Cover: 3x Deutschland erlebt

3x Deutschland erlebt
Geschichten, die das Leben schreibt


EUR 20,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 250
ISBN: 978-3-7116-1333-2
Erscheinungsdatum: 19.01.2026
Nach Ende des zweiten Weltkriegs wurde Wolf erklärt, dass seine Eltern tot sind und er auf sich selbst gestellt ist. Nach vielen Rückschlägen gelang es ihm, beruflich erfolgreich zu werden, wobei sein Privatleben zu keinem glücklichen Ende führte.
Vorwort

Wenn ich im Bekannten- oder Freundeskreis gelegentlich Erlebnisse aus meinem Leben erzählte, kam nicht selten die Bemerkung: „Das solltest du aufschreiben.“ Anfangs habe ich das eher belächelt. Doch je öfter dieser Satz fiel, desto mehr reifte in mir der Gedanke, meine Erinnerungen tatsächlich festzuhalten – nicht aus Eitelkeit, sondern aus dem Wunsch, Spuren zu hinterlassen. Nun, da ich am „Feierabend des Lebens“ angekommen bin, erschien mir die Zeit gekommen, genau das zu tun.
Bei den Schilderungen meiner Kindheit hat mir mein damaliger Spielgefährte Rudolf Hanelt auf bemerkenswerte Weise geholfen. Er konnte sich an viele Details erinnern, die mir selbst entfallen waren. Dafür bin ich ihm zu großem Dank verpflichtet. Manche Erinnerungen, die lange in den Schatten des Vergessens lagen, wurden durch unsere Gespräche wieder lebendig – als hätte die Zeit sie nur vorübergehend überdeckt.
Alles, was in diesem Roman niedergeschrieben wurde, hat einen authentischen Hintergrund. Auch wenn der Text literarisch gestaltet ist, sind die Episoden und Geschehnisse keine Erfindung. Um jedoch die Privatsphäre noch lebender Personen – oder derer, die von noch lebenden Personen gekannt wurden – zu wahren, habe ich es vorgezogen, Pseudonyme zu verwenden. Das gilt ebenso für die meisten Orte, an denen die Handlungen spielen. Menschen, die mich oder die geschilderten Situationen kennen, werden hinter den gewählten Namen sicher die ursprünglichen erkennen – und ich vertraue darauf, dass sie mit diesem Wissen verantwortungsvoll umgehen.
Meine Absicht war es nicht, einen lückenlosen Lebenslauf zu präsentieren, sondern einen Lebensweg – mit all seinen Brüchen, Wendungen, Irrwegen und Momenten der Klarheit. Es ist der Weg eines Menschen, der das Dritte Reich als Kind, die DDR als Jugendlicher und Erwachsener sowie das vereinte Nachkriegsdeutschland in all seinen Facetten erlebt hat. Diese Erfahrungen haben mich geprägt – und damit auch die Perspektive, aus der ich sie schildere.
Dass alle Beschreibungen durch meine persönliche Sicht gefärbt sind, lässt sich nicht vermeiden – ja, es ist vielleicht sogar das, was ihnen ihren eigentlichen Wert verleiht. Ich schreibe nicht als Historiker oder Soziologe, sondern als jemand, der Teil dieser Geschichte war – und ist. Wer mich kennt, wird manche Episoden vielleicht anders erinnern oder bewerten. Das ist legitim – und gehört zum Wesen der Erinnerung.
Seit D. H. Lawrence in den 1920er-Jahren mit „Lady Chatterley“ einige moralische Hüllen fallen ließ, hat sich viel verändert. Heute ist es nichts Außergewöhnliches mehr, wenn ein Autor auch über Intimes, Verdrängtes oder Peinliches schreibt. Ich tue das nicht, um zu provozieren, sondern um ehrlich zu bleiben. Es gibt Dinge, die man im Lauf des Lebens meist für sich behält – und doch gehören sie zu uns. Wenn Sie also beim Lesen auf solche Passagen stoßen, seien Sie nicht überrascht. Sie sind Teil des Ganzen.
Wenn es mir mit diesen Geschichten gelingt, ein Stück deutscher Geschichte im Spiegel eines Einzelschicksals greifbar zu machen – vom Krieg über die Teilung bis zur Wiedervereinigung –, dann habe ich mein Ziel erreicht. Und wenn ich darüber hinaus vielleicht den einen oder anderen Leser zum Nachdenken, zum Erinnern oder zum Verstehen anregen kann, wäre das mehr, als ich zu hoffen gewagt hätte.



