir der freundliche Ex-Genosse: „Sie kriegen von mir keinen Antrag!“, und ließ mich stehen. Das war’s. Wenig später sprachen mich mehrere Bekannte darauf an. So gut funktionierte damals schon der Datenschutz und die Gewerbeanmeldungen wurden ebenfalls nur an gute Bekannte verschoben. Das bewies ebenfalls der „Datenschutz“. Und dann, 1992, stand ich wieder hilflos und allein da, wenn da nicht wieder einmal ein guter, echter Freund gekommen wäre. Der hatte wiederum von einem Kumpel gehört, der da jemanden im Landratsamt, genauer im Sozialamt, kannte, dass in unserer Stadt ein Ausländerheim errichtet wird für Flüchtlinge, die ihr Leben nach Deutschland retten konnten. Und dafür werden Leute gesucht, die sich um die kümmern. Ob die uns dafür nehmen würden? Mein guter Fridi hatte mit dieser Tante vom Sozialamt schon gesprochen. Unter vollständiger Ausnutzung seiner akuten Redegewandtheit und unter Berufung auf unsere gemeinsamen guten Bekannten und Freunde (von denen er den Tipp erhalten hatte), mussten wir so tief in alle Gedächtnisse dieser Dame graviert sein, dass wir zu träumen anfingen. Wir stießen an mit edlem Tropfen und waren in Gedanken bei der neuen Arbeit. Ein zweifellos dankbarer, ja sehr dankbarer Job. Die vielen ausgemergelten, zermürbten, zerlumpten und hungrigen Leute, die da kommen würden. Wir hätten jede Menge zu tun. Sie mussten erst einmal mit dem Nötigsten versorgt werden. Brauchten Unterkunft und Verpflegung, mussten sich duschen können und brauchten anschließend ordentliche Kleidung. Sie brauchten gewiss auch mitunter ärztliche Hilfe und wir würden dies und die Verständigung organisieren. Nach einigen Wochen würden diese Menschen dann ins normale Leben der Bevölkerung integriert werden, aber unsere zahlreich geknüpften neuen Freundschaften, die würden uns ja erhalten bleiben, wenn die neuen Freunde unser Heim verließen.
Nur, was würde mit denen, die vielleicht weiter weggingen, aber …, aber …, aber noch hatten wir den Job ja gar nicht. Darum hieß es, sich bemühen. Eine Bewerbung wie aus dem Bilderbuch wurde meisterhaft zusammengezaubert und Fridi ging damit ins Sozialamt zu bereits erwähnter Dame, welche die Bewerbungsunterlagen für den zukünftigen Heimbetreiber sammelte. Und ich hatte schon gleich Bedenken, dass er alles zerreden würde. Offensichtlich wusste er, was er tat. Und tat es gut. Er war der Erste, der zum Bewerbungsgespräch bestellt war, und er war der Erste, der eingestellt wurde. Ihm hatte ich es zu verdanken, dass ich zwei Tage später der Zweite von zwei Eingestellten war, denn er begann am nächsten Morgen seine Arbeit und legte sich für mich mächtig ins Zeug, die Gefahr für seinen eigenen gerade erst „gewonnenen“ Job ignorierend. Ich werd’s ihm nie vergessen!!! Und dann ging es los. Der April 1992 hatte gerade erst begonnen, von der Insel Rügen her hatte unsere Heimbetriebsgesellschaft Herrn Kurze geschickt, der leitete den Aufbau unseres zukünftigen Heimes und war ein prima Kerl. Gewiss hatte er es nicht leicht. Er war nicht von hier, organisierte Behördenkontakte und Materialien, Handwerksfirmen und Kostenangebote und legte noch selbst Hand mit an. Außerdem übernachtete er auf unserer halben Baustelle, wohnte die ganze Woche über dort, weil der Weg bis auf die Insel für tägliches Fahren zu weit war. Jedoch was uns wirklich erwartete – und er hatte ja schon Erfahrungen – das verriet er uns nicht. Er guckte immer etwas unverständlich, wenn wir über unsere Vorstellungen sprachen, jedoch sagte nichts dazu. Was wir damals erzählten, muss für ihn komisch geklungen haben, aber es war doch alles nichts gegen den Oberscheiß, den Politiker bis heute zu diesem Thema von sich geben. Und das so ziemlich ausnahmslos. (Die verdienen gut daran).
