23 +
Liebe Seele Selbstbetrug
EUR 23,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 294
ISBN: 978-3-7116-1024-9
Erscheinungsdatum: 30.10.2025
Zwischen Anpassung und Aufbruch: Ein Lebensweg, der durch familiäre Enge, Liebesversuche und Selbstzweifel führt – bis hin zur Selbstannahme. Ein ehrliches, eindrucksvoll erzähltes Buch über das Künstlerdasein, das Scheitern und das Glück, man selbst zu sein.
Einführung
Das hat schon was.
Ich drehe mich noch einmal um. Das garstige Klingeln meines Weckers habe ich erleichtert ausgemustert. Ab und zu dient er noch zum Ablesen der Uhrzeit. Im wonnig-wattigen Halbschlaf geht mir heute Morgen so einiges durch den Kopf. Plötzlich habe ich eine glasklare Intuition. Mein nun mittlerweile hellwaches Bewusstsein gibt mir energisch ein grobes Konzept zum Handeln vor. Ich erfasse, dass es ein hilfreiches Projekt sein könnte, frühere Erkenntnisse aus meinen Tagebuchaufzeichnungen mit der Summe meiner jetzigen Erfahrungswerte zu reflektieren. Seltsamerweise muss mich gerade ein schlichter Frauenroman inspiriert haben, den ich vor einigen Tagen las. Mit seiner emotionalen Kraft hatte er mich tief berührt. Kommt nun endlich die Zeit, meinen früheren Ambitionen zum Schreiben nachzugeben?
Mach es, sage ich mir, sei tätig, gestalte deine Träume! Mit Hilfe des Schreibens innigste, geheime Gedanken und Gefühle auszudrücken, perfekte Worte und Formulierungen zu finden – damit liebäugelte ich vor allem früher, in längst vergangenen Zeiten. Warum kann ich erst jetzt die Kraft finden, das zu tun, was ich eigentlich schon immer so unbedingt wollte? Sollten sich die chaotischen Kreise meiner einstigen Lebensprozesse endgültig schließen? Gibt es zu meinen jeweils eingegangenen Verbindungen eine zwangsläufige und damit eine schicksalhafte Unvermeidbarkeit?
Heute fühle ich mich einfach nur glücklich. Idealerweise kann ich Dinge tun, die ich will und nicht muss. Meine leidenschaftlichen Wünsche und das lästige rationale Müssen stehen im freundschaftlichen Einklang. Früher gelang mir das eher selten. Meine Devise lautete: 2/10 Glück im Leben müssen leider ausreichen, um 8/10 Ärger und Verbitterung wieder aufzuwiegen.
Zum dritten Mal verheiratet, kommt es mir heute so vor, als hätte ich drei Leben gelebt. Drei Leben, die teilweise extrem und schmerzlich zerrissen, trotzdem aber auch immer mit erstaunlichen Wendungen und faszinierenden Erlebnissen gekrönt waren. Alle unvergesslichen Momente und Begegnungen empfinde ich im Nachhinein als einzigartige Bereicherung auf der Suche zur Selbsterkenntnis.
Bei einem unserer nicht enden wollenden nächtlichen Gespräche meinte meine langjährige Freundin, dass sie vor allem eines nicht verstand: Warum hatte ich so unterschiedliche Ehemänner? Einen Künstler, einen Unternehmer und dann einen Rechtsanwalt? Man könnte es auf folgenden Nenner bringen: Der Kreative, der Aktive und der realistische Denker. Ich erwiderte, dass sie etwas übersehen habe, denn allen dreien ist eines gemeinsam: das Verrückte. Sie sind immer herausfordernd, niemals langweilig gewesen.
In einem wunderschönen Ort an der Müritz wurde ich in einer altertümlichen Villa geboren, die der kleinen Gemeinde als Landambulatorium zur Verfügung stand. In meiner Kindheit hatte ich stets wagemutige und tollkühne Jungs als treue Spielgefährten an meiner Seite. Das sollte sich ein Leben lang nicht mehr ändern. Genau wie sie wollte ich einfach nur furchtlos sein. Wenn ich mir mein damaliges kindliches Bild vor Augen halte, war ich eher diejenige, die vorwiegend den Blick schüchtern auf den Boden richtete. Trotzdem schaffte ich es immer wieder, über die eigenen Füße zu stolpern. Mutig war ich nur in meiner uferlosen Fantasie, in meiner Leidenschaft zur Literatur und dem selbstvergessenen Malen mit meinen gut gespitzten Buntstiften aus der alten Zigarrenkiste. Beim Lesen meiner Bücher identifizierte ich mich mit den edlen Helden, die erfolgreich gegen das Böse bestehen mussten. Dann wurde ich selbst zur furchtlosen Kämpferin für Gerechtigkeit in allen erdenklichen Lebenslagen. Dem männlichen Helden wollte ich unbedingt nacheifern.
Als Teenager trug ich oft eine braune, eng geschnittene Nadelcordhose mit Schlag, dazu ein grünes, bunt geblümtes Flower-Power-Hemd. Mit lässig krummem Rücken, die Hände tief in den Hosentaschen vergraben und cool über den Onkel laufend, zog ich durch die dörflichen Straßen. Wie allseits üblich, traf sich die Jugend beständig an markanten Plätzen der Hauptstraße, um Musik aus dem Kofferradio zu hören, zu rauchen, Bier zu trinken und sich schmutzige Witze zu erzählen. Schon damals wies ich erste vorsichtige Anzeichen einer Rebellin auf, die sich enthusiastisch mit der aufkommenden Rockmusik und deren exzessiver Dynamik identifizieren konnte. Für mich war das ein erster, unbewusster Protest gegen alles Erstarrte und Reglementierende. Das Land, in dem ich lebte, nannte sich Deutsche Demokratische Republik und stand unter der sozialistischen Kontrolle ihrer greisen Funktionäre.