Der Anfang

Ungefähr 13.820.000.000 Jahre nach dem Urknall erblickte ich das Licht der Welt – mit einem kurzen Aufschrei.
Über mir erschien der liebe Gott und bot mir zwei Optionen einer Mobilitätsgarantie an:
3.000.000.000 Herzschläge oder 80 Jahre Leben.
Das war meine erste Rechenaufgabe und Entscheidung mit weitreichenden Folgen. Und ich musste mich schnell entscheiden, denn er hatte bei den damals 2,5 Milliarden auf der Erde lebenden Menschen nicht Zeit für jede Geburt. Offensichtlich hatte er sich nur auf besondere Menschen konzentriert, denn sonst hätte er das Pensum niemals schaffen können.
Also überlegte ich kurz:
Bis zum Erreichen des Erwachsenenalters werde ich sicher nicht unter 80 Schläge pro Minute kommen. Damit sind bereits 750 Millionen Schläge verbraucht. Wenn ich danach meine Lebensweise so einrichte, dass ich für den Rest meines Lebens einen Durchschnitt von 65 Schlägen pro Minute erreiche, gewinne ich weitere 66 Jahre.
Also entschied ich mich für die Herzschläge. Der liebe Gott war damit einverstanden und tauchte erst 72 Jahre später wieder auf.
Zur Zeit meines Erscheinens auf dieser Welt hatte der größenwahnsinnige Leithammel der deutschen Hammelherde seine Kriegstruppen bereits kurz vor Moskau und leitete damit den Beginn der größten deutschen Katastrophe und in der Geschichte der Menschheit einmaliger Vernichtung von Menschenleben ein. Dazu wurde auch mein Vater gebraucht, und so kam es, dass wir uns nie begegnet sind und ich ihn nur von Bildern kenne.
Wir lebten damals in dem verschlafenen Dorf Blaufeld, Deutsches Reich, Reichsgau Mark Brandenburg, fernab jeglicher Zivilisation. Zu den umliegenden Ortschaften führten nur unbefestigte Wege, die mit Pferdefuhrwerken und Traktoren befahrbar waren. Es gab ohnehin nur ein Automobil im Dorf und das war der Lieferwagen des Bäckers und Kolonialwarenhändlers.
Das einzige Außerdörfliche war eine Gruppe französischer Fremdarbeiter aus einem Kriegsgefangenenlager, die den Bauern zum Arbeiten zur Verfügung gestellt wurden. Im Gegensatz zu anderen Nationalitäten wurden die Franzosen von den Nazis als Menschen behandelt, aber es wurde der deutschen Bevölkerung untersagt, mit ihnen Kontakt aufzunehmen.
Französische Männer sind im Allgemeinen sehr charmant und den Frauen sehr zugetan. Wen wundert es dann, wenn sich deutsche Frauen, deren Männer im Krieg waren, von diesem ungewohnten Charme beeindrucken ließen.
Meine Mutter konnte dem offensichtlich nicht widerstehen und ließ sich anbändeln. In welchem Verhältnis sie zu einem Franzosen stand, lässt sich nicht nachvollziehen. Der Kontakt als solcher reichte schon dafür aus, dass ihr der Bürgermeister Weberknecht eine Verwarnung aussprach: „Wenn du wieder bei diesen Franzosen bist, muss ich dich melden“. Sie hörte nicht auf ihn und er meldete es. Daraufhin kamen die betont unauffälligen Männer im Ledermantel und nahmen sie mit, für immer.
Nun mussten die Kinder aufgeteilt werden. Da meine Großeltern damit überfordert waren, kam meine vier Jahre ältere Schwester Ella zur Tante Helga im Nachbardorf Hengstberg und ich kam zu meiner Tante Helene nach Sachsen in den Ort Erlenbusch. Probleme gab es mit meiner drei Jahre älteren Schwester Erika, da mein Vater nur zwei Schwestern als Geschwister hatte. Das Vorhaben, meine Schwester Erika bei der Pflegemutter meiner Mutter unterzubringen, wurde wegen der Sippenhaft abgelehnt und somit kam sie in ein anderes Dorf zu einer fremden Bauernfamilie, die wahrscheinlich führertreue Volksgenossen waren. Erst nach dem Krieg konnte sie von der Pflegemutter meiner Mutter übernommen werden. Wir nannten sie „Oma Hein“.
Ein Jahr später erhielt mein Großvater eine Karte aus Lublin, in der ihm mitgeteilt wurde, dass meine Mutter im dortigen Konzentrationslager an Herzschwäche gestorben ist.
Nun waren wir Halbwaisen.
Mein Vater kam noch einmal im Fronturlaub heim, als ich schon weg war, und hatte voller Verzweiflung das Hochzeitsbild in der Mitte durchgeschnitten. Nach Erzählungen innerhalb der Verwandtschaft kam im Januar 1945 noch einmal eine Feldpostkarte von ihm aus einem Lazarett in Ostpreußen, in der er schrieb, dass er verwundet ist und bald mit einem Schiff über die Ostsee in die Heimat zurückkommt. Danach kam kein Lebenszeichen mehr von ihm. Sollte er mit der „Wilhelm Gustloff“ ausgeschifft worden sein, so ist deren Schicksal hinlänglich bekannt.
Für solche Fälle wurden zwei neue Begriffe geschaffen: „gefallen“ und „vermisst“.
Da für meinen Vater nur der letzte Begriff zutraf, kann ich über sein Ende nur Mutmaßungen anstellen:

In einem russischen Kriegsgefangenenlager gestorben,
der Roten Armee bei der Einnahme Ostpreußens zum Opfer gefallen,
mit dem Schiff untergegangen, oder
nach Argentinien oder Westdeutschland abgesetzt.

Letzteres kann als unwahrscheinlich angesehen werden, denn er war nur einfacher Soldat und kein Kriegsverbrecher. Außerdem hätte er nie seine Kinder ihrem Schicksal überlassen.



In Sachsen

Da für den deutschen Endsieg jeder gebraucht wurde, der ein Gewehr halten konnte, war mein Onkel Adam selbstverständlich auch an der Front und meine Tante Helene musste mit ihren drei Kindern und zusätzlich mit mir als Kleinkind zurechtkommen. Immerhin waren die Kinder Ingrid und Herbert schon 9 und 10 und konnten ihrer Mutter sehr zur Hand gehen. Waltraut war 5 und ich konnte gerade erst laufen.
Wir wohnten in einem großen Zwölffamilienhaus etwa 1 km vom eigentlichen Dorf entfernt an der Landstraße zur nächsten Stadt.
Bis zum dritten Lebensjahr habe ich kaum Erinnerungen an mein Leben, aber wer hat das schon.
Meine Tante machte keinen Unterschied zwischen mir und ihren Kindern. Sehr gut erinnere ich mich noch daran, wie meine Tante mich wie die anderen Kinder abends mit dem gleichen Dialog ins Bett brachte: „Gute Nacht“, „Gute Nacht“, „Schlaf gut“, „Danke gleichfalls“. Letzteres habe ich damals nicht richtig verstanden und konnte nur das Gehörte nachsprechen, ohne den Sinn zu verstehen: „Tante Geichhals“. Es hat mir aber keine Ruhe gelassen, bis es mir die anderen erklärt haben.
An einen Kinobesuch erinnere ich mich nur insofern, dass Soldaten marschiert sind und Panzer gefährlich nahe vorbeifuhren, was mir Angst einflößte.
Das gravierendste Erlebnis war die Bombennacht zum Ende des Krieges. Schlaftrunken wurde ich aus dem Bett geholt. Man hörte ein Pfeifen, Brummen und Krachen, Scheinwerferkegel leuchteten den Himmel ab und eine wahnsinnige Angst breitete sich aus. Meine Cousine Waltraut, die wegen eines gebrochenen Beines in Gips war, und ich wurden in einen Handwagen verfrachtet und die beiden Großen und meine Tante rannten mit dem Handwagen in Richtung Luftschutzbunker. Unterwegs brach auch noch die Deichsel und wir mussten den Handwagen stehen lassen. So wurden Waltraut und ich auf den Arm genommen und das Rennen ging weiter.
Im Luftschutzbunker drängten sich die Leute aneinander und jeder versuchte, so weit wie möglich vom Eingang wegzukommen. Kinder schrien und klammerten sich an ihre Mütter. Jeder hoffte, dass das Inferno bald vorbei ist und keine Bombe den Bunker traf.
Endlich war der Bombenangriff vorbei, es wurde ruhig und die Menschen verließen den Bunker mit bangem Herzen und der Ungewissheit über das Maß der Zerstörung. Als wir in die Nähe unseres Hauses kamen, war der Handwagen weg und wir sahen, dass der linke Giebel brannte und die Hälfte der Wohnungen fehlte. Es war unsere Hälfte. Zu allem Unglück war auch noch eine Bombe in den etwas außerhalb befindlichen Keller eingeschlagen, in dem die Kartoffeln und andere Lebensmittel untergebracht waren. Nun waren wir nicht nur obdachlos, sondern hatten auch nichts mehr zu essen. Ein paar Bettdecken konnten noch gerettet werden und wir kamen in einer Baracke unter, wo wir uns unter Vielen befanden.
Als kurz danach der Krieg vorbei war, konnten wir bei der Familie Kießig in einem richtigen Haus Quartier beziehen und nach einiger Zeit wieder in das reparierte Haus in die alte Wohnung einziehen.
Nur wer diesen Krieg erlebt hat, kann verstehen, was ein Kriegsende bedeutet: keine Bombe fällt mehr vom Himmel, kein Schuss fällt, was man aufbaut, wird nicht wieder zerstört, man braucht keine Angst vor einer falschen Äußerung zu haben, das Leben bekam einen anderen Sinn.