Aber wir hatten unsere Arbeit, und das nicht zu knapp. Der Feierabend war nicht so wichtig, bis zur ersten Belegung musste alles fertig sein. Da schaut man nicht auf die Uhr. Wir räumten ein und wir räumten aus und bauten Betten und Schränke auf. Wir holten Materialien aus ehemaligen Wohnheimen und Kasernen, zählten Bettwäsche, holten jede Menge Bekleidung aus der Kleiderkammer, nahmen ungeahnt viele Spenden aus der Bevölkerung entgegen und lagerten ein. Es konnte sich vorher niemand vorstellen und kann dies sicher jetzt auch nicht angesichts späterer weltweiter Schlagzeilen über die ostdeutschen – beinahe ausnahmslosen – Ausländerfeinde und Nazis, was übrigens in meinen Augen inszeniert war (die Beweisführung werde ich in gegebenem Kapitel erbringen), dass wir eine breite große Sympathiewelle aus der Bevölkerung erlebten. Wir wurden geradezu überhäuft mit Anfragen zu dem, was wir gebrauchen könnten, und mit Spenden. Immer wieder erzählten uns die Leute, dass wir ja alle wüssten, wie es uns vor der Wende ging, und dass es jetzt bei uns aufwärtsgeht (was sich später leider ab einem gewissen Zeitpunkt auch als ein großer Irrtum erwies) und dass es denen, die jetzt zu uns flüchteten, also noch schlechter als uns ging. Und da müsse man ja wohl was tun! Also los! Und unser Heim wurde immer mehr zu einem solchen. Nicht luxuriös, aber alle gaben ihr Bestes. Auch die Handwerksfirmen arbeiteten gut. Viel später erfuhr ich, dass man zur Einrichtung dieses Heimes quasi auf Zuruf fünfhunderttausend DM bekam, ohne dass darüber diskutiert wurde. Ein Anruf beim Innenministerium des Landes genügte und die mussten nicht einmal darüber beraten. Die mussten dazu kein Gremium einberufen, nein, nicht einmal ein wertvoller, hoch dotierter Berater oder Gutachter musste eingeschaltet werden oder vor Ort prüfen. Die sagten einfach, ohne zu zögern: „Ja, ist bewilligt.“ Also los! Das baulich vom Umfang her Größte waren die Modernisierung der Heizung – es wurden eine moderne Ölheizung und Warmwasserbereitung in­stalliert und die Heizkörper mit Thermostatventilen versehen –, die Sanierung der Sanitäranlagen und die Errichtung der Gemeinschaftsküchen. Da unser Objekt aus drei flachen Gebäuden – Haus eins, zwei und drei – bestand, musste jedes natürlich damit ausgerüstet sein. Was wir zu Beginn überhaupt nicht verstanden, dass nämlich nur in einem, im Haus drei, Toiletten und Dusch- sowie Waschräume für Frauen und Männer eingerichtet wurden. Außerdem wussten wir damals noch nicht, dass einige Völker diese überhaupt nicht benutzten. Weder das eine noch das andere.
Und dann war es endlich so weit. Die ersten zukünftigen Bewohner sollten kommen. Die zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber des Landes hatte uns über die Ausländerbehörde unseres Landkreises mitteilen lassen, dass am 23. April 1992 gegen elf Uhr unsere Erstbelegung eintreffen sollte. Mit Spannung warteten wir auf die Erfüllung unserer Vorstellungen. Vom zuständigen Dezernenten aus dem Landratsamt, Herrn S., wurde „Geheimhaltung“ angeordnet. Etwas, das uns schier unbegreiflich erschien. Und dann war es endlich so weit. Wir hatten fieberhaft noch einmal alles überprüft, was wir vorher sorgsam zurechtgelegt hatten, die Ausstattungen der Zimmer waren wir noch einmal durchgegangen, denn schließlich wollten wir ja allen einen warmen, herzlichen Empfang bereiten. Alle sollten sich geborgen fühlen. Die, die sie mühsam dem Tode entronnen waren und die sich unter unseligen Strapazen zu uns retten konnten, sollten nun erst einmal zur Ruhe kommen. Diejenigen aus aller Welt, die aufgrund ihrer patriotischen, demokratischen Gesinnung zu Hause um ihr Leben bangen mussten und hier um politisches Asyl baten, müssten ja wohl eher so eine Art Ehrenbürgerstatus erhalten, zumindest menschliche Behandlung. Sie mussten, zumindest was wir über die Beweggründe politischen Asyls und deren Antragsteller, deren vermeintliche Schicksale und dramatische Wege nach Deutschland und deren gepriesenen vorangegangenen Lebensweg erfuhren, Idealtypen der Menschheit sein. Demokrat und Freiheitskämpfer mindestens, vielleicht Helden, eben so etwas wie Robin Hood heutiger Zeit. Erste Zweifel schlichen sich bei logischer Betrachtung bereits in den Anfängen in unser Bewusstsein, denn diejenigen, die uns solch einen Schnodder auftischten, konnten davon auch nicht mehr Ahnung als wir haben. Aber so manch einer auf kommunaler Ebene redete schon damals für sein Geld. Und dies lohnte sich so sehr, dass wohl alle Skrupel fielen. Und manch einer von jenen tat dies eben schon im „Leben davor“ (vor 1989) genauso, und das mit Erfolg.