Mit 17, dem wichtigen Alter für eine berufliche Zukunftsentscheidung, ahnte ich, dass es aussichtslos war, meinen künstlerischen Ambitionen auf dem Gebiet der Literatur oder Malerei nachzugehen. Mir fehlte das Selbstvertrauen als wichtige Voraussetzung, meine Ideale und Ziele voranzutreiben und für meine Interessen einzustehen. Dazu kam, dass meine Eltern diese Berufswahl niemals für mich akzeptiert hätten. Es fiel mir unsäglich schwer, eine gemeinsame Brücke zu bauen, die dazu geeignet sein könnte, meine inneren Wünsche, mein stilles Rebellentum, mit dem äußeren Anschein einer gut erzogenen, gehorsamen Tochter zu verbinden. Vor allem Letztere entsprach in den meisten Familien unseres Ortes der damaligen, weit verbreiteten Norm. So wählte ich notgedrungen ein Studium im technischen Bereich in Leipzig. Diese Stadt strahlte auf mich ein gewisses Versprechen und eine wohltuende Geborgenheit aus. Zusätzlich waren 500 km eine zweckdienliche Entfernung zu meinem Elternhaus, was letztendlich das Ausschlaggebende war. Ich wollte einfach nur weg, raus aus der Welt der Demütigung und der erstickenden Enge meiner Familie. Mit dieser Auswahl konnte ich zwar nicht das Wichtigste und Beste für meine eigentlichen Ziele erreichen, aber in der Not finden sich ja oft diese eleganten Lösungen der kompromissvollen Mittelwege. In kniffligen, logistischen und mathematischen Zusammenhängen hatte ich bisher eine starke Geschicklichkeit gezeigt – das sollte doch zu schaffen sein? So stand für mich folglich der Sinn nach persönlicher Vervollkommnung gleichwertig neben dem hehren Ziel, eine Diplomingenieurin zu werden. Neugierig auf das Leben, wollte ich mich bewähren und unbedingt meine lästige Schüchternheit ablegen. Das unselige Umherschleichen auf Zehenspitzen, ängstlich darauf bedacht, nirgendwo anzuecken, sollte ein für alle Mal beendet werden. Doch schnell geht so etwas niemals, und noch heute habe ich leidige Anwandlungen von passiver, angepasster Selbsteingrenzung.
Zum Zeitpunkt der Immatrikulation erreichte ich den Leipziger Bahnhof, um anschließend mit der Straßenbahn zum Studentenwohnheim zu fahren. Ich hatte ein Problem damit, meine Fahrkarte in den dafür vorgesehenen, an zentraler Stelle befindlichen Entwerter zu lochen. Ein oft erlebtes, diffuses Unbehagen stellte sich augenblicklich ein. Es bestand darin, ungern im Mittelpunkt des Geschehens zu stehen. Alle Fahrgäste starrten mich neugierig und in ununterbrochener Aufdringlichkeit an. Ich war schon eine attraktive, zierliche Frau mit blassblonden, langen Haaren und einem hübschen, klassischen Gesicht, die sich ihrer natürlichen Schönheit bei weitem nicht bewusst war. Menschenskind, das Anstarren einiger männlicher Fahrgäste war ja möglicherweise diesem Umstand zu verdanken? Nach einer ersten Eingewöhnungszeit an der Uni kam es folglich sehr schnell dazu, dass sich ein Mitstudent aus meiner Seminargruppe – wie er damals meinte – unsterblich in mich verliebte. Für mich war er auf den ersten Blick nicht unbedingt der Attraktivste, sodass ich ihn zunächst geflissentlich übersah und ihn mit seinen Annäherungsversuchen einfach nur nervig fand. Doch für wirklich interessante Menschen bedarf es mitunter eines zweiten Blicks. Allmählich entdeckte ich verblüfft, dass er außergewöhnliche, charismatische Nuancen aufwies. Er wurde von unseren Mitstudenten mit Achtung und Respekt behandelt, da er sich als kleines technisches Genie erwies und mit seinen Meinungen und Ansichten bald tonangebend war. Sein Wort galt. Ich kam nicht umhin, meine Einstellung zu überdenken und ihn still zu bewundern. Natürlich eroberte er mein Herz. Schon bald gingen wir gemeinsam die weitläufigen Wege zu den ambitionierten technischen Vorlesungen, um unseren studentischen Pflichten nachzukommen. Unsere Hände verschränkten sich dabei in der großräumigen Tasche seines Shell-Parkers. Nach einem halben Jahr dagegen starb seine unsterbliche Liebe. Unsere Hände und Herzen fanden nicht mehr zueinander. Er trennte sich von mir. Warum?
Mit dem speziellen technischen Verständnis – was übrigens die Mehrheit der männlichen Kommilitonen auszeichnete – und seinem ausgeprägten Allgemeinwissen war mir Wolfgang zu diesem Zeitpunkt eindeutig intellektuell überlegen. Damals jedenfalls fühlte es sich so an. Ich hatte meinen Meister gefunden und dadurch leider ein unterschwelliges und nicht gerade nützliches Unterlegenheitsgefühl entwickelt. Der Tag musste also kommen, an dem er meinte, ich wäre zu anhänglich und mache immer alles mit, was er an diversen Unternehmungen jeweils einplante, ohne mich mit eigenen Ideen einzubringen. Ich war zu einer hübschen, aber leider substanzlosen Mitläuferin geworden. Offensichtlich langweilte ich ihn mit meiner beständigen Ja-Sagerei, was bekanntlich zu einem nicht zu verachtenden Grund für das Einschlafen jeglicher Liebessehnsucht führen kann. Somit bekam ich drastisch zu spüren, wie es sich anfühlt, ein gebrochenes Herz zu haben. Das Liebesleid war fürchterlich, und ich habe lange Zeit gebraucht, um darüber hinwegzukommen. Das zwanzigste Lebensjahr, auf welches die meisten Leute gerne mit einer gewissen wohligen Wehmut zurückschauen, war für mich in emotionaler Hinsicht auf alle Fälle eines der härtesten Jahre meines Lebens.
Indes gelernt habe ich Folgendes:
Schüchternheit und die Verleugnung meiner Bedürfnisse bringen mich nicht weiter. Der Liebeskummer bewirkte auf der anderen Seite etwas Positives: Ich nahm mir vor, an mir zu arbeiten und mein authentisches, wahres Selbst zu ergründen. Ich wurde ernsthafter und nachdenklicher.
Ich empfand und wusste es damals mit aller Deutlichkeit: Diese einzigartige Leidenschaft der ersten großen Liebe wird für den Rest meines Lebens immer präsent sein.