Die Nachkriegszeit

Infolge des Kriegsverlaufes war Sachsen bis zum Juli 1945 von den Amerikanern besetzt und dann entsprechend der Vereinbarung der Konferenz von Jalta an die sowjetische Besatzung übergeben worden.
Die Zeit der amerikanischen Besatzung war nur eine kurze Episode und vermittelte eine Vorstellung darüber, wie es unseren Brüdern und Schwestern im Westen nach dem Krieg erging.
Im Vergleich zu dem, was danach kam, war es eine angenehme Zeit, denn man bekam gelegentlich etwas zu essen.
Typisch für die Amis waren ihre „Späße“. Vor einem Gebäude, in dem die Soldaten einquartiert waren, stand umringt von einer großen Schar Kinder ein Panzer, der mit dem Rohr auf die Kinder zielte. Von Zeit zu Zeit wurde in einem oberen Stockwerk ein Fenster geöffnet und es regnete Bonbons. Mit meinen knapp 4 Jahren hatte ich aber kaum eine Chance, da die großen Mädchen die Bonbons bereits in der Luft abgefangen hatten. Bonbons, die den Weg zum Erdboden schafften, waren sofort im Rahmen einer wilden Rauferei verschwunden.
Ein anderer beliebter Spaß bestand darin, einen Deutschen mit dem Jeep einige Kilometer zu fahren und dann mit einer Tafel Schokolade zurücklaufen zu lassen. Die Männerwelt bestand zu dieser Zeit nur aus Jugendlichen, die zu jung für den Krieg waren, und älteren Männern, die den Volkssturm überlebt hatten.
Als die Amerikaner abzogen, um der Roten Armee das Feld zu überlassen, zogen auch viele Deutsche in Richtung Westen. Wir waren nun in der Sowjetischen Besatzungszone SBZ.
Einer meiner Lieblingsspielplätze war der Straßengraben an der Landstraße. Bei meiner Körpergröße konnte ich mich darin ducken und wurde nicht gesehen. Entlang der Landstraße standen Birnbäume als Straßenbäume mit unterschiedlichen Sorten, die teilweise ausgezeichnet schmeckten und als wunderbare Nahrungsergänzung dienten.
Eines Tages, als ich im Straßengraben saß, lief ein sowjetischer Soldat mit Uniform und Käppi vorbei. Das war der erste Russe in meinem Leben und er war entgegen den Schauergeschichten harmlos und lachte mir sogar zu. Zuhause habe ich dann freudig berichtet: „Ich habe einen Russen gesehen!“. Wusste allerdings noch nicht, dass ich später noch ausreichend davon zu sehen bekommen werde.
Die Nahrungssuche in der Nachkriegszeit war unbeschreiblich schwierig. Alles, was irgendwie als Nahrung verwendet werden konnte, wurde verwertet. Es war eine enorme Leistung meiner Tante, mit Hilfe der beiden Großen eine fünfköpfige Familie durchzubringen.
Wenn die Felder der Bauern abgeerntet waren, erhielt die nicht bäuerliche Bevölkerung die Erlaubnis, die Felder zu „stoppeln“. Scharen von Menschen inklusive Kinder liefen die Felder ab, um noch ein paar Ähren oder Kartoffeln aufzusammeln. Die Ähren wurden zermahlen und man hatte wenigstens ein bisschen Mehl. Auch ein paar Kartoffelstücke in der Brennnesselsuppe bedeuteten schon eine Bereicherung. Der Spinat aus Rübenblättern war lange die Hauptnahrung bei uns. Jahrzehntelang hatte ich eine Abneigung gegen alles, was wie Spinat aussah, egal ob echter Spinat oder Grünkohl.
Von Appetit beim Essen konnte keine Rede sein. Im Gegenteil: Ich habe mich sogar einmal übergeben, als ich einen Teller mit „Welschkraut“ essen sollte. Liebe Tante, du hast es gut gemeint und es tut mir auch leid.