<strong>Jetzt geht’s los</strong>

Wir im Osten waren ja gerade weltweit gefeiert worden, weil bei uns die Demokratie über die Diktatur des Sozialismus gesiegt hatte. Weil wir dafür gekämpft und gesiegt hatten. Weil wir dafür auf die Straße gegangen waren. Die da kamen, von weither, waren also noch lange nicht so weit und sie hatten keinen so starken Westen bei sich wie wir Deutschen. Wie man allein und hilflos dasteht, wussten wir Ostdeutschen am besten. Also waren wir bereit. Die Zuständigen der Ämter und ein paar Profilneurotiker waren auch da. Es dauerte schier unendlich, bis gegen 11.20 Uhr der Reisebus mit unseren ersten Gästen eintraf. Der Bus war nicht sehr voll an Leuten und hilfsbedürftig sahen sie auch nicht aus. Wir waren im ersten Augenblick sehr irritiert, kamen aber dann zu dem Schluss, dass es an uns selbst liegen müsse. Sie waren alle reichlich mit Gepäck ausgestattet. Einige stiegen wieder in den Bus zurück und wir meinten, an unseren Herrn Kurze gewandt: „Wir dachten, die sind alle für uns.“ Der lächelte uns zu, denn er kannte dieses Spielchen schon. Die Leute stiegen nämlich wieder aus. Sie konnten nur all ihre „Habseligkeiten“ nicht mit einem Mal aus dem Bus bekommen. Wie manche doch flüchten! Unsere Schwarzafrikaner, die dabei waren, waren so mit Goldschmuck behangen, dass wir Angst hatten, sie stützen zu müssen. Goldringe, Armreifen, -bänder und -ketten, Halsketten mit und ohne Anhänger von solch einer Massivität, wie wir sie kaum kannten. Viele trugen Klamotten, dagegen wirkten unsere eigenen wie zusammengesammelt. Nicht wie Klamotten, nein, eher wie Klomatten. Ja, Markenklamotten, wie sie sich von uns keiner leisten konnte. Die Schwarzen und die Vietnamesen waren damit standardmäßig ausgerüstet, bei den Rumänen, die mitgekommen waren, war das noch nicht so. Die waren in der Mehrzahl weniger gut gekleidet, schienen aber, wie sich noch herausstellen sollte, in ihren Ansprüchen diesbezüglich nicht ganz so gehoben zu sein.
Unsere Ersten wurden jedenfalls erst einmal in den Klubraum geleitet, der Fernseher lief bereits, als ich im Raum eintraf. Unser damaliger Chef, der Herr Kurze, schaltete natürlich das Gerät sofort wieder ab (unter stürmischen Protesten) und erkundigte sich erst einmal nach den allgemeinen Sprachkenntnissen, um dann eine Einweisung und Belehrung über den weiteren Fortgang der Dinge und die Heimordnung zu geben. Was er sagte, wurde innerhalb der einzelnen Völkerzugehörigkeiten weitergegeben, wie es ankam – wer weiß. Ein einzelner Nepalese war auch gekommen, der sprach allerdings Deutsch, als wäre es in seiner Heimat neben seiner Muttersprache die Amtssprache. Erstaunlich! Dann kamen wir zur Feststellung der Anwesenheit. Für uns Laien war es vorher nicht vorstellbar gewesen, dass jemand nicht mitkommen könnte. Auch hier wurden wir schnell eines anderen belehrt. Dass jemand anscheinend seinen eigenen Namen nicht weiß, nicht darauf hört, versetzte uns ebenfalls noch ungeheuer in Erstaunen. Jetzt noch. Und einer unserer neuen Freunde vom Schwarzen Kontinent war nur mit seinem Walkman beschäftigt. Er hatte die Kopfhörer auf und die Musik so laut gemacht, dass er nicht mitbekam, dass sein Name – oder Pseudonym, wie auch immer – bereits mehrere Male aufgerufen wurde. Er bemerkte auch nicht, dass die anderen schon auf ihn zeigten. Erst als ihn einer anstieß, nahm er die Kopfhörer ab, und als der Herr Kurze seinen Namen abermals aufrief, riss er die Arme hoch, brüllte aus Leibeskräften in den Raum: „I need money, money, money!“, und stampfte dazu mit den Füßen auf die Erde. Dann setzte er seine Kopfhörer wieder auf, um sich angestrengt dem zu widmen, was er vorher getan hatte. „Oh je …“ Mehr fiel niemandem von uns dazu ein.
Wir nahmen dann schnell eine Zimmereinteilung vor, um die Leute grüppchenweise, wie eingeteilt, auf ihre Zimmer zu führen. Dort mussten sich alle erst einmal zurechtfinden, ein wenig Ruhe finden und sich einrichten.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 620
ISBN: 978-3-99003-492-7
Erscheinungsdatum: 27.06.2011
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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