Im letzten Jahr meines Studiums lernte ich Jonas kennen. Der freischaffende Musiker aus Leipzig, der damals mein allerbester Freund und Vertrauter wurde, sollte der baldige Vater unseres Sohnes Andi sein. Durch die eingegangene Vereinbarung, es mit dem Experiment „offene Beziehung“ zu versuchen, scheiterte unser Liebesverhältnis schmerzvoll.
Nach dem Fall der Mauer kam Bert in mein Leben. Die chinesische Sternendeutung weist ihn als echtes Feuerpferd aus. Er verzauberte mich mit Nietzsche und Arno Schmidt sowie dem unbändigen Tatendrang eines Unternehmers. Der Charakter des Feuerpferdes, gepaart mit dem des ehrlichen Schweins, wurde uns zum Verhängnis. Für mich stellte sich erst im Nachhinein heraus, dass er eine der aufschlussreichsten Beziehungen war, von der ich sehr schmerzliche Erkenntnisse über mein eigenes Selbst erlangen konnte.
Zufrieden verbrachte ich die folgenden Jahre als Alleinerziehende ohne festen Partner. Diese Zeitspanne machte mich zunehmend stärker und selbstbewusster. Ich fand, es wäre keine schlechte Idee, für immer so weiterzuleben. Doch dann lernte ich meinen jetzigen Mann Steffen kennen, einen Rechtsanwalt. Mit seinen überlegten Sichtweisen steht er mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Tatsachen des Lebens. Auf wunderbare Weise können wir uns trotz aller charakterlichen Unterschiede hilfreich ergänzen. Wir verstehen einander und gehen voller Liebe und Achtung miteinander um.
Ich danke Euch für die gemeinsam verbrachte Zeit, die Liebe und das Lernen.
Alles bleibt für immer in uns bestehen. Nicht nur die Prägungen unserer Eltern und Vorfahren, auch die Beeinflussung der uns Liebenden, unsere Vertrauten, Freunde und Wegbegleiter, die unser Leben so lebenswert gefärbt haben, machen uns innerlich reich.
Es ist immer die Liebe, die uns stark macht. Es ist das allerschönste Gefühl für jeden Einzelnen von uns, der es zu spüren vermag. Die Liebe sollte uns lenken und beschützen, solange wir leben, denn sie hat eine unglaubliche Kraft. Wenn ich mich zurücklehne und in Gedanken lächelnd an die Begebenheiten meines Lebens zurückdenke, ist sie wieder da, unauslöschlich für die Ewigkeit. Im Gegensatz zu meinem früheren Lebensgefühl wage ich heute zu behaupten, dass ich inzwischen meine Tage mit 8/10 erlebtem Glück (2/10 Trübsal und Ärgernis fallen einfach nicht mehr ins Gewicht) in vollster Zufriedenheit verbringe.
Wie ist so etwas möglich, und wie kam es dazu?
Teil I – Jonas
11.08.1982
Ich und Mutter?
Fühle mich so unselbstständig wie ein Teenager, obwohl ich sagen muss, dass meine Kontaktschwierigkeiten zu anderen Personen – Gott sei Dank – nicht mehr so gewaltig sind.
Das ist bestimmt Jonas’ großem, faszinierendem Bekanntenkreis zu verdanken.
Auf alle Fälle muss ich schleunigst zu mir selbst finden, muss Interessen aufdecken, meinen Zielen und Wünschen nachgehen und letztlich verstehen, mein eigenes Leben zu meistern.
Das ist mein allererster Eintrag im Alter von 23 Jahren. Und zugegeben, der beachtenswerte Wunsch, mein eigenes Leben zu leben, hat, gelinde gesagt, ziemlich lange gedauert.
Jonas’ Art, sein Leben zu meistern, indem er völlig hemmungslos auf andere Menschen zuging, hatte damals auf mich eine heilsame Vorbildwirkung. Unser wundersamer Bekanntenkreis aus der ereignisreichen Welt der Künstler lehrte mich, meine lästige Schüchternheit zu überwinden und selbstsicherer aufzutreten. Dabei ausschlaggebend war vor allem meine Erkenntnis, dass auch der berühmteste und genialste Mensch in Wirklichkeit mit seinen inneren Ängsten und Schattenwelten zu kämpfen hat. Genau wie ich.
Und von Anfang an fanden wir es fantastisch und genossen es sehr, einen kleinen Sohn zu haben. Was für ein Wunder kann uns doch die Liebe zu einem anderen Menschen bescheren. Plötzlich ist man nicht mehr zu zweit, denn morgens bewegt sich dieses kleine Wesen in der Wiege, gluckst glücklich vor sich hin und streckt einem die Arme mit seiner bedingungslosen Liebe entgegen.
22.08.1982
Für Jonas (aus „Mann ohne Eigenschaften“ von Robert Musil):
„(…) denn Kunst ist Liebe, indem sie liebt, macht sie schön, und es gibt vielleicht auf der ganzen Welt kein anderes Mittel, ein Ding oder Wesen schön zu machen, als es zu lieben.“
Schon als kleines Kind widmete ich jede freie Minute meinen besten Freunden:
Den Büchern, Buntstiften und dem Pinsel. Mit gleichbleibendem Eifer schleppte ich aus unserer örtlichen Bibliothek unaufhörlich einen beträchtlichen Stapel der vielseitigsten Bücher nach Hause, um diesen umgehend nach fantastischen Geschichten zu durchforsten. Den betörenden Duft von Papier und Druckerschwärze habe ich heute noch in der Nase. Da gab es beispielsweise dicke Sammelbände deutscher, russischer oder belarussischer Volksmärchen. Gebannt las ich über die ruhmreichen Taten des Helden Ilja Murowez, der als kleines Kind durch Zauberkräfte atemberaubend schnell heranwuchs. Als strahlender Recke befreite er die glorreiche Stadt Kiew von den Tataren. Auch Alexander Wolkow mit seinen Büchern aus dem Zauberland, die an die Geschichten von dem Zauberer von Oz anknüpften, sind sicher noch einigen leseinteressierten Ostdeutschen ein Begriff aus ihrer Kindheit. Von Liselotte Welskopf-Henrich verschlang ich alle Romane und Geschichten, die mir das Leben der nordamerikanischen Ureinwohner auf faszinierende Weise näherbrachte. Zwangsläufig ging ich deshalb mindestens zehnmal in den DEFA-Film „Die Söhne der großen Bärin“, der auf ihrer Romanvorlage beruht. In den 60er-Jahren wurde er einer der erfolgreichsten Kinofilme der DDR. Später, als ich erfolglos versuchte, mich für mein technisches Studium ein wenig mehr zu begeistern, bereicherte mich mein damaliger Freund Wolfgang (der, der mich schmählich verlassen sollte) mit weiteren wertvollen Hinweisen im Bereich der Belletristik. Dankbar verschlang ich Unmengen von Büchern. Das entsprach schon eher meinen inneren Neigungen als der niemals abreißenden Formelanreihung auf dem Gebiet der Thermodynamik:
Wir diskutierten und interpretierten unsere jeweiligen Standpunkte über Salingers „Der Fänger im Roggen“, den „IKS-Haken“ von Joseph Heller, Hermann Hesses „Steppenwolf“ und seine „Glasperlenspiele“. Von deren humanistischen Idealen inspiriert, las ich weitere Werke von Heller, Tom Wolfe, James Baldwin, Henry Miller, Thomas Wolfe, William Faulkner, Robert Merle, Jack Kerouac, Philip Roth, John Irving und unendlich viele andere literarische Kostbarkeiten von vorwiegend amerikanischen Schriftstellern.
Die Beschäftigung mit der Literatur sollte mir ein Leben lang ein Bedürfnis bleiben.
Die in meinem Tagebuch erwähnten drei Bände von Robert Musil verlangten mir einiges an zeitlichem Einsatz und geduldigem Nachdenken ab. Gerade weil die meisten unserer Bekannten entnervt an Musil scheiterten und es selten bis zum Ende des ersten Bandes schafften, wollte ich den Dingen bis zum Ende auf den Grund gehen. „Der Mann ohne Eigenschaften“ ist ein großartiger Versuch, die zerfransende Welt der Moderne und ihre Bewusstseinsbrüche in eine Form zu bringen. Als der erste Teil erschienen war, erkannte Musil: „Die Geschichte dieses Romans lief darauf hinaus, dass die Geschichte, die in ihm erzählt werden sollte, nicht erzählt wird. Wie visionär das war, begriff man erst viel später.“ (Archiv DL Funk, Helmut Böttiger). Ich glaube, den Inhalt des Buches begriff ich während des Lesens nicht sonderlich und schon gar nicht erst viel später. Immerhin fand ich Musils eigene Gedankenwelt im Detail fesselnd und faszinierend. Die drei Bände lieh ich mir von Lothi aus, dem Gitarristen von Jonas’ Band, der stets einige interessante Hinweise und Ideen aus dem künstlerischen Bereich vorrätig hatte. Seine mit einigem Aufwand erworbenen Bücher gab er freizügig an seine Freunde zum Zwecke des intellektuellen Austausches weiter. Ich habe heute noch das Bild vor Augen, wie er tief versunken in seinem zerfransten, alten Sessel saß. Davor befand sich sein kleiner runder Tisch aus dem Müllcontainer, dessen Oberfläche mit Stapeln von Büchern und einem übervollen Aschenbecher bedeckt war. Begeistert empfing er uns mit der Frage: Habt ihr davon schon gehört? Mit seinem wachen Intellekt und seinem unstillbaren Hunger auf die neuesten Errungenschaften auf dem Gebiet der Literatur, der Musik oder der Malerei offenbarte er uns seine Neuentdeckungen. Lothi sah aus wie der personifizierte Jesus, mit langen, glattblonden Haaren, Mittelscheitel und Stirnband – typisch für die damaligen Anhänger der Blues- und Rockmusik. Wallendes Haar, Rauschebärte, Parker, Blue Jeans sowie die Jesus-Latschen zeigten eindeutig die Zugehörigkeit meiner Freunde zu einer Art Anti-Gesinnung. Das öffentlich provozierende Aussehen von Mitgliedern angesagter Bands und ihrer jeweiligen Fans wirkte wie ein Manifest gegen jegliche Autorität. Wir identifizierten uns mit der Musik und den Texten des Klassenfeindes, deren künstlerischer Anspruch sich in unseren Kreisen rasch herumsprach.
Bereits als Studentin tingelte ich enthusiastisch mit meiner Freundin Tonia über das Land, um bei auserlesenen Blues-Veranstaltungen dabei zu sein. Dort trafen wir stets unsere Freunde und viele Gleichgesinnte. Wir haben gezeigt und gelebt, dass man auch in diesem Staat unwahrscheinlich viel Spaß haben konnte. Durch die Selbstorganisation der Künstler, aber auch von Veranstaltern kleiner Clubhäuser, konnten zudem Bands auftreten, die die Leute auch wirklich sehen und hören wollten, ohne dass sie uns von staatlicher Seite vorgegeben wurden. Somit war es uns teilweise möglich, diejenigen zu erleben, die auf der Stasi-Liste der verbotenen Künstler standen. Für die Bewohner der abgelegensten Dörfer war es immer ein willkommenes Ereignis, wenn sich von ihrem kleinen Bahnhof aus eine Schlange von Langhaarigen bildete, die sich gemächlich auf den jeweiligen Dorfsaal zubewegte. Dort auf der Bühne begeisterten dann Blues-Bands wie beispielsweise Freygang, die Hansi Biebl Band, Monokel, Blues AG oder Jürgen Kerth die eingefleischten Enthusiasten. An einem sonnigen Wochenende erreichten wir zwei Freundinnen einen kleinen Ort bei Großenhain, um die Band Engerling zu hören. Als wir zu Fuß in Richtung des Dorfkerns kamen, badeten und plantschten dort bereits an die zwanzig Leute ausgelassen in dem winzigen Feuerlöschteich. Etwas abseits auf der Wiese saßen Grüppchen von bunt gekleideten Hippies. Andächtig und in sich versunken lauschten sie einem enthusiastisch Munti spielenden Blues-Fan. Die Munti (Mundharmonika) war stets dabei, sie durfte niemals fehlen. Die dann folgenden, etwas lautstärkeren Akkorde der Profi-Band endeten schließlich am späten Abend, als einige freigiebige Fans selbstgemachten Kartoffelsalat für alle ausgehungerten Anwesenden kredenzten. Auch die Band freute sich auf die Gespräche mit ihren freigiebigen Bewunderern. Wir waren so jung, voller Euphorie, und genossen es außerordentlich, Teil einer herzerfrischenden Gemeinschaft von Gleichgesinnten zu sein. Musik kann eine ungeheuer verbindende Kraft entwickeln. Irgendwann am nächsten frühen Morgen kamen wir glücklich und voller positiver Eindrücke nach Hause – in unser tief verschlafenes Studentenwohnheim.
Das hat schon was.
Ich drehe mich noch einmal um. Das garstige Klingeln meines Weckers habe ich erleichtert ausgemustert. Ab und zu dient er noch zum Ablesen der Uhrzeit. Im wonnig-wattigen Halbschlaf geht mir heute Morgen so einiges durch den Kopf. Plötzlich habe ich eine glasklare Intuition. Mein nun mittlerweile hellwaches Bewusstsein gibt mir energisch ein grobes Konzept zum Handeln vor. Ich erfasse, dass es ein hilfreiches Projekt sein könnte, frühere Erkenntnisse aus meinen Tagebuchaufzeichnungen mit der Summe meiner jetzigen Erfahrungswerte zu reflektieren. Seltsamerweise muss mich gerade ein schlichter Frauenroman inspiriert haben, den ich vor einigen Tagen las. Mit seiner emotionalen Kraft hatte er mich tief berührt. Kommt nun endlich die Zeit, meinen früheren Ambitionen zum Schreiben nachzugeben?
Mach es, sage ich mir, sei tätig, gestalte deine Träume! Mit Hilfe des Schreibens innigste, geheime Gedanken und Gefühle auszudrücken, perfekte Worte und Formulierungen zu finden – damit liebäugelte ich vor allem früher, in längst vergangenen Zeiten. Warum kann ich erst jetzt die Kraft finden, das zu tun, was ich eigentlich schon immer so unbedingt wollte? Sollten sich die chaotischen Kreise meiner einstigen Lebensprozesse endgültig schließen? Gibt es zu meinen jeweils eingegangenen Verbindungen eine zwangsläufige und damit eine schicksalhafte Unvermeidbarkeit?
Heute fühle ich mich einfach nur glücklich. Idealerweise kann ich Dinge tun, die ich will und nicht muss. Meine leidenschaftlichen Wünsche und das lästige rationale Müssen stehen im freundschaftlichen Einklang. Früher gelang mir das eher selten. Meine Devise lautete: 2/10 Glück im Leben müssen leider ausreichen, um 8/10 Ärger und Verbitterung wieder aufzuwiegen.
Zum dritten Mal verheiratet, kommt es mir heute so vor, als hätte ich drei Leben gelebt. Drei Leben, die teilweise extrem und schmerzlich zerrissen, trotzdem aber auch immer mit erstaunlichen Wendungen und faszinierenden Erlebnissen gekrönt waren. Alle unvergesslichen Momente und Begegnungen empfinde ich im Nachhinein als einzigartige Bereicherung auf der Suche zur Selbsterkenntnis.
Bei einem unserer nicht enden wollenden nächtlichen Gespräche meinte meine langjährige Freundin, dass sie vor allem eines nicht verstand: Warum hatte ich so unterschiedliche Ehemänner? Einen Künstler, einen Unternehmer und dann einen Rechtsanwalt? Man könnte es auf folgenden Nenner bringen: Der Kreative, der Aktive und der realistische Denker. Ich erwiderte, dass sie etwas übersehen habe, denn allen dreien ist eines gemeinsam: das Verrückte. Sie sind immer herausfordernd, niemals langweilig gewesen.
In einem wunderschönen Ort an der Müritz wurde ich in einer altertümlichen Villa geboren, die der kleinen Gemeinde als Landambulatorium zur Verfügung stand. In meiner Kindheit hatte ich stets wagemutige und tollkühne Jungs als treue Spielgefährten an meiner Seite. Das sollte sich ein Leben lang nicht mehr ändern. Genau wie sie wollte ich einfach nur furchtlos sein. Wenn ich mir mein damaliges kindliches Bild vor Augen halte, war ich eher diejenige, die vorwiegend den Blick schüchtern auf den Boden richtete. Trotzdem schaffte ich es immer wieder, über die eigenen Füße zu stolpern. Mutig war ich nur in meiner uferlosen Fantasie, in meiner Leidenschaft zur Literatur und dem selbstvergessenen Malen mit meinen gut gespitzten Buntstiften aus der alten Zigarrenkiste. Beim Lesen meiner Bücher identifizierte ich mich mit den edlen Helden, die erfolgreich gegen das Böse bestehen mussten. Dann wurde ich selbst zur furchtlosen Kämpferin für Gerechtigkeit in allen erdenklichen Lebenslagen. Dem männlichen Helden wollte ich unbedingt nacheifern.
Als Teenager trug ich oft eine braune, eng geschnittene Nadelcordhose mit Schlag, dazu ein grünes, bunt geblümtes Flower-Power-Hemd. Mit lässig krummem Rücken, die Hände tief in den Hosentaschen vergraben und cool über den Onkel laufend, zog ich durch die dörflichen Straßen. Wie allseits üblich, traf sich die Jugend beständig an markanten Plätzen der Hauptstraße, um Musik aus dem Kofferradio zu hören, zu rauchen, Bier zu trinken und sich schmutzige Witze zu erzählen. Schon damals wies ich erste vorsichtige Anzeichen einer Rebellin auf, die sich enthusiastisch mit der aufkommenden Rockmusik und deren exzessiver Dynamik identifizieren konnte. Für mich war das ein erster, unbewusster Protest gegen alles Erstarrte und Reglementierende. Das Land, in dem ich lebte, nannte sich Deutsche Demokratische Republik und stand unter der sozialistischen Kontrolle ihrer greisen Funktionäre.
Mit 17, dem wichtigen Alter für eine berufliche Zukunftsentscheidung, ahnte ich, dass es aussichtslos war, meinen künstlerischen Ambitionen auf dem Gebiet der Literatur oder Malerei nachzugehen. Mir fehlte das Selbstvertrauen als wichtige Voraussetzung, meine Ideale und Ziele voranzutreiben und für meine Interessen einzustehen. Dazu kam, dass meine Eltern diese Berufswahl niemals für mich akzeptiert hätten. Es fiel mir unsäglich schwer, eine gemeinsame Brücke zu bauen, die dazu geeignet sein könnte, meine inneren Wünsche, mein stilles Rebellentum, mit dem äußeren Anschein einer gut erzogenen, gehorsamen Tochter zu verbinden. Vor allem Letztere entsprach in den meisten Familien unseres Ortes der damaligen, weit verbreiteten Norm. So wählte ich notgedrungen ein Studium im technischen Bereich in Leipzig. Diese Stadt strahlte auf mich ein gewisses Versprechen und eine wohltuende Geborgenheit aus. Zusätzlich waren 500 km eine zweckdienliche Entfernung zu meinem Elternhaus, was letztendlich das Ausschlaggebende war. Ich wollte einfach nur weg, raus aus der Welt der Demütigung und der erstickenden Enge meiner Familie. Mit dieser Auswahl konnte ich zwar nicht das Wichtigste und Beste für meine eigentlichen Ziele erreichen, aber in der Not finden sich ja oft diese eleganten Lösungen der kompromissvollen Mittelwege. In kniffligen, logistischen und mathematischen Zusammenhängen hatte ich bisher eine starke Geschicklichkeit gezeigt – das sollte doch zu schaffen sein? So stand für mich folglich der Sinn nach persönlicher Vervollkommnung gleichwertig neben dem hehren Ziel, eine Diplomingenieurin zu werden. Neugierig auf das Leben, wollte ich mich bewähren und unbedingt meine lästige Schüchternheit ablegen. Das unselige Umherschleichen auf Zehenspitzen, ängstlich darauf bedacht, nirgendwo anzuecken, sollte ein für alle Mal beendet werden. Doch schnell geht so etwas niemals, und noch heute habe ich leidige Anwandlungen von passiver, angepasster Selbsteingrenzung.
Zum Zeitpunkt der Immatrikulation erreichte ich den Leipziger Bahnhof, um anschließend mit der Straßenbahn zum Studentenwohnheim zu fahren. Ich hatte ein Problem damit, meine Fahrkarte in den dafür vorgesehenen, an zentraler Stelle befindlichen Entwerter zu lochen. Ein oft erlebtes, diffuses Unbehagen stellte sich augenblicklich ein. Es bestand darin, ungern im Mittelpunkt des Geschehens zu stehen. Alle Fahrgäste starrten mich neugierig und in ununterbrochener Aufdringlichkeit an. Ich war schon eine attraktive, zierliche Frau mit blassblonden, langen Haaren und einem hübschen, klassischen Gesicht, die sich ihrer natürlichen Schönheit bei weitem nicht bewusst war. Menschenskind, das Anstarren einiger männlicher Fahrgäste war ja möglicherweise diesem Umstand zu verdanken? Nach einer ersten Eingewöhnungszeit an der Uni kam es folglich sehr schnell dazu, dass sich ein Mitstudent aus meiner Seminargruppe – wie er damals meinte – unsterblich in mich verliebte. Für mich war er auf den ersten Blick nicht unbedingt der Attraktivste, sodass ich ihn zunächst geflissentlich übersah und ihn mit seinen Annäherungsversuchen einfach nur nervig fand. Doch für wirklich interessante Menschen bedarf es mitunter eines zweiten Blicks. Allmählich entdeckte ich verblüfft, dass er außergewöhnliche, charismatische Nuancen aufwies. Er wurde von unseren Mitstudenten mit Achtung und Respekt behandelt, da er sich als kleines technisches Genie erwies und mit seinen Meinungen und Ansichten bald tonangebend war. Sein Wort galt. Ich kam nicht umhin, meine Einstellung zu überdenken und ihn still zu bewundern. Natürlich eroberte er mein Herz. Schon bald gingen wir gemeinsam die weitläufigen Wege zu den ambitionierten technischen Vorlesungen, um unseren studentischen Pflichten nachzukommen. Unsere Hände verschränkten sich dabei in der großräumigen Tasche seines Shell-Parkers. Nach einem halben Jahr dagegen starb seine unsterbliche Liebe. Unsere Hände und Herzen fanden nicht mehr zueinander. Er trennte sich von mir. Warum?
Mit dem speziellen technischen Verständnis – was übrigens die Mehrheit der männlichen Kommilitonen auszeichnete – und seinem ausgeprägten Allgemeinwissen war mir Wolfgang zu diesem Zeitpunkt eindeutig intellektuell überlegen. Damals jedenfalls fühlte es sich so an. Ich hatte meinen Meister gefunden und dadurch leider ein unterschwelliges und nicht gerade nützliches Unterlegenheitsgefühl entwickelt. Der Tag musste also kommen, an dem er meinte, ich wäre zu anhänglich und mache immer alles mit, was er an diversen Unternehmungen jeweils einplante, ohne mich mit eigenen Ideen einzubringen. Ich war zu einer hübschen, aber leider substanzlosen Mitläuferin geworden. Offensichtlich langweilte ich ihn mit meiner beständigen Ja-Sagerei, was bekanntlich zu einem nicht zu verachtenden Grund für das Einschlafen jeglicher Liebessehnsucht führen kann. Somit bekam ich drastisch zu spüren, wie es sich anfühlt, ein gebrochenes Herz zu haben. Das Liebesleid war fürchterlich, und ich habe lange Zeit gebraucht, um darüber hinwegzukommen. Das zwanzigste Lebensjahr, auf welches die meisten Leute gerne mit einer gewissen wohligen Wehmut zurückschauen, war für mich in emotionaler Hinsicht auf alle Fälle eines der härtesten Jahre meines Lebens.
Indes gelernt habe ich Folgendes:
Schüchternheit und die Verleugnung meiner Bedürfnisse bringen mich nicht weiter. Der Liebeskummer bewirkte auf der anderen Seite etwas Positives: Ich nahm mir vor, an mir zu arbeiten und mein authentisches, wahres Selbst zu ergründen. Ich wurde ernsthafter und nachdenklicher.
Ich empfand und wusste es damals mit aller Deutlichkeit: Diese einzigartige Leidenschaft der ersten großen Liebe wird für den Rest meines Lebens immer präsent sein.
Im letzten Jahr meines Studiums lernte ich Jonas kennen. Der freischaffende Musiker aus Leipzig, der damals mein allerbester Freund und Vertrauter wurde, sollte der baldige Vater unseres Sohnes Andi sein. Durch die eingegangene Vereinbarung, es mit dem Experiment „offene Beziehung“ zu versuchen, scheiterte unser Liebesverhältnis schmerzvoll.
Nach dem Fall der Mauer kam Bert in mein Leben. Die chinesische Sternendeutung weist ihn als echtes Feuerpferd aus. Er verzauberte mich mit Nietzsche und Arno Schmidt sowie dem unbändigen Tatendrang eines Unternehmers. Der Charakter des Feuerpferdes, gepaart mit dem des ehrlichen Schweins, wurde uns zum Verhängnis. Für mich stellte sich erst im Nachhinein heraus, dass er eine der aufschlussreichsten Beziehungen war, von der ich sehr schmerzliche Erkenntnisse über mein eigenes Selbst erlangen konnte.
Zufrieden verbrachte ich die folgenden Jahre als Alleinerziehende ohne festen Partner. Diese Zeitspanne machte mich zunehmend stärker und selbstbewusster. Ich fand, es wäre keine schlechte Idee, für immer so weiterzuleben. Doch dann lernte ich meinen jetzigen Mann Steffen kennen, einen Rechtsanwalt. Mit seinen überlegten Sichtweisen steht er mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Tatsachen des Lebens. Auf wunderbare Weise können wir uns trotz aller charakterlichen Unterschiede hilfreich ergänzen. Wir verstehen einander und gehen voller Liebe und Achtung miteinander um.
Ich danke Euch für die gemeinsam verbrachte Zeit, die Liebe und das Lernen.
Alles bleibt für immer in uns bestehen. Nicht nur die Prägungen unserer Eltern und Vorfahren, auch die Beeinflussung der uns Liebenden, unsere Vertrauten, Freunde und Wegbegleiter, die unser Leben so lebenswert gefärbt haben, machen uns innerlich reich.
Es ist immer die Liebe, die uns stark macht. Es ist das allerschönste Gefühl für jeden Einzelnen von uns, der es zu spüren vermag. Die Liebe sollte uns lenken und beschützen, solange wir leben, denn sie hat eine unglaubliche Kraft. Wenn ich mich zurücklehne und in Gedanken lächelnd an die Begebenheiten meines Lebens zurückdenke, ist sie wieder da, unauslöschlich für die Ewigkeit. Im Gegensatz zu meinem früheren Lebensgefühl wage ich heute zu behaupten, dass ich inzwischen meine Tage mit 8/10 erlebtem Glück (2/10 Trübsal und Ärgernis fallen einfach nicht mehr ins Gewicht) in vollster Zufriedenheit verbringe.
Wie ist so etwas möglich, und wie kam es dazu?
Teil I – Jonas
11.08.1982
Ich und Mutter?
Fühle mich so unselbstständig wie ein Teenager, obwohl ich sagen muss, dass meine Kontaktschwierigkeiten zu anderen Personen – Gott sei Dank – nicht mehr so gewaltig sind.
Das ist bestimmt Jonas’ großem, faszinierendem Bekanntenkreis zu verdanken.
Auf alle Fälle muss ich schleunigst zu mir selbst finden, muss Interessen aufdecken, meinen Zielen und Wünschen nachgehen und letztlich verstehen, mein eigenes Leben zu meistern.
Das ist mein allererster Eintrag im Alter von 23 Jahren. Und zugegeben, der beachtenswerte Wunsch, mein eigenes Leben zu leben, hat, gelinde gesagt, ziemlich lange gedauert.
Jonas’ Art, sein Leben zu meistern, indem er völlig hemmungslos auf andere Menschen zuging, hatte damals auf mich eine heilsame Vorbildwirkung. Unser wundersamer Bekanntenkreis aus der ereignisreichen Welt der Künstler lehrte mich, meine lästige Schüchternheit zu überwinden und selbstsicherer aufzutreten. Dabei ausschlaggebend war vor allem meine Erkenntnis, dass auch der berühmteste und genialste Mensch in Wirklichkeit mit seinen inneren Ängsten und Schattenwelten zu kämpfen hat. Genau wie ich.
Und von Anfang an fanden wir es fantastisch und genossen es sehr, einen kleinen Sohn zu haben. Was für ein Wunder kann uns doch die Liebe zu einem anderen Menschen bescheren. Plötzlich ist man nicht mehr zu zweit, denn morgens bewegt sich dieses kleine Wesen in der Wiege, gluckst glücklich vor sich hin und streckt einem die Arme mit seiner bedingungslosen Liebe entgegen.
22.08.1982
Für Jonas (aus „Mann ohne Eigenschaften“ von Robert Musil):
„(…) denn Kunst ist Liebe, indem sie liebt, macht sie schön, und es gibt vielleicht auf der ganzen Welt kein anderes Mittel, ein Ding oder Wesen schön zu machen, als es zu lieben.“
Schon als kleines Kind widmete ich jede freie Minute meinen besten Freunden:
Den Büchern, Buntstiften und dem Pinsel. Mit gleichbleibendem Eifer schleppte ich aus unserer örtlichen Bibliothek unaufhörlich einen beträchtlichen Stapel der vielseitigsten Bücher nach Hause, um diesen umgehend nach fantastischen Geschichten zu durchforsten. Den betörenden Duft von Papier und Druckerschwärze habe ich heute noch in der Nase. Da gab es beispielsweise dicke Sammelbände deutscher, russischer oder belarussischer Volksmärchen. Gebannt las ich über die ruhmreichen Taten des Helden Ilja Murowez, der als kleines Kind durch Zauberkräfte atemberaubend schnell heranwuchs. Als strahlender Recke befreite er die glorreiche Stadt Kiew von den Tataren. Auch Alexander Wolkow mit seinen Büchern aus dem Zauberland, die an die Geschichten von dem Zauberer von Oz anknüpften, sind sicher noch einigen leseinteressierten Ostdeutschen ein Begriff aus ihrer Kindheit. Von Liselotte Welskopf-Henrich verschlang ich alle Romane und Geschichten, die mir das Leben der nordamerikanischen Ureinwohner auf faszinierende Weise näherbrachte. Zwangsläufig ging ich deshalb mindestens zehnmal in den DEFA-Film „Die Söhne der großen Bärin“, der auf ihrer Romanvorlage beruht. In den 60er-Jahren wurde er einer der erfolgreichsten Kinofilme der DDR. Später, als ich erfolglos versuchte, mich für mein technisches Studium ein wenig mehr zu begeistern, bereicherte mich mein damaliger Freund Wolfgang (der, der mich schmählich verlassen sollte) mit weiteren wertvollen Hinweisen im Bereich der Belletristik. Dankbar verschlang ich Unmengen von Büchern. Das entsprach schon eher meinen inneren Neigungen als der niemals abreißenden Formelanreihung auf dem Gebiet der Thermodynamik:
Wir diskutierten und interpretierten unsere jeweiligen Standpunkte über Salingers „Der Fänger im Roggen“, den „IKS-Haken“ von Joseph Heller, Hermann Hesses „Steppenwolf“ und seine „Glasperlenspiele“. Von deren humanistischen Idealen inspiriert, las ich weitere Werke von Heller, Tom Wolfe, James Baldwin, Henry Miller, Thomas Wolfe, William Faulkner, Robert Merle, Jack Kerouac, Philip Roth, John Irving und unendlich viele andere literarische Kostbarkeiten von vorwiegend amerikanischen Schriftstellern.
Die Beschäftigung mit der Literatur sollte mir ein Leben lang ein Bedürfnis bleiben.
Die in meinem Tagebuch erwähnten drei Bände von Robert Musil verlangten mir einiges an zeitlichem Einsatz und geduldigem Nachdenken ab. Gerade weil die meisten unserer Bekannten entnervt an Musil scheiterten und es selten bis zum Ende des ersten Bandes schafften, wollte ich den Dingen bis zum Ende auf den Grund gehen. „Der Mann ohne Eigenschaften“ ist ein großartiger Versuch, die zerfransende Welt der Moderne und ihre Bewusstseinsbrüche in eine Form zu bringen. Als der erste Teil erschienen war, erkannte Musil: „Die Geschichte dieses Romans lief darauf hinaus, dass die Geschichte, die in ihm erzählt werden sollte, nicht erzählt wird. Wie visionär das war, begriff man erst viel später.“ (Archiv DL Funk, Helmut Böttiger). Ich glaube, den Inhalt des Buches begriff ich während des Lesens nicht sonderlich und schon gar nicht erst viel später. Immerhin fand ich Musils eigene Gedankenwelt im Detail fesselnd und faszinierend. Die drei Bände lieh ich mir von Lothi aus, dem Gitarristen von Jonas’ Band, der stets einige interessante Hinweise und Ideen aus dem künstlerischen Bereich vorrätig hatte. Seine mit einigem Aufwand erworbenen Bücher gab er freizügig an seine Freunde zum Zwecke des intellektuellen Austausches weiter. Ich habe heute noch das Bild vor Augen, wie er tief versunken in seinem zerfransten, alten Sessel saß. Davor befand sich sein kleiner runder Tisch aus dem Müllcontainer, dessen Oberfläche mit Stapeln von Büchern und einem übervollen Aschenbecher bedeckt war. Begeistert empfing er uns mit der Frage: Habt ihr davon schon gehört? Mit seinem wachen Intellekt und seinem unstillbaren Hunger auf die neuesten Errungenschaften auf dem Gebiet der Literatur, der Musik oder der Malerei offenbarte er uns seine Neuentdeckungen. Lothi sah aus wie der personifizierte Jesus, mit langen, glattblonden Haaren, Mittelscheitel und Stirnband – typisch für die damaligen Anhänger der Blues- und Rockmusik. Wallendes Haar, Rauschebärte, Parker, Blue Jeans sowie die Jesus-Latschen zeigten eindeutig die Zugehörigkeit meiner Freunde zu einer Art Anti-Gesinnung. Das öffentlich provozierende Aussehen von Mitgliedern angesagter Bands und ihrer jeweiligen Fans wirkte wie ein Manifest gegen jegliche Autorität. Wir identifizierten uns mit der Musik und den Texten des Klassenfeindes, deren künstlerischer Anspruch sich in unseren Kreisen rasch herumsprach.
Bereits als Studentin tingelte ich enthusiastisch mit meiner Freundin Tonia über das Land, um bei auserlesenen Blues-Veranstaltungen dabei zu sein. Dort trafen wir stets unsere Freunde und viele Gleichgesinnte. Wir haben gezeigt und gelebt, dass man auch in diesem Staat unwahrscheinlich viel Spaß haben konnte. Durch die Selbstorganisation der Künstler, aber auch von Veranstaltern kleiner Clubhäuser, konnten zudem Bands auftreten, die die Leute auch wirklich sehen und hören wollten, ohne dass sie uns von staatlicher Seite vorgegeben wurden. Somit war es uns teilweise möglich, diejenigen zu erleben, die auf der Stasi-Liste der verbotenen Künstler standen. Für die Bewohner der abgelegensten Dörfer war es immer ein willkommenes Ereignis, wenn sich von ihrem kleinen Bahnhof aus eine Schlange von Langhaarigen bildete, die sich gemächlich auf den jeweiligen Dorfsaal zubewegte. Dort auf der Bühne begeisterten dann Blues-Bands wie beispielsweise Freygang, die Hansi Biebl Band, Monokel, Blues AG oder Jürgen Kerth die eingefleischten Enthusiasten. An einem sonnigen Wochenende erreichten wir zwei Freundinnen einen kleinen Ort bei Großenhain, um die Band Engerling zu hören. Als wir zu Fuß in Richtung des Dorfkerns kamen, badeten und plantschten dort bereits an die zwanzig Leute ausgelassen in dem winzigen Feuerlöschteich. Etwas abseits auf der Wiese saßen Grüppchen von bunt gekleideten Hippies. Andächtig und in sich versunken lauschten sie einem enthusiastisch Munti spielenden Blues-Fan. Die Munti (Mundharmonika) war stets dabei, sie durfte niemals fehlen. Die dann folgenden, etwas lautstärkeren Akkorde der Profi-Band endeten schließlich am späten Abend, als einige freigiebige Fans selbstgemachten Kartoffelsalat für alle ausgehungerten Anwesenden kredenzten. Auch die Band freute sich auf die Gespräche mit ihren freigiebigen Bewunderern. Wir waren so jung, voller Euphorie, und genossen es außerordentlich, Teil einer herzerfrischenden Gemeinschaft von Gleichgesinnten zu sein. Musik kann eine ungeheuer verbindende Kraft entwickeln. Irgendwann am nächsten frühen Morgen kamen wir glücklich und voller positiver Eindrücke nach Hause – in unser tief verschlafenes Studentenwohnheim.