Viele Leute hatten gar nichts zu essen und zogen bettelnd durch die Lande. Als einmal ein älterer Mann bei uns an die Tür klopfte, gab ihm meine Tante einen Teller von dem Rest der kargen Suppe, die er mit den Worten „der letzte Rest vom Schützenfest“ mit Heißhunger verschlang. Er musste auch gesundheitlich angeschlagen gewesen sein, denn ich beobachtete, dass Tropfen von seiner Nase in die Suppe fielen.
Mein Cousin war bei der Nahrungsbeschaffung sehr clever. Auf den abgeernteten Getreidefeldern gab es Hamster, die ihre Höhlen und Gänge im Erdreich anlegten. Einmal war ich dabei, wie Herbert mit dem Spaten die Gänge ausbuddelte und einen quiekenden Hamster hervorholte.
Abgesehen von dem Festmahl, das die Hamster lieferten, wurde das Fell nutzbringend verwertet. Ich hatte für den Winter eine Mütze aus Hamsterfell, an dem noch die Ohren dran waren, und die Mädchen erhielten einen Muff aus Hamsterfell. Die Handschuhe strickte die Tante selbst und damit man sie nicht verliert, wurde das Paar mit einer Schnur verbunden, die durch die Ärmel gezogen wurde.
Ein beliebter Spielplatz für die Kinder in der Nähe war das Rangiergelände der Bahn, auf dem die Güterzüge abgestellt wurden. Die Waggons für das Abstellgleis wurden von der Lok abgestoßen und rollten allein auf einer langen Strecke, bis sie sich den stehenden Waggons anschlossen. Diesen Umstand nutzten wir, um aufzuspringen und mit den Waggons mitzufahren. Einmal war ich etwas unachtsam und stand während der Fahrt in der Tür des Bremshäuschens und als der Waggon auf die stehenden Waggons knallte, knallte auch mein Kopf gegen den Türrahmen. Ich fiel heraus und brauchte eine Weile, bis die Dunkelheit um mich herum entwich.
Mit 5 1/2 Jahren war ich dann so weit, dass ich auf die Birnbäume klettern konnte. Dabei habe ich mir immer die Haut am Bauch abgeschürft und natürlich die Kleidung beschädigt. Wenn mich dann meine Tante abends in der Waschschüssel stehend gewaschen hat, sah sie die Abschürfungen und hat geschimpft. Danach habe ich immer das Hemd ausgezogen, wenn ich auf die Bäume geklettert bin, damit der Schaden etwas geringer ausfiel. Als ich eines Tages einmal wieder und direkt vor dem Haus auf einen Birnbaum kletterte, ging das Fenster auf, als ich auf halber Höhe war, und meine Tante erwischte mich, wie ich einem Affen gleich am Baumstamm klebte. Um meine Reue zu zeigen und das zu erwartende Schimpfen abzumildern, fing ich laut an zu weinen.
Das einschneidendste Erlebnis im Zusammenhang mit Birnbäumen hatte ich mit meiner Cousine Waltraut. Wir kamen hinzu, als zwei Arbeiter ihren Rucksack beiseite stellten, um sich an einem Haufen Pflastersteine zu bedienen, die sie in das Geäst des Baumes warfen, um die Birnen herunterfallen zu lassen. Wir kamen neugierig näher bis unter den Baum. Dann passierte es: Ein Pflasterstein landete mit der Kante genau auf meinem Kopf. Das Blut floss in Strömen auf mein weißes Hemd und die Arbeiter nahmen sofort Reißaus. Nicht nur ich weinte, sondern auch Waltraut fing bitterlich an zu weinen angesichts des blutenden kleinen Jungen. Irgendjemand hatte es gesehen und meine Tante benachrichtigt, die mich ins Krankenhaus brachte, um die Wunde klammern zu lassen. Dieser Graben in der Schädeldecke blieb für immer erhalten.

4 Sterne
Genauer hinschauen - 31.05.2026
Enrico, Köln

Trotz der negativen Kritik habe ich mir dieses Buch gekauft, weil mir der Titel zu Denken gab. Wer dreimal Deutschland erlebt hat, muss weit über achtzig Jahre alt sein und zur aussterbenden Generation meiner Großeltern gehören. Man kann ihm vorwerfen, dass er das Buch nicht in einer literarisch gekonnten und begeisternden Form geschrieben hat, wie wir es gewohnt sind, und kannte sicher auch nicht ChatGPT. Im Vorwort wird der Leser darauf eingestellt, was er beim Lesen zu erwarten hat. Während meine Großeltern den Krieg nicht mehr erlebt haben und in der Bundesrepublik durch das „Wirtschaftswunder“ zu angemessenem Wohlstand gekommen sind, und auch meine Eltern am Wohlergehen nichts auszusetzen haben, gab es Menschen, die unter ganz anderen Bedingungen durchs Leben gehen mussten, aber uns nicht interessierten und auch heute nicht mehr interessieren. Wer muss denn heute noch so sehr um seine Existenz und seinen Erfolg kämpfen, wie der Autor?Ich selbst bin im vereinigten Deutschland geboren und habe wohlbehütet durch meine Eltern das Erwachsenenalter erreicht. Eine andere Vorstellung gab es für mich nie und insofern fand ich die Erzählung dieses alten Mannes schon sehr bemerkenswert. Wer heute schon bei der Äußerung einer nicht regierungskonformen Meinung sofort die Nazikeule schwingt, sollte sich das Schicksal der Mutter des Autors oder die Stasimethoden in der DDR vor Augen halten. Auf das letzte Drittel mit dem Privatleben hätte er zwar verzichten können, aber bei genauerer Betrachtung bestand eine gewisse Affinität zum Berufsleben, das allerdings besser endete.

1 Sterne
Eindringlich? Eher wie von einem Kind geschrieben - 22.04.2026
Dagmara

Schade um das Geld, da wollte sich jemand verwirklichen, kann aber nicht schreiben. Laut Buchrücken soll das ein eindringlicher Roman sein, eher liest es sich wie ein Aufsatz in der Schule. Gefühlsmäßig nimmt einen das gar nicht mit! Der Autor scheint auch gern über seine Sexgeschichten prahlen zu wollen, schon sehr sexistisch... Nach etwas mehr als die Hälfte habe ich aufgegeben und nicht weiter gelesen.

Das könnte Ihnen auch gefallen :

Cover: 3x Deutschland erlebt

Manfred Baumann

End of Line

Buchbewertung:
Mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder